Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 22 (19.3.1926)
- Date
- 1926-03-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 184 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 23 Pressesthomti In der ״Jüdischen Wochenleitung Kassel“ vom 5. März veröffentlicht Herr ßinjamin Segel, der langjährige Mitarbeiter der Centralveremspresse, einen offenen Brief an Rabbiner Dr. Jacob- Dortmund, wegen dessen Stellungnahme gegen den Keren Hajessod in der C.-V.- Zeitung. Segel weist auf die abnormale Struktur des jüdischen Volkes als Großstadtvolk hin und auf die Notwendigkeit, einige Millionen Juden aus dieser abnormalen Lage herauszuführen. Wenn der Keren Hajessod für einen Teil der Juden diese Aufgabe übernimmt, so müsse man ihn darin unterstützen. Auch in Südamerika und in der Krim wird kolonisiert, aber alle drei Gebiete reichen kaum aus und Palästina verdient «!mindestens doppelt soviel Sympathie als die andern, weil es nicht nur wirtschaftliche, sondern rein ideale Werte bietet. Verfasser betont, dafi er seihst in seinen Artikeln in der Zeit- Schrift des C.-V. ״Im deutschen Reich“ (unter dem Pseudonym Verax — Red. ״J. R.") die zionistische Politik scharf kritisiert hat, aber nur wegen der Fehler der Zionisten, nicht aus Gegnerschaft gegen Palästina. Gerade Menschen mit mäßigenden Ideen müßten in den Keren Hajessod eintreten und sich dort durchzusetzen suchen. Im ״I s r a e I i t“, den ,.Blättern der Agudas Jisroel“, veröffentlich! ein Mitarbeiter einen Aufsatz über das Verhält- Bis von Central verein und Agudah, das, im An- Schluß an den Artikel von Dr. Ernst Simon in der ״Jüd, Rundsch.“, im ״Israelit“ und ״C.-V.-Zcitung“ erörtert wurde. Im Gegensatz zu der Stellungnahme des ״Israelit“, dessen Redaktion sich auch mit dem vorliegenden Artikel nicht einverstanden erklärt, betont der Verfasser, daß der C.-V. keineswegs lediglich eine Kampforganisation nach außen, sondern der Repräsentant einer Weltanschauung sei, und zitiert die ״klassische“ Aeußerung eines C.-V.-Führers ״Golus wie die Zionisten sagen und Vaterland wie wir sagen“. Wenn der ״Israelit“ betone, daß der C.-V. keiner bestimmten religiösen Partei diene, so gelte dasselbe auch für die Logen und für die Zionistische Organisation, Die Emanzipationsbewegung, die im C.-V. gipfelt, habe den Assimilationsgedanken als notwendiges Korrelat. Es sei zu erwähnen, ob es nicht Pflicht eines jeden Agudisten sei, dem C.-V. fernzubleib e n. Trotz der Anbiederungsversuche des C.-V. müsse man die Frage prinzipiell behandeln, womit nicht gesagt ist, daß unbedingt ein Zweifrontenkrieg der Agudah (gegen Zionisten und C.-V.) taktisch zu empfehlen ist. Ein Freund unseres Blattes lenkt unsere Aufmerksamkeit aut einen Beitrag in der neuesten Nummer der ״Juristisehen Wochenschrift" (S. 533t ,.Können Handelsbücher in hebräischer Sprache und Schrift geführt werden?“ — Es heißt dort: ״Nach g 43 HOB. sind die Handelsbüeher des Kaufmanns in einer lebenden Sprache zu führen. Da wohl niemand darauf kommen wird, seine Bücher hteinisch, altgriechisch oder ägyptisch zu führen, so war diese Bestimmung seinerzeit augenscheinlich gegen die Anwendung der hebräischen Sprache gerichtet. Schon Blau hat Vorjahrzehnten im Archiv für Bürgerliches Recht Bd. 23 S. 177 den Versuch gemacht, nachzuweisen, daß Hebräisch eine lebende Sprache sei. Konnte man damals auch noch zweifeln, so muß jetzt ein solcher Zweifel für ausgeschlossen gelten. Seitdem in dem unter englischen Protektorat stehenden Palästina hebräisch offiziell und allgemein als Umgangssprache der dort wohnenden und planmäßig angesieaelten Juden ge* sprochen wird, ist hebräisch wieder eine lebende Sprache eworden. Die Geschichte hat daher die versteckte Absicht es Gesetzes vereitelt, da nunmehr dl* Buchführung in hebrllscher Sprache und Schrift in Deutschland für zulässig :*•aehjrt.swjden,,muß.. '..Geh, J,*R,,Äa,us4»it%-ikrHa.‘C Der palästinensische Korrespondent des Warschauer ״Hajnt״, Petrusehka, schreibt: In der allgemeinen Lage in Palästina Ist eine leichte Besserung zu verzeichnen. Der Histadruth ist es endlich doch gelungen, für einige hundert Arbeitslose Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. Des weiteren sind letztens einige jüdische Kapitalist*« aus Amerika, England und Bulgarien ins Land gekommen. Es fanden auch einige Häusertransaktionen statt, so daß wiederum etwas Geld unter die Leute gekommen ist. Und zuletzt haben auch die Banken, nachdem die Lage in Syrien ein wenig ruhiger geworden ist, wieder etwas mehr Wechseikredite gegeben. Aber von größerer Bedeutung ist, daß letztens m Palästina ein IJnternehmen seine Arbeit aufgenommen hat, dessen Wert nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, nämlich die Zementfabrik Nescher bei Haifa. Die Fabrik arbeitet erst einige Monate, aber schon jetzt könne man sicher sein, daß die 150000 £, die alljährlich für Zement Ins Ausland abzu fließen oflegten, schon dieses Jahr im Lande bleiben werden. Der am Karmel gewonnene Zement ist erstklassig. Bauunternehmer und Kaufleute bestätigen, daß der Nescher-Zement an Qualität die ausländische Ware Übertrifft. fm ״Dawar" vom 24. Februar wfrd berichtet, daß die Schokoladenfabrik ״R a a n a n“,_ wenn auch ihre Produktion eingeschränkt wurde, regelmäßig weiter arbeitet. Die Krise bedeute nur eine episodische Erschütterung eines in den ersten Kinderschuhen steckenden Fabrikuntcrnehmens, mache aber keineswegs die Möglichkeit eines Bestehens einer Schokoladenindustrie in Palästina fraglich. Der rnmWscbe Sfndenfnsfrefk Jassy, 14. März. (J. T. A.) Die antijüdischen Ausschreitungen der Studentenschaft dauern fort, ln der Stadt Herrscht eine unbeschreibliche Panik, die jüdischen Geschäfte sind geschlossen. In den Straßenbahnen wurden Juden angegriffen. Bukarest, 14. März. (J.T.A.) In einer Besprechung zwischen dem Rektor der Bukarestcr U!1ivereint und einer Abordnung der streikenden Studentenschaft wurden die Riehtlinien für eine Beendigung des Streiks besnrochen. Es wurde eine Konferenz von Vertretern sämtlicher Hochschulen des Landes einberufen, die das letzte Wort über den Streik zu sagen haben wird. —- Die Czernowitzcr Studentenschaff lehnte es durch Majoritätsbeschluß ab, sich dem Streik anzuschließen. Dr. Füdfrmm fi Amerika New York, 5. März. (J.T.A.) Dr. W. Fildermann, der Präsident der Union rumänischer Juden und Mitglied des rumänischen Parlaments, ist am 3. März hier eingetroffen. In einem Gespräch mit Vertretern der Presse gab Dr. Fildermann der Hoffnung Ausdruck, daß die neue Regierung, die die Stelle der jetzigen liberalen Regierung Bratianu einnehmen wird, eine freundlichere Politik gegenüber den Juden befolgen wird. Dr. Fildermann apnellierte an die in Amerika wohnenden rumänischen Juden, den jüdischen Kaufleuten und Handwerkern in Rumänien Kredite zu sichern. Balfenrla and Balfour London, 14. März. (J.T.A.) Lard Balfour emnfing am 12. März eine Abordnung bestehend aus den Herren Dr. M. D. Eder, Dr. Berthold Feiwel und Leonard Stein, die ihm im Namen der Begründer der Kolonie Balfouria, American Jewish Commonwealth und Meschek, ein Relief dieser Kolonie, sowie eine hebräische Adresse des jüdischen Nationalrats in Palästina überreichten. Lord Balfour sagte den Herren der Abordnung, er verfolg» unentwegt die Fortschritte der ittdisehen Kolonisation in Palästina. Mögen die Juden in ihrer Arbeit ausharren, früher oder später wird die Welt das große Werk des jüdischen Aufbaues in Palästina, der sich unter der Leitung der Zionistischen Organisation vollzieht, anerkennen. Fallstiia-Retstide Jerusalem, 15. März. (J.T.A.) Eine Gruppe von mehreren hundert Rittern des Ordens St. John zu Jerusalem samt Ladies, lauter Angehörige der hohen englischen Aristokratie, die am 4. März mit einem eigenen Dampfer eine Reise nach Palästina unternommen hatten, ist am 13. Marz in Jerusalem eingetroffen. Die Gäste wurden vom Oberkpmnt^sar.;Lord .Pl«m.efrl.4sr.MW.',detu.'.:.0#en .atfgehört, empfangen, von prominehtiw■ Mitgliede»! der vPitgergrupoe sind zu nennen: Lord Lamingfon, Lord Treowen und Fürstin Haig. — Am 15. März ist Lady Chamberlain, die Gattin des Ministers für auswärtige Angelegenheiten, an Bord ihrer Yacht ״Minantaure“ in Beirut eingetroffen, von wo sie die Weiterreise nach Jerusalem anfrat. — Lord Plumer beging am 13. März seinen 6b. Geburtstag. Für ela IMisehes Studentenheim in Jerusalem Die Mitglieder des Ehrenpräsidiums des Wcltverbandes der jüdischen Studentenschaft, Prof. Einstein, Cb. N. Bialik. Oberrabb. Prof. Chajes, Prof. S. Dubnow, Prof. Siegmund Freud, Prof. Max Liebermann u. a. m. veröffentlichen einen Aufruf an die Freunde der jüdischen Jugend und der Hebräischen Universität, für das Studentenhaus zu spenden, das in der Nähe der Jerusalemer Universität errichtet werden soll Das ״Haus der jüdischen Studenten“ wird ein gesellschaftliches und kulturelles Zentrum der jüdischen Studenten sein und neben öffentlichen Sälen 150 Wohnräume haben Die IgypHseke■ Jilea für den Heren Ha]essod J e ru s a! e m, 10. 3. 1926. (P. C.) Die konstituierend{ Sitzung der K. H.-Komitees von Kairo und Alexandrien, di« im Februar unter dem Vorsitz von Baron Felix de Menasce abgehalten wurde, beschloß irch einer Rede des Vorsitzenden des Komitees in Kairo, Herrn Alexander und aut Vorschlag von Herrn Dr. Josuc B u c h m i 1, des Delegierten des K. LR Direktoriums, einen Aufruf an die ägyptische Judenheit z״ erlassen zur materiellen und moralischen Unterstützung des Keren Hajessod. Der Aufruf ist unterzeichnet von M. 4 Alexander, M. Ralph Harari und M. Salomon Cicurel ffil das K. H.-Komitee 1a Kairo, von Baron Jacques Ehe dt Menasce, Baron Felix de Menasce, M. Charles Sa'ama und Baron J. E. de Menasce für das K.-H.Komitee in Alexandrien und von Dr. Josue Buchmil. Erh&isimg der KKL.-Einn»fcm?n ln den ersten fünf Monaten des laufenden Geschäftsjahres (Oktober 1925—Februar 1926) hat der KKL. 99998 £ auf. gebracht, was im Vergleich zu derselben Periode des vorher■ gehenden Jahres, deren Eingänge sich auf 86 339 £ beziff» ten. eine Vermehrung um fast 16«/o bedeutet, ln diesem Jahre sind keine Testamente zugunsten des KKL. ge. macht worden; im yorjahre kamen aus dieser Einnahmequelle 2 210 £ ein. Die Eingänge aus Polen, Litauen, Deutsch. 1 and und Rumänien haben sich vermindert — alles Länder, die im vorigen Jahre erheblich zu den Rekordleistungen des Fonds beigetragen haben. Das Direktorium, welches in diesem Jahre große Verpflichtungen zu erfüllen hat und neue Bodenkäufe vornehmen möchte, sieht die Lage nicht ohne Besorgnis an. Die Hauptbeiträge kamen im Februar aus den folgenden Ländern (die eingeklammerten Zahlen geben die während de! letzten fünf Monate eingegangenen Summen an): £ £ Vereinigte Staaten 7589 (28 028) Polen (alle Provinzen) 2438 (16537) Südafrika 2093 ( 9682) England 2 060 ( 7103) Rumänien (alle Provinzen) 1 170 ( 6253) Jugoslawen Deutschland 1135 939 ( 1726) ( 6105) Tschechoslowakei 856 ( 3 573) Dis ■eae Prlstöfwn der 9z«t Moskau, 12. März. (J.T.A) Das von der Charkow« Konferenz neu gewählte Präsidium des Komitees der ukrainischen Ozet (Unparteiische Gesellschaft für jüdische Koloni■ sation) .setzt sich aus vier Kommunisten und fünf Unpar• feilschen zusammen. Die kommunistischen Präsidiuinsmitglieder sind: Nikolajewsky, Direktor des Tuckertrust; Kalmanson, Direktor der Charkower Industriebank: Jankel Lewin, Leiter des Departements der nationalen Minderheiten beim ukrainft sehen Zentral-Exekutivkomitee und der Arbeiter Zeldin. Dl« nichtkommunistischen Präsidiumsmitglieder sind: Sußmann Soloweitschik, die Rechtsanwälte Kantor und Kaganow uw Ing. FinkeL — In das Präsidium des Rates der ukrainische Ozet wurden der Kommunist Wolf als Vorsitzender und di! Unparteiischen Prof. Sacharewitsch und Prof. Silberberg ge■ wählt. Koalereai {Misc&er BSierlnea öffnet. Sie wurde von der vor einem Jahre in Minsk abgehaltenen ersten Konferenz der jüdischen Bauern Weißrußlands, die 20000 jüdische Landwirte vertrag angeregt. Auf der Bäuerinnen-Konferenz wurden nicht allein agrikulturelie und Haushaltungsfragen, sondern auch die Fragen der jüdisehen Kolonisation im allgemeinen erörtert. (In Weißrußland leben 371 SOS Juden, von denen mehr als 20 000 Landwirte sind.) In Kowno fand eine Konferenz jüdischer Laudwirte aus ganz Litauen statt, zu weicher 30 Delegierte erschienen waren. Den Verhandlungen war zu entnehmen, daß in Litauen mehr als 10000 Hektar Boden von jüdischen Bauern bearbeitet werden. Die Agrarreform bedroht jedoch die Existenz der jüdischen Landwirtschaft in Litauen. Am 20. Januar fand in Moskau ein großes Fest des legalen Hechafuz statt, das dem fünfjährigen Bestehen der Histadruth und dem zweijährigen Bestehen der Ortsgruppe des Hechaluz in Moskau gewidmet war. JdiirMlisien ־ Bücher Zwei jüdische Journalisten, österreichische Schule, haben Sammelbände herausgegeben: Alfred Polgar und Egon Erwin Kis c h. Sie sind verschiedenartige Begabungen, aber beide in ihrer Art Künstler. Polgar ist nicht nur ein witziger Kopf und geistsprühender Feuilletonbt; er ist ein Betrachter der Welt, der ihr Geheimnis erlauscht, die kleinen, unscheinbaren Dinge liebt und ihre Seele leise auseinanderfaltet, mit der sanften Ironie des WelÜiebenden. Sein Buch führt den bezeichnenden Titel An den Rand geschrieben“ (erschienen bei E, Rowohlt, Verlag, Berlin); und seine kostliehen Marginalien des Lebens sind Früchte der nur in Wien denkbaren jüdischen Geisteskultur, die so viel poetischen Zauber über den Alltag zu spinnen wußte. Kisch hingepe■ ist robuster, aktiver, weniger konternplativ; er ist Reporter, Realist, und wo er die "Weit packt, oa ist sie interessant. Nach seinem (hier bereits früher «gezeigten) ״Rasenden Reporter“ hat er nun einen zweiten Band, ״H e t z j a g d durch die Zeit“ (bei Erich Reiß, Verla״, Berlin) lierausgcgeben, ein Kaleidoskop von Erlebnlssen eines durch die \Ve!t ziehenden Menschen, den das Sonderbare, das Abseitsliegendp, das in den Tiefen des Lebens Verschüttete anzieht, die Welt, von der der Bürger nichts weiß und von der er nicht beunruhigt sein will. So ist Kischs Buch eine Sammlung von Abenteuern, deren jedes einen Novellen- oder Dramenstoff liefern würde. Da behandelt eine dramatische Skizze den Verrat des Obersten Redl, dem Kisch bereits in der Sammlung ״Außenseiter der Gesellschaft“ (Verlag Die Schmiede) ein Buch gewidmet hat, und eine erzählt die himmlische Begnadigung einer Dirne, die ihre ״gute Tat“ vollbracht hat (das Motiv ist von Dostojewski); köstliche Berichte über versinkende Dinge und Menschen, die der Vergessenheit entrissen zu werden verdienen, wechseln mit Paraphrasen über Begebenheiten der politischen und menschlichen Zeitgeschichte. Paris und London, Nordland und Balkan, Wien und Budapest ziehen vorüber, und vor allem Prag, das Kisch durchstreift hat wie vielleicht kein zweiter Zeitgenosse. Er ist ein treuer Sohn des Prager Ghetto, dessen merkwürdige Tradition er bewahrt un<T erschließt. Da sind Gestalten von geradezu Charlie Chaplinscher Komik, wie jener Jack Oplatka, der ״überm Jam“ war und nun in Prag für 15 Kreuzer in den Kirchen Ministrantendienste versieht und sich auf regt über die Unfähigkeit der christlichen Geistlichen auf diesem Gebiet, und der auf die erstaunte Frage, wieso er als Jude mlnlstrieren gehe, empört antwortet: ״Wer sagt Ihnen, daß ich als Jud geh? Ich geh als Orl!“; und Gestalten von düsterer Oespenstigkelt wie jener uralte Issachar Mannheimer, der auf dem berühmten alten Prager Judenfriedhof die Lügenhaftigkeit der Grabinschriften aufdeckt, Klatschgeschichten aus dem Leben der toten Juden erzählt und das Grabmal des toten Hundes an der Friedhofmauer zeigt. Da werden wir in die Zeit um die Jahrhundertwende versetzt, wo die Prager Judenstadt, die längst nicht mehr Ghetto, sondern Bordellstadt ist, der Assanierung anheimfälit. Knch kennt alle Chroniken, alle Familiengeschichten, di: Geschichte der öffentlichen Häuser und ihrer zum Teile jüdischen Dynastien, und er gibt mit unbefangener Indiskretion die Namen preis, deren Zusammenhang mit dem Gewerbe später oft verwischt wurde. Auch diese Lokale fielen mit der ganzen Romantik jenes bis an die Schwelle des 19. Jahrhunderts erhaltenen Stücks Mittelalter. Besondere Erwähnung verdi״nen noch die Tagebuchblätter aus dem Kriege, dessen greuliche Verlogenheit und tierisches Verbrechertum Kisch bereits 1914 durchschaut hat, als Korpora! der total verkommenen österreichischen Armee. Und als Soldat trifft er auch zum ersten Mal Pogromflüchtlinge und hört von jüdischem Schicksal, das ihm vordem als ferne Legende erschienen war ... Ein großer Reichtum ist in diesem Buche, und in der von .Selbst- Beschränkung vorgeschriebenen Form der ״Reportage“ ist Kisch ein Meister. (Seltsam nur, daß er als selbstverständlich bei seinen Lesern die Kenntnis des Jüdischen, übrigens auch des Tschechischen, voraussetzt; aber sei es. denn ,.Erklärung“ der eingestreuten Brocken würde stören.) Tr. Bfleberschai Die PeBadj Haggadah das Gerschom Hohen (gedruckt zu Prag 5287/1526). — Neudruck. — Verlag Josef Altmann, Berlin W10, Lützowufer 133. — Preis 15 M. Diese zum ersten Male in technisch voll ndetem Neudruck veröffentlichte Peßach-Haggadah ist die älteste illustrierte und gedruckte Haggadah. Sie wurde im Jahre 5287, das ist im Jahre 1525 unserer Zeitrechnung, in Prag von Gerschom Kohen gedruckt und am 25. Tebeth des Jahres 5287 *** 10. Dezember 1525 vollendet. Nur drei Exemplare dieser berühmten ersten gedruckten Haggadah sind erhalten geblieben, von denen sich zwei in Europa and ein Exemplar in Amerika befinden. Für den Druck wurden die Exemplare der Stadtbibliothek in Frankfurt a. Main und des British Museum in London benutzt Diese älteste Haggadah gehört zu den vollendetsten hebräischen Druckwerken. Die außerordentlich schönen Buchstaben, die prächtigen Umrandungen einzelner Seiten und die zahlreichen kleinen Hoizsrfmitthiider fast auf jeder Seite sind von hohem kulturhistorischen Werte. Der Herausgeber, Prof. Dr. Heinrich Loewe, hat zu der Haggadah eine Einleitung geschrieben, in der er über ihre Geschichte eingehend berichtet und auch den Buchschmuck ausführlich beschreibt. Diese Einleitung ist dem Text der Haggadah beigelegt. So wird dieser buchstabeng-treue Neudruck der berühmten alten Haggadah von al'en Freunden des jüdischen Buches aufs wärmste begrüßt werden. Die Juden bei den Kirchenvätern und Scholastikern. Eine kirchensreschirhtüehe Skizze als Beitrag zum Kampf gegen den Antisemitismus. Von Dr. theol. Friedrich Muravvski. Berlin, 1925. Verlag C. A. Schwetschke & Sohn. 2,40 M. Eine Interessante Sammlung von Zitaten aus d״n Kirchenvätern, in denen nachgewiesen werden soll, daß der ״Antisemitismus nicht im Geiste der Kirche liegt“. Gemeint ist die katholische Kirche, und Verfasser schreibt sogar: ,.Der Christ steht dem Juden genau so gegenüber wie dem Protestanten oder jedem anderen Angehörigen einer nichtchristliehen Religion.“ — Die damit in Widerspruch stehenden Tatsachen der Geschichte schiebt Verfasser auf die Politik, die sich in die Kirche eingeschlichen hat. Vorlesung Ludwig Hardt Sonntag Abend las Ludwig Hardt Gediente von Heinrich Heine. Dieser geniale Interpret, dessen inneres Ohr die intimsten Geheimnisse eines Werkes erlauscht, ja ins Unbewußte des Dichters vordringt, so daß er zuweilen ״gegen den Dichter betont“, vermochte auch seinen Beruf, Verkünder zu sein, zu erfüllen. Vielen e”th1i’lt er erst die Feinheiten und den geistigen Sinn mancher Gedichte, dazu gibt er in seiner charmanten Art in einigen Fällen eine Motivierung seiner Auffassung, die selbst von starker poetischer Intensität ist Seine Wiedergabe der ״Prinzessin Sabbath“, diese Mischung von Ernst und Humor, Be* haglicbkeit und Ironie, war ein Kabinettstück dieses durch und durch jüdischen Abends. — Am Abend zuvor las Hardt mit gleicher Meisterschaft eine Auswahl deutscher Dichtwerke. ra.