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Jüdische Rundschau · 1926-03-16 · Heft 21 (16.3.1926) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 21 (16.3.1926)
Date
1926-03-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 Palästinensische Politik Von unserem Korrespondenten. A, G., Jerusalem, de:! 7. März 1926. Innerhalb der täglichen Kolonisationsarbüt in Palästina, die jeden im Lande vollauf beschäftigt, wird die Mehrheit gleichgültiger gegen die politischen Schwankungen, die den Horizont dauernd verändern. Wenn nur eine relative Sicher« heit für die Fortsetzung der Arbeit gegeben ist, steht man Aenderungen der politischen Konstellation mit Gleichmut gegenüber.. Wenn aber an den Grundbedingungen des Aufbaus gerüttelt wird, wenn Störungen oder Unterbrechungen der praktischen Tätigkeit drohen, wird man im Lande unruhig <nd nervös. Denn ohne bestimmte Voraussetzungen, die Paßstina allein nicht schaffen kann, gibt es kein Vorwärtskommen. Selten haben sich alle Fäden der Politik d:s nahen Orients so eng um Palästina zusammengezogen wie im letzten Jahre. Jedes Ereignis in den Nachbarländern wirkt über kurz oder lang auf das Land zurück. Die Mossulfrage, die Verlängerung des englischen Mandats im Irak, der Aufstand der Drusen in Syrien, der wieder steigende Einfluß Zagluls in Aegypten, und der mächtig vordringende Ansturm der Wahabiten, der für politische Neubildungen in der arabischen Welt des neuen Orients bedeutsamer sein kann als alles andere, alle diese Ereignisse ziehen Kreise in und um Palästina und manchmal mutet es geradezu wie ein Wunder an, daß inmitten aller Kämpfe und Umwälzungen Palästina eine Art stille Insel bildet, an deren Rande in den letzten Jahren alle Wogen der mannigfaltigen Bewegungen der Nachbarländer verebbt sind. Solange Herbert Samuel auf dem Oelberge residierte, war man weniger häufig gezwungen, über die Landesgrenzen hinwegzusehen und hinwegzudenken als heute. Damals hatte das Land einen Kommissär, der seine Arbeitskraft zum großen Teil auf die Entwicklung des Landes konzentrierte. Für Plumer war der Oelberg von Anfang an nicht so sehr der Punkt, von dem aus man Palästina übersieht, sondern eine Warte, von der aus der Blick nach Damaskus und Amman, nach Bagdad, Dschedda und Kairo ging. Seine Aktionen haben nicht den engen Rahmen Westjordaniens, sondern umfassen ein viel weiteres Gebiet, für das Jerusalem nur einen der Brennpunkte bedeutet. In diese Aktionen, die eine Reihe von zum Teil sehr weitgesteckten Zielen verfolgen, ist das jüdische National Home hineingestellt, muß innerhalb der verwickelten Einflüsse und einander widerstrebenden Bewegungen seine Interessen wahren, die vielleicht zu einem guten Teil vom Standpunkt der Politik des mittleren Ostens als zweitrangig und untergeordnet erscheinen. Dennoch stützt sich das National Home in seinen Ansprüchen sowohl auf die von ihm abhängige Entwicklung des Landes wie auf Mandat und Völkerbund; und für das National Home ist der High Commissianer in erster Linie der Verwalter Palästinas und nicht der Exponent Englands für die Politik des mittleren Oriente. Darum muß der Jischuw jede Maßregel der Regierung, auch wenn sie offensichtlich außenpolitisch orientiert ist, von seinem engeren Standpunkte betrachten und fragen: Ist tteMi, dein Juden Palästinas und der Entwicklung der nationalen Heimstätte, der oder jener Schritt der Regierung günstig oder bedrohlich, ist er imstande, die Ruhe im Lande, die die Basis für unsere Arbeit ist, zu sichern oder nicht? Und je nachdem wie diese Frage beantwortet wird, muß der Jischuw zu den Maßnahmen der Regierung Stellung nehmen. Die letzten Verfügungen über die Umgruppierung in den Verteidigungskräften des Landes sind fraglos als durchaus außenpolitisch zu werten. Ebenso wie der Bau der Chaussee von Rosch-Pinah nach Metullah, die für die Ent- Wicklung des nördlichen Galiläa von großer wirtschaftlicher Bedeutung ist, nur vom strategischen Gesichtspunkte, nämlich des Schutzes der syrischen Grenze diktiert wurde, ist die Bildung eines ostjordanischen und westjordanischen Grenzkarps und die damit verbundene Auflösung der Elite-Gendannfrie, eine Neuerung, die durchaus von militärischen Gesfehtspunkten aus zu werten Ist. Nichtsdestoweniger schneidet sie Bef in die inneren Verhältnisse Palästinas ein und ist ge¬ Za des amerikanischen BiaUk-FeierlichkeUen Rabbi Jacob Dubno, im Volksmunde als der ״Dubner Maggid“ fortlebend, war zugleich Cicero und Lafontaine des rassischen Ghetto und pflegte seine Predigten mit schönen Fabeln und Gleichnissen zu würzen, die noch heute Im Volke zirkulieren. Einmal wurde ihm von einem ״Maskil“ (Aufgeklärten) entgegengehalten, daß die Reform doch einen großen Fortschritt in der Religion bedeutet. Wie schön wären die Tempel and der Gottesdienst im Auslande, bei den ״Daitschen“, wie großartig die Zeremonien, wie herrlich die Pracht und die Ehren, mit denen sie die Heiligtümer umgeben, mit welcher Andacht und Feierlichkeit sie die Samt- und Brokatmäntelchen gekleidete, mit silberner Krone verzierte und goldenen Glöcklein umhängte Thorarolle aus der vergoldeten Lade ausheben und wieder in diese einsetzen, während bei den altmodischen Juden im Osten die Synagogen so häßlich wären, der Gottesdienst so arm an erhebenden Zeremonien, die Thorarollen in zerschlissenen Leinenmäntelchen gekleidet, die einfache Holzlade mit einem Kattunvorhang umhängt und die Behandlung dieser Heiligtümer ganz pietätlos, ohne jede Spur von Feierlichkeit wäre. Der Herrgott, meinte er, wird gewiß mehr Freude an den reformierten Gemeinden des Auslandes, als an den Konservativen Rußlands und Polens haben. Darauf erwiderte ihm der ״Dubner“, wie eg seine Art war, mit einer Fabel. Es lebten einmal zwei Schwestern, die an zwei Männer verheiratet waren, von denen der eine reich und der andere arm war. Nach Jahren trafen die beiden Schwestern zusaramen, und da beklagte sich die arme über ihr schweres Los, wie armselig und freudlos ihr Leben sei; sie könne sich kein Vergnügen gönnen, sei in Lumpen gekleidet, kaum daß »le satt zu essen habe. Sie beneidete ihre Schwester um Ihr schönes und glückliches Leben. Darauf die reiche Schwester: Du brauchst mich nicht zu beneiden, denn mein Glück ist nur Schein. Was nützen mir die ausgesuchten Speisen, die vielen Vergnügungen, die fch genießen kann, der Samt und die Seide, die Perlen und Diamanten, in denen ®ein Mann mich kleidet, wenn ich weiß, daß er neben mir •och sieben andere Nt und daß ich ihm nichts gelte. In •H der mich umgebenden Pracht und dem Luxus bin ich einsam und unglücklich. Du aber, du hast es freilich schwer, JUEDISCHE RUNDSCHAU eignet, im Lande eine Situation zu schaffen, die Mißtrauen, Unzufriedenheit und Unruhe mit sich bringt. Es könnte scheinen, als sei das zu stark nach außen orientierte Oberkommissariat in seiner Sorglosigkeit bezüglich der Ruhe im Lande selbst diesmal zu weit gegangen. Das Ziel der ״Reorganisation“ ist leidlich klar: Es werden zwei Grenzkorps geschaffen, eines für Ost- und eins für Westjardanien. Das Ostkorps wird zur Hauptsache aus Tscherkessen zusammengesetzt, einem kriegerischen Bergvolk, das bekanntlich schon von den Türken in arabischen Ländern zu Kriegszwecken verwendet und aus strategischen Absichten zu beiden Seiten des Jordan angcsiedelt wurde. Das Westkorps, das aus Arabern besteht, (die der Elite-Gendarmerie angehörigen Juden sollen bekanntlich der Landespolizei eingegliedert werden), soll, so scheint es, ebenfalls als Grenzschütz verwendet werden. Man spricht z. B. von einer Garnison in A k a b a , dem Nordhafen des roten Meeres. Mit den inneren Verhältnlssenim Landehataisod iese Umgruppierung wenig zu tun. Aber für den jüdischen Jischuw bedeutet diese Regelung einen Alarm; die Schaffung einer rein arabischen Formation erschien als Verletzung der jüdischen Bürgerrechte und als Bedrohung des Landfriedens. Denn ea war offensichtlich, daß eine solche Truppe ein ausgezeichneter Nährboden und Werkzeug jeder chauvinistischen Propaganda werden könnte. Und obwohl das Memorandum, das die Auflösung der Elite-Gendarmerie mitteilte, (vermutlich unter dem Einfluß der starken Reaktion der Juden auf diesen Schritt der Regierung), mündlich widerrufen wurde, besteht weiter eine aufgeregte Stimmung. Die Sitzung des Waad Leumi, die sich mit der Gendarmeriefrage befaßte, stand im Zeichen und unter dem Einfluß dieser Erregung. In dieser Stimmung wurde der Beschluß gefaßt, ״im Falle daß in Palästina die Juden aus den Verteidlgungskorps ausgeschlossen würden, die Bildung einer jüdischen militärischen Formation zu fordern“. Der Waad Leumi hat diesen Beschluß mit allen Stimmen mit Ausnähme der Delegierten des Hapoe! Hazair gefaßt. Es bleibt jetzt abzuwarten, wie die Regierung auf diese Aeußerung des Jischuw reagieren wird. Der Beschluß des Waad Leumi ist ein deutlicher Beweis dafür, daß das Oberkommissariat in seiner Orientierung, die Palästina nur als ,(Stützpunkt“ ansieht, einen schweren Fehler gemacht hat. Diese Art der Regelung der Verteidigung des Landes rechnet nicht mit der Geschichte, den Leidenschaften und den Kräften Palästinas. Heute ein solches Korps im Lande 6chaffen, heißt — wie das Experiment beweist — den Legionsgedanken im Lande direkt provozieren. Die palästinensische Judenheit, die in ihrer Mehrheit diesem Gedanken fern stand, ist durch diesen Schritt der Regierung um so mehr erregt worden, als sie ohnedies durch die Antwort des High Commissioner auf das letzte Memorandum des Waad Leumi mißtrauisch geworden ist. Die Lage der Juden im Lande ist durchaus nicht glänzend. Aber wenn man sich fragt, ob da• für die Araber beim Oberkommissariat an Boden gewonnen hätten, so kann man das auch nicht bejahen. Ungerührt hat man vom Oelberg aus Schläge nach beiden Seiten ausgeteilt Haben die Juden auf ihr Memorandum eine teils ablehnende, teils nichtssagende Antwort bekommen, sö־ gilt dasselbe Von den Arabern. Dazu haben die Unruhen bei den Wahlen zum moslemischen Rat dazu geführt, daß die Regierung den Rat hat auflösen lassen. Und die beiden Protestkonferenzen der Partei El Husseini und Naschaschibi beweisen, daß die Einigung im arabischen Lager auch keine Fortschritte macht. Wenn aber die Regierung im Lande lavie׳en will, indem sie keiner Seite Vorteile zugesteht — über den Sinn und die Berechtigung dieses Kurses läßt sich streiten — so sollte sie sich jedenfalls davor hüten, durch solche Bomben, wie es die Neuregelung der Verteidigungskräfte war, die Ruhe und Besonnenheit im Lande zu gefährden. Weiznaa■ nach Palästina abgereist Ans Sonntag, den 14. März trat Dr. Weizmann mit Familie von Marseille aus die Reise nach Palästina an. Seite 157 Die Frage der palistineasisehen Gendarmerie Das zionistische Zentralorgan ״Haolam" schreibt im Verlauf eines Leitartikels über die palästinensische Gendarmerie: ״Anfangs hieß es, die palästinensische Gendarmerie würde nach Transiordanien überführt werden und die jüdischen Gendarmen sollte.«, so weit sie hierauf An« sprach erheben, zur Polizei versetzt werden, in dieser Fort« war die Verfügung zweifellos ein Affront ,gegenüber dem Jischuw und dem jüdischen Volke, und es ist inehr als verständiieh, daß sie den erregten Protest der palästinensischer: Judenheit provoziert hat. Tatsächlich ist in einem zweiten definitiven Text der Verfügung keine Ausnahme* bestimmung gegen Juden enthalten. Nach diesem heißt cs vielmehr: Die palästinensische Gendarmerie wird aufgelöst. Die Mannschaft kann auf Wunsch in die Polizei übernommen werden. In Transjordanien wird eine Gendarmerie gebildet, die aus Nichtpalästinensern zusammengesetzt wird. — Die Spitze gegen die Juden ist hiermit abgebrochen und wir können darin sicher einen Erfolg unserer Proteste erblicken. Die politische Spitze bleibt aller in ihrer ganzen Schärfe bestehen und sie wendet sich praktisch gegen uns Juden, die in Palästina ihr nationales Heim bauen. Wir können nicht zugeben, daß der Grenzschutz Trans jordanlens zu trennen ist von der Grenzschutzfrage in Palästina. Läßt man für einen Augenblick außer acht, daß Transjordanien von rechtswegen ein intregaler Teil des Mandatsgebietes ist, «o ist es doch jedenfalls das Tor zu Palästina, und der Schutz seiner Grenzen im Osten, Norden und Süden ist gleichzeitig der Grenzschutz Palästinas. Wir können uns nicht damit einverstanden erklären, daß die mir'tärischc Organisation, di€ zum Schutze unseres Vaterlandes berufen ist, unseren Söhnen verschlossen bleibt." Jerusalem, 7. März. (J.T.A.) Hier fand eine Ver- Sammlung ehemaliger jüdischer Legionäre statt, der mehr als 400 frühere Angehörige der jüdischen Bataillone beiwohnten. Der Vorsitzende des Menorah-KIubs führte aus, mehr als 6000 Juden aus Palästina, England und Amerika haben im Kriege in den palästinensischen Bataillonen gedient. All« diese Soldaten müssen den Plan der Reorganisation der Gendarmerie, in der Juden fehlen sollen, als einen Vorstoß gegen die jüdischen Interessen betrachten. Herr Agronsky führte aus, er glaube nicht, daß man es mit einem fait a c c o m p 1 i zu tun habe, dies wäre unglaublich. An di« jüdische Jugend Palast! 13s ergehe der Ruf, der Regierung ihre Dienste für das zu bildende Korps anzabieten. Es sm undenkbar, daß die Regierung ein solches Angebot ab» lehnen würde. Die Versammlung schloß sich der bereite mit» geteilten Forderung des Waaa Leumi an, entweder Juden in das zu bildende Grenzkorps aufzunehmen oder ein eigene« jüdisches Grenzkorps zu schaffen. Die Frage der Anleihe Richter Bernard A. Rosenblatt, das amerikanische Mit• glied des Finanz- und Wirtschafterates der Zionistischen Orga• nisafion und Präsident der Palestine Securities, 111c, äußerte sich in einem Interview mit dem JTA.-Vertreter in New York über die Möglichkeiten der geplanten Nationalanleihe für Pa» lästina. Eine solche Anleihe, sagte Richter Rosenblatt, muß auf den Schätzen des Landes und aus diesen zu erarbeitenden Einkünften basieren, nicht auf erwartete Geldspenden von außen. Er wies auf das Beispiel der Stadt T e 1 - A w i w hin, deren Anleihe Richter Rosenblatt in Amerikj» plaziert hat. Tel-Awiw sollte jetzt eine größere Anleihe für sanitäre Einrichtungen vorbereiten. Der Ertrag der GW# י Rationen der neueil Anleihe soll zum Austau des Stmßtta* י *vgtems, Errichtung eines Landung-'piatzes, Wasserversorgung und Ausbau der volksges'mdheitfidien Einrichtungen dienen. Die Auflegung der Anleihe wird ״eschenen, sobald die Vcteinigung Tel-Awiws mit den großen jüdischen Kolonien zu einer ״Jüdischen Städte-Liga Palästinas" vollzogen sein wird. Die geplante Städte-Liga wird in der Finanzwelt Respekt genießen. Bezeichnend ist, daß das kleine Tel-Awiw Geld zu 6(4 0/0 bekommen hat, während Länder wie Frankreich, Italien, Polen usw. höhere Zinsen zahlen müssen. ״)leB-Jcricb•״ Jerusalem, 5. März. (J. T. A.) Das offizielle Organ der arabischen Exekutive ״Felestin“ teilt mit, daß beschlossen wurde, im Süden von Jericho, 900 Fuß unter dem Meeres- Spiegel, eine Stadt zu erbauen, die den Namen ״New Je« rieno" führen wird. Jeder künftige Bewohner der Stadt wird ein bis drei Dunam Land erhalten. Die Regierung hat versprochen, die Stadt mit Wasser aus den benachbarten Brunnen zu versorgen. dein Mann kann dir weder gute Kleider noch gute Speisen, noch Genuß und Zerstreuung bieten, dafür ist er aber dir treu, und du weißt dich mit ihm eins. Wer von uns beiden ist also glücklicher? Fürwahr, nicht du mich, sondern Ich muß dich um dein Glück beneiden. Diese beiden Schwestern, erklärte der ״Dubner“, das sind die Thoras bei uns and bei den reformierten Juden des Auslandes. Die ״Daitschen“ bauen wohl prunkhafte Tempel, kleiden die Thora in Samt und Seide und umhängen sie mit Gold und Silber, sie lernen aber diese Thora nicht, sie verstehen sie gar nicht und kümmern sich wenig um ihren Inhalt, denn ihr Herz ist an andere, weltliche Lehren gebunden. Bei uns frommen Juden des Ostens sind die Synagogen dunkel und schief, wir kleiden die Thora in einfaches Leinen, dafür sind wir aber ihr treu; studieren sie fleißig, beobachten ihre Gebote, und unser ganzes Leben wird von ihr geleitet. Was meinst du, wo hat es die Thora besser, bei uns oder bei den ״Daitschen“? Und an wem wird der Heilige, gelobt sei er, mehr Freude haben? Diese Fabel kam mir in den Sinn, als ich von den Feierlichkeiten las, die die amerikanischen Juden anläßlich der Ankunft Biaiiks veranstaltet haben. Sie haben ihn! einen Empfang bereitet, wie er nur Fürsten zuteil wird; seine Fahrt durch New York glich beinahe dem Triumphzug eines siegreichen Feldherm, in grandiosen Massenversammhingen haben ihm Zehntausende augejubelt und stürmische Ovationen dargebracht. Nichts ähnliches kannten die hebräischen Dichter früherer Epochen. Weder der alte Adam Hakohen (Lebensohn), noch sein frühverstorbener Sohn Michel wurden je gefeiert. Ihr Nachfolger Jehuda Leib Gordon war zwar kein so großer Lyriker wie Bialik, aber wegen seiner Vielseitigkeit und Fruchtbarkeit und als Bahnbrecher auf verschiedenen Gebieten der hebräischen Poesie bedeutender für die hebräische Literatur und von eminentem Einfluß auf seine Generation; er wurde aber nicht durch solche imposante Feiern belästigt. Und der Dichter war sehr überrascht und gerührt, als ein Teil der jüdischen fntefiigenz Petersburgs anläßlich seines S jährigen Schriftstellerjubiläums eine bescheidene Feier ihm zu Ehren veranstaltete. Man könnte also diesen scheinbaren Indifferentismus mit den Feierlichkeit«!, die zu Ehren Biaiiks in Amerika stattgefunden haben und noch stattfinden, vergleichend, zu dem Schluß kommen, daß dieser glücklicher sei 31$ seine Vorgänger, daß er in «her Zeit lebe, die ihre hebräischen Dichter besser zu schätzen wisse, als die vor fünfzig Jahren. Nichts wäre aber verfehlter als solche Ansicht. Bialik ist nicht zu beneiden; vielmehr müßte er seine Vorgänger beneiden. Zwar wurden diese nicht königlich oder überhaupt nicht gefeiert, sie wurden aber gelesen. Ihre Gedichte wurden auswendig gelernt und ihre Lieder in jedem jüdischen Hause gesungen. Man ertrag Entbehrungen, setzte sich Verfolgungen aus, um ihre Werke zu studieren. Ihr Wort wirkte wie eine elementare Kraft auf die Jugend, und die Alten erschraken vor ihr. Und heute? Von den Zehntausenden, die Bialik feierten, werden es kaum tausend gewesen sein, die den Dichter im Original gelesen haben und vielleicht noch tausend, die aus den unzulänglichen Uebersetzungen eine Ahnung von ihm erhalten haben. Der Dichter, der mobilisiert werden mußte, 11m vor die amerikanischen Juden mit der Keren Hajessod-״Puschke״ (Samtnelbüchse) zu treten, weiß es ganz genau, und diese Festlichkeiten werden in ihm auch trübe Gedanken erweckt haben. Ihm, der noch vor kurzem in Tel-Awiw einen niederschmetterndem Vortrag über den Zusammenbruch der hebräischen Literatur gehalten hat, werden vielleicht die begeisterter! Festreden in New York wie ein Hohn geklungen haben. Er würde sich gewiß mehr freuen, wenn der Empfang weniger imposant, die Begrüßungen weniger stürmisch, dafür aber der Kreis seiner Leser größer wäre. Es ist aber einmal so. Den nationalen Dichtern feiern, ihn mit stürmischen ״Hedad‘‘-Rufen begrüßen, Ovationen darbringen — dazu sind sie ja Zionisten, Nationaljuden; das ist auch leicht gemacht, und man hat seine Pflicht getan und noch sein Plaislr dabei gehabt. Aber Bialik lesen — nein, dazu muß man sich ja auf die Hosen setzen und die hebräische Sprache erlernen — das ist doch nichts für den praktischen Amerikaner. Und dasselbe gilt übrigens auch von dem Gros der deutschen Zionisten, die sich nur darin von den amerikanischen unterscheiden, daß sie auch mit dem Feiern der hebräischen Dichter sparsam sind. Je weniger sic von Bialik wissen, desto größer die Pietät, desto mehr halten sie sich verpflichtet, den Empfang feierlich zu gestalten und E1:'h;s'r-mus zu zeigen., Sie machen es eben genau so, wie die liberale« Juden mit der Thora. Dr, B. S u I e r.

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