Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 18 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2652785-2652803--18107-2675838- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 13% JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 18 Theorie von Dr. Weil akzeptiert Deklarieren kann man nämlich bald dies, bald das, wenn man auf das Sei n verrichtet hat. Dr. Weil versichert: ״Wir für unseren Teil fühlen uns mit der deutschen und darüber hinaus der europäischen Kulturwelt und ihren Gedanken unlöslich verbunden.“ Nun ist gerade in der heutigen Zeit nicht ganz eindeutig zu wissen, was man unter den Gedanken der deutschen oder der europäischen Kulturwelt versteht. Die Stellung dazu ist für jeden Einzelnen, unabhängig seiner Volkszugehörigkeit, ein individudies Problem, und es hat bekanntlich ״gute Europäer“ dcutscher Nationalität gegeben, die die deutsche Kulturwelt sehr heftig ablehnten. Aber ganz abgesehen davon, zeigt dieser Satz mit unübertrefflicher Deutlichkeit die Brüchigkeit des Gebäudes. Mit einem solchen Glaubensbekenntnis zur curopälsclien Kultur ist überhaupt nichts gesagt. Nur eine Verwischung und Verschleierung der realen Differenzierungen fet damit erreicht. Auch wir Zionisten bejahen die Kulturgemelnsehaft Europas, und wir wünschten, daß sie sich in eine wirkliche aufrichtige Gemeinschaft der Völker umwandle. Wir glauben aber, daß dies alles erst dann möglich sein wird, wenn jedes Volk das andere achten lernt, dessen Eigenart respektiert, und auch dort, wo Menschen verschiedener Ab* staramung Zusammenleben, die Majorität auf die beleidigende Zumutung verzichtet, daß die Minorität ihre Abstammung verleugne. Dieses Problem ist dialektisch nicht aus der •Welt zu schaffen. In den von Dr. Weil aus der ״Jüdischen Rundschau“ zitierten Sätzen ist mit keinem Wort die Rede von der Forderung nationaler Minderheitsrechte für die deutschen Juden. Dr. Well bestreitet, daß die deutschen Juden den ״WIllen“ haben, als nationale Minderheit anerkannt zu werden, was auch wir nicht behauptet haben. Aber bestreitet er auch ihre Forderung, daß man sie, wje die ״Jüdische Rundschau“ am 12, Februar schrieb und wie er zitiert, 31״s deutsche Staatsbürger jüdischen Blutes mit ihren eigenen kulturellen Traditionen und mit ihrem Willen zur Teilnahme an gesamtjüdischen Aufgaben und Bewegungen respektiert“? Wenn er dies bestreitet, dann verzichtet er auf jüdische Gleichberechtigung in Deutschland. Denn was heißt Gleichberechtigung, dieses viel mißbrauchte Wort? Gleichberechtigung heißt Zuerkennung der vollen und ungeschmälerten Bürgerrechte ohne andere Bedingungen als die der vollen loyalen Pflichterfüllung gegenüber dem Staate. Wenn der Staat von einer Gruppe fordert, daß sie ihre Eigenart preisgibt, daß sie womöglich noch eine bestimmte ״vorschriftsmäßige“ Gesinnung nachweist, wenn der Staat die besondere Eigenart einer Gruppe nicht anerkennt, bestenfalls ihr gegenüber Nachsicht übt, dann ist dies keine Gleichberechtigung, sondern eine Beschimpfung und Entwürdigung dieser Gruppe. Ein Staat und eine Gesellschaft, die solches tun, haben kein Recht, von ״Gleichberechtigung der Staatsbürger fremden Blutes“ zu sprechen, höchstens von ihrer Duldung. Herr Dr. Weil ist zweifellos einer der typischen Repräsentanten des Centralvereins. Aber gerade darum ist sein Aufsatz ein Schulbeispiel für die C.-V.Mentalit|t. So sehr Ist die Geste der Abwehr diesem Judentum zur Natur geworden, daß sich seine Vertreter gar nicht anders 4ei Pöse der Abwehr uad Entschuldigung ׳' denken•' können. Im Unterbewußteeln dieser Juden ist der seinem Judentum treue Jude efgenFfch legitimer Weise Staatsbffrger minderen Grades. Ihre Apologetik beginnt erst dort, wo es nachzuweisen gilt, daß das Judentum eigentlich gar nicht so tief sitzt, daß man Blutunterschiede gar nicht anerkennen dürfe, kurz und gut, daß wesent'iche Unterschiede zwischen Juden und Deutschen nicht bestehen. Diese Apologetik ist aber nicht nur falsch, sondern sie ist auch wirkungslos und zwecklos. Die ganze Erfolglosigkeit der jahrzehntelangen Arbeit des C. V. in Deutschland, die uns immer herrlieberen antisemitischen Zeiten entgegengeführt hat, ist viellefcht nicht unschwer aus dieser Wurzel zu erklären. Statt für eine volle Gleichberechtigung der Staatsbürgcr ״jüdischen Glaubens“ zu kämpfen, unter Bejahung der jüdischen Eigenart und Sonderstellung und mit der Forderung auf Anerkennung des Rechtes zu voller jüdischer Betäflgung, die in keinem Punkte mit dem Staatsinteresse in Widerspruch steht, statt diese einzig würdige Judenpolitik zu machen, für die gerade im heutigen Deutschland unter dem Eindruck des Schicksals der deutschen Minoritäten im Ausland Verständnis zu finden sein müßte, statt dessen ist die Taktik des C. V. darauf angelegt, unausgesetzt die vorhandenen Unterschiede zu verwischen und in Versammlungen und Kundgebungen aller Art mehr oder weniger aufdring'ich eine patriotische Gesinnung, die unausgesprochene Sslbstver tändiiehkeit sein müßte, zu proklamieren, womit implicite anerkannt ist, daß die Juden mehr als andere Staatsbürger sich für ihr Dasein zu entschuldigen haben und zu besonderen Gesinnungsergüssen verpflichtet sind. Wie tief diese unfreie Auffassung in den Menschen steckt, die von der Welle des modernen jüdischen Selbstbewußtseins unberührt geblieben sind, dafür ist Dr. Weils Aufsatz wahrhaftig ein Schulbeispiel, das den deutschen Juden «Be Augen öffnen müßte. An unsere Abonnenten! Die Post verlangt von uns die Anmeldung der vom 1. April 1926 ub zu liefernden Exemplare bis zum 15» Mörz. Wir sind daher gezwungen, die Abonnementsgebühren von denjenigen Abonnenten, die die Jüdische Rundschau" direkt bei uns abonnieren, in den ersten Märztagen zu erheben, und zwar werden wir ihnen zu diesem Zweck Nachnahmen zugehen lassen. Wir bitten darum, in Ihrem eigenen Interesse dafür Sorge 2u tragen, dafe diese Nachnahmen prompt eingelöst werden, da sonst Unregelmä&igkeiten in der Zustellung der Jüdischen Rundschau" nicht zu vermeiden sein dürften. Berlin, im März 1926. Verlas ,Jüdische Rundschau“ Berlin W15, Melnekestraße 10 Die Antwort der Regiering » die Assefitb Haniweharlin Wir bringen in folgendem den Wortlaut der Antwort, über die wir bereits in den vorigen Nummern berichtet haben. Beschluß I: Ueberweisung eines entsprechenden Anteiles an dem für Erziehuiigs-, Gesundheits- und Woblfahrtszwccke bestimmten Regierungsbudget an den Jischuw. Antwort zu 1: Das jetzige System der Regierung will nach Möglichkeit den Bedürfnissen aller Teile der Bevölkerung dienen, ln bezug auf das Eräehungswcsen erkennt die Regierung an, daß das Netz der Regierungsschulen die kulturellen Bcdüifnisse der jüdischen Bevölkerung, die ein eigenes System entwickelt hat, nicht befriedigt. Diejenigen jüdischen Schulen, die auf der erforderlichen Stufe stehen und sich der Aufsicht der Regierungsbehörden unterwerfen, wurden bisher nach demselben Schlüssel subventioniert, nach welchem die einzelnen Privatschulen der anderen Gemeinschaften (deren Kinder jedoch meistens die Regierungsschulen besuchen), unterstützt werden, und zwar unter Zugrundelegung der Schülerzahl. Die Regierung beabsichtigt, diese, aen jüdischen Schulen gewährte proportionelle Unterstützung zu vergrößern, unter der Bedingung, daß sie sich im erweiterten Ausmaße der Aufsicht der Regierung unterwerfen. Was das Gesundheitswesen betrifft, so erhalten die jüdlsehen Heilanstalten dieselben Begünstigungen wie die anderen nicht der Regierung unterstellten oder philantropischen Anstatten. Beschluß II: Beschäftigung einer entsprechenden Zahl von jüdischen Arbeitern bei R'egierungsarbeiten und Entlohnung der Arbeiter, wie sie dem Lebensstandard eines zivilisierten Arbeiters entspricht Antwort zu II: Da die Regierung öffentliche Arbeiten auf Kosten des Steuerzahlers ausführt, Ist sie nicht in der Lage, ein System einzuführen, das einen Unterschied zwischen den Rassen statuiert und eine künstliche Erhöhung der Arbeitslöhne herbeiführt. Unter diesen prinzipiellen Vorbehalten wird die Regierung den jüdischen Arbeitern jegliche Erleichterung gewähren. Beschluß III: Erlaß eines Gesetzes zum Schutze der Arbeiter, dsr Arbeiterin und der arbeitenden Jugend, Antwort zu III: Die Regierung anerkennt die Wichtigkeit von Gesetzen solcher Art. Es liegt bereits der Entwurf eines Unfallschutzgesetzes vor, der jetzt vom Staatssekretär erwogen wird. Es wurde eine ständige Kommission eingesetzt, die Materialien sammelt und Entwürfe für andere Gesetze, über die Beschäftigiing '01! Frauen und Ki idern in Fabriken ausarbeitet, Die Kommission denkt, in naher Zukunft die Arbeit ■rorganisation und andere interessierte Organisationen zu Hilfe heranzuziehen. Beschluß IV: Abschaffung des Zehnten (üscher), der die Entwicklung der Landwirtschaft hindert. Reform des Steuer- und Zoll- Systems, in Uebereinstimmung mit den Entwicklungsbedürf• nisseu der Industrie und der Landwirtschaft. Antwort zu IV: Die Regierung hat vtilfe#' VeritlmlMis für die Gründe, die gegen das gegenwärtige ״Zehnten"6־ystem sprechen. Sie beabsichtigt in bezug auf dieses System, sowie auch ln bezug auf andere landesübliche Steuern und Abgaben Reformen einzuführen. Diese Fragen wurden bereits seil Jahren geprüft. Man erwartet jetzt die Ankunft von Sir Ernest Davison, der der Regierung bei der Aufstellung eines endgültigen Prograimaes von Reformen, von denen einige erst im Laufe von Jahren werden durchgeführt werden können, behilflich sein wird. Die Regierung anerkennt die Wichtigkeit der Unter- Stützung solcher neuer Industrien, von denen zu erwarten ist, daß sie sich im Lan« %־> erden entwickeln können. Beschluß V: Uebergabe von freiem Boden, welcher entweder der Rcgierung gehört, oder sonst dem Privateigentum nicht untersteht, zur Besiedlung durch jüdische Arbeiter, Einführung eines den Bedürfnissen des Landes entsprechenden Boden- Systems, welches eine zusammenhängende jüdische Kolonisation und eine intensive Bearbeitung des Bodens im Sinne des Mandates fördert. Antwort zu V: Hinsichtlich der Besiedlung der freien Böden ist die Regierung durch die Bestimmungen des Mandates insofern Hilfe zu leisten verpflichtet, als sie mit den Erfordernissen des Rechtes und der Billigkeit in Einklang gebracht werden kann. Die Regierung beabsichtigt, in naher Zukunft landwirtschaftliche Reformen einzuführen und die intensive Bearbeitung des Bodens in allen Teilen des Landes zu fördern. Beschluß VI: Ausreichende Heranziehung von Juden zur Verwaltung und zum Sicherheitsdienst. Schaffung von Bedingungen, die eine solche Beteiligung ermöglichen. Antwort zu VI: Siehe Antwort zu Beschluß II. Beschluß VII: Abschaffung der Einschränkungen für die jüdische Ein- Wanderung und Uebertragung des Rechtes auf Regulierung der Einwanderung an die Jewish Agency, Antwort zp VII: Die Regierung beabsichtigt nicht, das jetzige System aufzueeben, welches, ohne die Bestrebungen der Juden zu ignorieren, eine offizielle Aufsicht über die Einwanderung In allen ihren Formen zur Pflicht macht Beschluß VUI: Volle und effektive Wahrung der Rechte der hebräischen Sprache m den Institutionen der Regierung und der städti* sehen Verwaltungen. Antwort za VIII: Geschieht so weit es die finanziellen und die sonstigen Bedingungen des Landes gestatten. Beschluß IX: Erleichterung der Naturalisation der Juden, die in Paiästina ihren Wohnsitz nehmen. Antwort zu IX: Die ״Order in Council“ ln bezug auf die ]palästinensische Staatsbürgerschaft ist veröffentlicht worden. Es ist möglich, daß die praktischen Erfahrungen zu Verbesserungen führen werden. Beschluß X: Ke zweite ״Assefath Haniwcfiarim" der Juden Palästinas proklamiert die Gleichberechtigung der Frau auf allen Gebieten des bürgerlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebens des jüdi.c eii . i;chuw, und fordert die Regierung auf, diese Gleichberechtigung durch Landesgesetze zu garantieren. Antwort zu X: Wird zur Kenntnis genommen. Beschluß XI: Die zweite ״Asscfath Haiti weh arim“ verlangt die Einrichtuiig ergänzender Bilduugskursc für Jugendliche, die vor dan 1 i. Lcpensjaiire die Schule verlassen und beauftragt den Waad tnimi, dafür Sorge zu tragen, daß die Regierung ein Gesetz erlaßt, das die Arbeitgeber verpflichtet, den Jugend- Sehen Arbeitern freie Zelt zum Besuch dieser Kurse zu gewähren. Antwort zu XI: Es ist fraglich, ob dies ein geeigneten• Gegenstand für Gesetzgebung ist, doch wird die Regierung den bei ihr beschäftigten Jugendlichen Erleichterungen gewähren, um ihnen die Ergänzung ihrer Bildung zu ermöglichen. Beschluß XII: Die ״Asrefath Hanhvcharim“ beauftragt den Waad Haleurni, mit aller Energie van der Regierung Anerkennung der Autonomie unseres Schulwesens und volle Beteiligung an dem jüdischen Erziehungsbudget Palästinas zu verlangen. Antwort zu XII: Siehe Antwort auf Beschluß I. Beschluß XII!: Die ״Assefath Hanhvcharim“ betont, daß es die Pflicht der Regierung ist, die Rechte der jüdischen Arbeiter auf Beschäftigung bei allen Regierungsarbeiten zu sichern. Sie beauftragt den Waad Leumi, die notwendigen Schritte zu unternehmen. Antwort zu XIII: Siehe Antwort auf Beschluß II. Beschluß XIV: Ke ״Asscfath Hanhvcharim“ betont, daß die Eisenbahntarifpolitik der Regierung und das von der Regierung eingeführte Zollsystem den Bedürfnissen der im Lande entstehenden Industrie nicht entspricht. Sie beauftragt den Waad Haleunii, Schritte einzuleiten, um die notwendigen Aenderungen zu veranlassen. Antwort zu XIV: Ke Frage des Tarifs ist eine schwierige und strittige Frage. Die Regierung ist, wie oben bemerkt, durchaus gewillt, die Bedingungen für die Entwicklung verschiedener Arten von Industrien zu verbessern, insbesondere von solchen Industrien, die einheimisches Rohmaterial benützen und von denen zu hoffen ist, daß sie reüssieren. Was die Eisenbahn betrifft, so beweisen die letzten Ziffern, daß die Transportkosten auf den Eisenbahnen Palästinas (Ercz Israel) im Verhäittiisse zu denen der benachbarten Lander nicht zu hoch sind, daß sogar in vielen Fällen die Preise für Eisenbahntransportc in Palästina (Erez-Israel) niedriger sind. Kunst und Literatur Niehlleier: Else Lasker-ScMler Die Romantiker des alten Cafös (des Westens), alte und junge Boheme, soweit sie noch existiert, feierten nachte vor der halbdunklen Bühne des Kleinen Theaters die Dichterin Else Lasker-Schüler, und Else Lasker-Schüler bereitete Ihnen eine Feier. ״Ursprung ist Ziel“, so definierte Heinrich Fischer die Quintessenz ihres Weges. Sie Ist längst an ihrem Ziel angelangt und hat Kostbares freigebig verschenkt und verschenkt es noch. Und dann las sie selbst Veree, und diese Verse, die gültig, pfeilerfest das Hoffnungstor der neuen Dichtung waren, enthüllen Ihren W?rt als Bleibendes über |hr§ Generation«» voti .Mitstreitern hinaus, sie sind immer iti'gssfjg; ״oll hingegebenen Lebens und haben jedes zu mindestens eine Zeile, die an den Weltgrund des Lebens rührt:: ״Jeder kehrt ln sein totes Herz heim,..“ ״Morsch ist der Fels, dem ich entspringe und meine Gotteslieder singe..״Gott hörel...“ ״Ich wandte mich von Gott, weil er mich hat versucht... der Blutspiegel meines Lebens“ — solche Worte und Bilder sind allerhöchste Zeugenschaft. Und die hebrä* Ischen Balladen und die Erianerungsverse aus ihrem Lebeu zogen vorbei als Meilensteine einer Epoche, die von den Uranfängen der Bibel bis heute reicht, denn das Wunderbare dieser Dichterin ist es, daß bei ihr der Lebensgrund auch der Weitgrund ist. Weltflucht geschieht nur tiefer ins eigene Leben und noch das Sterbelied schließt als Grund das ewig sich wieder gebärende Leben ein, auf welchem Stern es Immer sei. Uns aber bedeutet diese Dichterin Tieferes. Ke ״wilcie Tochter des Wüstensandes“, die in der Bibclsprache Befreiung ״melnwärts“ gefunden hat, gleich ungebrochen in Zorn und Liebe, sie soll unserer jungen jüdischen Kchtergeneration vorausleuchten als Verheißung. Denn morsch Ist nicht der Fels, nur die Entwurzelten, die eine Heimat aufgaben und die andere nicht fanden. Else Lasker aber fand zu sich, indem sie ihre Wurzel in den alten Fels senkte, und es geriet kein schlechter Baum. Ihre Kraft zu Empörung und heilender Umkehr zeugte für das Beste des alten Stammes. Ruth Morold. Wer Empfang der ״Labimah“ in Warschau Am 1. März gab die ״Hablmah“ ihre erste Vorstellung in Warschau. Es wurde ״Hadibuk“ von Anski gespielt. Das Theater war dicht besetzt. Vor Beginn der Vorstellung hielt Dr. K1 u in e 1 im Namen des Empfangskoinitees eine Begrüßungsrede, in der er der Freude der polnischen Judenheit Ausdruck gab, die hervorragenden Künstler, geführt von ihrem Direktor Zemach, in ihrer Mitte zu wissen. Die Vorstellung selbst wurde durch reichen Beifall, der jüdischen und nichtjüdischen Zuhörer belohnt. Zum Schluß herrschte eine enthusiastische Stimmung. Nach der Vorstellung gab die hebräische Kulturgcsellschaft ״Tarbuth“ zu Ehren des Habimah-Ensembles ein Bankett. Die ״Habimah“ wird In Warschau zwei Wochen lang Vorstellungen gebe» und dann auch die anderen Städte Polens besuchen. Als Dauer des Aufenthalts in Polen sind zwei Monate vorgesehen. Berliner Theater. Ernst Tollers ״Gefesselter Wotan“, den Barnowsky in der ״Tribüne“ bringt, ist eine Persiflage der großen Zeit nach dem Kriege, die Hauptfigur, der Friseur Wilhelm Friedrich Wotan, ist ein halb schwachsinniger Völkischer, voll großer hohler Phrasen und erbärmlicher Feigheit, bramarbasierend, saufend und im Grunde harmlos. Er gründet ein Schwindelunternehmen, eine brasilianische Aus- Wanderungsgesellschaft, das ihn im Taumel dieser besinnungslosen Zeit emporträgt, bis es zerschellt; als Geschäftsführer der judenreinen ״Gesellschaft“ engagiert er Schleim, die groteske Karikatur eines eklen jüdischen Agenten, ״Sohn einer Christin“, der die Sache aufzuziehen versteht und den vertrottelten Friseur managet; der zweite Angestellte ist ein völlig idiotischer ehemaliger Leutnant, mit unbeschreiblichem Leerblick. Etwas von der Atmosphäre der Zeit ist gut lebendig gemacht, die Handlung selost etwas dürftig. Interessant zu beobachten, wie der Dichter Toller selbst von dem Judenproblem nicht loskommt, Immer wieder wird dieses Motiv angeschlagen. Aber das Spiel ist sehr amüsant, vor allem wenn Roberts den Friseur gibt. — Ke ״Rache des verhöhnten Liebhabers“, die als Zugabe (mir Carola Toelle) gespielt wird, zeigt Toller von einer amfern Seite, als graziösen Dichter eines amourösen Renaissance-Versspieles, das in seiner stilechten Heiterkeit erfreut. (Es ist als schön ausgestattetes und illustriertes Büchlein im Verlag Paul Cassirer erschienen.) Mi. W3