Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 18 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Kr 18 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 133 Akko Von unserem palästinensischen Korrespondenten. A. O. Jerusalem, 21. Februar 1026. Es gibt in Palästina einige Orte, wo die Mehrzahl mir schwer hingelangt, weil sie etwas abseits von den vielbefallrenen Straßen liegen. & sind das oft Orte, die wobl der Tourist kennt, weil er Zeit und Freiheit besitzt, sie in seinen Reiseplan einzufügen, die aber alteingesessenen Palästinensern, die im Lande weit hcrumgekommen sind, nur wenig oder gar nicht vertraut sind. Zu diesen Punkten gehörte bis vor kurzem die alte Seefestung der Kreuzfahrer, Akko, die sich mit der Spitze ihres schlanken Minaretts und ihren halbzerstörten Festungswerken in einer unvergeßlichen Silhouette gegen das Mittelmeer abhebt. Noch vor einem halben Jahre war Akko ein abgelegenes Araberstädtchen. Nach Akko zu fahren war so viel, wie das jüdische Palästina verlassen. Noch in Haifa, eine halbe Stunde entfernt, war man in einem Gemisch von Orient und Okzident, sah die weißen Riesenblöcke der neuen jüdischen Fabriken ragen, hörte Hebräisch, fühlte die Bewegung der Einwanderung. Wenn mau auf der anderen Seite des Golfes durch das gewaltige Tor schritt, das in die Festung hineinführt, war das alles versunken, es blieb eine rein orientalische, in alter Tradition lebende Stadt, mit Denkmälern aus nallen und tiefen Schichten einer bunten und großen Vergangenheit. Säulen aus Caesarea, aus der Zeit des Herodes, die heute den riesigen Hof eines Khaus umgeben, ein Aquaedukt, der sich aus Syrien durch die Ebene zieht und Leute und die Stadt mit Wasser versorgt, ein riesiges Wasserbecken in einem Orangenpark, das einmal ein Pascha für seine Frauen zum Baden angelegt haben soll, Befestigungen der Kreuzfahrer, Kanonen aus der Napoleonszeit — all das türmt Stein auf Stein einer gewattigen Geschichte. Die Gegenwart wie im Schlummer, in den Basaren eine schwache Bewegung kaufender Fellachen an den Stellen, wo früher der Großhandel Teile der verschiedensten Völker durcheinander mischte, versunkene Ruhe in der Moschee und ihrem Hofe, der mit seinen Granatblüten daliegt wie ein Ausschnitt aus Scheherezadens Märchen, in Stillstand versunkene Genügsamkeit. So war Akko noch vor svenfgeji Monaten. Eine Stadt von gewaltiger Schönheit, großer Vergangenheit und einer still abrollenden, kaum fühlbaren Gegenwart. Aber schon vor einem halben Jahre konnte der Beobachter sehen, wie eine neue Bewegung ihre Vorläufer um die Stadt lagerte. Auf der Autofahrt von Haifa aus konnte man die Marksteine sehen, die in der an den Golf gelagerten Landfläche die von den Juden erworbenen Flachen abgrenzen. Und an der anderen Seite der Stadt entstanden draußen vor den Wällen ein paar neue Gebäude: erste Fabrikanlagen. Das letzte halbe Jahr hat jene ersten Anfänge auszubauen begonnen. Was heute in Akko da ist, bedeutet absolut gesehen nicht viel, als Keim sehr vielt Die Stadt beherbergt zurzeit eine Gruppe des Sold Boneh, die Meersand für den Betonbau (Srfsif) nach Haifa liefert, eine Gruppe von Fischern, die vom Schwarzen Meere vor kurzem eihgewandert sind, zlrip. dreißig Mädchen, die bei der Zjtadholzherstellung ,';«neu; ,Kindergarten,,,»eittfa Leseklub usw, -%ü den drei Fabriken arbeiten die Zündholz- und die Zementblockfabrik bereits in vollem Betrieb, die Lederfirma ist noch mit Versuchen beschäftigt. Erstaunlich ist es, wie diese an Zahl wenigen Juden (es handelt sich erst um wenige Hunderte) bereits das äußere Stadtbild zu verändern beginnen. Die Erscheinang von Europäern als solche wird innerhalb dieser rein arabischen Umgebung bereits stark bemerklich. Außerdem tauchen hebräische Straßenschilder auf, ein Restaurant und ein Hotel — beide noch primitiv — werden eingerichtet. Man hört hebräisch in den Straßen und die Stimmung unter den neuen Einwanderern des alten Akko ist sehr gehoben: Ein neues Arbeitsfeld, neue Umstände, neue Perspektiven! Es liegt Berechtigung in dieser Stimmung. Die Entwickb'ug der Stadt kann sehr günstig sei». Sie ist heute nicht zu übersehen, weil in der Rechnung Faktoren mitsprechen, die zurzeit noch als unbekannte Größen anzusprechen sind: der Hafen von Haifa, von dem man nicht weiß, wann und wie man ihn bauen wird, die Bebauung der großen angrenzenden Landstrecken von Dschidro und so manches andere mehr. Außerdem bietet Akko m verschiedenartige Möglichkeiten, daß man im Zweifel sein kann, welche man wird ausnützen können. Der erste Gedanke des Reisenden, der durch die Stadt, über die Bollwerke, durch die umliegenden Gärten, am Meere entlang geht, ist, daß dieser Punkt aut* ideale Weise zu einem Badeort scliön.-ter Art ausgestaltet werden kann. Ein lang sich hinzichcnder Strand, große Gärten, weiträumig angelegte Straßen, die sich am Wasser entlang ziehen, weitschauende Aussichtspunkte, die Nähe einer großen Stadt, all das zusammen ergibt eine ungewöhnlich günstige Grundlage. Man kann in Akko jede Art voü Wassersport treiben, fischen, rudern, segeln, schwimmen, Ausflüge in die Umgegend machen. Freilich schleicht sich in der stark romantisch gefärbten Stirnnutng, die Akko umgibt, auch der Gedanke ein, ob die Begleitcrsehcinungen einer solchen modernisierenden Umwandlung nicht vieles von dem Schmelz dieses einzigartigen Platzes zerstören würden. Vorläufig »all aber Akko erst einmal in eine moderne Stadt verwandelt werden. An einen Badeort wird noch nicht gedacht, wenn man nicht den Plan, eine Badeanstalt einztirichten, der jetzt in Akko diskutiert wird, als ersten Ansatz dazu betrachten will.... Die drei Fabriken mit ihren Arbeitern bestimmen zurzeit den Entwicklungsgang. Sie haben ein paar Handwerker und Läden nach sich gezogen. Man erwägt Häuserbauten, den Plan eine« jüdischen Viertels. Dabei wird vieles zu beachten sein, was an anderen Stellen falsch gemacht worden ist. Es handelt sich darum, mit weitem Spielraum, mit Elastizität vorzugehen, um nicht das kommende von vornherein zu verbiegen. Architektonisch werden schwere Probleme zu lösen sein, da gerade Akko mit seinem langsam gewordenen, in sich vollendeten Stil moderne Formen nur schwer vertragen wird. Und schließlich stellt Akko die eindringenden Juden vor die Aufpbe eines vernünftigen Zusammen- 1 e b e 11 s mit den Arabern. Schon vor einem halben Jahre konnte man in der Stadt Arabern begegnen, die das Hebräische beherrschten. Sie bereiteten sich für die koramende jüdische Einwanderung vor. Man sah ihr in weiten Kreisen nicht ohne Sympathie entgegen, da man von ihr eine Hebung der ökonomischen Lage der Stadt erhoffte. Auch jetzt ist die Stimmung nicht ablehnend. Und es wird zum großen Teil am guten Willen, dem Takt und der Einsicht der Juden liegen, diese guten Beziehungen stabil zu erhalten. Wir haben hier einige Impressionen von einem Punkte wiedergegebeu, der vor der großen Verwandlung steht, die allenthalben im Lande einsetzt, Akko ist besonders eindrucksvoll mit seiner großen Vergangenheit, der bildhaften wie entschlafenen Gegenwart und der unbekannten Zukunft. Palästinageschichte müßte man, soll sie lebendig sein, in Bildern schreiben, in Eindrücken, Farben, Gesprächen, in denen sich Ruhe und Bewegung malt. Aber leider enthüllt sich dieses Mosaik der Einzelheiten nicht dem Außenstehenden und der hier Ansässige versinkt in den Aufgaben der nächsten Stunde. Kltine Nachrichten י 'Zum• ׳vierphrigc«.,To:de-5t#g■von A. & Gordon fsn» den in ganz Palästina wie aitcn in der landwirtschaftlichen Arbeiter-Konferenz Gedenkfeiern statt. Lord Plumer besuchte das hebräische Gym* nasium in TeI-Aw 1 w und versprach am Schluß des Schuljahres bei der Ueberreichung der Schlußzeugnisse das Gymnasium wieder zu besuchen. Die Weltkonferenz des Hechaluz in Danzig, die ursprünglich für den 9. d. M. angesetzt war, ist aut zwei Wochen verschoben worden. Präsident Coolidge empfing im Weißen Hause eine Ab- Ordnung der Weltorganisation Agudas Jisroel, bestehend aus dem Vorsitzenden der britischen Exekutive der Apdah, Herrn Jacob Rosenheini, und dem Leiter der Agudah-Organisation in Amerika, Rabbiner Dr. Leo Jung. Der Bürgermeister von New York empfing die Mannschaft des Wiener jüdischen Fußballklubs ״Hakoah . Der Sekretär des Hauptbüros der Jewsektia Beilin und der jüdische Kommunist Barantschik wurden zu Beisitzern des Obersten Gerichtes Weißrußlands ernannt. Zwanzig Jahre später Zweiter Brief♦). Die blumige Sprache der Alten nennt die Beamten die Augen des Königs. Also die Augen des Königs sahen an den Ufern des Suezkanals, wie sich das Volk Israel mit Sack und Pack nach Palästina hinüberbemühte. Auch die Hände der Zollbeamten, die drüben über dem Kanal Aufstellung genommen hatten, erschöpften sich langsam, in schmutziger Wäsche und abgetragenen Kleidern nach Schmuggelware zu suchen. Wir verstauten unsere Koffer und uns selbst in gepflegte Coupes, wobei wir in den Schutz englischer Soldaten gerieten. Unsere kriegerischen Reisegefährten schienen ein innen sympathisches Gesellschaftsspiel auszuüben, indem sie sich die ganze Nacht hindurch recht geräuschvoll aus u!1bekannten Gründen Mut zutranken. Sie überließen es uns, ihren nächtlichen unlöschbaren Durst zu bewundern. Aber die eigentlichen Wunder sollten wir nicht in Aegypten und unterwegs, sondern im Lande selbst bestaunen. Da tauchten zwischen wohigepflegten Feldern und Hainen Stationen auf, die hebräische Namen trugen, da kamen Zugführer, die höflich auf Hebräisch die Fahrkarten erbaten, da waren Bahnhofsvorstände, die be-ibrith antworteten. Mindestens zehn Sprachen sprachen wir zusammen. Nur diese eine nicht. Und mein Freund, der Berliner, wurde stumm, ganz stumm, teils aus Sprachunkenntnis und teils aus Scham (denn er fand nicht einmal die deutsche Sprache). So waren wir 3'4 Gojim in jüdisches Land geraten. Hebräisch sprachen wie in einem Märchen, der Kofferträger und der Kutscher, der Kellner und der Syphonhändler und alle bis zum kleinsten Jungen hätten sogar deutsche Rabbiner verlegen machen können. Der Leser staunt, daß hier von Limonadenverkäufern die Rede ist, aber der Palästinakundige lächelt in glücklichem Sich-erinnern. Denn was wäre Tel-Awiw ohne seine Limonadenständer? Wanderer, der du nächtlich die Herzlstraße oder die Allenby- Allee entlang gehst, erschrick nicht, wenn dir ein bunter Lichterkranz verführerisch 1001 Nacht oder gar einen Lunapark vorspiegelt. Nein, es ist nur der Stand eines jungen Mannes, der air aus irgend welchen Gazeuseti, mit geheimnis- *) Der erste Brief erschien in Nr. 56 des vorigen Jahrgangs. In vischen kam der Kongreß und dann hat Rauminangel den Abdruck der Fortsetzung verzögert. Wir glauben, daß anläßlich der neuen Touristen-Saison dieser Touristenbrief wieder aktuell ist. vollen Apparaten, eine Brause zusammeumischt. Es ist nur der lichterschein von roten, blauen, grünen elektrischen Lampen, die dir den Weg weisen, Wo in einer Oase herrlichster Citronensaft kredenzt wird. ln Tel-Awiw wandert man durch eine neue Welt jüdischer Arbeit. Baustellen soweit das Auge blickt. Baustellen rings herum. Alle die Straßen hinauf und hinunter. Hunderte, Aberhunderte. Da waren wie zu Esras Zeiten die Maurer und Zimmcrleute am Werk; dazu kamen moderne Schlosser, Glaser. Kamelkarawanen schritten durch das Gewimmel. Ziehleute stellten Betten in die Parterreräume, wo Türen und Fenster noch fehlten; und wo erst das Obergeschoß in Angriff genommen wurde, kochte Madame unten bereits das erste Mittagbrot. Daß jeder Td-Awiwer am Schabbes sein Huhn im Topf hat, glaube ich nicht. Es wird wohl auch hier mancher sein Brot mehr mit Tränen als mit Butter essen. Aber das jüdische Volk in Palästina, das wir 1925 antrafen, hatte eine ändere Struktur als das zwanzig Jahre vordem. Es war produktiver, aufbauender, gestaltender geworden. Und wenn 20 Jahre vorher der Kaufmann und der Uhrmacher, der Schneider und Schuster den neuen Jischuw gegenüber dem Chalukajudcn Jerusalems, Safeds und Hebrons darstellte, so waren jetzt die 7000 Arbeiter Jaffas, die Leute, die eine Stadt atifbauten, der Typus, den man ehedem noch nicht gekannt hatte. Und um ihretwillen konnte man aucli die Herren Spekulanten, die aus Warschaus Nalewki gekommen sind, mit in den Kauf nehmen und die Tausende, die als Frisöre, Händler, kleine Gewerbetreibende ihr Leben fitsten. Da ich vor knapp zwei Jahrzehnten in dem schmutzigen Jaffa wohnte, stand kein Stein von Tel-Awiw, das Stadthaus, das vor etlichen Jahren gebaut, ist längst zu klein, weit endlos dein Meere lang dehnten sich bereits die Straßen und Häuserviertel. Als etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein deutscher Jude die Besiedlung Palästinas durch die Juden vorschlug, wagte er nicht, seinen Namen auf die phantastische Broschüre zu setzen. Und jetzt gab es bereits eine jüdische große Stadt, eine rein jüdische Stadt, ein Zentrum jüdischen Lebens und jüdischer Kultur. Inzwischen haben wir uns die hebräische Tageszeitung Haarez gekauft und in einem der Cafe'häuser niedergelassen. An uns flutet der Verkehr vorüber. Juden aus aller Herren Länder, aus allen Erdteilen, und sogar aus unserem Stammorte inj Berliner Westen, wo die unnütze jeunesse dorie die Noch ein ״Schulbeispiel“ Am 2. Februar haben wir unter der Ueberschrift ״Ein Schulbeispiel“, noch lange vor Mussolinis und Stresemanns Reden, auf die eigentümliche Lage der Deutschen in Südtirol und auf die Haltung der deutschen Oeffentlichkeit in dieser Sache hingewiesen. Zum ersten Mal hat das deutsche Volk am eigenen Leibe gespürt, was es bedeutet, wenn der Staat von einer Minderheit, die auf seinem Gebiete lebt, fordert, daß sie ihre Eigenart aufgebe und sich der Mehrheit in jeder Beziehung an passe, widrigenfalls sie im staatsbürgerlichen Sinne nicht als voll betrachtet werden könne. Die deutsche Oeffent■ lichkeit forderte einmütig für die Südtiroler Volksgenossen das Recht freier nationaler Entwicklung und der Pflege des kulturellen Zusammenhanges mit dem ganzen Deutschtum. Gleichzeitig wurde versichert, daß die italienische Souveränität über dieses Gebiet streng respektiert werden soll. Deutschland forderte also, daß in Italien alle Staatsbürger vollberechtigt sind, ungeachtet ihrer nationalen oder bhitmäßigen Zuge* hörigkeit. Dies nahmen wir zum Anlaß, um die Lage der Juden in •Deutschland zu besprechen. In einem solchen Moment, wo durch Erfahrungen am eigenen Leibe die starre Auffassung der Machtsphäre des Staates gegenüber seinen Bürgern erschütfert wurde, mußte das deutsche Volk auch für die Juden* frage Verständnis haben. Denn trotz aller Verschie* den 11 eiten, die wi ,־ genau kennen, besteht doch die Tatsache, daß die Juden eine Minderheit mit besonderen kulturellen, religiösen und anderweitigen Interessen sind, daß sie den Anspruch auf Verbundenheit mit ihren nicht in Deutschland lebenden Stammesgenossen bewahren und aus diesem Zusammenhang ideelle Kraft ziehen. Wenn nun, so sagten wir, die Deutschen mit vollem Recht für ihre Südtiroler Volksbrüder volle Gleichberechtigung im italienischen Staate und außerdem ungeschmälertes Recht auf Pflege ihrer nationaien Eigenart beanspruchen, wenn Stresemann von der Gleich* berechtigung der ״Staatsbürger fremden Blutes“ spricht, dann war hier eine Gelegenheit, argumenta a majore ad minorem zu demonstrieren, daß auch die Juden, die viel weniger fordern als die Südtiroier Deutschen, in Deutschland Ansprudi auf volle Gleichberechtigung haben. Nach unserer Auffassung hat jede nationale Minderheit diesen Anspruch, umso mehr die Juden, die in Deutschland nicht einmal die Merkmale einer ״nationalen Minderheit“ haben. Es geht hier nicht um nationale Minderheitsrechte, sondern um die Forderung der Gleichberechtigung. Wir haben diesem entscheidenden Problem mehrere Aufsätze gewidmet und nachgewiesen, daß sogar die demokratischen und liberalen Organe in Deutschland, die für Gleichberechtigung einzutreten meinen, in Wirklichkeit das Gegenteil tun, da sie mit der Prokiamierung der Gleichberechtigung die Forderung auf Verzicht der Pflege der eigenen Güter verbinden. Wir glauben, daß wir damit für alle deutschen Juden gesprochen haben, die ihr Judentum Hochhalten und die Auffassung ablehnen, daß das Entreebillet in die europäische Kultur durch Abstreifung oder zumindest durch Verbergen des Judentums bezahlt werden muß. Was aber geschieht? Die C,-V.-Zeitung, das Organ also jenes Vereins, der tSte dfc Gleichberechtigung der Juden in Deutschland zu klnjplef» vorgibt, bringt in ihrer Nummer vom 26: Februar einen Leitartikel von Dr. Bruno Weil, der sich gegen die Ausführungen der ״Jüdischen Rundschau“ vom 12. Februar wendet und wieder einmal versichern zu müssen glaubt, daß sich die Juden als ״Deutsche der Nationalität nach“ empfinden. Mit anderen Worten: Herr Dr. Weil gibt implicite zu, daß diejenigen Juden, die anders empfinden, nicht als volle Staatsbürger betrachtet werden können. Er ist deutscher als Stresemann, mussolinlscher als Mussolini. Die Bemerkung Stresemanns über ״deutsche Staatsbürger fremden Blutes“ ist ihm offensichtlich peinlich, und er erklärt, daß es den Begriff des deutschen Staatsbürgers jüdischen Blutes nicht gibt. Dr. Weil weist als Gegenbeispiel zu Südtirol auf das Elsaß hin, vergißt aber zu erwähnen, daß elsässisclie Juden, die Mitglieder des C.-V., also ״der Nationalität nach Deutsche“, waren, innerhalb weniger Tage nach dem Herrschaftswechsel bereits sich als begeisterte französische Patrioten deklarierten, daß also die Nationalität höchst veränderlich ist, wenn man die Zeit mit Projekten verbrachte. Ganz prosaisch sind diese Cafegrößen geworden, einer betreibt Milchwirtschaft, ein zweiter baut Häuser und einen traf ich Hosen- und Hemdenknöpfe verkaufen. Ein Freund, der in Berlin ein Hutgeschäft besaß, war hier Oberkellner geworden. Was man nicht alles für Ueberraschungen erlebte, der Uhrenhändler aus der Wilmersdorfer Straße saß in einer Kolonie und ein Berliner Arzt und Lyriker organisierte die Tabakpflanzung. Selbst aus dein verlästerten Bar-Kochba gab es Palästinapioniere und Ahlem stellt 30 Mann, die im Gartenbau und i:1 der Landwirtschaft tätig sind. Vom Kartell jüdischer Verbindungen sind es bereits über 100, die in Palästina leben und die tüchtigen Möbelbauer und Elektrotechniker vom Blau-Weiß, die Siedler von Markenhof im Emek, Blau-Weiße, J. J.W. B.’r, Alte Herren vom Herzl-Klub usw. stellen das Hauptkontingent der deutsehen Juden. Hebräisch lernen sie allerdings oft spät und manche können Arabisch, aber kein Hebräisch. Palästina hat das Bild des Juden gewandelt. Die Männer sind abgebräunt, meist in leinene Anzüge gekleidet, vielfach muskulös, gut gebaut, die Kinder frisch und auffallend häufig blond, ich fürchte sogar, daß irgend ein Rasseforschcr beweisen wird, daß das germanische Element im jüdischen Volke hier seine Auslese findet, während das semitische im Golus zurückblieb. Sind doch in einzelnen Kolonien über 50”ö der Kinder hellfarbig. — Zu eingehenden Rassestudien reicht nicht die Zeit. Mir fiel nur auf, daß die Samaritaner, die 2300 Jahre ziemlich bestimmt Inzucht treiben, keinen einheitlichen Typus darstellen. Viele von ihnen hätte ich für Araber angesprochen, die rothaarigen Kinder, die ich unter den 2 bis 3 Dutzend Schülern antraf, erinnerten stark an alt jüdische Kinder, Die 2300 Jahre dauernde Inzucht hat also keinen geschlossenen Rassetvpus hinterlassen, so scheint die Vererbung noch immer auf frühere Typen zurückzugreifen. Nicht nur der Mensch, auch die Stadt Tel-Awiw erinnert nicht mehr an das Ghetto. Ein Ort von Sauberkeit und Ordnung. Das frische Wasser ist da und das elektrische Licht, der Autoverkehr, die modernen Geschäfte, Postämter, Banken, Büros, Fabriken. Für den modernen Europäer, der es zum erstenmal besucht, muß Tel-Awiw nicht immer einen besonderen Eindruck machen. Aber wer vor 20 Jahren hier weilte, kennt sich wirklich nicht mehr aus. Tel-Awiw ist hier der Beweis, daß der Zionismus verwirklichbar ist. Felix A. T 11 e i 1 h a b c r.