Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 17 (2.3.1926)
- Date
- 1926-03-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr.דו JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite ifl Zionismus und Orthodoxie Elle kritische Betraehtmg Von Dr. Nathan Metzer (Lemberg). I. Die von der AgudaJi geführte und beeinflußte Orthodoxie hat in den letzten Jahren bedeutende Erfolge zu verzeichnen. Es wäre nutzlos, diese Tatsache etwa verschleiern zu wollen. Es gibt kein von Juden bewohntes Land und kein Gebiet jüdischen Lebens, in welchen die Wirkung und der Einfluß der Agudah sich nicht geltend gemacht hätte. Die Agudah hat cs verstanden, aus der dumpfen, amorphen, orthodoxen Masse einen bestimmte politisch-kulturelle Ziele verfolgenden Organismus, dem eine bedeutende sozialdynamische Kraft innewohnt, zu formen. Es mag für manches zionistische Ohr unangenehm sein, all das feststellen zu müssen. Zti sehr waren wir in den letzten Jahren daran gewöhnt, von innen- und außenpolitischen zionistischeu Erfolgen zu hören, uni jetzt in aller Kaltblütigkeit die neuen Kräfte, welche sich im Judentum gegen den Zionismus organisieren, in ihrer Bedeutung rechtzeitig zu erkennen. Dennoch wäre es zwecklos, die Wucht der orthodoxen Offensive leugnen zu wollen. Ihre erfolgreiche Niederringung hängt nur von der klaren Erkenntnis ihrer Kraft und ihrer sozial-psychologischen Machtquellen ab. Nur eine Vogel- Strauß-Politik könnte die hieraus zu ziehenden Lehren außer Acht lassen und weiter in passiver Beharrlichkeit neuen Niederlagen entgegensehen. II. Eine erschöpfende Analyse sämtlicher geistigen und soziologischen Faktoren, welche das Wachstum der ״Agudah“ herbeigeführt haben, kann selbstverständlich im Rahmen eines Zeitungsartikels nicht durchgeführt werden. Darum soll hier nur das angeführt werden, was zum Verständnis unserer Schlußfolgerungen notwendig erscheint Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Schwergewicht der religiösen Tradition von der ״Agudah“ in einer geschickten Weise für ihre politischen Zwecke aasgebeutet wird Die religiöse Losung hat noch immeT — auch im jüdisch-politischen Wien — eine bedeutende Zugkraft. Das Anwachsen einer, die jüdische Religion in ihrem Schilde führenden Bewegung kann niemanden, der historische Zusammenhänge zu überblicken vermag, wundemehmen. Der nationale Charakter der jüdisehen Religion, das Pathos des religiösen Martyriums, die die Volksphantasie beflügelnde Macht der religiösen Symbolik — diese und eine ganze Reihe anderer im historischen Bewußtsein des Volkes verankerter Phänomene sichern nicht nur das hohe Ansehen der Träger der jüdischen Religion, sondern auch den Erfolg gewisser konfessionell orientierter, machtlüsterner, im jüdisch-politischen Leben agierender Gruppen. Aber abgesehen von diesen objektiven historisdien Kräften muß festgestellt werden, daß die Burgfriedenspolitik, welche die Zionistische Organisation und Presse in den beobachtet hat, Zweifellos aÜr EÄtarkttig der- Agudah und ihrer Schfapcraft beigetragen hat Die Ursachen, welche für diese Burgfriedenspolitik bestimmend waren, sind recht mannigfaltiger Natur. Zunächst war es das Verantwortungsgefühl für das Gelingen des Aufbauwerkes, welches den Kampfton der Agudah gegenüber dämpfen ließ. Die Schwere der in Palästina zu vollbringenden Aufgabe hat den Gedanken einer Kooperation mit anderen jüdischen Gruppen heraufbeschworen. Als NiederscMag dieser Stimmungen entstand der Plan für die Er- Weiterung der Jewish Agency. Und so träumte man auch von einer Inkorporierung der Agudah in den Organisationsrahmen der Agency. Mitten in einer solchen politischen Atmosphäre konnte man schwerlich einen Kampf gegen die Agudah aufnehmen. Und so ließ man sie in allen Ländern und auf aßen Fronten des jüdischen Lebens gewähren und ihre Kampfbatailfone ungestört sammeln. Aber nicht nur rein taktische Erwägungen riefen diese Haltung breiter zionistischer Kreise der Agudah gegenüber hervor. Es spielen hierbei auch Grunde ideologischer Natur miti Es hat sich im zionistischen Lager eine bewußte und unterbewußte Annäherung an die Denkweise der konfessionell orientierten jüdischen Gruppen vollzogen. Man begann zunächst die Orthodoxie als positiven jüdischen Faktor zu werten. Aus diesen Gedankengängen heraus wuchs der Misrachi und sein Einfluß ln der zionistischen Weltorganisation. Bis tief in die Reihen der allgemeinen Zionisten herrschte ein sonderbarer Respekt nicht nur vor den berechtigten religiösen Postulaten, sondern selbst vor Machtforderungen klerikaler Kreise, welche das gesamte jüdische Leben unter ihre Obhut zu nehmen sich anmaßten. Aber nicht nur bewußte Erwägungen führten zu dieser Stellung dem orthodoxen Lager gegenüber. Es vollzog sich . noch überdies unbewußt im zionistischen Lager etwas, was ich als die ideologische Demobilisierung des Zionismus bezeichnen möchte. III. Die innere Kraft einer Bewegung hängt in hohem Maße von der Entschlossenheit, mit der sie ihre zentrale Idee vertritt, ab. Je absoluter sie ln dem Kampf um die Reinheit ihrer Idee auftritt, um so geschlossener und aktionsfälliger sind ihre Reihen. Nur eine Bewegung, welche unaufhörlich bemüht ist, ihre ideologischen Prinzipien in aller Schärfe zu formulieren und herauszuarbeiten, kann mit Aussicht auf Erfolg den Kampf um die Seele des jüdischen Menschen bestehen. Es muß festgestellt werden, daß die zionistische Bewegung ln den letzten Jahren in dieser Beziehung vieles versäumt hat. Das zionistische Denken dieser Jahre war ganz von den Aulbauproblemen erlaßt. Die Erörterung der kulturpolitischen Ziele des Zionismus stand im Hintergrund. Die zionistische Theorie der Nachkriegsjahre weist eine auffallende Armut an neuen, schöpferischen Ideen auf. Unwillkürlieh sucht sie — wie noch später zu zeigen sein wird Anlehnung an einen Standpunkt, der im Zionismus einst als überwunden galt. Das Interesse für theoretische Pro- Meine ist Im Zionismus in den letzten Jahren verblaßt. Man gewöhnte sich, zionistische Grundfragen vom Au^enblicksstandpunkte zu behandeln. Mit Geringschätzung blickte man auf jene, welche den Versuch machten, die Diskussion über zionisflsche Streitfragen auf das Niveau einer prinzipiellen Auscinandersetzung emporzuheben. Leider mißlang dieser Versuch in den meisten Fällen. Man ging bewußt oder unbewußt einer theoretischen Zuspitzung jeder Frage aus dem Wege. Die sogenannte ״Staatsräson“ siegte über das Bedürfnis nach intellektueller Reinlichkeit und Gewissenhaftigkeit. Diese Analyse bezieht sich in der Hauptsache auf die Zustände im osteuropäischen bzw. polnischen Zionismus. Es mag sein, daß in Deutschland die Lage weniger trostlos ist. Aber gerade diese Vulgarisierung des osteuropäischen Zionismus hat zur Folge gehabt, daß das Zentrum des zionistischen Denkens sich westwärts, hauptsächlich nach Deutschland verschoben hat. Dieser letztere Umstand ist nicht ohne Einfluß auf die Entwicklung der zionistischen Theorie geblieben. In Deutschland fehlen alle Attribute lebendiger jüdischer Wirklichkeit, mit welchen das osteuropäische jüdische Leben so reichlich ausgestattet ist. Es gibt in Deutschland kein jüdisches Leben im ethnologischen Sinne dieses Wortes. Damm bedeutet in Deutschland, wie übrigens in ganz Westeuropa, aktives Bekenntnis zum Judentum vor allem ein Sichbcsinnen auf das Innenleben, eine sublimierte Analyse allcrpersönlichster, seciischer Inhalte. Aktives Bekenntnis zum Judentum zwingt denknotwendig zur begrifflichen Formulierung seines Wesens. In Osteuropa ist das Judentum nicht bloß ein Ritus oder eine Summe von religiösen Geboten, sondern auch eine durch profane Merkmale gekennzeichnete Volksgemeinschaft. Die jiddische Sprache verleiht dort dem jüdischen Gemeinschaftsleben noch immer ihren Stempel. Das jüdische Volks- Iied weckt noch immer die zartesten Untertöne in der Seele des osteuropäischen jüdischen Menschen. Jüdische Volksgebrauche bilden noch immer den Rahmen, in welchem das jüdische Volksleben Osteuropas sich abspielt. Darum empfindet auch der osteuropäische Jude sein Judentum als eine lebendige Wirklichkeit, als ein objektives, auch außerhalb seines Ichs wahrnehmbares sozial-biologisches Phänomen. Der moderne osteuropäische Jude braucht darum keine metaphysischen Kategorien zu benutzen, um das Wesen seines Judentums zu formulieren. Für ihn bedeutet Judentum nicht nur ein Problem des Inhaltes, sondern auch der Art. Ihn interessiert die Form mehr als die Idee des Judentums. Des Westjuden Bekenntnis zum Judentum hingegen ist sehr oft bloß ein Akt ,,der Pietät für die Pietät“. Für ihn ist das Judentum keine Lebensform, sondern im besten Falle —- eine Lehre. Darum faßt er die Frage über das Wesen des Judentums als ein historiosophisches Problem, als eine Frage über den Sinn und den Ideengehalt des Judentums auf. Darum muß der westeuropäische Nationaljude zu einer metaphysischen Idee greifen und sie als den zentralen Gedanken des Judentums hinsteilen, um so eine ideologische Basis für seine Zugehörigkeit zum jüdischen Volke zu gewinnen. Für ihn ist die Zugehörigkeit zum Judentum ein intellektueller Akt und nicht eine sozialbiologische Tatsache. Judentum ist für ihn nicht so sehr ein seiendes Volkstum, als eher eine zu vollbringende Aufgabe, welche die Realisierung einer bestimmten sozial-philosophischen Idee involviert. Diese geistige Einstellung des westeuropäischen jüdischen;';Int^fe^prtin ,41al...äud**«te»e,» Abfärbung •In 'der zionistischen Theorie gefunden. Männer wie Buber, Brod, Felix Welfsch u. a. suchten nach einer Inhaltlichen Formulierung des Sinnes des jüdischen Nationalismus. Es galt, seine sozial-ethische Berechtigung zu beweisen und ihn von den nationalistischen Bewegungen anderer Völker abzugrenzen. Darum bemühte man sich nach einer inhaltlichen Verknüpfung des jüdischen Nationalismus mit den großen Erlösungsideen der Menschheit. Man suchte, wenn auch tastend und vorsichtig, aber doch deutlich genug, eine bestimmte Sozialphilosophie als die Voraussetzung des jüdischen Nationalismus zu formulieren. Damit aber hat man sich — allerdings nur rein methodologisch — der orthodoxen Problemstellung des Judentums unwillkürlich genähert. Die Orthodoxie bekämpft die Anschauung, wonach das Judentum vor allem eine durch formale sozial-biologische Merkmale gekennzeichnete Volksgemeinschaft sei. Sie neigt der Auffassung zu, daß das Judentum eine transzendentale Idee sei. Für die Orthodoxie sei die Lehre vom Wesen des Judentums ein Problem der Metaphysik. Die Orthodoxie lehrt, daß das Judentum eine inhaltlich klar determinierte, sozialreligiöse Idee sei. Ebenso ist für die westlichen zionistischen Theoretiker das Judentum ein Inbegriff bestimmter sozial-ethischer Ideen. Es sind die letzten Mcnschheitsziele, welche der Kreis um Buber mit dem Wesen des jüdischen Nationalismus immanent verknöpft haben will. Diese Problem- Stellung hat mit der Orthodoxie den gemeinsamen Ausgangspunkt, daß sie das Judentum als ein Gefäß zur Realisierung einer bestimmten Idee ansieht. Immerhin soll nicht geleugnet werden, daß zwischen der ncuziotiistischen Auffassung und derjenigen der Orthodoxie eine erhebliche Kluft besteht. Für die Orthodoxie ist die Idee des Judentums etwas Statisches, Gewordenes, Unabänderliches. Für die neuzionistischen Theoretiker dagegen ist sie etwas Dynamisches, Werdendes, ein aus der geschichtlichen Entwicklung herauswachsendes Gebilde. Aber die Intellektualisierung der Ideologie des jüdischen Nationalismus bedeutet zu mindestens eine Ab- Schwenkung von der ursprünglichen klassischen Doktrin des Zionismus, welcher einst schmerzlich die übertriebene Geistigkeit des Judentums empfand, und sie als einen Ausfluß anormaler soziologischer Zustände ansah. Einst bedeutete Zionismus Kampf um die Basientng des Judentums auf objektive, jenseits aller Metaphysik liegende Kategorien. Einst war der Zionismus voll Sehnsucht nach der Objektivierung des jüdischen Lebens, nach seiner Befreiung von geistigen Ketten, Dogmen und apriorischen Theoremen. Darum war es auch kein Zufall, daß der Zionismus die Wiederverwurzelung des jüdischen Volkes auf seinem historischen Boden und die Neubelebung seiner nationalen Sprache in den- Mittelpunkt seiner Theorie gestellt hat. Land und Sprache sind eben die objektiven Merkmale einer jeden Nation. Land und Sprache bilden eben den sozial-biologischen Leim eines jeden Volkes, Sie sollten darum auch für die jüdische Gemeinschaft zurückgewonnen werden. Im Zionismus lebte einst die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Säkularisation des Judentums. Das Judentum sollte cntkonfessionallsiert und verweltlicht werden. Der Zionismus lehnte die Festlegung des Judentums auf einen bestimmten konkreten Inhalt ab. Nicht als ob der Zionismus überhaupt gegen das Geistige im Judentum gerichtet wäre. Wohl aber wendet er sich mit aller Kraft gegen jeden Versuch, das geistige jüdische Leben unter irgend eine konfessionelle Zensur zu stellen oder die geistige Freiheit im Judentum zu knebeln. Im Lichte der zionistischen Theorie waren als Hauptkomponenten des jüdischen Volkstums nicht irgend ein sorial-phiiosophischer Inhalt oder irgend welche religiöse Idee des Judentums, sondern bloß der besondere Rhythmus des jüdischen Geistes und die derzeit noch atrophische nationale Form des jüdischen Lebens anzusehen. Darum widersetzt sich auch der Zionismus schroff jedem Versuch, die Zugehörigkeit zum Judentum von dem Bekenntnis zu irgend einer religiösen oder sozial-ethischen Idee abhängig zu machen. Ke Teilnahme an der jüdischen Gemeinschaft sei für den Zionismus kein religiöser Akt sondern eine sozialbiologische Bindung. Und es war auch sicherlich kein Zufall, daß die Orthodoxie sich vom ersten Moment an dem Zionismus feindlich gegenüberstellte. Ke Orthodoxie empfand instinktiv, und nicht mit Unrecht, den Zionismus als ihren Todfeind, als eine neue Kraft im Judentum, welche geeignet war, die Machigrundlngei der jüdischen Klerikalismus erheblich zu erschüttern. Darum kan n ls auch keinen dauernden F rie - den zwischen Zionismus und Orthodoxie geben. Wohl vermag die Orthodoxie — so paradox dies erscheinen mag ״ine gemeinsame Sprache selbst mit dem assimilatorischen Liberalismus zu finden, weil beide Riehtungen von der Religio« des Judentums, von seiner Lehre ausgehen. Kr zwischen ihnen bestehende Unterschied ist bloß ein gradueller. Dagegen ist die Kluft zwischen Orthodoxie und Zionismus eine tiefere, weil eine prinzipielle. Der Zionismus geht nicht von der Lehre, sondern vom Leben des Judentums aus. Seine Methode ist nicht die metaphysische Spekulation, sondern die sozial-ökonomische Analyse der jüdisehen Wirklichkeit und die kulturhistorische Kritik der jüdisehen Geistesgeschichte. Darum war es die geschichtliche Aufgabe des Zionismus, sowohl mit der Assimilation als auch mit der Orthodoxie den Kampf auf allen Fronten des jüdischen Lebens aufzunehmen. Der Kampf gegen die Assimilation hat seinen Höhepunkt bereits überschritten. Wohl ist die Assimilation als soziologischer Prozeß in der Diaspora unvermeidlich. Aber als politische Bewegung ist Sie — zumindest in Osteuropa — so gut wie liquidiert. Ganz anders die Orthodoxie. Sie stellt noch ungebrochen da. Ihr gegenüber hatte der Zionismus dieselbe Mission zu erfüllen, weiche einst die viel gelästerte rationalistische Haskala auf sich nahm. Es galt einst den Kampf mit dem klerikalen Obskurantismus auf allen Flächen und Winkeln des jüdischen Lebens auszufechten. Ke ersten Haskala-Leute führten diesen Kampf, der einst ein wahres Martyrium war. Freilich schwebt in der ganzen antirabbinisehen Haskala-Literatur (Erter, Brandstädter usw.) ein rationalistischer Grundton, der unserem modernen Empfinden nicht mehr entspricht. Aber dennoch leisteten diese Männer Pionier- Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes. Vor mehr als einem halben Jahrhundert lebten fast in jedem osteuropäischen Stadtchen einsam dastehende Moskilim, welche gegen eine Welt von feindlichen Fanatikern für die Freiheit des Gedankens im Judentum zu kämpfen wußten. Diese Leute haben auch die kulturhistorische Voraussetzung für das Wachstum des Zionismus in Osteuropa geschaffen. Und heute? Heute ließ sich das Lager, wetehes tir die Freiheit des Gedankens im Judentum kämpfen müßte, in die Defensive drängen. Ke offiziellen Kreise des Zionismus suchten einen taktischen Ausgleich mit der Agudah herbeizuführen. Ke zionistische Publizistik vermied ängstlich jeden Hinweis auf die säkularisierenden Tendenzen des Zionismus. Man wollte keine Zuspitzung des Gegensatzes zwischen Zionismus und Orthodoxie hervorrufen. Und so hat sich allmählich die ideologische Demobilisierung des Zionismus vollzogen. Man verlor beinahe gänzlich aus den Augen die kulturpolitischen Aspekte der zionistischen Bewegung. IV. Ke Folgen dieser Entwicklung kennen wir bereits zur Genüge. Sie haben eine erhebliche Erstarkung der Agudah herbeigtführt. Würde sich der Angriff der Orthodoxie bloß auf dem Gebiete des Geistigen abspielen, so könnte man ihn vielleicht unbeachtet lassen. Ke nimmermüden Friedensapostel würden In diesem Falle sich vielleicht berechtigt fühlen zu erklären, daß die national-politischen Interessen der Nation eine Integrierung aller Volkskräfte statt deren Zerfleischung durch einen Kulturkampf erheischen. Aber leider ist der jüdische Klerikalismus genau so unersättlich und machtgierig, wie der Klerikalismus aller anderen Völker. Die Orthodoxie will auch in den profanen, ungöttlichen Dingen mit entscheiden. Der jüdische Klerikalismus reklamiert für sich nicht nur die Domäne des Glaubens, sondern auch die der Politik und der Wirtschaft. Er will die Herrschaft der irdischen Sendboten Gottes auf allen Gebieten des jüdischen Lebens aufrichten. Und diese Tendenz bildet wohl eine eminente, nationale Gefahr. Sie verlangsamt den Entwicklung®- prozeß der werdenden jüdischen Nation, weil sie die freie Entfaltung der im Schoße des Judentums lebendigen Kräfte zu verhindern vermag. V. Kam» der Zionismus diesen Lauf der Entwicklung passiv gewähren lassen? Es wird wohl keinen Zionisten geben, der diese Frage bejahte. Der Zionismus muß sich aufraffen und der Orthodoxie einen Riegel vorschieben. Ke zionistische Theorie muß wieder auf ihre Anfänge zurückgreifen und klar die Tendenz des Zionismus zur Säkularisation des Judentums und zur Objektivisierung der Phänomenen des jüdischen Lebens formulieren. Ke Orthodoxie kann nur dann erfolgreich bekämpft werden, wenn unaufhörlich in ihren gedanklichen Unterbau hineingehämmert wird. Es soll kein Kampf gegen die jüdische Religion sein. Der Kampf gilt bloß dem Versuche, die jüdische Religion zu politischen Zwecken zu mißbrauchen. Aber nicht nur auf dem Wege theoretischer Auseinander- Setzungen soll der Kampf gegen die Orthodoxie geführt werden. Es gilt diesen Kampf auch mit politischen Mitteln zu betreiben. Vor allem muß die Politik der zionistischen Vertreter in den Kuitusgemeinden einer gründlichen Revision unterzogen werden. Der Kampf für die Verweltlichung der Judengemeinden muß zur vornehmsten Aufgabe der zionistisehen Repräsentanten werden. Jeder Versuch zur Verbreiterung der Kompetenz der Rabbiner auf außerreligiöse Knge muß im Keime erstickt werden. Ke zionistische Propaganda muß unaufhörlich bemüht sein, die moralische Unzulässigkeit einer Verquickung von Religion und Politik nachzuweisen. Es muß der großen Masse des Volkes gegenüber betont werden, wie robust und brutal die patentierten Sachwalter der