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Jüdische Rundschau · 1926-02-23 · Heft 15 (23.2.1926) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 15 (23.2.1926)
Date
1926-02-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 110 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. tS Schuldebaffe in der Aus der Rcpräscntantcn-Versam in 1 u 11 g vom 17, Februar 1926. Von unserem Berichterstatter. Die Frage der Errichtung jüdischer Schulen, die schon in der vorigen Sitzung den wesentlichsten Teil der Debatte in Anspruch nahm, bildete diesmal den Hauptteil der Erörterungen. Die Grundlage bildete ein Antrag der Jüdisehen Volkspartei, bei den städtischen Behörden die Umwandlung zweier städtischer Gemeindeschulen in jüdische Gemeindeschulen zu beantragen. Die Ablehnung dieses An• trags durch die liberale Mehrheit im Vorstand erschien zweitellos. Kurz vor Beginn der Sitzung wurde bekannt, daß der Gemeindevorstand ein Kompromiß gefunden hatte. Es lag ein Antrag von ihm vor, an den beiden Mittelschulen der Gc* rneinde, der Knabenschule und der Mädchenschule, neue Klassen für Knaben und Mädchen mit dem für Volksschulen gültigen Lehrplan einzurichten. Die Einrichtung soll so beschleunigt werden, daß in die unterste Klasse schon zu Pessach 1926 Schüler und Schülerinnen aufgenommen werden können. Dieser Antrag des Gemeindevorstandes machte sich also die Forderungen der Volkspartei zu eigen, die sich in einem eigenen Anträge mit dem Inhalt des Vorstandsbeschlusses einverstanden erklärt hatte. In der Beratung des Vorstandsantrages nahm Dr. Klee für die Volkspartei das Wort, um die grundsätzliche Stellung der Partei zur Schulfrage darzufegen. Die Stellungnahme der Volkspartei sei diktiert von rein jüdischen Interessen. Die Volkspartei verlange programmatisch und unzweideutig die Errichtung jüdischer Schulen. Diese Forderung erhebe sie unabhängig davon, ob im Deutschen Reiche die Simultanschule oder die konfessionelle Schule gelte. Denn nur in der jüdischen Schule werde die Erziehung zu jüdischen Menschen verbürgt. Demgemäß verlange die Volkspartei außer der jüdischen Volksschule die jüdische Mittelschule und die jüdische höhere Schule. Der Geist der Zeit dränge auf Erfüllung des klaren Schulpiögramms der Volkspartei. Jüdische höhere Schulen bestehen bereits in mehreren Städten Deutschlands und aüch der Berliner Gemeinde könne es nur dienen, wenn sie das Beispiel der anderen deutschen Gemeinden nachahme. Die Volkspartei wisse, daß sie heute noch wegen ihres Schulprogramms vielfach angegriffen werde. Von morgen an werden auch die Liberalen diese Angriffe mitzutragen haben, denn sie haben der Errichtung zweier jüdischer Volksschulen zugestimmt. Dabei sei es ohne Belang, aus welchen Gründen die Liberalen zu ihrer Zustimmung gekommen seien. Man habe der Volkspartei vorgeworfen, daß sie die Errichtung jüdischer Schulen erstrebe, um in diesen Schulen zionistische Propaganda zu treiben. Nichts sei törichter a}s dieser Vorwurf, niemals habe jemand die Errichtung ״zionistischer“ Schulen verlangt. Seine Freunde seien sich allerdings klar darüber, daß eine Schule, die ihren Lehrplan aufbaue auf den Bedürfnissen jüdischer Kinder, aus sich heraus zu einer Bejahung jüdischen Volksturas gelangen werde. Die Verfechter der jüdischen Schule wünschen selbstverständlich, daß die Schule ihren Schülern auch alle deutschen Kulturgüter in reichstem Maße zuteil werden lasse. Die kulturelle Vertiefung, die Pflege der Gesinnung, werde an einer jüdischen Schule nicht anders sein als in den anderen Schulen in Deutschland. Das Besondere an ihr w*!rde sein, daß sie darüber hinaus die jüdische Eigenart gTlegea’!kSnte# daß •«-־ihr die־*jüdische' Geschichte und׳ die ebraiÄe Sprache einen unvergleichlich anderen Raum einnehmen vteraen, als an jeder anderen Schule. Mit zwei Stunden Religionsunterricht in der Woche allein erziehe man keine jüdischen Menschen. Dazu gehöre die ganze universale Be- Ziehung zum Judentum, dazu gehöre ein Lehrkörper, der abgestimmt sei auf den hohen Beruf der jüdischen Erziehung. Wenn die Liberalen gesagt haben, die Knabenschule der jüdischen Gemeinde sei Geist von ihrem Geiste, dann werde niemand begreifen, warum sie nicht zwanzig solcher Schulen eingerichtet haben. Mit Freude stelle er fest, daß nach dem Ergebnis der heutigen Beratungen die Gemeinde Berlin neben der eigenen Knaben- und Mädchen-Mittelschule zwei eigene Volksschulen* für Knaben und Mädchen haben werde. Mit diesem Ergebnis sei Bresche gelegt in das bisherige liberale Prinzip, beginne der Rückzug der Liberalen von ihrer verhängnisvollen Schulpolitik. Vom morgigen Tage an werde es in Berlin vier jüdische Schulen geben. Wenn die Liberalen behaupten, daß sie der Errichtung der beiden neuen Schulen nur aus Zweckmäßigkeitsgründen zustimmen, so macht sich der Teil der Liberalen, der sich diese Begründung zu eigen macht, abhängig von Gedankengängen, die nicht jüdisch sind. Aber wie auch immer die Begründung lauten möge, für die Volkspartei sei entscheidend die Tatsache, daß die Gemeinde Berlin sich nunmehr entschlossen habe, zwei neue jüdische Volksschulen zu errichten. Der Redner der liberalen Fraktion, Prof. Türk, suchte darzulegen, weshalb die Liberalen sich bisher gegen die Errichtung jüdischer Schulen gesperrt haben und legte dabei ein Bekenntnis ab zur Si m u 11 a n s chu 1 c, die cs bekanntlich in Deutschland bisher nicht gibt. Für die Behauptung, daß die Zionisten die Errichtung zionistischer Schulen erstreben, zog der Redner eine Versammlung der radikalen Zionisten heran. Diese Vereinigung propagiert, wie er sagt, die ״Nationalisierung des Volkes im Galuth“. Nach seiner Meinung habe die Volkspartei auch dieses Programm und danjm müsse die liberale Partei ganz besonders auf ihrer Hut sein. Der Redner der Liberalen glaubt, daß es besonders für die ostjüdischen Kinder besser sei, sie gleich in die allgemeine Volksschule zu schicken, weil sie dort schneller zur Assimilation gelangen. Der Sprecher der Konservativen, Herr M. Loeb, Ist erstaunt, daß die Liberalen kein Wort der Entrüstung gefunden haben, über den Zwang, jüdische Schüler in christliche Schulen zu schicken. Von der liberalen Fraktion proklamiert noch einmal Justizrat Sonnenfeld das Festhalten dieser Fraktion an dem Prinzip der Simultanschule. Nach seiner Meinung seien Staat und Stadt nicht berechtigt, konfessionelle Schulen einzurichten. Daß sie es dennoch tun, scheint ihn wenig zu stören. Er gebe zu, daß jüdische Schüler am meisten sicher an den höheren Lehranstalten unter antisemitischen Angriffen zu leiden haben, Der Redner ist überzeugt, daß die Zionisten bemüht sein werden, ihre Ziele auch in den Schulen zu propagieren. Die Liberalen werden sich in Zukunft gegen die Errichtung jüdischer Schulen wehren, weil sie jede jüdische Schule als ein Uebel betrachten. Die Angriffe der beiden liberalen Redner zwingen den Vorsitzenden der Volkspartei noch einmal das Wort zu nehmen. Der Volkspartei liege jede ״Politisierung“ der Schule vollkommen fern. Uebrigens werde man nicht bestreiten können, daß die Liberalen dort, wo sie die Macht haben, die Kinder in ihrem Geiste beeinflussen. Er könne sich nicht denken, daß jemand so weltfremd sei, um nicht zu sehen, welchen Qualen die jüdischen Kinder in den christlichen Schulen oftmals ausgesetzt seien. Seien denn die Herren von der liberalen Fraktion blind gegenüber alledem, was jüdischen Kindern in Staatliehen und städtischen Schulen von antisemitischen Lehrern angetan werde? Er begreife nicht, wie man daran vorübergegen könne, daß der Jugend die schönsten Jahre vergiftet werden durch antisemitische Angriffe und durch Herabsetzung ihres Selbstgefühls. Sei es denn nicht vollkommen richtig, daß Berliner Gemeinde wir im Grunde isoliert leben, auf uns selbst gestellt seien? Woraus resultiere denn die Notwendigkeit, unsere Kinder durch das sogenannte Stahlbad der Verhetzung gehen zu lassen? Wollen denn die Herren nicht einsehen, daß in einer jüdisehen Schule in freier, vom Judenhaß reiner Luft, viel harmonischere und bewußtere Menschen aufwachseu werden. Indem die Volkspartei ihrem Programm getreu sich zur jüdischeu Schule bekenne, indem sie aus diesem Programm heraus die Erziehung freier jüdischer Menschen erstrebe, die sich verbunden fühlen mit der Tradition ihres Volkes, und verantwortlich für seine Zukunft, dienen sie nicht Zielen einer Partei. Allerdings die Hoffnung habe die Volkspartei, daß die Kinder, die durch eine jüdische Schule gegangen sein werden, zu ihrem Volke anders stehen werden, als ein Teil der heutigen' Generation. Dies werde cintreten, ohne daß man es nötig haben werde, den Kindern in der Schule den Zionismus zu lehren. Die Volkspartei habe zu ihrer Stellungnahme keine anderen Beweggründe, als das jüdische Interesse. Die Schüler jüdischer Schulen werden nicht minder verbunden sein mit deutscher Kultur, als Zögling« anderer Schulen, aber diese Schüler werden die Knechtschaft nicht fühlen, ihr jüdischer Stolz werde nicht geknickt werden durch niedrige Angriffe auf die Geschichte und das Wesen ihres Volkes. In der Ab- Stimmung wird der Antrag auf Errichtung zweier jüdischer Volksschulen für Knaben und Mädchen einstimmig angenommen. Während des letzten Teiles der Debatte war auf der dichtbesetzten Tribüne, auf der sich eine große Zahl von Arbeitslosen versammelt hatte, eine lebhafte Unruhe entstanden, die eine zeitweilige Unterbrechung der Sitzung zur Folge hatte. Dr. Klee, der gerade das Präsidium führte, begab sich auf die Tribüne und trat in Verhandlung mit einer Deputation der Arbeitslosen. Die Forderungen der Erwerbslosen gipfeln in vier Punkten, die sie schon vorher in einem Memorandum niedergelegt haben: Mietunterstützung, Zuschüsse zu der ungenügenden vom Staat und der Kommune gewährten Unterstützung, Rechtshilfe und großzügige Versuche einer Berufsumschichtung. Die von Herrn Dr. Klee abgegebene Erklärung, er verbürge sich dafür, daß diese durchaus gerechten Forderungen Berücksichtigung und — soweit die jüdische Gemeinde dazu nur in der Lage sei — schnelle Beriicksichtigung finden werden, beruhigte die Gemüter, so daß die Sitzung fortgesetzt werden konnte. 111 der Sitzung wurden sodann von allen Parteien, für die Volkspartei durch Herrn Goslar, Erklärungen abgegeben, die den Willen der Gemeinde kund tun, sich der Erwerbslosen in jeder möglichen Weise anzunchmen. Hierbei darf aus Gründen der Objektivität daran erinnert werden, daß die Jüdische Volkspartei schon vor langer Zeit, als die anderen Fraktionen ihr Herz für die Arbeitslosen noch nicht entdeckt hatten, mehrere Anträge mit dem Ziel der Errichtung von Notstandsarbeiten gestellt* hatte. Es darf ferner auch daran erinnert werden, daß die Volkspartei sich in einer der vergangenen Sitzungen gegen die Einsetzung einer Kornmission gesträubt hatte, weil sie darin eine Verzögerung der Maßnahmen zur Linderung der Not der Erwerbslosen erblickt hat. Daß sie mit dieser Stellungnahme recht hat, beweist das Ergebnis der letzten Zeit. Wenn demgegenüber' die Jüdischliberale Zeitung es so darstellt, als ob durch die Schuldebatte es an Zeit gemangelt hat, die Not der Erwerbslosen zu besprechen, dann darf darauf hingewiesen werden, daß, wenn es nach dem Willen der Volkspartei gegangen wäre, schon längst umfassendere und durchgreifendere Maßnahmen für die Erwerbslosen getroffen worden wären; die Volkspartei hat immer wieder die Notwendigkeit von Taten betont, Dieser sinnfällige Tatbestand ist den Erwerbslosen in ihrer großen Masse auch vollkommen bekannt und klar. H. Grünberg. Zum Vorsteher der B e r 1 i n e r J ü d i s c 11 e 11 Gemeinde ist der Direktor der Dresdener Bank, Bankdirektor Kleem a 1111, gewählt worden. Diese Wahl war nötig geworden, nachdem der bisherige Gemeindevorsteher Moritz Rosenthal wegen Krankheit ausgeschieden ist. Eine aufgelöste Versammlung Mail schreibt uns: In einer vom liberalen Verein, Gruppe Osten, am Donnerstag einberufenen Versammlung kam cs zu einem peinlichen Zwischenfall. Es sprachen als Referenten u. a. Herr Dr. London, Herr Lehrer Falkenberg, und Herr Dr. Mayer, die sich zum Teil heftiger Angriffe gegen die Zionisten, besonders gegen ihre Arbeit in der jüdischen Gemeinde, befleißigten. In der Diskussion sprach ein Vertreter der Erwerbslosen, Pelz, der sidi vor allein in starken Beschuldigungen und Schmähungen gegen das Arbeiterfürsorgeamt erging. Herr Hans Klee antwortete aut die Angriffe und verteidigte insbesondere die aufopfernde Arbeit der Leiter des Arbeiterfürsorgeamtes. Nachdcn# noch ein Vertreter der Erwerbslosen gesprochen hatte, wurde die Diskussion geschlossen. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Ver- Sammlung verhältnismäßig ruhig. Als dann aber einem jugendliehen (nicht zionistischen) Redner das Wort zur Geschäfts- Ordnung verweigert wurde und vorn Vorstandstisch das Wort ,,ostjüdische Manieren" fiel, erhob sich unter den anwesenden Ostjuden ein Sturm der Entrüstung. Rufe wie ״jüdische Antisemiten“, ,,Hitlergarde“ wurden laut und die vom Saaleigentümer herbeigerufene Polizei hatte Mühe, die Streitenden zu trennen und die Versammlung zu schließen. Das Wort ״ostjüdische Manieren“ vom Vorstandstisch einer jüdisehen Versammlung ausgerufen, kennzeichnet wieder einmal den Geist der Intoleranz gewisser führender ״Liberaler“. Kein jüdischer Welthilfssammelfag für Wien Die Zentralfürsorgestelle der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde teilt mit, daß die Aufrufe für einen sogenannten ״jüdischen Welthilfssammeltag für Wien“ als extravaganter Schrift unverantwortlicher Einzelpersonen anzuselien ist, hinter denen weder eine offizielle jüdische Institution, noch irgendeine jüdische Partei oder Gruppe steht. Auch die Regierung hat ihren ursprünglich designierten Kontrollvertreter aus diesem angeblichen Sammelkomitee zurückgezogen. Die vor kurzem neugewählte Verwaltung der jüdischen Gemeinde zu Benghasi (Tripolitanien) hat beschlossen, sich an der Aufbauarbeit in Palästina aktiv zu beteiligen und auf die Erziehung der Jugend im nationalen Sinne zu wirken.'' In der Nähe von Lepel, Distrikt Orscha, Weißrußland, wurde in einem dichten Walde ein alter jüdischer Frieahot aufgefunden. Die Grabsteine stammen noch aus dem 17. Jahrhundert; es geht aus den Inschriften hervor, daß zu jener Zeit eine große jüdische Siedlung in der Nähe bestand,. von der aber jetzt keine Spur mehr vorhanden ist.' Das jüdische Departement des weißrussischen Museums hat die Konservierung der Denkmäler übernommen. Dieser Tage starb zu Tel-Awiw im Alter von 65 Jahren Herr Leon Stein, der älteste Ingenieur in Palästina, der vor Jahrzehnten di« erste Maschinenfabrik hi Jaffa erbaut hat. Zionismus und Liberalismus Am Dienstag, den 16. Februar, veranstaltete die Gruppe West der B. Z.V. einen, öffentlichen Diskussionsabend, auf dem der Versuch einer Auseinandersetzung zwischen der zionistischen und der liberalen Richtung gemacht werden sollte, Als einleitender Redner war Herr Rabbiner Dr. Wiener, Stettin, gewonnen worden. Herr Dr, Wiener hatte sein Referat ״Der Charakter der jüdischen Frömmigkeit“ überschrieben. Hauptsächlich ein Gedanke war den Ausführungen zugrunde gelegt, jüdische Frömmigkeit erschöpfe sich nie in einer weitabgewandten Mystik. Das Entscheidende war immer der Dienst in der Gemeinschaft. Die jüdische Frömmigkeit betone als obersten Gedanken die Verwirklichung. Während der griechische Universalismus vom Volk als der naturgegebenen Gliederung der Menschheit abstrahierte und direkt vom Einzelnen zur Menschheit ging, erkannte die jüdische Frömmigkeit das Volk als die gegebene Basis für die Verwirklichung an. Bcschiänkung auf einen begrenzten Kreis und Universalismus wurden niemals als Gegensätze empfunden. Im Gegenteil, ein wahrer Universalismus ist nur möglich bei dem gleichzeitigen Versuch, mit der Erfüllung sittlicher Forderungen im eigenen Kreise zu beginnen. Jüdischer Geist kann nur verwirklicht werden, wenn das jüdische Volk als Träger dieses Geistes erhalten bleibt. Die nun cinsetzende E)iskussion, an der sich eine Reihe hervorragender Repräsentanten des Berliner Judentums beteiligte, bewies, daß man aus dieser Auffassung, die eigentlieh in der Allgemeinheit ihrer Thesen unbestritten war, die verschiedensten Folgerungen ziehen konnte. Es sprach zuerst Herr R.-A. Dr. Klee, der, ausgehend ' 01t den Folgerungen des Referenten die Frage aufwarf, weiche Rolle Palästina in dem Entwicklungsprozeß jüdischer Religiös!־ tat spielen müßte. Die jüdische Religiosität sei unter der Sonne Palästinas gewachsen. Land und Sprache hätten sie geformt. Der jüdischen Religiosität würden durch den Aufbau Palästinas und durch die Schaffung eines in sich gesicherten jüdischen Volkes neue Entwickluiigsmöglichkeiien gegeben. Herr R.-A. Stern, der Führer der Liberalen, stellte in den Mittelpunkt seiner Diskussionsbemerkung die Bejahung des Gemeinschaftsgedankens. Der jüdische Liberalismus sei heute weitergekommen. Er bedeutete früher Individualismus gegenüber den Fesseln der Orthodoxie. Heute sei er viel ,.positiver, erfüllt vom Stolz auf die jüdische Ge« m e i 11 s c 11 a f t. Die jüdische Religiosität muß jedoch uuab* hängig werden von territorialen Begrenzungen. Wir müssen für die Menschen sorgen, die nicht das Glück haben werden, in Palästina zu leben, und versuchen, ihnen hier die Heimat zu schaffen. Wir müssen auch versuchen, jüdischen Geist unabhängig zu machen von den reit« giösen Formen der Vergangenheit. Herr Kurt Blumenfeld ging zunächst sachlich auf die Ausführungen des Referenten ein. Religionsphilosophie sei immer in kämpferischer Abgrenzung gegenüber der Umwelt entstanden. Die Ucbernahme der Fragestellungen der Um« weit sei picht ein Zeichen dafür# daß der Jude im Kampfe unterlegen sei. Entscheidend seien die Antworten, die jede Gemeinschaft auf die Fragen gibt. Sind heute religiöse Kräfte noch gemcinschaftsbildend? Wir sehen überall nur Rudimente religiösen Lebens und zehren von Erinnerungen einer fernen Zeit. Entscheidend ist, daß man mit dem Tun beginnt. Man kann jedoch nur Bedingungen schaffen. Der Zionismus versucht, die Voraussetzungen neuer Entwicklungen zu schaffen. Er tut, was als Tat zu tun ist und ist, so gesehen, eine religiöse Bewegung. ■ •Herr. Dr. Maybaun1 versuchte} -getetiger׳ Verwandtschaft zwischen Liberalismus und Zionismus darzu« tun. Sie seien beide freiheitliche Bewegungen, Liberalismus die religiöse und Zionismus die politische und seien sich einig im Kampfe gegen das jüdische Mittelalter, die Orthodoxie. Herr Lazarus Barth zeigte, wie in verschiedenen Phasen jüdischer Entwicklung Partikularismus und Univcrsalismus in ihrer Betonung abgewechselt hätten. Solange die Juden stark im eigenen Lande waren, überwogen universalistische Tendenzen. In der Diaspora konzentriere sich die ganze Kraft auf!die Arbeit innerhalb der Gemeinschaft. Herr Fabius Schach bedauerte, daß cs sich bei der Gegenüberstellung von Zionismus und Liberalismus nicht immer um eine Auseinandersetzung zwischen Weltanschauungen handle, sondern daß wir mit Parteien zu tun haben. Liberalismus hat sich mit Politik und Assimilation vermengt, statt sich auf das religiöse Gebiet zu beschränken. Assimilation und Reform seien gescheitert und haben keine neuen jüdischen Werte geschaffen. Als letzter Diskussionsredner sprach Herr Dr. Emil Cohn, der den Skeptizismus bedauerte, der sich eigentlich bei allen Rednern gezeigt habe. Entscheidend sei das jüdische Leben. Alle Konstruktionen über jüdisches Wesen sind Narkotika, die uns über die Pflicht hinweghelfen sollen, nach den! einzig gültigen Maßslabc der Thora, zu leben. Judentum ist Erfüllung der Thora. So wurde dieser Abend in der Vielfältigkeit der dort vorgetragenen Ansichten zu einem Spiegelbild modernen jüdischeu Lebens. 'Der Abend litt daran, daß man zu sehr im Allgemeinen stecken blieb. Es war der erste Versuch, eine gemeinsame Sprache zu finden, er mußte daher noch unvollkommen bleiben. Wir begrüßen es aber, daß jenseits vom Parteigetriebe der Anfang mit einer ernsthaften Auseinander- Setzung gemacht wurde. — 7. Jüdisches Theater Aus Karlsruhe wird uns berichtet: Anläßlich eines Wohltätigkeits-Abends, den die Ortsgruppe Karlsruhe des Verbandes der Ost juden in Deutschland veranstaltete, kam das dramatische Werk ״Auf dem Wanderweg“ von Josef Zucker-Holländer zur Uraufführung. Darüber schrieb der Karlsruher ״Volksfreund“: ״Holländer bringt in seinen drei Akten ein Lebensbild, das mit feinen Strichen gezeichnet ist. Holländer besitzt genügend poetische Kraft, so daß es ihm gelingen konnte, den Figuren seines Bildes eigene Gestalt zu geben. Sie sind aus dem Leben genommen. Das Werk wendet sich mit all den scharf geprägten Charakteren, den dialektischen Acußeruiigen und den bedeutenden Gedanken, die aus den Tiefen der Seele aufsteigen, an einen besonderen Kreis von Zuschauern. Dieser Kreis saß andächtig, begeistert, mitcrlebcnd vor dem Vorhang und sah ein Stück spielen, das sich in den letzten Jahren wohl schon oft in Wirklichkeit umsetzte bis in den Schlußpunkt, dem der Dichter eine etwas düstere Farbe geben mußte, um seiner Wirkung sicher zu sein. Die Aufführung, die Herr Brand inszenierte, stand aut einem beträchtlichen Niveau, Was hier Dilletanten leisteten, verdient höchstes Lob. Der Dichter sowie der Regisseur wurden mit den Darstellern durch starken Beifall vor den Vorhang gerufen.“ Angesichts des zu U.->. ... .v,1 Schulschlusses, da Tausende jüdischer Knaben und Mädchen die Schule verlassen, um sich für das Erwerbsleben vorzuberciten, erläßt der Zentralverein jüdischer Handwerker Deutschlands einen Aufruf an alle jüdischen Handwerker zur Schaffung von Lehrstellen feür die jüdische Jugend. Abgeordneter J. G r ü n!י a u m wird für den Keren Hajessod in Rumänien tätig sein und alle größeren Städte des Landes besuchen.

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