Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 13 (16.2.1926)
- Date
- 1926-02-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 96 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nf. 13 Götzendienst Von Karl U 1 a s c r. ״Warum knien Sie nicht hinter ihm?“ Die Bäder von Lticca. Reisebilder von H. Heine. Das deutsche Judentum ist antizionistisch. Ich glaube nicht, daß man es so sehr ist, wie man es zu sein vorgibt. Die Don Quixotes der Assimilation waren nie allzu häufig, und das ״o Jesus!“ ihres unsterblichen Ahnen Oumpelino war seinen Zeitgenossen kaum willkommener als das krampfhafte ״o Teut!“ seines Epigonen Naumann. Nein, in der Majorität waren stets die Hirsch Hyacinths, die Sancho Pansas der Assimilation. ״Bleiben Sie mir weg mit der altjüdischen Religion. Man hat nichts als Schimpf und Schande davon.“ Hirsch Hyacinth, dieser Orthodoxe von Herz und Gemüt, dieser glühende Anhänger von jüdischon Fisch und weißer Knoblauchsauce verrät die an* gestammte Religion und die angestammte Küche aus Furcht vor Schimpf und Schande, wie seine Enkel aus Furcht vor Schimpf und Schande sich von ihrem Volke trennen. Immer- Wn, der arme Hirsch belügt sich nicht selbst; zwei §celen wohnen, ach, in seiner Brust, eine forsche (,deutsche“ Gumpelino-Scele und eine furchtsame jüdische Hirsch Hyacinth-Seelc — aber er weiß wohl, welcher er den Vorzug geben würde, wenn er keine Rücksicht nehmen müßte. ״Die altjüdischc Religion ist keine Religion, sic ist ein Unglück." Hirsch Hyacinth hat nicht Stolz und Selbstachtung genug, um in diesem Unglück sein Schicksal zu lieben. Er hat Angst vor den Nichtjuden, und er hat Angst vor den nationaldeutschen Gumpelinos, ja er hat Angst vor seinen eigenen deutschen und vor seinen eigenen jüdischen Neigtingen, und so läßt er sich Ueberzeugung und Lebenshaltung von außen vorschreiben. Hirsch Hyacinth ist Mitglied in dem von den Gumpelinos geführten Verband riationaldeutscher Juden oder Führer 1m Central-Verein. Er heißt Jacob oder Nathan oder Breslauer. Er ist Geschäftsmann, Rabbiner, Politiker oder Rechtsanwalt, eben, was so ein braver jüdischer Bürger ist. Hirsch Hyacinth hat sich, das wissen wir schon, seine wirkliche geheime jüdische Neigung bewahrt. Wenn er in Furcht und Hochachtung vor der nichtjüdischen Umwelt ersterben zu müssen meint, ist sie geringer. Sie wächst, wenn er zu solchen Empfindungen weniger Grund zu haben, glauht Als durch die Revolution seine Ueberzeugung von der Ewigkeit gottgewollter Abhängigkeiten ins wanken geraten war, meinte er sogar, sich fast zionistisch gebärden zu dürfen. Er entdeckte die zionistische Terminologie und die Ostjuden, Er schwärmte für Palästina und sah freundlieh zu, wie man sich btmunte, die Statuten seines Vereins im Sinne gut-nachbarlicher Zusammenarbeit mit den Zionisten zu revidieren. Gottlob merkte er noch gerade rechtzeitig, daß ein derartiges Schwärmereivergnügen etwas für unabhängige Geister oder für vornehme Leute sei, daß die Einsteins oder die Leon Blums, die Wassermanns, die Rothschilds oder die Monds sich so etwas leisten dürften, aber nicht arme jüdische Kleinbürger aus Deutschland. Sah er doch allzubald die alten Mächte wieder am Ruder, ja, sozusagen als Quittung auf den jahrzehntelangen Kampf des Central- Vereins gegen den Antisemitismus und geradezu als sein einziges Ergebnis die vielfache Zahl der antisemitischen Abgeordneten im Reichstag, die es bei Gründung des Vereins gegeben hatte. Zugleich sah er die Gumpelinos gar rittertumKch durch die Straßen stolzieren und ihre ״vorbehalflos freudig-deutsche Einstellung*‘ zur Schau tragen. Er bemerkte zwar, daß sie deutscherseits meist Fußtritte, aber hin und wieder auch ein leutseliges Lächeln empfingen, und da ihm ersteres auch, letzteres aber nie geschah, so meinte er, daß sie recht hätten und daß es vorläufig Zeit sei, das warme jüdische Empfinden ein wenig kaltzustellen. Zunächst mußte also jedes Kokettieren mit dem Zionismus, alles Interesse für den Keren Hajessod aufhören. Man mußte sich deutscher stellen, als die Deutschen selbst es verlangten; man mußte zu vergessen suchen, daß man vor kurzem anders gedacht und gefühlt hatte. Aber ach, die Kraft zur Konsequenz fehlte, immer wieder schlug das gute jüdische Herz durch. Es ist manchmal, als hörte man wieder den Ur-Hyacinth wehmütig sagen: ״Vorderhand aber kann ich mich nocli mit dem neuen israelitischen Tempel behelfen; ich meine den reinen Mosaik-Gottesdienst mit orthographischen deutschen Gesängen und gerührten Predigten und einigen Schwärmereichen, die eine Religion durchaus nötig hat.“ Ja, Hirsch Hyacinth behilft sich vorderhand noch. Er besitzt nicht die Entschiedenheit Gumpelinos; er ist bei einem reinen Mosaik-Deutschtum geblieben; aber schließlich organisiert ja selbst Gumpeiino seine Anhänger in einem jüdischen Verein zur Pflege nationaldeutscher Eigenart. Gerührte Predigten? Die C.-V.־Zeitung bringt in jeder Nummer eine Wochenbetrachtung, und in ihr darf auch vom jüdischen Volke gesprochen werden. — Herr Rabbiner Dr. Jacob predigt im selben Blatt gegen den Keren Hajessod und erklärt im deutsch-jüdischen Mosaikstil: ״Es gibt ein jüdisches Volk , . . Wir erkennen alle Juden der Erde als Brüder an « . . Aber wir kennen keine jüdische Nation . . . Wir sind Deutsche, und weil wir keinen jüdischen Staat wollen, können wir uns auch nicht am Keren Hajessod beteiligen. —“ Und schließlich begeistert sich Herr Justizrat Brodmtz in einem Vortrag für die Ostjuden, die meistenteils russische Staatsbürger jüdischen Glaubens und deshalb jeder produktiven Hilfe w׳ert seien. In der Krim entständen landwirtschaftliche Massensiedhingen, Vorläufer eines einstigen jüdischen Staates, einer jüdischen Republik im Rahmen von Sowjetrußland. — Welch sanftes Pflaster für das gute jüdische Herz des braven Hyacinth, welche Sicherheit für sein Portemonnaie, welche Waffe gegen den Zionismus und die fordernde Kraft des Palästinagedankens! Hirsch ist derart begeistert für dies Surrogat einer nationalen Heimstätte — gegen das gewiß niemand etwas einzuwenden hat —, so beruhigt von der Gewißheit, daß von der Krim sicherlich nicht die Lehre ausgehen wird, daß er geneigt ist, der Kolonisation auf der ukrainischen Steppe alles und mehr zu verzeihen, als er Palästina je verziehen hat. (n der Krim, da gibt's ka Sund, weder schlechten Boden, noch nationale Gegensätze, weder ungeeignete Menschen, noch fehlerhafte Arbeltstncfhoden, dort sind kommunistische Siedlungsformen — in Palästina heftig zu tadeln — ganz ungefänrßch, dort bedeutet selbst das Verbot des Religionsunterrichts und die Erschwerung jeder religiösen Uebung nichts gegenüber der stets empört festgesfellten Areligiosität der 111 Wahrheit religiös ergriffenen palästinensischen Arbeiterschaft״ Hirsch Hyacinth weiß sehr genau, daß es dem durchschnlttiichen Nichtjuden schwer fallen muß, die feinen Unterschiede zwischen einem Bekenntnis zum jüdischen Volk und einem solchen zur jüdischen Nation zu erkennen, daß es ihm nicht leicht klarzumachen sein wird, weshalb eine jüdische Heimstätte in Palästina gefährlicher sein solle, als eine jüdische Krim-Republik. Er ahnt, daß sich die Nicht- Juden nicht täuschen lassen werden, daß ihnen ein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens im Grunde ebenso jüdisch Vorkommen wird wie ein deutscher Staatsbürge]־ jüdischer Nationalität Deshalb tröstet et sich mit orthographischen Gesängen, und dichtet etwa in der Person Ernst Samters im ״Nationaldeutschen Juden“ wie folgt: ״Ob auch aus Asien kamen einst die Ahnen, In Deutschland schlugen feste Wurzeln wir, Oeschlcchterlang schon treu des Deutschtums Fahnen, Nicht fremde Gäste, Bürger sind wir hier!“ Von der Poesie zu einigen Schwärmercichen ist nur ein Schritt. Hirsch Hyacinth schwärmt — warum sollte Hirsch auch deutsch können? — von ״der Eingliederung der türkischen Juden in ihrem Vaterlande“ una in der gewaltigen türkischen Kultur. — Man begeistert sich gegen eine jüdische Völkerbundliga in Deutschland oder für die Agudas JisrocI, obgleich man sich eigentlich ja mit dem ״neuen israelitischen Tempel“ behilft. Wäre Hirsch dümmer oder wäre er ein besserer oder ein schlechterer Jude, könnte er ganz Gumpeiino sein oder den Gumpeiino in seiner Brust ganz zum Schweigen bringen, so wäre alles gut. Aber so ist er, angeblicher nationaldeutscher Jude oder Centralvereinlcr, ein unheilbarer Zwischenschichtier, der Prototyp eines innerlich unsicheren Menschen. Täglich muß er Verbrennen, was er anbeten möchte und anbeten, was er verbrennen möchte. In solcher Lage entstehen Artikel wie der des Herrn Dr. Breslauer im ״Nationaldeutschen Juden“: ״Was geht uns Palästina an?“ Man hört in diesem Aufsatz geradezu Gumpeiino und Hirsch Hyacinth miteinander streiten. Breslauer-Hyacinth: ״Wir müßten nicht jüdischen Stamnies sein . . . wenn wir nicht den opfervollen Anstrengungen der Zionisten . . . besten Erfolg wünschen sollten.“ Breslauer-Gumpelino: ״Wir lehnen den Zionismus . . . 'um so entschiedener ab, je . . . unwiderruflicher er in das Gewebe der vorderasiatischen Machtpolitik verstrickt wird . . Breslauer-Hyacinth: . . . ״Und so nehmen auch wir lebhaften Anteil, die einen, weil ihnen , . . das Schicksal der jüdischen Menschen, die dort eine Heimat suchen, nicht gleichgültig bleiben kann, die anderen, weil sie die weitpolitische Bedeutung der zionistischen Versuche zur Begründung eines neuen Judenstaates auf altem historischem Boden sehr wohl zu würdigen wissen.“ Breslauer-Gumpelino: ״Aber weil diese Arbeit . . . eine Entwurzelung der deutschen Juden zur Folge haben muß . . . lehnen wir sie ab . . — Und zum Schluß wendet sich Hyarinth-Gumpelino gegen Zwiespältigkeit, die letzten Endes zu Entfremdung führen müsse! Es gibt wirklich kein größeres Unglück, als mit sich selbst uneins und dazu verurteilt zu sein, Argumente gegen die eigene Ueberzeugung suchen zu müssen. Hirsch kann einem menschlich leid tun, aber auch seine politische Situation ist bedauernswert. Kann es politisch klug sein, durch überlaute, ja geradezu hysterische Bekenntnisse zum Deutschtum die nichtjüdische Welt auf das Unselbstverständlidie solcher Erklärungen aufmerksam zu machen? Heißt es nicht die eigene Stellung in Deutschland untergraben, wenn man von jüdischen Staatsbürgern mehr verlangt als die Erfüllung, die freudige Erfüllung ihrer staatsbürgerlichen Pflichten? Wer will das deutsche Volk zwingen, mit dem zufrieden zu sein, was ihm die jüdische Assimilation an Entsagung und Selbstentäußeruug anbieten möchte? (Und ach, sic hat nicht viel anzubieten; denn sie hat im Grunde ein gutes jüdisches Herz.) Weshalb sollte es sich das deutsche Volk von Juden vorschreiben lassen, daß zwar jüdisches Nationalbewußtsein als verboten zu betrachten sei, ein andersgenanntes jüdisches Zusammenhangsgefühl aber nicht? Und warum sollte dem deutschen Volk die Beteiligung deutscher Juden am Aufbau Palästinas als gefährlicher erscheinen als d:e an deutscher Politik, Literatur oder Wirtschaft? Hirsch Hyacinth kennt das Dilemma sehr gut, in dem er sich befindet Er weiß, daß jede jüdische Bindung in gewissen Kreisen des deutschen Volkes verdächtig macht und kann doch nicht auf alle Bindungen verzichten. Deshalb braucht er starke Mittel, um über das Gefühl seiner eigenen Unsicherheit hinwegzukommen. Er schafft sich Scnreckbilder, die ihm vor seinen eigenen zionistischen Net- Sen noch größere Angst machen sollen als vor der antiischen Bedrohung. Damit kommen wir zum antizionistischen Märchen von ״Asiatismus“. — Nach Frankreichs Zusammenbruch 1870/71 schrieb Zola sein ״DSbtcle“, Peladan sein ״Finis Latinorara“. Nach dem Weltkrieg mußte notwendig Spenglers Buch vom Untergang des Abendlandes Erfolg haben. — In schlechten Zeiten neigt man zu Weltuntergangsstijnraungen; die ermatteten und innerlich beängstigten Völker Europas hören schon nah die Drommetenstöße der Apokalypse. Die tektonischen Erschütterungen an vielen Punkten der politischen Welt — nach dem großen Beben des Weltkrieges nur zu verständlich — und ihr besonders häufiges Auftreten im Bereiche der asiatischen Völker hat zu der Hypothese von einem Befreiungskampf Asiens, von einem Ansturm asiatischer Barbarei gegen europäische Kultur, von einer asiatischen Einheit, kurz und gut vom Asiatismus geführt Palästina liegt in Asien. Was war leichter, als diese Hypothese aufzugreifen und sich selbst und anderen vor der Situation bange zu machen, in die das palästinensische Siedlungswerk das jüdische Volk bringen müßte? Denn dort müßte es ja entweder der Vorposten Europaasein und würde als solcher bei dem nahen Zusammenstoß zerschmettert werden, oder aber es müßte sich der asiatischen Front einfügen, zu einem Volk von ״natives“ herabsinken, seinem Mcrischheits- und Kuituridea! untreu werden. Hirsch Hyacinth erzittert, wenn er nur daran denkt Er glaubt, daß die anderen dieselbe Furcht und denselben Abscheu empfinden werden wie er. Und doch hätte er vor der Verwertung d:eser Schreckbilder sich darüber unterrichten müssen, ob wirklich dje asiatischen Völker vom Gelben bis zum Schwarzen Meer'eine große Einheit mit der Möglichkeit politischer Auswirkungen bilden, ob sie Barbaren, oder ob sie nicht Träger großer und tiefer Kulturen and, ob man von einem Gegensatz: ״Europa“—״Asien“ sprechen dürfe, oder ob nicht ganz andere Scheidelinien gezogen werfen müßten, ja, ob nicht das ganze Gerede von ,,Asiatismus“ nur eine ziemlich gedankenlose Konstruktion sei. Vielleicht wäre er sogar darauf gekommen, daß vorläufig das ״Erwachen“ asiatischer Völker meist in der Aufnahme . europäischer Zivilisationsmomente und damit in einer Angleichung an Europa besteht das zugleich die alten und gewaltigen Kulturen der asiatischen Völker zu ״entdecken“ beginnt und daß in der Zukunft eine Annäherung von Orient und Ökddent im Sinne früherer Zeitepochen bei aller Wahrung eigenartiger Ent- Wicklung durch gegenseitigen Austausch kultureller Güter und geistiger Werte denkbar und wünschenswert sei. Hirsch Hyacinth ist nicht dumm, aber beschränkt; er schätzt die Stellung der Juden im vorderen Orient nicht richtig ein. Das jüdische Volk wirf sich in Palästina weder für ״Asien" und gegen ״Europa“ mißbrauchen lassen noch gegen Asien und für Europa. Es wird in seinem Lande das große Out seiner Kultur wahren und bereichern. Es wirf sich nicht scheu gegen die echten Werte anderer Völker ahschließen und nickt fragen, woher diese Werte kommen. Die Juden werfen Palästina aufbauen, d. h. sie werden stärker sein als fremde Eroberer, die kommen und gehen. Hirsch Hyacinth braucht weder sich noch anderen Angst zu machen. Wir wissen, daß sein Kampf gegen den Zionismus nicht der Stärke entspringt sondern der Schwäche. Wir wollen weder die Gumpelinos noch die Hyacinths, wir wissen, daß de Oohjs-Produkte sind und mit d«ra Typus des neuen Juden nichts zu tun haben. Wir empfinden weder Verehrung noch Furcht vor fremden Götzen wie sie. Wir wissen, daß der Geßler-Hut in dem Augenblick nichts ist als ein taeheriidie• Kleidungsstück, in dem man steh weigert, ihm Reverenz zu erweisen. Eine Kmdgebug der jßdiscbei Volkspartel Die jüdische Volkspartei veranstaltete am Donnerstag, den 11. Februar, abends, in Berlin eine Volksversammlung über das Thema: ״Unsere jüdische Gemeinde, die ihr drohenden Gefahren und ihr Aufbau“. Weit mehr als tausend Zuhörer füllten den Riesensaat und die Galerien. Herr Dr. Alfred Klee führte als erster Redner aus, es sei für die Mandanten der Partei Zeit, Rechenschalt abzugeben. Wir nennen uns Volkspartei, weil wir die Existenz des jüdischen Volkes bejahen und keinen Unterschied zwischen Westjuden und Ostjuden kennen. Ein Judentum in der Welt, ein Judentum in unserer Gemeindei Der Redner wandte sich schart gegen den Prediger der Berliner Retormgemcindc, Dr. Rosenthal, der bekanntlich ln einer Versammlung zu Duisburg gesagt hat, die Ostjuden bringen ein Element der Unsauberkeit in das deutsche Judentum hinein (Pfui-Rufel). Es ist eine traurige Tatsache, setzte der Redner fort, daß Herr Dr. Rosenthal mit seiner Meinung nicht allein dasteht, sondern Exponent von Auschauungen ist, die sich immer mehr breit machen. Wir kennen unter dem Ostjudentum edelste Figuren. Eine Reihe erlesener Gelehrter und Rabbiner in Deutschland ist 081jüdischen Ursprungs. Nicht Unsauberkeit, sondern sittliche Größe bringen diese Juden in unsere Gemeinschaft Wir wollen eine lebendige jüdische Erziehung und Pfleg« der hebräischen Sprache. Unsere Kinder sollen Jesaja ebenso wie Bialik verstehen. Unsere Womlfahrtspflege muß von dem Oelst der Solidarität all« Juden getragen 6an« Der Redner appellierte an die Zuhörerschaft, m diesen Be- Strebungen hinter der Volkspartei zu stehen. Der nächste Redner, Herr Abraham Loeb, beschSttigte sich mit der ungeheuren Notlage unter den deutschen Juden, die das Leben der Gemeinde bedrohen״ Die zahlreichen Selbstmorde von Juden geben ab« auch in anderer Hinsicht zu denken. Sie beweisen, daß eine fort- . Prot. Dr. Heinrich“ Loe'we führte aus, nach ein« Statistik haben sich zwischen 1819־ und 1890 etwa 100 000 Juden taufen lassen. Das ist die Fracht des dogmatischen Liberalismus und der Feindschaft zur jüdischen Schale. Es in jüdische' umwandeln, in der Gemeinde ab« wurde die Angelegenheit hintertrieben. Die Staats- und Gemeindeschulcn in Deutschland sind christlich-religiös. Das jüdische Kind gehört in die jüdische religiöse Schule. Nun ab« fehlt es an jüdischen Lehrern. Es werfen noch Generationen dahingegen müssen, bis die deutsche Judenheit wieder jüdisch wird. H«r W. Latzky-Bertholdi sprach jiddisch. Diese Sprache, sagte er, werde manchem nickt gefallen, allein sie ist doch unsere Muttersprache, die Sprache, die wir Ostjuden von den deutschen Juden haben. Deutschland war einst die Wiege der jüdischen Kultur und des modernen Hebräismus, heute verdorrt die deutsche Judenheit, weil sie sich vom übrigen Judentum abschließt. Wir Ostjuden bringen nicht Unsauberkeit, sondern historische Treue und Erneuerang. Der letzte Redner, Herr Dr. Köllens eher, sprach über die Politik Im Landesverband und In der jtiflacfeea Gemeinde. Die dogmatische Einstellung hemmt überall den Fortschritt. Man müßte erlahmen, wenn man nicht so große Massen von Juden hinter sich wüßte. Nach einem Schlußwort Dr. Alfred Klees endete die Kundgebung״ Sämtliche Redner ernteten stürmischen Beitall. Ute Jude■ nad der Völkerbund Eine Reihe antisemitischer Blatt« wie die ״Schie* sische Volksstimme“ und die ״Deutsche Zeitung“ bringt Aufsätze üb« ein angebliches ״zionistisches Völkerbunas-Eingeständnis“, das der zionistische Führ« Dr. Alfred Klee in einer Breslauer großen Versammlung gemacht haben soll. Es heißt in den Aufsitzen, daß die Offenheit, mit der hier ein führender Jude einen Einblick hinter die Kulissen Alljadas tun läßt, gar nicht hoch genug zu veranschlagen sei. Dr. Klee habe aasgeführt, daß der Völkerbund nicht etwa von Wilson )gemacht, sonders ein großes jüdisches Werk sei, aut aas die Judenheit stelz sein könne. Auf eine Anträge des J. T. A.-Vertreters teilt Herr Dr. Klee mit, daß die Darstellung der antisemitischen Blätter von A bis Z schief sei und gebe in keinem einzigen Satz das wieder, was er gesagt habe, Ueber den Völkerbund z. B. habe er lediglich folgendes ausgeführt: ״Die Idee des Völkerbundes ist urjüdisch, sie geht auf die großen Propheten Israels zurück. Jesajah hat zuerst das Wort ausgesprochen, daß die Schwert« zu Pflugscharen amgeschmiedet werden sollen und daß ein Volk dem anderen nicht mehr den Krieg künden werfe. Der Ursprung der Wik«- bundsidee liegt in der die Gesamtwert mit Liebe umfassenden Weltanschauung der Propheten. So ist die I d e e d« Völker- Verbrüderung und somit des Völkerbundes echt jüdisches ׳Kulturgut.“ Verbaid Bayerische!־ Isr. Gemettdci Am 21. und 22. Februar wird in Augsburg die Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden stattfinden. Dem Programm ist zu entnehmen: Bericht des Präsidenten des Rates; Haushalt 1926 (Berichterstatter Ludwig Rosenzweig-Nürnbergl; Die Gründung eines Reichsverbandes deutscher Juden (Berichterstatter Dr. Hommel-Schweinfurth); Verfassung und Beamtenordnung des Verbaades (Berichterstatter Oberlandesgerichterat Dr. Neumeyer- München). Die ״Bamische Israelitische Gemeindezeitung“ veröffeaflicht eine Gegenüb«steliung d« Zahl der israelit!• sehen Wohnbevölkerung in Bayern in den einzclnen Regierungsbezirken und den größeren Kultusgemeinden nach den Volkszählungen vom 16. Juni 1925 und 1. Dezember 1910. Es ergibt sich daraus, daß sich die israelitische Wohubevö!k«ung Bayerns von 54777 am l. Dezember 1910 auf 49163 am 16. Juni 1925 vermindert hat Die israelitische Bevölkerung verteilt sich auf die ein• zetaen Regierungsbezirke wie folgt: Oberbaycrn 16. Juni 1955 10790 (1. Dezember 1910 11652); Nied«bayern 348 (468); Pfalz 7868 (8710) (in diesen Zahlen ist die israelitische Bevölkerung der zum Saargebiet geschlagenen pfälzischen Gemeinden nicht enthalten); Oberptalz 1181 (1395); Oberfranken 2544 (2946); Mittelfranken 13719 (14219); Unterfranken 9879 (11925); Schwaben 2834 (3462). Von Gemeinden mit über 1000 Mitgliedern sind zu nennen: München-Stadt 10068 (11083); München-Gesamtgebiet 10687 (11 550); Ludwigsnafen a. Rh. 1241 (?83): Fürth 2504 (2826); Nürnberg 8603 (7815); Würzburg 2261 (2514); Augsburg 1203 (1217). In den letzten acht Monaten des verflossenen Jahres haben in Wien 70 Juden Selbstmord begangen, tarter fluten 45<8 Frauen.