Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 9 (2.2.1926)
- Date
- 1926-02-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 66 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr 9 die Mandatarmacht und die Anlehnung an sic wünschen. Es gibt, nebenbei, Gründe, die eine solche Haltung politisch zweckmäßiger erscheinen lassen als die Proklamicrang des Eintritts in die orientalische Front bei der Auseinandersetzung mit Europa. Diese grundsätzlich positive Haltung zum Mandatgedanken und zur Mandatarniacht bedeutet keineswegs, daß wir kritikloses Einverständnis mit der Mandatarmacht oder bedingungslose Unterordnung propagieren wollen. Sondern wir wollen ganz im Sinne des Mandates fortschreitende Ent- Wicklung zur Selbstverwaltung, immer weitergehende Uebernähme von Befugnissen durch die palästinensische Bevölkerung, Wir müßten, als Basis praktischer Arbeit in dieser Richtung, zunächst zu einer Verständigung mit den für uns zugänglichen arabischen Gruppen darüber kommen, daß die Arbeit zur Errichtung des jüdischen Nationalheims als legal anerkannt und nicht gestört werden soll. Wir unsererseits hätten den Arabern für alle Zeiten nicht nur die staatsbürgerliche und privatrcchtlichc Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit des einzelnen Bürgers wie sie in der Balfourdeklaration sichergestellt ist — sondern auch freie Entwicklung ihrer nationalen Interessen innerhalb Palästinas zu garantieren. Auf der Basis einer solchen Verständigung hätten wir gemeinsam die Ent- Wicklung des palästinensischen Gemeinwesens in Angriff zu nehmen und die gemeinsame Arbeit des Staatsvolkcs zu beginnen. Und zwar würde die gemeinsame Arbeit sie!! zweckmäßig den in Betracht kommenden Gebieten in der Reihenfolge zuwenden, iti der im allgemeinen zur Selbstverwaltung aufsteigende Völker Selbstverwaltungsbefugnisse übernommen Haben. Der Beginn wäre die Mitbestimmung über die Aufbringung der notwendigen finanziellen Leistungen, von da aus zunächst Bcratungs-, dann Mitbestimmungsrecht über die Verwendung, von da ergibt sich die Möglichkeit von Auweisangen über die Führung der inneren Verwaltung; nach dieser Entwicklungsstufe kommt die Anteilnahme (später in entscheidender Form) an der Gestaltung der äußeren Beziehungen. Durch ein solches, hier nur in den gröbsten Umrissen gezeichnetes Schema könnte erreicht werden, daß eine Er- Ziehung zur Selbstverwaltung stattfindet, daß auf die jüdischen Ziele gebührend Rücksicht genommen wird und die Stellung der Mandatarmacht allmählich und in einer Art, die allen berechtigten Interessen Billigkeit widerfahren läßt, verändert wird. Unsere Verständigungspolitik muß darauf gerichtet sein, die Möglichkeiten einer Verständigung für diese und die nächste Generation festzustcllen und auszunutzen. Wir 4-ürden sie am falschen Ende beginnen, wenn wir uns in die Möglichkeifen oder Notwendigkeiten einer fernen Zukunft verlieren wollten. Jede Politik, auch eine grundsätzlich orientierte, die sich mit Recht einer reinen Konjunkturpolitik überlegen fühlt, muß aktuell sein. Wie wir in einer entfernten Zukunft zu handeln lieben werden, darüber zu reden, hat heute wenig Wert — schon deswegen, weil wir das Wesen unseres Volkes in der Zukunft, seine Forderungen und Gesetze heute nicht eindeutig erkennen können. Wir Heutigen wollen uns bemühen, eine anständige Gegenwart aufzubauen. Die Warschauer Gemeinde 'Warschau, '24. Januar, (j. T. A.) Der Minister für ־StanHfW. G-pabsk׳•.!•־. h*|.».,««#ich>:daa-׳-.'-llekret /׳Betreffend'die Einberufung der im Juni 1924 gewählten Repräsentänz der Warschauer jüdischen Gemeinde unterschrieben. Die erste Sitzung der neuen Gemeindevertretung wird am Montag, den 1. Februar, stattfinden. Die Verhandlung«- und Geschäftssprache ist polnisch, hebräisch oder jiddisch nach dem freien Willen der Repräsentanten. Wie erinnerlich, spielten sich bei der * Eröffnung der ersten Session der neugewählten Gemeinde-Repräsentanz große Tamultszenen ab, indem der anwesende Regierungskommissar den Repräsentanten vorschrieb, sich nur der polnischen Sprache zu bedienen. Da die Gemeindevertreter sich weigerten, dieser Vorschrift Folge zu leisten, und sich weiter der hebräischen und jiddischen Sprache bedienten, wurde die Sitzung aufgehoben und die bisherige Repräsentanz mit der Weiterführung der Geschäfte beauftragt. Die polBlsch-lfidische Versündigung Warschau, 28. Januar. (J.T.A.) Einige tausend Juden aus vier Kreisen des einstigen GouvernementsSuwalki, die jetzt zu Litauen gehören, haben sich um die polnische Staatszugehörigkeit beworben, mit der Motivierung, daß sie bZw. ihre Eltern seit mehreren Jahrzehnten in Kongreßpolen wohnen. Sämtliche Gesuche sind von der polnischen Regierung zurückgewiesen worden. Die polnisch-palästinensische Handelskammer Warschau, 28. Januar. (J. T. A.) In Anwesenheit des Konsuls Wilkoszowski als Vertreter des Außenministeriums fand die Gründungsversammlung der polnisch-palästinensischen Handelskammer statt Leon Levite, Präsident der Zionistischen Organisation Polens, würdigte in einer Eröffnungsrede die Bedeutung der Handelsbeziehungen zwischen Polen und Palästina und führte aus, daß Palästina, das im Zentrum der Handelswege des Nahen Ostens liegt, ein wichtiges Transitland darstellt Dabei erwähnte er, daß Polen 60 «a der Immigration nach Palästina stellt Hierauf referierte Senator Körner über die Entwicklung der Wirtschafts- Beziehungen zwischen Polen und Palästina. Es wurde ein Rat aus 27 Personen gewählt, der seinerseits einen Verwaltungsrat von 9 Personen einzusetzen hat. Die Ansgabe von Einwanderaagszerti&katei Jerusalem, 20. Januar. (P.C.) Die Zionistische Palästina-Exckutive hat von mehreren immigrationszentren im Auslände auf ihre Anfrage, wieviel Einwanderungszertiflkate sie auf Grund der ihnen letztens zuerteilten Quote ausgestellt haben, die Antwort erhalten, daß in den meisten Fällen bereits alle Zertifikate ausgegeben sind, und daß weitere Immifranten, die bereits zur Einwanderung zagelassen sind, auf ertifikate ä Konto der neuen Quote warten, über deren Bemessung zurzeit amtliche Erwägungen angestellt werden. Das Warschauer Büro teilt mit, daß nach Verteilung aller zur Verfügung stehender Zertifikate mindestens weitere 1000 Stück erforderlich sind, um den dringendsten Anforderungen nachzukommenl Die Palästina-Aemter in Wien und Czcrnowitz bitten um je 500, Kowno um 200 Zertifikate; Amerika, Brasilien und Argentinien verlangen je 50. Die Zionisten Persiens verlangen 100 Zertifikate für russische Flüchtlinge, die bei ihrem Versuch, Palästina zu Fuß zu erreichen, in Persien gestrandet sind. Verschiedene Lander, darunter auch Rußland, haben um sofortige Zu- Weisung einer weiteren Anzahl Zertifikate ersucht, Warschau, 19. Januar (J. T. A.) Das Organ des ״Bund“, ״Volkszeitung“, wurde laut Urteil des Distrikts* gerkhts verboten. Der palästinensische Wasserkoalikt vor dem Londoner Reichsgericht London, 10, Januar. (J. T. A.) Der Geheime Rat, bestehend aus dem Kanzler und d«1 Lords Dunedin und Parmoor, beschäftigte sich heute mit einer Berufung des Distriktsgouverneurs des Jerusalem-Jaffa-Distrikts una des Präsidenten der Jerusalemer Wasscrversorgungskommissiou gegen das Urteil des palästinensischen Obersten Gerichts vom 23. Juni 1925, laut welchem den Jerusalemer Behörden untersagt ist, die Bewohner von Urtas zu zwingen, Wasser für Jerusalem herzugeben. Der Oberstaatsanwalt Sir Douglas H o g g führte aus, die Verordnung der Jerusalemer Behörden, wonach die Bewohner von Urtas Wasser liefern mußten, stelle keineswegs im Widerspruch zu irgendeiner Mandatsbestimmung. Es entsteht die Frage, ob das Jerusalemer Gericht überhaupt eine Verordnung der Verwaltung, gestützt auf das Mandat, aufheben konnte. Denn das Jerusalemer Gericht hat in der Mandafsfrage überhaupt nicht zu urteilen. — Lord Dunedin erklärte, vorläufig herrsche in Jerusalem das Recht der Bcsatzungsmacht. In diesem Sinne haben die Mandatarmächte das Mandat vom Völkerbund übernommen. Das Urteil wird demnächst verkündet werden. Vom palästinensischen Orangenhandel Am 15. November verließ der Dampfer ״Algerian“ Jaffa mit der ersten direkten Orangenladung der Saison, und zwar 9750 Kisten nach Liverpool. Insgesamt wurden an direkten Verschiffungen im November vorgetrommen: 72000 Kisten gegenüber 175 000 in der entsprechenden Periode des Vorjahres; mehrere tausend Kisten gelangten via Aegypjen nach Europa, wo sie zu 12—15 sh per Kiste verkauft wurden. Außerdem wurden noch faffa-Limonen und -Granatänfel nach England verschifft. Jaffa-Limonen erzielten pro Kiste von 280—300 Stück 8/- bis 13/3; Granatäpfel im Durchschnitt pro Kiste von 72—80 Stüqk 16/-, Karnatheninden in Palästina Jerusalem, 13. Januar. (P.C.) Eine Gruppe von 102 Familien aus der Marmorosz hat eine Delegation von 4 Personen vorausgeschickt, welche die Möglichkeiten der A11- Siedlung im Emek JesrccI ernsthaft prüfen soll. Es wird vorgeschlagen, zunächst die größeren und reicheren Familien dieser Gruppe, wenn möglich, auf Keren Kajemeth-Boden anzusiedeln; man hofft, daß die Mehrzahl der Siedler 250—S00 £ zur Verfügung haben wird, und daß der Keren Hajessod einen gleichen Betrag, soweit im Rahmen des jetzigen Budgets möglich, als Darlehen geben wird. Vot der National •Bibliothek Soeben ist auf Initiative von Herrn Professor Silvio M a g r i n i in Ferera eine Stiftung ins Leben gerufen worden, deren Zweck die systematische Sammlung aller Arbeiten aut dem Gebiete der Geschichte des italienischen Judentums für die judaistische Abteilung der Jerusaferner Universit ä t s b i b I i o t h e k ist. Die Stiftung wird sammeln: t. Bücher aus dem Gebiete der Geschichte der Juden Italiens; 2. Bücher italienischer Autoren auf dem Gebiete allgemein iudalstischer Untersuchungen; 3. auch Bücher, die keine Beziehung zum Judentum haben, jedoch von jüdischen Autoren geschrieben wurden. Die Stiftung beabsichtigt in systematischer Weise vorzugehen, indem für jeden Teil Italiens ein besonderer Vertrauensmann bestimmt wird. Dieser Vertrauensmann soll auch Berichte sammeln über Urkunden zur Geschickte des r jMfcntams^dBi»Aktion ׳ soll nicM nur der Jerusalemer Bibliothek, sondern auch der Erforschung der Geschichte des italienischen Judentums im allgemeinen zugute kommen./ Der Leitung der Stiftung gehören an; Professor Dante Lattes als Vertreter der Jerusalemer Bibliothek, Professor Umberto Casstrfo, Florenz, Professor Silvio Magrini, Ferera. Das Komitee der Freunde der Bibliothek in Reval, Estland, hat für die Bibliothek um den Betrag von 850 Goldmark Eisipiregale angeschafft und nach Jerusalem übersandt. Die jOdisehen Gemeinden in Litanei Kowno, 19. Januar. (J. T. A.) Der Vorstand der Kownoer Jüdischen Gemeinde hielt heute seine letzte Sitzung ab und faßte nach einer recht bewegten Debatte die folgende Resolution; Der Rat der Gemeinde beschließt: L' Bis es möglich sein wird, eine neue Gemeinde auf Grund demokratischer Wahlen zu schaffen, verbleibt die jetzige Gemeindevertretung |Js die einzige von der ganzen Kownoer jüdischen Bevölkerung gewählte Repräsentanz fn ihren Rechten. 2. Sollte die jetzige Gemeindevertretung zur Liquidation gezwungen werden, so wird die gesamte Kownoer jüdische Bevölkerung sich als sozialer Hilfsverein ״Esra" konstituieren. 3. Die sogenannte ״religiöse Gemeinde" wird nur als private Gesellschaft anerkannt; sie darf nicht den Platz der demokratischen und nationalen Gemeinde einnehmen. Kowno, 26. Januar. (J. T. A.) Ohne sich mit der jüdisehen parlamentarischen Vertretung auseinanderzusetzen, erließ der Innenminister eine Verordnung betreffend die Bildung eines jüdischen religiösen Konsistoriums für Litauen, welches die Stelle der von der Regierung und dem Parlament aufgehobenen Autonomie der jüdischen Gemeinden einnehmen soll. Gegen die Autorität des Konsistoriums wenden sich die Führer der bisher bestandenen jüdischen Gemeinden, die auf Grund demokratischer Wahlen ihre Vcrtrefung wählten. Zwangssonntagsrnbe in Lettland Riga, 22. Januar. (J. T. A.) Die juridische Sejmkommisslon hat mit allen gegen die Stimme des jüdischen Vertreters, Prof. Lasersou, die Gesetzesvorlage über die Zwangssonntagsruhe angenommen. Diese Tatsache hat linter der Jüdischen Bevölkerung Lettlands große Bestürzung hervorgerufen. Sollte der Sejm den Beschluß der juridischen Kommission bestätigen, so werden die religiös gesinnten Juden Lettlands nicht weniger als 138 Tage im Jahre, also mehr als ein Drittel des Jahres, feiern müssen. Die jüdischen Parlamentarier sind entschlossen, sich im Seim mit allen Kräften dafür einzusetzen, daß die Vorlage der juridischen Kommission abgelndert werde. Der jüdische Handels- und Industrie-Verband berief eine Versammlung ein, um gegen das Gesetz Stellung zu nehmen. Aus dem Kreise des Verbandes wird erklärt, die Durchführung der Zwangssonntaggsnihe würde den Ruin des jüdischen Handels in Lettland bedeuten. Girtenstadtpründnig der transsylvaaisehen Jade! Die transsylvanischen Juden haben an der Küste neben Haifa 6000 Dunam Boden erworben, tan dort eine Gartenstadt zu errichten und jenen Elementen, die zur Landwirtschaft nicht geeignet oder geneigt sind, die Möglichkeit zu bieten, steh in Palästina niederzulassen und eine produktive Existenz aufzubauen. Wese neue Gartenstadt wird ״Zur Schalon!״ heißen. Me Jodes 11 da* Volkswirtschaft Im Verein für jüdische Geschichte and Literaeur sprach •Staatssekretär, a. D. Prof. Dr. Julius Hirsch über das Thema ..I) ic Juden in der Volkswirtschaf t". Al־ Grundlage für das. Wirtschaftsdanken der Juden, wie «s heute, geworden ist. bereichnete der Redner ihr WLrwchaftssehicksal Aus dem Hirtenvolk der grauen Vomk wurde um 1200 bi- 1000 V. Chr. ein Acfcerbaavolk; im babylonischen Exil trat! an Stelle.des Ackerbaus der Handel mit der Gründung von kaufmännischen Kolonien am Mittelmeer. Schrittweise folgte dann die Zurückdrangung der Juden auf den Geldhandel, den sie aber nur solange ausruüben in der Lage waren, als nicht die Städte das Zinsgeschäft in ihre Hände nahmen. Die letzte Umschichtung brachte dann die Revolution von 1789, die für die Juden des Westens einen großen Aufstieg, für die Juden des Ostens aber einen traurigen Niedergang vorbereitete, der den Handwerker zum 1 lausindustriellen herabdrückte oder zur Auswanderung zwang. Der Redner wirft nun die Frage auf, ob' die jüdischen Wirtschaftsdenker eine einheitlich spezifisch jüdische Geistesrichtung aufweisen. Zur Beantwortung dieser Frage geht er auf die Lehren der jüdischen Wirtschaftsdenker ein, gibt r:nen Aufriß der Lehren Ricardo s, heute noch die Grundlagen des wikswirtschaftlichen Lehrgebäudes, der Lehren Karl Marx’, die auch in ihrer Schöpfung nicht rein jüdisch sind, da ihre Wurzeln schon auf Robert Owen, Fourier und Sätet Simon, bestimmt Nichtjuden, zurückzuführen sind; an der Fortbildung der sozialistischen Lehre haben Juden und Nicht Juden zu gleichen Teücn Anteil. Aber auch die Lehren der dem Sozialismus entgegengesetzten Gedanke«ieü>% der kapitaHstisehen, sind großenteils jüdischen Ursprungs; Karl Menge r, der Vater der Grenznutzentheorie, war jüdischen Stammes. Auch die Bodenreform findet ihre starke Begründung durch Juden; der Redner weist besonders auf Franz Oppenheimer hin, der die Vorzüge des Grundbesitzes mit denen des Kleinbesitzes in einer SicdlungsGenossenschaft vereinigen will; auch in der Privatwirtschaftslehre und der Soziologie, ebenso wie in der Statistik sind Juden beteiligt. Jedoch nicht nur unter den Wirtschaftsdenkern, auch unter den Wirtschaftspolitiken! Findet sich in aßen Ländern eine große Anzahl Juden. Im Geldwesen Ludwig Bamberger, der eigentliche Schöpfer der deutschen Goldwährung, in Amerika Paul Warburg; auf kaufmännischem und kolonialem Gebiete Disradi, Lord Reading, Rothschild; in der Industrie: Amerika verdankt die Schaffung der Zuckerindustrie, df| rationelle Gestaltung des Eisenbahnwesens, auch die Ausländsfinanziening zum großen Teil Juden; auch die Singer-Nähmaschine, das Arbeitsgerät des kleinen Mannes, ist eine jüdische Handelserfmdung. In Deutschland seien nur Namen wie Albert Ballin, Emil und Walter Rathenau genannt, sowie die Schöpfer der chemischen Stickstoff-Industrie. Aus all diesem zieht der Redner den Schluß, daß es ein spezifisch jüdisch« Wirtschaftsdenken, eine spezifisch jüdische wirtschaftslehre und ein spezifisch jüdisches Wirtschaf tskteal nicht gibt. Zum Schluß tritt der Redner jedoch mit Nachdruck für eine jüdische Wirtschaftserkenntnis und Wirtschaft»■ Politik ein. Als einen der Gegenstände solcher Betätigung erwähnte er auch den Zionismus, der jedoch nur einen Teil des Problemes bilde. Eia mildes Urteil und eine weise Begrfindnig In Hamburg fand vorige Woche In zweiter Instanz eine Verhandlung in dem Beteidigungsprozesse der Bankiers Max M. Warburg und' Dr. Melchior gegen Theodor Fritsch statt der in seinem.״Hammer“ in mehreren Auf« Warbuigs *uci ■M«dchIortr-‘l»־!»Ä«»f#e»' kannten blindwütigen antisemitischen Manier ׳ charakterisiert hatte. In der ersten Instanz wurde Fritsch zu 3 Monaten verurteilt. Gegen dieses Urteil erhoben sowohl die Kläger wie auch der Verurteilte Berufung. I« dar Berafungsverhandlung wurde die Berufung der Privatkläger abgewiesen, hingegen der Berufung des Theodor Fritsch stattgegeben. Fritsch ist nunmehr zu einer Geldstrafe von 1000 M. verurteilt Interessant, wenn auch leider iti Deutschland nicht ungewohnt, ist die Begründung dieses milden Urteils. Herrn Fritsch wird zugute gehalten, daß er seit vielen Jahrzehnten antisemitischer Bösewicht ist; die Gewohnheit des Alters wird ausdrücklich als Milderangsgrund angeführt, die Ihn zu Ungerechtigkeiten und Maßlosigkeiten gegen das Judentum verführt. Außerdem wird ihm auf Grund des § 193 zugebilligt, daß er ״berechtigte Interessen“ wahraehme. Mit Rücksicht auf die Bedeutung der Privatkläger widmete die große liberale Presse diesem Prozesse erhöhte Aufmerksamkeit und übte an dem milden Urteil und noch mehr an seiner Begründung scharfe Kritik. Die Ueberraschung der großen Presse ist unverständlich. Sie sollte sich doch schon daran gewöhnt haben, daß gegenwärtig Rechtsradikale, Rassenschützler und antisemitische Verleumder vor deutschen Riehtern eine milde Beurteilung finden. ״Geschickte der biblischen Bieber“ Prof, Dr. Blau, der Direktor des Budapester Landesrabbinerseminars, sprach in Berlin in der ״Soncino-Qe- Seilschaft" in einer unter dem Vorsitz von Dr. Siegfried Wolff stattgefundenen Zusammenkunft Prof. Blau sprach in überaus instruktiver Weise unter lebhaftem Beifall der Versammelten über die ״Geschichte des biblischen Buches“. An den Vortrag schloß sich eine lebhafte Diskusston. Frau Wischnitzer zeigte Interessante Photographiett von Codices, der Bodleyana. Rabbiner Nobel legte Erstdrucke wertvoller Bücher jüdischen Inhalts vor. Rechtsanwalt Dr. Klee wies auf die Notwendigkeit der Herausgabe eines Führers durch das jüdische Deutschland hin, bezugnehmend auf kulturhistorisch wertvolle verborgene Schätze, namentlich in Suddeutschland, die der jüdisch-interessierte Reisende ohne Führer nicht finden und würdigen kann. Dr. Mayer Hildesheimer forderte im Anschluß daran eine umfangreichere Konservierungsmaßnahme für jüdische Synagogen mit zum Teil sehr wertvollen Schätzen in aussterbenden Gemeinden, Prof. Dr. Sobernheim zeigte jüdisehe Amulette, der Schriftführer der Sondno-Gesellscnaft, Dr. Meyer, besprach besonders wichtige bibliophile Neuerscheinungen. Die Keren Haiessod-Kampagne ii Mai# Am 23. Januar sprach Dr. Alexander Goldstein in einer Versammlung von osteuropäischen im Haag und Scheveningen lebenden Juden, die einige hundert Familien zählen, zumeist aus Polen und Galizien stammen und sich im Laufe des Krieges in Holland niedergelassen haben. Der Versuch, unter ihnen eine Aktion für den Keren Hajessod zu organisieren, ist glänzend gelungen. Im Anschluß an die Rede Dr. Goldsteins wurde eine Keren Hajessöd-Zdehnung eingeleitet, an der sich der größte Teil der Anwesenden in hohem Grade beteiligte. Ein spezielle* Sammelkomitee wird sogleich mit einer durchgreifenden Einziehung*־ tätigkeit in der gesamten Ostjudenkolonie beginnen. Am 24. Januar eröffnete Dr. Goldstern die Kampagne in Utrecht Der vorausgehenden ausgezeichneten Presse- Propaganda folgte eine überaus zahlreich' besuchte Versamm- 11mg, auf der der Film ,,Das Land der Verheißung" zur Aufführung gelangte. Nach Dr. Goldsteins Rede fand auch Mer eine äußgut erfolgreiche Sammeltätigkeit für den Keren Hajessod statt, der eine Aktion innerhalb der Gemeinde tolgte, die die ganze Woche hindurch dauerte. (ZikoA