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Jüdische Rundschau · 1926-01-29 · Heft 8 (29.1.1926) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 8 (29.1.1926)
Date
1926-01-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 5S JUEDISCHE RUNDSCHAU Das SaadtrDdl des ״Jnden“ 1. Wirlsdiailslragen in der Belegierfcnversammlunä Von «nserm palästinensischen Korrespondenten. A. G. Jerusalem , den 20. Januar 1926. Trotz der wichtigen Fragen, die in den ersten beiden Tagen die Assefath Haniwcharim beschäftigten und trotz des einen oder anderen unsanften Zusammenstoßes, der sich gleich in den ersten Sitzungen abspielte, wurden sowohl die Abgeordneten wie die Tribünen erst beim letzten Punkte der Tage!;- Ordnung, bei den ■wirtschaftlichen Fragen, zu einer leidenschaftlicheren Anteilnahme bestimmt. Die schwere Ökonomische Lage gab diesem Thema außerordentliche Aktualität. In den Nachrichten und Gerüchten über die wirtschaftliche Lage im Lande haben sich in den letzten Monaten Wahrheit und Phantasie bunt gemischt. Der Wille, zu beruhigen, und panikartige Ausbrüche kreuzten und verwirrten sich. Rczeichnenderweisc hat das Ausland die ökonomischen Schwierigkeiten weit mehr aufgebauscht als der Jischuw selbst. Die Vorhandhingen der Assefath Ilaniwcharim gaben im rechten Augenblick ein zimmmenfassencles Bild der Situation und der verschiedenen Anschauungen. Das ausführliche Referat Arlosoroffs und die daran anschließenden Debatten gaben einen Ueberblick über die wirtschaftliche Lage im Lande. Die momentane wirtschaftliche ״Krise" in Palästina ist nicht die erste und wird nicht die letzte sein. Wir kennen diese Erscheinung der Depression mit ihren Folgen der Bankerotte, der Arbeitslosigkeit, der Auswanderung. Jedes Kolonisationsland hat sie gekannt. Und die letzte schwere Periode liegt für Palästina nicht mehr als zwei Jahre zurück. Die Arbeitslosigkeit dieses Jahres — führte Arlosoroff aus — ist eher kleiner als die der früheren Krise. Im Jahre 1922 stieg sie von 7 auf 12 ®/o, im Jahre 1923 von 9 auf 14 0/0. ■Aber selbst wenn sic heute 10 6/0 nicht übersteigen sollte, ist der Unterschied ein gewaltiger, weil sie im Laufe des letzten Jahres auf 4 ®/o gesunken war. Außerdem ist in Betracht zu ziehen, daß es sich im Verhältnis zu vor zwei Jahren um viel größere absolute Zahlen handelt, weil der Jischuw unterdes sehr stark gewachsen ist. Die Struktur der Einwanderung der letzten Jahre war von vorherein so geartet, daß sie wirtschaftliche Befürchtungen erregen mußte. Nur ungefähr 17 0/0 der neuen Immigranten gingen in die Kolonien. Der Rest blieb in den Städten und wandte sich dort gezwungenermaßen zu einem großen Teile nicht wirtschaftlichen Berufen zu. Ein Vergleich der verschiedenen Erwerbszweige ergibt folgende Resultate: Es vermehrten sich im letzten Jahre: Industrieuntemehmungen um 33 «-0, Handwerkerunternehmungen um 24 O/o, Pensionen, Restaurants usw. um 40 ®/o, Bureaus um 90 0/e, Oeffcntlichc Institutionen um 40 6/0, Künstlerische Institutionen um 30 .0׳» Daraus ergibt sich, daß diejenigen Wirt• schaftszweige, die den Grund für alle anderen י a^geben* also die spgenannt produktiven, wie Industrie und Gewerbe, keinen Schritt 1»i־t den ssknalärea halten konnten. Und in der Tat sind wir in den palästinensischen Städten, vor allem in Tel-Awiw, Zeugen der Entwicklung einer verzweifelten, auf äußerster Anstrengung beruhenden Konkurrenz, die schließlich zur Erschöpfung führen muß. Am augenscheinlichsten kann man diese Erscheinung bei den kleinen Händlern und den kleinen Restaurants Beobachten. Ihre Hauptwaffen sind Kredit und Ausdehnung der Arbeitszeit auf das Höchstmaß. Man kauft — besonders unter den gegenwärtigen Verhältnissen -- selbstverständlich mit Vorliebe da, wo man nicht bar zu bezahlen Braucht. Und der kleine Händler in seinem schweren Konkurrenzkampf kommt dieser Tendenz so weit entgegen, daß er seine ohnedies schwachen Kräfte weit überspannt. Außerdem herrscht in diesen Kleingeschaftcn eine übermäßige Arbeitszeit, die in vielen Fällen die Familie selbst trifft, weil in der Hauptsache der Besitzet mit Frau und Kindern arbeitet. Ueberhaupt ist die palästinensische städtische Wirtschaft von heute — bis auf die wenigen großen Gründungen — durch die Kleinheit der Einheiten charakterisiert. Das private Kapital, das seinen hauptsächlichen Aktionskreis in der Stadt hat, rechnet mit kleinen Beträgen und gründet Unternehmungen, die zu kurzatmig sind, um sich so lange zu halten, bis sie den Markt erobert haben. Das ist mit einer der Gründe, warum im Jahre 24/25 von 55 Industriegründungen 20 wieder geschlossen werden mußten. Auch wo sich Besitzer geringer Kapitalien zu Gesellschaften zusammenschließen, was sehr häufig geschieht, sind che Summen, die dadurch entstehen, vielfach ungenügend. So wurden von den Gescllscliaöen der letzten drei Jahre mehr als 30 °/0 mit einem Kapital v 1:״ weniger als 2000 £ begonnen. Die ohnedies kleinen Kapitalien, die das Charakteristikum der heutigen Ein- Wanderung sind, werden in ihrem Werte noch dadurch beeinträchtigt, daß sie zu einem beträchtlichen Teile in Grundstücken und Häusern investiert und dadurch immobil werden. Zu einem gewissen Prozentsatz, wo es sich um Käufe von Arabern handelt, verläßt das Geld überhaupt den Kreis der jüdischen Wirtschaft. Ebenso scheiden die sehr hohen Beträge für den Umlauf aus, die durch den Import ins Ausland gehen. Der Import ist in den letzten drei Jahren im Verhältnis zum Export auffallend gewachsen. Es handelt sich dabei nicht nur um Waren, die lebensnotwendig sind und im Lande nicht hrrgcstellt werden, sondern um viele kleine Artikel, die mit zum Kreis eines durchschnittlichen europäisch gehaltenen Lebens gehören. Früher hat man solche kleinen and großen Annehmlichkeiten im Lande nicht gekannt und ist ohne sie ausgekommen. Sobald sie eingeführt sind, werden sie gekauft Auffällig ist es besonders, wie sehr sich auswärtige Lebensmittel im letzten Jahre hier durchgesetzt haben, weil man sie gewohnt ist, und weil sie nicht teuer sind. Es versteht sich von selbst, daß die gegenwärtige Situation im Lande nicht mit ein oder zwei Tatsachen zu begründen ist. Verschiedene und verschieden wirkende Faktoren kommen zusammen. Die Einwanderer, die früher 500 £ und darüber mitbrachtcn, haben jetzt meist nur 200—300. Mit diesem Gelde ist heute wenig anzufangen, weil das Leben teurer geworden ist und die Spekulation die Boden- und Materialienpreise in die Höhe getrieben hat. Viele* der Unternehmer und Hausbesitzer besitzen nicht die genügenden Kenntnisse für ihre Arbeit. Der vorhandene Kredit genügt nicht und wird nicht immer richtig gegeben und verwendet. Im Moment ist auch die Regenzeit als ein Faktor zu werten, der die Arbeit»- losigkeit nicht unbedeutend verschärft. Die Regierung ist immer leid« geneigt, auf Zeiten schwerer wirtschaftlicher Komplikationen mit dem Allheilmittel ״Stop immigration" zu antworten. Der Jischuw denkt anders, und mit Recht. Vor allem soll ein solcher Angriff nicht von der Regierung, sondern von den Juden ausgehen, denn nur sie können die Notwendigkeit eines solchen Schrittes abmessen. Administrativ ist dieses Probien! nicht zu lösen. Wir haben bereits mehrmals gesehen, daß entgegen administrativen Berechnungen das Land gerade dann für Immigration aufnahmefähig war, wenn man es hatte sperren wollen und umgekehrt. Und es ist bezeichnend, daß auch dieses Mal gerade der Teil Palästinas, der die Krise am schwersten und unmittelbarsten empfindet, nämlich die Arbeiterschaft, sich gegen eine Sperrung der Einwanderung wehrt. Die Aktionen, die zur Besserung der Verhältnisse einzuleiten sind, betreffen zwei verschiedene Gebiete: Die Für• sorge für die privatkapitalistische Unternehmung und die Schaffung von Arbeitsmöglichkciten. Ausschlaggebend für das Kapital und seine Flüssigmachung Ist die Kreditfrage. In dieser fällt der Hypothekenbank vor allem in der Baubewegung eine wichtige Rolle zu. Die Schaffung von Arbeitsmögliehkciten muß sich verteilen unter die Regierung, die Stadt- und Kolonievei waltungen und die Executive. Bisher hat sich die Regierung kaum um Arbeitsbeschaffung für die Juden gekümmert. Sie haben sich immer aus eigener Kraft mit großer Anstrengung gehalten. Und wenn bisher immer das zu schwache Budget ins Feld geführt wurde, um diese Haltung zu erklären, so ist dieses Argument heute nicht mehr stichhaltig. Die Einnahmen des Landes sind gestiegen, allein der Zoll brachte im letzten Jahre 600000 £ ein. Und daß die Juden eia sehr erheblicher Faktor dieser Einnahmen sind, bedarf keiner Beweise. Eine weitere Schwierigkeit lag bisher in dem Lohnunterschied der arabischen und jüdischen Arbeit Aber die Regierung ist nicht berechtigt, sich für ihre Unternehmungen die billigsten Arbeiter zu suchen, und sie womöglich noch aus den angrenzenden Ländern (Transjordanien oder Aegypten) zu importieren, sondern sie muß mit ihren Bürgern rechnen und ihrem Lebensstandard gerecht werden. Die Executive und die Stadt- und Kolonievcnvaltungcn haben bis jetzt nur wenig tun können. Als man das letzte Budget beschloß, hat man im Vollgefühl der guten Wirtschaftliehen Lage, keinerlei Reserven geschaffen. So steht heute das Arbeitsdepartement der zionistischen Executive in einem bösen Konflikt zwischen Notwendigkeiten und Möglichkeiten. Mit Notstandsarbeiten, mit vernünftiger Fürsorge für die von der Krise schwer getroffenen Arbeiterinnen, mit dem Beginne der Produktiv ierung der vierten Alijah wäre heute sehr viel zu helfen. Aber was kann es bedeuten, daß das Arbeitsdepartement Pläne ausarbeitet, eine Abteilung für Arbeiterinnen einrichtet, seine Arbeit zu vervollkommnen bestrebt ist, wenn die Eingänge des Keren Hajessod nicht einmal das reguläre Budget decken. Und hier muß gesagt werden, daß, so viel das Galuth auch über die Krise schreibt und spricht, es nichts getan hat, um ihr abzuhelfen. Und doch bedeuten unter den palästinensischen Verhältnissen schon 15 000 oder ־‘;׳ ■<״■־'"wz ־• In den Kolonien hat sich in den letzten Jahren unter großen Anstrengungen eine große Anzahl von Arbeitern konzentriert. Nichtsdestoweniger wird es jetzt in der Zeit der Arbeitslosigkeit fühlbarer als je, daß noch lange nicht das Maß von jüdischer Arbeit erreicht ist, das zu erreichen wäre. Die Assefath Haniwcharim hat sich mit dieser alten Frage aufs neue auseinandergesetzt, nicht ohne daß sie zu schweren Zusammenstößen geführt hätte. Die Ereignisse in Chederah und Rechowoth, wo Kolonisten ihren Willen zu arabischer Arbeit mit Hilfe der Polizei durchzusetzen versuchten, haben große Erbitterung verursacht. Die Assefath Haniwcharim hat einen wichtigen Schritt zur Lösung der Konflikte getan, indem sie beschloß, ein Zwangs-Schiedsgericht (Compulsory arbitration) zu schaffen, das Konflikte wegen ,,fremder Arbeit" entscheidet. Die Assefath Haniwcharim und der neugcwühltc Waad Leumi wird selbst nichts Bedeutendes für die Hebung der wirtschaftlichen Lage tun können. Dazu sind seine Hilfsmittel heute zu beschränkt und liegen zu sehr auf moralischem Gebiet. Dennoch waren die Auseinandersetzungen wertvoll. Sie gaben einen Ueberblick über die Lage, über die wirkenden Kräfte, über die widerstreitenden Interessen. Und sämtliche Beschlüsse auf allen Gebieten, mit denen sich die Ver- Sammlung beschäftigte, tragen einen erfreulich sachlichen und verständnisvollen Charakter. Besonders erwähnt seien die Ent- Scheidungen über die kulturelle Arbeit, die dazu angetan sind, die Frage der Verantwortung und der Mittelbeschaffung für die Schulen endgültig zu klären. Gerade der Umstand, daß sie keine plötzlichen einschneidenden Aenderungen fordern, und dennoch eine klare Entwicklungslinie angeben, macht sie ausführbar. Die Verantwortung für die kulturelle Arbeit wird stufenweise auf den Jischuw übergehen, während die Zionistische Organisation nach wie vor finanzielle Beihilfe leistet. Bedeutsam ist auch die — heute nur moralisch wirksame — Proklamation des Schulzwanges, der freilich nur wirksam sein kann, wenn war in der Lage sind, die Schulen, r.tm mindesten die Volksschulen, unentgeltlich zu gestalten. * Insgesamt kann inan die erste Session der zweiten Assefath Haniwcharim positiv werten. Wenn es am Anfang schien, als wollte sich keine rechte Atmosphäre der Arbeit entwickeln, so gab der letzte Verhandlungstag, der sich von morgens bis über die ganze folgende Nacht hinzog, eia erfreuliebes Bild. Trotz so mancher schweren, und teilweise unsinnigen Zusammenstöße, gelang es, diese sehr bunte Vertretervers&mmlung zusammenzufassen und zu sachlicher Arbeit anzuhalten. Für den geduldigen Beobachter, dem die Assefath Haniwcharim heute der Grundstein des Kommenden ist, und der nicht envartet, daß wir von heute auf morgen ein erfahrenes, gut erzogenes Parlament schaffen, war diese Versammlung ein guter, teilweise sehr guter Anfang. Der Kristallisationsprozeß der palästinensischen Judenheit macht unverkennbare, gesunde Fortschritte. Am 1. Januar wurde in Palästina ein tschechoslowakisches Konsulat errichtet. Die Zeitschrift ״Der Jude“ hat vor kurzem ein Sonderheft mit dem Untertitel ״Antisemitismus und jüdi- 6 c h e s Volkstum“ herausgegeben. Die freudige Aufnähme, welche dieses Heft allerseits gefunden hat, beweist zur Genüge, daß der ״Jude“ sich auf dem richtigen Wege befindet, wenn er sich wieder Problemen der realen Politik zuwendet. Und es ist zweifellos ein besonderes Verdienst des Herausgebers, gerade dieses Hauptproblem unserer Qaluthexistenz zum Diskussionsthema gewählt zu haben. Daß diese oder überhaupt irgendeine Diskussion den Antisemitismus zum Verschwinden bringen wird, glaubt niemand. Aber dennoch kann eine solche Aussprache nicht als unfruchtbar bezeichnet werden, denn sie bietet zumindest die Möglichkeit, in das affektgetrübte Spannungsverhältnis zwischen Nichtjuden und Juden, das man gemeinhin Antisemitismus nennt, Klärung zu bringen und auf dieser Grundläge vielleicht zu einer geistigen Verständigung zu gelangen. Denn nur auf diese weise ist es möglich einerseits, statt gclegent.ichen unsubstanziierten . Aeußerungen und unverstandener Sclilagworte eine logische Begründung der gegnerischen Einstellung hervorzurufen, und andererseits den jüdischen Standpunkt einer nichtjüdischen ()Öffentlichkeit zu vermitteln. Aus diesem Gedanken heraus muß man es sehr begrüßen, daß eine Reihe führender Geister der jüdischen und der nichtjüdischen Welt in dem ״Juden“ zu der Frage des Antisemitismus Stellung genommen haben. Der Charakter des ״Juden“ als einer vorwiegend literarisch und philosophisch orientierten Zeitschrift hat nun auf die Auswahl der Mitarbeiter auch in diesem Sinne eingewirkt, so daß die vorwiegend politisch-psychologische Frage des Antisemitismus, insbesondere von der Gegenseite, leider nur sehr selten vom politischen Standpunkt aus betrachtet wird. Daß eine Anzahl von Beiträgen zu dem Thema nur eine ganz oberflächliche Beziehung haben und geradezu literatenhaft wirken, kann allerdings dem Herausgeber wohl kaum zum Vor• w־urf gemacht werden. Aber wenn Wassermann ohne jede Begründung den Juden der Diaspora für den Juden der Bestimmung erklärt, wenn B i n d i n g Aufzeichnungen über zwei jüdische Offiziere im Weltkrieg mitteilt und Heinrich Mann Felix Saltens Palästinabuch bespricht, so vermag nur die Qualität dieser Aufsätze die mangelnde persönliche Stellungnähme zu ersetzen. Ebenso, und dafür ist die Redaktion verantwortlich, erscheint uns der Abdruck aus Trurapeldors Tagebüchern an dieser Stelle deplaciert. III. Das Heft sollte, wie oben gesagt wurde, der Oeffentlichkeit unseren Standpunkt klar legen. Ob dies in ausreichendem Maße der Fall ist, erscheint zweifelhaft, wenn man wohl auch zugeben muß, daß gerade die Beiträge zionistischer Richtung das bei weitem höchste Niveau mit einer entsprechenden Klarheit der Problemstellung verbinden. M. E. fehlt der Broschüre als Einleitung und Grundlage der gesamten Diskussion eine prägnant formulierte Analyse des Antisemitistnus, wie wir sie beispielsweise von Blumenfeld gewöhnt sind Denn der einleitende Aufsatz von Arnold Zweig, welcher nur den Kreis der Diskutierenden begrenzt, indem er eine Diskussion mit ״wirklichen Antisemiten‘"und nationaldeutschen Juden ablehnt, ist in dieser hjlnsicht zu allgemein gehalten I und befaßt sieh nur mit Einzelproblemen. Ebenso bekämpft I Ooslar nur unter deutlicher Hervorhebung seines nus- I rachistischen Standpunktes die These von der Unvereinbarkeit JE .edte- Efeost W am Staatsvolk. Buber, welcher auf historischer und weit- I anschaulicher Grundlage den von mehreren christlichen Autoren 1 falsch verstandenen bzw. falsch angewandten Begriff des I Pharisäertums richtigstellt, und Krojanker befinden sich leider in der Defensive, ״leider“ besonders um deswillen, weil gerade der letztere Aufsatz in seiner Prägnanz und Dar- Stellung dazu geeignet gewesen wäre, die fehlende Einleitung zu ersetzen. Krojanker legt dar, wie die als Preis für die Emanzipation geforderte Entjudung einerseits von den Antisemiten unmöglich gemacht und andererseits die Nichterfüllung dieser Forderung den Juden wiederum zum Vorwurf gemacht werde. Der richtige Weg zum Deutschtum setzt ein wahres erfülltes Menschentum voraus; er muß also über das Judentum führen. IV. Dagegen hat der ״Jude“ die Forderung unparteiischer Objektivität weitestgehend erfüllt und eine Reihe führender Nichtjuden und Nichtzionisten ausführlich zu Worte kommen lassen. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle näher auf die einzelnen Aufsätze einzugehen, zumal zu . einzelnen dieser Beiträge in diesem Blatte bereits Stellung genommen wurde. Hervorheben möchte ich nur zwei Beiträge, welche ein besonderes Interesse beanspruchen. Der eine stammt von dem französischen Juden und Sozialisten L i o 11 Blum, der andere von dem irischen Dichter Bernhard Shaw.!leide wenden sich mit aller Schärfe gegen die Mimikry eines zur Sefbstaufgabe bereiten, entwurzelten, würdelosen Assimilations- Judentums; beide erkennen das welthistorische Werk des Palästinaaufbaues an. L£on Blum betont insbesondere seine Verwurzelung im Franzosentum; er sei ebenso nationaler Jude wie nationaler Franzose. Shaw aber warnt uns vor dem ״krankhaft heftigen Nationalbewußtsein, das durch Unterdrückung und Verfolgung hervorgeruferi werde“. Er habe den Iren oft gesagt, daß sie ״kein auserwähites Volk seien, daß ihre Leiden sie nicht besser gemacht haben als andere“; dasselbe müßten sich die Juden sagen. Bemerkenswert erscheint an allen Aufsätzen der Gegen- Seite, daß sie den Zionismus zwar gefühlsmäßig anerkennen, in ihm aber keine Lösung der Judenfrage sehen. Wenn sie von jüdischer ״Schuld“ oder ״unerwünschten‘1 Juden sprechen, so werden die Zionisten jedesmal ausdrücklich ausgenommen; der Zionismus selbst aber wird höchstens als Teillösung der Judenfrage anerkannt Andererseits fehlt den meisten unserer Gegner das Verständnis für die Berechtigung unserer volkliehen Sonderexistenz innerhalb Deutschlands. Infolge der Begriffsvenveehseiung von Staat und Nation glauben sie von jedem Staatsbürger auch die Selbstaufgabe seiner besonderen jüdischen Eigenart verlangen zu können. Was die Beteiligung des Juden am öffentlichen Leben anlangt, 80 wird dies immer wieder als eine Frage des Taktes beze.cnnet, den viele Assimilationsjuden leider nur zu oft vermissen lassen. Man findet also bei betontem und aufrichtigem Verständigungswillen einen gewissen instinktiven Rest in Feindschaft übergegangener Fremdheit, für den jetzt eine nationalistische Erklärung gesucht wird. Die Tatsache, daß der ״Jude“ ein solches Sonderheft mit den Beiträgen führender Autoren herausbringen konnte, zeigt nicht nur, wie brennend das Problem des Antisemitismus allerseits empfunden wird, sondern daß man auch auf da Gegenseite durchaus das Bestreben hat, durch grün Nützliche Erklärung zu einer gegenseitigen Verständigung, mindestens zu einem annehmbaren modus vivendi zu gelangen. Das Verdienst, die Basis für eine solche Diskussion überhaupt erst durch die richtige Problemstellung geschaffen zu haben, gebührt zweifellos dem Zionismus. Arno Blum.

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