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Jüdische Rundschau · 1926-01-29 · Heft 8 (29.1.1926) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 8 (29.1.1926)
Date
1926-01-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 8 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 57 Romain Rolland (Zu seinem 60. Geburtstag.) Von Sch. Go rcIik. Zu dem bescheidenen Haus in Villeneuve ara Genfer See, wo Romain Rolland in Zurückgezogenheit lebt, wenden sich in diesen Tagen die Gefühle der Verehrung, der Dankbarkeit und der tiefsten Sympathie der ganzen Welt, ln Europa wie in Amerika, in China wie in Indien ist Romain Rolland nicht nur der große Schriftsteller, sondern die bedeutendste moralische Autorität, und man sieht in ihm einen der Wenigen, Seltenen, in deren Persönlichkeit und Werk das Gewissen Europas sich manifestiert. Nur in seinem eigenen Vaterlande, in Frankreich, wird ihm die gebührende Anerkennung noch bis jetzt versagt. Man kann Romain Rolland dort noch heute nicht vergessen, daß er wahrend des Krieges Pazifist war, daß er sich nicht von Ereignissen beherrschen ließ, die, so katastroplial sie auch sein mochten, doch einen zeitweiligen Charakter trugen, und daß er stattdessen Hüter jener ewigen Ideale, jener Kulturgüter war, an die die Menschheit nach Jahren des Wahnsinnes vielleicht doch noch einmal erinnert sein wollte. Haben ihm die Politiker seines Vaterlandes Mangel an Patriotismus vorgeworfen, so wollte ihn das künstlerischc: Frankreich nicht ganz zu den Seinen rechnen, weil er den Weg des Moralisten und nicht den des reinen Künstlers gegangen ist. Als ob cs nicht zwei Wege gegeben hätte, die das literarische Frankreich gegangen ist, um die Kulturweli zu erobern, als ob es außer der Linie Rabelais—Anatole France (Ironiker) nicht noch eine zweite gäbe, nämlich die der Pascal—Rousseau (Pathctiker, Moralisten). Romain Rolland erleidet eben das Schicksal vieler anderer bedeutender Männer, die mit dem eigenen Volke entzweit waren, denn er liebte se'n Volk nicht mit der Liebe von heute, sondern mit der Liebe von morgen. Aber einmal wird der Tag kommen, wo auch Frankreich sich seinen großen Sohn holen wird. Einstweilen noch nicht ausgesöhnt, sieht es nur zu, wie die ganze Welt in Dankbarkeit und Begeisterung den großen Humanisten, den mutigen Romain Rolland feiert. Gelten in diesen Tagen die Gefühle der Liebe, der Sympathie dem Künstler Romain Rolland, der den ״Jean Christoph“, ״Die verzauberte Seele“, ״Meister Breugnon“ geschrieben hat, oder dem geistigen Erzieher, dem Verfasser der Biographien großer Männer, dem, der Europa Ghandi entdeckt hat? Aber Romain Rolland selbst, der um sein künstlerisches Werk schwer gerungen hat, will nicht nur als Künstler genommen werden, insofern man unter Künstler irrtümlicherweise nur den objektiven, ja indifferenten Beobachter des Lebens und nicht den im tiefsten Sinne tendenziösen, leidenschaftliehen Wahrheitskämpfer und Weltverbesserer versteht. Schon in seinen jungen Jahren, den Vorbereitungsjahren zu der geistigen Karriere, stellte er sich den Schriftsteller als eine Art Missionär, einen Priester vor. Er konnte Befriedigung finden weder in der literarischen Richtung, die einen Zola zum Repräsentanten hatte, noch in der anderen extremen Richtung, die Huvsman predigte. Der Naturalismus, der nur ein treuer Protokollist <Jes Lebens war, wie auch die dekadente Jfäjfatting« dtei'iä. ,4«':Abkehr Vsttt' Leben ־.$)«. etwtac Minder* wertigem das ideal des Künstlers sah, waren Romain Rolland gleich fremd, ihm, der mit Tolstoi darüber korrespondierte, was zu t u n ist, wie man als Mensch und Schriftsteller diese kurze Spanne Zeit des Lebens so zu ieben hat, daß man sich nicht schäme. So bürdete Romain Rolland — gleich Carlyle —• dem Schriftsteller große Pflichten auf. Vor allem muß der Schriftsteller, der Künstler, überhaupt der geistige Mensch wirken. Er ist Mahner und Förderer, nicht gleichgültiger Beobachter des Lebens, für die Spinoza, Leonardo da Vinci-und ein Apache des Pariser Boulevards denselben Wert haben. Wecker, Rufer soll der Schriftsteller sein. Nach Versuchen ein wirkliches Volkstheater zu gründen, für das er einen Dramenzyklus verfaßte (״Danton“, ״Wölfe“, ״Die Zeit wird kommen“), schreibt Romain Rolland eine Serie von Biographien großer Männer, um auf diese Weise den Leser auf das Heroische, auf das Außergewöhnliche im Leben und im Werk zu stimmen. Genau wie durch seine Dramen dachte er das Volk, das an die Niederungen des Alltäglichen gewöhnt ist, an das Heldenhafte zu erinnern, wollte er auch ’ durch die Biographien auf das Erhabene, auf die großen Kämpfe, Leiden, Niederlagen und Siege hinweisen, damit der Leser, damit das Volk Sehnsucht zum wahrhaft Großen hekomme. Freilich kommt noch ein Moment hinzu, noch eine edle Absicht: der Trost. 111 der Vorrede zu Beethovens Biographie sagt Romain Rolland, daß, indem er die ungewöhnlichen Leiden, den heroischen Kampf Beethovens schildert, er Trost bringen will all denen, die in der Einsamkeit ihr Leid tragen, all denen, die in der Stille dulden. Hauptzweck der Biographien war aber doch das Verlangen, durch das große Beispiel zu wirken. Er unterbrach diese Arbeit später, als er durch das Sichvertiefen in das Leben großer Männer gewahr wurde, daß neben dem großen Werk nicht immer auch das große, erhabene Leben stand. Diese Harmonie zwischen Leben und Werk sah er in der letzten Zeit nur in G h a n d i. Und wirklieh, keine Biographie hat Romain Rolland mit solcher Inbrunst, mit solch geistiger Freude und innerem Glück geschrieben, wie die Biographie des großen Inders. I!1 ihm sah er den vollkommenen Menschen. Romain Rolland, der ein begeisterter Tolstoianer ist, verstand doch den Unterschied zwischen diesen beiden: Tolstoi wollte ein Heiliger werden, Ghandi ist es. Einmal erlebte Romain Rolland selbst eine heroische Zeit: die Jahre des Drcyfuß-Prozesses, die Schicksalsjahre für Frankreich waren, das sich damals in zwei feindliche Lager;eilte. In dem einen sammelten sich alle, die für Gcrcchtigkeit, für die geheiligten Ideale Frankreichs und der Menschheit waren, und in dem anderen standen diejenigen, die die Wahrheit unterdrücken wollten. Dieser gewaltige Kampf, der die Welt in Atem hielt, endete mit einem Sieg der Gerechtigkeit und brachte Frankreich eine geistige und moralische Erneuerung. Wo und mit wem Romain Rolland war, ist nicht nötig zu sagen. In seinem ״Jean Christoph“ finden wir noch den Widerhall dieses Kampfes, im ״Jean Christoph“, das sein Lebenswerk ist und in welchem er das heroische Leben eines genialen Menschen schildert. Als Arena zu diesen Schlachten, die Christoph führt, nahm er das Kulturleben Europas. Die Kultur- und Geistesgeschichte einer ganzen Generation sehen wir an uns vorüberziehen. Unter den unzähligen Gestalten, denen Jean Christoph auf seinem Leidens- und Siegeswege begegnet, gibt es auch viele jüdische. Alle sind die Urenkel unserer lieben Frau Glückl von Hameln und in der vierten Generation schon Träger einer ehemaligen erfolgreichen Assimilatonsidee, Epigonen einer Aufklarungsepoche, die ihre großen Heiden und Enthusiasten hatte. ״Ich bin von jetzt an tausend Taler mehr wert, Goethe war bei mir,“ schrieb vor hundert Jahren die Rahel an ihre Freunde. Diese Verzückung der genialen Jüdin hat nichts mit jenem Dilletantismus der Begeisterung zu tun, dessen sich die Mannheims, die Goldenrings, die Ehrenfclds befleißigen, und die Romain Rolland ohne Schärfe (jedenfalls mit weniger Schärfe, als er viele Schichten des intellektuellen und literarischen Frankreichs gegeißelt hat) bespöttelte. In den jüdischen Häusern jener deutschen Provinzstadt, deren Söhne und Töchter einem literarischen und geistigen Snobismus und nicht einem ernsten Mäcenatentum huldigten, findet Jean Christoph Aufnahme und Verständnis für seine neuer, musikalischen Ideen. Diese jüdischen Familien haben die Verbindung mit dem eigenen Volke längst verloren, aber die Kraft des Enthusiasmus für die europäische Kultur, die ihre Vorfahren, die Helden und Ritter der Assimilation, hatten, hat auch nachgelassen. Nachzügler einer ehemals mit Glauben aufgenommenen Idee sind sie, und nur ein Vorteil verblieb ihnen noch: das Freisein von Kasten- und Standesvorurteilen, denn obwohl sie 150 Jahre der europäischen Kultur angehören, sind sie von der Gesellschaft noch nicht als gleichberechtigt anerkannt. Dieser Umstand bringt es mit sich, daß ein Neuerer, ein Stürmer, ein verfolgtes Genie in einem jüdischen Hause seelische Wärme, manchmal sogar Rettung findet. Wenn Jean Christoph auf seinem Wege meistens solche Juden traf, die in den Tempeln der Kunst und des Geistes nicht immer als wahrhaft Begeisterte wandelten, sondern sich dort wie auf einem Jahrmarkt tummelten, wenn Romain Rolland mit Kennerauge ihre seelische Hohlheit bemerkte und treffsicher zeichnete, so haben wir keinen Anlaß, darin irgendwelche Absichten zu sehen. Diejenigen, die von einer Renaissance des Judentums träumen, haben vielleicht schärfere Worte für die Mannheims und die Goldenrings. Aber sie sind nicht die einzigen, die Romain Rolland kennt, und das, was Jean Christoph nicht vergönnt gewesen ist, erlebte Annette, die verzauberte Seele (in dem Roman des gleichen Namens). An viele Unwürdige hat sie ihre Liebe und ihre Seele vergeben, aber nur einen wahren Freund hatte sie, einen, der geliebt zu werden eigentlich wert war, den Juden Marcel Frank, der ein wenig wie Alfred de Müsset aussah. Mit welch zarten Strichen schildert Romain Rolland diesen Frank, der nicht nur ein feiner Skeptiker, sondern auch von tiefem Lvrismus durchdrungen ist, echter Europäer, Weltbürger, aber etwas müde und gebrochen. In ״Jean Christoph“ finden sich sonst noch da und dort interessante und tiefsinnige Bemerkungen über Juden und die Rolle des Judentums, aber über die Renaissancebewegung unter den Juden, über den Zionismus, äußerte sich Romain Rolland nirgends. Als er den ״Jean Christoph“ geschaffen hat, konnte er es noch nicht tun. Warum er aber in seinen späteren Veröffentlichungen niemals diese bedeutende Erscheinung erwähnt hat, ist vielleicht damit zu erklären, daß das Schicksal und die Lage es wollten, daß der Zionismus mit Hilfe Europas seiner Verwirklichung entgegengeht, und Romain Rolland ist von Europa enttäuscht, und mit Mißtrauen begegnet er dessen Worten und Taten. Herbert Kalenberg - fünfzig Jahre all Herbert Euienberg ist Fünfziger geworden und aus diesem Anlässe wird er in ganz Deutschland gefeiert. Allerdings nur im geistig freien und fortgeschrittenen Deutschland. Unter seinen Verehrern und Freunden finden sich sehr viel Juden. Auch wir Zionisten benützen gern die Gelegenheit, um Herbert Eulenberg herzlichst zu danken. Zunächst für einige seiner Schattenbilder; die Silhouette Jehuda Halevys, vor vielen Jahren erschienen, war ein deutliches •Zeugnis'von der Kraft Eulonhergscher Einfühlung in das Dichten und Sehnen des größten hebräischen Sängers der Diaspora. Wir danken Herbert Eulenburg für jene Rede, die er vor vielen Jahren in Düsseldorf zu Ehren Heinrich Heines hielt, die damals nicht veröffentlicht werden durfte, und bis heute leider noch in allen Ausgaben der Eulenbergschen Schriften fehlt. Wir danken Herbert Eulenberg für sein großes Verständnis, das er dem eigenartigen jüdischen Volksleben in Osteuropa ent* gegengebracht hat. Wie nur sehr wenige Nichtjuden hat Herbert Eulenberg für jüdische Art offene Augen und vorurteilsloses Urteil. Daß er, was bei einem so freien Geiste selbstverständlich ist, zwischen sich und allem Rückschritt in Deutschland eine hohe Barriere errichtet, sei nur nebenbei erwähnt. In einem unbekannten Gedichte, das erSammy Gronemann als Dedikation gewidmet hat, finden sich nachstehende Verse: ״OHiCjcseU|er Sam,, der zu dem V©%,geh|rt, . . .. Daß auf den Öe'isf, nicht auf die Waffen schwört ” ’ Damit beweist Eulenberg, daß er von unseres Volkes Geist einen Hauch verspürt hat. Gerade weil wir nationalbewußten Juden Herbert Eulenberg verehren und lieben, sei er darauf aufmerksam gemacht, daß wir nicht verstehen können, wie er in der letzten C. V.- Zeitung in seinem Aufsatz ״Was ich den Juden verdanke“ in der Schlußzeile von ״wilden Zionisten“ schreibt und damit wohl meint, daß wir Zionisten engherzig nationalistisch sind und unser Leben ״durch Haß und Hohn vergällen“ . Das kann nur eine Entgleisung sein. Herbert Eulenberg weiß ganz genau, daß wir Zionisten uns von Haß, Rachsucht und Gegnerschaft gegenüber Nichtjuden frei wissen. Gerade das selbstverständliche Bewußtsein unseres eigenen Volkstums macht uns in unseren Beziehungen zu andern Völkern viel selbstsicherer und freier als diejenigen, die fürchten, von den anderen nicht als volle Deutsche, Franzosen usw. betrachtet zu werden, ra w. Das Dichterische dieser Erfindung entstammt ganz der chassidischen Legende, die Perez zu Erzählungen und der ,.Goldenen Kette“ verhalt und in Anski dieses Stück entband, das seinen Namen auf lange hin vor Vergessenheit retten wird. Denn nur ein wahrhaft dichtender Geist vermochte, die inneren Gewichte des Dramas so gleichschwebend zu verteilen, die Personen so menschlich zu schauen, die Luft der jüdisch-östlichen Welt so dicht, dunkel, geistig tragend und entkörperlichend zu weben. Herrlich wie in russischen Stücken schwebt und bewegt sich Stimmung über den Menschen und um sie, schwach wie in russischen Stücken steht die innere Form, die dem Drama erst Dauer gibt, das Drama zum Drama allertrst macht, über die Rundheit und Fülle der Gestaltung entscheidet. Der Dybuk ist eine Dichtung für die Bühne von wundervoll echter Stimmung und lebendiger Impression; ein Drama ist er nicht. Es verlohnt, hierüber auch an dieser Stelle noch kurz zu sprechen — an dieser Stelle, die dem inneren Aufbau der Juden zu einem normalen Gemeinschaftskörper, einem Volke, dient. Äesthctische Gegenstände — das Bild, die Statue, der sinfonische Satz., aas Drama, der Roman — sind Ausdrucksgebärden der Gemeinschaft, der sie entstammen; und wie sie als Haltung aus der Gruppenseele treten, wirken sie geheimnisvoll auf die Haltung der Getneinschaft zurück. Der Stolz auf Dichter, der Stolz und das Glück, klassische Werke zu besitzen, großer Dichtung gewürdigt zu sein, ist eine der erlauchtesten und gerechtfertigtsten Erhebungen einer Mensehengrnppe. Darum ist Kritik, die dazu beiträgt, eine nationale Angelegenheit, indem sie gleichzeitig auch eine übernationale, ethisch-geistige Verpfiiehtung des Wissenden ist. Als Drama, als Form, ist der Dybuk ein schwaches Gebilde. Es mußte das Verhältnis Senders zu dem verschwundenen Nissan, das unausgesprochene Erkennen Chanans, die Verdrängung seines Anspruchs auf Lea — all diese wichtigen Voraussetzungen des Stückes, ebensoviele Antriebe in Senders Seele — in die Exposition, an den Anfang des Ganzen gestellt werden. Einhezogen in die Regungen dieses Mannes wäre die Sympathie, das innere Mitgehen aes Zuschauers ganz anders eingespannt zwischen Sender, dem Irrenden und Chanan, dem Leidenden. Ein Dramatiker hatte die Wahl, Rabbi Asriel oder Sender Brinitzer zum Helden des Stückes zu machen und damit eine Achse quer durch das Herz des Menschen zu legen, die eine Weltachse sein konnte. Anski macht, ganz novellistisch, Chanan als Person und Dämon und durch ihn Lea zum Mittelwert, wodurch dem Drama die organische Unergründlichkeit des Lebendigöl genommen wurde. Damit verweigerte sich ihm auch die klare Entschiedenheit, mit der aus der Seele des Rebben oder des Vaters eine Konsequenz zu ziehen gefordert ist. Beider Welten stürzen ein — aber sie bemerken es nicht, weil Anski es nicht bemerkt. Deshalb hat das Stück zwar ein Ende, aber keinen Schluß, zwar Aufregungen, aber keine Dynamik, zwar Kampf und Austreibung, aber keine Bedeutung, die daran hinge. Und sie sollte daran hängen. Unvergleichlich starke Szenen, schöne, gegenständliche Stimmungen, wundervoll über das Irdisch-Beschränkte hinausdeutende Augenblicke — aber kein Drama, keine Entscheidung, die für immer der Seele vor Augen stehen könnte. Damit hängt zusammen, daß die wichtigsten Funktionen des Dramatikers, Menschen in schicksalhafter Erregung, Er- Schotterung, Leidenschaft zu zeigen, nicht von Worten eines Dichters, sondern, untrügliches Kennzeichen des Nichtdramatikers, von den Worten der Regiebemerkung getragen werden. Bei Büchner oder Kleist, von Größeren ganz zu schweigen — im ganzen Opus Shakespeares oder Caiderons gibt es keine Regiebemerkung, die einer Person das Gefühl oder die Empfindüng vorschriebe. ״Alle stehen entsetzt“; ״erschrocken“; ״traurig“; ״es herrscht eine traurige Stille“ —׳ dieses Unvermögen, durch die Suggestion der in Aktion gehenden Seele, durch die dichterische Rede selbst, der Person ihre Gefühle, dem Schauspieler seinen Ton, dem Regisseur die Gesamtempfindung zu geben, hängt mit dem innersten Mangel des Stückes, dem an dramatischer Freiheit, aufs dichteste zusammen. Dafür hat Anski einen großartig klaren Blick auf die seelischen Vorgänge an derjenigen Stelle, wo sie am schwierigsten und interessantesten sind, in Leas Geist und Gemüt. Nimmt man diese Gestalt einmal als wirklich, so ist ihr Erlebnis eine Spaltungsneurose. Ihr Ich, von der verdrängten Sehnsucht nach dem körperlichen Besitz Chanans erfüllt — Symbolhandlung: sie küßt leidenschaftlich statt seiner das Sefer Thora — nimmt, da er tot und als Leib nicht mehr erreichbar, dafür aber der Phantasie um so williger dienstbar ist, ihn als Wesen in sich auf, es spaltet sich in das Ich Leas und das Chanans, beide umhüllt von jener einen Person, die das Gesamt-Ich ״Lea“’ ausmacht. Diese Spaltung, hysterisch in zwei Stimmen sich auswirkend, ermöglicht Lea, sich der verhaßten Heirat zu entziehen, da sie ja schon ihren Mann in sich birgt. Folgerichtig geht ihre Phantasie schon zu Wiegenlied und Kinderchen über. Der Rebbe und der Vater vermögen nicht,' die Spaltung aufzulösen, sie können mit ihren Befehlsmitteln nur das äußere, hysterische Symptom beseitigen. Um so inbrünstiger überliefert das Mädchen sich ihrer weltfiüchtigen Phantasie, das abgespaltene Chanan-Ich tritt leibhaftig ihr vor Augen — nicht in dieser Ausführung IeL,י־ ״. und '.ndera sie die stärkste Geste der Weltflucht wählt, gibt sie ihr Ich auf, um ganz zu dem anderen überzugehen: sie stirbt. ich habe mir gestattet, über das zur Zeit stärkste Drama des jüdischen Ostens hier so ausführlich zu sein, als handelte es sich um eine theoretische Auseinandersetzung zwischen zwei zionistischen Nüancen. Ich füge also noch eiuifes Kurze über die Schauspieler des Abehds ein, und weiß wohl, daß ich so ungerecht als möglich bin, eben durch diesen, leider notigen Lakonismus. Da ist, weil Gerda Müllers Anteil bereits Umrissen wurde, zweier Frauen zu gedenken: Frida Blumentlials und Mea Steuermanns, die eine jüdische Mutter in e1״er knappen Episode unvergeßlich in Ton und Gestalt umriß. Frida Blumenthai aber, völlig einzelartig in dieser deutschen Vorstellung, war von allen die echteste, die dichteste, die jüdischeste Gestalt. Gerda Müllers Lea konnte von Hebbel, von Oscar Wilde, von Tschechow sein; die alte Frau, die ״Großmutter“, trat aus einem jüdischen Dichter unmittelbar in Herz, Geist, Körper einer jüdischen Schauspielerin. Unbeschreiblich die Kontinuität dieser Leistung, der Zusammenhang zwischen jedem ihrer Momente, das ״stumme Spiel“, das ja nichts ist als die Verzauberung, die vollendet: Verzauberung geworfen über einen künstlerischen Menschen. Sie war als einzige ebenso lebensecht wie transparent, ebenso diese eine bestimmte alte ״Jidenne“ als die Güte, Sorgliehkeit, betuliche Herzlichkeit selbst, ein Mensch und ein menschlicher Typus — wundervoll vom Anfang bis zum Ende. Wäre Reb Asriel nur ebenso vergeis^gt gewesen wie sie vergütigt war, so hätte das Stüde, dem leider Kräfte wie Granach. Großbart, Shelaso abgingen, auf der Männerseite weniger gelahmt. Dennoch gab Wladimir Sokolow eine ausgezeichnete Greisenstudie, nur ein bißchen zu zittrig, zu vertattert, um noch Gewalt auszuüben, Fritz Strehlens Sender sehr glaubhaft in seiner gemütlichen Bonhommie und Angst, H ugo D ö b 1 i n als Raw von Miropol echt und pittoresk als Gestalt —- ״Stadtrabbiner“ schimpft ihn die Uebersetzung - und hesonders eindringlich und bedeutungsbcladen a's der gehcimn'svoll umdunkelte Botengänger, der eine treibende Kraft im Stücke verkörpert und der Bote der Oberen sein könnte und scheinen soll, der Meschulach Lothar Rewalts, Bertbold Viertel und die Darsteller durften, als sie den leidenschaftlich dauernden Beifall des Hauses entgegennahmen, überzeugt sein, sie hätten Bedeutendem zur ve;־ holfen und ihre Arbeit nicht vertan. Arnold Zweig.

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