Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 7 (26.1.1926)
- Date
- 1926-01-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 52 JUEDISCHE RUNDSCHAU A -:f, ih |! Ü•!:־ X׳•.;־: ■P'i! r.j! •:Jl Zionistisches aus Oesterreich Von unserem Wiener b. G.-Korrcspondcntcn. Wien, im Januar 1026, Das jüdische Leben in Oesterreich, wenn von einem solchen überhaupt ohne Uebcrtreibung gesprochen werdet! kann, ist, soweit es sich um positiv jüdische Bestrebungen handelt, um eine neue Nuance bereichert worden. Der seit langem unterirdisch sich erweiternde Zwiespalt zwischen der unter Führung Strickers stehenden gegenwärtigen Leitung und einer irondierenden Gruppe, die von Landespolitik nichts hören will, hat zum offenen Konflikt, zur Sezession eines relativ starken Flügels geführt. Um diese — wie immer man sich zum Programm der einen oder der anderen Seite stellen mag — an sich zu bedauernde Zerreißung der einheitlichen Organisation zu verstellen, muß vor allem die Situation des Zionismus iti Oesterreich, unter besonderer Berücksichtigung sowohl seiner historischen Entwicklung in de!1 letzten Jahren, wie auch des Milieus, in dem er wirkt, betrachtet werden. Zur Zeit, als die Revolution in Oesterreich ausbrach, befand sich eine große Menge wertvoller Elemente, teils infolge ihrer militärischen Verwendung, teils als Kriegsflüchtlinge in Wien, die, als die politische Neukonjunktur, nach vierjähriger Kricgslethargic einsetzte, tatkräftig am Neuaufbau der Zionistischen Organisation mitarbeitetc und einen für österreichische Verhältnisse erstaunlichen Rhythmus in die Bewegung brachte, ln kurzer Zeit wuchs die Organisation zu einem achtunggebietenden Gebilde, der revolutionäre Enthusiasmus, der, wenn auch für kurze Zeit nur, alle Parteien in Oesterreich ergriffen hatte (ohne daß sic ihn begriffen), rief auch eine große Anzahl Fernstehender zum Zionismus. Lieber Nacht entstand in den Tagen des Umsturzes sogar eine Art militärischer jüdischer ״Legion“, die der Judenstadt Wiens jede Pogromstimmung erstickender Schutz war, cs entschied sich der überwiegende Teil der jüdischen Jugend für den Zionismus und die allgemeine Zionistische Organisation gewann machtvoll an Ausdehnung — aber, das sei vorweggenommen: es war eine Ausdehnung in die Fläche und nicht in die Tiefe, natürliche Manifestation des beginnenden imperialistisch-journalistischen Zeitalters. Die Jugend allein versuchte das ihr gar nicht so einfach erscheinende zionistische Programm an geistigen Inhalten zu stärken, eine Atmosphäre und eilte Theorie wahrhaft revolutionären Zionisinus zu schaffen. Die offizielle zionistische Partei aber, die im österreichischen, also typisch kleinbürgerlichen Milieu, tiefer und fester verankert war, als die meist unter Protest hier lebende Jugend, schlug nach einigen heroischen Auftakten den Weg aller Politik in Oesterreich ein: jenen Weg, der an den Grenzpfählen Halt macht. Bald übernahm ein nationaljüdisch gewordenes Bürgertum die Führung der jüdisehen Angelegenheiten in Oesterreich und da die Grenz* pfähle dem Zentrum Wien sehr nahegerückt waren, wurde der der Mentalität dieser führenden Kreise entsprechende Wunsch, der aus der endgültigen Restringierang des Oesterreichertums sich ergebenden Lockung zu folgen und die fntBWf .drängender״»;Da״ überdies die dieser Neigung naturgemäß etrtgegenwlrfceade Kraft, die Jugendbewegung, aus inneren Gründen zusammenbrach, stand der Weg zu einer, vielleicht den realpolitischen Tatsachen wirklich entsprechenden, aber dennoch bedauerlichen Assi* milierung der letzten Endes doch eigenartigen jüdischen Po* litik an die einer typischen bürgerlichen ftrtei offen. Und die zionistische Partei ging diesen Weg, mußte ihn vielleicht gehen. Sie erklärte, nicht durch Kundmachungen, aber durch die Tat, die innere Landespolitik als das Primäre, hinter der der Zionismus und die ihm entsprechende Er- Weiterung des politischen Blickes auf ein weltpolitisches judäazentrisches Blickfeld Zurückbleiben müßte. Das Oesterreichertum erschien in einem neuen, in einem blau weißen Gewand, auf der zwar tristen, aber immerhin kleine politische Mög- Hchkeiten bietenden Tribüne. Zwanglätifig mußte die zionistische Partei den Weg des politisierten Bürgertums gehen, auf dem ein Kaulsalncxus zwischen Verteidigung eines nationalen Standpunktes und dem Kampf gegen den Sozialismus in Oesterreichs Politik Bedingung ist (Schon darum, weil das sogenannte demokratische Bürgertum in Oesterreich, vom Erbe des Liberalismus erdrückt, längst verendete und nur einige Zeitungen — sonderbarerweise — zurückließ und weil es sich allmählich einbürgerte, den sozialistischen Gedanken mit der früher katser- und königlichen, nun aber bürgerlichantisemitelnden Sozialdemokratie za identifizieren.) Alle Machtmittel der Zionistischen Organisation wurden für den innenpolitischen Kampf des Tages mobilisiert•, Parlaments- und Gemeinderatswahlen mußten alle dem Zionismus zur Verfügung stehenden Kräfte in eine, das österreichische Judentum konservierende, im besten Fall zum Oesterreichcrtum fortschreitende, aber für Palästina primär unwesentliche Richtung geworfen werden. Die Zionistische Organisation wurde zur jüdisch nationalen Landespartei. Sicherlich hatte diese Entwicklung in gewissen Dingen, sonderlieh in den damals besonders wichtigen Flüchtlings- und Optantenangelegenheiten ihr Gutes, das nicht übersehen werden darf und die diese Einstellung gewissermaßen legitimieren, aber über das Schicksal des Gesamtjudentums und seine Reuaissance in Palästina kann nicht im österreichischen Parlarnent und nicht im Wiener Gemeinderat beschlossen werden. Aus dieser Erkenntnis heraus wandte allmählich eine ganze Anzahl von mitunter wertvollen Elementen der Organisation den Rücken, trotzdem oder obwohl sie Zionisten blieben, und die Partei begann, wiewohl sie indessen ein Tageblatt gegründet hatte, immer mehr abzubröckeln. Unter diesen Umständen mußte es nur eine Frage der Zeit sein, wann eine neue zionistische Organisation in Oesterreich entstünde. Vor kurzen nun kam es dazu. Zur Zeit des Kongresses trat eine Anzahl von Zionisten, die den Palästinagedanken und die Arbeit für ihn über die Notwendigkeit intensiver Landespolitik stellten, mit einer Art Programm und einem Aufruf zur Reinigung der Organisation an die Oeffortüchkeit. Die persönlichen Angelegenheiten, die bei solchen Sezessionen beinahe immer mitspielen, kamen nicht auf die Gasse, so daß die Gründung der ״Freien Zionistischen Vereinigung“ nur den erwarteten und selbstverständlichen innerpolitischen Kampf auslöste, der nun aber allmählich abzuflaucn beginnt. Es bestehen also mithin heute (wenn man von den verschwindend wenigen Anhängern Jabotinskys absieht) zwei, zumindest dem Namen na•־!, zionistische Organisationen, wobei Dr. Israel Waldmann uim ״.:ine Gruppe, die eine vermittelnde Sonderstellung elnnimmt, nicht mitgezählt erscheint. Die neue Gruppe argumentiert etwa folgendermaßen: Wer in die Zionistische Organisation eintritt, ist an der zionistischen Lösung der Judenfrage interessiert, kann aber, wenn er überhaupt Neigung für österreichische Landespolitik hat, keineswegs verpflichtet werden, in der von der Partei eingeschlagenen Richtung mit ihr durch dick und dünn zu gehen. Darf denn ein Sozialist in Oesterreich nicht, wie zum Beispiel in Deutschland, auch Zionist sein, darf ein Zionist nicht auch Anhänger eines liberalen oder meinetwegen exzessiv kapitalistisehen Wirtschaftsprogramms sein, oder Parteigänger einer — natürlich nicht antisemitischen — politischen Partei, deren allgemein politisches Programm nicht mit dem der Jüdischnationalen übereinstimmt? Muß ein Mensch, nur weil er zufällig Zionist ist, die Stellungnahme der jüdischnationalen Partei zur Anschlußfrage Oesterreichs an Deutschland, uni ein Beispiel herauszugreifen, gut heißen? Es entstehen hier Probleme, die bei denkenden Menschen — so argumentieren die Anhänger der ״Fr. Z. V.“ — Gewissenskonflikte auszulösen imstande sind, die einer vollendeten Hingabe an die Arbeit für den Zionismus Abbruch tun müssen. So verlangt die neue Vereinigung konsequenterweise, daß es den Mitgliedern der Zionistischen Organisation freigestellt werde, wem sie bei einer Wahl ihre Stimme geben. Da sie aber nun einmal dieses Problem aufrolltcn, müssen die Sezedierenden folgerichtig wcitergchcir. Sie glauben daher, sich auf das Wort Herzls von der Organisierung der Juden zum Zwecke ihres Fortfülirens berufend, auf die Möglichkeit hinweisen zu dürfen, daß eine zumindest moralische Unvereinbarkeit so gerichteter Bestrebungen mit innerpolitischer Wirksamkeit bestehe. Endlieh aber sagen sie, sei eine große Anzahl von Mitgliedern! der Zionistischen Organisation Ausländer, also an flsterrcichischer Politik wenig interessiert. Die Ansichten beider Gruppen haben etwas für sich. Auch die Landespolitik hat nach gewissen Richtungen ihr gutes: zwei dieser Punkte wurden oben erwähnt. Ucberdics scheint cs nicht unwichtig, die Existenz der Judenfragc — und eine solche gibt es auch in Oesterreich unleugbar — nicht immer nur von gegnerischer Seite betonen zu lassen, wenn auch liier, sonderlich in der oft aggressiven Stellungnahme gegen die Sozialdemokratie zu weit gegangen werden dürfte. Andererseits aber sind die Argumente der ״Fr. Z. V.“ nicht von der Hand zu weisen, daß die Zionisierung der Massen, die bedingungs- und voraussetzungslose Orientierung auf das zionistische Endziel dadurch ins Hintertreffen kommen müßte, was den klarsten, augenfälligsten Ausdruck im Niedergang der Zionistischen Organisation fand. Ob min das, sicherlich nicht weltumstürzende, Programm der neuen Vereinigung das Heil bringen wird, ist eine nur mit größten Zweifeln zu beantwortende Frage, denn auch die neuen Männer sind geübte Oesterreicher. Allenfalls aber hat die Spaltung den einen Vorteil, daß wieder ein wenig Bewegung in den österrcichischen Zionismus kommt, die das bisherige Dahindämmem wohltuend unterbricht. Wenn nun vielleicht gewisse persqpliche Schwierigkeiten beseitigt werden könnten, steht einer Neuvereinigung beider Richtungen, bei gewisser Reduzierung der Innerpolitischen Interessiertheit und erhöhter, auch itn offiziellen Organ der Partei, mehr betonter, zionistischer Agüifit nichts im Wege. Dann hätte die Sezession Ihren Zweck erfüllt. Als kleines Zeichen für eine beginnende Ueberwindang des Dämmerzustandes mag die Veranstaltung einer — wenn auch wenig bunten — Vortragsfolge über die Probleme und die theoretischen Grundlagen der zionistischen Bewegung durch das Landeskomitee, also durch eine offizielle Stelle, gelten. Die jüdische^ Gemeude■ ia Liteaei Kowno, 7. Januar. (J.T. A.) Die jüdische Sejmfraktion, die nach der Zertrümmerung des jüdischen Nationalrats und der jüdischen Gemeindeautonomie die einzig autoritative Vertretung der Juden Litauens ist, hat in ihrer letzten Beratung die folgenden Beschlüsse angenommen: 1. In Kowno wird eine zentrale jüdische Organisation geschaffen, die das Recht hat, Abteilungen in ganz Litauen zu eröffnen. Diese Organisation nimmt In ihre Kompetenz alle Angelegenheiten der Wohlfahrt, sozialen Hilfe und des Schulwesens, sowie überhaupt alle Angelegenheiten jüdischer Kulturarbeit, mit Ausnahme der Angelegenheiten des Kultus. 2. Ke Vorstände der jüdischen Gemeinden werden aufgefordert, über die Liquidation und die Uebergabe des Vermögens vorläufig keinerlei Schritte zu unternehmen. Die zu gründende Organisation wird über das Vermögen der jüdischen Gemeinden zu bestimmen -haben. Ke Statuten der zu gründenden Organisation sind bereits der Behörde zur Genehmigung unterbreitet worden. Die jüdische Kalturialonomie is Estland (—y) Die Vorarbeiten zur Einführung einer jüdischen Kulturautonomie in Estland sind nunmehr in Angriff genommen worden. Schwierigkeiten verursacht die Frage bezüglich der Muttersprache, d. h. die Entscheidung, ob in den jüdischen Schulen hebräisch oder jiddisch als Muttersprache anzusehen ist. Zu einer endgültigen Ein!- gung hierüber ist man vorläufig nicht gelangt. In der in Dorpat bestehenden jüdischen Schule erfolgt der Unterrieht im Jiddischen, und in der Reval er im Russischen. Nach der letzten Volkszählung betrug die jüdische Einwohnerzahl Estlands zirka 4500, von denen 3000 estländische Staatsangehörige sind. Die Einführung der Kulturautonomie setzt als Minimum 3000 Glieder für eine Minderheit voraus, so daß die bezügliche Voraussetzung zutrifft. Die Wahlen dürften vermutlich im April stattfinden. Veriolgwg des •liddisckea ii Chili Charbin, 20. Dezember (J.T.A.) Ke russischen Reaktionäre in der Mandschurei, die zahlreiche verantwortliche Stellen in Polizei und Verwaltung einnehmen, haben bei den chinesischen Behörden durchgesetzt, daß die jüdische Sprache In Versammlungen, Festveranstaltungen und Theater verboten werde. Den sich beschwerenden Juden wird erwidert, sie haben sich der russischen Sprache zu bedienen. Der fortdauernde Bürgerkrieg in China hat den Ruin eines großen Teils der handeltreibenden jüdischen Bevölkerung herbeigeführt. » Frankreichs Pflicht ia Palisttu Paris, 18. Januar. (J. T. A.) ״Qaotldien“ schreibt im Zusammenhang mit der Eröffnungssitzung des Vereins ״Frankreich-Palästina“: Das Ziel der neuen Vereinigung •ist ein höchst ideales. Das französische Volk will den jüdischen Aufbau Palästinas unter britischem Mandat unterstützen. Dieser Aufbau ist das zivilisierteste Unternehmen seit dem Kriegt. Durch die Unterstützung dieses Werkes wird das französische Volk sein Prestige mehren- Nr. 7 Zar Frage der indischen lehrerbtldang Von Rabb. Dr. Emil Levy. Wie vertäutet, plant die preußische Regierung zur Heranbiklung des Lehrernachwuchses die Begründung besonderer pädagogischer Akademien, einer katholischen in Bonn and zweier protestantischer in Cassel und Spandau. Daneben soll auch — dies Projekt ist noch besonders ungeklärt —. eine ״simultane’׳ Akademie in Frankfurt a. M. begründet werden. Damit tritt nun auch die brennende Frage der jüdischen Lehrerausbildung — nach Auflösung der bisher bestehenden Seminare — in ein akutes Stadium und wird bereits in der jüdischen Presse lebhaft erörtert. Der preu- Bische Landesverband jüdischer Gemeinden sieht sich als Zentralinstanz vor eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe gestellt. Schon regen sich Stimmen in verschiedenen Lägern mit der Forderung, die jüdischen Lehramtskanditaten zur allgemeinen Ausbildung an den staatlich vorgesehenen Akademieeit hospitieren zu lassen, während für die besonderen jüdischen Disziplinen Extrakurse veranstaltet werden sollen. Wir müssen demgegenüber unsern Standpunkt dahin geltend machen, daß uns die Errichtung einer — wenn auch bescheideneren — selbständigen jüdiseb-pädagogischen Akademie aus Gründen der Würde, der Gerechtigkeit und vor allem der Zweckmäßigkeit dringend erforderlich erscheint. Schon Prestigegründe wären maßgebend. Wir müssen als Juden Wert darauf legen, mit demselben Maaß gemessen zu werden wie die anderen Konfessionen. Ke Zeiten liegen hinter uns, da wir uns nur als Kostgänger an fremden Tischen niederließen und nicht wagten, uns das eigene Hausgerät zu zimmern. Ke jüdisch-pädagogische Akademie wäre ein Markstein auf dem Wege der Wiedererstarkung und Weltgeltung des deutschen Judentums. Sic würde über die Grenzen Deutschlands hinaus auf viele Juden ihre Anziehungskraft ausüben und entsprechende Wirkung auf das Geistesleben der ganzen jüdischen Diaspora ausstrahlen lassen. — Sie ist eine Forderung der Gerechtigkeit! Unser Verhältnis zum Staat ruht nur dann auf gesunder Basis, wenn nicht ״Toleranz“ die Methode der Judenpolftik bestimmen, sondern die Losung: ״Gleiche Pflichten, gleiche Rechte” sich allen Konfessionen gegenüber unterschiedslos auswirkt. Zu unserer Genugtuung hat der preußische Landtag diesen Standpunkt prinzipiell zu dem seinigen gemacht, durch Oe- Währung des staatlichen Zuschusses zur Aufrechterhaltung und Neuordnung des jüdischen Oemeindelebens, analog den Zu- Wendungen an die anderen Konfessionen. Wir dürfen nicht um Sympathie bitten, sondern müssen das uns zustehende Recht verlangen. Der Staat wird uns dies Recht zu allerletzt versagen. Mit Bedenken aber erfüllt uns die Stellungnahme gewisserjüdischer Kreise, welche in der Behandlung der Frage der jüdischen Lehrerbildung nach dem alten Schema der assimilatorischen Ideologie verfahren möchten und wähnen, I durch einen Verzicht auf die jüdische Akademie das Prinzip * der Gleichberechtigung zum Ausdruck zu bringen. § ״:-• •Wir;«aH6» 1te1n||%Äa»־rdrü»»'ÄÄ^^MÄrif|'rlSa1j tern erwägen. Ke in Aussicht genommenen Akademien zu Bonn, Kassel, Spandau sind christlich-konfessionelle Anstalten. Damit ergibt sich alles Weitere. Man kann Mathematik und Chemie auch an einer konfessionellen Anstalt ״objektiv“ lehren. Aber Geistes- und Oesinuungsfächer sind niemals objektiv lehrbar. Ueberflüssig zu bemerken, daß die konfessionelle und stammesraäßige Einstellung in Disziplinen wie Geschichte, Literatur usvv. auch unbewußt zum Ausdruck gelangt, und daß Religion nicht ein Sonderfach ist, sondern d i e zentrale Geistes- und Gemütsmacht, welche von innen heraus die ganze Weltanschauung des Menschen gestaltet. — Kes würde ohne weiteres auch für die ״simultane“ Akademie gelten, welche in Frankfurt a. M. geplant ist Auch hier wäre der christliche Charakter der Anstalt, der Katholizismus und Protestantismus ״simultan“ umfaßt, selbstverständlich. Natürlich wäre die Behauptung falsch, wir müßten in Konsequenz unserer Anschauung auch besondere jüdische Universitäten in Deutschland verlangen. Ke Universität hat den Beruf, der reinen Wissenschaft zu dienen, und die reine Wissenschaft kamt keinen Konfessipnalismus. Eine p ä - dagogische Akademie aber muß im Interesse der zu erziehenden Jugend Charakterbildung und Qesinnungsunterricht jn den Vordergrund stellen, und dieser Umstand erheischt eine ganz andere Stellungnahme unsererseits. Wir dürfen uns doch der Tatsache nicht verschließen, daß jüdische Volks־ und Mittelschullehrer in Preußen weit überwiegend mit jüdischem Schülermaterial zu rechnen haben werden. Wir wollen keine Abschließung. Es gibt ein vielseitigeres Wort: ״in deutschen Dingen deutsch, in jüdischen Dingen jüdisch“. Vor Jahren aber hat unser Gesinnungsgenosse Moses Calvary in diesem Blatt mit Recht geltend gemacht, daß auch eine gegenseitige Bedingtheit besteht, daß man in jüdischen Kngen deutsch und in deutschen Dingen jüdisch empfinden und handeln könne. Wir haben bei der Behandlung jüdischer Fragen der deutschen Gründlichkeit, Systematik und Wissenschaftlichkeit ungeheuer viel zu verdanken. Andrerseits haben wir auch das Recht, deutsche Verhältnisse und Probleme durch unsere jüdische Brille zu betrachten und zu bewerten. Es wird der Objektivität keinen Abbruch tun, wenn z. B. die Geschichte der deutschen Reformation und der Religionskriege jüdischen Hörem von jüdischen Dozenten dargestellt wird. — Für die gegenseitige Durchdringung von Deutschtum und Judentum wird eine selbständige jüdisch-pädagogische Akademie die beste Pflanzstätte sein. Hier haben die Studierenden eine Gewähr, sich für ihre schweren Aufgaben ohne Hemmungen heranbilden zu können und eine volljüdische Weltanschauung in sich aufzunehmen, weiche die Pflege der nichtjüdischen Geistesschätze und warmherziges deutsches Staatsempfinden mitumfaßt und fordert. Der Reicbsverbnü jüdischer Gemeinden Die Repräsentanten der Berliner Jüdischen Gemeinde, Dr. Klee und Prof. Dr. Loewe, haben namens der Frafction der Jüdischen Volkspartei in der Reprlsentantenvcrsanira» lung einen Antrag eingebracht, der Gemeindevorstand werde ersucht, Auskunft zu erteilen, welche Ergebnisse die M&nchener Konferenz vom 3. Januar (Schaffung eines Reichsverbandes jüdischer Gemeinden) gehabt hat, wie weit die Vorarbeiten zur Schaffung eines Reichsverbandes gediehe״ sind und welches seine Aufgaben sein sollen.