Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 7 (26.1.1926)
- Date
- 1926-01-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 JUEDISCHE RUNDSCHAU Säte 51 Der Zionismus ui die ״Frankfiirter Zeltang“ Wir haben bereits auf die beiden ersten Aufsätze hingewiesen, die die ״Frankfurter Zeitung“ unter der Chiffre ״F. N.“ über das neue Palästina veröffentlichte. In der Nummer vom 20. Januar ist nun der dritte und letzte Teil dieser Aufsatzreihe enthalten. Es werden dort in einer drei Spalten umfassenden Darstellung die Probleme der landwirtschaftlichen und städtischen Siedlung erörtert. Der Verfasser verweist auf die große Schwierigkeit, die darin liegt, daß die landwirtschaftliche Betriebstechnik noch nicht die richtige Methode ausfindig gemacht hat. Den Besucher befremdet es, daß diese landwirtschaftlich technischen Fragen eine geringere Rolle spielen als das Problem der sozialen Formen, über das leidenschaftlich gestritten und experimentiert wird. Bald jedoch überzeugt man sich, daß gerade dieser soziale Enthusiasmus eine der entscheidenden menschlichen Kräfte ist, aus welchen dieses ungewöhnliche und schwierige Werk gespeist wird. Der Verfasser drückt dies in folgenden Sätzen aus, die, wie wir glauben, die Zustimmung jedes Zionisten finden müssen: ״Ich will hier auf die vielfältige Problematik der verschiedeneii Formen nicht eingehen, nur eins scheint mir wichtig zu betonen, nämlich daß man m. E. schweres U11recht täte, wollte man diesen Menschen aus ״Wirtschaft- Iichkeit“ das soziale Experiment verwehren. Denn aus ihm schöpfen sie einen wesentlichen Teil ihrer Kraft. Aus der Hingabe an die Idee des nationalen Aufbaus und der Sozialen Neugestaltung gemeinsam erwächst die Werkfreude, die dem Besucher an diesen in schwerem Lebenskampf stehenden Menschen immer wieder auffällt und die ihn freudig ■Stimmt. Dieses Menschenmaterial, dessen Energien das wertvollste Out des neuen Palästina sind, darf man nicht mit Gewalt ״normalisieren“ wollen, sondern man muß es nach seiner Eigenart arbeiten und leben lassen. Was natürlich nicht ausschließt, daß man diesen Menschen gerade durch helfende Erziehung zur Wirt- »chaftlichkeit den besten Dienst erweist, denn nur bei guten Erträgen werden die Opfer gehindert. Wirt- Schädlichkeit bedingt freilich neben dem Fachwissen zureichende Betriebsmittel. Und an den Mitteln hapert es sn allen Ecken und Enden. Man zwingt zur Armelcutc- Wirtschaft und cs gibt dann allzuleicht Kritiker, die geneigt sind, den mangelnden Erfolg auf das ihnen flicht sympathische soziale Experiment zu schieben.“ ״Um einige Orade nüchterner, aber kaum ■weniger vielfaltig“ nennt der Verfasser die Probleme der städtischen Wirtschaft. Er schildert das beispiellose Wachstum Tel Awlvrs und die Differenzen, die sich dort naturgemäß zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft ergeben mußten. Bei allen Bedenken sozialer und insbesondere ästhetischer Natur müsse man jedoch die kolossale kolonisatorische Leistung würdigen, die der Aufbau dieser Stadt bildet. Nach einer Aufzählung der bestehenden industriellen Betriebe weist der Verfasser darauf hin, daß auch das Kapital heute keineswegs aus rein geschäftlichen Motiven nach Palästina komme. Dies habe einer der führenden Fabrikanten auf die Formel gebracht, ״ein bischen meschuggc muß man schon sein“. Diese Vermischung von Idealismus und Wirtschaft berge allerdings Gefahren, die durch eine ernste Erziehung zu fachlicher Tüch* illgfeeft itnd dunch einen oft schmerzhaften Ausleseprozeß bcseitigt werden müssen. Der Verfasser schließt seine interessanten und objektiven Reiseschilderungen mit den Worten: 111״ die Zukunft vermag niemand zu schauen, Hoffnungen und Befürchtungen kreuzen sich, in der Gegenwart aber ist in Palästina ein neues Leben im Werden“. * ״Die ״Frankfurter Z e i t u 11 g“, die bereits in ihrer einleitenden Notiz angekündigt hatte, sie würde zum Problem des Zionismus selbst Stellung nehmen, tut dies im Leitartikel ihres Abendblattes vom 21. Januar. Wir begrüßen es, daß das Blatt sich angesichts der Realität der zionistischen Ent- Wicklung, die auch in den erwähnten Reiseartikeln klar zutage tritt, veranlaßt sah, sich mit dem Zionismus ernsthaft auseinanderzusetzen. Allerdings kommt das Blatt, wie kaum anders zu erwarten war, zu einer ablehnenden Haltung. Nachdem der Artikel* zunächst den Idealismus der zionistischen Pioniere von! rein menschlichen Gesichtspunkt aus anerkennt, geht er dann zur politischen Betrachtung über, in welcher er vor allem drei Argumente gegen den Zionismus ausspielt. Das erste Argument ist die angeblich unlautere Herkunft mit der Lämmclschule inmitten, seinen Namen lieh, und von Zacharias , dem Nachbarn des Bezalel. Sogar König Agrippa, aus dem Haus des Idumäers Herodcs, hat 4cs gar nichts genützt, Jerusalem mit der mächtigen Nordmauer zu umgürten, so man kürzlich entdeckte. Alle Gasseniiamen waren dort schon für die Kreuzfahrer reserviert, und der arme Agrippa wurde auf einen Parallelweg, südlich der oberen Jaffastraße, hinaus verwiesen, wo sich zu seiner Zeit die Füchse gute Nacht sagten. Heute stehen dort die Schulen der Alliance Israelite, deren Name auf ein Quergäßchen abgefärbt hat. Wenig entzückt dürften nahebei die Hebräer des Quartiers Machne Jehuda sein, daß ihre ״Simta“ ausgerechnet nach Josef, Sohn des Mattitjahu, heißt, jenes Josephus Flavius, der mit Rom seinen Frieden zu machen wußte. Da ist denn schon sympathischer, daß der vom Mamifla-Friedhof zum Bahnhof weisende Weg Julianus dediziert ist, der, obgleich römischer Kaiser und Apostata, den Wiederaufbau des Judentcmpcls emsig gefördert hat. Zwei Satelliten der Jaffastraße schließlich heißen nach Elicser ben Jehuda und der Menorah, beides Sym* bole unserer nationalen Wiedergeburt. Andere Gassen, wie die von Mea Schearim und Sichron Mosche geben einfach die Bezeichnung dieser jüdischen Stadtviertel wieder. Und vollends die Jericho- und Nablusstraße u. dgl. sind einfach geographische Feststellungen, unpolitisch und daher geradezu uninteressant. Aber weiter draußen, am Stadtgürtel, 3 km vorn Zentrum, richten die Juden neue halbautonome Viertel auf: Talpioth, Beth Hakerem u. a. Diese Viertel sind freilich erst im Werden; oft weiß man nicht, wo die eine Gasse־ beginnt und die andere auf hört; doch mir schwant, man wird dort nicht erst lange auf die Klärung warten, sondern sich für all die Verteilungskünste der hohen Street Naming Commission schadlos halten: mit Esra und Juda Makkabi, mit Hillel und Rainbam, mit Piitskcr, Herzl und Weizmann. Schon deshalb, baut zu, baut zu! der Balfour-Deklaration, die über ein Land bestimmte, das zur Zeit ihrer Veröffentlichung 1017 weder England noch den Juden gehörte. Diese Einwendung erscheint etwas kurios, wenn man bedenkt, daß die Balfour-Erklärung während des Krieges abgegeben wurde, und sich auf die künftige Gestaltung der Verhältnisse in einem Lande bezieht, dessen staatsrechtliche Zukunft zumindest zweifelhaft war. Abgesehen davon aber, sollte man ein Blatt wie die ״Fkft. Ztg.“ nicht daran erinnern müssen, in welcher Weise im Kriege von beiden Parteien Zukunfts-Dispositionen getroffen wurden, ohne Rücksicht auf den Vorkriegs-Status. Dazu kommt aber, daß England in der Balfour-Deklaration lediglich sagt, es werde seine Kräfte dafür einsetzen, den Juden den Aufbau ihrer nationalen Heimstätte zu erleichtern. England knüpft, was die ״Frankfurter“ gleichfalls übersieht, an eine Bewegung an, die bereits seit zwanzig Jahren bestand. Das zionistische Ideal ist nicht durch die Balfour-Deklaration geboren worden. Wäre sie nicht erlassen worden, oder wäre der Krieg anders ausgegangen, so hätte dies grundsätzlich au dem zionistischen Streben nicht das geringste geändert. Wenn jedoch England versprach, dieses zionistische Streben zu unterstützen, so war es zu diesem Versprechen vollkommen berechtigt, und mit Recht hat es dafür die Sympathie der Juden geerntet, die anderswo keineswegs ein so freimütiges Verständnis für ihre nationalen Notwendigkeiten gefunden haben. Die zweite Einwendung der ״Frankfurter Zeitung“ betrifft djp Araberfrage. Daß wir uns des Ernstes dieses Problems bewußt sind, braucht an dieser Stelle nicht ausgeführt zu werden. Die ״Frankfurter Zeitung“ aber sucht das komplizierte Problem zu vereinfachen, indem sie darauf hinweist, der Zionismus erfordere in einem gewissen Sinn, daß die Juden ״Asiaten“ werden, wobei offenbar im Unterbewußtsein die Gefühlsbetonung mitschwingt, die das Wort ״Asiaten“ in dein Jargon gewisser deutscher Kreise hat. Nun glauben wir jedoch, daß weder Asiaten noch Europäer einfach geographische Bcgriffe sind, und daß es außerdem auch gar nicht auf derartige Schematisierungen ankommt, da wir alle uns bewußt sind, in Palästina etwas Neuartiges zu schaffen, und auch, wenn man es so nennen will, eine Art Synthese zwischen Europa und Asien, die vielleicht in einer vorderhand nur geahnten kiinftigen Zeit wieder zu einer großen kulturellen Befruchtung werden kann. Im übrigen besteht auch noch gar keine Klarheit darüber, in welcher Weise sich die Auseinandersetzung zwischen England und der arabischen Welt vollziehen wird. Vielleicht wird dies in der Form geschehen, daß sowohl Groß-Arabicn als auch Indien selbständige Bestandteile des englischen Weltraches sein werden. Die jüdische Heimstätte Würde dabei ihren Platz finden können. Doch diese Probleme können wir in diesem Zusammenhang nur andeuten. Das letzte Argument ist der bekannte Eimvand von der doppelten Nationalität der Juden. ״Wenn Palästina die nationale Heimstätte der Juden sei, dann wäre die Frage zu beantworten, ob es angehe, daß der Jude zwei Vater-!ander habe?“ Auch diese Einwendung ist uns nicht mehr fremd. Sie beruht zum großen Teile auf einer Vermischung der Begriffe Staat und Nationalität, ähnlich wie man in früheren Jahrhunderten Staat und Religion identifiziert hat. Es gab eine Zeit, wo man die Katholiken in Deutschland als unzuverlässige Patrioten betrachtete, weil sie nach Rom tendierten. Heute aber stehen wir iti einer anderen Ent- Wicklung. * Die internationalen Bindungen aller Kategorien werden stärker und sind wohl vereinbar mit völliger Loyalität dem Staate gegenüber. Ob diese internationalen Bindungen sozialer Natur sind wie bei der Sozialdemokratie oder religiöser wie bei den Katholiken, oder nationaler und religiöser wie bei den Juden, ist prinzipiell kein Unterschied. Die ״Frankfurter Zeitung“ wird gewiß״ mit aller Macht dagegen kämpfen, daß man wegen solcher Bindungen, die durchaus legitime Bezirke des menschlichen Seins betreffen, jemanden als schlechten Patrioten verdächtigt, solange er nur seine Pflichten gegenüber dem Staate voll erfüllt. Wenn die nationale Heimstätte in Palästina ein Zentrum nationaler und kultureller Kraft für das Judentum der ganzen Welt sein wird, dann werden die Juden aus der Haltlosigkeit und Erbärmlichkot, in der sie heute zum großen Teil unschuldigerweise stecken, erlöst werden, und sie werden als innerlich freie und selbstbewußte Menschen innerhalb der Gesellschaft, in der sie leben, sich auswirken. Dies wird aber ein viel gesünderes Element für diese Gesellschaft sein, als die heutige ungeklärte und vielfach verlogene Situation. Die Ei 11 wände der ״Frankfurter Zeitung“ scheinen uns also völlig fadenscheinig und erweisen sich bei wirklich tieferer Beschäftigung mit dem Problem als gänzlich haltlos. Dennoch begrüßen wir es, daß die Taktik des Totschweigens ein Ende gefunden hat. Wir glauben, daß durch eine ernste und vorurteilslose Diskussion auf einer vornehmen Ebene das Interesse beider Teile nur gefördert werden kann. Wlikliiigf /um Steiger-Prozeß Warschau, 19. Januar (J. T. A.) Vor dem Warschauer Kreisgericht wurde gegen den 22 jährigen Ukrainer Stefan Panczvszyn verhandelt, der angeklagt war, einer terroristischen Organisation an gehört und sich an der Befreiung von Gefangenen beteiligt zu haben. Wie erinnerlich, wurde Panezvszyn von dem Konfidenten Mikietin seinerzeit bcschuldigt, das Attentat gegen den Präsidenten der polnischen Republik WojCiechowski vorbereitet zu haben. Panczyszyn gelang es damals, ein Alibi nachzuweisen. Nunmehr wurde er wegen anderer politischer Delikte zu 2 Jahren ft Monaten Fesningshaft verurteilt. Lemberg, 19. Januar (J. T. A.) Vor dem Lemberger Kreisgericht wurde gegen das Dienstmädchen Marja Kalaussek, einer Tschechin, verhandelt, die des Falscheids und der Verleumdung schuldig war. Die Kalaussek war zuerst bei Dr. Leon Reich, später bei der als antisemitisch bekannten Familie Flach bedienstet. Unter dem Einfluß dieser Familie stehend, erzählte sie, man habe im Hause des Dr. Reich von der Schuld Steigers gesprochen und davon, daß man ihn retten müsse. Vom Studenten Flach wurde sie dem Untersuchungsrichter Lukomski zugeführt, vor dem sie angeb* lieh diese Erzählungen wiederholt haben soll. Als Zeugin im Prozeß gegen Steiger vor Gericht stellte sie, die der polnischen Sprache nur wenig mächtig ist, in Abrede, alles dies gesagt zu haben. Sie behauptete, Flach hätte für sie gesprechen und Lukomski hätte das Protokoll so aufgesetzt, als ob es sich um ein direktes Verhör handelte. Wie erinnerlich, wurde die Kalaussek sofort nach Beendigung ihrer Aussage vor Gericht unter dem Verdacht der falschen Zeugenaussage und des Falscheids verhaftet, später aber gegen eine Kaution freigelassen. In der heutigen Gerichtsverhandlung bleibt die Kalaussek bei ihrer damaligen Aussage, daß der Student Flach sich all das, was Lukomski in seinem Protokoll als ihre Aussage aufgenommen hat, selbst ausgedacht habe. Der Verteidiger Dr. Ratncr weist aus Dokumenten nach, daß der Hauntzeuge, der Student Flach, ein Polizeispitzel sei. Schließlich wurde Marja Kalaussek zu drei Monaten Gef ä n g n! s verurteilt. Ute poliische Jadeiirige Warschau, 19. Januar (J. T. A.) Wie schon mitgeteilt, hat die Minderheitssektion der polnischen Regierung ihre letzte Sitzung ganz den jüdischen Problemen gewidmet und, dem Wunsche des Innenministers gemäß, Ver- Ordnungen ausgearbeitet, laut welchen im Post-, Telegraphen- und Fernsprechverkehr der Gebrauch der jiddischen und hebräischen Sprache zugelassen wird. Andere Ver- Ordnungen betreffen die Frage der Einbürgerung jener Juden in den Randgebieten, die infolge Mangels an Dokumenten als Staatenlose angesehen werden. Endlich wurde beschlossen, die Vorschrift, daß die Verhandlungen in den jüdischen Verwaltungskörpern, sowie die Protokolle nur in polnischer Sprache geführt werden müssen, aufzuheben. ^Dieser letzte Beschluß ist besonders für die Warschauer' judische Oemeinde von Bedeutung. Bekanntlich wurde dem neugewählten Vorstand der jüdischen Gemeinde das Amtieren untersagt, weil er sich weigerte, der erwähnten Vorsejirift nachzukommen. Nach der nunmehrigen Aufhebung der Vorschrift wird der neue Vorstand wieder zusammentreten können. Die Verhandlungen und Protokolle in den jüdischen Gemeindestuben werden von jetzt ab in hebräischer oder jiddischer Sprache geführt werden. Die {Idiseke StadeBteikoiiereiz in Ptle■ Warschau, 21. Januar. (J. T. A.) Die zweite Konferenz der jüdischen akademischen Jugend Polens wurde im großen Saal der jüdischen Gemeinde feierlich eröffnet. Sie wird vier Tage dauern. Erschienen waren 75 Delegierte aus allen Teilen Polens. Die Mehrheit der Delegierten setzt sicli aus Zionisten zusammen, der Rest gehört dem Bund, dem Poale Zion und den Linksradikalen an. Der polnische Unterrichtsminister versandte eiu Zirkular an alle staatlichen Volks- und Mittelschulen mit der Instruktion, sämtliche jüdischen Schüler von Schreiben, Zeichnen und Handarbeiten an Sabbathtagcn und an anderen jüdischen Feiertagen zu befreien. Literarische Nachrichten Im Stadttheater Frankfurt a. M. fand die Erstaufführung des Dramas ״Die Jagd Gottes“ von Emil Bernhard statt, Emil Bernhard ist bekanntlich der Schriftstellefhamc des Rabbiners Dr. Emil Cohn, der bis vor kurzem in Bonn, jetzt bei der Jüdischen Gemeinde Berlin-Orunewald amtiert. Emil Bernhard hat sdion mit früheren Stücken an deutschen Bühnen ansehnliche Erfolge errungen. Die Aufführung des Dramas ״Die Jagd Gottes“ in Frankfurt a. M. brachte dem Autor ebenfalls einen außerordentlichen Erfolg ein. Wie wir erfahren, wird das Stück demnächst auch auf den Reinhardt-Bühnen zu Berlin zur Aufführung gelangen. Die Witwe des Schriftstellers Karl Emil Franzos hat der Gemeinde Wien den gesamten handschriftlichen Nachlaß ihres Gatten zum Kauf angeboten. Es handelt sich um einige tausend noch unveröffentlichter Briefe von berühmten Männern der letzten Jahrzehnte, außerdem um viele Fland- Schriften des Dichters Franzos selbst. Die Gemeinde hat nun diesen Nachlaß erworben, wodurch die Wiener Stadtbibliothek um zahlreiche wertvolle Stücke bereichert worden ist. — Die ״Wiener Morgenzeitung“ wirft der Jüdischen Kultusgemeinde vor, daß sie sich die günstige Gelegenheit, den handschriftliehen Nachlaß eines der eigenartigsten jüdischen Ghetto- Dichter zu erwerben, hat entgehen lassen. Unter der Redaktion des Dichters David Bergeisohn beginnt demnächst ein großes jüdisches Literatur-Journal zu erscheinen. Das Journal wird den Titel ״ln Schpan“ tragen und Fragen des jüdischen geistigen und wirtschaftlichen Lebens der Jetztzeit gewidmet sein. Herausgegeben wird das Journal im warschauer Verlag B. Kietzkln unter der Mitwirkung einer Gruppe angesehener jüdischer Schriftsteller in Berlin. Jüdische Schriftsteller und Philologen aus allen Teilen der Sowjet-Union werden sich in kurzer Zeit in Moskau versammeln, um über die Schaffung einer einheitlichen jiddischen Orthographie zu beraten. Jahrbuch für Jüdische Geschichte und Literatur, Berlin 19J5. Wie alljährlich gibt auch in diesem Jahre der ״Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland“ ein Jahrbuch, als 26. Baud der Reihenfolge heraus, das nicht so sehr ln gelehrten Kreisen, als vielstehe Qdn bfcttctat Publikum Interesse verdient. Zunächst Ist die ausgezeichnete Jahrcsschau von Prof. I. Elbogen zu erwähnen, die sich durch ruhige,_ unparteiische Darstel- Iung auszeichnet. Uns fiel besonders die Würdigung der Vorkommnisse in Palästina auf, die von einer höheren Warte betrachtet werden. Die Schlußsätze der knappen Zusammenfassung lauten: ״Die Welt erwartet vom Genius des Judentums, daß er noch einmal Bahnbrechendes und Segensreiches für die Entwicklung der Menschheit zu sagen hat.“ W. Staerk (Jena) veröffentlicht eine interessante Studie über die ״Kunst des Uebersetzers bei den deutschen Juden der alten Zeit“. ,.Aus der Zeit der Hoffaktoren“ nennt sich der Beitrag von Dr. Max Freudenthal. ״Breslauer Erinnerungen“ erzählt Dr. J. Kastan, die trotz manch seitsanier Waldungen anheimelnd sind. Wenn Kastan im Hörer des Jüdisch-theologischen Seminars in Breslau, Benjamin Szold, den ״Typ des echten Magyaren“ erblickt, oder den Studenten Jakob Freudenthal als den ״Vertreter echter niederdeutscher Geistesart“ bezeichnet, so klingt das zumindest übertrieben. Chefredakteur J. Landau schildert einige Typen, die nach vollzogener Taufe dessen inne werden, daß die' Zugehörigkeit zum Judentum keine reine Aeußer- Iichkeit ist, die man durch formalen GlaubenswecRscI abzustreifen vermag. Sammy Gronemann ist mit einem geistreichen Beitrag unter dem Titel ״Antonio der Kaufmann von Venedig“ vertreten. Den Abschluß der Sammlung bilden zwei Kapitel aus dem Buche von Arthur B a b aus der Farn^ Leofuko in Argentinien über ״die Juden im Amerika spanischer Zunge (1492—1916)“, in denen wohl zum erstenmal dem jüdischen Publikum die Schicksale der ältesten jüdischen Einwanderer in Lateinisch-Amerika vor Augen geführt werden. Herr Bab hat während des Weltkrieges ein seit vielen Jahren in emsiger Arbeit in Mittel- und Südamerika gesammeltes Material verarbeitet und schildert die furchtbaren Verfolgungen durch die Inquisition, denen die aus Spanien und Portugal nach Amerika eingewanderten heimlichen Juden (Marannen) im Laufe der Jahrhunderte ausgesetzt waren. — Das Jahrbuch präsentiert sich in einem schönen Leineneinband und man muß nur bedauern, daß das verwendete Papier schlecht ist. Dadurch wird die Haltbarkeit des Buches schwer beeinträchtigt. Solche Jahrbücher werden ja gesammelt und sollen nicht wie ein Luach nach Ablauf des Jahres weggeworfen werden. m. w.