Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 6 (22.1.1926)
- Date
- 1926-01-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Se:te 42 J U E DIS C H E RUNDSCHAU Nr 6 Nr.« und analysieren lassen. Es handelt sich — in ganz kurzen und ungenügenden Umrissen — um die beiden folgenden Komplexe: Die Frage der Form und des Inhalts dcrErziehungundihrertechnischenRegeiung unddie FragcderWescnsartund Formunserer nationalen Organisation. Die Debatte streifte eine große Menge der Probleme, die im allgemeinen heute auf dem Gebiet der Erziehung bestehen, und nicht nur für Palädina charakteristisch sind und spezifische Probleme des Jischuw. Man sprach über die Richtung der Erziehung i־n allgemeinen, die Verbindung von manueller und geistiger Ausbildung, über landwirtschaftliche und handwerkliche Schulen, über turnerische Schulung usw. Aber neben diesen allgemeinen Fragen, die bei uns ebenso aktuell sind wie anderswo, erhoben sich die großen und dem Lande eigenartigen Schwierigkeiten unserer kulturellen Arbeit. Es handelt sich bekanntlich vor allem um die Frage, ob in Zukunft die Exekutive oder der Waad Leumi (bzw. eine zu diesem Zwecke gegründete Gesellschaft) für das Schul werk im Lande verantwortlich sein soll. Dieses Dilemma hat in verschiedenen Formen die Oeff.ntlichkeit beschäftigt, (z. B. bei Geiegenheit des Lehrerstreiks und zuletzt in der Stadtverwaltung Tel-Awiws, wo der Konflikt bis heute noch nicht ausgetragen ist) und wird vermutlich immer einen unserer wundesten Punkte darstellen, da gerade auf dem Gebiete der Kulturarbeit unsere Mittel nie mit unseren Bedürfnissen Schritt halten. Bezeichnend für die Stimmung des fortschrittlichen Teiles des Jischuw sind die wichtigen Vorschläge, die W i 1 - k a n sk y im Laufe der Debatte für die Ordnung des Er- Ziehungswerkes in naher und fernerer Zukunft machte und die morgen der Versammlung zur Beschlußfassung vorliegen werden. Im allgemeinen gaben die Verhandlungen auch dieses Mal wieder den Eindruck, daß die Forderungen, die die kulturelle Arbeit an den Jischuw stellt und die weiteste Kreise der Oeffentlichkeit direkt berühren und aufs lebhafteste interessieren, unsere Kräfte übersteigen und daß nur eine Vereinigung organisatorischer und finanzieller Maßnahmen sie befriedigen kann. Die Frage der nationalen Organisation ist von der Assefath Haniwcharim nicht ausführlich behandelt worden. Das ausführliche Referat von Ben Ourion gab ein Bild nationaler Autonomie auf territorialer Grundlage Diese Form, die auf den kolonisatorischen Einheiten beruht, soll die größtmögliche Freiheit innerhalb der Städte und Kolonien garantieren; sie nimmt als Grundlage einer Selbst- Verwaltung das Mindestmaß von 75 <V0 Juden an dem betreffenden Orte. Die Diskussion hat diesen Plan, der äugenblicklich vor der Bestätigung des Gemeindegesetzes besonders aktuell ist und von manchen gewohnten Begriffen, wie z. B. der Gemeinde als der Grundlage unserer Organisation, abweicht, bisher nicht gründlich erweitert Ein großer Teil der Abgeordneten war auf diesen Gedankengang, diese Basis der nationalen Organisation nicht vorbereitet, so daß nur einige Punkte des Komplexes berührt wurden. Sollte die Zeit für eine ausführliche Debatte nicht mehr ausreichen, so wird diese Frage in der Zeit bis zur nächsten Session im Jischuw zu klären sein. Es sei nur noch darauf hingewiesen, daß die Frage der nationalen Organisation im lande noch ganz andere Komplexe in sich schließt als die -#ii;.ge|iMfigcn ln der nagonfle« Autonomie in den rElndern <ftü Galuth. Wie in allen Teilen der Arbeit des Jischuw, hat sich in Palästina ein gewisser Ansatz zu einer Selbst- Verwaltung herausgebildet, die jetzt zu richten und zu entwickeln sind. Die Frage wird besonders schwierig, weil eine Gesetzgebung der Regierung mit beide n Nationalitäten des Landes zu rechnen hat und weil sie — und damit auch unsere Vorschläge und Forderungen — so elastisch sein müssen, daß sie nicht nur für den Moment passen, sondern auch dem entsprechen, was im Lande werden wird. Wir machen heute keine Vorschläge für die Gegenwart, denn es gibt keinen Umstand, den man im Lande als konstant ansehen kann. Es kann sich nur um Formen handel״, die für das Kommende gelten. Darin liegt die besondere Wichtigkeit und Schwierigkeit. Unter diesem Gesichtspunkt ist eine Klärung dieser Dinge in Bälde eine Notwendigkeit. Um dafür zu sorgen, daß unsere Kompetenzen in der inneren Verwaltung wachsen, ist eine Klarheit über die Form der Autonomie eine Grundbedingung. Der Gegenstand, der heute am meisten die Geister beschiftigt, die wirtschaftliche Lage im Lande, steht noch auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung, Wir werden darüber, da heute die Post .״’■geht und die Tagung noch nicht beendet ist, nächstes M.. berichten, ebenso wie über die Resultate der Tagung. Die Infwldclong von Solelboneli Aus Palästina wird uns geschrieben: Solelboneh, die B.-ni-Unfern-hmting der }*Mls-hen ArtH'ersefnft in Pnlärthi*, hat l־n Mai I1)'?) ihre Arbeit begonnen. Aufgebaut auf den in vorjähriger I ch־׳zrit gewonnenen technisehen, kaufmännischen und ndministra'iven Erfahra׳’gen, verstand es SoMboneh nach cin״r nicht Irl-hten Ueherganmszeit sich im Wirtschaft 'eben des Landes den ihr gebührenden Platz zu erobern und zu fertigen. Die Bau-Kooperative de-r Arbeiterschaft i t heute uns'rcitig der verantwortlichste und zuverlässigste Bau-Unternehmer im Lande, dem sowohl private Arbeitgeber, wie nationale Ins'i utiormn große Bauten und öffentliche Arbei'en zur Ausführung f)b״rtraa׳en. Ztiverläss^keit in der Ausführung und in der Maferrl-Verwend1׳ng, pürktliehe Beendigung der übernommenen Arbeiten kennzeichnen die Tätigkeit der Bau-Kooperative. Sie ist auch heute noch der emzige Bau-Unternehmer im Lande, d r ständig auf der Wacht steht, die jüdische Rauarbeit Im Lande durch jüd’schc Hände ausführen zu lassen und immer weitere Gebiete der mit der iüdUchen Paubcwegung zusammenhängenden und durch sie hervorge-ufenen Baustoff-Industrie im Lande jüdischer Arbeit 7ug:inglich zu machen. Sie hat in dieser ihrer Tätigkeit dem jüdnehen Arbeiter und damit der Aliirth wichtige Positionen erobert und vor allem b״deutende Summen, die nutzlos in fremde Hände geflossen wären, der jüdischen Volkswirtschaft im Lande zugeführt D״e Bau-lWemehm״n<r der Arbeiterschaft hat s״f* Ihrer Gründung im Sommer 1920 Ws zum 1. November 195י Rau- 3rb״iten Chmisseen und Spaßen, ELenbahnen und Brücken, Öffentliche Arbeiten und Drainage im Gesamtbeträge von £E 1.100.000,— aiisgeführf. Von diesem Re*rage entf"l!t auf den Vorgänger von Solelboneh, das Amt für öffentliche Arbeiten und Bauten, ein Betrag von £E 675.0OV—, während Solelboneh seit dem Beginn seiner Tätigkeit bereits für einen Betrag von £E 425.000.— Arbeiten atisgeführt, bzw. Verträge abgeschlossen hat. Der monatliche Durchschnitt der von Solelboneh seit 19׳י Jahren übernommenen Arbeiten b״trngt £E 22.000,—, während ihr Vorgänger für monatlich zirka £E 15.000,— Arbeiten ausgeführt hat. Am 1. Oktober 1025 waren bei den Artvtiten von Soleihon eh 2500 Arbeiter beschäftigt, davon 1250 Maur״r und Zimmerteilte. 620 Arbeiter waren Im Straßen- und Wegebau und öffentlichen Arbeiten bemh.äftlgt 170 bei Transportarheiten, 125 in Tischlerei-Arbeiten, 120 im Strtnbnich und beim Sfeinbehaticn. die übrigen 215 als Gtacer, Tüncher, Metallarbeiter und den übrigen Baufach-Arbeiten. Solelboneh arbeitet gegenwärtig an mehr als 50 verselvedenen Arbeiriminkton, die innfh-'b der einzelnen Bezirke um die vier Städte Jerusalem H״ifa, Tel-Awlvv, Tiherias‘ konzentriert sind und von den Filial-Bureaus dieser Städte aus verwaltet und organisiert werd״n. In A f u 1 e h , der wachsenden Stadt am Eingang zur Ebene lesreel vom Süden, arbeitet Solelboneh im Aufträge d״׳r American Zion Commonwealth mit VO Arbeitern bei l>aina״e, dem Anlegen von Straßen und Chausseen, sowie der Errichtung von Wohnhäusern. In einer großen Reihe von landwirtschaftlichen Siedlungen des. >r*S 8־, TC: a | eg.n.e.j! vor) Wohn- und wfrtschaftsgebiuden, die fiel kürzester Zelt fertiggesteilt werden. Zion Commonwealth in Verbindung mit privaten Gesellschaffen übertrug an Solelboneh großzügig angelegte Drainage-Arbeiten. sowie die Errichtung der neuen Kolonie H e r z 1 i a h in der Nähe von Jaffa. Bel d:e״en Arbeiten sind gegenwärtig mehr als 200 Menschen beschäftigt. Die Drainage bedient sich alter Kanäle aus der Römerzeit, die zu einem modernen Drainagesvstem ausgearbri'et werden. Solelboneh hat in letzter Zeit au׳h von der Landesregier ung Arbeiten übernommen wie Hie Errichtung einer Rrörke über den iarkon, sowie eine Brücke bei Mozah. Doch ist der Anteil der Regienmgsarheifen an den Ar* beiten d״r Bankooperative noch sehr gering. Solelboneh bat den größten Teil seiner Arbeiten, zirka 70 bis 75 ״׳״ von einzelnen privaten Arbeitgebern oder privaten Gesellschaften übernommen, während zirka 15 °/0 von nationalen Institutionen ihm übertragen wurden. Mehr und mehr vervollkommnet sich der technische, administrative und organisatorische Apparat der Baukooperyjve und in demselben Maße vervollkommnet sich auch die Arbeit selbst. Die Maschine erobert sich mehr und mehr ihren Platz in der Bauarbeif und Im Steinbruch, im Straßenbau und in der Drainage, sie ermöglicht das dauernde Ansteigen der Arbeüsproduktion und damit erleichtert sk die Möglichkeit der Eroberung neuer Arbeitsgebiete. Es ist der Baukooperative in Laufe des ersten Jahres ihres Bestehens ge'ungen, durch den Verkauf von Mitglieder- und Vorzugs-Aktien si h ein Betriebs- Aktienkapital von mehr als £E 20.000,— zu beschaffen, aa dem sich die Zionistische Organisation im ersten Jahre mit £E 8.000,— beteiligt hat. Doch ist bei dem mehr und mehr bedeutenden Umfang ihrer Arbeiten ein solches Betriebskapital für die BaukooperaLve kein genügendes. Der Mangel an für den Betrieb freien Mitteln beengt die Arbeit und die Expansionsfähigkeit der Iirtitution sehr. Die Baukooperative steht daher vor der Aufgabe, im Laufe der nächsten Zeit ihr Betriebskapital auf eine Höhe von £E 50.000,— zu bringen. Zfonls Die letzten ] Armut u Ländern, relativ st geistig a Nachwuc ist sich darüber Remedur drücklich Anglo Paleslinc Compiny und N«w Yorker Slate Bark New York, 18, Januar. (J. T. A.) Durch Vermittlung des Direktors der Jüdischen Kolonialbank, Dr. Georg Hai- P e r ri, kam eine Vereinbarung zwischen der Anglo Palestine Company und der New Yorker State Bank, einer der größten von Juden geleiteten Banken, zustande, der zufolge die Akzepte der Anglo Palestine Company bei der State Bank zur Wieder-Diskontierung gelangen. Gegenüber dem JTA-Vertreter drückte Dr. Halpern die Hoffnung aus, daß nach dieser Vereinbarung das Interesse für GeschüLs- Verbindungen mit Palästina in den Vereinigten Staaten erlieblich wachsen wird. Dr. Halpern hat sich heute an Bord der ״Majestic“ zurück nach London begeben. aus der für ist Inhalts 11 man leie Werte s׳ genannte ausgespr! Wunder, mit solle falls irg unserem daß das nistische! Jugendbc d’Avigdor Goldsmid Prisident des JOflscken Depntlerlenralcs London, 18. Januar. (J. T. A.) ln der gestrigen Sitzung des Jewish Board of Deputies (Deputiertenrat der englischen Juden) wurde die Wahl des neuen Präsidenten an Stelle des vor kurzem verstorbenen H. S. Q. Henriques vorgenommen. Es standen vier Kandidaten zur Wahl: Colonel Charles Waley Cohen, Präsident des Parlamentskomitees Mr. O. E. d’Avigdor Goldsmid, Vizepräsident des Board Mr. Felix Rose und Mr. Joseph Prag. Die Wahlhand■ lung leitete Mr. Jacobs. Der provisorische Präsident des Board, Lord Rothschild, hat sich wegen Krankheit entschuldigen lassen. Das Resultat der Wahl war: O. E. d’Avig■ dor Goldsmid 76, Prag 44, Waley Cohen 33, Rose 2 Stimmen. Mr. Goldsmid, der somit als gewählt erschien, dankte für die Wahl lind erklärte, er werde den Traditionen des Board gemäß weiter arbeiten. Im Verlaufe der Debatte wurde der Vorschlag gemacht im Interesse der Oekonomie und der gesteigerten Leistlingsfähigkeit den Jewish Board of Deputies und die Anglo Jewish Association zu einer Einheit zu verschmelzen. Es ent■ wickelte sich eine lebhafte Debatte. Einige Vertreter der Association führten gegen die Vereinigung ins Treffen, daß die Association Erziehungsarbeit in verschiedenen Teilen der Welt, wie in Marokko und Ceylon, leistet, die dem Bereich des Board fernliegen. Auf Vorschlag des Präsidenten d’Avigdor Goldsmid wurde die Entscheidung über diesen Antrag auf sechs Monate verschoben. (Mr. d’Avigdor Goldsmid is: auch Präsident der A. J. A., es ist also durch seine Wahl eine Art Personalunion hergestellt, — A. d, R.), Man samkeit sehr spä sehen großen zionistfsc hfben w konferen; zu wüns fast vol haftere polnische ausgegefc ״Przed’si folgerin bestbescl lingt, wi einen ne Die nistische besten 1 gegenwä Wo zwar un geprägte der ״Hi Jahren I volles Bl Wie wir« unmittelbar kurz vor Schluß des Blattes erfahren, ist Herr Hubert Auhagen am 18. d. Mts. in Zelle gestorben. In Auhagen verliert die zionistische Bewegung einen aufrichtigen und begeisterten Freund. Sein tiefes religiöses Interesse an Palästina führte diesen gläubigen Christen Immer wieder zur Beschäftigung mit den Problemen des Landes und seine fachmännische Erfahrung als Landwirt und Agronom veranlaßte ihn, sich mit der jüdischen Kolonisation zu beschäftigen. Auhagen war einer der ersten, die bereits vor dem Kriege der jüdischen Landwirtschaft und ihren Aas- Sichten ein glänzendes Zeugnis ausstellte. Auf Grund seiner Palästinareise erklärte er damals, der jüdische Bauer sei nunmehr Wirklichkeit geworden. Auch nach dem Kriege ist Auhagen wieder mehrere Monate in Palästina gewesen und im Lebe ziehungs Ühingebun hat die jungen jüdischen Siedlungen im Emek Jesreel besucht, wo er den Arbeitern ein treuer Freund und Berater war. Gerade in den nächsten Monaten beabsichtigte er wieder eine Reise nach Palästina anzutreten. Dies war ihm nicht mehr vergönnt. Sein Hinscheiden wird in weitesten zionistischen Kreisen und bei allen, die ihn kannten, tiefe Anteilnahme Hervorrufen. während ״unistisc von dies stark an: die über mus und Die polnische Haus un begönnet der best sinnung, die Prol ״Haschoi entzog a die nich den folg takt mit Repräsentaoteaversainmlimg Nicht mir Bücher, sondern auch Menschen haben ihre Schicksale. Das meinige verschlug mich vor einigen Tagen in eine Sitzung der Repräsentantenversammlung der Rerliner Jüdischen Gemeinde. Als ich in den, sagen wir, gotisch anmutenden turmähnlichen Sitzungssaal kam, glaubte Ich ver• zaubert zu sein. Waren es die hohen Pfeiler oder die vergilbten Porträts der weiland Gemeindeältesten oder die Büsten gewesener preußischer Könige, die im Halblicht des Hintergrundes stehen, oder gar die würdigen Männer, die an einem hufeisenförmigen Tische mit ernster Miene dasaßen — ich kam mir vor, als ob ich in den Zeremoniensaal einer mittelalterlichen ehrbaren Handwerkerzunft geraten wäre, die jedoch nicht ihre kräftigen wirkenden Mitglieder, sondern ihre sonst der Ruhe pflegenden Vertreter zu einer Beratung versammelt hat. Gegenüber dem großen Tische in Hufeisenform sitzen, gleichsam auf einer Anklagebank, die Vorsteher der Gemeinde. Ihre Anklagebank aber ist in Wirklichkeit eine Herrscherbank und die Repräsentanten Versammlung nur eine Zugabe, um die Herrlichkeit des Vorstandstisches zu erhöhen. Inmitten des Sitzungssaales der Journalistentisch. An ihm nur wenige Vertreter, darunter ein ehrwürdiger Greis, doch nicht älter als die meisten Mitglieder der beratenden und beschließenden Körperschaft, wiewohl auf ihn der zweite Teil des Satzes aus dem 90. Psalm paßt: ״. . . und wenn es hochkommt, sind's achzig Jahre.“ Die Herren am Journalistentisch haben alles andere als eine interessierte Miene. Man sieht’s, sie sind von Berufs wegen und nicht mit dem ganzen Herzen dabei, Liegt’s an den zur Verhandlung stehenden Themen? An der Art, wie diese Gegenstände behandelt werden? Oder vielleicht daran, daß diese Versammlung im Grunde genommen nicht die tatsächlich lebendigen Interessen der von ihr vertretenden Gemeinschaft zu behandeln wagt und sich nur von Reminiscenzen und Abklängen dieses Lebens leiten läßt? Trotzdem scheinen mir die Journalisten nicht recht zu haben, oder besser gesagt, die Mienen dieser Journalisten. Diese solltet* interessierter sein Wenn schon nicht wegen der gerade zur Verhandlung stehenden Vorlagen, so doch wegen aller anderen die jüdische Gemeinschaft bewegenden Dinge, von denen man in dieser Versammlung nur einen leisen Nachhall hört, sordiniert durch die Aengstlichkeit einer langsam erstarrten Mehrheit, die resigniert das jüdhehe Lehen beiseite läßt, aus dem Gefühl heraus, daß sie dieses Leben nicht mehr versteht und es nicht zu meistern vermag. Ich war vom Glück begünstigt. Auf der Tagesordnung standen hauptsächlich Suhventlonsanträge für Bethäuser. Bald erhob sieh der eine Repräsentant, bald der andere, die Namen tun nichts zur Sache, die Herren sehen einander ähnlich und zwölf von ihnen gehen auf ein Dutzend, und referierten. Zum Beispiel in folgender Weise: ״Die Synagoge in der Rvkestraße . . dann folgten ein paar unverständliche Worte und dann das Verdikt des Vorsitzenden: ״Es erhebt sich kein Widerspruch, angenommen.“ So mochte vielleicht eine halbe Stunde dahingegangen sein. Bis schließlich die Subventionsfrage für die liberale Svnagoge der Vereinigung Nord zur Verhandlung kam. Diese Synagoge, das einzige Kind der Liberalen, und als solches liebevoll betreut und verhätschelt — die einzigen Kinder sind immer morbid —, verlangt eine doppelt so hohe Subvention wie die anderen Bethäuser. Denn sie muß auch Orgel und Chor bezahlen. Empörung bei den Konservativen. Erstaunen bei der Volkspartei. Warum die unterschiedliche Behandlung? Alle anderen Synagogen verlangen nicht soviel und tragen ans Eigenem bei. Nur die liberale Synagoge, die einzige in Rerlin, soll mehr bekommen, weil die Mehrheit in der Repräsentantenversammlung zur Liberalen Partei gehört? Der Sprecher der Liberalen verteidigt die Forderung: ״Die Svnagoge Nord ist ein zartes Pflänzchen: das muß gehegt v.1־ ' n. Freitag abends sind dort ungefähr hundert Personen beim Gottesdienst.“ ״Und Sonnabends?“ tönt es von den Sitzen der Konservativen. Kleinlaut die liberale Antwort: ״Da sind allerdings weniger!“ ״Sind die Waisenkinder aus dem Auerbach-Waisenhaus unter den hundert Personen mitgezählt?.״ lautet die zweite Frage der Konservativen. Die liberale Antwort: ״Die Waisenkinder sind auch Mensehen.” Die konservative Replik: ״Aber keine Liberalen.” Die liberale Entgegnung: ״Sie sollen es eben werden. . Empörung und Oho-Rufe bei den Konservativen. Fehlt nur noch die Kennzeichnung dieser Methode mit dem Worte ״Seelenfangerei”. Die Debatte über die liberale Synagoge Nord ist noch nicht zu Ende. Voll gespannter Leidenschaft erhebt sich der Matador der Konservativen und stellt fest, daß am ersten Freitag Chamikkah, lange nach Sabbath-Eingang, in der zu subventionierenden Liberalen Synagoge die Chanukkahlichter angezündet wurden, was eine unerhörte Sabbath-Entweihung darstellt. Wie von einer Tarantel ge tochen springt der liberale Fürsprecher der Synagoge Nord empor und bebend stellt er fest, daß diese Behauptung in der abgegebenen Form nicht richtig sei. Ein Vertreter der Volkspartei stellt den Sachverhalt richtig: Es ist wahr, die Lichter sind nicht von einem Juden um die fragliche Zeit angezündet worden; zu diesem Zwecke habe man eine Schabbesgoje engagiert.Ob diese Goje auch den vorgeschriebenen Segensspruch beim Anzünden gesagt habe, könne der Redner leider nicht angeben. Die Subvention für die hberale Svnagoge wurde trotz Widerspruches der Konservativen für das laufende Jahr bewilligt. Allerdings ist der Sachverhalt mit den am Schabbas angezündeten Chanukkah-Lichtern, sowie die Frage, ob die Goje den Segensspruch gesagt hat, nicht geklärt worden. Aus dem Für und Wider der Behauptungen könnte ich mir wenigstens als Außenstehender kein zureichendes Urteil bilden. Das Schicksal meinte es offenbar sehr gut mit mir. Nach dem Intermezzo der liberalen Svnagoge Nord erlebte ich noch eine heiße — was so in der Repräsentanten er- Sammlung heiß ist — Debatte über die Erhöhung der Gebühren für die Begräbnisse. Der Finanzreferent der Gemeinde, vor dessen Energie und Autorität sich aucli die Liberalen beugen, wiewohl er der Volkspartei angehört, verlangte die Hinaufsetzung der Begräbnisgebühren auf die Friedenshöhe, was in Anbetracht der Geldentwertung noch absolut I darstellt gen des weil sie eben de! sich lieb Falle je« erhebt si sprach, die Erhö daß er der Repr eine Anj sozusage macht h! auffsllen« Fordern ihnen v< von Jud Ist ihr nicht. 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