Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1926-01-19 · Heft 5 (19.1.1926) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 5 (19.1.1926)
Date
1926-01-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2652785-2652790--17995-2675713
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Nr. 5 JUEPI*SCHE RUNDSCHAU Seite 37 Brief aus Amerika Geistige Strömungen - Die Reform Jüdisches Leben - Der Sieg des PaUstinegedankens Von unserer Korrespondentin. Dr. Nadja Stein. New York, Ende Dezember 1925. Ein großes Sichbesinnen geht durch die Reihen des amen• kanischen Judentums. Das ist der Eindruck, der, so glaube ich, sich jedem täglich stärker aufdrängen muß, der die Mannigfaltigkeit seiner Acußerangen etwas aus der Vogelperspektive beobachtet. Trotz all der gegenteiligen Erscheinungen, die sich verzeichnen ließen, wird es immer unverkennbarer: das amerikanische Judentum beginnt Palästina, es beginnt seine echte himmlische und irdische Heimat, es beginnt sich selbst zu entdecken. Dies Phänomen, das heute für das Ciesamtjudentum gilt, kann doch nirgends, so scheint es mir, wunderbarer wirken als hier. Denn nirgends vollzieht es sich so sehr aijs freier Wahl, nirgends reiner aus bloß geistiger Notwendigkeit. In keinem Lande hat das-Judentum seit so langer Zeit und so ungetrübt vollkommenere Freiheit, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung genossen wie hier, in dem Geburtslande der Menschenrechte. Nirgends war ihm Assimilation und Selbstauflösung leichter und vollständiger möglich gemacht als hier. Und siehe da — anstatt, wie man es ihm vorausgesagt hatte, mit seiner Umgebung zu verschmelzen und als besondere Erscheinung zu verschwinden, betont es heute kräftiger denn je, daß es' sich trotz aller Amerikanisierung, trotz allem amerikanischen Patriotismus von seinem Ursprung nicht lösen kann, in dem seine Seele beheimatet ist. Der Judaismus als Lebensinhalt, als Lebenssteigerung, ja als Lebensaufgabe ist in Amerika wieder wirksam geworden. Während bei uns drüben der einzelne und meist nur auf einsamen Wegen sich durchringt zu den Sinaigebirgen jüdischer Lebenslehrc, während bei uns Palästinasehnsucht und Palästinawille der Massen geboren werden aus Leid und Not und Tod und nur eine Minderheit diesen defensiven Nationalisnrus sublimiert zur großartigen sozialphilosophischen Konzeption des Judentums, ist cs hier die begeisterte Bejahung judaistischer Weltanschauung, die letzten Endes zur Forderang und Annahme des zionistischen Ideals führt. Während bei uns so und so viele den Weg gehen vom anationaten Sozialisten zum jüdischen Nationalisten und dann erst voll Ueberraschung die jüdische Lehre eins finden mit ihren höchsten sozialen Forderungen, ist es hier umgekehrt das Eindringen in den Judaismus, das folgerichtig zum Nationalismus und Zionismus und zur Ablehnung kapitalistischer Gesellschaftssunde führt. Dem Reformismus ist diese allmählich sich vollziehende Revolutionierung des Denkens weiter jüdischer Kreise zugute zu halten, gerade auch solcher, deren bevorzugte ökonomische Lage viel eher eine recht satte Weltanschauung mit sich brächte. Dieser verketzerten Bewegung wird es zu danken sein, wenn auch das amerikanische Judentum und besonders seine Heranwachsende Generation das Ideal eines sozialen und nicht nur nationalen Palästina erfassen wir& Der Reformismus hat den edlen schäumenden Wein der jüdischen Lehre aus alten, staubigen Schläuchen geholt und kredenzt ihn in durchsichtigeren, gefälligeren Gefäßen, aus 1 denen ihn. Tausende gierig schlürfen, die ihn sonst nie über die Lippen gebracht hatten. Und während bei uns die Tempel leerstehen und meist nur die Alten sich dort freiwillig und regelmäßig zusammenfinden, kann man hier nicht genug Synagogen bauen, um dem Andrang der Zuströmenden gerecht zu j werden. Die Jugend aber, die bei uns vor allein in politischen j Bewegungen Schwung und geistiges Ausleben sucht, gibt hier ganz besonders willig dem Rabbiner Gehör. Freilich - wie ich schon neulich beschrieben habe — sind diese Synagogen nicht Bethäuser alten oder vielmehr mittelalterlichen Stils, sondern sie gehen auf den Begriff der Synagoge zurück und machen sie zum Mittelpunkt der umwohnenden Gemeinde, zum Mittelpunkt ihrer geistigen und sozialen Bestrebungen in einem ganz anderen Maße als man es bei uns zu Lande kennt. Sie heißen immer häufiger auch nur mehr ״Centre“ und auch ihr Aeußeres gleicht mehr einem geschmackvollen Klubhaus. Die meisten dieser Zentren sind ganz neu, mehrere sind in den vergangenen drei Monaten aufgesprossen und eine ganze Reihe neuer sind im Bau begriffen. Der Rabbiner ist der geistige Leiter und Berater dieser Zentren, die zuweilen so groß sind, daß ein eigener Direktor zu ihrer Verwaltung bestellt werden muß. Hier wird von Klein und Groß gelernt und diskutiert, über Ernstes und Fröhliches beraten, Andacht gehalten, gespielt, geturnt und getanzt. An den Freitag-Abenden und Samstag-Vormittagen aber versammeln sich die Mitglieder in der Synagoge ihres Zentrums und neben bester Musik sind sie gewiß, einen Vortrag ihres Rabbiners über ein aktuelles Problem zu hören! Moderne, aufgeklärte, wissenschaftlich hochgebildete und mit allen zeitgenössischen Strömungen wohlvertraute Männer sind die Reform-Rabbiner dieser Gemeinden und selbst manches orthodoxe ״Centre“-Oberhaupt steht ihnen in nichts nach. Die Rabbiner sind oft in ihrem ganzen Distrikt die einzigen, deren Beruf Konzentration auf Geistiges verlangt und gestattet und die daher eine durchdachte Ansicht, eine originelle Beleuchtung einer schwierigen Frage zu bieten haben. Viele von ihnen müssen daher den Sonntag Vormittag zu Hilfe nehmen, um allen Interessierten Gelegenheit zu geben, sie zu hören. So mietet Dr. Stephen S. Wise, weitaus der popu* lärste aller Rabbiner New Yorks, allsonntäglich die riesige Carnegie-Hall, um vor einem nach Tausenden zählenden Publikum von Juden und Nichtjuden aller Schattierungen soziologische und ethische Fragen in seinem Sinne und mit de:m ihm eigenen Freigeist und Elan zu erörtern. Manche Vor• frage dieser gewöhnlichen jüdischen Geistlichen, so wie sein letzter über die Stellung des, Juden zu Jesus, wirken wie Zündstoff, an dem sich die öffentliche Meinung entflammt und zu dem sie so leidenschaftlich Stellung nimmt, daß man sich in das Zeitalter der Religionskriege zurückversetzt glauben könnte. Sein Namensvetter Dr. Jonah Wise, der neue, fortschrittlich gesinnte Rabbiner der Central Synagogue hat Themata wie Ferdinand Lassalle und Thomas Paine auf seinem Sonntagsprogramm und während Dr. Lichtenstein, der Begründer der ״Jewish Science“ in seinen Sonntagsausfühningen ein Gegengewicht gegen die ״Christian Science“ schafft, die so viel mystische Gemüter unter den Juden in letzter Zeit anzog, verstrickt der kluge und wegen seiner Gelehrsamkeit hochgeachtete Dr. Samuel Schulmann sich fit seltsame Widersprüche, wenn er seiner getreuen Assimilantengemeinde in verbissenem Antizionismus überlebte Argumente unentwegt auftischt wie vor 27 Jahren, und seinem Judaismus gebietet, vor dem Zionismus Halt zu machen. Es ist nicht möglich, all die feingeistigen Verkünder des Judaismus aufzuzählen, die sich 1״ New York zusammengefunden haben, aber Männer wie Dr. Kaplan , der Begründer der ״Gesellschaft zur Förderung des Judaismus“, Dr. de Sola Pool, der führende Rabbiner der sephardischen Gemeinde, und der beliebte Ratgeber der Young Jude:!, Amerikas zion. Jugendorganisation, Dr. J. Sonderling, dessen Hamburger Berühmtheit ihm einen Ruf hierher verschaffte, Dr. Joe! Blau aus Ungarn, der jetzt nach London abgeht, Dr. Israel Goldstein, der junge Rabbiner der Synagoge Bnai Jeschurun, die eben ihren hundertjährige« Bestand als die älteste Synagoge von New York feierte, einer der fähigsten Vorkämpfer für die Verständigung zwischen Juden und Christen, sie und viele andere bauen an einer Vertiefung, Verinnerlichung und Vergeistigung des Judentums, die wahrhaft gewissenerweckend wirkt, indem sie in diesem Lande sozialer Skrupellosigkeit die sozialethischen Grandsätze der jüdischen Lehre zu einer gelebten Wahrheit zu machen sucht.*) « Auf so vorbereitetem Grande beginnen die Ideale, die der Zionismus zu verkünden hat, nun Wurzel zu fassen. Folgerichtiger Judaismus kann heute nicht anders als im Zionismus münden, in der Sehnsucht nach der Wiederherstellung eines jüdischen Palästina, des Wiederflüssigmachens der Urquellen jüdischer Schöpferkraft Und so beginnt auch der amerikanische Jude, den äußerlich nichts von hier wegtreibt, der anscheinend so befriedigt und gesättigt ist, in einem jüdischen Palästina die Erfüllung der messiantschen Wünsche zu sehen, die auch ihn ruhelos machen, den Weg zur Verwirklichung des Gottestraumes seines Volkes, den auch er in sich lebendig fühlt. Erstaunt beginnt er festzustellen, in welchem unerhörten Maße die heutigen, bescheidenen Ansätze eines jüdischen Palästina das jüdikhe Leben und Denken der Gegenwart beeinflussen, und er beginnt zu ahnen, daß es der ausschlaggebende Faktor in der jüdischen Zukunft sein wird. Er versteht: so innig das amerikanische Judentum in einer Oemeinschaft des Mitgefühls und aktiver Hilfegebung sich in den letzten Jahrzehnten dem Gesamtjudentum verbunden fühlte, so sehr es dadurch alle jüdischen Probleme miterlebte, so sicher werden die Ausstrahlungen eines jüdischen Palästina seinen Kindern volleren Reichtum und stolzeres Daseinsgefühl bedeuten. Er begreift daher, daß alle Pracht — und Kraftleistungen, die es hierzulande vollbracht hat, weniger Gewicht haben im Urteil der Welt über das Judentum als was heute in Palästina zustandegebracht wird; daß seine ganze angesehene und finanzkräftige Steilung die Lage des Judentums moralisch weniger zu heben vermochte als der Respekt, den sich das volksarme jüdische Palästina erzwingt. * Aus allen diesen Erwägungen heraus erfaßt das amerikanische Judentum den Palästinagedanken heute mit einer Leidenschaftlichkeit, die besonders in den letzten erregten Wochen des Kärtpfcs um den Vorrang Palästinas in seinen nationalen Aktionen zum Ausdruck kam und die jede öffentliche Erörterung dieses Problems zu einer heißblütigen Kundgebung macht. Ob nun Dr. Stephen S. Wise die Ver- Sammelten mit seinem mächtigen Pathos aufrührt, ob Louis Lipsky in seiner vornehm stillen Art an Ueberiegtmg und Intellekt appelliert, ob Emanuel Neu mann oder Morris Rothenberg mit sachlicher, ruhiger Logik einen Programmpunkt erörtern, ob Maurice Samuel und Israel Goldberg mit der Sensibilität und den Ausdrucksmitteln von Dichtem die Seelensaiten in Schwingung versetzen, ob Abraham Goldberg mit Humor und Laune die sprühende Drastik des Jiddischen für seine Zwecke nutzt, immer ist die Aufmerksamkeit atemlos und das Durchglühtseln dieser Schar von Fahnenträgern des amerikanischen Zionismus ist auch im Publikum zu fühlen. Noch steht allerdings bis auf wenige Ausnahmen das reiche Judentum Amerikas der Idee des Zionismus untätig gegenüber. Es sind vielmehr die Mittelklassen und breiten Volksschichten, die ihn heute stützen. Aber er zieht immer weitere Kreise in seinen Bann. IJa sind es gerade die Reichen, die sich eine Mittelmeerreise gönnen und die ganz unversehens zwischen Italien und Aegypten auch Palästina sehen, und erschüttert von seinem Phönixspiel wiederkehren. Da sind es bewußte Paiästinakämpfer, die Erez Israel zu ihrem Reiseziel wählen und so trunken zurückkommen von dem geschauten und nicht für möglich gehaltenen Sonnenaufgang der neuen Welt brüderliehen Heroismus und lebendiger Thora, daß sie zu unvviderstehlichen Aposteln der jüdischen Heimat werden. So erging es z. B. Frau Irma Lindheim, einer Frau aus der ersten Gesellschaft New Yorks, die vor acht Jahren aus ihrer Assimilantenideologie erweckt, in jäh auflodernder Liebe für jüdisches Wissen systematische rabbinisehe Studien aufnahm, obwohl eine Mutter von 5 Kindern. Aber erst ihr dreimonatlicher Studienritt durch Palästina in diesem Sommer hat sie zum ergriffenen Verkünder des arbeitenden Palästina gemacht. Wie wenigen ist es ihr gegeben, die Romantik und den Geist der Chaluzfat ihren Landsleuten nahezubringen und sie mit Heimweh und Dienstbereitschaft für ihr Heiligtum Palästina zu erfüllen. Da sind es langjährige Frontkämpfer des Zionismus (wie vor allem Henriette S z o l d), die bei einem neuerlichen Besuch sich den Nöten Palästinas wieder inniger vermählt haben und die sic in einer Weise darzustelleu vermögen, daß das Fieber rastloser Hiffstätigkeit für Erez Israel, das in ihren Augen brennt, alle die ergreift, die ihnen zuhören. Da unternimmt ein Dichter wie Ludwig Lewisohn, der seinem Volke weit entglitten war, eine Reise durch das wunde jüdische Europa und dann durch das Land der Gesundung seines Volkes, und sein prachtvolles Bekenntnis zu Israel bringt den International gesinnten Künstler- und Aesthetenkreisen seiner zahlreichen Anhänger die erste Beruhrang mit jüdischen Problemen und jüdischer Renaissance. Und Abraham Kahan, der imponierende Diktator jüdischer Sozialisten, geht nach Palästina, um auszukundschaften, was denn hinter diesem verwerflichen reaktionären Experiment sei, das ärgerlicherweise die Reihen seiner Getreuen zu\faszinieren begann. Und es nimmt Besitz von seinem Herzen, die Träume seiner Jugend findet er dort verkörpert und die 5000 seiner Getreuen, die ihm bei seiner *) S. unsere Bemerkungen im Leitartikel, (Red.) Rückkehr in der Manhattan Opera begrüßten und für die der Zionismus bisher Tabu war, jubeln ihm Beifall zu, als er mit Tränen im Auge segnet, was er zu fluchen ausgezogen war, * ln solcher Stimmung empfängt das jüdische Amerika den Appell zum Fünfmillioncudrivc der vereinigten Palästinafonds. Es ist das erste Mal, daß die Zionisten dieses Landes ihre Forderung für Palästina in eine so hohe Ziffer zu kleiden wagen. Gewiß steht sie in keinem Verhältnis zu dem, was die Judenschaft Amerikas für Palästina zu geben imstande wäre, und zu dem was die Aufbauprobleme so dringend verlangen. Bidet doch ein einziger jüdischer Grund- Stückhändler derzeit (<•: Millionen Dollar, um den ehrwürdigen Tempel Emanuel auf der Fiftli Avenue zu kaufen und an dessen Stelle einen lukrativen Wolkenkratzer zu errichten. Aber für das Gotteshaus Palästina sollen fünf Millionen genügen! Doch jeder fühlt, daß dies nur ein Anfang ist. Man hat in Amerika die Erfahrung gemacht, daß die Gebefreudigkeit rasch ansteigt, wenn nur einmal die Ueberzcugutig sich einstellt, daß für einen bestimmten Zweck große Summen gegeben werden m ii s s e 11. Und es wird mit dieser Unzuläng• lichkeit so kommen, wie cs Alfred K'err in seinem letzten Buch übers ״Yankeeland“ immer wieder propliezeiht, wenn er hier!*eben ungeheuren Kraftleistungen unbegreifliche Unterleistungen konstatieren muß: Wartet nur, bis Amerika sich auch darauf verlegt, und Ihr werdet Eure Wunder erleben' 1 Der Zionismus uni Jeius Pressestimmen, In der Prager ״Seihst wehr“ nimmt Dr. Oskar Epstein zu dem Stephen Wise-Konflikt in Amerika in einem bemerkenswerten Aufsatz Stellung, der nicht für diese oder jene Gruppe ״Partei“ nimmt, sondern die tieferen Zusammen* hänge untersucht, für die dieser Zwischenfall symptomatisch ist. Wir geben hier den ersten Teil dieses Aufsatzes wieder: ״Der Streit, der sich in Amerika enfsponnen hat, scheint mir von symptomatischer Bedeutung für das Stadium der Entwicklung, in dem sich gegenwärtig der Zionismus befindet. Ueber die Stellungnahme des Rabbiners Stephen Wise liegen dem Schreiber dieser Zeilen vorläufig nur Meldungen vor, die kein sicheres Bild geben. Nichtsdestoweniger kann wohl so viel bereits festgestellt werden, daß der Geist, aus dem sie geboren sind, der Geist der Assimilation ist. Denn ihn atmet letzten Endes auch das Buch, das der Anlaß zur Aeußerung Stephen Wises geworden ist, ״Jeschu Hanozri“ von Joseph Klausner. Natürlich nicht in dem Sinne, daß dem Werke etwa eine assimilatorische Tendenz zugrunde läge — gegen einen der* artigen Verdacht braucht man wohl einen Mann wie Joseph Klausner nicht in Schutz zu nehmen - aber assimilatorische geistige Wirklichkeit ist es in dem Sinne, daß Klausner das, was er im Sinne seiner Vorrede so sehr für wissenschaftliche Objektivität hält, in den wesentlichen Zügen aus christlichen Quellen geschöpft hat, die natürlich, ohne es z. T. zu wollen, eine Verherrlichung der christlichen Lebensauffassung sind, ln seinem Schlußkapitel: ״Was ist Jesus für die Juden“ aber sagt Klausner: ״Für die israelitische Nation ist Jesus ein großer Ethiker und kunstreicher Gleichnisdich« 1, *. Fr^lHch, weg» . ihr!es.,*?drs1ueo. &horokters, M . seine Ethik nur das Ideal für einzelne geworden und Zukunftsmusik für die Zeiten des Messias, bis füi־ die ,alte Welt‘, die heutige Gesellschaft, das ,Ende‘ herannahen wird; aber es ist keine Ethik für die heutige Gesellschaft und die heutigen Nationen auf ihrem Wege zur messianischen und prophetischen Zukunft . . Ist das wirklich noch eine praktisch wirksame Abgrenzung gegen die christliche Welt? Demgegenüber ist die Anschauung der Gegner Wises die typische Reaktionsweise des Ghettos. Sie erkennen sehr richtig, daß die Art, wie Klausner und Wise über Jesus von Nazareth sprechen, der ganzen Gewalt der umgebenden christlichen Welt Tür und Tor öffnet. Sie wissen ihr aber nichts anderes entgegenzusetzen, als eine Ablehnung, die nichts hören und nichts sehen will, und mit Recht beruft sich gegen einen solchen Standpunkt Klausner darauf, daß selbst Maimonidcs und Jehuda Halevy den organischen Zusammenhang der christlichen mit der jüdischen Lehre voll anerkannt haben. י Das ist aber nicht so gemeint, daß wir Maimonidcs und Jehuda Halevy den orthodoxen Rabbinern in Amerika und auch Klausner oder Wise (denn bei diesen wirkt es anders als bei Maimonides und Jehuda Halevv) als Muster vor Augen halten wollten. Es handelt sich vielmehr darum, die ungeheuren Anforderungen zum Ausdruck zu bringen, die unsere Zeit selbst im Vergleich zur Zeit Maimonides und Halcvys an das jüdische Volk stellt. Nach dem Zusammenbiuch jener jüdischen Welt, in der Maimoilkles und Halevy gelebt haben und ganz einfach von Jesus aus Nazareth sprechen konnten, ohne irgendwie die Sicherheit der jüdischen Existenz zu gefährden, hat das jüdische Volk sich hintereinander zwei Gehäuse geschaffen, mit deren Hilfe es sein Schicksal zu ertragen suchte: das Ghetto und die Assimilation. Aus dem einen Gehäuse nun stürmen die orthodoxen Rabbiner mit Meier Berlin hervor, der auch Zionist ist, aus dem anderen Klausner und Stephen Wise, Aber die Zeit für die beiden Gehäuse ist um; daher das Unerquickliche und Unfruchtbare des Streites. Die beiden genannten Uebergangsformen der jüdischen Existenz müssen vom Zionismus aufgelöst werden, aber nicht von dem Zionismus, der anläßlich dies« Jesusstreites in Gestalt eines ״Versöhnungskomitees“ auf den Plan getreten ist. Denn nicht um diplomatische Geschicklichkeit handelt es sich hier, da weder auf Seiten Stephen Wises ein bloßer ״Taktfehler“, noch auf Seiten der orthodoxen Rabbiner eine bloße ״Hetze“ vorliegt. Zwei unfruchtbare, weil abgetane Formen der jüdischen Volksexistenz streiten miteinander (und durchaus nicht nur in diesem Falle), und ) werden solange streiten, bis sie von einem Zionismus abgelöst werden, der nicht mehr Vcrsöhnungskomitees einsetzt, sondern das Fruchtbare, das einerseits dem Ghetto, anderseits der Assimilation zugrunde liegt, in die Welt der jiidischen Wirklichkeit hebt und dadurch zu einer innc r n Versöhnung, zu 'einer neuen Einheit bringt.“ _ ' % Koilerm der kaudiselieB Zionisten Montreal, 18. Januar (J. T. A.) Die 1m Beisein Soko 10ws abgehaltene Konferenz der kanadischen Zionisten wählte Herrn A. Freimann (Ottawa) zum Vorsitzenden der kanadischen Organisation. Die Teilnehmer der Konferenz spendeten 50 000 Dollar für den Keren Hajessod und nahmen eine Resolution an, in der die britische Mandatarmacht aufgefordert wird, den Juden in Palästina gemäß § 6 des Mandates Staatsländereien zu überlassen. Ferner wurde den kanadischen Juden die Bildung einer kanadischen Abteilung der Jewish Agency empfohlen. Zur Präsidentin der ״Hadassah“ wurde Mrs. Freimann gewählt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.