Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1926)
- Date
- 1926-01-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite II Deutsche Intellektuelle und Judenirage Von Gerhard Hold he im. Wie in diesem Blatte schon angezeigt wurde, ist vor kurzem ein Sonderheft des ״Juden“ erschienen, das sich durch Beiträge namhafter deutscher Künstler und Publizisten aus zeichnet und den Titel ״Antisemitismus und jüdisches Volkstum“ trägt. Ob diese Broschüre in ihrem Oesamteindruck befriedigt, soll hier nicht untersucht werden. Auch die nicht ganz fernliegende Bemerkung, daß vielleicht der eine oder der andere Aufsatz trotz des klangvollen Autornamens besser unveröffentlicht geblieben wäre, nicht etwa weil uns der Inhalt nicht zusagt, sondern weil keine intellektuelle, schritt- :.tellerische und sonstige Begabung darauf verzichten darf, eine Materie zu kennen, bevor sic hierüber Betrachtungen anstellt — auch diese bedenkliche Bemerkung sei kommentarlos angefügt. Nachfolgend sollen nur einige Gedanken expliziert werden, die sich bei der Lektüre bestimmter Beiträge aufdrängten. Was in den Aufsätzen von Oskar A. H. Schmitz, Wolfgang Scltuma 11 n und Wilhelm Michel auffäflt, ist zunächst die affektbeladene Judengegnerschaft. Den Eingeweihten wird es gewiß nicht wunder nehmen, daß auch in Kreisen Antisemitismus herrscht, die völlig abseits und sogar in scharfem Kampf zu dem sattsam bekannten Radaubrüdertum stehen. Wir waren stets von der naiven Annahme weit entfernt, daß sich in ihrer Haltung zu den Juden die nichtjüdische Welt in Engel und Teufel scheidet. Zu den Grunddementen des Zionismus gehörte die Erkenntnis, daß die sögenannten Philosemiten in Wahrheit gar keine Judenfreunde sind und sie nur die politische und rechtliche Degradierung einer im Staate lebenden Gemeinschaft als mit den Grundsätzen der Demokratie und der Idee des Rechtsstaats unvereinbar ablehnen. Worauf es uns immer ankam, war ־weniger Sympathie als Verständnis für unsere Eigenart zu finden. Nicht so sehr an Liebe war uns gelegen als an einer vorurteilslosen Betrachtung unserer Situation und der Erkenntnis der gesamtjüdischen Problematik, Wenn eine unserer Forderungen die uneingeschränkte und wahrhafte Gleichberechtigung anstrebte, so war in diesem Verlangen niemals der Verzicht auf irgendwelche nationale Auswirkungsmöglichkeit einbegriffen. Unserer Theorie erschien es als selbstverständliche Pflicht jedes Staates, loyale Bürger, ganz gleich welcher Nationalität oder Konfession, in der Statuierung von Rechten und Verbindlichkeiten einheitlich zu behandeln. Und indem wir unsere Probleme und Konflikte in allem Freimut und vor aller Oeffentlichkeit behandelten, glaubten wir immer wachsendes Verständnis für die Singularität der jüdischen Galuthsituntion bei den anderen zu finden. Von diesem Verständnis ist ein großer Teil unserer Mitbürger scheinbar noch weit entfernt. Der Grund ist, daß die Voraussetzung jeder Erkenntnis, die Leidenschaftslosigkeit, noch in erschreckendem Maße fehlt. Wer es schon als einen ״welthistorischen Skandal“ ansieht, daß wir Juden überhaupt noch vorhanden sind (wie Wilhelm Michel), wer es als ״unerträglich“ empfindet, daß wir ״mit Zähigkeit Juden sein wollen“ (wie Herr Schumann), der müßte sich als befangen ablehnen, wenn es gilt, über das Judenproblem zu Gericht zu sitzen. Doch es handelt sich ja nicht uih die!‘‘cfeszelnäi 'Seirtffetfeler, die־ ׳sich''"Mef produziert ,haben.׳ Bedeutungsvoll ist für uns nur der Erfahnmgsbeweis, daß auch bei den hochstehendsten und von bestem Willen beseelten Deutschen eine Abneigung zu spüren ist, die gerade deshalb so verletzt, weil der Dolus der Beleidigung hier gewiß ausgeschlossen ist. Das zweite, was nicht nur unser Gefühl verletzt, sondern schwere Bedenken bei uns hervorrufen muß, ist das Zukunftsbikl, das diese Herren erträumen. Lösungsvorschlag und Forderung lautet klipp und klar auf Assimilation bis zur Selbstvernidituiig. Teils wird offen die Taufe empfohlen (Schmitz), teils das Festhalten am Judentum inkriminiert und als nicht vereinbar mit der Forderung auf Gleichberechtigung bezeichnet (Schumann). Seite für Seite wird angefüllt, um das den Juden zuerkannte Todesurteil zu begründen. Sind I diese Herren denn jeder Hemmung frei? Fühlen sie nicht, I wenn schon nicht die Utopie, so doch wenigstens die Schmach, I die ihr Dekret bedeutet? Schumann scheint es an einer Stelle I zu fühlen; er ist sich, wie er schreibt, ״des beinahe tragischer! I Zuges bewußt, der über Menschen kommt, welche solche I Forderungen allmählich erfüllen“. Aber er begreift nicht, 1 Ein bemerkenswerte Rede von Schalom Asch Am 14. Dezember wurde dem wieder in New York weilenden Schalom Asch ein großer Festabend gegeben. Aus vielen Anlässen: Erstens weil er Gast war, zweitens, weil sein neues Theaterstück ״Die Perlenschnur“ vom Jiidisehen Kunsttheater aufgeführt wurde und drittens — hauptsächlich — weil vor kurzem das 25 jährige Jubiläum seines dichterischen Wirkens gefeiert wurde. Nun muß man wissen, daß man sieh in New York ganz besonders darauf versteht, Jubiläumsfeste, wie auch Beerdigungen jüdischer Schriftsteller, auf wirkungsvollste Art zu begehen. Besonders Beerdigungen. Es erschien Massen, schwungvolle Reden werden gehalten, man weint und klagt. Ein allseits stehender Aensch, ein Fremder, wird den Eindruck gewinnen, daß Tir das literarischste Volk der Welt sind. Er wird schwer glauben, daß dies alles in krassem Widerspruch steht zu dem wahren Verhältnis zur Literatur, Kunst und zu den Schriftstellern. Die Einsamkeit des jüdisciien Schriftstellers, besonders in New York, hat nicht seinesgleichen, aber zum Jubiläum kommen sie alle, alle, die keine Bücher kaufen, die das geistige Wort hassen. Und stirbt er, der Schriftsteller, dann ist es nicht so wie anderswo, wo dem Sarge eine kleine Schar Freunde und Verehrer nachgehen. Heine begleiteten nur dreizehn, für Oskar Wilde reichte es nicht bis zu einem Dutzend und zu Stendhals Begräbnis waren nur drei an der Zahl. Aber in New York erscheinen Riesenmassen. Der Dichter Morris Rosenfeld, der erste Dichter der Emigration, der erste Arbeiterdichter, der erste, der das New Yorker jüdische Ghetto besungen hat, lebte die letzten Jahre in völliger Vergessenheit, in elendster Einsamkeit. Halb Wind irrte er in den Straßen herum und seine Seele war von Bitternis und Haß erfüllt. Als man aber den von Pein Erlösten zum Friedhof trug, waren sie wieder da, die Massen, und Zeitungen, die seine Gedichte nicht drucken wollten, jammerten und klagten. Der Hohn, der Spott, die in diesem Widerspruch liegen, h.imcn Schalom Asch auf einmal zum Bewußtsein und er hielt eine Rede, die wahrscheinlich noch nirgendwo in daß der Versuch der Beihilfe zu der von ihm geforderten Exekution nichts mit Tragik zu tun hat, sondern nur ab* stoßend Ist. Die ״geschichtlich volks-ethische Erwägung“, die Schumann für die von ihm geforderte Ausrottung des Judentums bestimmend sein lassen will, führt unserer Ueberzeugung nach zum strikten Gegenteil: zur vorbehaltlosen und freudigen Bejahung unserer nationalen Art, die nicht nur berechtigt und vor sich selbst verpflichtet, sondern es auch wert ist, im Leben der Völker ihren Platz zu behaupten. Man müßte meinen, daß Auffassungen, wie sie von den uns beschäftigenden Autoren vertreten worden sind, selbstverständlich auch die Ablehnung des Zionismus einschließen. Dem ist sonderbarerweise nicht so. Schumann nennt ihn ״einen historischen Akt der Selbstrettung des jüdischen Volkes, das sich . . . ganz ungeachtet zeitlicher Konflikte, behaupten, konsolidieren und organisch ein wurzeln will“, — wenngleich er an einen Erfolg der Bewegung im Sinne einer Lösung der Konfliksverhältnisse in den jeweiligen Wohnländern nicht recht glauben will. Seine gesamten Vorschläge beziehen sich, wie er ausdrücklich betont, allein auf das n i c h t zionistische Judentum. Während jedoch Schmitz mit ״diesem echtesten und lebendigsten Judentum", wie cs sich im Zionismus verkörperte, ein ungetrübtes Zusammenleben für erreichbar und garantiert hält und die sich dem Wirtsvolke als Staatsbürger verpflichtenden Zionisten wie jede anderen naturalisierten Ausländer behaudelt sehen will, die trotz ihrer Staatsangehörigkeit ihrer Herkunft sich verbunden fühlen, läßt Schumann diese Frage unbeantwortet. Dem aufmerksamen Leser jedoch will es scheinen, als ob der Autor bei aller Sympathie dem Zionismus eine wahre und innerliche Gleichberechtigung nicht zugestehen will. Ist dies aber der Fall, dann erklären wir hier unseren entschiedensten Einspruch. Wir sind schon mit einer Auslegung keineswegs einverstanden, die das nicht/.ionistische Judentum in Bausch 11ml Bogen zur Entselbstung verurteilt und bereits den heimlichen Willen dieser ״deutsch-maskierten Juden“ zum Judentum als unerträglich empfindet. Denn abgesehen von der Unmöglichkeit einer durch Willensprozcß zu erreichenden Amalgamierung denkt der weitaus größte Teil des deutschen Judentums gar nicht daran, seine Besonderheiten aufzugeben. Weit über das zionistische Lager hinaus hat der Palästinagedanke das deutsche Judentum ergriffen, und zahllose Juden, die sich unlöslich in Deutschland verwurzelt fühlen, würden eine Theorie ablehnen, die ihnen das Recht der freien Selbstbestimmung raubte und ihr Jude-Sein-Wollen jiis unvereinbar mit ihrem Deutschtum erklärte! Wir Zionisten sind nicht beschränkt genug, tun diese Nichtzionisien wie hoffnungslose Patienten anzusehen. Viel zu stark lebt auch in jenen das von den Vätern ererbte jüdische Solidargefi'ihl und die Freude am eigenen Wesen. Protestieren wir somit bezüglich der anderen Juden gegen die (noch dazu mit volksethischen Erwägungen begründeten) Assimilationszumutungen, so ist die uns Zionisten selbst anscheinend zugedachte Rolle im Staatsleben ebenfalls weder mit unserer Würde noch mit unserem Willen vereinbar. Ob und inwieweit wir im deutschen Leben Abstinenz üben werden, ist eine Frage, die nur wir selbst und auch unter uns sehr verschieden beantworten, die wir aber keineswegs von außen uns i!1 einer bestimmten Richtung oktroyieren lassen wurden. Indem wir alle Pflichten des Staatsbürgers loyal erfüllen, verlangen wir uneingeschränkt die gleichen Rechte und Freiheiten, die jeder Deutsche ge« nießt bzw. nach der Verfassung genießen sollte. Dadurch daß wir uns durch unsere Abstammung von den anderen abheben, daß wir unsere nationalen Eigentümlichkeiten bewahren und den großen beglückenden Zusammenhang mit dem Weltjudentum und vor allem mit Erez Israel leben und verkünden sind wir nicht um einen Deut niederen Rechts da, wo nur die Erfüllung des objektiven Tatbestandes gilt, der vollendeten Pflichterfüllung und Einordnung in die Staatsnotwendigkeiten. Moralisch und psychologisch unvertretbar wäre die Ableitung einer sozusagen stillschweigenden Abstincn/verpflichtung aus der Tatsache unseres Zionismus. Denn wir sind lebendige Menschen, die sich nicht einzwängen lassen, die vielmehr dem natürlichen Drange unterworfen sind, sich da, wo sie leben, aus/uwirken und die umgebende Welt zu beeindrucken. Was das Politische anbelangt, die Frage etwaiger Posten in der Diplomatie oder der höheren Verwaltung, so wird und muß die Entscheidung dem Willen, der Neigung und dem Geschmack des Einzelnen überlassen bleiben; einem generellen freiwilligen Verzicht wird kein ernsthafter, wirklichkeitsbewußter Mensch das Wort reden können. Was aber die Sphäre des geistigen Lebens betrifft, so hat Arnold Zweig in seinem ״Juden“'-Aufsatz hierzu so wundervolle Sätze geprägt, daß es genügen kann, darauf Bezug zu nehmet! und deren Lektüre anzuregen. Was folgt für uns aus Aufsätzen der hier beschriebenen Art? Welche Lehren ziehen wir aus der Tatsache, daß beste Köpfe und freieste Geister das Judenproblem noch so wenig begreifen und so verworrene und von wahrer Erkenntnis unbelastete Gedanken zu produzieren sich nicht gehindert fühlen? In erster Reihe und in der Hauptsache sollte uns hierdurch zum Bewußtsein kommen, wie sehr wir es bisher noch verabsäumt haben, die deutsche Infellektuellenschichi über uns aufzuklären. Allzu ausschließlich nahmen wir zum Objekt unserer Propaganda die jüdische Welt, die uns feindlieh oder indifferent gegenüberstand. Und wenn wir schon hin und wieder um Nichtjuden uns bemühten, so gehörte der Diskussionsgegner fast immer zur engeren Zunft der hohen Politik. Das muß anders werden. Wir müssen begreifen lernen, daß cs zu den vornehmsten tind notwendigsten Aufgaben des Zionismus gehört, die Schicht der Gebildeten zu erfassen. Es genügt nicht, daß äußere Tatsachen gewußt werden und der Zionist als ״wünschenswerter Jude“ tituliert wird. Auch die historischen und soziologischen Determinationen, die Verzweigungen und Verkettungen, kurz die Hintergründe des Problems, sollten und müßten von denen erkannt werden, die das öffentliche Gewissen der deutschen Nation repräsentieren. Für solche Propaganda gilt nicht das laute Wort und nicht die flüchtige Schrift. Auch in der Methodik muß sie sich unterscheiden von der Aufklärungsarbeit unter Juden, welch letztere eine Wiedererweckung־ erreichen soll. Eingeschlossen liegt - das ist klar — der Kampf mit dem Vorurteil. Erst Abdrängung übernommener Vorstellungen vermag den Schleier zu lüften und die Aussicht freizumachen für die Phänomene unserer Geschichte und unserer Wirklichkeit. Ob instinktähnliche Vorurteile mit Erfolg zu bekämpfen sind? Die Frage muß offen bleiben. Von jeher aber war es unser Glaube, daß Antisemitismus nur zu besiegen ist durch rückhaltloses Rekcnnen zu eigener Art und jener neuen Form von jüdischer Würde, zu der die Idee unserer Wiedergeburt ihre besten Menschen emporliebt. Der bekehrte He*ry Morgeatha■ Jerusalem, 3. Januar. (J. T. A.) Der jetzt in Palästina weilende Mr. Henry Morgenthau sprach gegenüber dem Vertreter der JTA. mit großer Begeisterung über das, was er jetzt in Palästina gesehen hat. Seit meinem letzten Besuch in diesem Lande, sagte Morgenthau, sind erstaunliche Fortschritte gemacht worden. Ich bin entschlossen, der Frage des Aufbaus Palästinas meine Aufmerksamkeit zu widmen. Ich empfehle folgendes: Ein Komitee aus fünf K a 11 f 1 e u t e 11, die Autoritäten in ihrer Branche sind, sowie eine Anzahl Sachverständiger, sollen zwei oder drei Monate in Palästina herumreisen und die Bedingungen <fbs Landes in einer erschöpfenden Weise einer Prüfung unterziehen. Das Ergebnis dieser Untersuchung soll dann der Welt bekannt gegeben werden. Ich glaube, die Welt weiß noch viel zu wenig von dem, was in Pa• lästina vollbracht wird und was noch hier zu tun möglich ist. * tiie Orgaiisati•■ vm \iehtjnde■ tftr Palistina Washington, 1. Jan. (J.T. A.) Auf Einladung des Landwirtschafts-Experten der Vereinigten Staaten, Professor Fhvood M e a <1, der vor kurzem aus Palästina zurückgekehrt ist, hielt Mr. Ernanuel Neumann in der ״Gesellschaft für neue Wirtschaftskultur“ eine Ansprache über die Probleme des Aufbaues Palästinas. Der Versammlung, die im Gebäude des Staatsdepartements des Innern abgehalteu wurde, wohnten die führenden Autoritäten in Landwirtschaft und Eisenbahnwesen, die Präsidenten der Handelskammern, sowie führende Kaufleute aus verschiedenen Zentren der Vereinigten Staaten bei. Herr Neumann schilderte eingehend die Fortschritte im Palästina-Aufbau, das System der Lfrbarmachung und der Seuchenbekämpfung in diesem Lande und schlug vor, eine Organisation aus Nichtjuden zu gründen, die den Aufbau Palästinas als jüdisches Nationalheim moralisch und materiell fördern soll. Seine Ausführungen fanden warme Zustimmung unter den anwesenden Wirtscnaftsführcrn. der Welt bei solchen Anlässen gehalten wurde. Eine ergreifende Rede. Er schleuderte in die ihm zujubelnde Ver- Sammlung Worte des Zorns. Der populäre und verdienstvolle Dichter rechnete ab im Namen des verwaisten jüdischen Wortes, im Namen des mißhandelten Geistes, im Namen aller jüdischen Dichter und Schriftsteller, die sich nicht erniedrigen wollten, um journalistische Knechte zu werden. Er schilderte, wie bei anderen Völkern die Dichter behandelt werden. Als Polen seine alten königlichen Schlösser wiederbekam, wen ließ es dort einziehen? Seine gefeierten Schriftsteller, den Zeromsky, den Reymont. ,,Scholen־! Aleichem“, sagte er, ״ist nur deshalb so früh gestorben, weil er unter Euch zu leben gezwungen war. Er erfror durch Eure Kälte; er wurde gepeinigt unter Euch durch schwere Arbeit, er wurde zu einer Maschine verwandelt, die so und so viel Arbeit liefern muß. Es lebt unter Euch jetzt ein jüdischer Dichter, einer von den besten, die wir haben: Mani Leib. Aber was habt Ihr aus ihm gemacht! Was ist aus ihm geworden! Ihr habt ihn in eine Werkstatt geschickt, um für Euch Schuhe zu arbeiten,“ Asch sprach auch von sich selbst. Er wäre längst untergegangen, hätte er warten müssen, bis der jüdische Leser seine Bücher kaufen würde. Seine Unterstützung war der New Yorker ״Vorwärts“, der ihm gegenüber tolerant war und der ihn frei schaffen ließ. Und dann schrie Asch in die Versammlung: ״Aber Ihr, wozu braucht Ihr mich, wozu brauch’ ich Euch? Ich bin glücklich, daß ich von hier weggehe, weil das jüdische Wort hier untergeht. Ihr seid hier reich geworden, aber Eure Herzen wurden hart. Ich werde nach Europa zurückfahren, nach Polen. Don .-ind die jüdischen Massen jüdisch. Dort lieben sie noch das jüdische Wort. Ich brauche Euch nicht, ich danke Euch, ich fahre zurück nach Europa.“ Und nun, da der Stein ins Rollen gekommen ist, spricht einer der Hauptführer des ״Vorwärts“, Herr Wladek (der Bruder des bekannten jüdischen Kritikers Sch. Niger), auch In diesem Sinne. Er geißelte, er schilderte, wie das einzige jüdische Theater, das die Kunst etwas ernst nimmt, immer leer ist. ״Die Juden“, sagte dieser ״Vorwärts״-Mann, und begabte Redner, ״haben eine Stadt gebaut, größer als Pitom und Ramses, aber für ihre Seele haben sie kein Haus. Der Berg des jüdischen Goldes ist zum Grab des jüdischen Geistes geworden.“ Ja, der ״Vorwärts“-Ma1m sprach so, und hier nämlich liegt die traurige Inkonsequenz, die wieder wie ein Hohn amnutet und die auch der Dichter Schalom Asch nicht bemerkt hatte. Denn wer hat noch so viel Schuld an diesem geistigen Zustand der jüdischen amerikanischen Massen wie der ״Vorwärts“, der im Laufe von 30 Jahren ihr Haupterzielter war? Wer hat den Massen das Gift des Schundes beigebrach!, wenn nicht der ,,Vorwärts“? Es mag schon zutreffen, daß diese größte Zeitung Amerikas Asch und manch anderen jüdischen Belletristen gegenüber eine Toleranz und Noblesse zeigt, aber wie groß sind andererseits die Sünden dieser Miilionenzeitung, die den Leser nur an das Vulgäre und billig Sensationelle gewöhnt hat? Asch dankte dem ״Vorwärts“ für das Gute, das er ihm getan hat, aber er weiß wahrscheinlich nichts von der trefflichen Bemerkung des großen Menschenkenners L.arochefoucatild: ״Oft tut man Gutes, u!11 ungestört Böses tun zu können!“ Aus dem Jubiläumsabend ist ,ein Jom Kippurabend geworden. Man trug die Hoffnung zu Grabe, daß aus dem jüdisciien Amerika eine Stätte jüdischer Kultur werden würde und nicht nur eine philanthropische Quelle für den verarmten Bruder diesseits des Ozeans. Die Versammelten waren ergriffen, seufzten natürlich, aber Bücher werden sie doch nicht kaufen. Mani Leib wird Schuhe verfertigen müssen und das einzige Jüdische Theater auf dem Broadway, das etwas mit Kunst zu tun hat, wird immer kein Publikum haben, obwohl die jüdische Bevölkerung von New York fast zwei Millionen zählt. Die Rede Aschs wird starken Widerhall i!1 der jüdischen Welt finden. Er hat ein offenes Wort gesprochen, er hat aus der Seele Vieler gesprochen. Diejenigen von den jüdischen Schriftstellern, die stumm dieses Leid tragen, werden ihm dafür danken. . Sch. Gorclik