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Jüdische Rundschau · 1924-12-19 · Heft 101 (19.12.1924) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIX (1924)
Issue
Heft 101 (19.12.1924)
Date
1924-12-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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% Seite נ3ד fUUt>15C21l! '.J UND SCH AU Nr.!01 diese Durchdringung ein solcher Widerstand geleistet werde״ wie bei den Juden; nirgendwo aber, soweit wir vte.v.n, weiden derartige Forderungen an er» {•;erteilt Immer wieder spüren die Führer den Wider5,tar d. sind ei״: ,׳-,in und ver- •zweifelt, und lassen doch niefit 3b, kompromißlos die Förderung;itifriistcllcu. Und im jahrlr.iudcrldangen Kampf gelingt cs, das Volk zur Aufsidinalimc des schweren Joches dieser Forderungen zu bewegen. Unter Moses murrt das Volk beständig und die Zeit, der Propheten »st angefülit mit einem in der Geschichte der Politik einzigartigen Kampfe: I.itit der einen Seite sind die Könige und ihre Ratgeber, die nichts walle.11, als einen Staat, wie alle andern •Staaten sind* mächtig imcl gedeihlich, mit Reichen und mit Armen, mit. herrschende« Klassen und beherrschten Massen, mit Handel tmd Grundbesitz, Werk menschlicher Triebe und Jncnsdilieher Unzulänglichkeit, edel und tapfer, gieilg und verlogen, nicht besser, »nicht schlechter .11s alle aridem Staaten der Erde. Und in den langen Jahren, wo cs Frieden nach siegreich»•« Kriegen gibt und Blute des Handels und reichliche Frucht des Bodens, loht das Volk zufrieden in Wohlsland und Glück. Schicksabschi.äge spornen den nationalen Willen nur an, wiederum nach einer Periode des Sieges und der Fülle zu streben. Unter den Königen sind oft weise, mächtige Fürsten, und oft findet sich auch das Gegenteil. Die •Mannen verteidigen mit einer von den Feinden gepriesenen Tapferkeit den heimatlichen Boden. Im Lande herrscht Ruhe, , Ordnung und Luxus. Die weltlichen Künste beginnen zu blühen. Und da, oft in sorglosen Festesjubei hinein und oft mitten in verzweifelter Gebrochenheit, ertönt die Stimme der Männer, die uns als Propheten überliefert sinJ, und verwirft diesen Staat, weil er ein Staat ist wie alle anderen Staaten. In unerhörten Paradoxien lehren sie das Gegenteil »!essen, was das Volk glaubt. Sie stellen menschlichem Trieb den Willen Gottes entgegen, ihnen gilt der Mensch und nicht die soziale Ordnung, in die er hineingestellt ist. Sic zerstören den Staat, der immer? etwas Relatives ist, Notlächelt im Ausgleich menschlicher Triebe, indem sic ihn am Abr.cluten messen. Sic stehen wider das Volk, seinen Staat, seine Könige tmd Mächtigen. Aber sic konnten cs nur, weil ihre Worte doch irgendwo ein Echo im Volk landen, weil sie zu ihrem Volke sprachen, in dein unbewußt jene Tendenzen selihiniinern, die in den genialen Führcrpersönlichkciien verdichtet, überstark, bewußt zum Durchbruch kommen. Und das Volk beugt sich. F.:1 nimmt die Schwere auf sich. Es tritt ans dem Bezirk der gewöhnlichen Politik heraus, cs wird anders denn alle andern Völker. Es erkauft sein ewiges I eben, während die anderen rings um cs untergeben, um eine:׳, Preis», der es oft furchtbar drücken wird. Es wird sich immer wieder dagegen empören. Aber die Worte der Pro- I p.hclen haben in dunkle und verschüttete Quellen im Blute; ihrer Hörer gegraben, lind das Volk hat jene, denen es einst zugrjubclt hat und die cs nichts gelehrt haben, als was die IFührer aller anderen Völker lehren, die klugen und edlen Berater des Thrones, Lügenpropheten genannt. Und hat die bitteren Gcißclschlngc gegen seine Könige und Helden tmd gegen seine eigenen natürlichen Triebe nach Macht tmd Reichtum in Ehrfurcht bewahrt. Der Kampf war durch die Propheten entschieden, aber er war nicht erloschen. Er wiederholte sich unter den Makkabäern tmd in dem Streite der Pharisäer und Sadduzäer. Er ist heute noch nicht verklungen. Aber seit dtr Kampf zum ersten Male aiisgctragcn wurde, ist die Hauptrichtung des Judentums bestimmt. Ernst Trocltsch hat von der jüdisch-prophetischen politischen Idee gesagt; ״Es ist das Gegenteil hrllenischcr und römischer Ethik u!!d Gesetzgebung, die von der Polis ausgehen und beim Imperittiu enden.״ Die jüdische geht vom;Menschen aus und endet bei Gott. Sie ist dynamisch, nicht der räumlichen Ausbreitung nach, sondern der zeitlichen Höherentwicklung. Der Jude wurzelt nicht in der Gegebenheit, sonder» im Ziele, in dem Willen der Richtung in ihm. Der Gestaltung der wahren Gemeinschaft gilt ali sein Streben, in diesem Sinne ist er Politiker kat cxochcm. Aber seine Politik ist ein Bruch mit dem, was man allgemein unter diesem Worte versteht. 11 CCS־ ÄltS JVan Hugo Bergmann .(Jena-Jan). L lTr..־.ere ArI־»eitorI>evf.*,־p:;1g In Pnl.T'.ilra hat keine reiche Literatur geschaffen. Eine Bewegung, die, mögen wir an ihren Erfolg glaube« oder nicht, jedenfalls mit ernstem, opferbereitem Willen ein ganz großes Ziel verfolgt! die Stlialfiinjf einer neuen Gesellschaftsordnung durch aufbauende' Arbeit — hat ihren Tatar fast noch gar keine Worte gegeben. Die Kwuzah entstammt eben keinem Programm. Von der kooperativen Bewegung in der Welt konnte sie wenig lernen, und sie selbst war und ist zu sehr im Stadium des Versuches, als da ß sie ändert! Wege weisen könnte. Ke Kwuzah ent• stand zunächst als Milfcl zum Zweck: als Okfcupalioiisgruppe, die neu zu besetzendes Ei ml in Arbeit nahm. Als die indischen Arbeiter Lus Land kamen, fanden sie keine Möglichkeif, Wurzel zu fassen. Die Konkurrenz mit den billigen arabischen Arbeiter;!, sei cs. als Taglöhner oder sei cs als Pächter, erwies sieb als unmöglich. Nur gemeinsame Hilfe, gemeinsamer. Lehen konnten die Schwierigkeiten überwinden. So ci.Ufamlcii ans der Not des Lebens heraus die erste Stcinmci/.kcmnuinc tu Jerusalem und die ,,Kollektiv" genannte Gruppe in Scdsdier.i, So entstand die erste Gruppe, die angesiedelt wurde: I> a g a!11• a. Mit der dauernden Anst.dlung der Groppen durch derf Natioimlfor.ds trat die ganze Bewegung in ein neues Stadium. Es tauchte die Frage auf, ob die Kwuzah als dauernde Ansiedluugsform Bestand haben werde. Einige der besten Arbeiter zweifelten daran und begannen die Idee des auf dom Privateigentum des einzelnen Siedlers aufgebauten Moschaw Owdin! zu propagieren. Im Emde wurden vor dreieinhalb Jahren die beiden ersten Moschawe Owdlut begründet Und seither hat sich di׳e Zahl der Moschawim vermehrt, einzelne Kwuzoih haben sich in Moschawim verwandelt. De Kwuzah batte das wahrscheinlich nicht unberechtigte Gefühl, daß die zionistische Kolonisation zu den Moschawim mehr Zutrauen bat als zu den Kwuzoih und die Belastung unserer Kolonisation mit der Suche nach netten Lebensformen nicht gerne sieht. So wurde die Kwuzah in die Verteidigungsstellung gedrängt Im Laute des letzten Jahres kamen die Vertreter der Kwuzoth mehrmals zusammen, um über die neugeschaffene Lage zu beraten. Diesen Beratungen entsprang ein Buch, »las nunmehr durch die KuIn!rkou1mU־i0!! der Arbeiterschaft hcrausgcgchcn worden ist (.,Mokwuzali", Tel-Aviv S6S5, Verlag der Waadath Hatariuith, 171 Seiten), Wer Material gegen die Kvtizoth sucht, wird es ln diesem Buche auf jeder Seite finden. Mit fast naiver Offenheit und UubcKümmerllici't diskutieren hier die Anhänger der Kwuzah ihre L:;;1crn Probleme. Für alle diejenigen, welche die Kvvuznh studieren tmd einmal Gelegenheit haben wollen — eine Gelegenheit, die kein Tourist hat —, das Leben de» jüdischen Arbeiters von innen kennen zu lernen, ist diese» Buch eine fast unerschöpfliche Fundgrube. II. Einige Probleme seien herausgegriffen, um dem Leser zu zeige«, welche Fragen das innere Leben der jüdischen Arbeiter in Palästina beschäftigen. Die wirtschaftlichen Fragen — der Rentabilität, der ArbciEausbiltlung usw. — nehmen in »lern Fliehe keinen breiten kaum ein, da cs vor allem die inneren Probleme den gerneinsamen Lebe!׳■!׳, disku'.ic;«!! will ttud mit Recht von der Voraussetzung ausgeht, daß das Gdingen der Kwuzah Ict/.icn Endes von der Losung der inner» Probleme abhangt. Immerhin enthalt der Baud eine neue und verläßliche Statistik der Kwuzoth, aus der Itervor,gellt, daß heute 32 Gmppc.11 mit einer Seelen zahl von 1590 (darunter 14M Arbeitende, 100 Kinder) eine BodenfHehe von 49280 Dunam bearbeiten. 1021 warn! es bloß •103 Arbeiter und die Bodenfläche betrug 13 615 Din,1m. Man sieht den Fortschritt unserer Koioiiisatbnst.1tiglccit in den letzten drei Jahren. Von 32 Kwuzoth sind 18 in diesen drei Jahren entstanden. 34 organisierlc Giupprn warten auf den Augenblick, wo Keren Kajemclh und Kern! Hajessod Urnen di: Ansiedlung ermügiidicn werden. Einzelne Gruppen, insbesondere Dapaniali, haben für das Buch ihre Geschichte bcigcsicucrt, Wir er- TT1 . 11 ,»11.1,1 ^■11.1.1^,11]■ fahren «iaruas, daß auf dem Boden von DaganLah, welcher 1*510 12 Arteiter ernährte, beule 100 Arbeiter in zwei Gruppen leben. Datei stoßen wir gleich auf ein merkwürdiges Pliäromc«. das viele Beiträge dieses Buches beschäftigt: die Fluktuation. In DaganLah, wo heute •13 Arbeiter siedeln, haben im Laufe van 13 Jahren 363 Arbeiter gearbeitet, die nicht tu Daganiah verblieben sind. Von diesen gingen 105 in andere Kwuzoth, *50 in die Städte, 63 in die Moschawe Owdlm, 26 sind gestorben, 23 baten 41s Land verlassen. Die Ursachen dieser Fluktuation sind mancherlei: das schwere Leben ki den Kwuzoth, persönliche Verhältnisse zu den Ge- 1rcw«1, aber wold »ucl! die psychische Verfassung der Imml• granlon, die. besonder.; '1:1 früheren Jahren, mehr auf Kampf, Erleben und Abenteuer als auf das eintönige ״Ziehen im Jccii" gestimmt sind. Man darf nicht vergessen, daß viele von ihnen aus der russischen Revolution kamen. Die Frage: Wie sichert man die Verantwortlichkeit de» Einzelnen, wie seine Beständigkeit, wie ersetzt man das Motiv des individuellen ErwerEstriche«, welchen die alte Gesellschaft beherrscht, durch soziale Motive? beschäftigt eine ganze Reihe von Mitarbeitern des Buches. In einer gewissen Welse befreit ja d»e Kwuzah ihren Genossen von der Geldsorge. Die Last und Verantwortung für die Rentabilität der Kwuzah ruht schlief,lieh auf Einzelnen, die unfreiwillig verantwortliehe Führer sind. Die Frage ist: Wird diese Befreiung von der Grldsorgc eine Atrophie der Energie licrbeiführcn oder im Gegenteil die f re!gemachten Kräfte nun uni so mehr der Arbeit Zufuhren? Natürlich werden sich sofort ’Menschen finden, welche deswegen den Moschaw über di« Kwuzah stellen, weil er den Egoismus a’s Haupttriebkraft verwendet — den Egoismus der Familie. Man vergesse ater nicht, daß auch die alten Kolon im auf dieses Prinzip gestellt waren. Die Folge war Verwendung billiger arabischer Arbeiter an Stelle der jüdischen. Die Kolonien schlossen sich gegen den Zustrom der Einwanderung. Der Moschaw Owe!im Steht wohl auf dem Prinzip der Selhstarbcit. Aber wes■ bürgt dafür, daß dieses Prinzip sich auch in der nächsten Gene» ratfon halten wird? Nur hoher Idealismus wird den einzelnen Siedler davon abhalten, seine ohnehin schwierige ökonomische Lage durch Ausbeutung billiger Arbeiter zu erleichtern. Wird der Einzelne slark genug sein, der Versuchung zu widerstehen? Auch der Moschaw ist also ein Experiment. In der Kwuzah stützt der eine den andern moralisch, die öffentliche Meinung hat einen größeren Einfluß auf eine einzelne Familie. Die Stetigkeit der Siedler bat sich übrigen* in den letzten Jahren bedeutend gebessert. Es wird jetzt der Versuch ge• macht, die einzelnen Genossen vertraglich zu binden und •ie auch persönlich nach dem Verlassen der Kwuzah haftbar zu machen. Das Buch enthält die Entwürfe solcher Verträge und auch den Vertrag, weichen die Kwuzah Gan Schmuei mit den! Keren Kajemeth abgeschlossen hat und welcher richtunggebend für die andern Oruppen »ein wird, (Ein zweiter Artikel folgt.) Eine hrbr3fsche Tageszeitung fn Polen. Eine neue hebräische Tageszeitung unter dem Titel ״Hayom“ wird in Warschau zu Neujahr zu erscheinen beginnen. Chef* rcdaktcur wird Herr Josef Heitmann, Herausgeberin die hebräische Kulturorganisation in Polen ״Tarbuth“ «ein. Gegenwärtig erscheint außerhalb Palästinas keine hebräische Tageszeitung. Dia Jüdische Gemeinde ßr»»lau renoviart das Grab Lassalle.*. Wie aus Breslau gemeldet wird, hat die dortige Synagogengemeinde beschlossen, aus Anlaß des auf den 11. Anril 1923 fallenden 100. Geburtstages Ferdinand tassalles das Grab des Arbeiterführers auf dem Breslauer jüdischen Friedhof auf eigene Kosten in Stand zu setzen. Ein jüdischer Vorläufer Dr. Ffettners. Der Erfinder des Rotor-Schiffes, Dr. Flcttncr, hat fn seinen ln wissenschaftiiclicn Kreisen gehaltenen Vorfragen darauf hingewiesCii, daß er seine Erfindung auf Entdeckungen auf gebaut hat, die Physiker Dr. Heinrich Magnus vor vielen Jahrzehnten gemacht hat. Dr. Magnus war Jude und im Jahre 1815 zum Professor der Physik und Technik an der Uni• versität zu Berlin ernannt worden. Er starb 1870. IBGcIterpa!«:! Ms wollten wir für jüdische Freu,!de i!1 der Einsamkeit Euer langen Schiffsrcisc Stoff zum Lesen und Durchdenken z1»sam!ne1ttrn״en, greifen wir aus einen Haufen von Büchern, der Produktion emsigen F.iiciicrsciircibens und -madiens in deutscher Sprache und aus deutschen geistigen Zusammenhängen, fast willkürlich einige li.-rr.:!dh für die Menschen unserer Art von Interesse sein könnte!!; Bücher, die entweder jüdwehes Wesen übermitteln, von Juten geschrieben wurden, oder auch nur ihres allgemeinen Gehaltes wegen auch für uns nüt/.iiäi und heilsam zu lesen sind. So nehmen wir zu guten! Anfang Martin B ubers neue letzte Sammlung cha-sidischcr Geschichten ״Das verborgene Licht“ (Ructlcn •& Lociiin;;). Verdichtet bis zum Epigramm spricht sich liier der Geist des späten Chassidismus in Gestalten aus — Ge- Staltcn von einer religiösen Durchtränktheit und Vergeistider Europa in den letzten Jahrhunderten nichts auch |31ur annähernd Vergleichbares gcgcuübcrzusteÜen hat Um )Euber Ist cs still geworden, das ist sehr gut. Einige Schlußsätzc seiner Einleitung beweisen, daß seine chassiui.rdicn Geschichten, vom Panischem über den Rabbi Nachman zun! Großen Maggid und jetzt zu diesem Verborgenen Lidit, diese I ialtepunkfc auf geistigem Wege des modernen Judentums, ihre Arbeit an Bub er mit der langsamen, tiefen Folgerichtig• f•Ht ganz lebendiger Dinge verrichten. Denn er weiß’hoffen!- lieh jetzt, wozu rhn seine Bücher verpflichten, oder er ahnt es; er ist die einzige Hoffnung, die wir jenem Kurs ira Judentum cntgcgamisctzen haben, der hier als die ״rückläufige Bewegung“ gekennzeichnet worden rat Von der Arbeit in der Er:ge und in der Seele zum Ausblick über Veiten und europäisches Gcistcsfdd: van Georg Dra »des sind nach seinem zweibändigen ״Voltaire“ jetzt aucli die dreibändigen Hauptströmungen der ^Literatur des 19. Jahrhunderts erschienen. (Erich Heiß Verla{;, Berlin.) Dieser dänische Jude gehört zu den letzten paar Europäern, die cs In der Literatur nach gibt. Seine Umfängliclikcit, die zärtliche Kimstlcrgcduld seiner Formung, das unerschöpfliche Detail bei großzügigster Anlage im ganzen und seine Verliebtheit in geistige Vergangenheiten und Ge-!•‘•allen machen, zusamt seinem Sinn für die Qualität der Igesdiildcrten Figuren, ihn zu einem Darsteller geistigen Lebens, iw« cs heute überhaupt keinen anderen gibt. Wir haben gelegentlicl! tiefere Einzel,annlyscn dichterischer Werke oder Mensche,׳! gefunden: im Breiten aber wird Brandes immer siegen, weil seine Bücher, überzeugend auf gebaut und durchsieht.״» in jedem Satz, ganze Epochen bis zur Gegenwärtigkeit lebendig machen. Eine große Gestalt der Gegenwart, eine ln gewissem Sinne repräsentativ geniale Gestalt des heutigen Judentum* wird dargcstellt von Fritz Wittels in seiner Biographie ״Sigmund Freud" (E. P. Tat & Go., Wien). Sigmund Freud! Er vereint die Genialität des Juden als Arzt mit der des Juden als Denker. Seit Nietzsche hat es keinen so ,,Unerschrockenen des Geistes" gegeben, und über Nietzsche hinaus ist Freud der einzige Mann, vielleicht seit Pascal, der der menschlichen Natur völlig unvoreingenommen gegenübergetreten ist. Freud ist ein Mensch, um den »Ich in schöpferischen Zeiten Mythen bilden würden, well er in Wahrheit zum I indes liinabgestiegcn ist und von da! Götter« der Unter» weit ein Gesd1e.uk für die Menschen’ mit hinaufgcteaclit hat, die Psychoanalyse. Warn man zugibt, und man muß es, daß dank der Barbarei Europas die Juden der psychisch gefährdelstc, verletzlichste und mißbrauchtcstc Teil der äugenbliddiehen Menschheit sind, so war ca ein Akt der Selbstentgift!!«״ des Judentums, daß unser Volk diesen Mann te den europäische« Geist hlncinstellte: ein genialer Zug nationaler Selbstrcfi!!!!״, wenn man ein Volk einmal als Individuum auffassen will. An dem Wiittels’schea Buche sollte kein Jude vorübergehen, dem es um die Erkenntnis jüdischer Möglichkeilen Emst ist; er. wird dann merken, daß die Furcht des bürgerlichen Elements in ihm vor Sigmund Freud die eines Oberflächen wesen* vor den Gewalten ist, über denen es mit gewollter und tragischer Blindheit 6«Ln Leben zimmert bis c* stürzt. Von Biographien der letzten Zeit schreiben, ohne einer wahren Freundestat und darüber hinaus eines wirklichen Oeschcnks für das Andenken eines großen Dichters zu gccfenken, ist unmöglich. Nämlich des bei $. Fischer, Berlin, er• schicnencn Oskar Wilde Buches (״Eine Lebcnstalchtc") von Frank Harris. Jeder, mich der durchschnittlichst Gebildete, kamt irgend etwas von Oskar Wilde. Jeder weiß, daß ein bezaubernder und tiefer Künstler ihm ״Salome" — welche wirklich nicht verschuldet hat, daß Strauß sie vertonte —, ״ Doria« Gray" u«| das Märchen ״vom Fischer und «einer Seele" geschenkt hat. Dann weiß man noch etwas von einem Skandal und einem skandalösen Zuchthausurteil — nicht skandalöser als das Fcchcnbadi-Urteil — u:1d damit und mit Phrasen von Arüsfentura und anderem, enden die KcimtnLssc fiter den letzten großen Romantiker unter den L>id1tern. Sei.her hat ein wirklicher Mensel! und Sciiriftsteiler, Frank Harris, gesagt und au!geschrieben, was er vpn Oskar Wilde wußte. Wahrscheinlich wußte er mehr von dem Menschen Wilde als Irgend jemand in dieser Zeit. Und da er ein schor.ungsvollcr und gewissenhafter Setzer von Worten ist, hat er eine Lebensbcsd'1rcibung Wildes gegeben, der an Innerer Wihrhclt und ergreifender Lcbcnsfüilc nicht ein Roman der letzte« Jahre, von wem auch immer, nahezukommea vermag. Ach, dies Bücherpaket wird nicht ohne Hindernisse ge• packt! Immer wieder verführt das Buch in der Hand den Packenden zum Bläffern und Leien. Auf diese Weise wird man nie fertig. Und darum erlegen wir uns jetzt strengste Disziplin auf, entschlossen, lieber Unrecht zu tun und zu kurz zu sein, als noch weiter so zu trödeln. Vier Bücher moderner Prosa sind als besonders gewichtig wert, den Lesen! und Freunder, geistiger ErzäJilungskunsi gesandt zu werden. Als erstes und stärkstes A’lfred Döbiins ״Berge, Meere und Giganten" (S. Fischer Verlag, Berlin); ein Buch, dem Stoffe nach einer Epopöe zukünftiger Menschheit, die dem Leben seine Orundgchclninissc abgeiauseht hat und nun, in einer rasenden Stcigeiung ihrer Fähigkeiten ohne geistige Zielsetzung tmd Antriebe in* Sinulow wächst. Alles Strotzende, irrationale, Wuchernde an diesem Buche ist schlechthin bewundemswert; es ist ein Orkan von Gestalten und Fülle. Umso bemerkenswerter bleibt der Mangel an Organisation und Künstlertum in! großer, bei den! stärksten epischen Temperament der jüngeren Generation. Alle Laster deutscher Formlosigkeit vereinen sich mit dem Mangel an Erfahrung und formalem lüstinkt des nordischen Juden, um statt eine* auffaßbaren Kunstwerks ein frdlidi hinreißendes, Icbcntriefendes Fragment zu schaffen, das immer wieder packt, nachdem man Immer wieder kühlere Strecken überwunden hat. Kein Zweifel, daß Döbltn, wenn er am Anfang hunderte von Seiten gcstrtchej! und das Buch etwa mit der ״Enteisung G־önlands" begonnen hätte', zu weit bedeutenderer Ge*amticist1mg vorgestoßen wäre. — Bewundernswert bleibt die küo&ticrische

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