Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 101 (19.12.1924)
- Date
- 1924-12-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 101 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 729 ji. *«:14 114 »Ui V*V1 11 C3 Brie! aas FallsUna Eine Immigrations-Konferenz — Steigen der Preise — Der Zwischenfall von Afule — Keren Mojessod-Kampagne 1 , a. g. Jerusalem, Anfang Dezember 1021. Die Alijah bleibt seit einigen Monaten auf einer ungcwohnten Höhe. Wenn wir noch w einem Jahre die hin- Wanderer im Monat nach Hunderten zählten, so handelt es sich jetzt um Tausende. Wenn mit jenen Hunderten, die in Jaffa und Haifa landeten, jede Woche die Frage über den verantwortlichen Instanzen drohte: Wo werden wir die Ankömmlinge unterhringen, wie sic installieren, wo Arbeit für sie finden, — so regelt sich augenblicklich die Aufnahme der Olim und ihre Verteilung in di; verschiedenen Arbeitsstellen ohne Krisen. Fs gibt selbstverständlich große Schwic* rigkeiten, das Cinwandernngsdepartement der Exekutive und die Emwandcrungsmitrale der allgemeinen Aibciterorgauisation mit ihren Zweigstellen arbeiten mit größter An״ Spannung, das Arbcitsdcpartcmciit der Exekutive kämpft «och wie vor mit einer beatimmten, gering schwankenden Anzahl Arbeitsloser. Trotzdem empfindet mau im Lande eine gewisse Genugtuung über das Maß und die Art der Arbeit. Wir stellen nicht auf einem Fleck, es geht vorwärts, mit Hindernissen, nicht immer auf geradem Wege, aber cs gellt vorwärts. Alle Sorge, Arbeit und Milbe im Lande hat einen Sinn, wenn in Jaffa und Haifa neue Menschen an Land steigen, Lücken ausfiillen, neue Wege suchen und neue Posi* tionen besetzen. Das ist der gemeinsame Standpunkt aller Schichten im Land gegenüber der Alijali. Er ist nicht neu. Palästina war immer der heißeste Verfechter einer grollen Alijali innerhalb des Zionismus, cs verteidigte die Litiwanderang unter den schlechten Bedingungen von vor drei Jahren und verteidigt sie unter den besseren von heute. Die Steigerung der monatlichen Einwar.dcnmgsziffcr und die besonderen Charakteristika der neuen, Alijali bringen eine Reihe von neuen und sehr dringenden Fragen mit sielt, die alle Schichten des Jischuw berühren, mit der Situation in den verschiedenen Ländern des Gaitidi Zusammenhängen und von den verschiedenen Kreisen der palästinensischen jüdischen Bevölkerung verschieden beantwortet, zum Teil noch gar nicht beantwortet werden. Die Frage der Palästina• «inwaiidcrung und ihre Lösung hängt heute von zwei Fnktoren ah, die nicht immer in der gleichen Richtung׳ wirken. Auf der einen Seite schließen sic'1 vor den Juden des Gainth sämtliche Länder, die bisher für eine Masseniimtiigrnlion in Betracht kamen, von den Ländern des westlieben Europa bis Amerika. Auf der anderen Seite ist der Weg nach Palästina auch heule »mell so schwer gangbar, daß mir ein Teil des Wandcriingsstromcs ihn zurücklcgt und zurücklcgcn kann. Schließlich aller kommt cs jetzt auf den Beweis an, ob Palästina sieh zu dem Einwandcnmgs- Lind par cxccllence entwickeln kann und wird, das wir zur ״Behebung der Judennot“ und zur Verwirklichung des Zionismus brauchen, das heißt ob cs fähig ist, die Juden, die Heute landen, zu ihrer eigenen Zufriedenheit und z.um Wolde des Jischuw einzusetzen und immer neue Punkte und Möglichkcitcu zu schaffen, um den steigenden Strom auf/it• fangen. Zu ihrer eigenen Zufriedenheit und zum Wolde des Jisrhuw. Die Alijali von 1924 ist anders als die von 1905 und auch anders als die von 1919/20/21. Die Einwanderer zeigen eine andere Schichtung, eine andere Psychologie und demzufolge andere Tendenzen. Bisher war der Einwanderer der ״Chaluz“, der ohne Piaster in der Tasche landete, von der Exekutive und der Arbeiterorganisation versorgt wurde, irgendwo irgendwelche Arbeit fand, jahrelang, 1111• behindert von ״Seßhaftigkeit" oder Familie, im Lande herumvandcrlc. und schließlich irgendwo ,״!־gesiedelt wurde oder in der Stadt feste Arbeit bekam. Zuweilen wollte er, auch wenn sich die Möglichkeit hot, von diesem Wanderleben nicht lassen, zuweilen bot sich keine Möglichkeit. Und wenn wir auf die alten Einwanderer von vor 1903 zurückgreifen, die wir heute als die Bauern von Jchud.1 und vom Galil kennen, so bandelte es sich um Einwanderer mit einer festen Tendenz, nämlich dein Willen zum bäuerlichen Leben, und «liesc Tendenz bestimmte den Weg «ach und in Palästina. Die Alijali von 1921 trägt ein anderes Gesicht. Ganze, zum Teil zahlreiche Köpfe starke Familien wandern ein, mit größerem oder geringerem Kapital, vielfach ohne ״Hach- *rhnrah" für Palästina, man bringt Verwandte ins Land, weil im Gainth keine F.xistciizmöglichkeit sic!» mehr bietet. Die Alijali der ״Mittelklasse" hat begonnen. Sic bringt neue Anforderungen, neue Probleme, neue Psychologie. Unter ihrem Einfluß wächst Tcl-Awiw mit immer größerer Geschwindigkeit, entstellen neue Lüden in Jerusalem und vergrößern sich die L.uiiilicn in den Kolonien. Palästina beginnt sich mit der ncugeschaffciicn Sachlage 711 befassen, sic zu analysieren, ihre guten und schlechten Seiten abzuwägen, ihr Rechnung zu tragen, ihr Riehtungen zu weisen. Zum 15. Dezember hat der Waad I. e 11 ni i eine Konferenz nach Tcl-Awiw einberufen, die alle Kreise des Jischuw vereinen soll, um die Frage der Alijah in ihrem vollen Umfange zu hclcurhteil mul zu klären. Neben der zionistischen Exekutive, dem Waad Halctimi, den Gemeinden, den Verwaltungen der Städte, der Kolonien und der übrigen Slcdliingspunktc sind die vor- *chicdcncn Institutionen der Arbeiterorganisation und einreine Sachverständige geladen. Folgende Referenten und Heferate sind vorgesehen: Waad Lcumi: Geschichte der Alijah. EinwaiKlcrungsdepartement der Exekutive Und Einwandcrungszcnlrnlc der allgemeinen Arbeiterorganisation: Lage und Aussichten der Alijah. Solel-Bondi: Häuserbau in den Städten und die Perspektiven seiner Entwicklung. Haiidwcrkcrzcntraic: Die Lage der handwerklichen Einwanderer. fndiistrickreisc: Entwicklung der Industriezweige. Bauernverband Galiläas: Die Kolonien im Galil und die Alijah, Bauernverband Judäas: Die Kolonien ln Jehudah und die Alijah. Merkas ChaklaiV Eroberung der Kolonien durch den jüdisehen Arbeiter. Gcmcindcrat und Stadtverwaltung Tcl-Awiw: Lage der Ein- Wanderer in Tcl-Awiw. Eine Stockung der Alijah ist In nächster Zeit nicht *״zunehmen, lm Gegenteil wartet man im Lande ungc* Das Organ des ״Ccnfralvcrcins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" läßt sich von einem ״genauen Kenner der ostjüdischen Zustände“ über das ״W esen der jüdischen V o 1 k s g c m c i n d e" In formieren, weil'dieses Material ״für die bcvoYslchcir.lcn Wahlen zum Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden besonders wertvoll" ist. Schon hier wird man einigermaßen verwundert fragen, was denn die Wissenschaft ilcs ״genaue 11 Kenners ost jüdischer Z(1sfü11dc"mit dem Preußischen Landesverband zu tun hat. Wir nehmen an, daß der Centralvcrcin die preußischen Juden nicht zu den Ostjiidc״ rechnet. Wir unsererseits sind zwar der Ansicht, daß die: 1m:.im1i;:c Unterscheidung zwischen Wcstjiulen und Ostjuden jeder Grundlage entbehrt, da alle Juden gleich sind, daß aber «lic objektiven Verhältnisse, unter denen die Juden in den meisten Ländern Osteuropas leben, grundverschieden sind von den Verhältnissen des Westens, so daß natürlich auch für die Formen ihres Zusammenlebens andere Forderimgen gestellt werden müssen. Dies hat auch der Ce 11traivercin anerkannt als er unter der Führung von Lugen Fuchs im Jahre 1918 mutig genug war, ein positives jüdisches Programm aufztistclicn, worin er für die Juden dort, wo .sie in Maisen leben, die Forderung der nationalen Autonomie nuf.dclltc, die siel» auf der jüdischen Volksgcmcimle .aufbaut. Im Westen jedoch ist niemals und von kelncrScitc die Forderung der nationalen Autonomie nutgeslcllt worden. Trotzdem erachtet es der Centralvcrcin als notwendig, die Wälder zum Preußischen Landesverband vor dieser Gefahr der nationalen Autonomie zu warnen, die nichts weniger wolle als einen ״Staat im Staate" gründen — und noch obendrein unter Trennung vo:1 Staat und Kirche. Diese schreckliche Ocfalir, die den deutschen Spießbürger jüdischen Glaubens in den Tiefen seiner Seele erschauern macht, droht natürlich von den Zio!1i.,tcn. Dies Ist zu bcweisen. Wie beweist man? Zuerst setzt mau nationale Autonomie gleich mit jüdischcr Voiksgemcinde. Sodann erklärt man, die Zionisten forderten zwar die Voiksgemcinde als integrierenden Bestandtr.il des Zionismus, wüßten aber selbst nicht genau, was sic darunter zu verstehen haben, Sic müssen also belehrt werden. Wie belehrt inan räc? Zu diesem Zwecke ernennt man /iinäclisl die P o a I c 7. i« n i 81 c n zu der ״niächtigstcii Fi.iktifin im Zi misimis", die 1:1״ Amerika, iisOstcsirupn und in Pnlastum aiisschlnggcbcttd“ ist um! ״In Bezug auf Sk'tlhmgs• nrbeit und Organisation (! — Red. ״J. R,") In Wirkllchkc't dm meiste in der Partei geleistet Int". Diene Pnale Zion, «lic wahrscheinlich selbst mit größtem Erstaunen die Schilderung ihrer Macht und ihres Einflusses lesen werden, erklärt «Ins C.-V.-Organ als die eigentlichen Vertreter des ״konsequenten jüdischen Nationalismus". Nun sind wir ln der Beweisführung schon einen erheblichen Schrift weitergekommen. Ein glücklieber Zufall hat dem ״genauen Kenner" ein Blatt der poalczionistischen Zeitung ״Der jüdische Arbeiter" (Wien) vom 13. Dezember 1918 in die Hand gespielt. Dort stellt ein Aufsatz ״Die Aufgaben unserer Genossen in der Kcliiüa", in welchem die bekannte poalc-zionistisclie Forderung nach Schaffung weltlicher Gemeinden unter Ausschaltung aller rchgigiösen Angelegenheiten, die als Privatsachc einzelner Personeu oder Gruppen erklärt werden, in sehr anständiger Form vertreten wird. Jetzt ist der ״Kenner" so weit, wie er sein wollte. Man will dem Volke die Religion rauben!! Furchtbare Irrlehren werden verbreitet! Immer erregter fährt der Kenner fort: ״Unsere Rabbiner und Lclircr, die Profcssoicu au den Lehranstalten für die Wissenschaft des Judentums — ״man höre und sebaure" — dienen nur dazu, die Hirne der jüdischen Volksmasscn zu verfinstern und den jüdischen Arbeiter vom richtigen Wege im Kampfe 11m eine bessere Welt abzuienken" usw. Kurz, die Grundlagen der jüdischen Zivilisation werden erschüttert. Alle guten Bürger müssen retten, müssen sich Im Kampfe gegen diese teuflischen Tendenzen vereinigen, d. 11. auf deutsch: müssen gegen die Zionisten und für den Centralzcrcini stimmen. . , , duldig auf neuen Nachschub für die beginnende Saison <lcs Tabakpackcns. Zu Beginn der Tahakarbeit lin Früh ja I! r war die Alijah nicht zeitig genug gekommen und eine Reihe von Verträgen konnte aus Mangel an Arbeitern nicht fiugrhaltcn werden. Die Zwischenzeit von zwei bis drei Monaten, vom Abschluß des Tnliakpflückeim bis zum Beginn des Parkens, für «lic man Arbeitslosigkeit bclürch* tetc, ist fast überall ohne Krisen vorübergegangen. Die Verträge zwischen den Bauernverbänden bzw. den Verbänden der Tabakhnucr und dem Merkas Chakia'f der Arbeitcrorganisation sind bereits z.um größten Teil ,abgeschlossen. In Pctach- Tikwali, Rcchowoth, Gederah und Chederah haben die Bauern bereits mit der Verpackung des Tabaks angefangcn. In den lagern der Arbeiter bereitet mau sich darauf vor, die Arbeit des Packens sofort zu beginnen. Man erwartet mit Ungeduld «lic neuen Arbeiter, für die bereits seit längerer Zeit Zertifikate in «lic verschiedenen Länder des Galuth abgegangen sind. Die letzten zwei Monate brachten Palästina t^'n snriinghafte•? Ansteigen der Preise, vor allein für Lebensmittel. Er. ist «las das erstemal, seit dem lm Jahre 1922 einsetzenden Sinken der Preise. Die Steigerung ist vor allem in dem ■neuen Zolltarif vom August begründet, und wurde noch verstärkt durch Aufkäufe von selten solcher Händler, «lenen cs gelungen war, die Tendenz des neuen Tarifs vorher zu erfahren und sielt mit Waren clnzudcckcii. Ui'ber die Bedeutung der, neuen Tarifs läßt sich noch schwer abschließend urteilen. Wenn man will, lassen *Ich ln e'irgcn Posten Uebergänge vom Fiiianzroll zum Schutzzoll erblicken. Es ließe sielt daraus der Schluß ziehen, daß die Regierung bestrebt ist, die junge palästinensische Industrie zu schützen und zugleich den Kolonien in ihrem Kampf gegen die Uebcrsciiwcmnumg mit billigen Waren aus aller Herren Länder, vor allein Australien, Holland usw. bcizustchen. Aridere Posten dagegen sind von diesem Standpunkt aus nicht zu verstellen. Sicher jedoch Ist, daß, wenn dieser Zoll ä la longuc sehr gute Folgen haben kamt, er Im Moment weite Kreise der Bevölkerung, soweit sic Konsumenten sind, in eine schwere Situation bringt. Vor allem Ist der ״kleine Mann" und der Arbeiter gewissermaßen über Nacht vor die Tatsache gestellt, daß sein Lohn bzw, sein Einkommen Ist es nötig, gegen dieses Spekulieren auf die Dummheit und Uninforinierllicit des jüdisch-prrußi'.chcn Wählers zu polemisieren? Man müßte von oben angefangcn: «ede! ist nationale Autonomie identisch mit jüdischer Vo'ks,gemeinde, noch bedeutet jüdische Voiksgemcinde einen Staat im Staate, noch ist die Voiksgemcinde ein integrierender Bestandteil des Zionismus, noch sind die Poale Zion die mächtigste Fraktion usw. Daß die Poalc Zion als sozinkiemoknti־eite Partei radikal antireligiös sind, ist eine Selbstverständlichkeit. Dies ist ein Programmpunkt der sozialdemokratischen Parteien in ganz Europa (mit Ausnahme Englands vielleicht), der ebenso wie zahlreiche andere Punkte von den Poale Zion übernommen wurde, was ihr gutes Recht ist. Es ist nicht unsere Schuld, daß einzelne Sozialdemokraten ind sozialdemokratische Wäh. ler inkonsequent genug sind, getrennte Programme für ihre allgemeine politische Ueberzeugung und für die jüdische KchSIla zu vertreten. Wahrscheinlich gehören dazu auch /ihlicitlie Sozialdemokrat!.׳׳ehe Wälder des Centralvcrcin*, der ja i’äo — antireligiöse -— Sozialdemokratie auch in seiner Zeitung unterstützt hat, über die jüdischen Sozialdemokra t'״ siel» aber plötzlich aufregt. Flic Forderung der Verweltlichung der Gemeinde ist im übrigen nichts Antircligicr.c?, im Gegenteil, sic will jedem einzelnen Juden mehr religiöse Freiheit lassen. Auch unter den Poale Zion gibt cs ticfrcligiör.c Naturen, sogar in traditionellem Sinne. Der vcrstoibere Poakzionist Dr. Syrkin hat noch auf seinem Totenbett ein Bekenntnis zur jüdischen Religion abgelegt. Aber die Partei als Ganzes ist natürlich antireligiös, oder vielmehr für Atta• Scheidung religiöser Dinge aus der ,Tätigkeit ölfcallicher, Vertretungskörper. Mit welchem Recht aber überträgt der Ccnlralverci« diese Anschauungen der Poalc Zion auf das Programm eiet Jüdischen Volk sparte! in Deutschland? Die Jüdische Volkspnrtci hat bisher bereits in mehreren Gemeinden, vor allem in der Berliner Gemeinde jahrelang positive Arbeit geleistet und von den revolutionären Tendenzen, die det Centralvcrcin au die Wand malt, ist nichts zu melken. Vuf allem int von dieser Seite niemals etwas gegen die jüdische Reli• gion׳unternommen worden. Viel eher aber könnte man sagen — und so sagen auch viele —, daß die liberale Partei die jüdische Religion abb.iut. Die Jüdische Volksparki hat in ihrem Wahlmnnifest gesagt, welches Programm sie für die Tätigkeit <le* I.nmle;verbände‘! aufstellt. Dort wird aus::«, sprachen, welche sozialen und kulturellen Aufgaben der Ver• bantl haben soll, wahrhaftig ein kolossales Programm, das diirclizuführcn, die Kräfte kaum ntisrcichcn werden, das abet nicht das geringste mit nationaler Autonomie za» tun hat, Ueber die Forderung der jüdischen Voiksgemcinde existiert eine große Literatur. Eine ganze Reihe von Vorschlägen sind von einzelnen Verfassern gemacht worden, aber das bedeutet noch nicht, daß sic ein Postulat praktischer Politik geworden sind. Es wäre ein leichtes, die widersprechenden Meinungen aiifzuziililcn; dies gehört aber auf des Gebiet theoretischer Diskussion, nicht in den Wahlkampf, wo cs um ganz konkrete Fordeningen geht. Diese Forderungen der Jüdischen Volkspnrtci haben nur den einen Sinn: «las Judentum lebendig und stark zu erhalten, ln würdiger und ausreichender Form für die Bedürfnisse des jüdischen Leben« zu sorgen, die Ehre des Judentums nach außen zu wahren, di• Kenntnis des Judentums nach innen zu mehren, des Pflichten der Zugehörigkeit zur jüdischen Gesamtheit zu genügen• Dies sind ehrliche F o r d c r u!1 g e r,׳, für die wir den jüdischen Wähler anrufen.! Wir bedauern «irn Centralvcrcin, der cs nötig hat, mit Walilmanüvcrii nach dem Muster des Sinowjew. Briefes und des Herriot -Memoranda ms zu arbeiten. Wahrscheinlich befinden sich in seiner Mappe noch einige derartige Dokumente, mit denen er kurz vor der Waiil versuchen wird, Schrecken und Ensetzen vor der zionistische« Gefahr unter den Wählern zu verbreiten. Er schätzt offenbar die jüdischen Wähler sehr gering ein. •— r. nicht ansreicht. Innerhalb der Arbeiterschaft steht man bis jetzt der Frage unentschlossen gegenüber. In diesen! Fall• zeigt sich sehr deutlich die besondere Struktur und Denkweise des paliistinensischen Arbeiters. 11! anderen Länder«, erledigt sich die Frage von Preissteigerung und Lohn• erliüliiing entweder nutomatisch durch gleitende Skalen, ent• sprechend dem Index, oder du:eh Verhandlung mit de« Arbeitgebern oder «lurch Lohnkämpfe, Auch die Stellung zur Frage Schutzzoll ctlcr nicht wird der Arbeiter am dem Aspekt seiner besonderen wirtschaftlichen lledürfniss« betrachten und entscheiden. In Palästina liegt das Problem ungleich verwickelter. Die Arbeiterschaft 1:11 Lande Ist zwar geeint durch ilire grundlegenden nationalen und sozialen Ziele, Ist jedoch in ihren Interessen gerade durch diese Ziele vielfach zersplittert. Auf «ler eilten Seite müs'cn die lamlwirlschaftliclicn Betriebe — nicht der einzelne Ge• nosse von Nahalal, D.ig.inlah oder Ejn-Charod, sondern diese Siedlungen als wirtschaftliche Organismen — dafür ein• freien, «laß ihre Produkte, vor allem Milch und Gemüse als liai'plsäciiliclic Einnahmequellen Inch Im Preise stellen. Denn davon hängt cs ab, «laß das gefürchtete Defizit vermiede« wird und die Wirtschaft sich halten bzw. basieren kann. Auf der anderen Seite sind diese Betriebe noch zum großen Teil Konsumenten 11ml als solche wieder au niedrigen Prci־c« Interessiert. Denn in vielen «ler landwirtschaftlichen Bctriebe kauft mau heute ja nicht nur Od, Petroleum und Industricprcduktc, Sendern auch Lebensmittel, die die Siedlung noch nicht In ausreichendem Maße produziert. Der städtische Arbeiter wiederum Ist persönlich an billigen Lebensmittel• preisen Interessiert. Zugleich aber fühlt er sieb vereintwörtlich für das Gedeihen seiner eigenen wiriscliaftlichcn Institute und entscheidet demnach die Lohn frage nicht nur tincl» seinen privaten wirtschaftlichen Bedürfnissen. Das gilt für das Gros der städtischen Arbeiter. Auch ergibt sich eine besondere Situation aus der Talsache, daß der größte Unternehmer Im Lande für Bau- und öffentliche Arbeite«, Soltd-Bonch, ein Institut der Arbeiterorganisation ist. Der Arbeiter bei Solcl-Bonch wird eine Lohnerhöhung erst ver• langen, nachdem er weiß, daß sie der Entwicklung seine» Instituts «lieht schaden wird, wenn Ihm nur die geringste Möglichkeit bleibt, bei seiner Lohnquote zu existieren. So wird das Problem der Preissteigerung augenblicklich in den