Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 98 (9.12.1924)
- Date
- 1924-12-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Kr OS JÜEDISCHE RUNDSCHAU Sefte *705 grisiigcn Lehens einer jeden Gruppe sichen, Gerade jetzt, ,vo die praktischen Angaben die Energien <kr Bewegung jn ungeahntem Malle »n Anspruch nehmen (auch nach «1er Konstituierung «1er gemischten Jewish Agency wird sich hier vorausdchllicli nicht all/micl ändern), feilt es die geistige finuidlafec der Bewegung immer wieder rum Bewußtsein der Zionisten zu bringen. Die Probleme der F.iiiaiizipatfcm, der Assimilation, der jüdischen Wanderung, der Judemnt, ,!es Antisemitismus die Auscinamlcrr.ctr.t1ng mit «1er kosmopoli- (feschen, «kr koniuumistischcn Ideologie (um mir einiges an-;inleutcn) dürfen um keinen Pres Vernachlässigung finden. Niclit allein «hireli auswärtige Rc«lner darf «las Leben «Irr Ortsgruppen von Zeit zu Zeit aufgefrischt werden, sondern man nwR cmllich versuchen, sie von innen her zu existenzfähigen Gebilden zu machen. Voraussetzung Ist allerdings, daß wenigstens eia oder zwei fällige Menschen am Orte wohnen und daß von Berlin aus die Gruppe mit dem er■ forderlichen Material versehen wird. Hierüber und noch über vieles andere mehr (Hebräisch!) wird der Delegierten(.״!־ — hoffentlich weniger in langen Reden als in Ornipprnbcsprcchungcn — w befinden haben. Wenn mit aller Energie «lanaeli getrachtet wird, den Diskussionsstoff auf «las Notwendige und gleichzeitig Lösbare ni beschränken, so kann die Tagung nicht mir ״gut" werden,־ «indem sogar den Auftakt bilden für eine neue mul erfreuliehe Entwicklung des deutschen Zionismus. . Verbot des hcbrliscliea Gymnasiums In Munkacz Die Zivilverwaltung von k'arpa'horußlaiid richtete an den hebräischen Schulvcrcin in Mukr.cevo nachstehenden Erlaß: An den Hebräischen Schulvcrcin für Karpa thoruHland in Mukaccvo. Der Herr Minister für Schulwesen und Volkskultur hat mit Erlaß vom 6. NVivember 1021, Nr. '), «lern Gesuch uni Bewilligung «Ier Eröffnung eines Refnrmrcalgyinnasiuins mit hebräischer Unterrichtssnraelie in Mukaccvo ni lit entsprachen, weil gemäß «len!!׳.*Stimmungen «ier §§ 7 und 8 «ies ungarischen Gcsct/cs-Art. XXX' aus «lein Jahre 1SSJ bloß an den öffentlichen Mittelschulen, welche von k«>11frssinncllen Gemeinschaften erhallen werden, «lie Erhalter «las Recht der Bestimmung der Unterrichtssprache besitzen. Es muß daher angenommen werden, daß den Erhaltern nichtstaatliclier Mittelschulen, welche im £ 8 des Gesetzes angegeben sind, dieses Recht nicht zusielit. Hiervon gebe ich ihnen Kenntnis. Ihr Gesuch retourniere ich samt den Beilagen. l'iir den Sclmlrefercutcn: Simek. Dieser Erlaß hat in den n.itioii.iljüdisrhcu Kreisen der gan/en tschechoslowakischen Republik begreiflicherweise größte Eircgung und eine lebhafte Protestbewegung her- 1 ,״»gerufen. Am 1. Dezember fand in der Mensa acad. Judaica in Prag eine von •sämtliche» jüdisch-nationalen Studentenkorporationen äußerst zahlreich beschickte Studentenversammlung statt, welche der Stellungnahme zu diesem Verbot gewidmet war. Erster Redner war Dr. Ludwig Singer, Präsident des jüdischen Nationalrates. der ein ausführliches Referat über die juristische Sette *Ier Angelegenheit erstattete.' Hierauf ergriff Redakteur Emil Waldstein (Las Wort »ml behandelte in temperamentvoller, von zahlreichen Beifallsbezciigungen unterbrochenen Rede, die politische Seite der Angelegenheit. Hierauf wurde folgende Resolution unter großem Beifall angenommen: ״Die jüdische Studentenschaft erklärt, daß sic das hebräisehc Schulwesen in der Pcdkarpatsk.1 Rus als berechtigte fordern»״ der jüdischen Minorität ansieht. Sie erblickt in (kn hebräischen Volks-, fach- und Mittelschulen «las geeignetste Mittel zur Sizilien und kulturellen Erneuerung des jüdischen Volkes. Mit liefern Befremden hat die jüdische Studenicnschaft zur Kenntnis genommen, daß die berufenen staatlichen Be- Hörden entgegen den Grunds ätze 11 und Bcstinim 1111 gen «1er tschechoslowakischen Verf a s s u n g und des Schulgesetzes dem hebräischen Schulwesen Schwierigkeiten berci Ich. Un! so hcr/lirhcr sprechen wir allen Faktoren, die hisher drm hebräischen Schulwesen ihren Schutz angcdcilicii ließen, 1r!r allem dein jüdischen Nationalr.ate lind dem jüdischen Schtilvcrcine unseren Dank aus und erklären, «lall cs die jüdische Studentenschaft als ihre vornehmste Pflicht auslclit, das hebräische Schulwesen mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu fördern.“ Aut Antrag des Herrn Moschch Berger wurde bcschlossen, dem hebräischen Schul verein in Aluiifcacevo den Ausdruck der innigsten Sympathie der jüdischen Studenten- Schaft und den Dank für seine segensreiche Arbeit zu übermitteln. Wir kommen auf die Angelegenheit noch zurück. Der Steiger• Prozeß Der jüdische Student Stanislaw.S t c i ge r, der beschuldigt wird, ein Bonibenattentat auf den polnischen Staats* Staatspräsidenten Wojciccliowski, während dessen Anwesenheit in Lemberg versucht zu haben, ist im Gefängnis erkrankt. Gegenüber der Meldung, daß der Prozeß gegen Steiger, tler Anfang Dezember hätte .stattfinden sollen, auf (kn kommenden Februar verschoben worden ist, erklärte der Untersuchungsrichter Lutka, daß cs überhaupt noch nicht fest.,teilt, wann der Prozeß stattfiiulcn wird, da die Untersucliung noch nicht .abgeschlossen ist. Wie erinnerlich, hat das Kriegsgericht, das gegen Steiger V|rl1a!Hielte, die Verhandlungen abgebrochen, da keinerlei beweise dafür vorhanden waren, daß Steiger die iknnbc tXschlcudcrt bat, als nur die Aussage einer hysterischen "'d übel beleumundeten Frau, die sich überdies in starke widersprüehc verwickelte. . Das ״B. T.“ berichtet über eine neue Wendung In der Attentatsaffäre: Die Lemberger Attentatsaffärc nimmt einen s-e n s ,11 i o« ״'Heu Verlauf. Ein früheres Mitglied der kom 11111- "1Mischen Jugendorganisation in Lemberg hat schwerwiegende t'mmlliingcn gemacht und auch einen der Verschworenen, namens Pn n tcziczin , genannt, «ier in Kalisch als Soldat Mbaftet wurde. Der Verhaftete gibt an, bei dem Attentat «lie Wnrschauer Zitadelle beteiligt gewesen zu sein, 1״ aber^ die Bombe auf den St.1.'4lsnrädcnteu nicht geworfen )!י,')י״• £wci Abgeordnete haben bei Ermittlung der rieh- "sch Tätn hervorragenden Anteil. Man erwartet weitere tnthüilungcn. j Rcleglcrunß zionistischer Studenten. 15 jüdische Studan ■ ^c.r Minsker Universität sind unter dem Verdacht, ju s!c sich zionistiscli betätigen, aus. der Universität ausgc- «hlossen worden. Vernic1»;״i1|;'i!:;.u;',S gegen die Jaden Warschau, \ Dezember 1021. In einem früheren Briefe wiesen wir darauf hin, daß die polnische Regierung vom politischen zum w I r t s e 11 a f t ■ Hellen Antisemitismus übcrgcgaiigcn ist.' De Methoden desselben wollen wir heule näher beleuchten. Das V c r m ö g c n s a b g a h c n g e s c t z .«eizte 7. B. für die rin/cbicn Wirtschaftszweige ein bestimmtes Kontingent (est, wobei auf die Landwirtschaft 500, auf Handel, Industrie יידו initl auf die übrigen Stände 121 Millionen Zlutch entfielen. I'ine vorläufige •Veranlagung ergab mm, daß von sämtlichen Wirtschaftszweigen nur die Landwirtschaft ihr Kontingent nicht oiifhringen wird, indem sic niclit SCH), sondern 130 (!) —' im besten Falle 203 Millionen ZI. ergeben dürfte. ״Wollte m.iintiin'1, so erklärte Grabski in der Budgetkommissioii des Senats, ״die ‘ am Gesamtsoll fehlenden 300 Millionen allein auf die Landwirtschaft umlegen, so würde man zu kolossalen Steuersätzen gelangen. Trotz Protestes des jüdischen Kommissionsmitglicdcs brachte hierauf ein regierungsfreundlicher Senator eine Novelle ein, 1.111t welcher die am Sicueikontingent fehlenden 300 Millionen auf alle (!) Ecriifsständc verleih werden. Da(i dies eine ungewöhnliche Begünstig 11 ng der Landwirtschaft auf Kosten der übrigen Berufs- Stände bedeutet, braucht niclit erst gesagt zu werden. ״Er ist ein agrarischer Premierminister gewesen" scheint sich der polnische Regierungschef, wie einstmals der Reichskanzler Biiiow, als Grabstcinaiifscbrift zu wünschen, — Ein Kapitel für sich iri es, wie auf die verschiedenen Vertreter von Handel und Industrie das an um? für sieh hohe Sicucrkoiiti-ngcnt umgclegt wird. Man kann da von zweierlei Maß sprechen, nach dem Christen und Juden besteuert werden. Daß letztere fünf bis zehnmal so hohe Steuern im Vergleiche mit den Cristen zahlen, ist zur alltäglichen Erscheinung geworden. Hat es dx־h sogar eine Sehiitziinji-skommission fertig gebracht, einen Polen mit 10 000 «md einen Juden mit 11003 ZI. zu besteuern — während beide Inhaber c;׳11 1׳׳nl desselben Geschäftes sind! F.s nimmt unter solchen Umständen nicht wunder, wenn die Juden ihre Steuern nicht bezahlen können. Tagtäglich publizieren die Behörden spnltenlangc Eisten von Personen, o. *1. Juden, hei den«*» Lizitationen angesetzt werden. Die Betreffenden bieten daun alles auf, dem Steucrmoloch etwas in der. Radien zu werfen. Kommt es erst zur Lizitation — wissen die Exrkutnren es so ein/.iirlchtcn, «laß jüdisches Hab und Eint zu Sc 111 e 11 d c rpre i s c n veräußert wird. Neben den Steuern ist.es die Kreditpolitik der Regier ungsban ken, unter der die im Wirtschaftsleben stchrmlcn Juden stark zu leide» haben, ״Juden gewähren wir keinen Kredit", ist zum Leitmotiv der Stn.1tsinsfituti.1ucn geworden. Was dies bei der heutigen Geldknappheit bcdeutet, erübrigt sich zu sagcii. Eine weitere Geisel für die Juden b'lden die Staat*• mono pole, die einander im «!mellen Tempo folgen. Nach dem T abakmonopol wird jetrt das Schnapsmonopo' oingcfülirt. Das 7. ü » d ho 11, m « n o pol ist beschlossene Sache. In allen diesen Produktionszweigen waren Zehntausend« Jude״ beschäftigt, die nunmehr aufs Pflaster geworfen weiden. Gleichzeitig monopolisiert mnn den Handel mit den monopolisiertem Produkten. Wieviel Juden hierdurch brotlos werden, läßt sich noch garnicht übersehen, — Erbarmungslos geht der Vcmichtungskampf gegen ’die Juden, Ein Wirtschaftszweig nach dem anderen wird ihnen entrissen. Und schon schreibt ein führender polnischer Anti* somit in seiner Zeitung: ״Im schmutzigen polnischen Slädtchcn ist um die Beherrsehung von Handel, Handwerk und Industrie ein erbitterter Kampf entbrannt. Der grobschrßtige, physisch und geistig unpolierte polnische Bürger erobert Schritt für Schritt Häuser und Lüden, die früher Juden gehört haben. Es sind dieselben Juden, die, je mehr man sic verfolgt, um so lauter schreien, daß sic allein für den Handel prädislinicrt sind. Eine 1 iige,“ Grau in grau ist die Zukunft des polnischen Judentum». Boykottoropaganda In Warschau. 11! den fetzten Tagen sind in Warschau massenhaft Proklamationen verbreitet worden, in welchen die Bevölkerung aufgefordert wird, die Juden zu boykottieren und dafür zu sorgen, daß Warschau niclit ganz ein Nalcvyka (das von Juden bewohnte Viertel in Warschau) werden soll. Zahlreiche Plakate ähnlichen 111halts werden überall an die Hiiuscrfassadeu geklebt. Die Polizei hat■ eine große Anzahl der Afficheu entfernt und Pakete mit Proklamationen beschlagnahmt. Die antisemitische ״Diva Grosze" erklärt, daß trotz der Mühe «Ier Polizei eine ungeheure Menge Proklamationen verbreitet worden sind und ihre Wirkung tun werden. Der Boykott gegen die Juden werde erfolgreich durchgefiilirt werden. Antisemitische Boykotthetze. Die ״Danzfger Neuesten Nachrichten" teilen mit: ״Gazetta Kaszubska" kündigt an, daß sic in nächster Zeit fortlaufend eine Liste aller Personen veröffentlichen will, die lief luden kaufen, sielt jüdischer Rcditsrmwiiltc bedienen usw. I)cr Antlscinitisnius In «len polnischen chauvinistischen Kreisen ist mich in Neustadt immer mehr im Wachsen. Man sieht vor allen Dingen in den Juden die Helfer der Deutschen." Die ״Jiddische Stimme“ bestraft Kowno. (J. T. A.) Der Militärkommandant drs Kreises Kowno bestrafte den Redakteur des Tageszeitung ״J i <1. di sehe Stimme" mit 30f!0 Eit (300 Dollar), weil die Zeitung am |7, November «len Aufruf des Kownoer Rabbiner, rates abgedruckt bat, in welchem die jüdische Bevölkerung aufgefordert wurde, am Tage der Sejuivcrliamlhingen über das Zwangs-Soiintagsnihccesetz einen Gottesdienst nbzuhalten und zum Protest die Geschäfte geschlossen zu halten. Eine Gnadenfrist für die Flüchtlinge In Litauen. Die litauische Regierung hat den in Litauen weilenden jüdischen Durchwanderen!, die wegen des ainci'lkonisclieii Immigration*• cinsrhränkungsgesctzes ihre Reise in Litauen unterbrechen mußten, gestattet, einen. Monat über den ihnen anfangs gesetzten Termin hinaus im Lande zu bleiben. Der Gels! in Palästina Von Moses Bciliitson (Tel-Awhv). ln seiner Uebcrsicht des kulturellen Lebens in PaLisiir.a Im Jahre 5671 hob Dr. Klausner itn ״Haolam" den Eortschrilt der letzten Jahre hervor, beklagte aber gleichzeitig de» noch immer andauernde 1 geistigen und kulturellen Tiefstand. In einem der let/ien Hefte des ״Juden" charakterisierte Hans Kahn die gvi.tigc Atmosphäre von Palästina ah oft eng und dumpf. In seiner Rede beim Empfange Weizmauns in Tel-Awiw ׳bezeichnet« Bialik (Jas kulturelle Problem al* das brennendste Problem der palästinensischen Gegenwart. Die hiesige Presse, vor allem ״Haare/", gibt öfters Klager» über die schwierige — und zwar nicht nur in materieller* Hinsicht •״ Lage der Schriftsteller im Lande Raum. Würden in diesen Klagen nur die hohen Au forderun gen, di? man Erez-Israel stellt, /um Ausdruck kommen, so könnte man darin nur einen enttäuschten Glaube■ an Wunder «eben. Aber hinter diesen Klagen versteckt sich manchmal auch ein Vergleich mit der Diaspora, die geistig höher stände -־ Hans Kolm sagt cs riücli ijcuilicl! und «erlangt deshalb — mit seltsamer Logik die Verstärkung unserer geistigen Positloncn nicht in Erc*•Israel, sondern wiederum in der Diaspora. Gegen dieses angeblich für Palästina ungünstige Resultat heim Vergleiche muß eine Richtigstellung erfolgen. Sicher: die kleine Zahl der Juden macht sich bemerkbar. Die Verschiedenheit der Milieus, aus weichen sie stammen und die natürlicherweise noch nicht erfolgte Verschmelzung (eine Sache von vielen Jahrzehnten) zersplittert die sonst schon kleine Judenlicit in noch kleinere Gnippen. Daher ein gewisser Prounzialimuii. Audi die geographische Entfernung von Europa und die langsame Postverbiüdung sind erscliwCrende Umstände. Man ist zu sehr auf sieh selbst angewiesen. Sicher: viele hierherkommende Juden, speziell in den letzten Monaten, zeigen nicht die gewünschte kulturelle und geistige Vorbereitung. Und trnt/dem ist das negative Urteil unrichtig. Worin äußert sich der Geist? Der europäische Intcllektucllc, der Jude im bes»)11dcren, ist gewöhnt, die Erscheinungen des Geistes in Zeitungen, Büchern, bildender Kunst, Theater, Konzerten, Vorträgen zu suchen; anders gesagt, er ist ge• wölint, das alltägliche schwere Leben schöpferischer Arbeit vom geistigen zu trennen. Treten wir an Palästina mit diesen Kriterien heran, so müssen wir /!«geben: all das ist hier sehr ärmlich. Sind aber niclit viele jüdische Intellektuelle theoretisch wenigstens -• dazu durchgedrungen, daß diese Trennung von dem wirklichen Leben für den Geist verhängnisvoll ist und ihn leicht zur ״Schöngeisterei“, zur ״Literatur" verwandeln läßt, und streben sie niclit danach, sich von diesem degenericrlen Geiste zu befreien? Wenn dem so ist, wenn sic wirklich den Geist in der alltäglichen Schöpfung suchen wollen, werden sie über Palästina, zuerst und hauptsächlich über das Palästina der Arbeiterschaft״ ein anderes Urteil fällen müssen. Zwei Erscheinungen werden sie hier fcststcilcn müssen, die u. a. noch gerade für die holte Geistigkeit bezeichnend sind. Erstens: das unmittelbare Interesse, fast die Leiden• Schaft, mit welcher man hier die alltäglichen Probleme bc* bandelt und — das ist wohl die Hauptsache — sich bemüht, die gefundenen Lösungen zu verwirklichen. Die sozialen formen der Gemeinschaft, die Methoden der fSodenbearbei« lung, das Familienleben, die Kindercrzicliting, das sexuelle Problem, die Beziehungen zur Umwelt - alles wird leidenschaftlich diskutiert und wirklich durchlebt. Ich will dicht behaupten, daß man die Auswege schon gefunden hat, nicht einmal, daß man in richtigen Linien vorwärts geilt und auch niclit, daß der'Intcrcssenkrcis sehr weit ist. Ich hebe nur die unmittelbare Beziehung der großen Mehrheit der Arbeiter zu mannigfachen Probleme» ihres Lebens hervor und ich kann noch den ungeheuren Durst nach Wissen und Kultur hiiirufügen. Lind die /.weite Erscheinung: das Hervorbringen einer ganzen Reihe von Lduten, die an der Spitze der Arbeiterbewegung stehen, von denen jeder eine Persönlichkeit für sicii ist — wiederum ein Zeichen der hohen Geistigkeit. Zum Beleg könnte ich viele Namen bringen von Leuten, die hierher seit mehr als einem Jahrzehnte — manchmal seit zwei — gekommen sind und trotzdem den Tatendrang, die Empfänglichkeit, die Geistesfrische, die Ergebenheit nicht cingchiißt haben. Damals, als diese Leute kamen, war Erez- Israel nicht das was es heute Ist: die Arbeiterschaft zählte mau nach Hunderten, die Initiativen waren klein, die!lindernissc fast unüberwindbar und für europäische Zionisten lag das Land In einer unüberbrückbaren Ferne, so daß die hiesige kleine Gruppe fast vollständig abgcschnitten war. Auch später, bis zum heutigen Tage, haben die ״Geistigen", die Intellektuellen in- und außerhalb des Landes — die Bewcgiing vernachlässigt. Wer ist hierher gekommen, um ihr voll und ganz sielt zur Verfügung zu stellen? Die ersten Posten werden noch immer von .älteren Arbeitern der zweite«' Alijali besetzt, die — nebenbei bemerkt — in ihrer Arbeit ungeheuer überlastet sind. Ich, für meinen Teil, kenne in der Diaspora nichts dieser Gruppe ähnliches 1!nd kann mich der Verwunderung über den in ihr trotz der schwierigsten Umstände noch immer lebenden Geist nicht entziehen. Man kann im hiesigen kulturellen Leben den Mangel an technischer Vorbereitung, an Rede- und Schriftgcwandlieit» an Bildung und Wissen beanstanden, keineswegs — Mangel an Geist. Allerdings muß man wissen, wo er zu stichcri ist. Nicht In Theater-Vorstellungen, wirklich sehr ärmlichen; nicht in Aufsätze», wirklich manchmal linkisch geschriebenen, und sicher nicht in Ca Hs, «lie überhaupt nicht da sind. Den Geist muß man In Palästina im Haniasclibir, in Solei- Boneli, in der Arbeiterb,111k, in Kwuzoth und Mosehawiirt suchen. 1 In Kontobüchern der Konsumgenosse nschaft, iit Chausseen und Häusern, in Baracken von Ejn-Charod und Nal1.11.il wird ,man ihn finden. 111 schwerer, alltäglicher prosaisch attsschender, aber schöpferischer Arbeit. Wenn eine neue Siedlung, eine neue StTnßc, eine neue Abteilung des Haniasclibir entstehen, eine neue Gruppe von ״Kihbtisch- Awod.ih" gebildet, eine neue Form des Zusammenleben* versucht wird, überhaupt Irgend eine Initiative auf den» Arbeitsgebiete ergriffen wird — so ist es .itithcnt!scher Geist, lind ich spreche schon nicht von den gewohnten Formen der geistigen Erscheinungen — von den vielen Vorträgen, von, Bibliotheken und Lesehallen, von pädagogischen Bemühungen. Die ungeschickte Arbeilerlitcratur, die kleinen hektographierteit Ilefiehcn und matiehni.11 vom Geiste gesegneter, als große europäische Zeitschriften, denn hier sprechen Leute von Soeben, die sie augehen. Ich habe nicht die Absicht, das heutige Palästina al* Muster der Geistigkeit hlnzustcllen — nicht einmal das Painstina der Arbeiterschaft, geschweige denn das ״bürgerliche‘* Palästina, das — so weit ich aus meiner gewissen Feme