Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 94 (25.11.1924)
- Date
- 1924-11-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das werden wir dann in Ruhe und mit Ueherlcgung erreichen können — in Ruhe oder durch Oe׳ polier. E:s gibt 7■ B. jetzt schon wegen der hebräischen Sprache eine Präge in Palästina. Ich erkenne die Frag: an, aber ich übergebe sic unseren Dichtern wie Bialik und seinen Karneraden. Sie sollen sich mit diesem Problem beschäftigen und sie werden früher oder später eine Lösung dafür finden; zuerst sollen sic aber die Juden am Platte haben. Wenn sic das Programm lösen, wird cs für die Juden gelost sein. Nach dem alten Sprichwort ist mir immer ein Jude ohne Hart Heber, als ein Bart ohne Jude. Juden in Palästina mit Problemen, schweren Problemen sogar, sind mir immer lieber als Palästina ohne Probleme, wenn das nur auf Kosten der Verkleinerung der Zahl der Juden erreicht werden kann. 3. Es ist mir auch klar, daß sogar, wenn die Kolonisation, die wir treiben, schon aus dem Stadium des Experiments herausgegangen wäre — was sie noch nicht ist — ihr Tempo ein so langsames ist, daß eine Majorität auf diese Weise zu erreichen, etliche Jahrzehnte verlangen würde. Dabei darf man nicht vergessen, daß das bißchen Kolonisation, das wir haben, noch jetzt ein unbewiesenes Experiment darstellt. 4. Es ist mir auch kfar, daß, wenn sogar die Kolonisation, die wir jetzt treiben, gelingen sollte, unser Land so klein und dabei so wenig Land vorhanden ist, daß wir vielleicht niemals eine Majorität erlangen werden, wenn wir dieses System der Kolonisation bcibchnlten. Oder seihst wenn wir sogar eine Majorität im Lande bekommen, würden wir schließlich doch nur ein so kleines Ländchen haben, das neben der gesamten jüdischen Bevölkerung ein Tropfen im Meer sein würde. Ich muß gestehen, ich habe ein größeres Verlangen und für mich stellt das Judcnland ein ganz anderes Bild dar. Alle diese Punkte sind mir klar -und ich frage mich, wie können wir aus der schweren Lage, in der wir uns jetzt befinden, in naher Zukunft herauskomincn? Ich beneide diejenigen, die keine Fragen haben, dis zufrieden sind mit der ruhigen ״Stimmung, die schon seit Jahren glücklicherweise in der Bewegung herrscht" und nicht fühlen, daß unsere Sache auf einem feuerspeienden Berge stellt. Sie sind mit der Bewegung zufrieden, als ob die Bewegung das Ziel sein soll; für mich ist die Bewegung nur ciu Mittet zum Ziel. Ich gestehe, icli bin über die Lage beunruhigt. Und noch etwas: ich kann nicht vergessen, wie weit wir uns von unseren ersten Beschlüssen entfernt haben. Schließlich bestellt jetzt meine Aufgabe, ob dankbar oder undankbar, darin, das Gedächtnis vieler unserer Genossen aiif/utriseiicn, die doch bedenken sollen, daß es vor vier Jahren für uns alle sclbstvcrständlich war, daß wir wenigstens 30000 Juden jährlich in das Land bringen! müssen. Das war schon eine KompromiBzahi, denn die Maximaliston haben mehr als 50 000 und 100000 verlangt; daß wir in den letzten fünf Jahren nicht 150 000, sondern nur 30 000 hcicingebracht haben, — daß cs vor vier Monaten eine Zeit gab, wo die Zahl der Einwanderer niedriger als die Zahl der Auswandemden war tnd daß schließlich der Zuwachs von 8000 Juden im Jahr fine Niederlage bedeutet, ist klar, denn der natürliche Zuwachs der Araber beträgt minimal berechnet 12 000, andere behaupten 15 000, das heißt, daß sic uns direkt um einige tausend jährlich überlegen sind. Es ist wahr, daß wir in den letzten paar Monaten eine gesteigerte Emigration hatten. Aber diese ist nicht Infolge unserer Vorbereitung gekommen, sondern ausschließlich durch die Not der Massen in Polen. Und ״egen diese Emigration werden Bedenken erhoben und diese Emigration ist auch nicht für die Dauer, denn wir sind nicht darauf vorbereitet, sic cinzuordncu; in unser jetziges Muster passen sic nicht herein und wir haben bis jetzt auch kein anderes Muster geschaffen, daß wir die Not unserer Massen für den Aufbau Palästinas benutzen sollen — die einzige Rettung für die jüdischen Massen. Ich habe, das ProMent aufgealellt und obwohl man mir immer und immer erwidert: ״Geben Sic uns Daten, beweisen Sic tim mit Zahlen, wie Sie das machen werden," möchte ich doch als Laie, aber mit gesundem Menschenverstand und mit einer gewissen Kenntnis des Aufstieges der neuen Länder oder Gegenden in der Welt, induktiv sagen, daß wir In Palästina, wenn wir uns nicht mehr bloß auf das Luid orientieren und eine ganz Ideale Kolonisation treiben, Wie wir »Ins jetzt tun, sondern 1111« mich industriell orientieren und, wenn nötig, auch sofort die hyperidcnlen l'ordemngen fallen lassen — die Majorität in einem kurzer! Zeitraum, vielleicht schon in zehn Jahren, herbei führen können. Ich fordere mit anderen Worten: Industrie-Ideologie, das heißt, wir müssen Kreditgewährung für die Industrie schaffen. Da', kann durch Aufforderung unserer Bankiers, unserer Wohlhabenden geschehen, die das Wesen des Kredits kennen, daß sic der Industrie Kredit verschaffen und direkt gewähren sollen. Ich fordere mit anderen Worten, daß genau so, wie wir Chnluzim für das Land von unserer Jugend verlangt haben, wir auch Cliaiu/im von unseren Bankiers, Cliahizlm des Kapiials verlangen sollen. Wenn Kreditinstitute ihren Dienst leisten sollen, müssen sie Prozente nehmen und Einzahlungen und müssen auf kommerzieller Basis begründet sein. Das tut auch die Arbeiterbank, die von sozialistisch bewußten Personen geschaffen wurde. Andererseits aber muß cs klar sein, daß unsere Kapitalisten, wenn cs sich nur um Geld handeln sollte, augenblicklich nicht nach Palästina gehen werden. Dafür gibt es momentan günstigere Plätze. Es muß ein großes Maß Idealismus dabei selti. Wenn wir sie rufen, aufklärcn und auffordern, bin Ich sicher, daß sic kommen werden, denn meine Uelierzcugung ist, daß der Idealismus und das jüdisch-nationale Gefühl nicht nur unter den Arbeitern, sondern — prozentual gerechnet — auch unter den Kapitalisten 1»11d Wohlhabenden genau so zu linden ist. Wir halicn Chaluziin unter der Jugend gefunden und wir werden, wenn wir Propaganda dafür treiben, auch Chaluzim unter den anderen Schichten finden, aber man muß Propaganda treiben, und zwar eine Propaganda, die den! Objekt angepaßt ist, das mail sich als Ziel stellt. Es ist daher notwendig, daß wir die Möglichkeiten, erforschen, Materialien sammeln, das Material verbreiten, cs den Interessenten zustcllen und die Listen der Interessenten sammeln. Bis zu einem gewissen Grad sollen wir wissen, mit weichen Schichten wir in unserem Volke zu rechnen haben. Bis jetzt haben wir auf diesem Ocbictc nichts getan, darum die kläglichen Resultate. Ich behaupte, das kommt daher, weil wir keine Industrie-Ideologie haben, daß die meisten von uns von vornherein der Ueberzeugung sind, daß Industrie eine Sache der fernen Zukunft ist, daß dafür jetzt tmr sehr wenig getan weiden kann und deswegen sind wir mit den Klclnig- Weiten zufrieden, die wir tun. Würde eine andere Ideologie herrschen, hätten wir weit mehr erreicht. Es ist auch wichtig, daß wir uns viel ernsthafter mit den beiden Elementen beschäftigen, die die Vorbedingungen für die Industrie schaffen: die Elektrifizierung und der Hafen, und sie rascli zu einem Abschluß bringen. Das wird neue Perspektiven eröffnen, die wir jetzt gar nicht übersehen können. Bis jetzt wurde an diesen beiden Dingen nur sehr i'iipsam gearbeitet. Wir haben sie dem Lauf des Schicksals überla-sen. Ursache: das Fehlen der Industrie-Ideologie. Wir sollen auch vielmehr, als. wir cs bisher getan haben, für den Absatz sorgen. Viele unserer wilden Theorien sind, so möchte ich sagen, ein direktes Resultat des Mangels an Sorge für den Absatzmarkt. Würden wir darin versorgt sein, würden unsere alten Kolonien ganz anders atisschcn und wir hätten mich kein schweres arabisches Arbclterproblem. Für mich Ist es klar, daß unser Markt mir ein Markt für Spezialartikct sein kann, den man ancli schaffen kann. Denn für die Produkte eines so kleinen Liindchcns Lst In der Weit noch Platz vorhanden, ohne ernste Konkurrenz, Wenn wir nur die Artikel entsprechend behandeln; bei solchen Arbeiten würden die jüdischen Arbeiter wahrscheinlich Beschäftigung finden und cs wäre nicht zu dem ernsten Briidcrstrcit gekommen. Wir haben das aber bis jetzt nicht getan und wir tun cs jetzt auch noch nicht. Es dürfte genügen, ein Beispiet anzuführen, das In der gleichen Nummer der ״Rundschau“! In der der Artikel über meine ״Zersetzungspläne“ (merken Sic sich dasl) enthalten War;״UI״cr, der R״b״k "™ Tabakausfuhr aus Palästina" veröffentlicht wurde. Es wird nämlicii darin behauptet, daß obwohl Palästina nicht mehr als 600000 Kilo Tabak 113t sehon eine Krisis cingcfrcte״ ht. Zu der gleichen Zeit bat Bulgarien, das nicht einmal ein führendes Tabakcxportiaiul ist eine Ernte von etwa 50 Millionen Kilo gehabt. 40 Millionen Klio wurden davon ,׳ungerührt und diese Ausfuhr Ist nicht allzu groß. Warum haben wir eine Krisis bei einer 50 unbedeutender! Menge und obwohl unser Tabak wenigstens nicht schlecht Ist? Nun muß sogar die Redaktion selbst zugeben, ״daß es stell hu Falle Palästinas weniger um ein Problem der Ueberproduklion als der Qualität und Ausfuhr- Organisation handelt, dem man allerdings die ernsthafteste Aufrncrksamlccit zuwcmlen muß'•. Man gibt also zu, daß mau diesen Fragen bis jetzt die Aufmerksamkeit nicht zugewandt hat. In der Tabakinduslric kann man, wenn man industriell orientiert wäre, sehr viel tun, aber wir sind doch für die Industrie so wenig begeistert und schert als Gespenster vor uns immer nur Lodz und Bcrditschew! Wir haben also auch auf diesem Gebiet schon manches vernachlässigt. Soll das weiter so bleiben, oder habe ich recht, wenn ich sage, wir brauchen eine Umwertung der Werte? Noch etwas: Wenn wir uns mit der Industrle-ldeologl« beschäftigen, so sollen wir schließlich das Wort Industrie auch richtig verstehen. In allen Artikeln, die ich gelesen habe, in denen über Industrie in ironisierendem Ton gesprachen wurde, werden zwei Behauptungen aufgcstellt: eine, daß die Industrie mit den Materialien des Landes verbunden i*t und gleich darauf werden die Rohstoffe, Eisen, Stahl, Kohle und all die anderen, die Palästina nicht hat, erwähnt und zweitens wird mit viel Pomp und Nachdruck über das Hinterlaud gesprochen. Alle Länder haben Hinterländer mit einer großen Bevölkerung von Konsumenten und wir nicht. Darauf Ist zu erwidern: Wenn Bulgarien z. B. 59 Millionen Kilo Tabak hat, führt es 49 Millionen aus und behält bloß 10 Millionen für den eigenen Bedarf zurück. Halten wir uns im Punkte Tabak an Bulgarien, dann haben wir ein Recht, von 40 Millionen Kilo zu sprechen. Wenn man unsere Ironiker hört, so wollen sic uns die ganzen 40 Millionen absprechen, weil wir keinen eigenen Markt für die 19 Millionen haben. Warum sollen denn die 10 wichtiger sein als die 40? Alan muß auch bedenken, wenn wir die Menschen haben, die für den Export die 49 Millionen schaffen, werden wir schon für ein paar Millionen Kilo Raucher im Lande haben. Der Export wird also auch im Inlandsgebiet Absatz schaffen. Es ist nicht wahr, daß die Länder, die auf Industrie an• gewiesen sind, die meisten Menschen in den Großbetriebe* beschäftigen, Ein flüchtiger Ueberbiiek der Industricländci wird zeigen, daß viel, viel mehr Menschen in den Klein• industriell als in den Großindustrien beschäftigt werden. Wen* mau auf Klein Industrie zu sprechen kommt, ist cs für midi schwer verständlich, weshalb wir in Palästina nicht in abschbarer Zeit eine Klcinindusirie schaffen sollen und weshaii! wir das nicht in der Gegenwart machen können. Es ist auch nicht richtig, daß die Industrien immer mit den Roh• stoffen des Landes verbunden sind. Man kann dabei auf eine Reihe von Industrien in vielen Ländern Hinweisen, die die Rohstoffe von draußen beziehen und die doch herrschend in der Welt sind. Die Kritiker erwidern darauf, daß wir augenblicklich noch nicht die fälligen Handwerker dafür haben, Selbst wem! das zutreffen sollte, so kann das doch erreicht werden. Es dürfte genügen, zu erwähnen, eiaß die Juden in vielen Industrien, bei denen es sicii um Genauigkeit, Geduld und Ausdauer handelt, die wichtigsten Positionen clunchmcn. Würden wir unser Augenmerk darauf richten, würde die 1 nduslric-ldcologie bei uns herrschen, würden wir schon lange aul diesem Gebiet viel geleistet haben. Natürlich werden wir hierin niemals etwas lei;,ten, wenn wir nicht anfangen. Wir werden nicht schwimmen lernen, wenn kein Wasser da ist. Aber wenn wir anlangen, werden wir schnell gute Resultate erzielen, denn schließlich handelt es sich hierbei nicht um «ine Umstellung des Charakters der Juden; es Ist ja In Uebetcinstinummg mit ihrer Psychologie und ihrem Wesensinhalt, ganz anders, als wenn cs sich um Landarbeit handeln würde. Deutschland ist nicht ein Land der Chemie geworden und beherrscht durch seine ehern Ischen Produktionen die Welt, weil die Rohstoffe dafür in Deutschland vorhanden sind, son- *lern cs Ist nur ein Resultat von Deutschlands Wissen und י—■ — ■iw ׳״— .»lj. ׳״ .׳.׳״i■״;״1׳ .. Vorlesung ArUmr Ilolitschcr j . * Sonntag, den 23. November, las Arthur Holitscher In der Ewer-Buchhandlung vor einem zahlreich erschienenen Publikum aus seinem neuesten Buche ״lebeusgcschichtc eines Rebellen" einzelne Abschnitte vor, die den Kapiteln über seine Jugendzeit entnommen waren. Einleitend gab Hoiilsclicr eine Erklärung, warum er den inneren Zwang empfunden bähe, jetzt seine Lcbcnsgcsehichtc zu schreiben umi damit ״einen Strich unter seine bisherige Existenz zu ziehen". ״Das Leben eines Menschen ist nach Hebbel ein Versuch zu einer Form zu gelangen." Hoiitscliers l.cbciisgescliichtc soll dartun, wie sich der innere Weg des Autors von dem engen Bezirk jüdischen Patriziertums hinaus in die Freihet eines vorurteilslosen, wahrhcitssuclicnden Menschen gestaltet bat, Enttäuschungen persönlichster Art und die große Enttäu• schung des Weltkrieges, sowie das große Erlebnis Rußland, bedingten, daß Hoiilsclicr den Anfang eines neuen Lebensibschnitfcs für sich als gegeben erachtete. Ohne Nationalist m sein, bedeutete für den Autor der Besuch Palästinas und das Kennen lernen dos in Entstellung begriffenen neuen jüdisclien Typs auch eine Verheißung in jüdischer Beziehung. Mach all diesen Erfahrungen und Erlebnissen reifte In Hobt- *eher die Erkenntnis, daß er an einer Lebenswende steile, deren Oreiuc gegen die Vergangenheit durch sein neues Buch gezogen ist. Die Abschnitte, die Holitscher hierauf zur Verlesung brachte, behandelten hauptsächlich seine Kindlicllsbeziclumgcn für jüdischen Umwelt, die sich ihm in der Familie und im Ghetto des Heimatsortes St. Emmerich •offenbarten. Damals rchon empfand er die blutmäßige und schicksalhafte Verjrnüpfung mit seiner Sippe, von der er sich innerlich bereits •וי der frühesten Jugend gelöst fühlte. Die ersten Kapitel der Lebensgeschichte lassen ahnen, daß der Autor, einem '‘jitegorisdicn Imperativ folgend, unruhcvoll durch die Welt dchen wird, um seine Lebensform 7m finden. Das Streben ״»eit Erkenntnis und Wahrheit ist bei Holitscher vor allem rtb'wch bedingt Das Pathos seines Lebens trägt jüdische Züge. Njcht wir der Meinung wären. Streben nach Oe- **chtigkeit ks Leben des Eln/ehictv und der Gesamtheit sei ausschließlich jüdische Eigenart — aber die Ueberempfind- Uchkcit für jede Art Unrecht und Unwahrhaftigkeit ln der Welt kommt bei Juden häufiger vor als bei anderen Menschen. Der kultivierte liöchststclicndc Jude ist geradezu ein Seismograph, der erzittern muß, wenn irgendwo eine Erschütterung des Rechtes und ein Sturm für oder gegen die Freilich zum Ausbruch gelangt. Nicht so sehr der Inhalt als die Art des Erlebens maghen den Juden ans. Holitscher ist nicht nur als Mensch und Europäer sondern als Jude aufzu fassen. Die weitere Entwicklung — er steht auf der Höhe des Lebens — wird die jüdische Eigenart seines Wesens vermutlieh in noch stärkerer Welse in Erscheinung treten lassen: scliiackenlos wird sein Drang zur Gerechtigkeit als Domi- 1:nntc sem Lebenswerk kennzeichnen. M.W-n, Ela Fraacabucir) Diesem Buch, In dem ein in der Gegenwart vielgenanntcr Mann des öffentlichen Lebens mit zarter, ergreifender Schlichtheit und doch wunderbar lebendiger Darstellung das Leben der ihm seelisch und geistig 80 nahestehenden Frau gezeichnet hat, muß man weite Verbreitung wünschen, schon um der Sache willen, welche es vertritt. Es ist vielleicht unwichtig, daß die Frau, deren Entwicklung in dem Buche darecstcllt ist, die Gattin Macdoimlds war; bedeutend scheint der Weg, den diese Frau gegangen ist unabhängig von allen Tagesfragen •der Welt. Aus einem streng abgegrenzten konservativen Milieu kommend, wie es nur in der englischen Gesellschaft denkbar ist und wo Religiosität ein 1 lauptgut ältester Tradition ist’ verlebt Margaret Ethel Oladstone eine sorglose, hebevoll behütete Jugend. Die ganze Erziehung, die das Kind genießt, ist darauf zugeschnitten, die Dinge dieser Welt als gegeben und unantastbar hiiizunclimcn. Frühzeitig wird das junge, sehr empfindsame Mädchen durch weite Reisen mit der Welt bekannt. Die l.< ndoner Schule und spatere Fortbildungskurse vermitteln ihr umfangreiche Kenntnisse. Margaret Ethel Macdonald. Von J. Rattrny Mac- I Ein Lebensbild. Uebersetzt und mit einem Nachwort nmitseli. Berlin 1024. F. A. Hcrblff Verlag. tcrcssant ist die immer wieder hervortretende Neigung 1 einem Leben im Dienste der Kirche. So wird Margaret iadstone in jungen Jahren Lehrerin an einer Sonntagsschule St. Man• Abbots, wo sic früher schon jahrelang liebe- )Ile Hilfsdienste bei den dort erzogenen Kindern geleistet 1t. Aber hei alt der scheinbaren Befriedigung tritt immer etlicher die ungestillte Sehnsucht hervor, die sie schließ- :11 — auf vielen Umwegen — dorthin führt, wo ihr Innerste» Zcsci» von Natur aus verankert war: zum Volk. Rührend sind e in dem Buch abgedrucktcu Notizen aus Tagebüchern, wo 1s Zuriickschrcckcii vor der ״Masse“, den ״Tagedieben", die an bet einer Demonstration gesehen hat, beschrieben wird, her ein unwiderstehlicher Drang zieht »ie immer wieder 1 dieser Masse und sdillgOligh sieht sie die Dinge mit eigenen ugen von einer neuen Seite. Nun stürmen Eindrücke über indrücke auf das junge Mädchen ein und ihre Beobachtungen ssen sic bald erkennen, wohin sie gehört. Sie wendet sich lit ganzem Herzen dem Sozialismus zu und bleibt min Ihr anzes Leben der Sache der Arbeiter dienstbar. Man hält •ährend des Lesens den Atem an und begreift nicht, wie :׳•sc Frau, die bald darauf die Gattin von Ramsev Mae• oimld wurde, so viel Kraft fand, um all die mühselige ,rbeit des Recliorchiercns, der Aufklärung unter abgcstuinpf- '11 und unwissenden Massen, Beratern; usw. zu bewältigen, nd zugleich die beste Hüterin und Freundin ihrer Kinde! u sein. Die Womens Labour Leaguc ist von Ethei Mac• onald ins Leben gerufen worden, deren segensreiches Wirken owolil auf politischem wie auch auf humanem Gebiet bekannt;t. Wem: man sicht, wie das Lehen dieser Frau ausgetüllt rar von redlicher Forschungsarbeit, beharrlichem Bestehen ut der Durchführung des für erforderlich Erkannten; und uglelch immer wieder die Züge einer einzigartigen Helferin |s Frau Mutter und Freundin Hunderter hervorirden: dann vünscht man, dieses Buch möchte auch bei uns clndringctt ind als das erkannt werden, was cs In Wahrheit darstcllt: in Vorbild für den kommenden Typus der Frau, die an de! -iilwicklung einer besseren Zukunft der Gesellschaft mit• chaffend tciliiimmt. Und wo bedarf ein Volk dringende! ücscfi Typus als bei uns Juden der Gegenwart, die ein ׳roßes werk des Aufbaues zu vollbringen haben! Dänin nuß dieses Buch Jüdischen und zionistischen Frauen warn :mpfohlen werden, Martha Welt sch. I j I יו. 1* i 1 )