Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 89 (7.11.1924)
- Date
- 1924-11-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2652595-2652677--16147-2675516- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 630 f U EDISCHE RUNDSCHAU dicrien Teiles des Jischmv (hierzu gehört eigentlich nur die. Arbeiterschaft, die Lehrer und gewisse Kfeis« der bür״.erlichen Intelligenz) lassen die Gefahr des Heberwtidierns dieser hcdcnkliclicn Tendenzen;mlterst be• drolilieli erscheinen. Die Zionistische Organisation muß eiligreifen, che cs zu spat ist. Damit soll nicht gesagt sein, daß mau den neuen Linwamiereru Moralpredigten hnlten soll, die wahrscheinlich keine große Wirkung hätten. Sondern viel wichtiger ist es, daß dio Organisation in vollem Bewußtsein .!er ungeheuren Schwierigkeit der Aufgabe, die ganz gar nicht zu losen ist, die Regulierung und Organisierung auch dieser Einwanderung in die Hand nimmt. Dies laßt sieh nicht zwangsweise durchführen, nondern cs iniisseu Institutionen geschaffen werden, die für sich selbst sprechen, die durch ihre nutzbringende Tätigkeit das Veitrauen der neuen Einwanderer gev,•innen. Fs müssen gesellschaftliche und kulturelle Maßnahmen getroffen werden, die eine Einwirkung auf die neuen Einwanderer erleichtern, ln erster Linie müßte diese Tätigkeit sieh auf das wirtschaftliche Gebiet beziehen. Eine verantwortliche wirtschaftliche Instanz, bestehend aus fachmännisch geschulten, urteilsfähigen und vc,t:71u- ***swünligen Personen, ist heute mehr denn je das bren- Cl’ttde Gebot der Stunde. Der Beschluß der letzten A. C.- Sitzung, den Wirlschnftsrat, der in London zu vollständiger Untätigkeit verurteilt war, nach Palästina zu überführen, ist bisher nur zum Teil durchgefülirt worden. Seine Ausführung müßte beschleunigt werden und der Wirtschaftsrat müßte cs sodann als seine erste dringendo Aufgabe betrachten, geeignete Personen für die hier a!!gedeutete Tätigkeit hcranzuzichcn. Palästina ist ein Land, daß keine wirtschaftliche Anarchie verträgt. . Ein maßloser Konkurrenzkampf von Händlern aller Art gegeneinander würde dem Lande nichts nützen und die Händler selbst wahrscheinlich zugrunde richten und bald zur Auswanderung zwingen. Aller Scharfsinn und alle Betmiliung muß aufgewendet werden, um die ins Land gcströmten Energien in die Kanäle produktiver Tätigkeit zu leiten. Auch dann werden wahrscheinlich noch einige dieser Privatunternehmer Seliiffhruch leiden, wie es unter den gegebenen Verhältnissen in wirtschaftlichem Neuland nicht anders möglich ist. Aber das, was gcschaffen wird, wird dein Lande und der Gesamtheit Nutze!! bringen. Die Produktion von Gütern und Werten wird die Aufnahmefähigkeit des Landes vergrößern. Durch die beratende und helfende Tätigkeit der offen tliehen Instanzen müssen die Einwanderer überzeugt werden, daß ihre Anlehnung an die Gemeinschaft eine unentbehrliche Bedingung ihres Erfolges im Lande ist. Auch die verhältnismäßig großen Kapitalien, die von diesen Leuten mitgebracht werden, könnten dem Lande nutzbar gemacht werden, wenn die Einzelnen auf ihre mißtrauische Isolierung verzichten und eine öffentliche lind fachkundige Instanz vermittelnd hinzutritt. Die Erteilung von Auskünften über die ׳ Besonderheiten des Landes, IJcbcrmitfiimg von Forschungsergebnissen und Erfahrungen, Erleichterung des Kredites bei Vorhandensein der hierfür erforderlichen Bedingungen, dies alles sind öffentliche Aufgaben. Wir verhehlen uns nicht, daß zur Erfüllung dieser Funktionen viel Arbeit, Selbstbcherrschung mul Geduld notwendig sein wird. Aber diese׳ Eigenschaften zu entwickeln, ist auch eine Art Chaluziutli. Wenn die öffentlichen Organe — einerseits der zionistischen Organisation, andererseits des Jischiny — durch diese Tätigkeit das Veitranen der Immigranten gewinnen, dann wird vielleicht der Weg offen sein, auch die Widerstrebenden unter ihnen in nationalem Sinne zu beeinflussen. Diese nationale Einwirkung ist aber geradezu eine Existenzfrage des Zionismus. Wir müssen damit rechnen, und wir wollen dies auch, daß die Einwanderung dieser Art auhült, obwohl es klar ist, daß zumindest ein Teil wieder zurückwandern wird, wie es in allen Ländern :intiirliclicr Immigration stets der fall war. Aber doch wird dieses Element im Lande zunehmen und wenn cs licht gelingt, ihm den hebräischen Stempel auf?udrüclu11׳, lann wird die größte Errungenschaft unserer Aufbau- '!'beit bedroht. Schon hören wir, daß die Kinder der ^icueingcwandcrten die Schulen der Alliance in Jaffa öllen. in einer Versammlung verlangte ein Vertreter 1er neuen Immigranten, die im Uandc eine jiddische Leitung gegründet werden soll. Das gegenwärtige Schulverk ist kaum der Auf,gäbe gewachsen, einen dauernden -ustroin von Einigrantcnkimlern (die dritte Alijal! war ״imlcrips!) aufzunehmcu, zumal die Kenntnisse der Sprache dann sehr verschieden sind, und die verscliiedenen Altersstufen kaum Anschluß finden können an ihre bereits seit längerer Zeit im Lande erzogenen Karneradcu. Für diese kulturellen Bedürfnisse muß vorgesorgt werden. Auch für die erwachsene Generation, soweit sie einer Erziehung und Belehrung zugänglich ist, müssen geeignete Veranstaltungen getroffen werden. Es wäre sehr traurig, wenn die hebräische Sprache sich nicht die Achtung und den Ernst erzwingen könnte, die ihr gebühren. Aber nicht durch leere Demonstrationen kam! das geschehen, sondern durch Weckung des guten Willens und durch Schaffung der geeigneten Einrichtungen. Und vor allem darf nicht vergessen werden, daß es neben der neuen Immigration noch inipicr Hmidertc yon Clialuzim gibt, die an die Tore des Landes pochen. Durch die Vergrößerung unserer nationaler, Mittel muli dafür gesorgt werden, möglichst viele von solche!! Ein- Wanderern ins Land zu bringen, die ein in nationaler Hinsicht unbedingt zuverlässiges Element darstelleu. Je mehr wirkliche Zionisten aller Schichten ins Land konimen, umso stärker wird der nationale Geist im Lande Reit». Und dieser nationale Geist wird siege!!. R, W. nie 5נ'י״::!ג״ /V,;tor.׳'nle In IIfr.**נ׳״ Die letzten Nachrichten, die aus Lllaucii kommen, lassen crkrmu'ii, <1.115 sich die Lage der Juden in dim.em kleine״ immle sowohl als Gemeinschaft wie auch für jeden einzelnen sehr zum Argen verändert luvt. In de« Tagen, da das zur Freiheit erwachte litauische Volk gegen die Widerstände seiner Nnclibarn, Polen und Russen, sowie gegen das Mißtrauen der Großmächte zu kämpfen halte, und cs fraglich war, oh das in den Stürmen der Revolution von 1017 und 1918 entstandene junge Staatswescn eich halten könne und allgemeine' Anerkennung finden werde, waren cs hauptsächlich die litauischen Juden, die in engster Solidarität mit dem lü.iiikdiai Volke, alle Kräfte cinsetzien, um dem neuen litauischen Staate Sympathie und Anerkennung ln der ganzer! Welt zu werben. Im ersten Rausche der Frciheilsbcgcistorimg begrüßte das Utaubclic Volk die Mitarbeit seiner Juden und lohnte diese« für den junger! litauischen Staat außerordentlich wertvolle Wirken durch fast restlose Anerkenming der jüdischen I'orderungeii, Als erster der neu entstandenen Staaten in Osteuropa gewährte Litauen den Juden die personal-nationale Autonomie, gcnckmigle die Organisation eines jüdischen Nationalrate«, anerkannte die Rechte der jiddischen Sprache und schuf ein besonderes Ministerium für jüdische Angclcg c 1! hc i tcn. Litauens Beispiel wurde von den Juden der ganzen Welt allen Völkern vorgchaltcn und die jüdischen Sympathien wandten sich dem Lande zu, das so viel Verständnis für di«: gcreclilcu Fonlenwgci) der Jude« bewiesen hat, Neifivoll blickten insbesondere die Juden Polens auf Litauen, wo die jüdischen R-cchte‘ im ersten Ansturm volle Berücksichtigung gefunden hatten. Mittlerweile haben sieh jedoch die Zeiten geändert. Litauen hat nach schweren Kämpfen mit seine« Nachbarn Frieden geschlossen. Der junge Staat ist allseits anerkannt und Mitglied des Völkerbundes. Zwar ist Wilna den Polen zu gesprochen worden. Trotzdem kann man sagen, daß Litauens Grenzen konsolidiert sind und daß Litauens Bestand, menschlicher Voraussicht nach, wenigstens bis zürn nächsten größeren Zus.unmcnprall der Interessen der osteuropäischen Völker, gesichert ist. Die Unterstützung der Juden Ist demgemäß im Augenblicke in außenpolitischer Beziehung für das litaiii clu׳ Volk überflüssig. Aus dieser Tatsache haben die Litauer die Konsequenzen gezogen. Vergessen ist die Zusammenarbeit mit den Juden aus den Tagen des Selbstiimiigkeitskmnpfcs, vergessen sind die verschiedenen Vcrsprechenden, die -man den Juden in Litauen gemacht hat. Die Vertretung des litauischen Volkes Im Kownoer Sejm beeilte sic'•, da die Juden nicht mehr als Unterhändler und Sympathiewerbcr tu der ganzen Welt In Frage kommen, da sie bereits Verbindungen für das litauische Volk niigcknüpft und «lern jungen Staate moralischen und finanziellen Kredit gesichert haben, die Errungenschaften des jüdischen Volkes aus den Jahren!018—1920 ahz.nbnuen. Zunächst wurde via facti das jüdische Ministerium aufgehoben, Indem der Sejm eien Etat dieses Ministeriums nicht genehmigte. Dann folgte die Auflösung des jüdischen Nationalrntes. Hierauf wurde ein Verbot erlassen, die jiddische Sprache als glcichberechtigte Sprache eines Minorität« Volkes in der Oeffcntlichkeit in Erscheinung treten zu lassen: alle jüdische» Geschäfts- seUilder• wurden verboten. Schließlich ■erfolgte ■in Sejmausseluissen dte Aberkennung,des öffentlichen- Charakters der jüdische!! Gemeinden. Diese, sollen fortan vielmehr als private Vereinigungen gelten, denen eins Steucrrecht für jüdische Zwecke entzogen wird. Kurz gefaßt; die Juden Litauern sind nicht nur aller Rechte beraubt, die sic nach der Revolution von 1917 erworben haben, sondern auch jener Institutionen, die zu Zeiten der zaristischen Regierung bestanden haben, Allerdings meinen viele litauischen Juden, daß do.se Mißachtung der wohlerworbenen jüdischen Rechte nur zeitweilig sei, da die gegenwärtig nntiseniUiscli-rcaktionSre Mehrheit des ]dänischen Sejms sich nicht lange an der Herrschaft zu erhalten vermöge, da die zwi-.d'cn der Sejmwähl 11ml den letzten antijndlselien Beschlüssen in Litauen vorgekommencn Gemeinderalswalilen ein starkes Anwachsen der linken litauischen Parteien gezeigt haben. Möglich, daß!Lese Auffassung richtig ist. Die Tatsache Weiht jedoct! brsli lien, daß die litauischen Juden und mit Ihnen das gesamtc jüdische Volk wiederum eine derbe Lektion erhalten haben, aus der eine prinzipielle Nutzanwendung zu ziehen Ist. 1' ■' zionistische Partei in den Ländern mit jüdischer Mnsscnbevölkeruiig ist immer für den Kampf um die jüdischen Rechte in diese!! Ländern eingetreten. Sie hat sich jedoch ungleich den andern jüdisch-nationalen Parteien, den VolkLlen und Btiudisteii, von dem Fehler fcrngchaiten, in diesem Kampfe für die nationalen Rechte im Go!us und seitost in der Erreichung von Anerkennung dieser Rechte in Form einer gewährten Autonomie die endgültige Lösung des Jiideiiproblems fm G0I1» 7.11 erblicken. Diese Auffassung ist wieder einmal durch die Tatsachen .11־b richtig bezeugt worden. Der Rückschlag 111 der Entwicklung der nationalen Erwerbungen in Litauen hat danui^ auf die Zionisten nicht niederschmetterndי gewirkt, Sie wissen, daß die Erlösung der Juden eine Angelegenheit ■der Juden selbst und nicht ein Geschenk der Völker, in . deren Mitte sie leben, sein kann. Darum sind die Zionisier) in Litauen in keiner Weise vcrz.wcifdt timf eifrig arbeiten sic an der Erfüllung der zionistischen Aufgaben, die immer im Mittelpunkte ihrer Interessen uml ihrer Betätigung gc- Ständen haben. Daß die Politik des litauischen Volkes den Juden gegen» über nicht dazu angetan ist, das Vertrauen zu Litauen im ■der Welt zu stärken, davon werden sich die antisemitische!) litauischen Staatsmänner wohl ln der nächsten Zelt über» zc-ugeu können. Die litauischen Juden sind keineswegs gewillt, kampflos die erworbenen Positioner! aufzugehen, sic werde!) siel! an den Völkerbund^ und au die öffentliche Meinung der Welt wenden und Erfüllung der berühmten litauisch«) Deklaration von!919 fordern, Litauen stellt nicht Isoliert in der Welt da und kan!! auf die Unterstützung aller seiner Staatsbürger, sowohl iniicrpolilisch wie auch außenpolitisch, nicht verzichten. Noch weniger kam! sich Litauen den Lnxu) leisten, vor (km Völkerbund als Wortbrcchcr dazustehen, denn dio Maßnahmen des־ Utauische.it Sejms widersprechet) dem VöIkcibiiiKlpakf, den Litauen laci seinem Eintritt in diesen Fund angenommen hat. , Kennzeichnend für die ganze , Entwicklung Ist die Tatsuche, daß Dr. S. Rosen 11,mm , der Litauen bei Friedens- Verhandlungen!nit andern Staaten vertreten, der bei der Organisation der litauischen Republik initgowlrkt, ,der einer Nr. &t! def Schöpfer dr« jüdischen Natlonsralcs und der jütlhc;)ts Autonomie in Litauen gewesen ist, <Ier schließlich ab .\VmisteT für jüdische Angelegenheiten der Repräsentant des litauüd,^ Judenimns geworden war, jetzt nach den aiitijiiilkcliiti |^ Schlüssen des lilaiiivdieri Sejms nach _ Palästina ii!)״r<ietle;tt1 Drückt sich darin nicht sinnfällig Ziel und Aussicht נ!!~ nationale!) Arbeit un Gohrs aus? ist diese Tatsache nick! ein Symbol dafür, da» die endgültige Lösung des imliviii•* eiten und •llgcuicincn Judcnschicksals nur in (,alasti!« ny״, lieh ist? M. W. Wir jftoQlstcR und der Weltfriedenskongreß Von Erteil Steiniiz, Berlin. Der H. inicrnalionale Weltfriedenskongreß hielt vor kurzem sellie Tagung in Berlin ab. Es war erhebend, ו!ן selten, wie Vertreter der Nationen, die sich vor kurzem noch hckümplt haßen, in dem einmütigen Wunsche sam!nc11kai|«en, den' Nationalhaß z.11 vergessen mul am Ke, ineinsam«« Aufbau der Welt zu arbeiten. Nur eine Nation fehlte, die jüdische. Als ich einem jungen Gesinnung, genossen erzählte, daß ich Mitrdicd ries Kongresses sei, lächelte er spöttisch. ״Es wäre nicht seine Sache, wenn sich die anderen Völker die Köpfe ciiisciilügcn, ebensowenig geht cs ihn an, wenn sie räch gerührt in die Arme sänken,“ Das gab zu denken, denn cs ist leider symptomatisch und zeugt von absolutem politischen Unverstand. Ein ebenso trauriges Zeichen, ja ein reines Paradoxon ist es, wenn man uns Juden Mangel an pazifistischer Oe• sinnung vorwerfen muß. Solange cs Juden in der Welt gibt, solange gibt es Pazifisten. Die jüdische Ethik, die ganze Reihe jüdischer Volksfiüircr von den Propheten über Christus bis zu Landauer zeigt dies deutlich. Gewiß haben auch die Juden ihre Heldcnzcit gehabt. Aber mit dem Alfer eines Volkes wächst sein Bekenntnis 7.um Pazifismus. Und als die Juden vor zwei Jahrtausenden in die Welt gejagt wurden, ging auf sie als heilige Mission die Aufgabe über, eine Ethik in aller Welt zu verkünden, aus der Sozialismus und Pazifismus erwuchsen. Wie viele von uns haben inzwischen die Treue zu ihrer Mission mit ihrem Blute bezahlen müssen! Es konnte einem leicht der Oedanke kommen, daß die Verkündigung dieser Lehren unter anderen Völkern nur Schaden bringen könnte, Schaden für die Lehre und ihre Verkünder, und daß es nur ein Mittel gebe, die Welt von der Richtigkeit zu überzeugen, uml zwar die Errichtung eines Beispiels, aufgebaut auf diesen Grundsätzen. Dieses Beispiel hätte Palästina sein sollen. Daß cs noch nicht so weit ist, liegt an vielen Umständen, die jeder Leser selbst kennt. * Der Kongreß hat mm gezeigt, daß der Pazifismus den Zionismus zuvorgekommen ist. Er ist schneller populär gcworden, wie es ja auch nach der Zahl der Interessenten leicht verständlich ist. Während ich früher glaubte, daß die Ausbreitung des Pazifismus in der Welt abhängc von der Errichtung der auf pazifistisch-sozialistischer Grundlage erbauten Heimstätte in Palästina, liegen die Verhältnisse heute anders. Der Zionismus kann sein Ziel nur erreichen, wenn der Pazifismus durchdringt. So außerordentlich bedaucrlich ich das Fehlen der zionistischen Kreise auf dem Kongreß empfand, so erfreulich war doch die Verhältnis• mäßig geringe Anzahl der jüdischen, Pazifisten, Ich hoffe, daß jeder' diesen scheinbaren .Widersinn versteht. Man konnte Sehen, daß der Pazifismus nicht mehr mir in den Kopfes einiger idealistisch veranlagter ״jüdischer Internationalisten׳' spuke, sondern daß er in die Gedankengänge zahlreicher ernst zu nehmender Menschen Eingang gefunden hatte. Denn wenn cs mich wohl übertrieben war, als Prolessor Scliüeking sagte, daß 50 Diplomaten nach Direktiven seiner Gesinnung• genossen wirken müßten, etwas Richtiges ist doch dabei. Wer gesehen hat, wie besonders herzlich gerade die Vcrtretcr Frankreichs begrüßt wurden, wie man dem dänischen Delegierten Pefcrsen zu jubelte, als cs sich um die Ab- Sendung eines Glückwunschtelegrammes an die dänische Regierung zur Abrüstungsvoriage handelte, wer die leiden- Kchaftlichcn Worte der südfranzösischen Pazifistin Mnrccllc Capy vernahm, die sic der versammelten Jugend Berlins zurief, wer all dies gehört hat uml dann noch glaubt, cs handle sich um bloße Schönredereien, der Krieg lasse sich nie aus der Welt schaffen, der ist wirklich, wie von Schönaieh sagte, ein Narr oder ein Feigling. Warum fehlten wir so ganz auf dieser Tagung? Wo war die zionistische Studentenschaft, die die Konvente bevölkert und glaubt, sich allein durch Paläsliiiakurse und hebräisch Lernen das Reoht auf Palästina zu erwerben und dadurch, daß sie skh möglichst von den andern ahschlicßt? Es gibt unter ihr leider noch eine große Anzahl junger Menschen, die glaubt, das Land mit Maschinengewehren erobern zu können. Wir können nicht scharf genug gegen dieses Treiben Front machen. Es sollte sich doch endlich einmal jeder sagen: Ganz allein können wir Palästina nicht für uns erwerben, materiell vielleicht, ideell nie. Wir brauchen die Aufmerksamkeit und Hilfe der Welt dazu. Pie Welt hat aber noch andere Interessen. Die Ralfour-Deklarntion bat auf die Welt nicht einen so großen Eindruck gemacht wie manche von uns glauben. Wenn wir das einzige Volk wären, daß seiner Freiheit und seines Landes beraubt wäre, gut, dann hätten wir die Mitarbeit Aller auf unserer Seite. Aber wir sind nur eins von vielen. Deshalb müssen wir unsere Ansprüche dort vertreten, wo cs um das Wold und Wehe der kleinen Nationen geht. Wir hätten zum Kongreß einen Vertreter unseres Volkes .«,glucken sollen. Wenn wir daran «lenken, daß auf dem letzten Londoner Weltfriedens• kopgreß der Ohcrrahhiiver von London für das jüdische Volk gesprochen hat, müssen wir deutsche« Zionisten uns um so tiefer schämen. Es gäbe keinen größeren Widersinn als «len, «laß man uns als Chauvinisten bekämpfen sollte. Die Lage des Zionismus \yird in hohem Maße vom Völkerbund, das hei IR, von dem gegenwärtig stärksten Organ des Pazifismus, abhängig sein, Unsere Sache ist dia einer nationalen Minderheit, unsere Streitigkeiten dürfen nur da geschlichtet werden, wo in Zukunft alle Streitig' keitei! der Nationen geschlichtet werden, vor dem Völkerbund. Fridjof Nansen Rat, als er, von stürmischen Rufen der. Begeisterung umtost, vor den Kongreß trat, gezeigt, daß der Völkerbund keine Atrappe, sondern eine bandelnde Macht ist. Und nnr, wenn die letzten jüdisch-arabischen Streitig* keifen vor dem Völkerbund zu einem befriedigenden Ab- Schluß gebracht worden sind, werden wir vor der Welt anerkannt sein.