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Jüdische Rundschau · 1924-10-28 · Heft 86 (28.10.1924) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIX (1924)
Issue
Heft 86 (28.10.1924)
Date
1924-10-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. Bö JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 011 /. 211 V* Uli ne!11( 11- Ci, l< I!h dr 1U he en m »R nc ■d. 11s nd :n!rcn en -ז• 1 n II) יון 1iin nd er th 'ie 7 t pf ct ac cn Bs 11• 1t- >n :rt יש! er hc er zif 1t- 1d 'R lic •זו li• int 1t- >ei eies!ni lic!rc ri'r osf,!n,!n. 1CS ne ». mf :rer 1er 1er :ccn Pf־ :kl lic ■ö• ,וד ¬מי ml 11s ־ff. Oll cn ו׳!־,« ch US •וו! lic In lef £ cn ler als I« aß eit Itinillarrfjeii Von Gerhard li old he i m. Die Wahrheit des Wortes, da() die Utopie von heute ,lic Wiikliclikeit von morgen ist, kann sich nirgends deutlieber erweisen als in «len letzten Entwicklungen der zionistifdien Bewegung. Von der grandiosen Veränderung, die die ' außenpolitische Situation durch Dalfourdcklaratlon und Pa- [,,sliiininandat erfahren hat und «lic nicht zuletzt den Zionisten selbst erst allinahlicli ins Bewußtsein tritt, soll hier nicht die Rede sein. Olt genug ist cs ausgesprochen worden, «iah die viclbcklagtc Unzulänglichkeit unserer Organisation in Hinficht auf den Palästinaaufbau darin ihre Erklärung findet, ciah sie auf die kolonisatorische Aufgabe in keiner Weise vorbereitet war. Und daß keine Pläne vorhanden, daß die primitivsten Voraussetzungen der Arbeit erst nach langwierigen Diskussionen geschaffen wurden - das alles rührt allein daher, daß wir einem idealen Ziele zustrebten, dessen Rcalidcrungsmöglichkcit in unerreichbarer Ferne zu liegen feinen. Auch die erstaunliche Veränderung im innerjüdischen Lager hat kaum jemand vorausgesehen: Es war eine ״Utopie“, zu glauben, daß Führer azionistischcr Organisationen sipli einriial zu gemeinsamer verantwortlicher Arbeit mit dcir Zionisten verbinden könnten. Als Blumcnfcld 1017 den Begriff der ,,Biindm'spoiitik" prägte und als einer der ersten die Notwendigkeit einer Politik betonte, die nicht im Öesinnungs- Kompromiß, sondern in der gemeinsamen Aktion von durch Anschauungen getrennten Gruppen eine befriedigende und sogar eine zwangsläufige Lösung erblickte, da war nicht nur von seinen Gegnern, sondern auch von seinen engeren Freunden der Einwand zu hören, daß hier eine ideologische Konstruktion vorlicge, der die Realität ihre Bestätigung versagen würde. Es ist nicht nur interessant, sondern auch ungemein lehrreich, wenn man in einem Augenblick, wo Entwicklungen dieser Art ihren Abschluß finden, Rückschau hält und begreifen lernt, wie wenig cs ziemt, leichtfertig von Utopien und Unmöglichkeiten zu sprechen. Es gibt wohl ״reine“ Utopien, Vorstellungskomplcxc, die gegen die Gesetze der Logik und der Natur verstoßen. Notwendig ist aber, äußerste Vorsicht walten zu lassen und an die Kraft von Entwicklungen zu glauben, die, durch politische und soziologische Verändcrungen hervorgerufen, frühere Einsichten als überholt erweisen und völlig neuartige psychologische Situationen schaffen. Beiläufig mag gesagt werden, daß die Erkenntnis der Wandlungsfähigkeit von gesellschaftlichen Anschauungen und Bcwnfitscinszuständcn ungemein befreiende Wirkung hat. Im folgenden soll an einigen Beispielen gezeigt werden, wie sich'in uns Zionisten seihst, in unserer eigenen Vor Stellung■ einschneidende Veränderungen vollzogen haben. persönlicher und ökonomischer Natur nicht zu dun ״Rest‘* gehören wird, der ins Land ziirückkeiirt, weil) auch heute jeder. Aber man empfindet die Onliitüpnsition nicht mehr als einen normalen, sondern als einen höchst unnormalen Zustand. Der lebendige Z1!11111;.־־uc11lm11<: mit Palästina bcginnt zu erwachen. I imiihI.׳ und B kannte, die in den letzten Jahren Id.uibcrgcgaiigeii sind, berichten u;m in hileflichcn Schilderungen von der Schönheit des Landen und den Notwemlij'kcilcu des Aufbaues, und sic vervollständigen «law Bild, wenn sie zu vorübergehendem Aufenthalt wieder in Deutschland sind. Der große Towislcnstrom, der sich in diesen! Frühjahr über Palästina ergoß, war ein Auftakt für weitere, durch Organisierung verb lligle Studienreisen. Die Frage d r pctsön'iehe״ Ut bersiediung wird nun auch von denen gestellt, «iie sich «lern Galutli endgültig verfallen glaubten. Wir wollen cs diel! nicht verschweigen, daß von vielen, auch den besten Zionisten, die äußeren Schwierigkeilen der Uehersiedliitsg oft nur — mehr oder weniger bcwußt -- vorgeschoben wurden, um die inneren 1 lemmungen zu verbergen. Die immer stärker zu beobachtende seelische Frciwt rdung von den Bindungen des Galutli zeigt den gar rieht hoch genug cinzuschätzenden Wandel der Entwicklung. Der Jischuw Erez Israels übt eine magnetische Anziehung«- kraft aus, und wer siel! ganz als Zionist fühlt, will teilnehmen an der Erschließung des Landes. Ein zweites Beispiel für die gründliche Wandlung der Struktur des zionistischen Lebens bietet die Stellung zur hebräischen S p räche. Auch liier kann man sagen, daß schon vor dem Kriege die Forderung des Hebräischlernens aufg-stcllt wurde. Aber wie wurde sic durclizufiihrcii versucht? Selbst in den Kreisen, die daipals Träger der Bewegung waren oder sich zumindest als solche empfanden, in den studentischen Korporationen, wurde im besten Falle ein erbärmlich langweiliger Anfängerunterrielit nach den ver- .־iltct.'ii Lehrmethoden erteilt. Man hatte oft den Eindruck, als cb man hiermit vor allem nein Gewissen entlasten wollte. Die Notwendigkeit des Hebräischen auch für «las Galutli wurde einfach nicht begriff'11. Würde in dieser Feststellung ein Vorwurf liegen, 8> müßte er sieh gegen alle von uns lichten. Aber es ist kein Vorwurf, sondern cs Ist nur die Kenii/cichming einer historischen Situation. Man war Pa- Iris ina, man war dem l.bemligen jüdischen Leben viel zu fern, um die I icbraisicrung als Erfordernis überhaupt ctrippfindon zu können. Diese Empfindungslosigkeit bcstaml auch dann fort, als man um die Jahre 101(1 und 1017 auf zionistischeu und K. I. V.cr Tagungen «Iie Notwendigkeit des He* bräischen im Zusammenhang mit der sogenannten ״Konkrctisicrung des jüdischen Nationalismus“ betonte. Man fragte sich, wozu die alte Forderung wieder in nettem Gewände aulgctischt werden sollte, und die Antwort, die manche gaben, war bezeichnend genug. Mir klingt noch heute das Wort ״ncscli.ifiigiiiipsthcrapic “ im Ohr, mit dem ein damals führender Manu des K. J. V. die ״neue Lehre“ begründete. Der Stagnaiion, die das zionistische!.eben durch den Krieg und die llumog'.iclk it einer befreienden Leistung erfahren hatte, glaubte nun dadurch b!kommen zu können, daß man die bisher völlig vernachlässigten ״jüdischen Werte“ hervorholtc und schmackhaft zu machen versuchte. Ls blieb aber auch damals bei der Forderung. Man lernte woiil etwas mehr als früher, aber man erlernte die Sprache nicht. Die Errichtung der hebräischen Sprachschule in Berlin war ein großer Fortschritt, aber der Verwirklichung der hebräischen Forderung war man nicht entscheidend nähergckoinmcn. Es gab mehr Leute, die ,sich hebraisierten“, aber cs waren Ausnahmen, 11ml vor allein: sic winden als Ausnahmen empfunden. Die immer wiederholten feierlichen Beschlüsse änderten nichts au diesem Zustand, und erst, als die Entwicklung sich als reif erwies, trat die Wandlung ein. Heute, wo Palästina Im Brennpunkt des zionistischen Lebens stellt, wo ch einfach nicht mehr möglich ist, ohne Hebräisch die Vorgänge in Palästina zu verfolgen, wo man es als Schande empfindet, Palästina ohne Kenntnis der jüdischen Nafionalsprachc bcreisen zu müssen — erst seit kurzer Zeit beginnt sielt das Hebräische durcimisctzcn. Es gehört keine , Prophetengabe dazu, um voiherztisagcit, daß bald jeder (auch mir im kleinsten Wirkungskreis) fühlende Zionist sich ernsthaft um die bcbräischc Sprache bemühen wird. am Meere, wie der Staub auf Enten, unzählbar und ohne Ernte, Und ich bin natürlich schwer enttäuscht, als ich auf dem zehnten Blatt auch nur die Mitteilung finde, «laß innerhalb der jüdischen Weltziffcr dreizehn europäische Staaten Platz, haben. Demi wenn das in zehn Tagen nicht schneller geht, kann am Jahresende das gewünschte Ziel kaum erreicht sein. Für diese Enttäuschung über das langsame Wachstum meines Volkes aber finde ich reichlich Entschädigung in einigen lapidaren Feststellungen über seine geistige Bedeniu״g. Die Juden, so erfahre ich gleich anfangs, haben «lic stärksten kulturellen Leistungen unter allen Völkern des ctiropäisch-amcrikanischen Kulturkrcisrs mifztiwelsen. Das steht im Kalender, ist also ein Faktum, wie etwa die Mitteilung, daß Toronto ein jüdisches Theater 11.1t. Dies immerhin verschwindet in meinem Gedächtnis, während jener, in mir wächst, meinen Busen schwellen und mich sowohl «las!,eben um mich wie die Bücher um meinen Schreibtisch mit souveräner Verachtung betrachten läßt. Wenn vielleicht in Bezug auf Einzelheiten doch noch Zweifel Bestehen sollten, so helfen mir schon die nächsten Tage darüber hinweg. ״Dal) die Juden“ zum Beispiel ״in der Landwirtschaft so wenig vertreten sind, ist ein großer Vorzug, denn die Landwirtschaft ist der rückständigste aller Berufe.‘' Wie aber, wenn sie »ich so entwickeln sollte, daß auch der KaiciHiermann seinen Spaß daran 11,1 Irea wurde? Dann würden sic ״zweifellos“ eine große Rolle darin spielen. In offenbar nicht so rückständigen Berufen, wie zum Beispiel in der Leitung der Geschicke anderer Völker, spielen sic diese Rolle sogör schon jetzt. Nicht nur daß der Regent von Abessinien sein I Icrrscherliaus von Salomo ableitet, ׳,״dich“ (dies ״auch“ ist von einer stilistische» Feinheit, die zum inhaltlichen Genuß deit ästhetischen kommet' läßt) Lord Rcacling, Moutagu, Trotz.kl und Eisncr — Ich habe keinen ausgelassen — lenkten und lenken die Oeschickc der Völker. Ls ist nicht mehr als gut eine Woche, und schon haben mich soviel Glanz und Größe umnebelt. Wahrhaftig, die Weit wird schöner mit jedem Tag*, ich weiß nicht, wie das enden mag. Als letztes B.i-picl dafür, wie sich öffentliche Stimmung entscheidend ändern kann, sei der Keren llajessod genniint. Auf «Iie erste B geisteriing, ».it d •r «las Maaßciprinzip nach San IN!110 von der l.onJ׳mer Ja'.ireskoiifcreuz auf ,!•- nominell wurde, folgt־׳ die Ernüchterung. Nicht nur in Aiitciika (dessen bekannte Gegner,diaft )׳egen den Keren Hajeesod seine besondere Ursache hatte und mir im Rahmen der ):roßen zl mlMi eben Politik zu ver stell«•!« ist). Auch in Dciitsrhliiinl, wo der Keren Ilajc1׳.״;׳d Gedanke um rheden heimisch wurde, wo er überhaupt sdne gedankliche uml orgniüsrt ri-elic Fundierung fand, gab es 11111:11 der grollen Masse der Indifferenten eine b.’tr icatli he Gruppe der ,,prinzipielUn“ Gegner. Mit einem öffentlichen Grundfonds könne man kein Land aufhiticn, dazu gehöre Privatinitiative. Dal) leSzicrc nötig sei, büßten auch die Kcren-IIajcssod,Anhänger, nur sagten sie, daß ohne diesen ״Staats:c1mtz“ «ler privatinhiative «iie Voraussetzungen zu einer Wirksamkeit fehlen müßten. Dt »eh wozu die I )iskussbnen und ScliLigwortc noch ei ■min’ nntw.irmcn, wozu daran erinnern, daß der Kampf gegen den Keren tlaj ssod in höchst rinsarhüclier Weise mit der Gegnerschaft gegen dessen Leitung v«r1|11U:kt wurde? Wir fieucn uns, heute eine weitgehende Einigkeit in dieser Eragc konstatieren zu können. Die Stimmung hat sich gewandelt, der Keren IInjessod beginnt sich durch/usctzcn. Und mit ihm der Gedanke des Maisser. Noch ist die Entwicklung nicht ahgcsclilossert. Noch ist die Maasserpflicht nur von einem Bruchteil in der Praxis anerkannt. Aber die Atmo- Sphäre der Kcrcn-Hnjrssml-Arbeit unter den Zionisten hat sieli gebessert. Die früheren Argumente sind verstummt. Man erkennt den Maasseranspruch ״dem eirunde nach" an und bestr« iict nur die Höhe. Der noch Widerstrebende fängt an, sich zu rechtfertigen, er tri ft dem Wubcr meist nicht mehr mit der Geste des Uebcrlegcncn gegeniilKr, er begreift den Gedanken der Auibaustcuer. Das ist ein unleugbarer Fort• schritt, besonders wenn man bedenkt, daß die eigentliche Keren llajcssod-Arbcit unter den Zionisten erst vor einigen Monaten begonnen hat. (Das letztere erklärt sielt daraus, daß der Keren Hajes.od in den letzten Jahren seine Haupt• tali' k. i' auf di: Gewinnung potenter Nichtzionisten erstreckt hat und ferner die Inflation sowohl «li: Voraussetzungen für eine sinnvolle Steuererhebung unterbunden als auch die Zweckmäßigkeit einer sofort entwerteten Papiermarkabgabe in Frage gestellt hat.) Wir stehen, wie gesagt, noch nicht am Abschluß der Arbeit. Aber alle Zeichen deuten auf den vollen Sieg des ״utopischen“ Maasscrgcdankcns. Der Kreis der Maasscrrahtcr wächst von Tag zu Tag, und es besteht alle Hoffnung, dal! viele Geber eines Tcilmaassers im nächsten Jahre den vollen Maa«ser entrichten werden, sei es in freier Erkenntnis der Notwendigkeit dieses ״Opfers“, sei cs unter dem Druck der öffentlichen Meinung im Zionismus, die sich in letzter Zeit erfreulich kräftig regt. In anderem Zusammenhänge*) führte ich an« (auch die letzte Zcntra'komiteesit/nng war von dieser Auffassung bcherrscht), daß im Augenblick, wo eine aus Zionisten und Nicht/ionistcn gemischte Jcwish Agency die wesentlichsten politischen und wirtschaftlichen Rechte der Zionistischen Or. gauisation zu übernehmen sich nnschickt, wo die Notwendigkeil der jüdischen Besiedlung Palästinas, der Ausnützung der großen politischen Chance in■ weitesten Kreisen des bisher abseits stellenden Judentums begriffen wird, — daß nunmehr der ״reine" Zionismus sich abhebeu müsse von allen anderen Palästinatendenzen. Es ist grundfalsch, anzunehmen, daß jetzt die Zionistische Organisation überflüssig geworden sei. Richtig ist vielmehr, dal! der Zionismus seinem großen Reinigung*- und Uinwnndlimgsprozcl) entgegeugeht, Zionismus wird bald!echt mehr wie eine gängige Marktware zu einem billigen Preise zu erstellen seiu. Der legitime Sinn dieser Bewegung, die aus tiefster Erkenntnis der jüdischen Zusammenhänge und dem elementaren Gefühl des Jude-Seins ihre Menschen zu persönlicher Entscheidung und untrennbarer Verbundenheit mir dem Aufbau der neuen Heimat aufruft — der eigentliche Zionismus ist im Begriff, seine Feierstunde zu erleben. Wir 0110, die wir in «ler Arbeit stehen, füllten, daß eine neue Epoche zionistischer Entwicklung angebrochen ist, daß nicht nur die politische Situation, sondern auch unser eigener Zionismus durchgreifende Wandlungen erfahren hat. *) Vgl, ״Jiid. Rundschau“ 1024, Nr. (11). . ..—■ 1. — .. .. 1. .•mmm HB| Im Ernst die Wahrheit zu sprechen: ich habe auch keine Lust, cs zu wissen. Ich schäme mich vielmehr bei dem Gedanken, daß dies Gemachte aus Oberflächlichkeit und Größenwahn in die I lande von Menschen fällt, Juden oder Nichtjuden, die seinen Inhalt für ein Produkt zionistischer Geisles- Verfehlung halten müssen. Denn cs ist ein zionistischer Kalender. Dem neuen Palästina, dem Keren Ifajcssod und den leitenden Männern unserer Bewegung ist in ihm so breiter Rannt gewidmet, daß das Ganze als eine A11fcr1׳"״cnheit zio nistischcr Propaganda erscheint, als die cs wohl auch gedacht war. Es ist für jeden besser empfindenden Menschen aber keine Propaganda, sondern ein Abschreckungsmittel. Jeder Satz ist darauf gestellt, daß am jüdischen Wesen die Welt genesen wird, sofern dieser Welt durch unsere kaninchcnhaft* Vermehrung überhaupt noch Zeit dazu bleibt. Die Aufgabe, mnen «lcutsch-voikischen Kalender durch Einsetzung jüdischer Inhalte zu travestieren, hätte nicht besser gelingen könne». Das alles ist unwürdig uml gegen den guten Geschmack. Es t«t gleichzeitig taktisch verfehlt. Denn welcher Aullcnxtcliemle wird in dieser Atmosphäre schönfärbcntler, leichtfertiger und übertreibender Behauptungen noch «־in Wort von dem glauben, was über die Entwicklung Palästinas mul das •Wachstut» unserer Bewegung gesagt ist? Nach acht Tagen der Lektüre liest man jede Zeile, als würde einem immer wieder versichert daß Mimilllh das beste Zalmputzmittcl sei. Es ist jammerschade, daß die an sich gute Idee, die Tat. Sachen und die Ideologie unserer Bewegung in der ansprcchc#• den und leicht zugänglichen Form eines Kalenders zu vermittele, in ihrer Ausführung zum Gegenteil verkehrt wurde. E» hätte sich nicht gelohnt, über einen schlechten Kalender midi nur ein Wort z.a verlieren. Aber deutlich darauf hinzuweisen, daß dieser Kniender mir scheinbar ein zionistischer, in Wahrheit aber vom Geist unserer Welt unendlich entfernt ist, erscheint mir zionistische Pflicht. In diesem Kalender wird natürllctl auch der (doch eigentlich wirklich deplacierte) Witz va* dem Buchtitel ״Vier Jahre unter Gojim“ erzählt. Ab®» ein Jahr mit diesem Kalender halte ich für viel unangenehm«*■ Gustav Krojank«», IDic Forderung, daß man Palästina in sein Lebens- Programm cinbczichcn solle, stammt schon aus der Zeit vor dem Kriege. Sic wurde ernsthaft gestellt und dennoch als akademisch empfunden. Denn es gab damals noch kein Palastina, das Eimvandcrungsinüglichkcitcn bot und die Ent- Wicklung zu einem Erez-lsracl auch nur in unklarste» Konturen zeigte. Nach dein Kriege wurde die Forderung mit größerer Berechtigung wiederholt, und es begann die Epoche, die mit den Worten ״Berufsimischiclttung“ und ״Lindwirtschaftliehe Vorbereitung" hinreichend gekennzeichnet ist. Die Chaluzbewcgung in Deutschland wurde mit Liebe, aber mit ebensoviel Skepsis begleitet. Man hörte die Botschaft, allein es fehlte der Glaube. Daß eine Auswanderung aus Deutschland in größerem Umfange, über den Kreis der ״um- ' geschichteten“ Jugend hinaus, erfolgen körnte, wurde vollends als Utopie betrachtet. Man hielt cs wohl für denkbar, daß der oder jener drillten eine Unternehmung gründen, sich als Arzt iiicderlftssc'i oder ats Funktionär irgendeiner Institution liiinibcrgehcu würde. Aber es galt als sicher, daß «Iie perähnliche Verwirklichung des Zionismus Ausnahme bliebe und die zionistische Bewegung in Deutschland im wesentliche» ihre alte Physiognomie behielte. Heute fiildcn wir deutlich, daß die Stellung, die Palästina im Bewußtsein des einzelnen Zionisten entnimmt, sich unvergleichlich gewandelt hat. Von der pigra molcs der zionistischen Mitläufer abgesehen (die in diesem Zusammenhänge nicht interessieren), läßt sieh klar erkennen, daß man die Unnatürlichkeit eines Zionismus, der sielt endgültig dem Galutli verschrieben hat, in immer stärkerem Maße begreift. Daß auch in Zukunft der zahlenmäßig weit größere T eil der Zionisten aus allen möglichen Gründen ן Ein neuer jüdischer Kalender I Seit jener jüdische Kalender erschienen ist, den nicht I nur zu beziehen, sondern auch zu verbreiten von nicht un- ן maPigcbliclier Seite als zionistische Pflicht hingcstcilt wurde, 1 (wobei mir entfällt, daß mit nichts soviel Unfug getrieben wird wir mit der Ausnutzung einer Gesinnung zur Förderung jeder Betriebsamkeit, «iie Int Umkreis dieser Gesinnung cutfallet wird uml offenbar gut ist, schon weil sie sich entfaltet) — seit also jener jüdische Kalender erschienen ist schöpfe ich •aus ihm, wie es meiner zionistischen Pflicht entspricht, Bildung und Belehrung. Und obschon es erst etwa vierzdm Tage sind, daß jeder Morgen, an dem ielt bildungshungrig mir ein neues Blatt zu eigen mache, mich fördert und vertieft, habe ich doch über Art und Wesen des jüdischen Volkes schon manche Erkenntnis von überraschender Neuartig- Ikeit gewonnen.; Gleich am ersten Tage hat cs mich erfreut und beruhigt. ׳ zn erfahren, daß die Juden sich seit 1800 versechsfacht haben, wahrend die übrige Menschheit sich in «fieser Zeit noch : nicht einmal verdoppelte. Und wenn noch am gleichen Tage : hin/ugrfiigt wurde, daß die Zunahme der Juden täglich eintausend Seelen betrage, so ließ mich das mit einem gewissen Stolz an die Arbeit gelten. Und doch war das erst der Auft takt zu Feststellungen viel imposanterer Art, Wenn, heißt ן es schon am vierten Tag, die Behauptung von Sprach- ״* ןthusiasten, daß jemand so viele Male Mensch sei, wie- 1 Sprachen er spräche, zuträfe, so seien die Juden ln ihrer Mehrsprachigkeit auf etwa 45—50 Millionen zu schätzen. Dieser Dreh ist von so kühnem Wurf, daß die Ver- Jl Sicherung schon des nächsten Tages, die Juden hätten die Ü *,ärkste Vermehrung von allen Völkern, bereits auf ein abgcj! stumpltes Gemüt trifft. Als aber der Kalender zwei Tag״ f, *pater — wir zählen erst das siebente Blatt — zur Kenntnis ״״',fff, daß die Juden sich schon ln 33 Jahren verdoppelten, 'vahrend etwa Frankreich 000 Jahre dazu gebrauche, habe ich j < ״ Rohe Hoffnung, daß am Ende dieses Kalenders, also nach : ««lauf eines Jahres, das Volk der Juden bereits sei» wird, Wlc ca in der Verheißung geschrieben steht: Wie der Sand

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