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Jüdische Rundschau · 1924-10-28 · Heft 86 (28.10.1924) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIX (1924)
Issue
Heft 86 (28.10.1924)
Date
1924-10-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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ו;He 010 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr 80 holleren die Kenntnisse von womöglich drei Landessprachen ׳!״fordert. Dadurch wird bewirkt, daß im Vcrkehr mit den Amtssiellcn der schweizerischen Kid- Genossenschaft der Bürger in jedem Lamlcsteil sieh derjenigen der Landessprachen bedienen kann, dje ihm be* liebt. Selbstverständlich ist im schriftlichen Verkehr mit den ßuudesbchörden jede der Landessprachen zugclasscu. Fm BniHlcsparlniiu’iit, vor den Gerichten ries Bundes, in der Armee sind ebenfalls die drei Sprachen gleichwertig; ziigelasscii. Die Geset/estexte erscheinen offiziell in den drei Sprachen, wovon alle gleichberechtigt und für die Auslegung des Textes gleichmäßig maßgebend sind. Diu Urteile des Bundesgerichtes werden, in der Sprache ausgefertigt, in der der Beklagte bzw. Berufmigsbeklagtc seine Sache vertritt. Die Gleichberechtigung der verschiedenen Nntionalitäten und Sprachen ist beim Volk und bei Behörden so selbstverständlich geworden, daß der lokal stärker vertretene Sprachstamm, um seine freundeidgenössische Gcsinming zu dokumentieren, nicht se'ten, ohne hier 11׳ rechtlich oder faktisch gezwungen zu sein, sich bemüht, in der Sprache des Schwächeren sich zu verständigen. Der heutige Zustand ist die Folge einer j a 11 r h u n d ertlangen Liitwicklung, die parallel mit einer bestimmten, seit Jahrzehnten konsequent durcligeführten Volks- Schulung gellt. II. Das Problem in Palästina. Die Verhältnisse liegen leider heute in Palästina nicht so, daß die soeben entwickelten Grundsätze für die Regelung der Verhältnisse der arabischen und jiiüischon Nationalitäten ohne weiteres Anwendung finden könnten. Weder ist die intellektuelle und politische Bildüng der Juden und Amber fortgeschritten genug, noch ist sie heute gleichwertig. Hierzu kommt, daß die beiden Bcvölkeningsteile in der Hauptsache nicht territorial abgegrenzt voneinander wohnen, Juden und Araber wohiien vielmehr auf dem gleichen Territorium untereinander Und im selben Vcrwaltungskrcis, was von vornherein nicht eine territoriale, sondern sachliche und personelle Scheidung der Verwaltung und ein ganzes System klarer Kollisiorisnornicn bedingt. Der grundlegende Unterschied jedoch, der die Ucbcrtragung der schweizerischen Regelung jetzt und in der nächsten Zukunft auf die palästinensischen Verhältnisse Unmöglich macht, ist der Mangel an gegenseitiger Ach- *ing■, gegenseitigem Verständnis und Wohlwollen beider Nationalitäten. Es wird einer längeren Entwicklung des Landes und einer unmerklichen, aber nichtsdestoweniger zielbewußten Erziehung beider Bcvölkeningsteile bedürfen, Um diese soweit zu bringen, daß ein harmonisches j,fremKlpnl;istinensi.sches“ Zusammenleben der beiden Bcvölkenmgstcilc sich hcraiisbildet, wo die palästinensisehen Bürger arabischer Nationalität und die palästinensischeu Bürger jüdischer Nationalität bei gegenseitiger Achtung und gegenseitigem Wohlwollen in Eintracht und Friede zum Wolde des Staatsganzen und der beiden Bevölkcnmgsgriippen Zusammenwirken. Bis dann wird die legislative und administrative Mit- Wirkung des Dritten, der Mandatarnacht, unerläßlich sein, die dazu berufen ist, die allzu einseitig und allzu tingcstiiin geltend gemachten Ansprüche der beiden Völkerschäften auszugleichen, und den Grundsätzen der nationalen Gleichberechtigung zum Durchbruch zu verhelfen. Vorläufig wird das Land eines Statutes bedürfen, WcIcL.es in der Legislative und in der Verwaltung der heutigen 11 ml einer a 11 f ii 1 i i g k ii 11 f t i g e n Minorität die volle nationale Gleichberechtigung garantiert. Obsclion diese Regelungen in mancher Hinsicht von den schweizerischen, aus den kurz skizzierten Gründen, grumlsätzlich verschieden sein muß, bietet die geschichtliche Entwicklung und der heutige Zustand des scliweizcrisclien Bundesstaates doch wertvolle Anregungen und Auf- Schlüsse, die Beachtung für die Lösung unseres Problcmes bieten. Aus der ״Official Gazette״ der palästinensischen Regicrung ersehen wir, daß in letzter Zeit eine intensive Gesetzgcbiing durch den High Conmiissionar in Angriff genommen wurde, mit dem Bestreben unter Berücksiclitigimg der lokalen, geschichl'ich überkommenen Verhältnisse in Palästina eine moderne Gesetzgebung einzuführen. Wenn auch die bisherige Gesetzgebung sich hauptsächlich auf das Zivil-, Prozeßmul Gcwerbcrccht und weniges auf die staatsrechtlichen Verhältnisse bczieht, so scheint cs mm doch an d׳׳r Zeit, daß die zu■ ständigen Kreise und Organe der Zionistischen Organisation schon jetzt die künftige Regelung der N a t i o n a 1 i t ii t s r e c 111 e einer ernsten und fachtcchnischcn Prüfung unterziehen, 11m weht wie leider schon so oft, durch die Entwicklung der Verhältnisse überrascht •Und vor r>1 fait nccomnli ocstGIt zu werden. Es wird die Auf11 ׳־״c der Zionistischen Organisation Sein, gestützt auf die Ergebnisse dieser Vorstudien, recht■ zeitig der zuständigen Verwaltungsstelle der Mandatarmacht sowie speziell der Mandatskommission des Völkerbundes diejenigen Vorschläge zu unterbreiten, welche sie als geeignet erachtet, die Entwicklung Palästinas als national liomc des jüdischen Volkes zu fördern, unter Respektierung der Rechte der anderen Volkstcile. Die Zionistische Organisation sollte sich auch die einzigartige Gelegenheit nicht entgehen lassen, als erste an der Stelle zu sein, um eine Regelung der staatsreclitliehen Verhältnisse zu fordern, die geeignet ist, die Rechte der Araber für die künftige Entwicklung zu respektieren und zu garantieren, und so der breiten arabischen und europäischen Ocffcntlichkcit sowohl, wie der Mandatar macht und dem Völkerbund den Nachweis zu erbringen, daß es keineswegs die Absicht des jüdischen Volkes Ist, ־ die Araber in Palästina in ihren Rechten zu verkürzen. Es Lsf hier nicht der Ort, Einzelheiten schon festzulcgeii, Es wird die Aufgabe einer Kommission von Fachleuten sein, die ,geeigneten Vorschläge zu lorniuiiereu und so rechtzeitig fertigzustellcn, daß die Zionistische Organisation bzw. die Jcwish Agency nicht ins Hintertreffen gerät. Die Einberufung und Zusammensetzung 'dieser Sbtdienkoinmission kann heute nur Sache der Exeku* tive, des Ausführungsorganes der heutigen Jcwish Agency, sein. Hussein will nach Transjortlanien Jerusalem (J.T. A.). Herbert Saniuci verständigte auf Ersuchen der transjordanischcn Regierung vor seiner Ab re ise nach Genf das Kolom'nlamt in London, daß Ex-Konig!lussei n nm die Erlaubnis zur dauernden Niederlassung iri der transjordaiii-’clicn Hauptstadt Amman ersucht habe. Es wird die Verpflichtung übernommen, daß der König sich in keiner Weise in die politischen Angelegenheiten cimuischcn wird. Wie die Pal. Tel.-Agentur erfährt, wird der Exkönig sehr bald in Tr.iiisiim! mien erwartet. Einige Minister des Emir A b <111II a 11, indicsomlere der Premierminister R i d a Pa s h a Ri kn hi. befürchten, «kalt aus der Anwesenheit Husseins m Trarisjordanicii Unannehmlichkeiten für das Land erwachsen werden. Sie befürchten insbesondere, daß der Sultan von Nojd, Ihn Saud, sicli dadurch veranlaßt sehen wird, seine Trunpen gegen Traiisjordanien zu schicken. Es verlautet, statt Ihn Saud gegen Hussein ein gesetzliches Verfahren ein/ulciten wünscht, weil dieser die Schatze des Heiligen Grabes aus M׳׳kkn entfernt hat. Jerusalem (J. T. A.). Emir Abdullah von Trans- Jordanien hat sieh am 21. Oktober nach Akaba zii seinem Vater dem Exkönig Hussein, begehen, um ihn auf der Reise nach Amman zu geleiten, wo er seinen ständigen Wohnsitz zu nehmen wünscht. Hm Saud nn di« palästinensisch« Araber Der Sultan von Nojd, Ihn Saud, hat an den Mohammedänischen Obersten Rat in Jerusalem ein Telegramm gesandt, in Welchem es heißt, er, Ihn Saud, sehe cs als seine Pflicht an, den Hedsehas vom Despotismus König Husseins und der Hascbiniih'ii-Dviinstic zu befreien. Das Telegramm lautet weiter: ״Ich bin bestrebt, eine Union der ara hl sehen Völker 11-11 d Länder z.11 begründen, während König Hussein die ganze Zeit nur mit England gearbeitet hat.“ lbn Saud will Konifl Ali nicht anerkennen Jerusalem (J.T. A,). Telegramme, die am 21. Oktober aus Mekka in Jerusalem cintrcffcn, besagen, daß die Lage in Mekka normal ist. Der Sultan Ihn Saud hat eine Mittcihmg veröffentlicht, daß er den Pilgern jeden Schutz, wird angedeihen lassen. Ihn Saud seitist wird in kurzem in Mekka erwartet. Zwisciieni ihm und König Aii, der sieh noch in Jeddah .iiifii ilt, Imheu bisher keinerlei Verhandlungen stnttrjcfmieten. Ihn Samt lehnt es entschieden ab, Ali als König von Hedschas aii/iicrkonncn, abenso bestreitet er dessen Rechte ats Emir von Mekka. Er hat den Schcrif Ali Sa dar zum Emir von Mekka ernannt. ״Times“ über die britische Araber-Politik London (J.T. A.). ״Ein n1HUungcn״s Exncrimcnt“ be• titelt sich ein am 22. Oktober in den ״Times“ erschienener Artikel, in welchem diese Zeitung ein Fchrsehngcn der briti־ schon Politik in Arabien fcststcllcn will. Oie Zeitung schreibt: Eine wnhnbitiscbe Intervention 11 ה den Grenzen Palästinas oder im Irak kann natürlich nicht ge- <1111(1 et werden. 1>,1׳ wir nicht gut die von uns eingesetzten Herrscher in Stich lassen können, wird das schmerzliehe Beispiel König Husseins es rechtfertigen, daß wir den Emir Abdullah zu einer mehr verfassungsmäßigen Herrschaft drängen. Wenn er unser Schützling bleiben soll, so darf er uns nicht durch eine schlechte Verwaltung kompromittiereu. König Ecisiil im Irak führt eine konstitutionelle Herrscliaft. Wenn man ihn in Stich ließe, könnte ein Land, welches gerade angefaiigen hat, das britische Kapital an 711■ ziehen, zur Freude der Türken und der russischen Bolschcwisleii, deren mohammedanisch-tatarischer Konsul 111 Jeddah in der Walinbilisclion Invasion eine beite ulende Rolle spielen soll, in ein neues Chaos versetzt werden. Die britische Regierung träumte von einem arabischen Slnatenbiind. Der Traum ist nicht geschwunden, auch wenn fremde Kritiker und Gegner unserer arabischen Politik, Ex- Allierte mul Ex-Feinde, die gegenwärtige Lage in Arabien, als ein Scheitern dos Staatciihumlgcdaiikcns als eine Schädigung des britischen Prestiges ,־mselien. ln Arabien müssen wir zu unserer alten Politik der Nichtintcrvcntion zurückkehren, wir müssen uns einzig;111T die Schließung von Verträgen oder Abmachungen mit einzelnen Herrschern beschränken. Da unsere Politik der arabischen Einigung 'durch die Schuld des Herrschers vom Hodschas fchlgeschlagen hat, würde cs unvernünftig sein, diese Politik imf der Halblnsef Arabien von uns ans forizufiilircn. Die Araber müssen allein ihren Weg zu einer Union finden. Es ist möglich, ifaTt Einigkeit zu vulgär ist für das araniücfle Temperament, 11111T dalf sie die Auirt-guiigen und“ Abenteuer eines ständigen Streites vor■ ziehen. Ist dem so, dann mögen sie seihst Ihre Begräbniskosten zahlen. Wenn die Haschiiniteii einen Schicksalsschlag erlitten haben, so sind wir nicht dazu da, nunmehr ein Haus auf lbn Saud-Pfeilern, einen neuen Föderationspfan nur dem wirbelnden Sand der arabischen Wüsten aufzubaucn.‘* Wieder Zionisten-VcrlialUingeu in Rußland Riga (]. T. A.). Laut den letzten Mitteilungen aus Moskau wurden Anfang Oktober in der Ukraine wieder zahlreiche Zionisten verhaftet, nachdem von den vorher Verhafteten ein Teil frcigclasscit worden war. In Odessa wurden jm Oktober eine Anzahl Mitglieder der Hitachdut, denen es bisher gelungen war sich den Verfolgungen zu entziehen, verhaftet. Die Lage der Häftlinge ist beklagenswert. Sie werden in den Gefängnissen wie gemeine Verbrecher behandelt. Als Protest gegen diese Bchniidiuiig traten in verschiedenen Städten die verhafteten Zionisten in einen Hungerstreik. Ein großer_ Teil (ungefähr 100־) sollen in der nächsten Zeit in die sibirische Verbannung geschickt werden. Besonders unter den Z c i r e Zion wurden Massciiverhnftungcn vorgenom* men. In Wim'i /n wurlpi 11. a. die folgenden Personen verhnftet: Petro ko wski, Frau Dr. Basjä L u I k e, W e i s s c - mann, Trcidmann, Stcrosta, Bclf, Lulka, die Brüder Wigdorsohn und Joseph Abraham. Da noe’h zwei andere Brüder Wigdorsohn bereits früher verhaftet und in die Versammlung geschickt worden waren, sind die alten Eltern nunmehr ganz ihrer Kinder beraubt. Jctet wird bekannt, daß mich H״rr Lnharsky. der Führer des ״Haschon!er Hazair“, in Rußland verhaftet worden ist. Der WaI11kar.pl zum {Stilsdien Landesverband Herr Dr, Felix Ooldniann ergreift nun in der C.V Zeitung des Wort, um auf unseren Artikel vom pp erwidern. Er spricht von einer ״Kampfansage der Zionisten« und begründet seine Auffassung, daß der Angriff nicht von! Centralvercin, sondern von den Zionisten ausgeht, durch eine Reihe aus dem Zusammenhang gerissener Zitate aus unserem Artikel. Während die Parole des Centrnlvcrcins nur eine harm. lose ״Anweisung an die Vertrauensmänner“ gewesen sei, hätten die Zionisten durch die herabsetzende Art, Inder sie vorn Centralvercin sprechen, erst den Kampf begonnen. Es ist schwer, gegen diese Auffassung zu argumentieren, da wir Juden uns wieder einmal so stark der herrschenden Wett. Strömung angepaßt zu haben scheinen, daß jeder seine Sache als ״Verteidigung gegen ungerechte Angriffe“ darstcllen möchte. Wir wollen daher zu dem Artikel von Herrn Goldmaim mir zwei Bemerkungen machen: 1. Wir stimmen vollständig mit ihm darin überein, daß eine Klärung der Anschauungen durch einen Wahlkampf eine Gesundung und Belebung des deutschen Judentums sein wird. Es wäre ein grobes Mißverständnis, wenn Dr. Goldmann aus unserem Artikel hcrausgclcscn hätte, daß wir bestehende Gegensätze verschleiern wollen. Gerade das Gegenteil stand darin. Nicht gegen einen fruchtbaren Kampf der Anschauungen bähen wir Stellung genommen, sondern gegen den bedaucrliehen Bruch der in dieser schweren Zeit besonders wichtigen Einheitsfront des deutschen Jude 11 uns, der dadurch begangen wurde, daß der Zentralvcrciii durch seine Parole gewissermaßen die Zi 0 n i s t e 11 außerhalb des deutschen Judentums gestellt bat. Wir nehmen zur Kenntnis, daß Dr. Goldmann unsere Auffassung bestätigt, wonach der Ccntralvcrcin keineswegs mehr eine übergeordnete Zcntralorganisation der ״deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens״ sein will, sondern sich als eine Partei im Judentum deklariert und in den Parieikampf eintritt. Die Konsequenzen aus dieser Orientierung ergeben sich von selbst. 2. Wir bedauern außerordentlich, daß Dr. Goldmann durch verschiedene Sätze unseres Artikels, die er zitiert, in — wie er sogt — ״tiefsten Schmerz und innere Erregung“ versetzt worden ist. Eine Partei, die sich in den politischen Kampf begibt, darf nicht so empfindlich sein und darf nicht hinter jedem hernusgerissenen Wort Beleidigungen wittern. Würde Dr. Goldmann vollständiger zitieren, so würde auch seinen Lesern klar werden, daß in unseren Ausführungen keineswegs ״jeder für einen Lumpen erklärt“ wird. Denn auf unsere Argumeutaiion, daß die Gegenüberstellung von Zionismus und dcut* schein Judentum, die einander atissehlicOcn, einer Dcnunzation sehr ähnlich ist, — dies nannten wir ״vergiftete Waffen“ —1 und dafl dieser Gegensatz keineswegs zurecht bestellt, erwidert auch Dr. Goldmann nicht. In dieser Parole steckt wohl geniigend Herausforderung, daß wir das Recht hatten, von einer Kampfansage zu sprechen. Wenn wir uns gegen eine solche Formel zur Wehr setzen, so hat das nichts zu tun mit einer ernsten Auseinandersetzung, die wir nicht scheuen. Denn wir glauben, daß der Unterschied zwischen uns und dem Centralverein nicht darin besteht, daß sie deutsche Juden sind und wir nicht, sondern darin, daß wir verschiedener Auffassung sind über das Wesen der Jude 11 frage und über die Art, wie sic gelöst werden kann. Um •diese Frage kann sich heute niemand mehr herumdrücken. Ob die jüdischen Gemeinden in Deutschland Rcligionsgeincitidcn oder Volksgemeindcn sein sollen, diese vom Centralvercin jetzt in seinem nunmehr erschienenen öffentliehen Wahlaufruf in den Mittelpunkt gerückte Frage ist bei weitem nicht das brennendste und primärste. Viel tiefer rci* eben die Probleme, viel tiefer muß Herz und Verstand des einzelnen Juden aufgewühlt werden, wenn er das judcnproblcm in seiner Totalität begreifen will. Wenn er cs vorzieht, die Augen zuzudrücken, trotz allen Erfahrungen acr letzten Jahre in seiner Lethargie verharren will, dann wird er, wie wir glauben, von der Geschichte unsanft geweckt werden. Solange nicht das Jndcnproblcm in seiner Totalität gelöst ist, werden sich die deutschen Juden, sofern sie Juden bleiben, nicht in die Idylle ihres stillen Winkels zurückzichcn können. Aber diese Idylle zu stören, heißt nicht sich außerhalb des deutschen Judentums stellen. Wir wissen, daß wir heute im deutschen Judentum eine Minorität sind. Zu stark sind die Kräfte des Trägheitsprinzips. Geschichtliche Entwicklungen geschehen nicht von heute auf morgen. Gegen ncuaufkommemle Ideen kämplt die konservative Schicht der bisher uneingeschränkt Herrschenden immer mit dem Argument des mangelnden Patriotismus usw. Aber geschichtliche Mächte setzen sicli durch. Mit Recht hat dieser Tage Bernhard Shaw im englischen Wahlkampf darauf hingewiesen, daß die englischen Konservativen vor handert Jahren in genau denselben Tönen des Abscheus von George Wnshington gesprochen haben wie sie heute von Lenin tmd Trotzkl reden. Das sind unveränderliche soziologische Gesetze, die Reaktion der herrschenden und geltenden Schicht auf Strö* mutigen und Mächte, die ihr hergebrachtes Erbe schmälern. Wahrscheinlich Ist es auch im Judentum nicht anders möglieh, obwohl wir Juden aus tausendjähriger Geschichte und Geistesbildung weitere Horizonte erworben haben sollten, als die uns umgebenden jungen Völker, W, Eia jjroßes Legal für 7J0nIslische Zwecke Der jüngst verstorbene Albert Na 111 an in Marllzburg, Südafrika, hat In seinem Testament eine ganze Reihe von Legaten für philanthropische Zwecke!unterlassen, und seinen Angehörigen und Freunden jährliche Renten festgesetzt. Das Grundkapital ist jedoch unvcrsehrhar zu erhalten und nach 50 Jahren dem Jewish Colonial Trust zu übergeben, der daraus einen Fonds unter dem Namen ״Salomon Nathan Familien- Fonds“ bilden soll, der dazu verwendet werden soll, ״die Wiedcrvcrbindimg der Juden mit Ihrer alten Heimat In Palästina durch Erwerb von Land, finanzielle Hilfe oder sonstwie am zweckmäßigsten 2u fördern“. Die Güter des Verstorbenen sind auf ungefähr 350000 £ geschätzt, wovon zirka 40000 £ als Erbsteuer abgezogen werden. Mit Rücksicht darauf, daß nach Auszahlung der testierten Jnhresrenten von dem Reincrtrügnis des Kapital* noch ein Rest verbleiben wird, der nach dem Willen de» Testators neu investiert werden soll, wurde berechnet, daß nach Ablauf der fünfzig Jahre der Wert des gesamte# Nachlasses über eine Million £ betragen wird.

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