Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 82-83 (17.10.1924)
- Date
- 1924-10-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 82'83 IUPD1SCHF RUNDSCHAU Seite 589!n, 10 r m. er :rht na- ׳tn, :11 n, rn :11 es :n cn 11 r., ht tu les!rv es :11 n« eu -0׳ iir uf I- ז;< ift n« (- :5. in te dt rl v-?), 1r* «1 II- ■1? ß־ 1* nrs eit »« »0 m ticn ie :11 ur r<I ic •r* ae riß 11c er uf 11- 11t »rsc ,3. it. in 05 Cf 1r* :n 1c •)* 11t u* nc •rns nt ־11 m hs «I er ». d. «, it, BS Itsc s» it- 11t er tt e* •יו׳ & t« die Gewinne sind, welche die Effciulis clnlicimscn, geht n״s dem Briefe ebenfalls hervor. Die El Amris hatte» jen Fellachen 5 bis 6 Piaster den Dunau! bezahlt, und jetzt crhiltcn sic angeblich 450 Piaster die Quadrateile (?) Angeb• 1;ch wollten die Zionisten auf diesem Boden eine Stadt ״Chi- 0.1(to״ erhallen. Man sieht, hier geht ,Marche» und Wiiklichl(Cj’t durcheinander. Aber, wie dem auch sei, und wieviel von den Beschwerden suf Rechnung von künstlicher Agilatbn gehen möge,: trr:r Weg muß für uns selbst klar sein. Und sicherlich muß vor [ 311cm der KKL, dessen nationale Bedeutung und Populär!• fit.it vor allem darauf begründet ist, daß er einer neuen sofielen Gerechtigkeit und einer neuen Auffassung des Eigenfiiinrcchtcs die Wege ebnet, darauf bedacht sein, daß ei: Richtlinien seiner Arbeit und seiner Bezblrmgcn zur arabischen arbeitenden Bevölkerung vor jedem Forum bestehen körn rn. Es ist klar, diß der KKL. nicht alle Details seiner Verhandlungen vc1öffcnti:h:11 kann, aber das Prinzip größtmöglicher Offenheit und Publizität muß von uns gerade in diesen Dingen — in der Frage der Entschädigung der Feldehen — verlangt werden, wo wir nichts zu verheimlichen haben oder wenigstens nichts zu verheimlichen haben dürfen. Di« EmfgralionsuonJercnz des InteniaÜonalen €ewcrlfscl1a!!sbu»'ks in Prag Von I>r. Walter Preuß. Es Ist noch nicht allzulange her, daß in den Reihen der jüdischen Arbeiterschaft seihst die Talsache nicht anerkannt ״•urdc, daß das Wandcrungsprobicni in engster Weise mit den Problemen der ökonomischen und sozialen Gestaltung des Volkslebens verbunden ist. lli:r lag einer der Brennpunkte des Kampfes zwischen Poaic Zion und ״Bund" vor dem Kriege. Auch die internationale Arbeiterbewegung hat sich als solche, trotz der auch vor dem Kriege sich vollziehenden Wanderung von Millionen Arbeitern aller Völker, nicht oder wenig mit dem Wanderung.״.problcm befaßt; cs ist eine nicht nur für die Verschärfung der ökonomischen Situation der jüdischen Massen sprechende Tatsache, daß das Wanderung*• und Prodtiktivicningsproblrm heute überall als das zentrale Problem des jüdischen Volkes erkannt wird; sondern die Tatsachc, daß es heute ein schwer empfundenes Wandcrunsproblcm unter fast allen Völker» gibt, sei es als Emigrations-, sei es als Immigrationsproblem, zeigt, daß der Zusammenhang der jüdischen Wandcnmgsfrngc mit der internationalen infolge der Erschütterung der Weltwirtschaft durch den Krieg besonders cn״ geworden ist. Die organisierte Arbeiterschaft, vertreten im ״Internationalen Gcwcrksehaflsbund, Amsterdam", der nahezu 20 Millionen Arbeiter fast aller Nationen umfaßt, sah die Notwendigkeit vor sich, diesem ganzen Fragenkomplex in einer besonderen Tagung näher zu treten. Dann die Frage der Einwanderung von Millionen, teilweise unorganisierter Massen, die auf das Lohnniveau der Arbeiterschaft drücken, lastete nicht weniger sciiwer auf Ländern wie Amerika, Frankreich, Belgien, wie andrerseits die Notwendigkeit und zugleich Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit der Emigration auf Osteuropa, 'Italien, Deutschland, Tschechoslowakei. Es war klar, daß auf einer Emigratfonskonferenz der Arbeiterschaft die Stimme des jüdischen Proletariats nicht imgciiört bleiben konnte. Denn auf wem lastete tragischer!':nd grausamer das Los des ewigen Wanderns, der Fried- 1und Arbeitslosigkeit als auf den jüdischen Massen? Und hier zeigte es. s!:h, w׳.s schon heute die Tatsache Palästina für die Normalisierung des jüdischen Volkes bcdeutet. Keine jüdische Partei, keine Gewerkschaft hatte die Möglichkeit, ihre Stimme in der Gemeinschaft der arbeitenden Massen ertönen zu lassen, denn nur Landesverbände können in ihr vertreten sein; tmd nur die jüdische Gewerkschaft Palästinas, die ״•Histndrutl! klalitt“ hat die Möglichkeit, als Landesverband im Namen des jüdischen Proletariats vor diesem Forum zu reden, in dem sie als alleiniger organisierter Verband die Arbeiterschaft Palästinas vertritt. Die Konferenz, die dem ״Internationalen Kongreß für Sozialpolitik voranging, trat Ende September in Prag zusammen. An ihr nahmen teil, neben der Leitung, vertreten durch Mertens und Jauhaux, die Vertreter von Frankreich, Belgien, Deutschland, Tschechoslowakei, Italien, Holland, Dänemark, England, Ungarn und Palästina. Einen empfindlichen Mangel beden- Ict das Fcrnscin Amerikas (das dem I.G.-B. nicht angchörl) und Polens, zweier Länder, die besonders an diesen Problemen interessiert sind. Die Konferenz war in mancher Beziehung nicht genügend vorbereitet, *0 daß auch die Beschlüsse nicht als endgültig angesehen werden können. Trotzdem können sie, falls mit der nötigen Tatkraft an ihre Verwirklichung geschritten wird, von Bedeutung besonders auch für die jüdischen Massen werden. In der Debatte, die sich um die Fragen der Möglichkeilen der Aus- und Einwanderung, der Organisierung der wandernden Arhciicrr.1as.se» sowie die nötigen Maßnahmen drehte, die zu fassen seien, um dein Uebei an der Wurzel bcizubonimcM, sprachen von palästinensischen Vertretern Beil- Durion und Preuß. Ben-Gurion wies darauf hin, daß die Quelle des Uebeis für die jüdischen Massen in der furcht■ baren Lage in Polen und Rußland zu suchen sei, wozu nun noch die Abselilicßung Amerikas komme. Es sei die Pflicht der In ruationalc, gegen den Abschluß der Einwanderung m proUr.ticrcn. Aber auch die Auswanderung begegne Hindernissen, die Paßfrage und die teuren Viscngcbi'thrcn für Diirchwnmlerer seien Beschwernisse, die es zu beseitigen Felle, Eine besondere Hilfe könnten die Gewerkschaften denjenigen Durchwanderen! zukommen lassen, die sich für Palästina zeitweilig in der Landwirtschaft des Durchwändeningslandcs ausbildcn müßten, durch Organisierung und gewerkschaBliche Unterstützung. 111 Palästina sei, trotzdem auch dort ein Problcm der Arbeitslosigkeit existiere, die ganze Arbeiterschaft für frei״ ungehinderte Einwanderung. Preuß u״tcrs)ricl1 In der Debatte gegenüber dem belgischen Redner, der rieh darüber beschwerte, daß die jüdischen Emigranten, *rotzdem sie sich in großer Zahl organisierten und gerade pte Gewerkschaftler seien, manchmal ״die Rassen- und rcligiüsc Zusammengehörigkeit vor die Klassensoiidarität" stellten, daß man die besonders anormale Lage des jüdischen Prolclariais, das sich erst ein nationales Zentrum zu schaffen im Begriff sei, berücksichtigen müsse. Eine Organisation, wie *• B. das Arbeiterfürsorgeamt in Deutschland, das mit Hufe der Gewerkschaften unter Billigung des Ministers Severing geschaffen worden sei, die unter selbstverständlicher Betoining der Notweuuigkei; gewerkschaftlicher Organisierung der wandernden ArbcLermnsr.cn die Beschäftigung mit diesen!Massen in die M.'inde geeigneter jüdischer Institutionen rc'bst lege, habe sich in Anbetracht des Schutzes der Intercsrcn dieser Massen b;50:!1!crs bewährt. Redner forderte von den Ocwcikschaltcn, sich hcrondcrr. auch d:3 Problems der Slnatenlorcn »111! der Dnaliwanusrcr i.t 11c:1 Häfen nnzunehmen. In der D.batte wurde im aligcmei 1c:1 Vcrsl.'imlnls für di-sc Ford :111:111:״ gezti >P in.! unlar dri Beschiß*, ׳c 1 finden sich einige, dl? er.1t auf Vernnlasv.i'ig der palästinensischen Delegation gefaßt wurden, in diesen Beschlüssen wird festgesieüf, daß einzig und allein eine internationale Lösung dieser Probleme Herr zu ,werden vermag; der ״Ipldrnalhnale Gcwcrkschafts-limd" wird beauftragt, i.t der Untersuchung dieser!׳'rage forlziifaiiren, um in einer kurzen Frist sie einer atdgülligcii Lösung zuSülircii zu können, mit der Grundlage folgender Mnßiiuhmcn: Organisierung des internalionalcn Arbeilsmaiklcs durch Kontrolle der Ei.1- und Auswanderung, Vereinbarung der Gewerkschaften untereinander unter Aufsieht des 1.0.-!?., Gleichheit der Behandlung aller Arbeiter ohne Unterschied ihres Ursprungs, Vereinbarung der Gegensciligkcit der Rechte und Pflichten in den Ein- und Auswnndc* rungsländcrn, Organisierung der Arbeiter in den Emigrations- und Immigrationsläiidcrii, Sammlung von Material, Schäftung paiilälischcr Kürpcrichaficn zwecks Kontrolle der Anwerbung und Auswanderung der Arbeiter sowie Schaffung einer Internationalen Stelle, die befähigt und berechtigt ist, das bcziigiiciic Material zu sammeln und rieh über alle die Kontrolle die Auswanderung betreffenden Vorsciilägc aiiszusprcclicn, in Anlehnung an das ״Internationale Arbeitsamt, Genf". Ein Antrag Palästinas, der die freie Ein- und Auswandcrung unter Dcrücksiciitigung der gewerkschaftlichen Organ!• sierung fordert, wurde dem Vorstand als Material überwiesen für die künftige Konferenz, die laut Beschluß der Tagung zwecks emigiilüger Beschlußfassung ehzuberufen sei. — Es ist klar, daß diese Beschlüsse von Wichtigkeit für das jüdische Wamieniiigsprobiem sind tmd sein werden, und daß die 1״ iisladrutli Klalitt“ recht hat, wenn sie in immer stärkerem Maße als Aufkl.'ircndc und Unterstützung Fordernde an die internationale Arbeiterschaft licraulritt. Im allgemeinen läßt sich sagen, daß das Auftreten Palästinas, wie auch bereits auf dem Wiener Internationalen Gewerkscliafisküngreß, auf viel Verständnis in den Reihen des intcrnationalen Proletaiiats gestoßen ist. Auf dem ״Internationalen Kongreß für Sozialpolitik", der zwei Tage nach der Wanderungskonferenz in Prag zusammentrat und auf dem 1100 Delcgicric aus 28 Nationen vertreten waren, war der Zusammenhang mit jüdischen Lebensfragen ein loserer. Fragen wie Achtstundentag und Betriebsräte, die liier zur Debatte standen, tangieren heute das jüdische Leben nur indirekt. Dagegen fand bei dem Punkt der Debatte, der die Arbeitslosigkeit und die Bekämpfung ihrer Folgen behandelt, der Delegierte der ״Welthiifskonfcrcnz", Dr. Oskar Cohn, Gelegenheit, zu zeigen, wie außerordentlich dieses Problcm gerade auf den jüdischen Massen lastet. Die Frage der jüdischen Arbeitslosigkeit sei eine Frage der Produktivicrung der Massen. Redner weist darauf hin, wie wichtige Schritte gerade in dieser Hinsicht In Palästina geschehen seien; er zeigt dies am Beispiel von ״Solclbonch", der großen Unternehmer-Kooperative der Arbeiterschaft. Er for dert die Einbeziehung der Punkte ״Bcrufsumschlchtung und Ausbildung" in die Resolutionen des Kongresses. Auf Veran׳ lassung des Redners wurde In den gefaßten Beschlüssen ebenfalls eins der Mittel zur Behebung der Arbeitslosigkeit die Erleichterung der Wandcrungsmögiichkcitcn verzeichnet Der liltllsdie Niilionnlral In Lllaac■ Die jüdische Sejmfraktion, die nach Aufhebung des jüdifclicn Ministeriums und Auflösung des Nniionalrats die Fülirung der jüdischen Angelegenheiten übernommen hat, versandte ein Zirkular an die jüdischen Gemeinden im Lande, in weicher bekannt gegeben wird, daß trotz der Auflösung des Nationalratcs die jüdischen Gemeinden nicht aufgehört halien, zu exislicren, weil diese Gemeinden auf einem bcsonderen, bis heute noch nicht abgeschafften Oesetz basicrcu. Die jüdische Sejmfraktion gellt nun daran, einen Z u s a mmc 11 s c ii i 11 ß d c r j ü d i s c h c n 0 c m e i 11 d c 11 aut neuer Grundlage zu vollziehen. Gegenüber der Behauptung der offiziellen litauischen Telegraphen-Agentur ״Elta", daß der jüdische Nationalrat gescizlich überhaupt nicht existiert hat, veröffentlicht das Präsidium des früheren Nationalratcs eine Erklärung, in der nachgewiesen wird, daß die höchsten Behörden des Landes mit dem Nationalrat als mit einer legalen Körperschaft verkehrt haben und daß sogar die Regierung mit dem Nationairat in offizieller Form gewisse Abkommen getroffen hat. Die jüdische Sejmfraktion bereitet die Herausgabe eines Schwarzbuches vor, in welchem die auf die jüd i s c h c Autonomie in Litauen bezughabciiden Materialicn gesammelt erscheinen werden. Ausweisung jüdischer Staatenloser aus Mecklenburg Wie schon wiederholt mitgeteiit, hatte die Regierung Mecklenburgs zahlreiche fremde Staatsangehörige jüdischen Glaubens ausgewiesen. Diese Ausweisungen mußten infolge Androhung von Gegenmaßnahmen seitens auswärtiger Regiermigen zurückgenommen werden. Auch Einzclnuswcisungen mußten rückgängig gemacht werden, weil die betroffenen Ausländer die Konsulate ihrer Staaten um Schutz anriefen und diese der Landesregierung in Schwerin mit der Aus* Weisung deutscher Rciciisangcliörigcr aus den betreffenden ausländischen Staaten gedroht liaocn. Da nun die Aus- Weisung ausländischer Staatsangehöriger nicht mehr gcfalirlos durchgeführt werden kann, so hat die mecklenburgische Regierung jetzt eine große Anzahl staatenloser Juden ausgewiesen. Der ״Vorwärts*' schreibt dazu: ״Ausgewiesen muß worden in M eck ie 11 bürg, Und so ist man nun daran, nach sogenannten Staatenlosen zu fahnden und diese Unglücks- Würmer über die Grenze zu bringen. Wo diese bleiben sollen? Was kümmert* die Latidhundrcgicnmg. ״Juden raus!״ ist die Parole. Und hier sind Gegenmaßnahmen nicht zu beidrehtcn. Wodurch die armen Teufel ״staatenlos" geworden sind, und daß die Ursache zum Verlust ihrer Staatsangehörigkeit häufig mir in den als Krlegsfolgc elngcirctcncn staatlichen Gcbietsvcrschicbiiiigcn zu suchen ist, schert die ״völkisch" begnadete Regierung in Schwerin nicht. Es berührt sie auch nicht, daß gerade Millionen deutscher Staatsangehöriger im Auslande eine Existenz suchen und finden müssen." Polnischer Brief Dia Steuerschraube —Tarbuth-Konferenz— Usslschkln — Prozess Steiger Von unserem Korrespondenten. — n. Warschau, 12. Oktober. Der vor vielen Jahren ermordete österrcicliisch-galizische Fila'.tliallcr ,Graf Potocki gab einmal seiner Empörung über die Mu.ijui Pogrome in Rußland Ausdruck und ' sagte: ״Als Kulturmensch muß man derartige barbnrischc Meihrden verurteilen, Den Juden gegenüber soll man das ,Bbnen-System‘ verwenden. Ausräuchern und Honig entziehen! Dann werden sie von selbst verschwinden." Potocic; ist längst tot, Oesterreich ist verschwunden, das Bicncnsys'cm ist geblieben. Damit soll nicht etwa gesagt werden, d?ß das neue Polen grundsätzlich auch auf barb,irisch״ Mittel gegen die Juden verzichtet. 1111 Gegenteil, hin und wieder wiede 111.den sich auch jetzt Ausschreitungen gegen cin/clnc Juden, gegen jüdische Soldaten, gegen jüdischc Studenten. Aber im allgemeinen verurteilt die Regierimg der polnischen Republik derartige unzivilisicrle Exzesse lind hält sich an chn Biencnsysir1'׳. D. h. die meisten Gesetze und Verordnungen, mögen sic sich auf Monopole, Steuern, Grundbesitz, Zölle, Industrie usw, beziehen, sind von vornherein in erster Linie gegen die jüdische Allgemeinheit gerichtet, und ihre Durchführung gibt den Behörden eine willkommene Handhabe, die Juden au:,/»räuchern und ihnen den ״Honig", d. 11. die ExistenzmögiLhkeit, zu entziehen. Die Steilergesetze bilden darum gegenwärtig das Hauptintcrcssc der jüdischen Bevölkerung. Sinn und Durchführung dieser Gesetze treffen gleicherweise den jüdischen Unternehmet, Kaufmann, Handwerker und Klelnkrümcr. Mit uncrhärter Rücksichtslosigkeit werden alle Kategorien der jüdischen Berufe gcbrandschatzt, Im ganzen Lande organisieren sich Kleinhändler und Handwerker und petitionieren beim Sejm und hei der Regierung um Gewährung von Nachlässen und Stundungen. Der jüdische Scjmklub wird mit tausenden Oesuchen und Resolutionen überschüttet, um bei der Regierung zu Intervenieren. Die am 22. Oktober beginnende Herbstscssion des polnischen Sejms, in der, wie es ursprünglich hieß, prinzipiell über die Probleme der jüdischen Minorität Im Lande verhandelt werden sollte, wird ausgefüllt sein mit den Klagen der jiklisihen Deputierten, wegen der Bedrückung <Icr jüdischen erwerbenden Bevölkerung. Die Vermutung liegt nahe, daß in dieser Stcucrpraxis ein wohldurchdachtcs System liegt: durch brennende Nöte des Alltags, die Aufmerksamkeit der Juden von den großen Linien der jüdischen Minoritätenpolitik abzulenkcn. Ursprünglich hatte die Regierung durch den Mund hervorragender polnischer Politiker verkünden lassen, daß die Frage der jüdischen Mindcrhcitsreclitc, die bei der Beschlußfassung über die Sprachengesetze der Grenzgebiete keine Berücksichtigung gefunden hat, im Herbst wegen ihrer besonderen Bedeutung eine ausführliche Bc- Handlung erfahren werde. Dann hieß es, daß die Regierung Vorsciilägc des jüdischen Sejmklubs erwarte. Schließlich verlautbartc eine offiziöse Regicrungskorrespondenz, daß gerade wegen ihrer Wichtigkeit die jüdische Minoritätenfrage wahrschcinlich nicht sobald auf die Tagesordnung des Sejms gesetzt ■werden könne, da vorher noch ein genaues Studium aller Probleme notwendig sei. Mittlerweile aber begannen Finanzämter und Steuereinnehmer ihr Werk und die ge- «amte polnische Judenheit stöhnt unter dem Drucke deg steuerlichen Folterwerkzeuge. Vorn 3. bis 6. Oktober fand in Warschau die zweit« Landeskonferenz der hebräischen Tarbuth-Organisa• tion in Polen statt. An der Konferenz beteiligten sich 143 Delegierte aus 71 Orten. An der Eröffnungssitzung nahm auch der damals in Warschau weilende Usslschkln teil. Aus den Berichten der Gruppenvertreter ging hervor, daß sich die hebriiischc Sprachbcwegung in Polen sehr günstig entwickelt. Neben einer großen Zahl von hebräischen Elementarschulen bcslchen auch Mittelschulen und Seminare zur Ausbildung qualifizierter hebräischer Lehrer. Es wird die staatliche Anerkennung der Abgangszeugnisse hebräischer Mittelschulen bei der Aufnahme in den Hochschulen angestrebt. Das Budget des hebräischen Schulwcrkcs beläuft sich auf ungefähr 300 000 polnische Zloty, welcher Betrag ausschließlich für die Mittel• schulen bestimmt Ist, da die Elementarschulen aus den Unterrichtsbciträgen der Schüler erhalten werden sollen. Im Etat ist eine Summe von 75000 Zloty für die Herausgabe einer hcbrälsehen Zeitschrift bestimmt, die in den nächsten Tagen ihr Erscheinen aufnehmen soll. Der wichtigste Punkt der Beratung war die Frage der staatlichen Anerkennung und Unterstützung der hebräischen Schulen. Nacii dein im Versailler Vertrag stipulicrtcu Recht der nationalen Minoritäten, ist der polnische Staat verpflichtet, dk Schulen der nationalen Minderheiten zu erhalten, bzw. zu subventionieren. Nun besteht aber bczüglich der jüdischen Minorität in Polen die Schwierigkeit, daß die jüdisch-nationalen Schulen keine einheitliche Unterrichtsspräche haben. Einzelne jüdische Schulen pflegen bei polnisclicr Unterrichtssprache den Unterricht Im Hebräischen, Eine Anzahl Schulen haben jiddische Unterrichtssprache, Dam kommen die hebräischen Schulen der Tarbuthorganisafion, Für die polnische Regierung bietet die Tatsache, daß die jüd!• sehen Schulen keine einheitliche Unterrichtssprache haben* eine willkommene Ausrede, um sich der Pflicht zu entziehen, die jüdischen Schulen gleich denen der anderen nationalen Min• dcrhcllcn zu erhalten. Per Eimvand, daß die Frage der Untcrrichtsspraclie eine Iniicrjiidisclie Angelegenheit ist, verfängt in Anbetracht des schlechten Willens der polnischen Unter• rictitsverwaltung bei der polnischen Regierung nicht. Angesichts dieser Sachlage ist cs nur natürlich, daß in der Tarbuthkonferenz vorn Abgeordneten Grün bäum der Antrag gestellt wurde, sich mit den Jiddischistcn nach der Richtung zu vereinigen, uni mit ihnen gemeinsam die jüdischen Schulfotderuiigcn bei der polnischen Regierung zu vertreten. Dieser Antrag rief stürmische Debatten und insbesondere den Widerstand des Abgeordneten Dr. Osias Thon hervor, der ein Zusammengehen mit den ״erbitterten Feinden des Hebraismus", wie er die Jkkliseiilstcti nannte, als unmöglich bezelchnete. Grünbatmis Antrag wurde abgclchiit und die Konferenz beschloß, das Zentralkomitee der Tarbuthorgnnhatlon zu beauftragen, selbständige Schritte bei der polnischen Regierung in Auge• Icgcnhdt der Subventionierung des hebräischen Schulwcrkcs zu unternehmen. Dieser Beschluß findet ln der breiten jüdischen Oelfcnllichkeit wenig Verständnis. Es »ei zugegeben, daß dl« Jiddischistcn einen gehässigen Kampf gegen die hebräische L׳