Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 77-78 (26.9.1924)
- Date
- 1924-09-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 55S fir. 77/78 :פisein: r’und's’chtitj Molinien die Arbeitsparteien sielt nicht zu einem gemeinsainen Schekel vereinigt hatten, der Schekel-Hechalu/. durchpcfiihrt werden soll Aber auch dieser lksditub darf nur imt /ustimnnmtf der Arbeitsparteien verwirklicht werden. Ihn die Arheitsmö didikciten des Mcrkas Olatni 7.u starken, vor allem auch, um ’ ihm ein mehr kollegiales Arbeiten zu ermöglichen, wurde beschlossen, den Mcrkas Claim zu erweitern. Dr. Sch w n I» e , bisher in Litauen, wurde in den Maltas Ülami kooptiert, wo er besonders mit der Aufgabe der C’.haluz.arbcit in den westlichen Ländern betraut werden sott. Außerdem wurde dem Mcrkas Olami das Recht gegeben, noch zwei Chawerim zu kooptieren. Der Sitz des Mcrkas wurde nach Warschau verlegt. Die Monzali, die ein deutlicher und . schöner Beweis dafür war, wie es dem Hechaluz gelungen■ ist, im Laufe des letzten Jahres an Ausmaß und Stärke zu gewinnen, ließ jedoch auch bereits erkennen, wo die inneren und äußeren natürlichen Grenzen seiner Arbeit liegen müssen. Gerade weil auf dieser Moazah deutlich spürbar wurde, wie immer klarer und bcwiilher die ■sozialistische Einstellung der in ihm zusammengeschlossenen Chnluziin wird, ist cs Aufgabe . des . Mcrkas Ölami, darüber zu wachen, daß in seiner Arbeit keine Verciieung eiutvitt. Wenn einerseits der Hechaluz auf der Wache stehen muH, dafl er nicht Kampfohjekt einzelner partoipolitischer Ambitionen werde, so muH er sich andererseits davor bewahren, die Grenzen seiner eigenen Arbeit nicht 711 weit zu spannen, und selbst Formen tmd Formeln poütischcr und wirtschaftlicher Betätigung aitzimehmen, die denen der Parteien gar zu ähnlich sind. Wenn der Hechaluz. einerscits mit bewußter Deutlichkeit sich als Nacliwitcltsbcwcgung hinter die Histadruth Haklallith stellt, so muß er cs doch vermeiden, die Probleme des Aufbaus eines arbeitenden Palästinns, die im Lande selbst auf der Grundlage jahrelanger Erfahrung und tiefster Verbundenheit mit der Arbeit mit Recht leidenschaftlich umstritten werden, liier im Galuth in seinen Reihen bereits lösen zu wollen. Der Weg *des Hechaluz ist der Weg sachlicher beruflicher und erzieherischer Arbeit. " E. A. IMcrna'.iannlcs Eminraafca IliHsltomllcc in Berlin? Wir erhalten folgende Zuschrift: Am 15. oder 16. August dieses Jahres erschien im ״Acht-Uhr-Abendblatt“ eine Notiz, die in wenigen Worten miueiltc, daß am. 16, August die Gräiiuliiiig.-lconfercnz des Internationalen Emiffrautcu-Hilfskoniilces in Berlin stattfindcu wird. Die J. T. A. brachte am IS. September folgende Nachricht: ״Vor kurzem fand in Berlin die Gründungskonfercnz des internationalen Hilfskomitees für Emigranten und Trausemigranteu statt. Neben Vertretern der deutschen Behörden nahmen an der Konferenz, auch Vertreter der auswärtigen Konsulate und der Schiffahrtsgesellschaften, so 11. a. der Hapng und ries Norddeutschen Lloyd, teil Als Verlreter der Vereinigten Staaten erschien Generalkonsul Davis. Es erschienen auch eine Anzahl Vertreter jüdischer Vereinigungen mul Institutionen. Nach eingehender Bcrntung und Annahme der Statuten wurde eia Arbeitsausschul! aus den folgenden drei Personen eingesetzt Major a. D. Mensch, Dr. Spiegel und Dr. Bcilcnson; die beiden letzten sind Vertreter jüdischer Vereinigungen Diesem Arbeitsausschuß obliegt cs, die vorbereitende ■Arbeit zwecks endgültiger Konstituierung des Internationalen Hiifskomitecs zu treffen.“ An dieser Nachricht ist auffallend, daß man von der Gründung eines Internationalen Emigranten-!iilfskomitces erst vier Wochen nach seiner Gründung der Öffentlichkeit Mitfeilung macht. Noch auffallender ist aber, daß als Vertreter jüdischer Vereinigungen und Institutionen die Herren Dr. Spiegel und Dr. ft eilen so 11 siclr an dieser Konferenz beteiligt haben. Keiner der maßgebenden jüdischen Emi gr.mlenorganisntionen ist eine Nachricht von dieser Konferenz zugegangen. Es ist auch nicht bekannt, wen und welche Organisationen die genannten Herren vertreten, im Interesse der Emigrantenhilfe und im Interesse der jüdischen Ocffcntliclikeit überhaupt wäre es wünsehenswert, daß die genannten Herren die Namen jener jüdischen Organisationen und Vereinigungen mitteilcn, die sic mit der Wahrnehmung ihrer Interessen bei dem Intcrnatio nalcn Emigrantcn-liilfskomitce beauftragt haben. Prof. Dr. Sslontoa KalfstcJicr gestorben Der geschäftsführende Vorsitzende des Deutsch-Isracliti sehen Gemcindebimdcs, Herr Prof. Dr. Salomon Kalischer, ist in Marienbad, wo er zur Erholung weilte, gestorben. Die Bei Setzung findet nach erfolgter Ueberfülirung in Berlin statt, Prof. Kalisehcr war eine ehrwürdige und repräsentative Gestalt des deutschen Judentums. Sein starkes Gemeingefühl ließ ihn au allen jüdischen Angelegenheiten Interesse und Anteil neh men. Auch für die Entwicklung des jüdischen Palästina zeigte er reges Interesse und betonte bei mehreren Gelegenheiten den alljüdischen, überparteilichen Charakter der Palästina- Unternehmung und die Verpflichtung der deutschen Juden zur Mitarbeit bei diesem Werke. Er ruhe in Frieden. Aus der {Udisclsen Welt Gris •Iö*ael eigener Listen ab zusehe 11. Inzwischen ist ein Aufruf des Ccuralvctrnns erschienen, der die Wahl von zionistischen Liste״ verbietet. Wir werden auf diese unglaubliche Kompetcn/übcrschrcitimg des C.-V., der in innerjüdischen Fragen dieser Art keine Steilung zu nehmen hat, noch zurückkommen. ~ Wie der J. T. A.-Vcrtrctcr erfahrt, sind nun schon in einer Reihe von Provinzen Verhandlungen 111 Gange, die darauf hinzielen, Einheitslisten aufzustcllen. Ob der Verband der nntioiialdcutsdicn Juden sich an den Wahlen mit eigenen Eisten beteiligen wird, stellt noch nicht fest. Der Vcrbnndsvorstand soll in den nächsten Tagen darüber beschließen. U ßt Den Gesinnungsgenossen, denen in diesen Tagen schon die 10. Nummer der ״Informationen‘‘ zugeht, ist gewiß schon der Gedanke gekommen, daß ebenso wie die darin geschilderte Arbeit der Z. V. f. D. auch diese monatlichen Ätiitcilungsblätter große Kosten erfordern, wobei von dem übrigen Aufwand an Arbeit und Milbe, den sic ver- Ursachen, ganz abgesehen werden soll. Trotzdem gehen ihnen die ״Informationen“ bereits so lange kostenlos zu. Da wir nicht annchnu-n, daß die Leser der ״Informationen" diese ohne Gegenleistung erhalten wollen, machen wir ausdrücklich darauf aufmerksam, daß auch diese ßezugsgebülir in der Zionistonstcucr enthalten ist. Ebenso wie jeder andere Abonnent begreift, daß er unmöglich mit seiner Bczugsgebiihr lange im Rückstände bleiben kann, müssen die Ortsgruppen, Vertrauensleute und jeder einzelne Zionistcnstcuer/cicliner cinsehcn, daß die unpünktliche Einziehung und Einzahlung der Zionisten- Steuer geradezu lähmend auf unserer Arbeit ruhen muß. Der Plan, für die ״fnfonuatiot1.cn" Bezugsgebühren einzuheben, brauchte überhaupt nicht erwogen zu werden, wenn die Ortsgruppen tmd Vertrauensleute ihr Zionistensteuer-kontingent regelmäßig und in voller Höhe aufbringen würden. Zionistische Vereinigung für Deutschland Berlin W 15, Meinckcstr. 10. Postscheckkonto Berlin 8001. polen 16 Arbeiter verhaftet. Sechzehn Arbeiter in der neuen Misradii-Sicdimig ״Kfar ibri“ bei Jerusalem gerieten mit der Kolonie-Verwaltung in Meinungsverschiedenheiten und wurden entlassen. Die entlassenen Arbeiter veranstalteten eine Demoustration. Die Polizei schritt ein und verhaftete alle Demonstranten. Klagen gegen den ,,Doar Hnjoni“. Wie die Pal. Tel.- Agentur erfährt, hat der lateinische Patriarch in Palästina, Mgr. Barlassina, gegen die hebräische Tageszeitung ״Doar H a jom“ wegen einer in dieser Zeitung erschienenen Bemerkung über Jesus Christus vor Gericht Klage erhoben. Die palästinensisch-arabische Exekutive und die katholische Gesellschaft Nazareth haben bekanntlich ebenfalls gegen ״Doar Hajoi«“ wegen der betreffenden Bemerkung protestiert und die Einleitung eines Gerichtsverfahrens verlangt. — Es handelt sich um eine taktlose Bemerkung des ״Doar Hajom“ anläßlich der Tarife Hans Hcrzls. Die Zeitung schrieb in burschikoser, deplacierter Manier, daß auch der S01111 Gottes vom Glauben seines Vaters abgcfallcn wäre. Hoffentlich wird die Verhandlung den ״Doar Hajom" empfindlich überzeugen, daß Taktlosigkeiten solcher Art ungehörig sind. Die transjordanischen Finanzen. Wie in Jerusalem verlautet, wird Colonel Charles H. F. Cox, der politische Attache Großbritanniens bei der transjordanischcn Regierung, von jetzt ab die gesamte Finanzgcbarung der transjordanisehen Administration zu übernehmen haben. PrutochUnd Die Wahlen zum preußischen Landesverband. Der ,,Cc nt r a 1 vc r c i n“ hielt eine erweiterte Vorstandssitzung in Berlin ab, in der die Frage erörtert wurde, ob und wieweit der Ccntralvcrchr bei den Wahlen zur Landesversammlung eigene Ceniralvereinslistcn aufstcllen solle. Nach mehrständiger Beratung wurde beschlossen,-von der Aufstellung Tagung des Agudah-Zcntrnlrates. In der vierten Sitzung des ZciUralratcs der Agudas jiartnl wurde die Palästina- Arbeit der Agudah einer eingehenden Beratung unterzogen. Es wurde .־uw politischen wie aus wirtschaftlichen Gründen eine energische Aktion fiir weiteren Bodenkauf beschlossen. 111 Anwesenheit «los zur Zcntralratssit/ung erschienenen Derer Rebln• hielt Dr. S. Ehrmanii, der Leiter der Palästina-Zen׳ trab: der Agudns-Jiartcl in'Frankfurt a. M., das Referat über die bisherige Arbeit in Palästina. An der Debatte über die zukünftige Tätigkeit beteiligten sich Dr. Nimccwicz. (Bia■ Ivstok), Dr. Nathan B i r n b a u 111, Sejmabg. Kirschbraun (Warschau) und der Rabbiner von Sink, Lirkis. lieber Er■ zichungsfragen sprach der Leiter des Keren Hatorah, Dr. L Deutsch l-:i n ti c r. Auch an dieses Referat schloß sich eine eingehende Debatte, an der sich die Oberhäupter der litauischen Jcschiwoth beteiligten. Aus dem Bericht der einzelnen Länder ging u. a. hervor, daß sich die Agudah-Bewegung in allen Ländern gut entwickelt. Die palästinensische . Lamlcsorgnni׳ sation hat anläßlich der Wahlen in den aschkcnasischcn wand Ilait einen schönen Erfolg davongetragen und ihre praktischen Arbeiten auf dein Gebiete des Schulwesens und der wirt schriftlichen Arbeit mit gutem Erfolg fortsetzen können. Die Kchiliah-Wahlcn in Polen — heißt cs in dem Bericht — be deuten eine historische Epoche fiir die Agudah in Polen Der religiöse Block hat 60 °/0 der Mandate erobert und bildet in den Städten Warschau und Lodz die stärkste Partei in der ersten mit 17 von 50, in der zweiten mit 13 von 35 Mandaten. (J. T. A.) * Während der Tagung des Zentralstes der Agudah im Gebäude der Krakauer Kultusgcmclndc wurde der Kopf eines dort im Beratungssaale befindlichen Porträts Theodor Hcrzls in vand.ilischcr Weise herausgcschnittcn. Der Krakauer ״Nowy Dziennik" erhob gegen jugendliche agudistisebe Gäste der Konferenz den Vorwurf, ans fanatischer Gegnerschaft gegen den Zionismus das Bild zerstört zu haben. Ein Führer der Agudah antwortete auf eine Interpellation wegen dieser Ungchorigkeit: ״Hcrzl war gegen uns, darum hat man ihm den Kopf abgeschuiiten.“ Allerdings beeilte sich die Agudah einige Tage später in einer Zuschrift an den ״Nowy Dziciinik“ die Verantwortung für diese Bilderschändung abzulchncn und den Vorfall ־zu bedauern. Der Bau der Jeschhvah in Lublin. Die Piotrkower ״Unsere Zeitung" veröffentlicht an leitender Stelle einen Protest jüdischer Handwerker in Lublin gegen das agudistischc Bnukomitce . der Ltibliuer Jcschiwnli wegen Vergebung des Baues an eine antisemitische Gesellschaft um 87 000 Dollar, während jüdische Gesellschaften eine Offerte in der Höhe von 72 000 Dollar überreicht hatten. Die Uebertragung des Baues an die antisemitische Gesellschaft erfolgte freihändig obwohl man in diesem Falle, wo die Baugeldcr aus offene* liehen Mitteln stammen, einen Konkurs hätte nusschrciben müssen. L>er Protest der Lubliner jüdischen Handwerker wurde in einer großen Versammlung beschlossen, in der die heftigsten Klagen gegen die Agudah laut wurden. Frau Beile Sprinzak gestorben. Die Mutter des Mit ßlieäes der palästinensisch-zionistischen Exekutive, Herrn Joseph Sprinzak, ist vor einigen Tagen in Warschau gestorben. Wir sprechen Herrn Sprinzak unser herzliches Liciicid aus. lUtMien Die Kownoer Stadtratswahlcn. Am Sonntag, den 21.Scpfember fanden in Kowno die Gcmcindcratswah’len statt Es wurden 70 Stadtriite gewählt. Mehr als die Hälfte der Stadtverordneten, nämlich 39, sind Angehörige der nationalen Mieder■ lieiten, unter diesen sind 21 Juden, Der Ausgang der Wahlen muß angesichts des reaktionären Terrors und des Zusammenschlusses der gesamten antijüdischen Front in Kowno ais ein großer Erfolg der jüdischen Wähler gebucht werden, Die Tatsache, daß fast ein Drittel der Stadtratsmandate der Hauptstadt Litauens den Juden zuficI, läßt die letzte Tat der Reglern״״, die Vernichtung der jüdischen Autonomie und die Schließung des jüdischen Nationalrats umso krasser erscheinen, Hm<nha Die Beisetzung Nachman Syrkins. Am 7. September fand in New York die Bestattung Dr. Nachman Syrkins statt. Zu der Bestattungsfeier fanden sich zahlreiche Anhänger und Freunde ein. Gedenkreden hielten: Dr. Stephen *S. Wise, William Edlin. der Redakteur des ״Tog", Max Pine, Dr. Chaim Tschcrnowitz, Morris Rothen• b erg und Dr. A. Coralaik, Quellen des Zionismus Von Leo Strauß. I. Max Nordau, Zionistische Schriften. Der Zionismus hat sich auf Grund der kultur-zionistischen Kritik mehr und mehr von seinen Ursprüngen, welche 11 rsprüngc des politischen Zionismus sind, entfernt. Eine ' riifung dieser Kritik würde zeigen, daß dieselbe die_wi1klichen Motive des politischen Zionismus gar nicht zu Gesicht hekommen hat. An diesem Ucbclstand war z.u einem großen Teil der politische Zionismus selber schuld. Wenn er sich selber als ״Rückkehr zum Judentum vorder Rückkehr ins Jndcnlaiid“ ausgab, so schien er seihst jedes I laltmachcn auf dem Wege der Rückkehr — lind diese Rückkehr war, als T’schuwah, der wirksamsten Aufmachung fähig — als Halbheit zu bramimarken. Diese K011scr!uc11z machte die politischen Zionisten stutzig. Aber weit davon entfernt, die eigene Ideologie auf ihre Echtheit prüfen zu wollen, sahen sie kein anderes Kampfmittel gegen den Kultur-Zionismus als Hohn und Spott über den ״Geist‘‘. Wenn cs in der letzten Zeit etwas ancicrs, etwas besser geworden ist, so ist dies die. unmittelbare Wirkung der Tagebücher Theodor Hcrzls. Wirft man nun die Frage auf, weicher Herkunft die Trübungen des sich streng, tmliterarisch und trndoktrinär, an die konkrete Situation der Juden haltenden Hcr/Ischcn Zionismus sind, so wird man sich zu allererst an die nächstwichtige Quelle des politischen Zionismus halten, an die Zionistischen Schriften Max Nord aus, die 1023 in zweiter, vermehrter Auflage im Jüdischen Verlag erschienen sind. Der politische Zionismus ist der Ansicht, daß die Juden* not nur durch die Aufrichtung eines jüdischen Staates, durch die Konsolidierung der Macht jüdischer Individuen zur jü- (fischen Volksmacht zu beheben sei. Herz! bediente sich um dieses Zieles willen des Mittels, die Macht der Gckljudcn, an sich durchaus keine jüdische Macht, gegenüber den politisehen Mächten — und andererseits die politische Legitimation seines Vorhabens durch die über politische Bedeutung allein entscheidenden Großmächte gegenüber den Juden anszuspielen, lieber keinen der beiden Faktoren verfügte er wirklieh; aber indem er sie gegeneinander ausspieltc, verfestigte sich die politisch amorphe Macht jüdischer Individuen zum politischen Wollen, zur politischen Bedeutung des jüdischen Volkes.!Dieses Ziel durchaus billigend, verwirft Nordau das Mittel Hcrzls als ״hinterhältig“. Er will die Macht, er verwirft aber die Intrige als Mitte! zur Erreichung der Macht. Er will die Macht, er verlangt aber das Zugeständnis, daß wir zurzeit über keine Macht verfügen. So vollzieht er den Ucbcrgaiig vom politischen zum geistigen Zionismus, der die Machtlosigkeit, die Machtwidrigkeit des jüdischen Volkes zum Grundsatz erhebt. Das Motiv׳ zu diesem Abfall von Herz! ist bereits ״geistig“ die Ehrlichkeit. Wir wissen, daß Hcrzls Zionismus selber wesentlich durch die Antriebe der Anständigkeit und der Loyalität bestimmt war. Aber HerzI wußte zu gut, daß cs in der Politik keinen unzweideutigen Sinn hat, von Wahrheit oder Unwahrheit zu reden. Die Politik hat Wirklichkeiten zu schaffen. Was!!eine Unwahrheit ist, wird vielleicht gerade dadurch, daß man cs heute als Wahrheit misgibt, morgen tatsächlich zur Wahrheit. Die Himmelsbläue des zionistischen Optimismus war bei Herz! nun guten Teil durch agitatorische Rücksichten bedingt. Nordau hat das Märchen von dem schwärmerisch seinem Volke vertrauenden HerzI, an das er selber ni-cht glaubte, in die Welt gesetzt, um auf diese Weise recht drastisch den Verrat des jüdischen Volkes;in seinem Führer dartun zu können: also aus politisch,en Gründen. Von Nordaus .Urteil ühcr I krzi, in seiner nicht durch den Zweck der Agitation gebrochenen Form, erfahren wir Einiges aus Hcrzls Berichten in den Tagebüchern. ״Nordau findet mich unaufrichtig und hinterhältig in meinem Verkehr mit Fürsten und jüdischem Volk. Ich glaube, er wird noch einmal diesen seinen Tadel in die Oeffcntlichkcit tragen und sieh, mich und uns alle damit blamieren“ (111, 03). Die Tagebücher lehren, daß diese ״Hinterhältigkeit“ das Wesen der Herrischen Politik ausmacht. .Nordau erkennt diesen Zug, er verurteilt ihn und verlangt eine Politik des Vertrauens. So etwa statt der negotiorum gestio des Diktators HerzI die demokratische Beauftragung und Kontrollier!!״:; des Führers (Tgbb. II, 251 f.). Lr verlangt diese Politik nicht bloß, er betätigt sic zum Schaden des Zionismus und /tun größt n Aerger 1 ler/fs. Anläßlich einer Rede Nordaus bemerkt HerzI•): ״Er machte dem -Sozialismus ganz unberechtigte Avancen, gab alle unsere Schwächen preis, erzählte von unserer Hilflosigkeit usw.“ (Tgbb. II, 258). Die Sympathie mit dem Sozialismus und die Abneigun״ gegen die Gcheimcliplomatie haben die gleiche Wurzel und die gleiche Richtung auf Auflösung der großen Linie Her zisch er Politik, die eine durchaus ״stnatscrhaltemlc“ Tendenz hat. In den Aeußerungen Nordaus über Herz! in den ״Zionistischen Schriften“ findet sich keine Spur des mündlich gewiß mehr als einmal geäußerten Tadels. Im Gegenteil! ״Da? Herz krampft sich mir zusammen, wenn ich ihm auf seinem neunjährigen Leidenswege folge, wie er sich, in seinem schönen Vertrauen zum Judentum wie in einem Nebel befangen, durch die Dornen und Nesseln der Wirklichkeit mit wunden Händen tastete“ (Z. S. 160). Vielleicht hat Nordau diesen, für seinen Stil übrigens sehr bezeichnenden, blumen-, vielmehr unkrautreichen Satz aus poetischen Gründen geschrieben — mit denen sich auch die Abgeschmacktheit des Ausdrucks erklären ließe — oder er hat ihn aus agitatorisehen Gründen geschrieben, als Appell au das für unschuldige Leiden und enttäuschten Idealismus stets empfängliche jüüische Herz — anderenfalls ist er so unbegreiflich, wie er auf alle Fälle absurd ist. Nichts Anderes läßt sich von Nordaus Behauptung, Ilerzl sei von der Vorstellung beherrscht gewesen, ״daß zwölf Millionen Adelsmonschen hinter ihm stauden“, sagen, oder von der nndereu, unmittelbar unter dem i-'ndruck von . Hcrzls Tod geäußerten: Hcrzls ״ausgesuchte Empfindsamkeit hat ihn zum Urheber und Führer des Zionis* miss gemacht“. Wenn HerzI heute Vielen ais duldender Schwärmer in Israel erscheint, so hat Nordau daran große Schuld. Er hat, in der Haltung des Verehrers, HerzI verkleinert. Er hat, indem er die Größe Hcrzls sich seihst und dem jüdischen Volke in sentimentalen Kategorien verständlich machte, erheblich dazu beigetrageu, die ursprünglichen Antriebe Hcrzls unwirksam zu machen. Dies war um’so schliin- 1״er, als der Zionismus in seiner Ideologie, und also nicht nur in dieser, von vorne herein daß ihm von HerzI zugedachte Niveau verfehlte. Welches ist nun der Zusammenhang, in dem diese Be- K.imnfung, diese tendenziöse Umdcutim״ des politischen Wollcns Hcrzls wurzelt? _ (Fortsetzung folgt.) Der Preis der vom Jüdischen Nationalfonds herausgegenen ״Biblischen Puppenspiclc“, der in einer voran gegangenen Nummer falsch angegeben wurde, beträgt fiir Erwachsene 3 M., fiir Jugendliche 2 M. Bestellungen sind an den liidischcu Natuwalfonds, Berlin W'15, Meinckcstr. 10, zu rich'leii. . ״) Als Belege für die Richtigkeit des Herzischen Urteils seien vor allem Nordaus 8. Kongreflrede (Z.S. 174-187) und sein Vortrag ui Amstetdarn (Z.S.28S—311) angeführt.