Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 51 (27.6.1924)
- Date
- 1924-06-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 307 *nsgabc der neuen englischen Wochenschrift beginnen und den ״Haolam“ ausbauen. Wir werden ferner unsere persön■ liehe Pronngaiida nach Möglichkeit ausdeluicn und versuchen, eine Heine von geschulten Organisatoren ciimi• stellen. Ich glaube, daß wahrend meiner Anwesenheit in London doch bereits der Grundstein einer systematischen Tätigkeit gelebt wurde und ich hoffe, diese weiter zu führen, wenn ich nach London zurückkchre. Ich glaube jedoch nicht, daß cs unter den obwaltenden Umständen einen Sinn gehabt hatte, diese drei Monate in London zu sitzen, wo ich doch nicht viel hätte machen können, und meine Pflichten hier in Amerika zu vernachlässigen, Das Berliner Büro. Als das Büro für Mittel* und Osteuropa in Berlin gegründet wurde, herrschten in diesen Gegenden abnormale Zustände, die jetzt bereits vorüber sind. Mit Rück• sieht auf die finanzielle Ucbcrlnirdimg der Exekutive ist cs nicht durchführbar, jetzt noch ein spezielles Büro der IM kutiu׳ in Berit! zu tmiieihalten. Aber selbst wenn die 1־inanz.cn he■ friedigender waren, müßte die!•'rage aufgeworfen werden, ob die spezielle Korrespondenz, di.׳ von einem Büro in Berlin ausgeht, selbst wem! sie noch so geschickt und umsichtig geführt wird, einen nützlichen Zweck erfüllt. Denn die Vorbindtmg mit Polen, Rumänien, Oesterreich, Tschechoslowakei kann ebensogut direkt von London aufrecht erhalten werden wie von Berlin. Wenn wir unsere Landesverbände in Mittel- oder Osteuropa beeinflussen und itiformcrcn wollen, so können wir dies von London tun oder aber durch Entsendung geeigneter Männer in den bc• treffenden Ort. Ls wäre ganz seltsam, wenn die Londoner Exekutive durch die Erhaltung des Büros in Berlin gewisser• maßen seihst anerkennen würde, daß, soweit der europäische Kontinent in Betracht kommt, ihre eigenen' Punktionen mir von Berlin aus ausgeübt werden können. Daher hielt ich es, ganz abgesehen von den Gründen der Ockonomie für ratsam, die nicht mehr zeitgemäße Institution des Berliner Büros aufzulnssen und diejenigen Abteilungen der zion'sUschcn Zen• tralc, die sich noch in Berlin befinden, enger mit der Exekutive bzw. den Plätzen, wo heute die Exekutive sitzt — London und־ J c r u s a I c m — zu verbinden. Selbstverständlich soll durch diese Umorganisicrung keines der wertvollen zionisti• sehen Instrumente, die in Berlin geschaffen wurden, verloren gehen, Ucbcrsiedlung des Hauptquartiers nach Jerusalem. Nach meiner Meinung ist die Zeit gekommen, das zentrale Hauptquartier der Zionistischen Organisation nach Palästina zu verlegen und unsere Verwaltung daselbst zu reorganisieren. Die wichtigste Arbeit der Exekutive wird heute in Palästina getan. Die Aufgabe, die Judcnschaft der Welt für den Zionismus und das jüdische nationale Heim zu organisieren, kann gleichfalls ain besten von Palästina aus gelöst werden. Wie die Dinge heute liegen, ist zwar die Palästina-Exekutive ganz und gar mit dm Arbeiten des Aufbaues an Ort und Stelle beschäftigt, aber formell hat die Londoner Exekutive die gleiche Veran t Wartung für alles, was in Palästina getan wird. Die londoner Exekutive ist aber zu weit entfernt, ihre Entscheidüngen gründen sieh mir auf Briefe, Telegramme, Berichte. Es ist einfach physisch unmöglich, daß die beiden Hälften der Exekutive gemeinsam zu klaret! Entscheidungen kommen. Auf diese Weise kann -keine einheitliche Politik geführt werden, und die Verwaltung leidet darunter. Dasselbe gilt bezüglich des Sitzes des Keren Hajessod und des Wirtschaftsrates. Ich kann keinen Grund sehen, warum das Zentrum unserer finanziellen Tätigkeit nicht in Palästina sein sollte. Auch die Sammlungen können von einem Direktorium in Palästina, das in täglichem Kontakt jnit den Bedürfnissen des Landes ist, viel besser geleitet Werden. Oie Qua'ität unserer Propaganda, unsere Autorität im jüdischen Leben, hängt ab von der Art und Weise, wie wir die Fortschritte in Palästina als Beweis fiir die Wahrheit unserer Ideale verwerten. Eine einheitliche Exekutive in Palästina, eine Keren Hajessod• Leitung in Palästina, ein Wirtschaftsrat in Palästina, all dies mit den etwa notwendigen, ihrer direkten Leitung unterstehenden Vorposten >:n Go'us, mit Zweigstellen für Organisation und Propaganda werden uns in Stand setzen, unsere Arbeit tausendfach wirksamer zu gestalten als sie heute ist. Ich habe den Vorschlag, das Hauptquartier nach Palästina zu verlegen, auf meine eigene persönliche Verantwortniig gemacht, aber ich zweifle nicht, daß'mich die zionistische Exekutive in London und in Palästina, wenn sic die Frage diskutieren wird, zu der Anschauung gelangen wird, daß ein solcher Schritt nicht mir vorteilhaft für die ganze Bewegung ist. sondern auch von einer großen Majorität der zionistischen Wählerschaft der Weit unterstützt werden wird. TschccfcosIowaMsclicr Brief Von unserem Prager Korrespondenten. Es ist kein Zweifei, daß das zionistische ur.d jüdisch* nationale Interesse In der Tschechoslowakei in der letzten Zeit eine entschiedene Wendung׳ zur Kulturarbeit gemacht hat. Die!msitivste und bedeutsamste Leiste 11g ist das hebräische Sc h ul werk in K a r p n t h o r 11 fl I an d. An 1000 Kinder• besuchen heute bereits 9 hebräische S c 11111 e 11 und einen Kindergarten. Diese Schulen Oben eine ungeheure kulhirb'mlcrnde Wirkung aus — nicht nur unter den Juden, So wurde in der letzten Zeit ans einem kleinen Karpathciulorfc folgende bezeichnende Episode bcrichtet: In dem Dorf.', ״das aus 93 ׳<״ Analphabeten besteht, existiert eine hebräische Schule. Da b'shcr das Gebäude der staatlichen Schule noch nicht ■{crtiggcstcllt ist, wendete sich die dortige ruthcuischc Bevölkerung an den hebräischen Lehrer, welcher auch• vollständig ehe ruthciiBcho Sprache beherrscht, mit dein 111 *tu« heu, er mügo mu h die mlheiii .eben Kinder nn dem nithemschen Unlcrilclit, der in der Schule iihgclialtct. wird, teilnehmen lassen. Da sich aber das Klassenzimmer als viel zu klein erwies, entschloß sich der Lehrer, für die nithcnlsehen Kinder einen separaten Unterricht einzurlchtcn. _ Es ist ein kulturhistoiisch interessantes Faktum, daß die dortige Bevölkerung, die bisher ein einziges Gebirgslied hatte, nunmehr von ihren Kindern neue slawische Lieder hören kann, welche sic — beim hebräischen Lehrer in dar Schule gelernt haben. Zu diesen neun Volksschulen soll nun mich ein 11 c - h r ä i s e h c s G y m n a s in m treten, und zwar in M!1 n k a c z, Das Grumtstürk ist schon da, die Schüler sind auch schon da — an Schülern für hebräische Schulen ist hier überhaupt kein Mangel; es sind immer viel mehr Schüler da, als aufgcuommcri werden können — aber nicht ganz da ist noch das Geld. Die Juden von Karpathonißland sind sehr arm und auf die Hilfe ihrer bcsscrgestelltcn Brüder angewiesen. So sammelt man denn in der Tschechoslowakei, aber auch im Auslände: insbesondere Amerika hat man für dieses wichtige jüdische Werk interessiert. Eben wird berichtet, daß auch die Stadt Vertretung von Munkacz eine Subvention von 60 000 Ke. beschlossen hat; nur zwei Stimmen sind in der Stadtvertretung dagegen gewesen, und zwar — d i e S t i m * men der jüdischen Orthodoxen. (11) Das ist bezeichnend für die ganze jüdische Situation im Lande. Den heftigsten Widerstand erfahren diese hebräischen Schulen nicht bei den A s s i 111 i 1 a n t c n , nicht bei der Regierung, sondern bei den Orthodoxen; das soll natürlich heißen bei den politisch Orthodoxen (denn fromm ist die ganze Bevölkerung Karpnthorulllnnds); cs ist die ccclesia militans der agudistischcn Rabbi-!1 e r der Slowakei und Karpathonißlamls, deren hemmungsloser jtampf gegen alles Zionistische weder vor der Vorhängung des Banns (tssurs), noch vor po'itisch recht waghnlrigcn Kunststücken zurrtckschrcckt. Zu diesen gehört vor allem die innige Verbindung mit den tschechisch• jüdischen Ass i m il an t cn Böhmens. Die Seele dieser merkwürdigen Ehe zwischen den ehemals magyarischen Orthodoxen und den meist atheistischen und zürn Teil konfcsriorsloscn tschechischen Juden ist der Referent für jüdisclie Angelegenheiten im Prager Unterr i rh t s m i 11 i s t c r i 11 m, Dr. Lederer, der gleichzeitig Präsident der tschechisch-assimilatorischen Organisation ist und der vor nicht langer Zeit öffentlich für die Mischehe cingctrctcn ist. So weltenfern diese beiden Parteien in Weltanschauung und Leben sind, so eng verbindet sic der Haß gegen alles, was zionistisch ist. Darum richtet sich der Kampf der Zionisten gegen diesen assimilatorischen Referenten für jüdische Angelegenheiten im Unterrichtsministerium. Der letzte Zionistentag hat der Unzufriedenheit mit diesem Referenten in einer Resolution offen Ausdruck Verliehen. Aber nicht nur im Osten, auch im Westen der tschechoslowakischen Republik steht das jüdische Schulwesen im Mittel* punkt des jikliscbnationalcn Interesses. In Brünn gibt cs ein jüdisches Reform-Realg yinnasium mit deutscher Unterrichtssprache; in Prag eine jüdische Volksschule mit tschechischer Unterrichtssprache — pekuniär ein Sorgenkind der Prager Zionisten, welche mit Mühe das Budget der Schule durch Spenden zustande bringen. Denn es ist bis jetzt nicht gelungen, die jüdischen Schulen bei der fschcchisehen Regierung als Minoritätsschulen anerkannt zu erhalten — und erst, wenn dies gelungen wäre, wäre der finanzielle Bestand gesichert. Obwohl die jüdische Nat ionall tat in der Verfassung der Tschechoslowakei anerkannt ist, kennt doch das Gesetz über die Minoritiitssch den nur sprachliche Minoritäten. Doch ist es keine Frage, daß das Verständnis der maßgebenden Kreise fiir das jüdisch-nationale Schulwesen dank der unermüdlichen Arbeit des Midi sehe 11 Na t io 11 a I r a tcs in Prag im Zunchincn begriffen ist und z. B. auch in Lclirerztiweisungcn zum Ausdruck kommt. Erst vor einiger Zeit war das Präsidium des jüdischen Nationnlraies mit dem Präsidenten Dr. Ludwig Singer an der Spitze, beim Minister Markovic, dein derzeitigen Vertreter des Untcrrichtsinin’sters, um dun die Beschwerden und Wünsche der Juden in berng auf das Schulwesen dar/ulegcii. Der Kampf um die öffentlich-rechtliche Sicherung des jüdischen Schulwesens ist heute der Kern der no'itischen Arbeit des Jüdischen Nationalratcs, dessen Tätigkeit sich in den letzten Jahren vom Innenministerium, wo es zur Zeit der Flüchtlinge und Durchwanderer am meisten zu tun gab, allmählich ganz in die Räume des Unterrichtsministcriums vcischobcn hat. Aber seihst in der Prager jüdischen Gemeinde• Stube stellt das Schulproblem im Mittelpunkt des Interesses. Es ist bezeichnend, daß die beiden dramat sehen Szenen, welche sich hier in der letzten Zeit abgespielt haben, Schulfragen betrafen, ci111n.1l die Prager jüdische Volksschule, das andere Mal die jüdische Gewerbeschule in Mährisch• Ost rau. Die Prager jüdische Kultus!;emcinde, in welcher unter 21 Repräsentanten 5 Zionisten Ritzen — neben 5 Mit• g'inlrrn der mit ilmru meist verbündeten M.ltvlstamlf,pattei — unterstützt die jüdische Volksschule,!!her in einer etwa» indirekten Form. Sie subventioniert nämlich nicht die Schule seihst, sondern mir d״n Rc'igi׳>nsu11tcrrricl1t *an dieser Schule (und zwar mit 301)9 Ke.), da sie ja verpflichtet ist, für den Religionsunterricht überhaupt zai sengen. Aber auch dies ist den tschechischen Juden — es sitzen ihrer 0 Vertreter in der Prager jüdischen Gemeindereprüsentanz —* zu viel und so kam cs nt einem heftigen Kampf zwischen Dr. Singer und dem Führer der tschechischen Juden, der sich einige Wochen später wieder• holte, als Dr. Singer den Antrag stellte, die Ostraucr jü* .lischt- Gewerbeschule zai unterstützen. Während sich die Repräsentanz bei der Prager jüdischen Volksschule für die Unterstützung atirsprach, lehnte sic den Anbag auf Subvention der Ostraucr Gewerbeschule ab. In seiner politischen Resolution berührte der (V.) Zionisten* tag den allgemeinen und besonderen Schmerz der politischen Stellung des jüdi. eben Schulwesens. Er machte der Regierung den Vorwurf, daß sie für das jüdisch-nationale Schulwesen nicht das richtige Verständnis habe und erklärte als Haupt- Ursache dafür den jüdisch-assimilatorischen Referenten für jüdi sehe Angelegenheiten im Unterrichtsministerium, von dem in diesem Belichte bereits die Rede war. Der Zionistentag fordert vor allem, daß alle Schulen, die von jüdischen Vereinen oder Kultusgcincindcn erhalten werden, ohne Rücksicht auf diegegenwärtige Unterrichtssprache als Schalen der jüdischen Minderheit anerkannt werden. Immer wieder zeigt cs sich, welch großes Hemmnis für alle politische Wirksamkeit, für die Sicherung der jüdischen Kulturnrbeit cs ist, daß es bisher den luden der Tschechoslowakei noch nicht gelungen ist, eine Vertretung im Paria• mente zu erhalten. So sind vorläufig die in den Gemeinden gewählten Delegierten die eigentlichen politischen Vertreter der bewußten Judenschaft. In der letzten Zeit sind übrigens einige neue jüdische Wahlerfolgc in den Gemeinden zu ver* zeichnen. So wurden in Brünn zwei jüdische Stadt• verordn etc gewählt (ebensoviel wie bei der vorigen Wahl, die Anzahl der für die jüdischen Vertreter abgegebenen Stirn• men haben sich gegen das letzte Mal nicht wesentlich ge• ändert), ebenso wurden in Proßnitz. zwei jüdisch• nationale Ver treter gewählt (hier ist eine entschiedene Steigerung der Stimmen zu verzeichnen). Es ist übrigens Interessant, daß in der Proßnitzer Gcnieiiidestube, wo sich ein tschechisch-bürgerlicher und ein ■tschechisch-sozialistischer Block die Wage hält, die jüdischen Vertreter bei der Bürger• meistcrwahl den Ausschlag gaben, indem sie sich für den sozialistischen Block entschieden. Es ist natürlich, daß die rational-tschechischen Parteien die Juden deshalb nicht ex׳tra belobt haben; cs zeigt aber von keiner besonderen politischen Reife und Verständnis für die Demokratie, wenn das führende Organ der• tschechisch-nationalen Demokratie diese ,,Ein. Mischung“ der Juden in den Kampf zwischen Nationalen und Sozialisten zunickwcist und meint, daß die zionistische Weltorganisation sicherlich mit dieser Einmischung ihrer Proftnitzer Parteigenossen nicht einverstanden sein dürftet• Trotz derartiger Entgleisungen ist derzeit doch das Ver* ständnls der Tschechen fürdicjüdisch-natio. nalcn Bestrebungen weit größer, als das der Deutschen (es wäre fa'seh, dies bloß auf opportunistisch• politische Gründe zurückzuführen). Das zeigte sich in den letzten Tagen wieder in der Frage des Studentenbeirats an der deutschen Universität in Prag. Nach der Affäre des jüdischen Rektors S t e i n h c ז z hat der akademische Senat den Studenten versprochen, einen StuJentenbeirat cinnibcrufen, der eine gewisse Kompetenz in Fragen der Universität haben solle. In den letzten tagen ist über diesen Plan einiges bc• kannt geworden, unter anderem auch die Tatsache, daß als Voraussetzung des aktiven und passiven Wahlrechtes in diesen Studentenbeirat das Bekenntnis zur deutschen Na• t i o n a 1 i t ä t festgesetzt Ist. Die jüdisch-nationalen Studenten- Korporationen haben an den akademischen Senat dagegen Protest erhoben. Eine Antwort ist bisher nicht erfolgt. Sie wird wahrscheinlich nach dem Wunsch der Völkischen ausfalien. efnandersetzung und Bewegung durchaus willkommene Bc- Sonderheit und Abwechslung gebracht wird. Wir bekämpfen Herrn Jabotinskv, aber wir wünschen, daß man kenne, was im Zionismus bekämpfenswert ist, und machen deshalb unsere Leser auf diese Tatsache besonders aufmerksam. Nicht verschweigen dürfen wir. daß das letzte Heft, das Maiheft, ganz und gar UricI Birnbaum, dem jüngsten Sohne Nathan Birnbaums gewidmet ist, und daß wir bei aller menschlichen Achtung vor UricI Birnbaum und seinem Schicksal im Kriege ln der Qualität seiner dichterischen wie malerischen Beiträge In den früheren Heften *und in diesem Heft eine Rechtfertigung zu so ungewöhnlich breiter Darbietung auch in einer Fanülicnzcitschrift nicht erkennen können. Es heißt ein Publikum, das selbst nicht unterscheidungsfähig ist, irreführen, wenn man ihm eine Produktion auf so feierliche Weise vorführt, die alles in allem zweitrangig ist: dichterisch wie zeichnerisch gleichmäßig in der geistigen (guten) Absicht steckcnblcibend und ganz ohne die Kraft, eigene Vision mit eigenen Ausdrueksmittcln in eigene, unahgcbraiichte Form zu bringen. Aber die ״Menorah“ selbst wird dadurch nicht entwertet; sie kann unserer Idee beträchtliche Dienste leisten, wenn sic in die allgemeine wohlhabende Judcnfamilic cinzwlringen imstande ist. Wir wollen diese vorläufige Ucbcrsicht über neue Zeit- Schriften nicht beenden, ohne auf den (,Jud e n“ zu verweisen, dessen Mai-Juniheft soeben erschienen ist, und der sich mit ihm mehr als mit manchem Heft der letzten Zeit wieder als das unbestritten erste Organ der jüdischen Geistigkeit im deutschen Sprachgebiet ausweist. Es mag wahr sein, daß Martin Buber im Inicrcsse seiner persönlichen Forschungen und also auch in dem unseren ein bißchen tiefer in den Hintergrund als für den ״Juden“ gut war, getreten ist, obwohl Ernst Simon nach Kräften bemüht ist, die Persönlichkeit dieser Zeitschrift zu wahren. Manche ihrer Beiträge in früheren Heften gemahnte an die etwas planlose Notarbeit einer Redaktionsfülmmg in dieser Zeit, wo das Schreiben eine höchst mühselige und anrcizlose Beschäftigung geworden Ist, mangels eines auftiahmcfäliigcn Publikums, zu dem hin man schreiben könnte, und mangels aller Handhaben, mit denen Geist dieses stupideste und gesunkenste aller letzten Jahrzehnte anpacken und schütteln könnte. . Man läuft Jugend, in Horden mit Landskncchlsliedem und Fahnenstangen durch die Natur, man wird ״fromm“, man liest nicht mehr, denn man produziert alles von innen heraus, mau ist über die Aufklärung hinweg, um mit Anthroposophie, Horoskopen, Spiritismus und ähnliebem Greuel zu versteinern“, mail schwört auf Blülicr, man betet zu Karl Kraus, man kann nicht mehr denken, nicht mehr wollen, kaum noch etwas Anständiges empfinden — was soll mail dann für eine Zeitschrift erwarten, die, wie der ״Jude“, ein Hort der geistigen Sauberkeit war und zu bleiben bemüht ist? Das neue Heft, aus dem wir hiermit das Inhaltsvcrzcichnis abschreihen, wollen wir damit unseren Lesern nngelogentlieh empfohlen haben. Es bringt Beschreibungen Jüdischer Wirklichkeit und einige erfreulich sauber gedachte Aufsätze. Hier das Verzeichnis, zu dem, wie üblich, sich ״Bemerkungen“ und ״Umschau“ gesellen: Friedrich Thicberger: Versuch einer Neubegründung des Nationalismus. Moses Beilinson: Zionistische Krise und jüdischer Bund. Albert Mau rüber; Bei den Kommunisten in En Charod. Hans Kohn: Bernhard Lazarc und der Dreylus-Prozeß. Leo Strauß: Cohens Analyse der Bibelwisscnschaft Spinozas. Fritz Loew: Judentum und Volkskunst. Heinrich Bcrl: Die Juden in der bildenden Kunst der Gegenwart. Erich Toc p 1 i t z: Jüdische Museen, Martin Büber: Vom Tod der Gerechten. Man nlromiiert den ״Juden“ beim Jüdischen Vertag, Berlin NW 7, Dorothecnstr. 35, für M. 3,20 im Vierteljahr. Es wird sicherlich der best ausgegebene neue Taler sein, den man dafür anlegt. A. Z, Die Sonclao •Gesellschaft Mit dem langsamen Aufstieg der Juden zu selbständigerer Geltung in der Welt der politischen Gemeinschaften wächst die Verantwortung für die Form der Lebe 1111 a 11 ß*!• rungen dieser neuen Judenheit; und um auf einem einzigen Gebiete beispielgebend voranzuwirken, ist in Berlin die ״Soncino-Gescllschaft der Freunde des jüdischen Buches“ c:«. gründet worden. Unter den nach außen sichtbaren Symbolen jüdischen Wesens ist das Buch wie allbekannt eines der stärksten gewesen. Dieser zärtlichen und heftigen Beziehung des Juden zum gedruckten .Wort entsprach in den grollen 7citcn jüdischen Gemeinschaftslebens an der Schwelle der Neuzeit auch die Kunst jüdischer Druckwerke (Soncino, Bornborg), unter denen Meisterwerke des Buchdrucks jener Epoche zu finden sind. Die Soncino-Gcscllschaft wurde gegründet, um das einfachsehöne jüdische Biidr wieder schaffen zu helfen. Nicht um die Entfaltung und Stillung irgendwelcher Luxusbedürfnisse kann cs sich hier und in dieser Zeit handeln. Wir glauben vielmehr, daß die geschmackvolle und den Gesetzen des Buches entsprechende Gestaltung des Stofflichen eines Buches und seines Satzes und Druckes eine Lebensgeste des Volkes darstcllt, wie z. B. die Handschrift eine solche jedes Menschen ist, und daß wir, indem wir diese Ausdrucksgc.de des jüdischen Geistes beeinflussen, nach dem Gesetze der unlösbaren Gebundenheit des Aculkrcn an da* Innere in diesen Geist selbst aufbauend cinztigrcifen vermögen. Und wir hoffen damit die gelockerte Beziehung zwischen jüdischen Wegen und der Welt des beherrschten und edlen Ausdrucks enger knüpfen zu helfen. Die Gesellschaft gibt ״Beiträge zur Kunde des jüdischen Buches“ als Vicrtcljahrcsschrift von jährl. 24 Bogen Umfang unser der Redaktion des Unterzeichneten heraus, während die bibliographische Beilage, die als Fortsetzung der nach 21• jährigem Bestehen vor zwei Jahren cingcgangencn ״Zeitschrift für hebr. Bibliographie“ gedacht ist, Prof. A. Freimann, Frank« furt a. M., leiten wird. Ferner beabsichtigt sic die Herausgabe seltener Texte und \> urivoller Drucke von Werken jüdischen Inhalts und jüdischen Geistes in den Sprachen aller Zeiten und Kulturen, welche ln bibliophil und wissenschaftlich einwandfreier Weise als Privatdrucke für die Mitglieder hergcstelit werden und ihnen, ebenso wie die Zeitschrift, gegen Entrichtung des Beitrages von 10 M. pro Halbjahr ohne weitere Nachzahlung zugehen. Die Gesellschaft umfaßt bei der Gründung zirka 100 Mitglieder. Die Anzahl der Mitglieder Ist auf 500 begrenzt. Die Geschäftsstelle der Gesellschaft (Berlin C 2, Kaiser-Wilhelm-Straßc 12) versendet bei Aufgabe von Re'cicnzcn Einladungen zum Beitritt und beantwortet Anfrage«. Arnold Zweig.