Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 45 (6.6.1924)
- Date
- 1924-06-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr 45 Sette 325 tUÜDTSCHE RUNDSCHAU Zellen, Schaffung politisch abgeschlossener Ocbilde, die sich xu einem umfassenden politischen Körper Zusammenschlüßen werden. Aufgabe dieser Gebilde wird nicht nur die Lösung kultureller!־ragen sein, sondern die Uebernaltmc ökonornischcr Aufgaben, die Schaffung nationaler Wirtschalten, Hilfe für die Emigranten, Arbeitsnachweis, Ocsumlhcitsvorkehrungen, Gerichtsbarkeit usw׳. Jeder Ort, der ganz oder zum Teil von Juden bewohnt ist, ist eine administrative Einheit als munizipale Körperschaft und nur die nufkrluib der geschlossenen Siedlung wohnenden jüdischen Minoritäten vereinigen sich anf Grund persönlicher Autonomie zu einer Kchillah, welche sich dann der autonomen jüdischen Körper• Schaft — Ben Gorion nennt sie Kneseth — anschlicßt. Es ist in diesem Bericht nicht der Ort, auf diese Frage in ihrer ganzen prinzipiellen Bedeutung einzugehen. Der palästinensischen Wirklichkeit entspricht sic nicht. Ben Gorion hat in seinem Vorschlag (״Kuntres“ vom 14. Nissan) kein Wort darüber gesagt, wie die Angelegenheiten der mitten unter den Juden lebenden arabischen Minoritäten ge• ordnet werden sollen. Ob die ganze Tendenz der Konzentrierung des jüdischen Jischuw berechtigt ist, ob sic nicht nur eine Folge der iVigromfurcht ist, ob nicht in ihr imperiallslisclie Temlcn/cn versteckt sind, all dieses licdarf der Erwägung. Die Versammlung in Ejn Cliarod hatte wohl das Gefühl, daß cs nicht Sache einer Arbeiterpartei ist, sich diese Politik der Abschnürung, die eine Schutzzollpolitik par cxccllence ist, anzueignen und Ben Gorbns Vorschlag fand wenig Zustimmung. ii. De zweite große ״außenpolitische“ Frage, welche die Konferenz in Ejn Charod beschäftigte, war die Frage unserer Beziehungen zur englischen Regierung und zu den Arabern. Referent in die-er Sache war Kaplansky, dessen Thesen für palästinensische Denkweise revolutionär waren. Er verlangte Aufgabe der bisherigen zionistischen Politik in Sachen der pal äst inen sIschen Verfassung, Bereitwilligkeit der Zionistischen Organisation, an einer positiven Lösung der Ver■ fassungsfrage mitzuarbeiten. Selbstverständlich ver knüpfte Kaplansky diese unsere Bereitwilligkeit mit der Forderung nach Konzessionen seitens der Regierung. Er verlangte von der Regierung Hille für uns in der Bodenfrage, Uebergabe der Regierungsländercien, die noch verblieben sind, nachdem der Boden von Beth Schan an die Araber abgegeben wurde. Er Verlangte ferner, daß die öffentlichen Arbeiten, die in den nächsten Jahren von der Regierung ausgeführt werden, nicht an private Unternehmer, sondern an Kooperativen abgegeben werden und daß die jüdische Arbeit im Verhältnis zur jüdischen Steuerzahlung von der Regie rung herangezogen werde. Er verlangte ferner die Ausarbeitung einer A r b e i t e r s c h u t zg e se tzg e b u n g, Schutz der Frauen und Kinder — eine Forderung, die schon seit Jahren von den jüdischen Arbeitern erhoben wird —, Uebergabe %׳on Konzessionen zur Ausbeutung der Naturschätze an Körperschaften, welche der öffentliehen Kontrolle unterstehen und Förderung der Einwanderung durch solche Arbeiten. Er hält cs für möglich, daß die Kapitalien für derartige Konzessionen zum Teil durch eng lischcs Kapital hcrcitgestellt weiden. Alle diese Forderungen .gipfeln in einer Hauptforderung: Aufgabe aller Einwander 11 ngsbcschränkungen. ITemgegenüber könnfen dann unsere Konzessionen stehen. Auch wir verurteilen das gegenwärtige System, das die Administration und deren uns zum Teil feindlichen Beamtenapparat zu Herren de« Landes macht. An dessen Stelle hätte eine parlamentarische Repräsentation in der Weise zu treten, daß jedes der beiden Palästina bewohnenden Völker sein eigenes Parlament erhält und daß die beiden Parlamente eine Art Senat wählen. Er wies auf das Beispiel von Australien und Neuseeland hin. Zwar wissen wir, daß das arabische Parlament kein wahrer Ausdruck des arabischen Volkes und (ür die Effendis nur ein Werkzeug sein wird, um ihre Herrschaft über die Massen zu befestigen, aber wir müssen der englischen Regierung zeigen, daß wir ein positives Programm in Bezug auf die Zukunft Palästinas haben und müssen ein Programm anbicten, das unserm sozialen Gewissen und der sozialistischen Bewegung in der ganzen Welt entspricht. Diese Fordciungcn Kaplanskys waren allerdings für Palästina ״revolutionär“. De Einwände, die gegen sic erhoben wurden, lagen nahe. Man wisse nicht, mit wem man bei den Arabern verhandeln solle, man könne auf die arabischen Versprechungen nicht bauen, das arabische Paria׳ nient, das gewählt würde, würde sicherlich die jüdische Einwanderung bekämpfen. Daß diese Bedenken ernster Natur sind, ist ja nicht zu verhehlen, aber das Referat Kaplanskys wollte vor allem einen positiven Weg zeigen und seine Gegner begnügten sich mit negativer Kritik, die schließlich darauf hinausgeht, den Dingen ihren Lauf zu lassen, und dies ist wohl die schlechteste Politik, die denkbar ist. Noch schlimmer freilich war cs, wenn von einer großen Anzahl der Führer der Achduth Haawodah an Stelle einer Lösung die bekannte Phraseologie hcrangezogen wurde, daß erst die arabische Arbeiter!*ewegung ein politisches Zusammenarbeiten mit den Arabern möglich machen wird. Es wnr bedauerlich, daß man sich durch derartige Sdilagwortc den Weg zu einer positiven Lösung verbaute, denn von einer Arbeiterbewegung unter den Arabern sind kaum die allerersten Anfänge vorhanden, während sich die nationale Bewegung mit rapider Schnelligkeit entwickelt und von uns eine Lösung verlangt. De Versammlung In Ejn Charod hat die Vorschläge von Kaplansky abgclchnt, aber sic werden wohl nicht aufhören zu wirken. In der Frage des Verhältnisses zu den Zeire Zion und Poalc Zion konnte die Konferenz zu keiner Lösung gelangen. Die Vertreter der Poalc Zion erklärten, daß ihnen die Beschlüsse der Berliner Konferenz eine Einigung mit den Zeire Zion unmöglich machen, weil die Zeire Zion in der Galuth hebräische Schulpolitik betreiben. Dem gegenüber erklärte Achduth Haawodah, keiner Einigung zu stimmen zu können, die irgendwelche Konzessionen in der Frage des Hebräischen mit sich bringen würde. Es wurde ein Beschluß angenommen, welcher die Freiheit der Schulpolitik in der Galuth und eine Einigung der Poalc Zion und Zeire Zion auf Grund der Freiheit der Schulpolitik verlangt. Sollte eine derartige Einigung in beatimmter Frist nicht zustande kommen, so behält sich die Achduth Haawodah die freie Entschließung in Bezug auf Ihre Stellung zu des beidea Arbeiterparteien in der Galuth vor, Einen großen Raum nahm in den Debatten die Dskusnlon über die Kolo n i sa t io n 8s y ste me und die Gegensätze von kleiner Kwu/ah, großer Kwuzah und Mosch,!״ Owdim ein. Aus dieser Diskussion sei nur eines angeführt, die Aeußerung Ben Gor io ns, welche die Diskussion dahh zusammenfaßte, daß alle Kolonlsalionsformcn für die jüdische Arbeiterschaft nicht Selbstzweck sind, sondern Mittel zmu Zweck, und dieser Zweck ist einzig und allein die Kolonisation Palästinas durch Juden. Dieses mutige Bekenntnis Ben Gorion!, gegenüber allen Schlngwortcn verdient ebenfalls als!ein posl tives Ergebnis der Konferenz vermerkt zu werden. h. b. Leser! Infolge des Schav/upth-Featcs muß die Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ vom 10. Jan! Ausfallen. Die Freitag. Nummer von! 13. Juni und die heutig{ erscheinen dafür in verstHrktem Umfange. Redaktion und Verlag ״Jüdische Rundschau“. Nachrichten aas Palästina Von unserem Jerusalemer Korrespondenten Die Verhandlungen zwischen arabischen und jüdlschen Arbeitern, welche gelegentlich der Konferenz der Eisenbahnarbeiter begonnen haben, sind durch ein Dazwischontrclcn der jüdische «kommunistischen Arbeiter erheblich gestört, wenn nicht unmöglich gemacht worden. Die kürzlich aus der Arbeiterorganisation nusgcschlosscncn Kommunisten haben sch mit den arabischen Arheitern in Vcihnndhmgcn eingelassen, wobei die arabischen Arbeiter glaubten, mit der Arbeiterorganisation zu verhandeln. Die Araber stellten hierbei extreme Forderungen auf, auf welche von den Anhängern der ״Fraktion“ sämtlich eingegangen wurde. Erst nachher wurde den Arabern bekannt, daß sic nicht mit der Arbeiterorganisation verhandelt hatten. Doch ist cs jetzt, nachdem die extremen Forderungen der Araber von den Anhängern der ״Fraktion" angenommen worden sind, der allgemeinen Arbeiterorganisation unmöglich, die Verhandlungen fortzuführen, Die Leitung der Bewegung ״icmaan tozereth Hat• rez“ (für die Hebung der Produktion Palästinas) hat sich an die Zionistische Exekutive in London mit dein Ersuchen gewandt, ihr gesamtes Propagandamaterial in Palästina drucken zu lassen. Die Exekutive hat zustimmend geantwortet und zugesagt, nach Tunlichkeit das Propagandamatcrial, Schckalim usw., in Palästina drucken zu lassen. Auf dem letzten Zionistenkongreß beschlossen die anwesenden Delegierten der Sephardi'm, eine scp h a rd i sc 11 c Weltorganisation zu gründen. Mit der Ausführung des Beschlusses wurden die palästinensischen Delegierten beauftragt, Nunmehr ist in Palästina ein Büro konstituiert worden, welches diesen Beschluß in die Tat umsetzen soll. Zum Vorsitzenden des Komitees wurde Dr. Jizehak Levy gewählt. Das Komitee wandte sich mit einem Rundschreiben an alle sephardiseben Zentren in der Galuth. * In Palästina weilen derzeit eine Anzahl von Vertretern des Jüdischen Natlonalfonda aus England, Italien, Rumänien, Oesterreich und anderen Ländern. Der Nalionalfonds veranstaltete für seine Vertreter eine Exkursion in die verschiedenen Siedlungen des National• fonds. Am 17., 18. und 19. Mai fand in Nahalal eine Besprechung der Arbeitsmethoden des Nationalfonds statt, an welcher auch einige Beamte des Hauptbüros und zahlreiche Palästinenser teilnahmcn. De Dcsprcclwng wurde durch ein ausführliches Referat von Julius Berger cingclcitct. Ein großer Teil der Besprechungen war der Frage der landsmannschaftlichen Siedlung und zwar sowohl als Parole als auch als Kolonisationsmcthodc gewidmet. Die Mehrzahl der Anwesenden sprach rieh gegen die landsmannschaftliche Siedlung aus. Von Seite der anwesenden Vertreter der Arbeiterschaft und der Siedler von Nahalal wurde auf die schwere Lage liingcwicscii, die dadurch geschaffen worden ist, daß der Nationalfonds infolge Mangels an Mitteln in den letzten Jahren keime größeren Landkäufc mehr vornehmen konnte. Die Besprechung bot den Teilnehmern viele Anregungen für die Methoden der Propaganda. י In Jerusalem fand eine Versammlung der arablnchcn Klubs statt, in welchem der Führer der tunesischen Araber Abd Allasis Altalabi durch drei Stunden über die Geschichte und den gegenwärtigen politischen Zustand von Tunis referierte. Der Vortrag hatte einen gegen Frank• reich gerichteten Charakter. * In Jerusalem erschien, herausgegeben von der allgemeinen Aerzte-Organisalion die erste Nummer der hebräischen Aerzte- Zeitschrift ״Harephuah“. Die Jüdische National- und Universität«- bibliothek in Jerusalem wurde in der letzten Zelt mit namhaften Spenden bedacht. Herr Elijah« Ooldberg schenkte aus der Bibliothek seines Vaters Boris Ooldberg 250 Bände, darunter wertvolle Werke aus der Geschichte der Juden in Rußland. Der Verein jüdischer Studenten ln Edinburgh übersandte 120 sehr wertvolle Werke, der Verein jüdischer Studenten in Leeds 400 Werke der Psycho-Analytikcr Professor Sigmund Freud, ׳Wien, machte der Bibliothek seine sämtlichen Werke zum Geschenk * * Professor Max L. Margoiis. der Inhalier des Lehrsfiihls für Bihelwissenschafleu am Drops!« College In Philadelphia, ist von der amerikanischen Regierung für zwei Jahre an das a m e rik a n i sch -archlologi s ehe Institut In Jerusalem berufen worden. . Dr. Jakob Mann, der bekannte Forscher auf dem Gebiete der Geschichte der Juden in der Zeit der Gaonim, ist in Jerusalem eingetroffen, Rückwärts.? Erwiderung an Arnold Zweig Von Izc hak be n Pin c h a 8 Arnold Zweig hat (in Nr. 40 der ״Rundschau") das, zu dessen Erkenntnis und Aneignung Nathan Birnbaum ein Menschenleben rastloser, aus unablässigem heißen I־.r* leben geborener Entwicklung gebraucht hat, in einem Sturmgcr.ellcn-Artikcl leichthin als ״rückläufige Bewegung“ flbgcschüttelt. Er hat zugleich auch den Stab gebrochen über den Teil der jungen zionistischen Generation, der, vom religiösen Liberalismus oder völligem liidiffcrcntismus herkommend, au* eigenem Nachdenken und Fühlen zu der Erkenntnis gekommen ist, daß unser Zionismus zu seiner Ausreifung zum vollen und einheitlichen Judentum den Thorageist, das Gesetz und auch die jüdische ״Form“ nicht entbehren kann. Diese Jugend, von Arnold Zweig als nicht gerade übermäßig mutig und selbständig im Geiste cingcsrhätzt, nimmt lächelnd diese Vor« würlc aut sich, weil sic sicher ist, daß ein Mensch gerade von Zweigs Geistigkeit sich selbst nicht für immer an derart unverständlich oberflächliches Aburtcilcn gebunden halten wird, und der Schreiber dieser Zeilen, der au« dem eben unirissencn Jugendkieiu: hervorgegangen Ist, nimmt das Wort zu einer Entgegnung nur, weil cs scheinen könnte, als oh Arnold Zweig berechtigt gewesen sei, in seiner ״Nach« schrift“ (im ״pluralis majestatis“ gehalten) über seine eigene Ansicht hinaus auch die Stellung des' Zcntralorgans der deutschen Zionisten und damit des deutschen Zionismus zu vertreten. Um was geht letzten Endes der Streit? Ist die — auch die selbständigste und im Einklang mit stärksten inneren Triebkräften vor sich gehende — Annäherung junger Juden und Zionisten an das Rcligionsgcsctz eine ״rückläufige", aus innerer Unsicherheit und Verlegenheit, aus Mangel an Kämpfer« mut und eigener Denktäiigkcit geborene Entwicklung, oder ein ziclbcwußtcs, logisches Fortschrciten auf dem Wege zum Judentum, das anders nicht zu finden ist? Zweig spricht zu Beginn von denen, die ״sich ihren Kinder« glauben bis ins Mamusaltcr und weiterhin haben erhalten können“ und dann von dem anderen, der ״von innen her die Glut einer wahrhaften Religiosität in die alten Riten strömen lassen kann“. Gegen beide Gruppen wohl gilt dann aber gleich Zweigs Argument: Wir können nicht wieder zu der ״alten Form der Anbetung“ zurück, denn ״die un* geheure religiöse Entfremdung der Westjuden und die kom« mende und im Werden begriffene der Ostjuden muß ihren Sinn gehabt haben und kann nicht zum Irrtum gestempelt; werden dadurch, daß man um jeden Preis in eine Epoche ן vor ihr zurückgeht“. Darf ich vorerst dem Arnold Zweig 1 der ״Rundschau“ mit einem Einwand gegen seine Argu« |! mentation kommen, die doch zum mindesten der Arnold i Zweig der ״Weltbühne“ verstehen wird? ״Der ungeheure jl Wahlerfolg der Rechtsparteien und anti- oder arcpublikanlf sehen Gruppen bei der Reichstagswahl und die immer noch weiter laufende Rcchfsorienttcrung großer Kreise des deutschen Volkes muß seinen Sinn gehabt haben und kann nicht zum Irrtum gestempelt werden dadurch, daß man (wie die über* zeugten Republikaner wollen) um jeden Preis in eine Epoche vor ihr — noch einmal auf 1918 (oder 1817/48) — zurückgeht." Sic runzeln die Stirn, Herr Zweig, und werden sagen, daß die Parallele schief sei. Nein, die Parallele ist nicht schief, der Vergleich nicht so gewaltsam, wie er ihnen scheinen möchte. Aber diese Art des Versuchs der Meisterung eines Problems ist nicht die richtige. Der Wahlerfolg der Rechten erklärt sich, wie Sie, Arnold Zweig, genau so wissen wie ich, aus einer Vielheit von Gründen, von denen ich nur dia wirtschaftliche Not der Massen, die Verfälschung der öffent« liehen Meinung durch die zusammengekaufte Rechtspresse und ״unparteiischen“ Blätter, die fehlende republikanische Tradition, den Mangel an Führcrpcrsönlichkeitcn bei der Sozialdemokratie, die Schlappheit und den Mangel an Zivil« kourage bei den republikanischen Parteien, die Charakter« losigkeit der jede wirklich republikanische Rcgicrungspolitik verhindernden Deutschen Volkspartci und endlich das noch völlige Fehlen einer an Gemüt und Herz (auch Eitelkeit) des Volkes appellierenden republikanischen Ideologie und Regie zu nennen brauche. Spricht aber die Tatsache der allmählichen liqttifa'ion, des Abbaues der Republik, auch gegen den Gedanken, gegen die Staatsform der Republik als solche? Doch wohl nicht! Nur dafür sprechen vielmehr die Tatsachen, daß die Deutschen für die Republik noch nicht reif, ihrer Idee und Staatsform noch nicht gewachsen waren und sind, daß man ihnen etwas zu Starkes und für sic zu Großes hat aufoktroyieren wollen, zu dein sie erst langsam, im organischen Entwicklungsprozeß, emporwachsen müssen. Sind wir da einig? Nun gut, Arnold Zweig. Und ähnlich stcht’s mit dem jüdischen ״Religions« (in Wirklichkeit: Volks-Univcrsal) Gesetz, das Sie, ebenso wie die Formen, für überwunden halten, weil — die West« jaden und — seit 50 Jahren — rin Teil der Ostjuden — beides verlassen haben. Die Westjuden haben — nebenbei gesagt — auch das jüdische Volkstum und Nationalgefühi gleichzeitig ziemlich restlos aufgegeben, — ohne daß Zweig hier seine empirischen Schlüsse zu ziehen für notwendig hält. Wenn min wirklich im Wirbel der Emanzipations« jahrc im Westen und — iin Osten — besonders unter (unverdaut) marxistischem Einfluß sich ein jüdischer Kreis nach dem anderen vom Rcligionsgcsctz (und damit, Herr Zweig, auch vom jüdischen Volkstum) lossagte, so geschah da!, nicht, weil dieses Gesetz und seine Formen (und das Volkstum) objektiv überlebt, minderwertig waren oder von den sich von ihnen trennenden Juden innerlich über- Wiunlcn gewesen wären. Es geschah vielmehr auch aus einer Vielheit von anderen Gründen: weil die schillernde Außenweit mächtig lockte und unzugänglich war für den, der sich nicht zuvor von den äußerlichen Kennzeichen gesetzestreuen Judentums losgesagt hatte, weil die jüdische Bildung und Erziehung nach all den furchtbaren Drangsalen der letzten Jahrhunderte, die großen Teilen der europäischen Judenheit das Rückgrat gebrochen hatten, verwildert und Im Mechanisch- Formellen stecken geblieben war und Unbildung und Abcrgbiulre das Gesetz und seine Uebung überwucherten, weil die Generation, die plötzlich nach langem vergeblichen Sehnen die Tore der Hoffnung und der Freiheit weit vor sich geöffnet sah, nicht stark, nicht besonnen und ganz selbst« verständlich noch nicht einheitlich genug war, eine Synthese zwischen Europäertunt und Judentum vorzunehmen, sondern glaubte, daß es nur das eine von beiden gäbe: entweder schrankenlose Hingabe an das Neue oder ein Versteinert« bleiben.