Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 39 (16.5.1924)
- Date
- 1924-05-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 288 J'UEDlS'CHll RUHDS'CMäU Nr, 39 £!e EuIIas3c1aCl115cü2I1!2a!a fclfzlea IJ eher wältigen der Sief: der zionistischen Listen ■ Die polnische Regierung ist dem vielfachen Drängen ,der zionbtisrhen Vertreter und Abgeordneten, endlich Neuwählen in die jüdischen Gemeinden auszuschreiben, nach langem Sträuben in diesem Frühjahr nachgekommen. Die Wahlen in Ost• und Wcstgalizicn wurden für Mai und die in Kongrrfipoien für Juni ausgeschrieben. In den früheren österreichischen Provinzen hatten die Wahlen auf Grimd de•; langst veralteten Käirial-Wahlsystems stattzufinden, das nur eine geringe Anzahl von Stimmberechtigten Vorsicht und diese erst nach ihren Stcucrleistungcn resp. einem BiUiungszcnstis in verschiedene Kurien einte ilt. Die polnische Regierung hoffte, auf diese Weise die Zionisten, die bei den Scjmwaldcu einen so überwältigenden Sieg errungen .batten, auf einen niedrigeren Platz hcrahd rücken zu können. Rcgicrmigsverirctcr äußerten sogar direkt, daß sic einmal sehen wollten, ob auch jetzt noch die Massen geschlossen hinter den Zionisten stünden, wie «s bei den Scjinwahlen der Fall war, wobei die ״Massen“ die wenigen nach dem alten (Wahlrecht Stimmberechtigten darstcllen sollten. Obwohl die Zionisten Ostgalinens, wo die Wahlen i schon am 11. Mai stattfanden, überzeugt waren, daß sic auch jetzt, bei diesem verstümmelten Wahlrecht auf eine Majorität rechnen dürften, wollten sie doch vielfach geäußerten Wünschen nadikommen lind womöglich wiederum eine jüdische Einheitsliste aufstellen, ln Lemberg, das in erster Reihe in Betracht kam, waren die Kompromißverhnndimigen mit den versclücdenen jüdischen Parteien schon weit vorgeschritten. Sic scheiterten jedoch in letzter Stunde an dem Widerstand und <1011 Intrigen einiger weniger Uoberhleihscl der längst ahgedankten Assimilation, der alten Knhals-Cliquc, mit Herrn X)r, Wasser an der Spitze, und den übertriebenen Forderungen der Orthodoxen und deren ngudistisclicu Führern, die von 30 Mandaten 16 für sich verlangten. (Wie bei den Verhandlungen über eine Einheitsliste vor den Parlaments- Wahlen im benachbarten. Karpatlionißlandl — Red.) Während «och die Verhandlungen mit den Zionisten stattfanden, einigten sieh die Assimilanten mit den Agudisten auf ein Kompromiß, in der Voraussicht, dnf) den Assimilanten die Führung der Gemeinde ohnehin Vorbehalten bleiben würde wie in den alten Zeiten, vorausgesetzt, daß keine oder ötir wenige Zionisten in die Gemeinde cinzögcn. Den Ziotiistcn blieben nicht einmal z.wci Wochen übrig, um den Waldkampf durchzuführen. Es gelang den Zionisten, eine jüdischnationalc Liste, in der Zionisten, Misrac 11 istcn, Volkspartei und die!Vereinigungen der Knufieutc und Handwerker vertreten waren, aufzustellcn. Trotz unglaublicher Machinationen der Assimilanten und orthodoxen Gruppen, die an die schlimmsten Wahlen des alten Oesterreich erinnerten, und des ihnen zur Verfügung stehenden Klüngels der alten Kahalhcrrschcr ergab die am 11, Mai abgehaitene Wahl in der dritten Kurie einen überw ä 11 i g c n d c n Sieg der jüdisch nationalen Liste, mit Dr. Leon Reich an der Spitze, die nicht weniger als 80 0׳,״ derStimmen auf sich vereinigte. Mit 3041 (für Dr. Reich) bis 2306 Stimmen (für Stengel, den Vertreter der Volkspartci) wurden alle zehn Kandidaten der jüdischnaticmaleii Liste gewählt. Den Gegenparteien gelang cs nicht, auch nur ein einziges Mandat zu erringen. Diese Wahl der dritten Kurie läßt erwarten, daß auch in der zweiten und ersten Kurie (ganz sicher jedenfalls in der ersten) ebenso die zionistische Liste durchdringen wird. Damit wird Lemberg endlich eine dem Willen der Wühler entsprechende jüdische Gemeindeverwaltung erhalten und dem bisherigen Wirken der von der Regierung eingesetzten Kommissare ein Ende bereitet Soweit bis jetzt Resultate vorlicgcn, ist auch in den meisten anderen Städten Ostgaliziens die jüdischnationale Liste durchgcdrungcn. So erhielt sic in Stanislau 2200 Stimmen von insgesamt 3258.' In Jaworow haben dm Zionisten 13 Mandate von 15 errungen, die Agudali 2. In Stryj kam es zu einer großen Stiminenzcrsplittcning, da eine Unmasse von Gruppen eigene ,Kandidaten aufgcsteilt hatte. Trotzdem haben auch hier die Zionisten 75 "/o der Stimmen erlangt. Es ist noch zu bemerken, daß in Lemberg dank dem Einfluß der jüdischen Abgeordbeten und Senatoren die Polizei sich korrekt benahm und durch große .Bereitstellung von Schutzleuten für die ungehinderte Durchführung der Wahlen, die im ganzen Lande *״־Mg verlaufen sind, Vorsorge getroffen hatte. (Der Ausgang «mell dieser Wald wild natürlich die ״Agmlnh“ weiterhin Hiebt hindern, sich Northeliffe, Hussein, dem englischen Kolojninlamt usw, als die alleinige Vertretung der orthodoxen ״,Massen" und somit als den wahren Repräsentanten des jüdischen Volkes vorzustcUcn, Offenbar hat auch die Legende von dem Agudisten, den die Zionisten ermordet haben sollen, nichts genützt. Die ״Millionen“ Mitglieder der ״Agudali“ haben die merkwürdige Eigenscliaft, sich bei Anlässen wie fahlen 11. a. zu verflüchtige״. - Reef. cf. ״J. R“.) , ' 1 * " " Wie weit die Verlogenheit der agudislischcn Kreise geilt, erhellt aus den folgenden Mitteilungen des Bulletins des (sogenannten ״Presse-Büros" der ״Agudas Jisrocl“: Zum Falle 1Jendr/ejew meldet sic: ״Gegenüber den Versuchen der Zionistischen presse, die Verantwortung von ihrer Partei a h zu so hü 11 e in und sogar sie der Orthodoxie Smzm.ehiebeii, weist der ״Jud“ in mehreren Artikeln den K11 s a 111 in e n f 1 a 11 g zwischen der zionistischen Preß hetze sowie der verhetzenden Agitation »n Jcndrzcjcw und diesem fürchterlichen Ereignis nach.“ mehdein nicht nur die ganze Bevölkerung, sondern auch der orthodoxe Rabbiner des Ortes die (den antisemitischen Riiiinlmordmürchen würdige) verleumderische Behauptung von einem zionistischen Morde als unwahr gekennzeichnet hat tum der wahre Sachverhalt in der Presse eingehend dargestellt Wurde, ist dieses ״Dementi“ der Gipfel der denkbaren — Kühnheit. Und über die Wahlen in Osigalizicn meldet sie: Le m herg. (A. J, P. B.) Die Vorbereitungen zu den wählen haben auch in Ostgalizien begonnen. An den Vorbercitungai nt den Wahlen beteiligen sich bisher bloß 2 Parteien: Die Orthodoxie unter der Führung von Agmlas Jisrocl und der Block der Zionisten und Assi inHau tcn, dun auch Atisrachi angehört.“ Wenn man schon schwindeln will, soll man sich nicht Iclch erw?,sehen lassen. Sich mit denAssim'Ianten zu verlinden und dasselbe den Zionisten zum Vorwurf zu machen, ist wenig originell 1 Letzten Nachrichten zufolge haben auch in Krakau die Agudisten mit den Assimilanten für die Wahlen in die jüdische Gemeinde einen .Wahlblock geschlossen. Zu Halkui :3 GO. €C:'\t:'r:f|!:> wäre Und,au!;, wenn wir Pionieren unserer Bewegung das iier/luho Ciedächinls vcr...׳\':!n1, wenn rie sich erst einmal von u ns wieder geircunt Ir,heil. Fn־i willig oder ge* zwiiiip.eii liclr.iclitet sich die zionistische Bewegung iu nationalcm Sinne als der Beauftragte des jüdischen Volkes, und zu welcher I’ark'i Nathan liirubaum sich äußerlich mul innerlich zähle, das jüdische Volk wird sich zu seiner Dankesschuld an ihn jedesmal gern bekennen, wenn ein Anlaß es dazu au!ruft. Diesmal ’ist es der sechzigste Geburtstag dieses Manne«;, der auf wcchselvollc Weise seine Zugehörigkeit zum jüdischen Volk111111 ,׳ atisdriickfc, ohne jemals ntif/uliörcin als treuer Pinnet um die Grundideen des Judentums zu kreisen, jenes Judentums, das in seinen historischen und geistigen Wandlungen und Phasen ztt Birnbaum zu sagen acheint: ״Nur wer siel» wandelt, Weiht mit mir verwandt“. Er wurde als Sohn ostjüdisrher Eltern in Wien geboren. Ohne also einer oMjiktlsrhen Gemeinschaft angchört zu haben, ־— vielleicht |1,:ittc sein Widerspruch sonst bei ihr begonnen — ohne das leben innerhalb der jüdisch sprechenden Kultur- Sphäre gekannt zu!»allen, aber aus der Mitte ostjüdischen Volkstums liervorgcgangen, findet er seine Bildung im dcutsehen Sprachkreis westlicher Kultur. Auf Wiener Schulen um! der Universität Wiens erweitert er lernend seine geistige Sphäre, indem er dabei die Verbindung 7um jüdischen Zentrum durch das lk־l!fnninis zum jüdischen Volkstum aufrechterhiilt Ijugc vor Her/J zieht er auf Pin •dem Ruf zur ״Autoemanzipatiou“ hin aus seiner tiatiounl-vüdinchen, streng irreligiösen und irreligiösen Haltung die Folgerungen: er ist Zionist vor dem inoderiicii Zionismus. Mit Smoknsky, Leiter des hisforischen Studciitenvcreiiis ״Kndininli" — eien er verläßt, als er sich zu einer Verbindung verengt —, gründet er eine jener früher Ziottb'lisd«'» Zvibcluifleu, die unter der wcstjlkihchen Intelligenz, das Erdreich für Theodor Herzls Santen mul für eine Wiederauferstehung des jüdischen Volkes vorbereiten, die ,,Srlbstemnii/inaiion“. Mit Notwendigkeit ist er unter den Frühesten, die von einer eigenen Position und Arbeit .־ms zu Theodor I Icrzl treten. Er wird nach dem ersten Kongreß Sekretär des Aktions-Komitees und hat damit seine erste jikliscli-politiselie Phase durchschritten. Aber während der Zionismus sich nun in strenger Notwendigkeit seiner politischen Mission der Eröffnung Palästinas für die jüdische Wanderung liinjdbt, wird Birnbaum innerlich vom Zukünftigen weg immer «ti*;:;chÜolilichcr zur Arbeit für die Gegenwart des Volkes getrieben. Er gibt nach einiger Zeit seine zio- ״irdische Steilung, Parteizugehörigkeit und Einstellung auf, weil er Gegenwartsarbeit leisten will. Der weite Kreis von Aufgaben, den die gesamtjüdisclic Situation seiner Generation stellt, ziefit ihn mächtig an; und da sie ihren Hauptaiisdriick in der jüdischen Volkssprache, Kultur und Literatur findet, wendet sich Birnbaum kouscqucntcrwcisc ihr zu, indem er die ZuktinÜskiiHiir des jüdischen Volkes und Hebräisch seinen früheren Gesinnungsgenossen überläßt. Seine Energie ist es, die 1010 zur C/ernowitzer Konferenz führt, in der der jüdische Kulturkreis und seine Aufgaben Gegenstand eindringlicher Erörterung werden; und als Im Jahre 1013 der verewigte Fritz Mordcchni Kaufmann mit Birnbaums Sohn Salomo und anderen zur Gründung jener noch heute außerordentlich auf* schhißrcichcn Zeitschrift ״Die Freistatt“ schreitet, ist Mathias Arber gewissermaßen das Im Hintergründe anfragende Schutzbild, um das jener Kreis Bich schart. Mit einem wenig glücklichen Worknennt sich die Bewegung, deren Träger er und die .Zeitschrift ist, alljüdisch; ein Wort, das ausdriieken sollte, wie sehr die Gesamtheit jüdischer Interessen, Nöte und Aufgaben mm Arbeitsfelde dieser Schar bestimmt war. Aber damals, L!1 jener Zeit, ist noch eine volle Sphäre des Jüdischen aus diesem Alljudcntnm ausgeschlossen: die religiöse und ganz besonders die traditionell-orthodoxe. Noch ist Nathan Birnbaum ״Mathias Acher", ein ״Anderer“, ein ״Fremder“, nämlich jenem Judentum, daß in früheren Zeiien allein als ludenltim Bedeutung hatte. Es scheint, daß der Weltkrieg Kommen mußte, und mit ihm der Zusamcnbnich der curoniiischcti Kultur — sofern dieses Wort etwas anderes als Technik bedeuten soll — um den Inzwischen Fünfzigjährigen zu einer nochmaligen Veränderung seines Blickfeldes" zu zwingen. 111 ״Gottes Volk“, einer seiner letzten Schriften, vollzieht er jenen Schritt zur Tradition zurück, der seine heutige Stellung innerhalb der Agudas Jisrocl begründet hat. Judentum ist ihm jetzt wieder das geworden, was cs seinen Vorvätern gewesen .sein mag, der Träger einer Theokratie, deren .Gesetzbuch die Thora und deren nationale Lebensform der Ritus und der strenge Vollzug jener Gesetze ist, um die in Geist, Jüngerschaft und Praxis das Leben des orthodoxen Juden kreist. Wie wenig auch immer wir diesen Wandlungen folgen können, und wie sehr anfechtbar uns die Thesen und Begründungen seiner heutigen Stellung zu sein scheinen: ein lebendiger Mensch Ist immer mehr als das, was er seinen Schritten hcwufSfseinsmäßig zugrunde zu legen wünscht, und so bleibt auch :1:1s Nathan Birnbaum nicht nur eine bemerken®• werte Gestalt unter den Gegenwärtigen, sondern auch eine nchtungcrwcckendc, wie alles, was Ausdruck des ewigen Suchen•; im Juden und seines!nunerbreimendcu göttlichen Funkens ist. Wir wünschen Nathan Birnhnum den Lebensabend eines Menschen, der feinen Standpunkt endlich gefiuidcn hat. -- | Die Völkcrbiimlskoimnissfon für fjdsflfjc Zusammenarbeit (jegeu die jtUllscUe ünlversiläl ln Dmlg Die Polnische Telegrafen •Agentur verbreitet die folgende Darstellung des polnischen Sachverständigen und gewesenen Sekretärs der Kommission für geistige Zusammen- Arbeit heim Völkerbund Professor O. Ilaloekl: ״In der ■polnischen Presse wird die unrichtige Meldung verbreitet, daß die Vö Ilecrblindkomm issio 11 für geistige Zusammenarbeit beschlossen hätte, eine Intcrnaftonale jüdische Universität auf dem Gebiet der 1'rcMndt: Danzig zu schaffen. Als polnischer Sachvcr- Mündiger und gewesener Sekretär dieser Kommission muß ich. konstatieren: 1. Der Plan zur Schaffung einer jüdischen IIniversität in der Nähe Danzigs ist ein persönliches Projekt des Herrn Doktorowlcz; der Völkerbund hat dieses Projekt der Kommission lediglich zur Informatiou übersandt. 2. Die Kommission bat in dieser Sache keinerlei Besch lull gefaßt, im Gegenteil, sie bctrachtet die Frage einer internationalen Universität von einem ganz anderen Standpunkt; nämlich ausgehend von dem offl* zi eilen Vorschlag Spaniens, daß eine der dortigen christlichen Universitäten als international anerkannt werden roll. 3, Das Projekt Doktorowlcz hat keinerlei Aussichten, an g e n 0 m in c n zu werden, da die Kommission in Ueberciusllnmumg mit dem spanischen Doleglerlc.11 ein ganz anderes Projekt ausnrbcitet, welches die Schaffung naher Beziehungen unter den existierenden nationalen Universitäten zum Ziele hat." In der am 11. Mai sfaiigefumlenen Sitzung der Budget- Kommission des Sejm brachte der Abg, Feldman einen Antrag ein, daß die in der Armee dienenden Juden auf Kosten der Regierung rituell zubereitetes Essen erhalten sollen. Die Abstimmung ergab die Ablehnung des Antrages. Die polnische sozialistische Partei, die radikale Bauernpartei (Tliuguit-Fraktion) und #llc nationalen Minderheiten stimmten für den Antrag. Won der Wiener Alr.ia 1512Scr Von unserem Wiener R. S, - Mitarbeiter. Ich habe vor einiger Zeit über den Unfug berichtet, der anläßlich der Inskription an der Wiener H o e h schule für Bodenkultur bei der oWigaUimehen Ausheilung des ״Nationale" getrieben wurde: angeblich untergeordnete Organe verlangten — wiederum angeblich — ohne höheren .Befehl die Beantwortung von Fragen nach Religion, Religion der Eltern. Volkszugehörigkeit usw. usw. Wälirend diese UelK'rgTiffe, die von der artsehen Studentenschaft veranlaßt worden waren, an dieser Hochschule — ״.ich einigen eindeutigen Protesten — eingestellt wurden, übernahmen die arischen Kouleurstuclentlcin an der Universität diese Metliodcn der iMibefugien R a s »c n s c 111 ü f f c 1 c 1 und druckten frisch-fromm-fröhlich-frci mittelst Stampiglien auf jeden lnskrip* tionschein die Frage nach der ״Volkszugehörigkeit“. Die Universitiilsbehördcn — wissen von nichts; auch nichts darüber, wer den Aufdruck besorgte. Sic geben die Zettel weiter zur Ausfüllung aus, klären niemanden darüber auf, daß die ״von unbekannten Tätern“ hinzugcsetz.tcn Fragen nicht beantwortet werden müssen — mit einem Wort: sie sympathisieren mit den scheinbar doch nicht so unbekannt gebliebenen hakcnkrcuzicrisclien Rasscforsclicrn . . . An der Wiener Universität gibt es natürlich nicht nur unlistmilisclte Studenten; auch Dienerund Professoren können sich dieser Strömung nicht verschließen. Einer der Lieblinge der studierenden Hakcnkrcuzlcr ist Professor Hoch e 11 egg, ein früher nicht ganz imbekannter Chirurg. Aber seit er aus seiner judcnfciiidlidien Gesinnung kein Held macht, wird sein Pntienienkreis kleiner. Das krankt ihn natürlich •— und er erklärte darum In einer Vorlesung, daß der Acrztcslnnd (nicht v e r j ud c t, er sagte:) verlottert ist; die Acr/te schickten ihre Kranken nur mehr zu jenen Spezialisten, die gute ״Pro- Vision“ zahlen. Das tue er nicht; das sei nicht <1 c u t s eh usw. Folgen: einerseits Sympathiekundgebungen aus allen Antiscinitcnlagern, insbesondere aus steirischen und anderen Provinzorganicationcn; auch die reinrassige Aerzte- Vereinigung aus Krähwinkel gratulierte, brüllte Beifall und: ״Juden nieder!״ Andererseits aber: Aufregung unter der Wiener Acrzlcschaft. Pressekrieg. Diszipiinarmntcrsueliiing. Der Ehrenrat der Aerztek,immer — in dieser Angelegenheit die oberste Instanz der österreichischen Acrzlcschaft —- verurteilte den Herrn Professor zur Tragung der Kosten des chrenrätlidicii Verfahrens und entzog ihm das aktive und passive Wahlrecht in die Kammer auf die Zeit von drei Jahren. Hofrat Flochcncggs Beschuldigungen — seine voreilig bcifallklatschendcn Freunde glaubten sie gegen die jüdischen Aerzte gerichtet — konnten in nicht einem einzigen Fall als begründet erwiesen werden( Daß Hoclicucggs Patirntcnkreis cinsdinunpft, hat eben andere Gründe, als er meint: seine im Laufe der Zeit allgemein bekannt gewordene Gesinnung ist daran schuld: die jüdisdien Aerzte, die in ihrer Studienzeit vielfach selbst unter seinen Schikanen zu leiden hatten, schicken nun die jüdischen Patienten zu nicht weniger begabten Chirurgen, die nickt nur ludcngcld nehmen, sondern auch keine Judenfeinde sind. Sie haben eben Charakter . . . * Dem berühmten Begründer der Psychoanalyse, Professor Dr. Sigmund Freud (bekanntlich Jude), wurde anläßlich seines Geburtstages das Bürgerdiplom der Stadt .Wien überreicht. 4> Professor Dr. Karl Grünberg las 30 Jahre lang an der Wiener Universität über Nationalökonomie; er war einer der wenigen Gelehrten, die bis nun an dieser Stätte streng wissenschaftliche Arbeit leisteten. Jude von Geburt, stand er seit langem dem Sozialismus nahe. Nunmehr wurde er nach Frankfurt a. M. berufen. Die sozialistische Studentensciinft erwirkte seine Zusage zu einem selbstredend unpolitisch gehaltenen Abschiedsvortrag (״Die Fabian Society“, ein Ueber* blick über die englische Aibcitcrbcwcgung). Sic sprach beim Rektor vor, um die Ucbcrlassung des Festsaales der Universität für diese Veranstaltung zu erbitten. Der Rektor erklärte sich dazu bereit — cs handelt sich ja um ein bei derlei Anlassen übliches Verlangen —, doch der von Hakenkreuzlern beherrschte Senat lehnte das Ansuchen ab. ■ Ob er efen Juden, den Gelehrten oder den Sozialisten und seine Studentenschaft treffen wollte?, ,Wahrscheinlich alle gleich• zeitig. Es wirkt immer eigenartig und pikant, wenn Sozialisten antisemitcln. Ganz besonders dann, wenn diese Verfechter des Olcichhcit-Frcihcit-Brüdcrlichkcits-Idcals — Judcnstämmlinge sind. Ein solcher ist der Wiener Abgeordnete (ehemals Staatsrckretür im Krieg,ministe rinn!) Dr. Julius Deutsch, Er stammt aus •— Matlermioif (keine westjiUlisehe Kcliiiln). Aber darum witzelt er doch gerne über Ostj 11 den; und neckt die antisemitischen Regierungsparteien — die ihm scheinbar zu wenig antisemitisch sind. Anlaß zu seinen geistvollen Ausführungen gab der Ausweisungsbefehl eines Mannes, der sich in Automonilistenkrciscn bemerkbar gemacht hatte; er prop,agierte nämlich einen Streik wegen der hohen Autosteuer der (sozialdemokratischen) Gemeinde Wien, Obwohl er ,,sonst“ unbescholten ist, seit Jahrzehnten in Wien wohnt und als österrridiisciier Offizier im Felde stand, wurde er aus seiner Heimat als ״lästiger Ausländer“ ausgewiesen. Die c 11 ri s tli c 11 soz iai e La n des re g ierttn g von Stei e rmark verlieh ihm aber das Zustaudigkcitsrecht und machte so dem Herrn Deutsch und seinen Freunden einen Strich durch die Rechnung. Man kann zum Fall selbst stehen, wie man will: daß nicht gerade ein Judemdämmling ״Judenfragen“ auf rollen sollte — im antisemitischen Sinn ~ ist für jeden Menschen, der ein wenig Selbstachtung besitzt, wohl selbstverständlich. Die Sowjet Regierung tjegen den Ucchaluz, Moskau. (}. T. A.) Die Hechaluz-Organl* s.ation in der Ukraine hat der ukrainischen Regierung ein« Pelltion zukommen lassen, in welcher um die Erlaubnis angesucht wird, landwirtschaftliche und Indus tri• eile genossenschaftliche Tätigkeit auf breiter Grundlage in Rußland in 'Angriff zu nehmen, und die Ab- Wanderung der wirtschaftlich entwurzelten jüdischen Massen nach Palästina fördern zu dürfen. Zur Durchführung dieser Arbeit hat die Hechaluz- Organisation um die Erlaubnis, ein Z e n t r n 1 E x e k 111 i v - Komitee mit dazugehörigen Distrikts-Komitee! bilden zu dürfen, das seine eigenen Presse-Organe, sowie Klubhäuser besitzen soll. Das ukrainische Kommissariat für auswärtige Angelegenheiten hat sich nun für die Ablehnung des Gesuches entschieden. * Nach dem statistischen Atlas des Moskauer Stadtrats hat Moskau heute eine Bevölkerung von 1 511023 Seelen. 1 354 734 fiind Russen und 156 201 Angehörige anderer Nationalitäten, unter ihnen 86171 Juden״