Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 37 (9.5.1924)
- Date
- 1924-05-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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ffaostsof 28 Berlin, 9. V. 1924 c 1 u»י SC ׳ SCHLOIMÄLE Erzählung von7Vlcnda?efil0JC?1cr Sfurnn Autorisierte Ucbcrectzung •ui dem Jiddischen von Salomo Birnbaum Ceryrti^* 1§34 \>y ».A««. —*»■» Jüdi״>b« v,rt״,. D«li» (SsMuB) In der Köche. in einem Winkel, flackerte eine Unschlittkcrxe. Die Köchin, eine Frau mit roter, verbogener Nase, mit fetten Lippen, einem breiten Mund, dem zwei Vorderzähne fehlten, schaffte beim Ofen herum, brummte und murrte ärgerlich in die Welt hinein, ohne nach Schloimale» Winkel zu schauen, alt •wäre er garmcht da. Schloimale tat? wie auf Nadeln, die Seele wollte ihm vor Warten vergehen. Jeden Moment ging knarrend die Kuchentür. Jetzt, jetzt ist die Erlösung da, das Abendbrot kommt — meinte er, aber es war nichts, die Haueleute kamen und gingen. Er *aß und platzte •einer vor Ungeduld. Es war schon ziemlich epat, et war schon Zeit, an seine Schlafstelle zu geben. Dort erwarteten sie ihn schon mit den von gestern nicht beendeten und mit neuen und frischen Geschichten. Er machte sich auf Schülerweise bemerkbar — bald stand er auf, bald kratzte er sich, bald seufzte, hustete, schnaufte er — aber «ie rührte •ich nicht! Sie brummte unaufhörlich weiter, als ob •ie •ich mit jemandem auseinandersetzte und ihm alle ägyptischen Plagen an den Hals wünschte. Da stieg mit einem Male wie aus der Erde das Bild seines Lebens vor Schloimale auf, in klaren Farben, da# Einst und das Jetzt. Und gleichzeitig ertönte eine Stimme vom Himmel — die Köchin rief und »agte: ״Geh, tu den Handguß, Bub!" Tränen vergießend ubergoß Schloimale «eine Hände, erhob «ie böse und ärgerlich, nicht etwa gegen Gott, sondern gegen sein dunkles Los und die Köchin mit der roten Nase. Er vollfuhrte alles der Reihe nach, wie es Brauch ist. Er setzte •ich, sprach die Benedeiung, biß ms Brot, schlürfte Graupensuppe, sprach das Tischgebet, machte es kurz ab, sagte den vier Wänd en gute Nacht und ging schnell und aufgeregt hinaus, ohne die Mestse zu küssen, zornig, traurig, unzufrieden mit •ich und allen. Ach und wehe, dachte er aufbrausend, was für ein Schicksal hatte er! Ein ,Freiherr* war er geworden, ein Jeschiwe-Schülcr, aß ,Tage', o Gott! . . . Der Jammer, sein hoher Rang unter der Bande, bei armen Burschen. . . . Ach und wehe, das Glück, da« er Latte, daß er mit dem Lehrer herumgehen und Spenden in den Beutel zusammenschnorren 1 durfte! Ach und webe, welch Glück er hatte, daß er «ich auf dem warmen Bankofen herumwälzen und dort schlafen durfte. . . . Das hieß Glück. . . . Ziele. . . . Schön hochgekommen war er. . . , Seit damals war Schl oimale außer »ich. Die bösen Stund en befielen ihn oft. Seine Kameraden erkannten den früheren Schloimale nicht mehr. VIERZEHNTES KAPITEL ONATSBEGINN des Adar. Da gebietet der Talmud fröhlich zu sein. Freude und Jubel im Städtlein. Vielleicht darum, weil dieser Monat der Künder de• Frühlingsnabens ist, der Erlöser vom schweren, bitteren Winter, weil man bald die Posaunenstöße des milden warmen Windes hören, der Himmel triefen und man das Taugebet sprechen wird. — Auferstehung in der Welt, auf den Feldern, überall? Ach wo! Frühling hin, Frühling her, was ging das die Leute in S ...k an? Also warum denn ging es so hoch her? Das war höchst einfach! Es roch nach Purim, nach lauter Wundern von allen Seiten, nach Purim! Die Mohnlein dufteten und auf den Ständen, den Tischen und Bänk en auf dem Markt lagen gezwickeltc Kissen und Fladen, Aus den Mulden winkten hervor und reizten den Appetit alle Arten von Gebäck in Purim- Gestalten. Willkommen, Haman-Tüschlein! Gott grüß euch, Königin Ester, Secresch und Charwoine auch darunter! Alle ritten auf zuckersüßen, seltsamen Pferden, auf gelben, grünen Fischen und ähnlichen Ungeheuern. Selbst der Morast roch jetzt nach Purim, und war ganz anders als während des übrigen Jahres. Alles war so schön, so gut, so jüdisch, . .. Nach Purim roch es auch in der Jeachiwe! Das Lernen trat in den Hintergrund. Es gab einen Markt, den großen Purim-Markt. Geschäfte hatte man Gottlob genug, man wünschte sich nur Gesundheit und ein Stücklein Glück. Die Schüler dachten beizeiten nach, was sie weiter tun würden, im Sommer — ob sie hier bleiben oder es irgendwo anders versuchen und inzwischen zu Pejssach nachhause geben sollten, fingen an, sich umzusehen, was ihnen fehlte, was ihnen in Kleidung und •onstigen nötigen Dingen abging. Sie begannen daran zu denken, was sie beim Lejnen der Megille für Frauen, Dienstmädchen, Köchinnen und beim Schlacbmunet »Tragen verdienen würden. Ein Haus vol Frauen, mit vielen Verwandten war ein reine* Glück Wohl dem Sohüiar, dem so etwa* beschert warf Der hatte zu singen und zu sagen, zu trage» und Geld zu machen. Man begann sich vorzubereiten, einander dis Megille abzuhören, Betonung, Weis« und Nachdruck zu prüfen, Der eine ן stimmte seine Kehle und begann hübsch fein und ordentlich und ohne Hetze. Zwei Freunde hörten einander ah, der eine *chnaufelta ein wenig und machte es kurz und geschwind, der andere fuhr ihm mit unartikulierten Lauten dazwischen und stellte ihn richtig, fing dabei seihst zu lejnen an und ließ was hören. Hier durchjagte einer «ins frohe Stelle im munteren Galopp, und gleichzeitig schloß ein anderer die ocinc 1m dumpfen Trauerton. Eine göttlich-schöpferische Kraft und ein mildes Luft» lein, das vom schönen, reinen Himmel bläst, schwebte vorzetten wie der Geist Gottes über der im Winterschlaf versunkenen Natur, gab ihr mit zarter und stiller Berührung den ersten Zauber wirk enden Fruhlmgtkuß — Ja ergriff sie 1 ein Sehnen, Drängen, Verlangen! Sie fühlte einen warmen Strom durch alle ihre Glieder rinnen, ein neues erquicken» de» Lehen. Der Drang und die Sehnsucht in ihr ließen su nicht ruhen. Sie warf rasch die schneeweiße, wollweiche Winterdecke ab. und erhob sieb, neugeboren, voll Verliebtbeit und Sehnsucht! Ja, Sehnen und Lieh« war überall, bei allen Geschöpfen in der großen Natur! Jedes W׳esen, vom kleinsten bis zum größten, vom winzigen Würmlein bis I zum gewaltigen Ur und zum lieben Menschen fühlte das Drängen und Sehnen. Die Vögel in den fernen, fremden I Landern wurden von Heimweh nach ihren alten verlorenen Nestern erfaßt und kamen wieder nachhiuse geflogen. Seihst eine Kartoffel im finstern Keller drängte voll Macht so I »ehr sie nur konnte, um au* irgend einer Spalte einen Blick auf Gottes helle Welt zu werfen. ... Und auch bei den armen Schülern in der Jeicbiwe war mit der Vorpejssach-Luft Sehnsucht und Versonnenheit zu fühlen. Das war an ihrem ernsten Geiicht und an den Gesprächen über wichtige Dinge, wie über die Ferien, be» merkbar, an der Untersuchung der Sachen, der Bündel, an der Aufstellung klarer Rechnungen über ihre paar Groschen — wieviel sie von dem Abschied von den ,Tagen* noch haben konnten, wieviel und für welche dringendsten Bsdorfe sie ausgeben könnten; manche plauderten über die Heimat und sehnten sich zu den Feiertagen *ehr nachhause; manche zog es anderswo hin, bloß am seihen Ort wollten sie nicht bleiben, bloß eine Änderung lollte *ein; manche, die aus der Stadt waren oder bleiben mußten, fühlten einen Drang irgendwo hin in׳ die Welt, Gott wußte wozu und wohin. W.Uk otnmen, Vorpejtsach-Morgen in ■der ganzen Natur 1 Die helle Sonne beginnt schon früher ihr Zelt im Osten zu verladen, um Gottes Werke in «einer Welt zu betrachten. Jung und Alt, Pflanzen und lebende Geschöpfe in Feld und Wald erwachen, bewegen sich alle, waschen sich 1m frischen Himmelstau und bespiegeln sieb in Flüssen und Bachen, die vom rinnenden, schmelzenden Schnee überfüllt sind. Im bloßen Hemd, noch unbekleidet, steht die Tanne, die anderen Bäume splitternackt, mit Knospen, die wie Brüste geschwollen, steif und ungeöffnet die Blätter umhüllen. Von allen Seiten blicken die alten Waldbewohner, die greisen Fichten, auf sie, in vorjährigen, verschossenen, schäbigen Pelzen mit Scbwänzlein — den Zapfen. Frische Blumen, Margeriten, stecken die Köpfe unter dem eben erst aufsprießenden Gras der Wissen herror, winken, zeigen Schönheitsgrublein. mit feuchten, ergreifenden Blicken. Auf einem Feld. das sieb so weit in die Ferne zieht, daß man das Auge nicht mehr hinschicken kann, steht auf der einen Seite Korn- und Weizen-Jungvolk vom Lager aufi Genug geschlafen den rollenden Winter lang, et ist Zeit zum Aufstehen, die Hute aufzusetzen und ernst nachzusinnen, wie man die Welt mit Brot versorge! Auf der andern Seite brodelt die Arbeit der Menschen und Tiere, die in großen Abständen verstreut sind. Hier ackert ein Bauer mit einem Paar Ochsen und wirft lauge Streifen Erde auf. In *einen Fußtapfen spaziert und hüpft ein Rahe, betrachtet mit ausgestrecktem Kopfe schelmisch jedes Stücklem frische Erde und wirft einen zappelnden Wurm in seinen Schnabel. Und dort gebt jemand mit einem Korb, entnimmt ilim eine Hand voll nach der andei n und legt sie langsam und ruhig in die weiche, flaumige Erde, so wie man ein ganz kleine» Cind in die Kissen legt. Die Lerche, die berühmte Sängerin, umkreist es in die Höbe steigend und wiegt et mit äußern Liede in den Schlaf, ... Gutes Äufstehen, ihr Geschöpfe Gottes, alle. Klein und Groß. Kriechende, Springende! Guten Morg Viehen, BERLINER ZIONISTISCHE VEREINIGUNG e1«lr»'«M.e׳e.»1a1a»et***>sta-i1s>*-**e׳i1a*ate1«iM1*4i<M.*1M1*1*.t1ele.|1t,«f|,»s««»1t(Ml,*,<M,*(tlfltet,**,***,t*1|lW*IV|* Montag*, den 10, Mal, •bcatU 8,/ן Uhr, im KOnatlathaas, BeUtvuaatr•*** 3, Pc r e 7, - Gedenkfeier Aus dem Programm: 1.Gedenkrede! Herr Dr. Stermnnn. 2. Aufführung eines Aktes au» ״Die Goldene Kette‘( ein Drama vom Leben, Leiden und Freuden der Chazsidim, unter Regio und Mitwirkung von Godel Soheleao• 3. Lieder von Perez. Eintrittspreise: Mark 0,50, 1.—•, 2.— zuzüglich Steuer. in der Herd«! Willkommen, ihr Vögel au* der Fremde — teure, liehe, gern gesehene Gäste! , . , Mit geschürzten, in den Gürtel gesteckten Rockscbößen, mit Bündeln euf den Schultern und Stöcken au• ah gebrochcnen Zweigen in der Hand, schritten auf einem Seitenpfad durch einen lockern, noch nicht recht belaubten V?ald drei Leute von verschiedenem Wuche. Ein dickerer, älterer lielt den Kopf gehuckt, blickte kurzsichtig und blieb oft zurück. Der zweite war mager und beweglich, der dritte war jünger, weder ein Kind noch ein Jüngling, trieb •ich bin und her. blieb bald hinter der Gesellschaft und betrachtete dies und das auf dem Wege, bald eilte er ihr vorauf. Überhaupt war ihrem Gehen anzumerken, daß ee keine erfahrenen Wanderer waren. Gut und etramm marschieren, so wie geübte Soldaten, das konnten sie nicht. Sie trollten eicb eben ihre» Weges. So wie einer auf einer Hochzeit tanzt — das Tanzen ist ein Maß — nun, was läßt *ich da machen, so tanzt er eben. . . . Sie kamen mit wankenden Beinen an einen Hügel bei einer Dorfbrücke über einen Bach, der zu beiden Seiten mit "Weiden bestanden war, nicht weit von der großen Landstraße und letzten eich nieder, um auszuraiten und Atem zu holen. Sie warfen ihre Bündel ah, nahmen Brot und Hering heraus und aßen herzhaft, •wie nach einem Fasten, tranken Wasser aus dem Bach dazu und streckten sich wie die Grafen auf den eben erst erschienenen Rasen, lagen auf dem Rücken und plauderten. ״Also, was habe ich auf dem "Wege gesagt? Rasch! hat es mit •einem ,Kloimer' •ehr wohl vorausgenommen, hörst du?" tagte der Dicke und stieß mit dem Ellenbogen den jüngeren, der ausgestreckt zwischen ihm und dem Magern lag. ״Also, das ist garnickt»! . . . Übrigen» ist es ein sehr guter Einfall, Jontew, daheim, werde ich mir’*, *o Gott will, angelegen •ein lassen, dir die Lösung zu zeigen. Ein schwieriges Stücklein. . . . Wo bist du, Schloimale? Hörst du?" ״Laß mall Eine schöne Frage!" sagte der Jüngere, Schloimale war ei selbst, und ■cbob sich immer weiter von dem Dicken weg, um •eine Rippenstöße auszuweichen, «Wo dawwent der Herr — 1m Beßmeddresch wie früher oder vielleicht in der Klous?" ״Diesmal gar in der großen kalten Schiehl neben meinem Schwiegervater." ״Hast dich also verlobt? .. . *Wieviel Mitgift, wie lange Kest?" ״Hundert Gülden in bar, drei Jebre Kest." ״Maseltowa. Gimpel-Fawisch! — Und wa» gedenket du nach der Hochzeit zu tun?“ fragten ihn Jaankel und Schloimale zu gleicher Zeit. ״Was zu tun — ich gedenke? . .. Nichts! Nach der Hochzeit werde ich die Zeit der Kest über in ein Städtlein lernen fahren, ein ,Abgesonderter* sein, dann ,.. aber wozu na chdenken, was dann •ein wird? . . . Dann soll Gott na chdenkcn. .w er das Leben gibt, der gibt zum Leben." Die Drei, wie *ie da mit ihren Bündeln und ihren Kleid ern •aßen, waren früh am Morgen aue S ,.. k hinaus— gewandert und marschierten gemeinsam nachhause — Schloimale und Gimpel-Fa wisch nach Kapulje und der ,Windhund', Schloimale• Freund, der nach ein paar Werst in seine Stadt abzubiegen hatte. Wäh rend die Wanderer 10 wie die Grafen ausgestreckt auf dem Hügel lagen und plauderten, sprangen *ie von einem Geräusch plötzlich alle drei auf — ein Hund echien irgendwo zu bellen — und sahen •ich zu Tode entsetzt nach allen Seiten um. In der Ferne zeigte sieh ein Schornstein, ein rotes Dach, eine Allee — der Weg zu einem Herrenhof. ״Nur Ruhe, Kind er, nur keine Angst!” beruhigte Schloimale die Gesellschalt und seufzte selbst aus tiefem Herzen auf. ״Ach, das ist •der Hof des Herrn von Wassi.. zttz. eines guten Freunde* meines seligen Vaters. Viele Säcke Weizen und viele Truthähne hat er uns jede* Jahr zu Pejssach zugeichickt!" ״Kommt, wir wollen gehen!" trieb Glmpel-Fawlsch mit zitternder Stimme an. ״Die Sonne gebt upter. Spater werde ich den Weg schwer sehen können. Ich habe schlechte Augen, wer weiß, was noch geschehen kann. Kommt!" Nach einer Stunde waren *ie an der Stelle, wo der "Weg in verschiedenen Richtungen ausemanderlief und unsere beiden Freunde nabmen necb inniger Umarmung von einander Abschied. Große Tränen standen ibnen in den Augen. Der Mund sprach kein Wort, bloß die Herzen redeten. Sie trennten »icb von einander, aber ibre Seelen strömten in einander über. Ein Fleben sebnte eicb, drängte, sprach, schwebte tum Himmel! Barmherziger Gott, Herr der \Veltl ^Velch Jammer um Deine irrende Herde — Deine irrenden, armen, elenden, unglücklichen Lämmer! - Ende. - Gisrwsiosi P»r*»n aq* im EstsrWV (Cbarboas). — GülJeni 15 lUpekea. j