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Jüdische Rundschau · 1924-05-06 · Heft 36 (6.5.1924) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIX (1924)
Issue
Heft 36 (6.5.1924)
Date
1924-05-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nummer 27 .8 Berlin, 6. V« 1924 SCHLOIMALE Erzählung vonT'dcnclahJVloicherSfurim Autorisierte Übersetzung aut dem Jiddiechen von Salem• Birnlaum C«*»yria!1«t ISS« W HnWrxIl mrfcrtM, ..—׳«י - J»Ji—l«r V״)•«, n«li• (SG. Fort<«l1uoj,׳l ZWÖLFTES KAPITEL 7\BERd .19 war noch niclit alle«. D,1 gab e« nocli Ja« Zimmer XJL. der Nachbarin, einer schönen Frau in mittleren Jaliren, die auch allem «tand. E« war keine Frau, deren Mann »ich über den Ozean aufgemaeht und eie verladen batte; auch Leine Frau, deren Mann irgendwo in Wolhy nicn Unterricht (lab. Nein, »!e batte einen Mann, er lebte sogar m der S*adt, er liebte *ie sogar »ehr und war Gott «ei Dank kein Lehrer — wie war denn aber die Sache? Er war em Angestellter, da« helft, ein Diener des ersten Mannes von S .., k. Nun, du« war keine große Schande. Viele Leute, die Hauser besäten, hätten «ich eine ■olche Diener- «teile wünschen dürfen. Da« war Ja keine Kleinigkeit, ein «o reicher, vornehmer Mann, dessen Name weit und breit bekannt war! Im Speisekorb dieser Nachbarin war da« Versteck de« bösen Triebes, der beste Platz, wo er Schloimale auflauerte, um ihn in« Garn zu locken. . . . Da« mul? au« viel wichtigen Gründen ein wenig näher besprochen werden. Wenn man heute sagtci Der angesehenste, vornehmste Mann der Stadt, dessen Namen überall in der Welt herumgeht, dann konnte man nichts anderes al« einen großen Bank 1er meinen, oder einen weltbekannten Fabrikanten, einen Millionär, der so und so viel unzählbare Millionen hat. Sein Flau« 1»t ein Palast mit einem Heer von Dienern, ein Schweizer mit goldenen Knöpfen und Tressen steht an der Tur, ein Bettler hat nicht nur nicht das Glück, die Schwelle zu überschreiten, es fällt ihm nicht einmal ein, die Nase hinüberzustecken, er wendet vielmehr auf ihn und seinesgleichen den Vers der Heiligen Schrift am ,Bauet nicht auf die Freigebigen!‘ De» Geizes kann man diese Männer trotzdem keineswegs beschuldigen. Wer •treut denn noch so wie sie ganze Haufen von Geld aus. «elbst da, wo e* nicht zu sein hätte? Wohltäter sind sie große, hauptsächlich bei öffentlichen Dingen — zum Beispiel hei einem Spital, für ein paar Betten darin, bei einem Zaun um den Friedhof, bei einer!Clous, bet einem Bad und ähnlichen OmgeD, die Aufsehen und einen bekannt machen. Spenden für öffentliehe Dinge haben einen großen Vorzug! Ein Name schaut dabei heraus, oder ein Titel, man kommt in der Leute Mund, sei es auch solcher, die einen ganz gleichgiltig und kalt lassen. Einzelnen aber Wohltaten erweisen — einen Gestürzten stützen, einem Bedürftigen, einem Manne mit vielen Kindern helfen, da» üt eine hinausgeworfene Sache. ,Kann man denn jeden einzelnen Schnorrer versorgen‘, vertreten sie ihren Grundsatz, .kann man sich eine« Jeden Luftmenschen erbarmen? Mit dem Mitleid wird man ihn vielmehr noch stärker verderben. Mag er kein Taugenichts sein, und nicht so groß in seinen eigenen Augen! Mag er nicht auf fremden Schultern Kinder kriegen!‘ Seihst hei Leuten, die ihre Kraft und Gesundheit m ihrem eigenen Geschäft eingebüßt haben, haben sie den gleichen Grundsatz! ,Solche Schnorrer, solche Menschlein haben nicht frech zu sein! Und was «ie Gott und ihrem Volke sind, davon braucht man gamicht zu sprechen! Gott hätte Ja für die Ehre zu danken, die ihm von so großen Herren wie von ihnen erwiesen wird, daß eie manchmal, um eine Pflicht los zu werden, «einen Namen erwähnen. Das Volk darf stolz «ein, eich rühmen, in den Blattern posaunen, daß so hohe Herren, solche Asse wnd Trümpfe, zu gewissen Zeiten hei ihnen sind. . . . Wäre ein Mann, der vielleicht hundertundfünfzig- oder zweihunderttaueend Dukaten, der gar keinen Titel, ja nicht einmal eine silberne Medaille hat, der kein Bank 1er, kein Hochflieger, Plänemacher, Weltenstürzcr nt, dessen Handel etwa Unschlitt oder ähnliche Artikel betrifft und der nicht weiter als hi« nach Krementschuk gekommen ist, dessen Angestellte einfache Leute mit Bärten und Peje« in langen Röcken sind und •Diener, ,Abgesandte‘ und ,Vertraute‘ heißen — wäre ein solcher Mann heutzutage überhaupt wert, daß man von ihm spreche? Gewiß nicht! . . . Diese Antwort würde man nach Jenen Forschern hören, die behaupten, daß alle* hei uns, von vorzeiten bis Jetzt, nichts und wieder nicht* ist, und wenn man nicht heute noch schnell daraufgekommen wäre und rechtzeitig mit dem Alphabet angefangen, und klar, vernünftig und genau mit den Juden gesprochen hätte! ,Schaut nicht hinter Euch. Gevatter, trollt Euch bitte immer nur voran. Euer Hcü und V?0hl liegt bloß da vorne!‘ so wären *'« nicht wert, daß sie überhaupt auf der "Welt lebten! Hier aber haben wir kein modische* Magazin mit modernen philosophischen Werken für hochstehendes Publikum, sondern einen Antiqültitätenladen für das altväterliche jüdische Publik um, eine Art Museum von alten Gegen- •Undea des einstigen Lehens wie untere Eltern lebten« Handel trieben und sich im Hause aufführten, ihr Blick auf Menschen und Menschlichkeit, ihre Gottesfurcht und ihre Weise in der Wohltätigkeit. Und unter all diesen seltenen alten Dingen nimmt Rebh Joine, der erst« Mann in S ... k, mit Recht einen besonderen Platz ein. Betrachtet ihn genau, sein Haus und sein Lehen! Beobachtet ihn und schildert ihn! hin hölzernes, einstöckiges Haus mit einem Balkongang hei der T. ür, zu dem einige Stufen hinauffuhrten, zu ihren beiden Seiten eine Reihe milteihoher Fenster, Glasaugen, mit denen es in einen großen eingezäunten Hof blickte. Und so hieß auch seine Wohnung in der Stadt! Rebb Joines Hof. Auf der einen Seite des Hofes stand ein hohes, schönes Bcßmeddresch. Dort beteten viele Leute — die Familienangehörigen und auch andere. Dort' saß Jung und Alt und lernte Tag und Nacht. So war cs zu seinen Lebzeiten und spater zur Zeit seine» Sohnes — ein Mmjen gelehrter M anncr, Greise und Junge saßen hier dauernd für Honorar und lernten. Honorar bekam auch ein Jeschiwe-Leiter dafür, daß er jeden Morgen nach dem Beten vor den Gelehrten einen Talmudvortrag hielt. Am Freitag-Abend erhielt der Hof ein ganz neues Aussehen, ein festliches Gesicht. Eine mächtige Lichtsäule von den vielen brennenden Kerzen der Schiehl und des Flause» strahlte aus den Fenstern heraus, erfüllte den ganzen Hof und beleuchtete Jeden Winkel. Es war, als oh die liehen Engel, die Diener des Höchsten, dje Boten des Hochheiligen im Himmel, dort umherschwebten und Rebb Joine und seine Kinder erwarteten, um «ie beim Verlassen der Schiehl heimzugcleitcn. Dort in einem hellen großen Saale standen sabbatlieh gedeckte Tisch« für die Familie und für Dutzende von Gasten, arme Leute und angesehene Männer — da waren Sabbatkerzen in drei- und »iehenarmigen silbernen Leuchtern und kostbares Geschirr, der Wein funkelte perlend in geschliffenen, bauchigen, langhalsigen Flaschen und widerstrahlte regenbogenfarbig in kristallenen Kidde sch-Gläsern. Vor Jedem einzelnen der Speisenden lag auf schneeweißem Tischtuch das Doppelbrot für Schabbes, ein Paar frischduftender Striezel, voll und gelb wie junge Küchlein, die eben erst aus dem Ei gekrochen sind. Wenn man da« alles sah, dann schien man tine neue Seele, die Übcrscclc, dazu zu bekommen, — man fühlte! Da* war der Sabbat, da kam die liebe Braut, man ging ihr entgegen, um sie in der Schiehl mit dem Friedensgruß zu empfangen und laut und begeistert das Lied zu ihrem Preis zu singen. So erfu 11t« Rebh Joine seine Pflicht gegen Gott und seine Lehre. Er erfüllte aber als Bürger und Jude, als Sohn «eine« Volkes, auch «eine Pflicht gegen die Stadt und die jüdische Gemeinschaft, er war daran sicherlich mit einen!! großen Anteil beteiligt. Aber durch *eine Wohltaten für die Gemeinschaft speiste er nicht die Einzelnen ah, so wie man etwa hei uns jemanden 1'n die Benedeiung über Wein cinbczichen kann. Da« heißt, seine Spenden für die Ge- »amtheit kauften ihn nicht von denen für die Individuen 109, sondern jeder Einzelne bekam «eine Münze; alle Arten von Schnorrern und Habenichtsen, mit und ohne Sack, Ahbrandler, verlassene Frauen, fahrendes Volk mit Dokumenten und Rahhmen ohne Dokumente — das war ganz gleich, jeder erhielt seinen ordentlichen Pfennig. Ganz zu schweigen von den eigenen Armen in der Stadt, die in der Stille, geheim, gastfreundlich, in der Weise unsere» Vater« Abrsham, Essen und Trinken bekamen. Da habt ihr cm Bild, hebe Leser, ein altertümliche* Bild! Heute ist da* wohl selten., , . Bitte, betrachtet es! Im Hof e, dem Hause gegenüber, stand ein langgestrecktes fensterloses Bauwerk mit zwei großen, offenen, aufgeschlagenen Torflügeln, wo ein Mann mit geschürzten Schoßen, aufgckrempelten Ärmeln, mit ausgestreckten Händen stand, Beutel von innen empfing und sie einer *ich draußen drängenden Menge von Männern und Frauen zureichte, die mit Paketen, Kerzen und Flaschen beladen waren. Das war ein Speiiber voll Nahrungsmitteln und anderen notwendigen Dingen, aus dem ein Aufseher an jedem Donnerstag an bestimmte arme Leute verteilte. Und manchen gestürzten armen Teufeln, die *ich schämten, die Hand auszustrecken, wurde es im Geheimen ehrenvoll in» Haus geschickt. — Die Seite Jea Hofes nahm ein großer Flügel ein, aus dessen Schornsteinen Rauchsäulen Aufstiegen. Diener, Frauen, Mädchen in weißen Schürzen und mit weißen, reinen Tüchlein auf dem Kopf schossen geschäftig mit Tischzeug und Geräten hin und her, ein hochgewachsener, handfester Mann «tand an der Tür, kommandierte und ließ die Leute ein und aus. Was ein reicher Mann vorzeiten imstande wari Er hatte eine Küche eingerichtet und kochte und buk und speiste tagheh hungrige, elende, arme Teufel von Beßmeddreseh- Leuten! . .. Ja, da* war die offene Küche Rebh Joines für Arme und Hungrige! Und er wollte dafür keine Ehre und keinerlei Belohnung haben, er dachte nicht einmal daran, daß man ihn ahschildern würde — hier in diesem Bilde. Und der Mann, der da kommandierte, war der Mann jener Nachbarin, die im zweiten Zimmer de« ,Minjen*- Hauses wohnte. Ihr Mann konnte »ich von der Küche mcht freimachen, so viel Arbeit oblag ihm fortwährend, er kam nur einmal in der V?ocbe auf ein paar Stunden nach I laues und brachte dann die besten Dinge, die es nur gab. Oein Korb war voll von guten, schmackhaften Sachen. Dieser Korb zog das Hera und die Augen Schloimale» an, und zwar um »0 heftiger, je mehr er davon kostete. Der böse Trieb, der Hetzer, saß in diesem Korb unter dem Naschwerk verborgen und setzte ihm die Lust in* Herz, dort, wo er betete, dauernd zu verweilen, und hielt ihn auf diei« Weise vom Lernen ah. DREIZEHNTES KAPITEL CJ0 war es also der böse Trieb, der Schloimale vom )J* richtigen Weg e. von seinem Ziele abbrachte und ihn zum Schlechten zuredete — er sollte aus Freundschaft die Zeit mit nicht» zubringen, mit Freunden und Freundinnen, und die guten Dinge und Naschereien aus dem Korbe begehren und essen. Und dazu schlug er ihm die Heimat au* dem Kopf, d a» Paradies seiner Kindheit, seine Mutter, di« elende "Witwe mit den armen kleinen Kindern, Das war wohl eine häßliche Sache. So hätten ihm sicherlich vertraute, treue Angehörige gesagt und gepredigt. Vertraute — um Salz auf die V/unden schütten zu dürfen; treue — um zu sticheln und Moral zu predigen. Aber nicht immer treffen es die Moral- Prediger, nicht immer trifft ei auch der böse Trieb. Manchmal täuschen eie sich und es kommt alle» ganz ander», da» Gegenteil dessen, was «ie gemeint hatten. Die Verführung Schloimale« durch den lösen Trieb war ein Glück für ihn, wie es eich zeigte, sie erhielt iha am Lehen 1 Schloimale■ Lehen nach dem Tode de» Vater* begann grau zu werden, 10 wie nach Sonnenuntergang der helle Tag erstirbt. Immer grauer und düsterer wird cs bi« zu der »chwarzen, die Vi^elt verschlingenden Finsternis. Vor ihm erstreckte »ich eine große, trübselige AVuste mit allen ihren Schrecken — Leid und Qual una Schreck, Mangel an den notwendigsten Bedürfnissen, eingebildete Nebelbilder, falsche Hilfe, Öde, Fremdheit weit und breit. Sturm wütete und tobte und kein Weg war da. Die Not stieß Schloimale, er hatte keine Vv?ahl« so wanderte und ging er. Seine Lage — verlassen, einsam, verschlagen, ohne Hilfe, ohne Trost, ohne ein gutes V?ort; die Lage daheim hei Mutter und Kind ern, ■einen Brüdern und Schwestern; ihrer aller jetzige Lage im Vergleich zum Einst — das alle» rauhte ihm di« letzte Kraft, er wollte vergehen. Wäre nicht der bös« Trieb als Erlöser dazwischen gekommen, um ihn mit seinen scharfen Reizmitteln zu ermuntern und aufzupeitschen, den fast erloschenen Funken »einer feurigen, gefühlvollen Seele anzufachen, das Gefühl festhaftender Freundschaft zu entflammen und ihm Lebenslust einzuflößen, wäre e r also und seine Mittel nicht gewesen, so hätte es schon längst keinen Schloimale mehr auf der Welt gegeh en und folglich auch nicht diese Lebenschreibung. ^Vוeviel Menechen wia Schloimale gibt es doch hei un», junge, begabte Kräfte, die wie verlaufene Schafe umherirren! Ihr« Mühe ist umsonst, Ihr Ruf und Hilfeflchn ist eine Stimme in der V/öste, Sie fallen und niemand weiß, wo ihre Gebeine ruhen. Der böse Trieb bezweekte Schlimmes, als er Schloimale« ermattende, von Natur aus feurige Seele aufreizte, er wollte ihn in di« tiefste Hölle «türzen — aber Ende gut, alle« gut! Schloimale ließ »ich al* feurige», lebhafte» Kind voll Herz und Gefühl vom Zuge de« Herzen» und der Augen verführen. Machte ihm irgend etwa» Freude, 00 war e« ihm schwer, «ich davon loszureißen, so wie von Honig. Er genoß voll Lust, und dachte nicht lange nach, oh er dabei vielleicht einen Biß abbekommen und der Genuß ihm teuer zu stehen kommen könnte. So geht es gewöhnlich hei einem feurigen Kind, zum Beispiel, wenn man ihm ein neue« Gewand anmißt; wenn da» gleich zieht und drückt, 00 tut e« zunächst aus Freude, all wüßte e* nichts und nimmt das Drück cn gerne in Kauf. Die Gegenwart nimmt bei ihm eine große Ausdehnung in Raum und Zeit ein und eratreckt «ich in weite Fernen, «0 daß es kein Ende, kein Später sieht. Ein Tropfen Vergnügen erscheint als ein Meer, eine Stunde Diesseitsgenuß als ein Jahr, ein Festtag als eine Ewigkeit. ' Aber alle* in der Welt hat »eine Weile. Gut und Schlecht. Freude und Trauer, Vergnügen und Jammer treten eins in die Fußspuren des andern. Nach dem Feiertag mit «einem wunderbaren Auserwählungsgehet und seinen früh» liehen Unterhaltungen kommt die graue, sorgenvolle Werkeltäglichkeit, mit ihrem schwermütigen Barmherzigkeitsruf vor dem Abendgebet, mit dem sündenbekennenden Schlag an* Herz, mit dem crharmenheischenden Beugen de» Kopfe»! Auch Schloimale» Stimmung änderte «ich. Seme• gut« Laune und »ein Frohsinn schwanden — und er wurde mit *ich, mit «einer Lag« und mit der ganzen "Welt unzufrieden. Di« erste üble Stunde kam über Schloimale heim ,Tage' hei einem wohlhabend en Mann, in der Küche, in di« er kam, um nach Schülerbrauch «ein Abendbrot zu c«een. .*■ ״ ׳״* (FortMtiunff folßt.) Jom«! J6*u. — Üb•ri 14141 D1« di« Jude» «m S«bb«t «rWt«•

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