Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 32-33 (24.4.1924)
- Date
- 1924-04-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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I 11 Kammer 24 iS Erzalilung -voa.7'dendahJsdoiclter Sfuritn Autorisierte Ueberietxung «u* dem Jiddischen ▼oa Salomo Btmlaum )iiAiwl ׳ C«n.,rt<t1l I8M Ir YirU*. (25. FortMtiuig) Eine Ausnahme machten natürlich die Tage an den Märkten 1'm Sommer, wo der Handel schon ein wenig größer und lärmender war. Dann taucliten neu^ Gesichter »uf. kleinstäcitisclie Physi’ognomien, mit Beitwärt» oder!unten »itienden Hüten, Mützen, Kappen von den absonderlichsten Formen. Da tasteten Hände nach allen möglichen Dingen in den Wagen, da «all man schlaue Äuglein und Nasen, die ilcli verzogen und irgend etwas abfällig beurteilten, da «ab man «elteame Schöpfe, knarrende Bastschuhe und riechende, tüchtig geschmierte Bauernsandalen, die Weiber mit offenem Hals und nackten Schultern, mit Glaskorallcnschnuren bebängt, in groblinnenen bestickten Hemden, saßen meist unbewegheb auf dem vollgepfropften Wagen unter Kränzen Zwiebeln, Körben Eiern und einem neugeborenen an allen Vieren gebundenen Kalbletn. da# nach dem Euter lechzte und schmachtete, während die arme Wöcb nenn, mit den Hörnern hinten an den Wagen gebunden, zum Verkauf etand. Sie sollte irgendwo Milch geben und ihr armes Kind geschlachtet werden. Au» dem Tal jagte und stürmte plötzlich ein Rudel Pferde daher, mit erhobenem Schweif, mit den Hinterbeinen stampfend und das Hinterteil bäumend. Die Burschen schrieen und lärmten mit knallenden Peitschen hinter und neben ihnen daher, und stellten sie auf dem Pferdemarkt »uh Um sie herum gab es Gewimmel und Gedränge. Fachleute untersuchten die Zähne der Pferde, schätzten, feilschten, stritten, patschten die Pferde auf den Rücken, fuhren thneij über die Kruppen. — Grtschka der Zigeuner war auch da, sein Gesicht glänzte und schwitzte vor Anstrengung, der Hut «aß ihm auf dem Hinterkopf. Grischka führte ein Pferd herum, ein hochgewachsenes Tier mit rundem, fettem Leih, braun glänzendem Fell und feurig brennenden Augen. Lejser- Bersch, der Stadt-Wasserführer, sah diese Ware und geriet außer Rand und Band. Ach!“ seufzte er. .Was für ein Pferd das ist! O du Bettler. Lejser-Hersch. du Bettler! Danach soll*» dich nicht gelüsten, das ist nichts für deinen Deutel! Aber, di« Gemurr sagt ja. Probieren geht über Studieren ־־־* nein, nein — aber vielleicht doch? , . . He, Grischka! Sag mir, Bruder, was kostet'#?“ Ein Wort gab das andere und der Schluß war, daß Grischka, der Zigeuner, der ein guter Kerl war, aufsaß und im Galopp hin und her ritt. Da» Pferd stampfte mit den Hufen, bäumte sich, ein Teufelskerl, Die beiden feilschten, baten und beschworen einander flehentlich, schlugen endlich mit lautem Handschlag ein, und steckten einander ihre Rockzipfel zur Abmachung fast bis unter die Nase, beglück wünschten einander, begossen da» Geschäft mit Branntwein, Lejser-Hersch nahm von »einem guten Kaufe Besitz und führte ihn freudestrahlend nachhause. Die Somniersonne briet und bedeckte die erhitzten Gesichter mit Schweiß, so daß man eins trinken mußte. Kein Tropfen Wasser in den versiegten Fässern! Überall Lärm und Tumult. Hier gab es einen Auflauf, als oh man Ungeheuer zu sehen bekäme. Auf dem Dach einer Zelthude mit seltsamen wilden Gestalten von Menschenfressern, schrecklichen geflügelten Drachen, Hexen, Teufeln, stand ein Komödiant in breiten Pluderhosen mit buntem Flitterwerk. Er trompetete und forderte das Publikum auf. einzutreten und das Puppenspiel anzusehen. Er schlug Purzelbäume und riß -Witze und die angesammelten Burschen und Dirnen, Männer und Weiher sperrten den Muhd auf, drängten »ich und konnten »ich vor Lachen nicht halten. Vom andern Ende des Marktes ertönte plötzlich ein Geschrei, ein Gelärm, ein Getümmel, daß die Menschen zusammenströmten. Lejser-Hersch und der Zigeuner stritten hier. Lejser-Hersch war nach einigen Stunden wieder zu dem Pferd gekommen, da hatte er es nicht mehr erkennen können. Da. sollte «In Pferd sein? Da. ■war ein Gespenst •— in den Zigeuner sollte es fahren — wo war das Bäuchlein, wo war der Leib, das hier war ein alte», klappriges, dürre» Vieh. ״Der Zigeuner hat mich beschwindelt!" schrie Lejser-Hersch und führte seine Sache vor der Menge. -Was so ein Zigeuner kann! Der Betrüger hat dem Pferd unter da» Fell gehlasen, so wie man eine Blase aufbläst, hat ihm die Zahne gefeilt und ihm Kräuterwerk mit Schnaps eingegeben, davon war es betrunken, hat eine schone Gestalt bekommen und ist stark und schnell wie ein Geist geworden! Die Menge verurteilte den Zigeuner und prügelte ihn nach dem Maße seiner Sünde• Mitten auf dem Marktplatz sammelten »ich die Menschen »m einen eben Gekommenen. Er spielte die Drehorgel und hielt sieh für einen großen Musiker, der Konzert gab. Er drehte und drehte, die Drehorgel schallte und die Musilc drang weit umher. Ein Äffl ein in Kleidern tanzte auf den Hinterbeinen. Ein kleine* Mädchen in Hosen hüpfte und *Pr»ng durch einen Reifen und ein stummer, blasser Knabe ging mutisnm auf den Händen, mit dem Kopf nach unten und den Füßen nach oben. Die Leute waren vor Verhlüffung ganz außer sich. ,Solche Künste hat man ja noch nie gesehen und nie gehört!" Aber die Zeit blieb nicht stehen und ruckte immer weiter, Stunde um Stunde, bis langsam die Abendschatten «ich zu verbreiten begannen. Der Markt sang seinen Ahicluedsliymmi». Irgendwo in einem Wagen grunzte ein ge- Sundenes Schwein aus einem Sack hervor. Es war hungrig und wollte nicht den ganzen Tag ohne Fressen liegen. Von ferne antwortete ihm eine Kuh, die es auch über hatte, so lange an den Hörnern festgebunden zu stehen. Gefesselte Hahne schlugen auf dem Wa gen umher. krähten voller Wut — so lange Zeit waren sic von ihren Frauen getrennt! Und alle wurden von einem Chor ausgestreckter Kälber begleitet, die mit hohen, tieferen und tiefen Stimmen muhten, je nach dem Alter des Kalbe». Die Sonne ging zur Ruhe und die Leute .begannen heimzufahren, — Der Markt war aus... Hunde strichen auf dem Platze umher, wühlten und *lichten nach irgend einem Bissen. Gefräßige, ewig hungrige Stadtkuhe spazierten herum und sammelten Reste, Ein Häuflein Stroh, ein Hälmlein Heu, Knaben mit Stocken, die ausgesandt wurden, 11m nach guten Funden zu suchen, scharrten im Mi'jte, oh vielleicht jemand wa» verloren hätte, da» wollten sic aufliehen. Auf den Herd en in den Häusern brannte das Feuer. Das Abendbrot wurde gekocht. Die Männer in den Schiehlen beteten Mmche. Die Nacht brach herein — es wurde ruhig und still. ., , SECHSTES KAPITEL LS Schloimale mit den letzten Kräften weiterging und hei nahe schon fiel — da scholl plötzlich Fluchen und Peitschenknallen an sein Ohr, Er erblickte etwas wie eine Pferde gestalt, von oben hi» unten wie ein Teufel mit Schlamm beschmiert, und eine menschliche Gestalt, die Mütze hi» auf die Augenbrauen hinabgerückt, den Kragen hoch aufgestellt und den Hals mit einem Frauentüchlein umwickelt, das wie em Tschulent-Lappen schäbig und zerfetzt war. Eine dumpfe Stimme, die wie au» einem Faß hervortönte, rief ihn am ״He, du Kerl, wie kommet du da her, Sohn Rebh Chajem»? An einem »olchen Tag sieht man ja nicht einmal einen tollen Hund auf der Straße.** ״O, Rebh Mechel!" schrie Schloimale mit entsetzlicher Stimme, »treckte seine Hände aus und blich wie erstickt stumm stehen. Und zum zweiten Mal erscholl dis Stimmet ״Heidi, Bursch, herauf auf den Wagen!" Ja, das war wirklich Mechel, der Enkel Channe-Jentel», mit «einem Gespann. Und diese Begegnung und die ganze Sache mit seiner Reise war nach den ^Vorten Mechel« ein richtige» Wunder. ״Andere Leute haben Kutschen und Pferde," begann der geschwätzige Mann, ״aber die Leute au« unserer Stadt gehen zu Fuß, wenn die Tage warm und die Wege gut sind, anderswo fahren sie in Wagen hierhin und dorthin, aber hei uns sind sie Stubenhocker und sehr genügsam um brauchen nicht viel zum Lehen, Graupensuppe, einen Rettich, eine Zwiebel macht sie zufrieden — was gehen sie Reisen und Fuhrleute an? Einen Fuhrmann gab es früher in unserer Stadt, den seligen Moiiche-Luaer, »eine Pferde waren Adler, Löwen, so wie es sich gehört. Er seihst war eine Zeit lang Meddresch-Sagcr gewesen, eine Art Magged in der Schneidcr-Schiehl und plötzlich gefiel ihm das Fuhrwesen besser als da» Predigen. Er hat aber garnicht« erreicht, er ist ein Schnorrer geblichen und «eine Pferde sind vor Hunger krepiert. Lange Zeit danach bediente inan sich bloß Mendel Malch im« als Boten, Er ging, wohl': man ihn schickte, meilenweit zu Fuß. Hitze, Kälte, Morast, Schn ee — er ging und ließ »ich von nichts anfechten. VS: überbrachte einer Braut irgendwo weit in der Ferne G1 schenke? Erl Wer brachte dem Bräutigam vom Schwiegervatcr Talle» und Stramel? Mendel! Wer führte eine abgemagerte Kuh in die herrschaftliche Schnapsbrennerei, um sic hei den Abfällen fressen zu lassen? Mendel! Er war bloß ein dürres, ausgemergeltes Männlein, hatte eine toten» blasse Haut ohne jegliche Farbe, helle Haara und rote Augen — er war ein Wunderl Jetzt ist er ein alter kranker Mann und kann nicht mehr heruingehen und ich, der herösselte Mechel, hin an seiner Statt und die Leute nehmen jetzt mich und mein Roß, der Teufel hol« ««, es denkt nur an* Fressen und Liegen, auf dem Weg« bückt «ich** und fällt und macht mir da» Lehen sauer" Hier unterbrach sich Mechel im Reden, stand auf und hob die Peitsche über das arm« Pferd, schlug es heftig und zornig und verwünschte und beschimpfte es furchtbari ״Verstunkcne» Aa»! Und als »ein Zorn verraucht war, kehrte er zu «einem Gegenstände zurück 1 ״Die Krämer schicken mich vor unsern oder ,ihren* Feiertagen In die große Stadt, um dort für jeden «in wenig Ware emzukaiifeni Galantcrtesachen, Gewui s, Lakritze, Lihchcn, Kandiszucker und dergleichen, nach der Liste, die sie mir mitgeben. Um die Channcke-Zeit fahren der Stadtschächter, der Chasen und der Schamme» mit mir zu den Pächtern auf den Nachbardörfern und sammeln bei ihnen Säcke Kartoffeln, Möhren und andere« Grünzeug! einen Berlin, 24. IV. 1924 lahn, Butter oder Eier — da» Chaneke-Geld. Auch der selige Rebb Chajem hat mich oft verwendet, um die Rate ür die FIcischstcuerpacht richtig abzuliefern oder manchmal auch wichtige Papiere — Gesuche und Briefe — zu beordern. Mit der Post kann man es nicht tun, weil es in Stadtlein keine Spur davon gibt. Briefe schicken die Leute jei uns nirgendswo hin und kriegen tun sie auch keine. Ich habe von einem Mann au» einer großen Stadt gehört, daß er selbst einmal einen Brief aus Amerika bekommen hat! Als ich die Sache unsern klugen Leuten erzählte, war es ihnen ein Wund er, sie grübelten fortwährend und wollten mit dem Verstand herauihekommen, wie die Menschen auf der andern Seite der Erde verkehrt gehen könnten und nicht bmuntcrfielen! Aber wa» geht mich die Philosophie an, ich habe mit meinem WJ gen zu tun und ernähre mich wenigsten» *chlecbt, wenn schon nicht recht. Grade vor den Feiertagen, wenn man die neuen Waren au» der großen Stadt zu unsern Krämern In der Stadt bringt, mußte mein Ungluckstier fußkrank werden und da» hat ca aus Hinterlist getan, um die Arbeit 10» zu werden, denn es ist schrecklich faul, e» mag die Arbeit nicht leiden und mag gerne fressen und schlafen — und so hat e» den ganzen Jontew lang gelegen und hat gefressen — die Würmer mögen es schon fressen! Und hernach, als die Krippe leer wurde, hat es •ich die Sache überlegt und hat sich wieder auf die Füße gestellt! Und jetzt, wo die Straßen unbrauchbar sind und wo es regnet, daß man nicht einmal einen tollen Hund draußen •1 eht, muß ich mich auf der Straße herumtreihen. Ist das nicht eine himmlische Fügung?" So schwatzte Mechel drauf 10» und kam zum Schluß, daß di« ganze Sache auf Väterverdienjt beruhe. Um »einetwillen oder um Schloimale» willen oder vielleicht um beider willen 1»t gestern der reichste Mann von Knpulje krank geworden. Es hatte ihm wahrscheinlich Schaden gebracht, daß er «ich gleich nach dem Essen mit vollsm Magen in» Bett gelegt hatte. Der Bader war gleich mit seinem ganten Gczeug gekommen, mit dem Schnepper für den Aderlaß, mit Schröpfköpfen, Schermceser und Schere — aber nicht» hatte geholfen. Der Kranke schrie immerfort! ״Nein! Holt mir den Feldscher, meinen Herschale, der ist ein Fachmann, ich will Leinen andern!" Herschale war der frühere Stadtbader. — Und darum mußte er, Mechel, heute hei eolchetn WÄter nach S,..k fah ren und er hätte große Freude, echwur er mit den heiligsten Eiden, »0 möge ihm Gott helfen, wie »ehr er sich freute, daß es gerade so kommen mußte, daß der Mensch krank geworden war und es ihm nun beschert war, einen Buhen de» seligen Rebh Chajem auf die Jeschiwe zu bringen. ״O. o, Rebh Chajem, da» war ein Mensch!“ sagte er. Er, Mechel, hätte garnicht so viel Haare auf «einem kahlen Kopfe, wie das Geld war, da» er vom seligen Rebh Chajem zu dessen Lebzeiten verdient hatte. Der hatte auf Mechel große Stücke gehalten und ihm viel von öffentlichen Angelegenheiten erzählt. Und so im Sprechen zog er einen Brief au» der Brusttasche her— von ״Siehst du, sagte er, ״den Brief da uberbringe ich von jemanden, zwei Brüdern, zwei jungen Leuten, die beim Magistrat, hei der Behörde Schreiber sind und in Gemeindedingen wa» zu »agen haben. Hier, du kannst mir'» vorlesen, wenn du willst, e» kann nicht schaden, wenn man*• weiß. ,. Der Brief war bloß zusammengefaltet und geschlossen, aber nicht versiegelt, doch trug er oben den Bann de» Rahhenu Gcrschom und dieser Schutz de» Briefgeheimnisscs war hei den lud cn starker al» tausend Siegel mit Lack und Adler. Schloimale wollte natürlich nicht lesen und der Brief wanderte wieder in die Tasche Mechel». Wie *» »ich bald zeigte, stand Schloimale das Väterverdienst nicht nur hei »einer Rcice und glücklichen Ankunft hei, sondern auch heim Erhalten von ,Tagen* und der Erringung von Wohlgefallen und andern guten Dingen. Allcrd mg» ließ »ich auch die Ansicht vertreten, daß ein Wund ermann seine Mittel dabei 1m Spiele hatte. Damit hatte es folgende Bewandtnis! Vor kurzer Zeit, während Schloimale im T-zcr Beßmeddresch lernte, war einer der fahrenden Wund ermänner in die Stadt gekommen, ein Mann in mittleren Jahren, mit blassem, schönem Gesicht, einem Geistlichen-Bäuchlein und dem Blicke eine» zerstreuten Menschen, der in höheren Sphären schwebt. Seine Kleidung war auch am Werkel tag em seidener Rock. Beide Hände steckte er tief in die Taschen, so daß »ich »eine Hintcrhnie »ehr plastisch ahzeiclinete. Sein Gang war wie das Zickzack einer Ente und von großem Reiz. Er hatte lange Pergamentrollen, auf denen Sphären und seltsame kabbalistische Zeichen gemalt waren, wonach er jedem wie aus dem Buche da* Schicksal, das ihn betreffende, verkündete. Man erzählte, daß niemand so wie er die Geister und Teufel in Schrecken versetzte und daß seine Amuletten wirksam wären. Er war es gewesen, der aus dem besessenen Mädchen in einem gewissen Städtlem den bösen Geist ausgetriehen hatte, das wußte die ganze Ws ltl Er verbrachte seine Zeit meist im Beßmeddresch, da er ja zu den Dienern des Heiligtums gehorte, und zog Schloimale an »ich heran und benutzte »eine Dienste. Schloimale gehorchte ihm und war voll Ehrfurcht. Ttcbulenti Schtlet. — Moiiebe-Luseri Mosss Elssssr. — Mtggtdt Ein* Art Prc1!1'(j«r. — Herscbalet Dsmin. von IIer*c!1 (Hiricli). —. Rabbenu Gsrsehomi Mittalalterlicha Autorität, (Fortsetzung folgt.)