Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 26 (1.4.1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 188 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 28 Die Wahlen in iarplliorußlaiid Von Max Brod. Karpathoriißland ist der östlichste Teil der Tscheche- Slowakei, von Rutheuen, Magyaren und Juden bewohnt. Die Ruilicnrn simt teils griechisch-orthodox, teil» griechisch-uniert. Ein Teil fühlt sieh als Ukrainer (Klänrosscn), ein Teil hat *l!e großrussische Sprache angenommen. Hunger und Ulend in dem Lande sind groll. Die Zahl der Analphabeten in manchen Dörfern, namentlich im Bergland, steigt bis zu 90 Prozent. Die Juden des Landes sprechen jiddisch wie im benachbarten Polen oder ungarisch, auch das Rulhcnische ist den meisten geläufig. Fast alle Juden können zumindest jiddisch lesen und schreiben, doch gibt cs auch unter den Juden einen allerdings winzigen Prozentsatz vollständiger Analphabeten. <deich nach Begründung der tschechoslowakischen Republik begann der jüdische Nntionalrat 11t Prag dieses von ,Juden dichtbevölkerte Gebiet auf nntionaljüdischer Basis zu organisieren. Die Arbeit ging gut vorwärts, denn die fromme Bevölkerung dieses Gebiets (von einigen magyarisch assimiiicrtcn Gcldjmlcn abgesehen) hat ein ungebrochenes natiirliches jüdisches Nation,•dbewußlscin, ein selbstverständliches Gefühl für die jüdische Gemeinschaft, das nur durch den ,uniformierenden Staatsgedanken Magyariens nicdergchalten ,worden war. ln Magyarien galt es als eine Art Hochverrat, sich zu einer andern als zur Staatsnation zu bekennen. Mit dem Wegfall dieser ganz äußerlichen Assimilicrungstcndenz war für ein gesundes jüdisches Sclbstbcwulltscin die Bahn frei. —!.ekler wurde die verheißungsvolle Entwicklung zu einem einigen Judentum in diesem Volkstei! durch den Zank zweier Rabbiner (des Beizer und des Munkaczcr Rebben), der die Bevölkerung in zwei Parteien zerriß, sowie durch die Wühlereien eines früheren Nationalratsmitgliedcs gestört, der eine eigene konservative Partei begründete, — völlig zwecklos, denn auch die Nationaljuden und Zionisten (Misrachistcu) von KarpaShortißland sind in religiöser Hinsicht konservativ, geseizestreu. Bald gab es drei politische jüdische Organisationen in dem Lünddicn: ■Zionisten, Konservative und eine ganz, unklare ״bürgerliche“ Partei. Es gelang jedoch, alle drei in einer gemeinsamen ״Jüdischen Partei“ zu konsolidieren, die bei den Gemeinde- und Gauwahlen einheitliche Listen kandidierte und große Erfolge erzielte. So z. B, wurde ein Zionist (Dr, Spiegel) Vizebürgermeislcr von Mtmkncz, mul in allen Gemeindevertretungen waren Juden aller Schattierungen vertreten. Da kamen die Parlamcntswahlcn. (Karp.1thorun1.1nd hatte bei den allgemeinen Wahlen 1922 nicht gewählt und wurde erst jetzt zur Nachtragswahl aufgerufen.) Und nun kann man der tschechoslowakischen Regierung den Vorwurf nicht ersparen, daß sie, die bisher die Juden frage im Sinne der Gerechtigkeit zu lösen bestrebt war, auf die Juden einen häßlicher. Druck nuszuüben begann, keine eigene Liste auf■ 7ns!clk'n, sondern die agrarische Liste zu wählen. Der!Ministerpräsident Svehla mul der Minister des Innern Malypelr (beide Agrarier) luden Exponenten des karpathomssisclicn!Judentums nach Prag und unter dem Einfluß der Rcgicningsauiorität fielen die Vertreter der Konservativen und der bürgerlichen Partei um. Nur der Zionist (Dr. Spiegel) verwahrte sich energisch gegen die verhüllten Drohungen in den Worten des Ministers und erklärte, unter allen Umständen an einer selbständigen jüdischen Kandidatur fcsiznhaltcn. Die ganze Sache hat, vom Wahlrcsultat aus gesehen, eine komische Nuance. Ministerpräsident Svclila wollte die Juden als agrarisches Stimmvieh benützen und scheute nicht davor zurück, den Juden das einzige Mandat, das sic in der Tschechoslowakei bei der diesmaligen Wahlordnung erringen konnten, »Ins einzige Mandat, von dem bei der nächsten allgemeinen Wahl vier oder fünf weitere Mandate abhängig Rind, zugunsten einer Verstärkung der niandatreiclirn Agrar׳ parlri abscliwal/cn zu wollen. l).1s Ergebnis der Wahl aber war, daß die Agrarpartei (im 1. Scrutiniirm, — bezüglich des zweiten scheint ein korrigierendes Sondergesetz ln Vor■ Bereitung) überhaupt kein Mandat erhielt. Die jüdischen Stimmen wurden durch den Einschüchtcnmgsversuch der Regicrung gespalten, und gingen gleichfalls leer aus. Den! Gewinn hatten die ärgsten Gegner der Regierung, die Kom* mimisten. Ohne den allzu klugen Eingriff Svehla* hätten also die Kommunisten um ein Mandat weniger und die Juden, omit die Regierungsparteien, um ein Mandat mehr gehabt. Bald nach der Konferenz beim Ministerpräsidenten Svehla (15. IVbni.ir) proklamierten die Zionisten ihre Randidatur, Dr. Singer fürs Abgeordnetenhaus, l>r. Brody den Prager Oberrabbiner, der aus Knrpnthonilll.uid stammt) iir den Senat. Nun bekamen auch die Konservativen und! ״bürgerlichen“ Juden Reue, sie fielen zum zweitenmal um, und dieselben Herren, die in Prag dem Ministerpräsidenten bereitwilligst die jüdischen Stimmen zur Verfügung gestellt harten, erschienen jetzt — an der Spitze der zweiten jüdi־chen l.iste, Der Kampf zwischen diesen beiden jüdischen " isten war nicht ein Kampf um den Zionismus, sondern um die politische Moral. Ke Zionistcnliste war die der Entschlosscnhcit, die zweite Liste die des Opportunismus, der aut jeden ״Wink von oben“ lauscht und die jüdisclic Ehre um materieller Vorteile willen preisgibt. Der Wahlkampf, bei dem die Führer Dr. Singer, Dr. Brody, Dr. Sternbach, Dr. Spiegel, Waldstein, Andres 11. s. f. mit äußerster Hingabe in Tätigkeit traten und bei dein auch ich ein wenig helfen konnte, war ein 1.0• gcislcrter Krieg für die Idee der gradlinigen, unbeugsamen, ausschließlich jüdisches Recht postulierenden Politik. Die ganze Jugend Karpathonißlands ging mit einem heiligen Feuer, das im Westen kaum bekannt ist, an die Arbeit. Die Gegner arbeiteten mit Geld, mit gefälschten Manifesten, mit Drohungen (״Wer jüdisch wählt, verliert Lizenzen und Konzessionen“), ja zum Schluß mit dem Bannfluch (Issur), den einige Rabbiner gegen die nationaljüdischc Liste anssprachen. Gegen diese Rabbiner wurde das Strafverfahren eiugdcitet, denn mit dem gesetzwidrigen Mißbrauch religiöser Institutionen zu politischen Zwecken muß endlich energisch aufgeräumt werden. Der Issur halte auch fast gar keine Wirkung. Für die ko ns ervative (d. h. opportunistische) Partei, die «ich bis dahin gerühmt hatte, daß 90<ya aller Juden K a rpa t h 0 ru fil n nd s hinter ihr stehen, stimmte die Minorität! Dies ist eines der wesentlichsten Re* suitalc des Wahlkampfes. Die Gemeindegcwnltigcn, die auf Grund undemokratischer Wahlordnungen in den Kehüles herrschten, und einige ihnen hörige Rabbiner (der weitaus größte Teil der Rabbiner verhielt sich, wie zu seiner Ehre gesagt sei, im Wahlkampf streng neutral) haben am Wahltag ihre Machtstellung ängebiült. Der wahre Wille des karp.illiorttssisclien Judentums hat sich gezeigt. Dieser Wille ist auf eine anständige, ziclbewußtc, die jüdische Ehre hochhaltende Politik gerichtet. Kescr Wille läßt sich nicht hestechen, nicht für Spiriluslizcnz.cn verkaufen, wie unsere Gegner frohlockten, denen die der Wahl vornngcgnngetien Konferenzen willkommenen Anlaß gaben, von jüdischer Feigheit, jüdischem Materialismus als Leitmotiven jüdischer Politik zu reden. Glücklicherweise hat das jüdische Volk in einer seiner Massensiedltingcn (Karpathorußlam!) starken Idealismus, Standhaftigkeit gegen Verlockungen von allen Seiten und redlichen, gesunden Volksinstinkt bekundet. Dies ist bei der Armut und Bedrängnis der karpathomssisclicn Juden, bei ihrer mangelnden politischen Erziehung (im alten Ungarn gab cs keine demokratischen Wahlen) doppelt hoch anzuschlagen. Und darin liegt das Bedeutsame dieses lokalen Ereignisses für das gesamte Wcltjudentum, Die endgültigen genauen Walilresultate sind noch nicht fcstgcstclll. Unsere Liste (Volkspartci) erzielte fürs Abgc ordnclcnhaus zirka 19 000 Stimmen (bei 20000 wäre ein Mandat zu haben gewesen), die konservative Liste zirka 10 000 Stimmen. Für den Senat hatten wir zirka 15 000, die Konservativen zirka 6000 Stimmen. — Nun ist durch diese Wahl das Stärkeverhältnis der Parteien innerhalb des Judentums, das von den Konservativen so falsch clngeschälzt worden war, definitiv geklärt, Die Balm für eine Verstiin■ digitng und Vereinigung ist frei und zugleich ist erwiesen, daß die Juden bei Einigkeit in den nächsten Wahlen 29 006 Stimmen für das Abgeordnetenhaus, also mehr als ein Mandat, unter Umständen zwei in diesem Wahlkreis erringen werden. Zur gegenwärtigen Entwicklungskrise im Zionismus Von Dr. Leo Rosenberg Wendepunkte im Leben eines Organismus sind immer von einer Erschütterung der gesamten Lebenr-basU und einem Wanken des Lcbcnsgclühls begleitet, die den Charakter ein! r Lutwicklungskrise oiiciibaren. Dem Lebensgesetz des Grg a n i s m u s ist auch die Organisation unterworfen, Wesen und Weg der Entwicklung im Anorganischen, Otgaui• sehen und Ucbcrorganisdicn ist Fortschritt von unbestimmter Gleichartigkeit zu bestimmter Umdeichartigkcit. Die Einheit der inneren Form wird von der Fülle des Lebensstromes gesprengt und in Mannigfaltigkeit gewandelt; der höhere Wert der neuen Vielheit oltnibart sich in dem durch Klarheit und Bestimmtheit entfalteten Eigciisciri der Elemente. F.s gehört wahrlich keine besondere Sehergabe dazu, um in der gegenwärtigen Krise im Leben der Idee und Bewegung des Zionismtts das eigene Wesen einer Entwicklung'krisc zu erkennen. Alle ״prinzipielle“ oder sonstige Verbrämung kann nicht über die Erkenntnis hinwcgtanschen, daß die wachsende Gegensätzlichkcit und Zentrifugali'.ät der Erscheinungen und Handhingen innerhalb des nationalen Lebenskreises, die von einer wachsenden Erschütterung des gesamten Seinsgrundes und einer zunehmenden Unsicherheit unseres nationalen Lebensgefühls begleitet ist, auf einen inneren, vielfach gehemmten organischen Wachstums- und Wandlung ,prozeß der Orgnnisation als schöpferischen Form zurückgehen. Was heute im Zionismus vorgeht, ist kein wesensechter Kampf um Inhalt und Umfang unserer Idee und Bewegung, kein Ringen um Gesinnungen und Ucberzeiigungen, sondern der elementare Ausdruck einer mangelnden Konformität, einer Inkongruenz zwischen der ״äußeren“, in Wahrheit schöpferisch-lebendigen Organisationsfonn und der Gesamtheit der iiir Ungeordneten Lobenswerte. Bei der bei uns außerordentlich entwickelten Neigung zur InhaltUchkeit und ״Sachlichkeit“ der Wcltauffassung ist es nur natürlich, daß der wachsenden Divergenz innerhalb unserer Bewegung Ideen- und Gesinnnngsgegensätze unterschoben werden. Also niaximaiistischcr und minim,ilistischer Zionismus, Demokratie und AuUdcmokratic, Kultur und Politik. Sind derartige Ideengegensätze, ist ein derartiger Idccnkampi in Unserer Bewegung wirklich vorhanden, oder ist cs nur nachträgliche, den Erscheinungen nachhinkende Konstruktion, Verbrämung und Verhüllung des walircn Kerns der Dinge, der naturgewachsenen Immanenz? Letzteres ist zu bejahen. Die Konstruktion scheitert bereits an der persön• liehen Excmplifizienmg. Daß der Vollblut Jude und persönliehe Hebraist Weizmann Minimalzionist ist, daß der echte Volksmensch und Schöpfer der ״demokratischen Fraktion“ Antidemokrat ist, Ist schlechthin unglaubwürdig. Herrn Ussischkin vor die Alternative: Kultur oder Siedlung stellen, würde etwa soviel bedeuten, wie ein Kind vor die der Vater- oder Mutterliebe. Was Demokratie und Antidcmokralle anlangt, sei kurz bemerkt, daß jede nationale Bewegung ihrem Wesen nach auch eine demokratische ist, und daß Demokratic und Nationalismus wörtlich und inhaltlich zusammenfallen. Nationale Bewegung bedeutet historisch immer Erwachen unterdrückter Völker und Volksmasscn. Der Gegensatz Dcmokrntie-Antidcmokrntic erwächst allein auf dein Böden des rcalpolitischcn Machtkampfes, der uns fehlt. Er bleibt mithin, auf unsere Verhältnisse Überträgen, ein Wort- und Gcdankcnspicl. Was den angeblich vorhandenen Maximal- und Minimalzionismus betrifft, so ist es bezeichnend, daß diejenigen, die ihn behaupten, sich nicht auf Tatsächlichkeiten, die sie selbst als belanglos bezeichnen, sondern auf ״Svrnp• tome“ berufen. Symptome bedürfen indessen der Deutung, die richtig oder falsch ausfallen kann. Tatsachen wie die Vernachlässigung der Organisation (für die doch manche gerade den Maximafzionisten Herrn Dr, Soloweitschik, den Organisationsressortleiter in der Exekutive, verantwortlich machen), die gleichberechtigte Beteiligung nichtzionistischer Kreise am Aufbauwerk und die Hintansetzung der Kulturarbeit sind sehr symptomatisch, aber nicht für das Vorhandensein konträrer Ideenrichtungen, sondern für die akute Entwicklung!* krise in der Zionistischen Organisation. Die überkommene Form der Gesamtorganisation Ist näm* lieh der wachsenden Fülle der einzelnen nationalen Lebensgebiete nicht mehr entwicklungsgcmäß. Das Gelaß der Gesamtorgamsatbn vermag die ungleichartigen, nicht k3nträren Komplexe des nationalen Lebens nicht mehr einheitiieh zu formen. Kultur, Politik und Palmtinasicdltm({ bilden heute im Rahmen der zentralisierten Gesamtorgani- Franz, Oppenheimer znm Scclizlffslen Dieser Mann war immer reif und immer jung. Er hatte vom Künstler die Leidenschaft in sich, nur das zu tun, was er von innen her gntlicißeii konnte, und vom Arzt den Drang hin zur Wirkung auf das unmittelbare Leben; mit diesen beiden Komponenten, wenn man zum Wissenschaftler geboren ist, wird mau Soziologe und kann es weit bringen. Soziologie, die lebendigste der Wissenschaften, die vom Zu- «ammenlcbcn der Menschen, seinen Formen, Bedingungen und Wirkungen, hat immer die unabstraktesten Geister angezogen, solche, die sich der Wirklichkeit mit klammernden Organen nähern; und für den Juden hat sic noch besondere Aufgaben und Impulse. Der Jude und seine zentrale Angelegenheit, seine Religion, war eingefleischt ins Zusammen von Menschen; Gemeinschaft und Gemeinde sind seine Heimat. Der Jude von Schicksal 11er ist immer Opfer der Vergcseilschnftungsformeu der weißen Menschen geworden; stets in die Nähe der untersten Suiten der sozialen ׳Pyramide gepreßt, weiß er vom Leiden der Massen als dein seinen, aber dank seines geschulten, Jahrtausende durch Bücher hindurchgegangenen Geistes vermag er dort zu erkennen, wo jene verzweifeln, dort planvoll zu handeln, wo icne in sinnlosen Akten der Rebellion sich aufreiben, Franz Oppenheimer ist mehr Erkennender als Tuender. Aber unler den reinen Erkennenden ist er der Täter; und als solchen kennen wir ihn im deutschen Zionismus.’ Der neunte Kongreß machte sich 1909 seinen Entwurf zu einer Sicdlungsgenosscnschaft zu eigen; in Mercliawja und Daganja wurde er ausgeführt und hat seither nicht aufgehört, in aucn verwandelter Form zu wirken. Zu unserer Idee brachte ihn sein persönlich-ritterliches Gnmdvcrhältnis zu •einer jüdischen Volkszugehörigkeit. ,Wir lesen in Hcrzls Tagebüchern: * Gestern (21. Januar 1902) las ich den Schluß von Oppenheimers ״Jüdische Siedlungen" in der ״Welt". Der Schlußappeii, der Vergleich eines Rahaliue-Evpcrimentes mit der elektrischen Versuchsbahn Berlin-Zossen frappierte mich,und ich entschloß mich sofort, das Oppenheimersehe Experiment auszuführen, ich schrieb cs ihm auch sofort, erlegte ihm jedoch vorerst Schweigen auf. Ich muß das Terrain, das A.-C. und die Bank, erst präparieren; auch würde die lca mit ihren größeren Mitteln mir zuvorkommen. Als Ort der Handlung bezcichncic ich Oppenheimer das ägyptische Palästina, jenseits des ״Bachs Aegypten“, weil ich dort mit der englischen Regicrung zu tun, also keine Schwierigkeiten habe. Auch gehört zum tlicina probamliim das Klima, was Oppenheimer übersieht. Nieiit im Reinen bin ich mit mir noch, ob ich die Sache . , . zur zionistischen Agitation verwende — was den Nachteil hätte, Parade-Ansiedler zu schaffen und den Vorteil, ut »liquid fecissc vidcamur — oder in aller Stille anfangen lasse. (Am H. Mai.) Ich lernte auch Dr. Franz.Onpen־ hei mer, den Siedlungsgenossen, kennen, der mir auch gar wohl gefiel. Seither hat Franz Oppenheimer innerhalb unserer Bewcgimg seinen höchstpersönlichen, immer wesenhaft aus, ihm selbst bedingten Ort gehabt. Seine Einbezogenheit in deutsches Volksbewnßtsein und deutsche Dinge brachte ihn während des Krieges zur Mehrheit der Zionisten in Opposiiion; er wird sich dort wohl und gern befunden haben. Demi er war stets ״kein ausgeklügelt Buch“; ״Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch“ wird auch er gerne, wie alle Inittensiscli-kricgsgcühtcii Geistigen und Männer, von sich sagen hören. Wir wünschen Ihm und uns weitere Jahrzehnte eines Daseins, dem der endliche, auch der äußere Erfolg beschert war und auch weiter sein wird: Dasein des Geistes, der l ehre und der mannhaften Gesinnung. A. Z, Gustav Landauer an Franz Oppenheimer Um in die ProblcunveR Oppenheimers cinzuführen und um des persönlichen Tones willen bringen wir zu diesem Tage aus Landauers neuem Buche ״Beginne n" (Marcan-Block-Vcrlag, Köln) das charakteristischc Bruchstück eines längeren Aufsatzes. Red. Lieber Franz Oppenheimerl Ich lese in Ihrem Buche oder eigentlich in Ihren beiden Büchern, die ja zusammengchörcn*), und ich möchte nun endlich aut eine Frage die Antwort suchen, die mir, und ieli weiß, auch Ihnen m all den Jahren manchmal gekommen ist. ln all den Jahren -- was für Jahren? Wo wir »ebenem• ander hergehen? oder wo wir einander• oft, immer wieder begegnen? Da bin ich schon bei meiner Frage. Wie kommt *) Theorie der reinen und politischen Oekonomie. Ein Lehr- und Lesebuch für Studierende und Gebildete. Berlin 1910. — Der Staat (Band 14, 15 der Sammlung so/ialpsvchologisclier Monographien: Die Gesellschaft). Frankfurt >, M, 1 es, daß wir einander so nahe sind, einander immer wieder begegnen und doch nicht Zusammenkommen? Mich dünkt, wenn Menschen dies von sich sagen können: sie seien zugleich geeint lind getrennt, kann cs dafür nur dreierlei Erklärung geben. Erstens, sic sind ln den einen Dingen verbunden, in den andern geschieden. Dies aber ist unser Fall eben nicht: ,wir fühlen uns im Wesentlichen unsrer Auffassung wie unsrer Tendenz verbündet, wir denken ״gleich“ über das Verhältnis von Staat und Wirtschaft, von Ausbeutung und Gewalt, von Boden und Kapital, von Genossenschaft und Sozialismus und wiederum von Großgnmdeigentum und Feudatstaat und von Bodenfreiheit und Sozialismus. Nun gibt es nur noch zwei Erklärungen dafür, daß wir als Geeinte und zugleich Getrennte erscheinen. Entweder muß nämlich unsre Trennung nur Schein sein, Vorspiegelung, entstanden vielleicht durch verschiedene geistige, literarische Abstammung und daraus sich ergehende Verschiedenheit der Terminologie, oder aber unsre Einigkeit ist Täuschung und es gibt ein Letztes, Feinstes, Tiefsles, was uns wirklich auscinandcrhält. Ich halte diese dritte Erklärung für die richtige; wir sind beide erwachsen, stolz und einander liebevoll zugetan genug, daß ich kein: leider hiii/uzufügcn brauche. Soll eine Erklärung stimmen, so kommt! auf den Versuch an. Probieren wirs also. Lassen Sic mich Ihnen erklären, was ich für unsre wahrhafte Trennung halte. Ich habe gelernt, daß es auf allen Gebieten verkehrt, zugleich ungenügend und unmöglich ist, nach den Ur* sprtwgsursadien zu suchen. Suche ich die Urspnu1g.uirs.1ehe einer konkreten Erscheinung, so werde ich weiter und weiter zuriiekgeführt und komme nur ans Ende, entweder wenn ich müde bin oder wenn Ich zu meinem Anfang, nämlich zu irgendeiner mir eigenen Voreingenommenheit komme. Darüber sind wir, ich brauchte es nicht erst durch ihre Methodenlchrc zu erfahren, noch ganz einig. Wir wissen noch meiir miteinander: uns ist beiden geläufig, daß man zwar z. B. nicht den konkreten preußischen Staat auf seine erste Ursache zurückführen kann — wann sollte die gewesen sein? und wie sollte nichts noch vorher gewesen sein, was zu seinen Bedingungen gehörte? — daß man aber den Staat als solchen erklären kann, nämlich durch die Znrückführimg auf die Psychologie der Menschen. Merken wir uns das: handelt cs sich um äußere Zustände, um Einrichtungen, die wie Dinge und Dingkomplexe ausschcn, so sind wir zufrieden, wenn wir diese nur scheinbare Außenwelt auf eine Innerlichkeit, auf unsre Psychologie, auf unser Ich zurückgeführt haben. .