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Jüdische Rundschau · 1924-03-28 · Heft 25 (28.3.1924) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIX (1924)
Issue
Heft 25 (28.3.1924)
Date
1924-03-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Kummer 18 3־ ׳, : a er Berlin, 28. III. 1924 ErzaMung von?dcnda?e]Vloic1ier Sfurim Autorisierte Uebcrictzung aus dem Jiddischen von Salomo Dirnba um Cfi^yrisht 19‘!4 in־׳ MmUfmI TerUtw. 111 JU«l״ Verls». 1U.1.. (17. Fortsetzung) ״Jawohl. dorthin. Ganz recht. Aber Geld - Geld - Geld?“ ließ »ich eine andere Stimme vernehmen. ..Geld ist da! . . . Man gibt Geld! , . . Geld wird schon da sein! . . . Ruhig! Was sagt Rebb Chajem? . . Wra» sagt er? . . . Man muß eine Versammlung einberufen! . . . Eine Versammlung!“ schrien einige Dutzend Halser zu gleicher Zeit. Auf der Versammlung ■wurde folgendes klargeotcllti Von den 1a Weißrußland aus den Dorfe ra ausgewic/tencn und auch von anderen dortigen Juden Kalten viele *1 ausende im Jaiire 1806 Gesuche um Zuteilung von Boden eingerctcbt und waren auf Staatsländereien in Neurnßlnnd angcsicdclt und mit Geld unterstützt worden. Aher bald, im Jahre 1810. kam ein Uka# heraus, daß man kerne Juden mehr in die Kolonien schicken sollte, da der Regierung das Geld dafür ausgegangen war. Neun Jahre darauf gestattete man den Juden wieder die Ansiedlung, aher nur auf eigene Kosten. Vier Jahre spater ließ man wieder keine neuen Kolonisten zu. Und nach den Gesetzen vom Jahre 1835 und den weiteren vom Jahre 1847, durften die Juden an allen Orten, wo sie V/ohnrecht hatten, auf Kronhcsitz Bauern wcrde1j. Insbesondere wies ihnen die Regierung die Gouvernements Jekatennoslaw und Cherson zu. Die Mittel für die Ausgaben und für den Unterhalt waren von der Fleischstcuer zu nehmen. — Und bei dieser Lage der Dinge — wenn das Geld aus der Gemeindekasse zu nehmen war, so faßte man den Beschluß — abermals eine Versammlung einzuherufen. Bei den Versammlungen kam wie üblich nichts heraus. Man brauchte Geld — und das hatte man nicht. Nicht genug daran, daß man kein Geld hatte, lasteten auf der Stadt noch Schulden unbeglichener Steuern und Abgaben, die dringende Mahnungen und Beitreibungen im Gefolge hatten. AVolken von Schwermut überschatteten alles. Klein und Groß fragte bekümmert, wann die Not endlich ein Ende haben würde. Die Leute hinterm Beßmeddresch-Ofen unterhielten sich über die messiantsche Zeit und stellten Berechnungen über den Letzten Tagan, den ein großer Rabln an der und der Bibelstclle entdeckt batte. Diese frohe Botschaft erleichterte ihr Herz und die Hoffnung begann *us ihren Augen zu strahlen: ,Gott wird Israel nicht untergehen lassen!' Die Honoratioren der Stadt kamen oft bei einander zusammen, um die allgemeinen Angelegenheiten zu besprechen. Sie unterhielten sich, überlegten hin und her und der Schluß war gewöhnlich ein Ächzen: ״Hilf Deinem Volke Israel, lieber Gott! Es steht schlimm um Deine Jüdlein, o ganz schlimm!“ An einem Winterabend saßen sie so im Hause Rebb Chajcms beisammen. Draußen herrschte ein brennender Frost. Es war eine strahlende Mondnacht, so hell und klar, daß man Perlen hätte lesen können. Und es glitzerten auch Perlen auf der Straße. Aher nein, das waren funkelnde Sterne, in den silberweißen Schnee gestreut. Die Nacht war von blendender Schönheit, sie war wie für einen Spaziergang geschaffen — aher für die Armleutner Juden galt das nicht. Auf der Gasse war es still, kein lebendiger Mensch zu sehen. Im Zimmer war es warn und hell. Auf der ,Pfanne' prasselte ein lustiges Feuer. Beim warmen Kachelofen saßen sie um den Tisch herum und waren m ein Gespräch vertieft. Plötzlich öffnete sich die Tür zur Straße, ein kalter Strom drang von draußen herein und zog eine Weile wie eine helldunkle Dampfsäule durch den Raum. Schwere knarrende Schritte wurden laut und aut der Dampfsäule tauchte eine menschliche Gestalt hervor. ״O, Lippe!“ riefen alle zugleich• ״Gott zum Gruß, Lippe!“ Lippe war aus dem Bürgerstand, dreißig und einige Jah re alt. Er war durchtrieben klug und ein Witzbold, immer lustig, einer von den armen Leuten, die immer fröhlich sind, auch wenn es ihnen schlecht geht. Er war hei jedermann in der Stadt beliebt und gern gesehen. Als die Kunde von den jüdischen Kolonien kam, ließ er sich nicht wie die anderen auf leeres Debattieren und Philosophieren ein, sondern machte sieh bald auf den Weg zur Kreisstadt, ging von dort zur Gouvernementsstadt, um genau in Erfahrung zu bringen, wie alles wäre, und was man zu tun hätte. Lippe erledigte eeinen Gruß *ehr rasch, indem er jedem sein kurzes ,Grüß Gott* sagte, öffnete den Pelz und schüttelte die gefrorenen Eisstücklein aus Mantel Und Bart. Dann •teilte er sich nahe an die ,Pfanne' heran und wärmte sich die Hände am Feuer. Die Leute betrachteten ihn freundlich; plötzlich brachen alle in ein Gelächter aus, mit den Händen auf seine Fuße zeigend: ״Was ist denn das, Lippe?“ ״Bastschuhe 1“ antwortete Lippe ruhig und kur* mit ernstem Geeicht. ״Bis Pierem dauert» noch eine hübsche *Weile, und du gibst schon jetzt eine Komödie, du Spaßvogel, und maskierst dich rechtzeitig!“ sagten alle und wollten nicht aufhören zu lachen. Sie batten auch wirklich Grund zum Lachen. Diese aus weichem Bast geflochtenen Schuhe wurden über die Fußlappen gezogen und hatten lange * Riemen, die wie Twillen-Riemcn um die Unterschenkel gewunden wurden. Das war in Litauen die 1 rächt der Bauern der gewöhnlieben Klasse. Keinem, selbst dem allcrurmstcn Juden, wäre es in den Sinn gekommen, Bastschuhe anzuzieben, ebensowenig wie Schwein zu essen oder Schatnes zu tragen. Er wäre lieber mit offenen Fersen oder barfuß im größten Winterfrost gegangen, als die Fuße mit Fußfetzen zu umwickeln und Bastschuhe darüber zu tun. Ein Jude mit Fußfetzen war unvorstellbar, außer daß es vielleicht ein Komödiant am Pierem oder ein Badeben auf einer Hochzeit täte. ״Ich verkleide mich nicht, wie ihr sagt,'* erwiderte Lippe und seine Lippen umspielte ein kluges Lächeln, ״ich bin beute wirklich ein Bauer. Um mirs zu ersparen, es jedem in der Stadt besonders mitzuteilcn und mit jedem einzelnen lange Reden zu fuhren, dachte ich, ich wollte mir Bastschuhe anzichcn. Das heißt also! Seht her, meine lieben Brud er, und nehmt zur Kenntnis, was ich hin, und laßt mich in Ruhe!“ ״So-o-o, Lippe!“ riefen alle. ״Du bist ein Kolonist? Erzähl' uns doch bitte alles genau.“ Lippe ließ sich nicht lange bitten und legte der Gesellschaft die Sache kurz und bündig nach seiner Art dar, alles, was dafür bei den Kolonien gefordert würde und was damit zusammenhing. Er erzählte auch, was er erlebt hatte, mit welcher Muhe er passende Gefährten gefunden habe, mit denen zusammen er sich in einer Kolonie des Chersoner Gouvernements niederlasscn würde. Auf jede Familie von sechs gemeldeten Personen würden vierzig Joch Boden gerechnet. ״Und wer wird den Boden bestellen?“ fragte einer. ״Glaubst du, weil du in die Bastschuhe gestiegen hist, Lippe, hist du schon ein Bauer und kennst die Arbeit? Darm muß man Üb ung haben.*' ״Sorgt euch nicht! Das hat Rascbi schon vorgesehen,“ sagte Lippe lächelnd. ״In den jüdischen Kolonien setzt die Regierung Deutsche als Schulzen ein, von denen wird man die Arbeit lernen.“ ״Also recht, ganz recht,“ meinte ein anderer, ״aber Geld? Geld für die erste Zeit? Woher nehmen? Von der I'leuclisteucr? 170 Rubel für einen Kolonisten, wie man sagt, von der Fleischstcuer? Das wird schwer sein! Die Gemeinde ist arm und die Bedürfnisse sind groß. Man braucht für dies und Jas und für das und dies . . . .“ ״Beruhigt euch!“ unterbrach ihn Lippe. ״Em wenig Geld habe ich von früher, ein wenig habe ich dort erwischt. Ich habe nämlich hei der Gelegenheit gleich eine Heirat vermittelt. Außerdem wird mir von meiner VArtschaft, die ich hier verkaufen werde, auch etwas abfallcn, rechne ich. Sollte mir dann vielleicht eine Kleinigkeit fehlen, so hoffe ich, wird man mir hier behilflich sein . . Szure wartete den Gästen mit Grieben und Eierbeugeln auf, und bat sic höflicb, die Benedeiung zu sprechen und zu essen. ״Wenn Gott mir helfen wird,“ wandte aich Lippe mit freundlichem Lächeln an Szure, ״so werde ich euch aus der Kolonie gute Ganse zum Geschenk schicken, dort gibt es j'a, so wie man heut überall singt ,die besten Sachen, Brot ist nit teuer, einen Heller die Ziege, das Huhn einen Dreier*.“ SECHZEHNTES KAPITEL!ER Winter, von dem hier die Rede ist, war für Rebb Chajem sehr schwer gewesen. Das sah man ihm schon am Gesicht an. Rebb Chajem war immer ein ernster Mensch gewesen, nachdenklich und zuruckgezogen und sprach auch wenig im Hause. Jeder hatte Respekt, wenn er nur von ihm angesehen wurde. So groß der Lärm manch׳ mal unter den Kindern im Zimmer auch sein mochte, so wurde es doch sofort still, wenn er sich nur an der Tür zeigte, und keines muckste sich mehr. Das war aher nicht darum, weil er wie andere streng« Väter die ganze Familie in Furcht und Respekt versetzte. Ernst war sein Gesicht, aber fast niemals böse. Die Falten auf •einer hoben, schönen Stirn zeigten, wie er in seine Gedanken vertieft war. Seine Augen blitzten — weil er einen feurigen Geist besaß, nicht weil sein Blick verbrennen und vernichten wollte. Im Gegen— teil, er war im Herzen zu gut, die Stille bei seiner An׳ Wesenheit im Zimmer schmerzte ihn. Wenn jemandem in der Familie etwa• weh tat, so krampfte aich sein Her* XUsammen; wenn einem etwas abging, so wollte sein Herz brechen. Alle kannten sein Wesen und achteten ihn und gehorchten ihm voll Liebe und Ehrfurcht. Die Leitung de# Hauses lag ganz in den Händen •einer Frau. Rebb Chajem gab bloß das Nötige und wollte sonst von nichts wissen. Er kümmerte sich nur um seine Geschäfte, um die öffentlichen Angelegenheiten und um die bestimmten Stunden, die er der Thora widmete. Aher in diesem Winter hatte sich Rebb Chajem sehr verändert. Statt ruhiger Nachdenklichkeit lagen Zorn und Arger auf seinem Gesicht und wenn er nach seiner Art mit den I landen auf dem Rucken 1m Zimmer auf und ab ging, dann geschah das nicht mehr mit kurzen, dichten Schritten, sondern er blieb jeden Augenblick stehen, kniff die Lippen zusammen, biß sie mit den Zahnen, blickte böse und stier vor sich hin und zerrte an seinem Bart, in dem sich plötzlich viel graue Haare zeigten. Er war vor der Zeit gealtert. Er war erst zwei- oder drciundvierzig Jahre alt. Die Fleischstcuer war es, die ihn alt machte. Als die Leute zu verarmen begannen, fing auch sie an, schlecht zu geben. Man aß jetzt weniger Fleisch. Und außerdem führten manche auswärtiges, das beißt vom Land m dis Stadt geschmuggeltes Fleisch ein, das einem die Steuer ersparte und noch billiger war. Der Bann, der ■wie üblich auf auswärtigem Fleisch lag, half nichts. Not bricht Eisen, sagt man, geschweige denn einen Bann. Armut und Hunger sind kein Spaß und die Fleischstcuer stammt nicht vom Sinai. Und die Aufseher, die nach solchem Fleuch zu suchen und fahnden und es zu konfiszieren hatten, die halfen auch nicht viel. Es gab nur Lärm, *Widerrede, Unzufriedenheit, Flüche, Tranen und es zog Rebb Chajem Haß, Wut und Herzeleid zu. Aber die Sacke hielt sich doch noch halbwegs, da man vor Rebb Chaiem Respekt hatte. Aher als es sich nach einer Weile herausstellte, daß er seine Pachtrate nicht mehr zahlte, die Kaution verloren und auch noch fremdes Geld emgebußt hatte, da öffnete freches Volk in der Stadt, das ihn haßte, den Mund und schrie unj schimpfte sehr laut. Rebb Chajem mit seinem scharfen Verstände hätte sich noch nicht verloren gegeben, hätte alle möglichen \Vege gesucht, um aus der Klemme herauszukommen und die schlechten Zeiten zu überstellen. Aber so klug er war, so stolz war er auch und konnte das Gerede der Leute nicht ertragen• AVie, diese Menschlein, die früher vor seinem Blick gezittert, die nicht das Glück gehabt hatten, mit ihm auch nur au sprechen, die wollten jetzt die Stirne haben, den Mund gegen ihn aufzutun! Nein, cs war unmöglich, das zu ertragen! Er nahm sich'• sehr zu Fierzen, büßte seine Gesundheit und zusammen damit seinen Mut ein. Außerdem hatte Rebb Chajem noch eine innere Wunde, die ihm viel Schmerz bereitete. Das war seine Tochter Leie. Leje war sehr begabt, sie war tüchtig und klug und batte einen festen Charakter. Nach der Mutter war sie die Lcnkerln und Leiterin im Hause und alle gehorchten ihr. Rebb Chajem hatte sie gut verheiratet, wie es sich ihm ziemte. Der Mann war aus einer guten Familie von auswärts, und er hatte sie zu Kest bei sich. Der junge Mann war ein recht feiner Mensch, führte ein ordentliches Leben und war bei jedermann im Hause beliebt. Rebb Chajem widmete täglich einige Stunden, um mit ihm und einigen andern Schwiegersöhnen aus Burgerhausern Thora zu lernen. Darunter befanden sieb we lebe aus großem Städten, was in ihrer Kleid ung und ihrem Gebali rca zu erkennen war. Diese Gesellschaft hielt sich zusammen und führte sich so merkwürdig auf, daß man sie in der Stadt scheel ansah und munkelte, sie waren ein wenig ,neumodisch« Was man damals in Armleuten unter neumodisch verstand, würde heute sogar den .Altmodischen" alt und verschimmelt erscheinen. Aber wie dem auch sei, jedenfalls wurde gemunkelt. Daraus entstanden Redereien und Intrigen und Zank zwischen Schwiegervätern und Schwiegersöhnen, sowie zwischen Männern und Frauen, bis die Gesellschaft auseinanderfiel. Auch zwischen Rebb Chajem und seinem Eidam bildete sich allmählich eine Verstimmung und Spannung heraus. Für die anderen aber hieß es: Leje hat mit ihrem Mann zu tun. Die Eheleute leben nicht im Fried en miteinander. E« kam so weit, daß man den jungen Mann wieder zu seinen Eltern schickte und daß Leje noch im selben Winter den Schcidebrief nahm. Leje mit ihrem festen Charakter schien es ruhig zu ertragen. Aber Rebb Chajem fühlte, daß in ihrem Innern eine Wunde war, daß ihr Herz schwer litt. Ihr Weh ließ ihn nicht rubn und brach ihm das Herz, da er an der Tochter schuldig zu sein glaubte und sie innig liebte. Hätte Leje nur ein Wort gesagt und geklagt, dann hätte er sich auch vom Herzen gesprochen, er hätte sic liebreich getröstet und es wäre ihm vielleicht leichter zu Mute geworden. Aber Leje schwieg — und dieses Schweigen war ihm zur Qual. Lej’e batte große Ehrfurcht vor ihm, sie wäre für ihn durch Feuer und durch Wasser gegangen, sie blickte mit Liebe zu ihm auf — und eben das war der Stachel in seiner Wunde..., Rebb Chajem sah vor Leid sehr schlecht aus. Frau und Kindern wollte das Herz brechen, wenn sie ihn ansahen. Sie fühlten, daß ihr einziger Halt wankte, daß bloß noch ein paak Wogen des Leidozeans zu kommen brauchten, um ihn umzustürzen und daß sie dann alle in den tiefen Abgrund stürzen würden. Sehr schwer war dieser Winter für Rebb Chajem, sehr, »ehr schwer, (Fortsetxung felgt.) Pierem: Purimfest, an dem Komödien aufgeführt werden. —׳ Schatnesi Wolle und Leinen dürfen nicht xulammen getragen werden, — Badchen: I Iochxeitsepaliraacher, — Rasehi: D. 11. so wie der berühmte Bibel• und Telmudtrklärer des Mittelalters Einwände und Schwierigkeiten schon vorwegnahm, 10 ist ci euch hier geschehen.

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