Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1924)
- Date
- 1924-03-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 102 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr 23 Auf der Konferenz wurde bekanntlich eine Kominissiori eingesetzt, die sich mit der Frage der Jewish Agency befassen soll. Man gebe sich keinen falschen Hoffnungen hin. Cs wird noch viel Zeit verstreichen, bis endgültige Resultate nufzuweiseu sein werden. Man darf auch nicht vergessen, daß die Agency eine die Judeiiheite» der verschiedenen Länder umfassende Insti* tirlion ist; man muß sich erst mit den anderen Landern in Verbindung setzen, Besprechungen und Konferenzen müssen noch abgehalten werden, usw. Die Sache geht nicht so schnell vorwärts, wie manche denken. Aber schon jetzt bestellt der große Gewinn darin, daß infolge dieser Kon feien/ die Keren Hnjessod-Ergebnisse in Amerika höher sein werden und daß in Amerika der Eindruck geschaffen wird, daß das Judentum in der Sache des Palä.stiiiaaufhaus geeinigt dastellt. Der Durchschnittsjudc sehnt sich ja immer nach einer Einheits* front, vielleicht auch deshalb, weil nach der Tradition der Messias nicht eher kommen kann, bis die Juden vereinigt sind. Vieles wird sicli mit der Zeit noch klären. Alles hängt von dem Takt, der Bereitwilligkeit, der schonen Geste, dem Großmut der Zionisten ab. Auch wir Zionisten müssen Vertrauen haben, Vertrauen zu unserer Sache, Vertrauen auf den kommenden Sieg. Das von I)r. Weizmann in Amerika Geleistete trägt historischen Charakter. Wir alle müssen den Umstand preisen, daß einer der Unseren, der von unten, vom einfachen Soldaten aufslieg, so das Zutrauen nicht nur der großen Massen, sondern auch der Nichtzionistcn, ja sogar der Antizionisten zu gewinnen gewußt hat. Unter den vielen Wundern des Zionismus der letzten Jahre ist auch dieses eines und nicht das geringste. Diese prominenten Leute haben zu Dr. Weizmann das vollste Zutrauen, obwohl oder vielleicht gerade, weil er bei jeder Gelegenheit unterstreicht, daß er an der Zionistischen Organisation festhält und stets die Fahne des Nationaüsmus hochtragt. Was nun das Finanzinstitut, die Investment Corporation, betrifft, so wird diese wahrscheinlich viel früher zur Verwirklichung gelangen als die Agency. Schon seit langem ist der Mangel eines Finanzinstitutes fühlbar, das palästinensische Wertpapiere, wie Pfandbriefe, Bankaktien, Bonds usw. aufnehmen könnte. Käufer solcher Wertpapiere gibt es in Amerika viele. Aber im Gegensatz zu England pflegt der Amerikaner nur Wertpapierc zu erstellen, die von amerikanischen Banken oder amerikanischen Industriellen emittiert oder placiert werden. Das geplante Finanzinstitut soll nun ein Kapital von ‘1 -5 Millionen Dollar sammeln und ein aus kapilaikräftigen Leuten sich zusammensetzendes Direktorium bestimmen, das in der Finanzwclt eine führende Rolle spielt, so daß es den von ihnen empfohlenen pal'istinensischcn Papieren in Amerika Absatz zu schaffen in der Lage ist. Bei richtiger Gründung dieses Finanzinstilutes wird ein anhaltender Zufluß von Kapital nach Palästina vor sich geilen. Unsere Hypothekenbank wird dann größere Operationen vornehmen können; Konzess׳ioüsiuhabcr in Palästina werden ihre Anteilscheine absetzen können; ja für alle Investierungen in Palästina werden Gelder aufzubringen sein, nicht durch nationale Fonds, .sondern von Privatleuten, die sich von rein geschäftliehcn Motiven werden leiten lassen. An dieser Investment Corporation wird sich der Joint mit einem gewissen Kapital beteiligen; Samuel Untermyer beteiligt sieh privat mit 50 000 Dollar; bestimmte Gruppen in Detroit, in Boston und in Philadelphia stellen bereits Kapital zur Verfügung. Auch die sogenannte Benderly- Gruppe, die Zusagen in Höhe von anderthalb Millionen Dollar nufzuweiseu hat, wird sich an diesem neuen Filianzinstitut beteiligen. Wahrscheinlich, wenn auch noch nicht ganz sicher, ist auch die Beteiligung des Pakstine Development Councils (der Brandeis-Gruppc). Andere größere Gesellschaften werden nicht fehlen. So wird erreicht werden, daß ein weiteres Publikum nicht von allen Seiten um Geld für Palästina angegangen wird und daß das bisherige Chaos aufhört. Es werden dann nur der große nationale Fonds, der Keren Hajessod einerseits, unti die Investment Corporation andererseits bleiben, die alle großen privaten und öffentlichen Unternchimmgcn fördern sollen. Ich will in keinen Optimismus verfallen; teilen wir amerikanischen Juden doch, wenn auch schuldlos, das Schicksal Amerikas, das als Land des Bluffs bezeichnet zu werden pflegt. Aber bei aller Ueberleglheit und Vorsicht kann man mit Recht jenen Tag als rot angestiichen in der Geschichte des Zionismus in Amerika bezeichnen. Aber auch ich, der ich sehr viel davon erwarte, muß vor dem Glauben warnen, daß die Sache so schnell wie wir cs wünschen, zur Durchführung gelangen wird. Wir müssen bedenken, daß wir cs hier nicht mit Zionisten zu tun haben, denen der Zionismus alles ist, sondern mit Leuten, die sich erst jetzt uns nnscliließcn, die sich auch mit zahlreichen anderen Geschäften befassen und auch auf vielen anderen jüdischen Gebieten tätig sind. Wir kamen mit unserem Zionismus und trieben einen Keil in die nichtzionistische Masse ein. Dieser Keil wird mit der Zeit die Bresche erweitern, ja vielleicht wird dann der Zionismus auch den Hauptplatz einnehmen. Aber dies alles ist ein langwieriger Prozeß, bei dem wir allerdings nichts zu verlieren haben, sondern vieles zu gewinnen. Einen Tag nach der Konferenz habe ich mich nach London zur A. -C. -S it zu n g begeben. Wie ich gestellen muß, mit etwas [»ebendem He'zen. Wir amenkanischcn A,-C,-Mitglieder haben in den Zeitungen so viel von der sogenannten Opposition gelesen. Auch die Solowcitschik-Affäre hat Staub au'gewirbelt. Wir dachten also, daß wir mit den Andersgesinnten Schwierigkeiten haben werden. Aber ein Wort aus aufrichtigem Herzen tut oft Wunder, Wir saßen alle in kleineren Kommissioiien zusammen und haben uns gegenseitig verstaudigt, obwohl im Plenum selbst auch Schlachter! geschlagen worden sind. Ist cs ja zuguterletzt doch einem jeden Zionisten klar, daß wir auch andere Kräfte heranziehen müssen mul daß wir Zionisten selbst augenblicklich nicht imstande sind, die große Sache des Pakistina-Aufbaus allein zu machen. Vielleicht wäre dies möglich, wenn wir warten könnten. Aber das können wir nicht. Somit beziehen sich alle Differenzen nur auf die Methode. Die zionistischen Eiferer verdächtigen die anderen Zionisten, die für andere Methoden als sic sind, daß sie gewillt seien, die Zionistische Organisation den Nichtzionisten nnszuliefern. Daß dies durchaus falsch ist, braucht wohl nicht besonders betont zu werden. Es gibt keinen Zionisten, der das einzig Sichere, das wir haben, mit leichtem Herzen anderen ausliefcrn möchte. B.Z.V. Grappa VJest - CSinriotScnburg ״SiO!!!13 & Emsa K&ssriw Deferent: Georg Bernhard Großer Saat dor Loge Joactiiniitli&leratraßa 18 Montn״,!loa Dl. Mürz Beginn! 8’/, Uhr Nach unseren Besprechungen ist cs auch den Eiferern klar geworden, daß auch die Verdächtigten ebenso eifrig für die Zionistische Organisation cintrcten wie sie selber und daß alles bloß eine Frage der Strategie und Taktik ist. Bei alledem pflegt auch, wenn man von der Heranzieluing der Nichtzionistcn spricht, übersehen zu werden, daß die amerikanischen niclitzion'stischcn Juden keineswegs mit den Assimilantcn in anderen Ländern, z. B. in Polen, verwechselt werden dürfen. Diese atnerikanisehen Nichtzionistcn sind, wie bereits oben erwähnt, von gttnz anderer Art und ganz anderem Charakter. Ich glaube, daß cs uns gelungen Ist, unsere Gegner dar* über nufzuklären. Wir haben einstimmig eine Resolution gefaßt. Viel zum Einverständnis beigelragen haben die palästinensischen Vertreter. Die Warnungen aus Palästina, daß wir nicht warten können, und die Scliildcrun• gen der dortigen Lage haben den Gang der Tagung bccinflußt. Die Palästinenser kann mau keineswegs der Kompromißsucht bezichtigen. Aber sie lassen sich von den Tatsachen beeinflussen und stehen mit beiden Füßen auf dem Boden der Wirklichkeit. Sic haben durch ihre Reden mitbewirkt, daß die Verhandlungen Auf die Real!- täten abgestcllt wurden, und so viel zur Verständigung bcigctraqen. Auf der ganzen Linie einig waren während der Tagung die amerikanischen und deutschen Zionisten. Es ist meine Ueberzeugung, daß die Resolution, die als Kompromififormet natürlich nicht so Ist, wie wir Ameri* knncr sie uns gewünscht haben, doch im Sinne des amerikanischen Standpunktes gefaßt ist und uns die Möglichkeit bietet, die Sache der Jewish Agency weiter zu verfolgen. Es sind brüderliche Beziehungen geschaffen worden zwischen der Opposition und unserer Oruppe, indem mit vielen Mißverständnissen aufgeräumt worden ist, so daß wir uns für die Zukunft viel leichter eine Verständigung versprechen dürfen. Die Sitzung des A.-C. bildet eine Ucberraschung nicht so sehr für uns als für die außenstehende Opposition. Diese erwartete, daß ihre Freunde im A.-C. die Gegensätze verschärfen würden, aber das Ergebnis war, daß die Gegensätze durchaus gemildert wurden. Das Zutrauen zu uns Amerikanern wurde gestärkt auch durch die Entwicklung, die die zionistische Jjewegun g in Amerika in letzter Zeit genommen hat. Selbstverständlich ist die zionistische Bewegung in Amerika als solche viel stärker als man aus der Zahl der organisierten Zionisten schließen kann. Das muß auch so sein. Haben wir ja in den letzten zwei Jahren nicht geringe Sünden an der Organisation begangen, da wir allzusehr mit dein Keren Hajessod, diesem Kriegskitid, beschäftigt gewesen sind. Der Keren Hajessod, der eine der Ursachen des Kampfes der Brandeis-Gruppc war, ist nun zum allgemein anerkannten Palästina-Fonds der amerikanischen Jtidcnhcit geworden. Jetzt konnten wir wieder an den Aufhau der Zionistischen Organisalion denken. Wir werden in diesem Jahr wahrscheinlich auf über 50 000 organisierte Zionisten liinwcisen können, von denen jeder einen Jahresbeitrag von 6 Dollar entrichten und Abonnent ,von mindestens einer der zionistisclicn Zeitungen in Amerika sein muß. Wenn wir bloß Sehekclzahler wollten, so könnten wir deren Hunderttnusenile haben, aber cs war und Ist bei uns nicht Sitte, sich mit bloßem Sclickdvcrkauf zu befassen. Wir haben stets das Hauptgewicht auf den organisierten Zionisten gelegt und so in jedem Jahre neue Rekruten geworben. Man kann ruhig prophezeien, daß in Amerika mit der Zeit, bis auf geringe Ausnahmen, jeder Keren Hajessodzahler in die Zionistische Organisation cintrcten wird. Ais Beweis sei nur erwähnt, daß, als zur letzten Convention in Baltimore Vertreter der Keren Hajessod- Gruppen zugclassen wurden, sich 150 Vertreter desK. H. angemcldct haben. Dies allein beweist zur Oenüge, daß der Geist des Keren Hajessod in Amerika nicht neutral, sondern stark prozionistisch ist. Wir dürfen somit hoffen, in Amerika mit der Zeit eine Zionistische Organisation zu schaffen, die den größten an sic gestellten Aufgaben gewachsen sein wird. Es ist dies um so notwendiger, als ja bei der Arbeit für Palästina auch unter der besten Konstellation die Zionisten stets die Avantgarde bilden 1 müssen und bilden werden. Palllstlaauns! Galutiißroflramm des Zionismus Von Dr. Rudolf Samuel. Wir müssen endlich vor» elbischen Aßgemeinheiten zu ökonomischen Bestimmtheiten gelangen. KauHky. Der ״Maximalisinus" ist (vgl. den Artikel von Nahm« Ooldmaiin, ״J. R." Nr. 17) der Zionismus, der neuen der Pnl'istinakoloiiisnllcn die Oahithnihcit als ebenbürtig aner« kennt. Nun, wir wollen Goldmann weit entgegenkommen. Auch wir glauben, dal! der Zionismus nicht um des Landes Palästina, sondern um der Rettung des jüdischen Volkes willen da ist. Auch wir wissen, dal! der üebu.tcnjberschui! des jüdischen Volkes die Iminigrationsziffcr übersteigt und aut Jahre hinaus übersteigen wird. Auch wir *int tn der Lage, das eintachc Reriintcxempel anzusteiien, au» dem hervor• gclit. dal) daher schon allein aus diesem einen Grunde die Majorität des jüdischen Volkes jedenfalls nicht in l’alästina leben wird. Auch wir glauben, dal! der ״größere Zionismus‘׳ (um mit Hugo Bergmann zu sprechen) die Sorge für die außerhalb Palästinas lebenden Teile des jüdischen Volkskörpers in sein erwähntes Programm wird autnehmen müssen — wenigstens, wenn er erwartet. Interesse, Opfer• ficudigkeit und Leidenschaft des gantet» Volkes unter seine Fahne zu »ammein. Und trotzdem behaupten wir, dal! che Qalutharbclt, wie sie bisher getan wurde, in keiner Hinsicht beanspruchen kann, mit der Palästina-Kolonisation auch nur verglichen zu werden. Um diese Behauptung zu belegen, genügt es allerdings nicht, sich in der Sphäre der reinen und abstrakten Politik zu bewegen, sondern wir müssen uns auch ein wenig mit der ökonomischen Fundierung unserer Haiti.hpo.itik beschältigen. Politik ohne Oiio-nuiiic ist nun einmal eine Rechnung, die die wichtigsten Faktoren nicht berücksichtigt. I>ie Frage, die cs zu lösen gilt, ist offenbar diese: Solche Lebensformen für die im Galuili verbleibenden Teile des!üdischcn Volkes zu finden und aufzubaucn, die sic vor nationalem Untergang und Vernichtung schützen. Diese Frage ist nicht nur für die Juden akut, sondern ist die Lebenstrage jeder nationalen Minorität. Untersuchungen, die in bezug auf das jüdische ebenso wie auf andere Völker gemacht worden sind, haben ganz bestimmte Ergebnisse gezeitigt. Besonders sozialistische Forscher (wie die wiener Neomarxiden) haben hier manches aufgeklärt. Wir wollen das Ergebnis dieser Fotschungci» an zwei Beispielen zu entwickeln versuchen. Die Juden Westeuropas z. B. haben jaliilurn ferfefang m einer fremdnaticnalcn Umgebung ge'cbt und haben ihr Volkstum trotz aller Bedrückung lebensfähig erhalten. Von einer bestimmten historischen Epoche an beginnt ein rapider Prozeß der Artvernichtung, der in wenigen Jahrzehnten zum nationalen Tode führt (das jüdische Leben Westeuropas wurde ja lange Zeit hindurcl» fast ausschließlich durch frischen Zu ström aus dem Osten vorgetäuscht). Analysiert man diese Erscheinung, so iindet man, daß das Judentum »n der assimilation»freien Periode einen in sielt geschlossenen kulturellen Kreis darstellte, mit eigener Sprache, eigener Sitte, eigenem Recht und Oeright, eigenen kulturellen Lebensformen, die eine Berührung mit der fremdnaticnalcn Umwelt fast verhinderten, jedenfalls aut ein Minimum reduzierten. In der Assimilation*• Periode dagegen finden wir infolge des sich immer mehr verringernden Einflusses der Tradition eine immer weiter gcficndc Aiiglcicliung der kulturellen Lebensformen der Juden an die der Niditjudcn. Es wäre nun aber völlig abwegig, nt sagen, die Ursache der Assimi ation sei das Schwinden des Einflusses der Tradition. Sondern die Frage ist ja gerade die: Warum war es von einer bestimmten Epoche an nicht mehr möglich, wie bisher diesen m sich geschlossenen, vor der Assimila'ion schützenden Kreis eigener Kultur aufrecht zu erhalten? Die Antwort ist folgende: In der ersten Periode wurde die Wirtschaft nicht von Einreinen, sondern von Gruppen geübt. Iber wirtschaftliche Verkehr vollzog siel» zum weitaus größten Teile innerhalb dieser Gruppen, mit den in» Produktionsprozeß benacbbarten verkehrte im allgemeinen nicht der Einzelne, sondern die Gruppe als Ocsamtheit. Eine, wenn auch die verachtctste, dieser Gruppen, die ״Zunft der Zunftlosen‘‘, waren die Juden. Im völligen Gegensatz hierzu steht die Wirtschaft der Assimilatinnsperiode. Der 1 lochkapita Emus hat al'e diese Gruppen, auf denen sich vorher das europäische Wirtschaftsleben aufbaute, von innen her gesprengt. In der modernen Verkehrs- Wirtschaft ist das wirtschaftliche Subjekt nicht mehr ein Kollcktivum, sondern das Individuum. Für den Einzelnen sind damit die Reihungsflächen aufs äußerste potenziert, und es ist begreiflich, anß das kulturelle Eigenleben irgendwelcher Gruppen damit bis zum völligen Vcrschwit» 'en geschwächt wurde. Auch die Wirtschaftsgruppe der Juden (die bis dahin die lediglich mit Geld und gebrauchten Gegenständen handelnden Menschen umfaßte), wurde gesprengt, d!c J 1k!eil ihrer wirtschaftlichen Isolierung entrissen und über das ganze Gebiet der Wirtschaft zerstreut. Die Auflösung der In sich geschlossenen Wirtschaftseinheit ist die direkte Ursache für die Auflösung der in sich geschlossenen kulturellen Einheit und somit die Ursache für den Beginn der Assim i 1 a 11 on spe rIod e. Als Gegenbeispiel könnten etwa jene dcntsrhc Bauerndörfer in Siebenbürgen dienen, di״ mitten 111 einer trcnidiiationa'cn Umwelt den nationalen Charakter ihres Volkstums bis auf den heutigen Tag treu bewahrt haben. Bei diesen in weitgehender Autarkie lebenden Gemeinden ist ein in sich geschlossener Wirtschattskreis vorhanden und dieser ermöglicht die Aufrechte rhaltung eines eigenen Kulturkreiscs, der wiederum gegen die Assimilation schützt. Aus diesen beiden Beispielen können wir das Ergebnis ahferen: Eine nationale Minorität kann nur dann vor der Auflüsung in der frcmdnationalen Mehrheit auf die Dauer geschützt werden, wem» cs gelingt, einen in sie!» geschlossenen Kreis eigener Kultur, eine Schutz- und Scheidewand zu errichten. Dies »st aber nur dort möglich, wo die ökonomische Voraus- Setzung, eine in sich geschlossene Wirtschaftseinheit, vorhanden ist. Nachdem wir so die undankbare Aufgabe, die uns Sorinlisten so häufig zutällt, wieder durchgctidirt und an das Vorhandenseil» der Ockonomic mit ihren Gesetzen erinnert haben, wird der Unterschied zwischen Palästina-Kolonisation und der Oaiuiharheit, wie sie bisher gemacht wurde, offenbar. Er ist prinzipieller Natur. Das, was wir heute Galutliarbcit nennen, ist als solche grundsätz'icl» gar nicht anzuerkennen. Das Judentum Osteuropas bildet keine in sich geschlossene Wirtschaftseinheit. Der einzelne Jude steht mitten in der fremdnationalen Wirtschaft. Deren harte Not- Wendigkeit wird den heute noch vorhandenen Kreis eigener Kultur vernichten״ In dem Maße, In dem die osteuropäische Wirtschaft zur modernen hochkapitalistischen Verkehrswirt• schaff heranwächst, wird auch der As-iml a ionsproze'! immer Intensiver w׳crden. Er mag infolge der größeren Maßstäbe längere Zeit m Anspruch nehmet», aber endlich wird er sein Werk vollenden. Das Ostjudentum trägt schon heute den Todeskeim in der Brust. Und die erstaun'iehen und erschreckenden Nachrichten, die sich in den» letzten Jahrzehnt häuften, zeigen, daß dieser Prozeß schon eingesetzt hat und durch den Krieg beschleunigt wurde. Wen heiße Liebe zu unserem Volke verführt, der mag immerhin glauben, dal! das jüdische Volk eine Ausnahme machen wird. Er mag sagen, daß die Existenz eines geistigen