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Jüdische Rundschau · 1924-03-18 · Heft 22 (18.3.1924) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIX (1924)
Issue
Heft 22 (18.3.1924)
Date
1924-03-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 154 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr, 22! offenbar nicht «Sen engsten Zusammenhang zwischen den pol!- tischen r,rt«11/,(־tt,lUrtftat der zionistischen Bewegung und ihrer wil'tscliaitlidicn B.isl» in Palästina; sie versteht nullt, daß jedes Volk, wenn cs für seine Freiheit tu den Kampf *lebt, Irgendeine Waffe zu seiner Verfügung haben muß, und daß die gcsdiiehtlirhcn Umstände die Verschiedenheit dieser!Waffen hei verschied,* *neu Völkern in verschiedenen Zeilen bestimmen. Diese Waffel! sind gewöhnlich auf politischem Oebiete *Irr p.irlamentarhsche verfassungsmäßige Kumpf ©der der bewaffnete Aufstand. Der jüdische!•'re.hcifskampf verläuft *beritt ganz eilten,artigen Veihältnissen, die «len Gebrauch der gcwi.Iinlkhen Waffen unmöglich machen. Da?» jüdische Volk wohnt zerstreut in ollen Ländern, mir nicht in reinem lande; cs ist deshalb der einfachsten tind leichtesten Kampfes• atten beraubt, ist nicht in der Lage, durch rein politische, konzentrierte Aktionen, sei es parlamentarischer, sei es außer• parlamentarischer Art, »auf diejenigen, von welchen sein Schickaal *bliiingt, einzuwirkcu, Noch mehr, er, gibt niemanden, von «Icm «las Schicksal des jüdischen Volkes abhängf, »auch nicht in dem etwas oberflächlichen Sinne, daß in seinem Lande fremde Herren sitzen, die es seiner Rechte berauben, In Palästina gibt es keinen Unterdrücker des jüdischen Volkes in dem Sinne, wie es in Oesterreich, In Italien, In der Türkei, md «teilt l’.dkiiu war. Man kann noch so unzufrieden mit Samuel um) Churchill sein, inan kann aber nicht behaupten, daß England uu׳.cr Feind «der Unterdrücker wäre. Manche Maßregeln einzelner englischer Staatsmänner kann man als ungünstig für uns auschen und sie bekämpfen — von einem anticnglischen Kampfe oder direkt von einem Aufstande kann jedoch keine Rede sein. Ebenso wird kein Zionist, ganz 11n• abhängig von seiner Einstellung dem arabischen Problem gegenüber, behaupten können, daß die Araber Palästina f;e• walltätig in ihrem besitze halten oder die Juden unterdrücken. Diese zwei Umstände: die Zerstreutheit des jüdischen Volkes \1ml die Abwesenheit eines Gegners, eines Unterdrückers — machen die gewöhnlichen Kampfesmethoden für uns unbraueh• bar, Andererseits können wir nicht eine politische Wirkung ausüben, wenn wir vollständig unbewaffnet sind. Wir müssen Waffen besitzen und wir haben sie heute, und wahrscheinlich «och auf Jahrzehnte hinaus, einzig und allein ln der Kolon!• sation Palästinas, Man braucht sich nur der entscheidenden Bcdciitim׳», die die jüdischen Kolonien In Palästina für die zionistischen Forderungen ln London und Paris gehabt haben, zu erinnern; man braucht nur die Schwere des arabischen Problems zu bedenken, das eigentlich nur darin besteht, daß eine halbe Million Araber in Palästina lebt, ohne daß diese Araber bis jetzt sieh als zu besonderen kulturellen und ziviltsatorischen Leistungen fähig erwiesen haben, um die Bcdcu* tung der jüdischen Kolonisation in Palästina gerade als poli• tische Wulfe zu ermessen. Diejenige Richtung folglich, die In Konzentrierung der zionistischen Arbeit auf den Palästina• Aufbau die Aufgabe der Zeit sicht, verzichtet damit noch keinesfalls auf politische Aktion; sie ist nur bestrebt, in richtiger Erkenntnis der Kräfteverhältnisse, eine wirklich reale Basis dieser Aktion zu schaffen, unsere heute einzig mögliche polifische Waffe zu schmieden. Die Palästina-Kolonisation ist unsere parlamentarische Wahl, sic Ist unser bewaffneter Aufsfand, Andererseits ist aber auch «Jof nationale und der moralische Wert des P.'ilüsihin-Aufbmis nicht hoch genug ehmischiitzcn, und deshalb hat er in unseren Augen eine Bedeutung, die ,weit über diejenige der politischen Waffe hinausgeht. Diese ״kleinen Sachen", diese Kwisch-Arbeiten und diese Bildung von Kwitzoth, dieser Gebäudcbau und diese Urbarmachung von Fehlern bedeuten in Wirklichkeit gerade diejenige national« Und sittliche Renaissance des jüdischen Volkes, die letzten Endes doch das Ziel aller unserer politischen Bestrebungen ist. Wer nicht zu ermessen versteht, welche sittliche Kraft und welche konzentrierte nationale Leidenschaft in diesen Kwischim (deckt, der wird die zionistische Bewegung überhaupt nie ver* *tehen. Die Entwicklung in Palästina vor allem nach den Kriegsjahren ist eine fast überraschende Bestätigung der Theo• rien der Vorkriegszeit über das ״geistige Zentrum" des jü« dischcn Volkes. Es soll damit nicht gesagt werden, daß Pa• lästina jetzt schon tntsäch'kh einen bedeutenden f inlluß auf «'io Diaspora ausübt (obwohl auch das zu einem guten Teile wahr ist) und daß dort alles in glänzendem Zustande ist; geistig, sittlich, technisch kt dort wahrscheinlich noch ebenso ungeheuer viel zu tun wie ln der Diaspora. Eins ist aber sicher: die jüdische Entwicklung in Palästina hat prinzipiell andere!Mimen ala in der Diaspora eingeschlagen und ist in hohem Mafle geeignet, wirklich, wie die Zionisten sich immer vorger.tellt haben, eine revolutionierende Wirkung auf die Diaspora aiiszuüben. Aber unter einer Bedingung: daß diese «och schwachen Knospen des neuen Lebens nicht Unter de nt Unermeßlichen Drucke, der heute *ul ihnen lastet, verwelken, ehe sie die Blumen und die Früchte, die sie Heute versprechen, gegeben hohen. Ein anderer Teil der Opposition anerkennt die Abhängig• keit der politischen Aktion vom Palästina-Aufbau und auch die sittliche Kraft dca neuen palästinensischen Lebens; gerade aber diese sittliche Kraft «dienst ihm durch ״Canossagäugc" zu der kapitalkräftigen, über in ihrer Haltung unsicheren nicht• zionistischen Judenheit bedroht zu sein. Nun Ist es grund• falsch, die neue ״synthetische" Richtung als einen wiedererstandenen ״Drandeisisnn»" auszugeben. Was 81c vor allem erstrebt, ist nicht die bedingungslose Heranziehung der ״tcichen Juden"; ihr .Sinn ist es, das wahre, das einzige Problem des heutigen geschichtlichen Augenblicke* mit möglichster Deutlichkcit und Klarheit vor alle Juden zu stellen. Denn stellen wir uns nur die Lage genau vor: die politische Wirkung dcß Zionismus ist seit einigen Jahren *händig im Abnehmcu begriffen; auch die Zionistische Organisation Ist in ihrem organisatorischen Bau tief erschüttert und kann sich von ewigen Krisen nicht erholen; die Krise reicht weit über die Grenzen der Wirtschaft und der Organisation, Ws tief in* Geistige hinein; «udi in unserer Burg, im palästinensischen jitchuw, iind Anzeichen der Verzagtheit fesizurteilen (Au*• Wanderung, die vielleicht mehr durch psychologische als durdi ■wirtschaftliche Motive zu erklären ist); der Einfluß des zlo• «Istischen Gedankens hat nicht ausgereicht, um das jüdische!Volk zu maximalen Opfern anzuspornen; man verliert eine politische Position nach der anderen, und man muß blind rein, um den Zusammenhang zwisdien dieser Schwächung der politischen Kraft und den Mangel der wirtschaftlichen Leistung (üu November;023: 561 Einwanderer, im Dezember 383 :1023 ־) nicht zu sc Den: andererseits geh( das nationale Efwachen des uns 1::äic,1 Orients viel schneller als man noch ' vor ein paa. Jahren annehmen konnte, und es ist kaum zu bezweifeln, daß *ich, wenn wir nicht imstande sein werden, , buchstäblich im Laufe der nächsten Jahr« in Palästina lösten Fuß zu!יה,een, dort eine neue, heute gar tililit absehbare, «Pier sicherlich ungeheuer schwielige und vielleicht wirklich!licht mehr zu lösende fiin.iiion ergeben wird. Itt dieser Lage, die, wenn man keinen Widerwillen gegen starke Aus• drücke hätte, direkt .als tragisch zu bezeichnen wäre, hat der Zionismus die Pflicht, mit offenen Augen «Ile Wirklichkeit zu .!die!!, Wir haben zu früh Frieden gefeiert; wir sind noch Im Kriegszustände, wir werden noch jahrzehntelang im Krieg*• zustande bleiben. Deshalb heißt es, all« Kräfte aiuuspnmicn, überall Verstärkungen zu suchen; deshalb hat jeder die Pflicht, den Juden die Schwere der Lage offen ausclnanderzusctzcn und ihnen, ohne sich hinter das Weißbuch Churchills oder die ״Schwächen" von Rauiud, oder das ״persönliche Regime" von Wdzmann oder auch die ״Qmossag,tilge" zu verschanzen, r?־--־™ ~“ -———----— ■-- Ortsarupacrti 4 v.» « * «*ו»«***' י «a>y tu! Uib*nr#i״b o I o f l tÜ• lör dU«a• QutrUl fällig• ״? דן די~ו*-*•*, r* ׳ ד׳ו י־־־—v »י-־! י״״ו-*״־׳׳ י*׳ ■ *״״״־ •יי ־ ׳״ .«י ן1, d äkih UmJ kdd ^‘^di Ltt äw t N f“*,/ «-־! י״ין - j L i I'oiUolv* ״kko nto U•r! In •091, ZletUllaük« 1(1• Bnbektui. zu sagen: ״Euer Haus ist noch nicht fertig, es Ist noch hei seinen schwächsten Anfängen; jeder Windstoß kann es tun- *Hirzen; eilet »alle, die nur irgendwie können, e* ztl stützen, und erinnert euch, daß, wenn das l laus einstürzt, die Schuld «111 eure Häupter fallen wird," Dieses und nicht« anderes *aßt die neue Richtung, und ihre Forderung nach maximaler Kraftanstrengung ergeht nicht mir an die ״reichen Juden", sondern «o alle und an die Zionisten selbstverständlich ln erster Reihe. Wer hingegen von Churchill und Samuel, von Wcizmann und ״Canossagängen" spricht, der lenkt den jüdischen Willen, der heute hart, ernst, konzentriert und diszipliniert *ein muß wie kaum jemals, auf falsche «Hier jedenfalls nebensächliche Bahnen ab. Trotzdem Ist anzuerkennen, daß ln der Befürchtung vof einem ״Canossa" eine gewisse Berechtigung stecken kann. Es wird nämlich befürrhtet, daß der geistige Inhalt unserer Bewegung durch den Prozeß der Anziehung der Elemente, die diesem Inhalte fremd sind, und später durch die Petcili• gung dieser Elemente .ווו der palästinensischen Arbeit verzerrt werden kann. Es wird deshalb Protest dagegen erhoben, daß die Bewegung angeblich ihres geistig-nationalen Charakters beraubt werde, Und cs wird dagegen empfohlen, die geistige Arbeit zu Intensivieren. Zu dieser letzten Empfehlung bst noch• mals zu bemerken, wie «las schon mehrmals geschehen ist, daß jede geistige Produktivität, um wirklich lebendig z.u sein, ihrer Konkretisierung bedarf; daß cs Unnütz und manchmal sogar schädlich Ist, neue geistige Einstellungen den jüdischen Problemen gegenüber, neue Formulierungen und neue Fuudlo* rungen miszmlenkcn, wenn man keine Möglichkeit der praktischen Betätigt»!״ hat und infolgedessen nach dieser Möglich• keit sich immer weniger sehnt. Die Bewegung Ist wirklich eine geistige, wenn sie sich in ihren Taten vom Geiste leiten laßt; die Bewegung Ist aber mir zum Scheine eine geistige, in Wirklichkeit jedoch itnlebendlg und steril, wenn sic vor Taten zurückscheut — dann Ist sic unheilbar dazu verurteilt, hi schlimmste Phraseologie auszuarten. Der Zionismus bc* darf in hohem Maße der Aktivierung, aber nicht einer neuen Durcligeisilgtmg, deren Ausartungen teilweise an der heutigen Krise verantwortlich sind. Aus der Aktivierung wird ein neuer Geist entstehen, wird die Gesundung der zionistischen Bewegung kommen. Synthetischer Zionismus und hebräische Bewegung vor dem Kriege, Clialuziuth und Dr. Wcizmann* Tätigkeit nach dem Kriege, trotz der Mannigfaltigkeit der Formen und den Unterschieden ihrer Bedeutung, sind alles wesensverwandte Erscheinungen, die, «ns dem Bedürfnis nach geistiger Tat entstanden, «Ile zionistische Bewegung getragen haben und heute noch tragen, Der Beweis ist noch zu erbringen, daß die Absage an die geistig-nationalen Inhalte der Bewegung wirklich erfolgt, das heißt, daß der Versuch, die neuen Kräfte für den Aufbau zu gewinnen, wirklich einen ״Cauossagang" und eine Anpassung an die dem Zionismus feindliche Mentalität darstcjlt. Wenn man aber sogar die Richtigkeit dieser Beschuldigung aunimmt und als unvermeidlich vornusset/t, daß die Beleih• gung der ״kapitalkräftigen" Juden eine Bedrohung für den geistige!! Inhalt der Bewegung In sieh birgt, *0 ist damit noch!!icht gesagt, daß diese l!>eteili!(1mg unerwünscht und uni«• «lingt schädlich Ist. Folgende Lage würde, sich dann ergehen! an dein Palästina-Aufbau nehmen einerseits ״kapitalkräftige" und dem Zionismus in geistiger und nationaler Beziehung fremde Elemente teil, anderseits die natioualtrcuen Elemente; zwischen diesen zwei Faktoren entwickelt *ich ein Kampf um den Aufbai!. Obwohl dieser Kampf in! Laufe dar Zeit un• angenehme Erscheinungen nt Tage bringen kann, hat der Zionismus die!,;lieht, nicht von vornherein *Ich diesem Kampfe zu entziehen, indem er die Beteiligung des ersten Elementes lilndert (und inz,wischen selbst nicht imstande Ist, den Aufbau im nötigen Tempo zu führen und so, um die Reinheit des nationalen Geistes zu wahren, In einer Schicks,ilsKtundc wie der gegenwärtigen, das ganze Werk in Gefahr bringt), sondern den Kampf freudig auf/.imchmcu in der Gewißheit, daß sein Endresultat zugunsten des Aufbau* und zugunsten des ziö• nlslischen Geistes «!»fallen wird. F.s Ist nicht richtig, daß der soziale Kampf immer und überall zugunsten der geistlosen mechnni*eben Kräfte «!!!!fällt; Insbesondere Ist es 1111 richtig, wem! man c? mit einer so eigenartigen Erscheinung zu tun hat, wie das jüdische Palästina, Und die Leistungen, zu denen die gehl- und landlose jüdische Arbeiterschaft *ich dort fällig erwies, sind der beste Beweis dafür, Palästina ist ah ein Treibhaus nicht aufzubatien, und . wir können nur ge• winneu, wenn das nationale Kapital schon jetzt, ln der schwer■ sten Zeit des Aufbat», ins Land kommt. Und deshalb, auch vorausgesetzt, dal! dieses neue Kapital sich In den nationalen Rahmen nicht einfilgen wird (für diese Annahme aber, wlf wiederholen es, bestellt kein Grund), soll es trotzdem kommen und die Konkurrenz mit der Intelligenz, dein Opfermut Und der nationalen Liebe der Zionisten aufnchmcii Wirtschaft• lieber Aufbau, politische Kraft der Bewegung, Ihr mdratlschcf Einfluß, ihr geistiger Inhalt Werden davor! mir gewinnen, vor* ausgesetzt, daß die nationalen Elemente Ihre heutige Auf• gäbe verstehen werden und ihrerseits sieh fester und stärker auf der Grundlage des idealistischen Aktivismu* erneuern und organisieren werden. Theodor Herzl» Wilhelm II. und — Paul Nathan Au* dem bereit* erwähnten Feuilleton Paul Nathan* Im ״Berliner Tageblatt", das als Musterbeispiel eine» u!!. *ngciichmen politischen Ressentiments und des Versuches eine große Persönlichkeit und ein großes Werk licrabzusctzcnl verdiente, hier wörtlich ahgcdriickt zu werden, geben wir die folgenden , bezeichnenden Genicblitze wieder: ״Du* war der Gedanke, den Herz! «ufgriff im 1 den er ausgcstaltcte zu dem Plan, einen eigenen Judenstaat zu lehn((«•, man könnte auch *agen nt giündcn; wie man eine Aktiengesellschaft gründet zur Fabrikation von Streichhölzern, so liier zur Fabrikation von Staat, liebem JudengHUk; ein teilt moderner, rin echt trau, zöslsch-p.irlserisclier Gedanke, nacli dem Vorhilde von J. j, Rousseau, der Verfassungen für Länder schrieb, die er nie gesehen hatte, und für Völker, die er nicht kannte, Und ein ganz, unmöglicher Gedanke. Staaten werden, tind naturgeworden; Staaten wer• den nicht a r r a n gIe r t durch die Beschlüsse einer Generalversammlung von Aktionären, wie Herzl sich die Konstruktion gedacht hatte.“ Genau so hat *ich das Herzl gedacht. Wenigstens ist da* der Findruck, den Nathan au» den Tag! Ukhern ge. Wonnen hat, l>er Vergleich mit dem Streichhölzerfahiikautrn gehört in die Kategorie jener Witze über den ZimnsimiR, von denen Herzl selb:;( In *einen TagcMicliern viele erwähnt, nur Ist er aller eher als geistreich und nach 23 Jahren auch etwas antiquiert. Und der ״ganz unmögliche Oednnkc“ Ist von all den großen Idealen unseres Zeitalters der heute durchaus möglichste, der bereits in der Verwirklichung begriffene. Man nenne doch irgendeine große Bewegung der letzten Zeit, die so rasch und auch in einem so hohen •Grade bereit» ihre Realisierung gefunden hat, wie die zionistische. Paul Nathan Ist ja nach dem Kriege .Sozialdemokrat ge• woulen. Welcher Sozialdemokrat aber wird es selbst leugnen können, daß der Sozialismus von «einer Verwirklichung beute unendlich weiter entfernt Ist als der Zionismus. Ebenso ״un• möglich“ wie diese fcuilletonistischc Feststellung, die ganz ahnungslos der Tatsache gegenüber ist oder sich wenigstens so *teilt, daß in Herzl* ״Judenstaat" bereits die Organisations• formen vorgebildct erscheinen, wie sie die Zionistische Or• ganisation dann verwirklichte, die nichts von Balfotir-Dekla. ration und Palästina-Mandat erwähnt, ist Nathans Abriß der Entwicklungsgeschichte moderner Staaten tn einem Satz. Viel• leicht erkundigt »ich Herr Dr, Nathan, der sich von *einer Berliner kommunalen ©der anderen Tätigkeit her wohl kaum selbst für den ersten Fachmann auf dem Gebiete der Staaten• grtimlungcn halten wird, bei einem ״Staatcnlcnker und Staaten• grünclcr der Tat", nicht ״mit Worten", etwa bei dem Herrn Philosophieprofessor Th.O. Masarvk darüber, wie die Tschcchoslow'akci ״naturgeworden" ist. Er kann bei dieser Gelegen• heit auch von einem der besten Kenner Rußlands erfahren, ob ״die russische Judenfragc langsam in Rußland selbst ihrer Lösung entgegen,״eben" kann und das nicht ein ebenso ״ganz unmöglicher" Gedanke ist, wie der Zionismus ein von diesem christlichen, offenbar auch ״phantasicbcgabtcn, hoclisinnigen politischen Phantasten", schon vor 20 Jahren für möglich gehaltener, Vielleicht geben ihm ferner der Pianist Padcrevvski, sicherlich auch kein Slreleliholzcrfabrikaii», oder die Nathan nähcrstchemlcn sozialistischen Theoretiker des Nationalitäten• und N,ilion,aNaat.snroblrm* Auskunft über ״Arrangierun״ von Staaten“, Auch ohm: *oichen Zuigcnbcweis diirlten jedoch das Beweismittel völkerrechtlicher Dokumente und der Augen• schein des werdenden Jüdischen Palästina genügend sein, Herrn Nathan bet *einer apodiktischen Kritik stutzig zu machen. Allerding* glaubt Dr. Nathan nicht an ein jüdisches Palästina. E3 ist erstens ״das Land fanatischer Religion*• Regens,ätze". Dr. Nathan ist gerade einmal in Jerusalem gewesen, als ״ein mohammedanischer Afghane einen Christen niederschoß, weil er gewagt hatte, die Omar-Moschee zu betreten". Und ״zu seiner Zeit" mußten ״türkische Soldaten mit geladenem — man denke! — Gewehr" vor der Geburt*- kirdtc zu Bethlehem stehen. Das ist dieselbe Bcweislülmmg, wie wenn jcnniul behaupten wollte, das Deutsche Reich sei ein ״ganz unmöglicher Gedanke“, <la es das Land ״fanatischer" Parteien-, sozialer und Religionsgegcnsätze sei, ln Palästina sind immerhin bisher Männer wie Walter Rathenau, Erzbetger, Landauer und all die anderen noch nicht niedcrgeknallt worden; und einen konfessionellen Kapp• und Hitler-Putsch hat es in diesem Land des ״religiösen Fanatismus" auch noch nicht gegeben. Im übrigen erinnert Nathans sehrcckcnsvoHe Erwähnung seines Jerusalemer Reiseerlebnisses an die beknnntcre Anekdote von dem in Calais an* Land steigenden Engländer, dem von einem rothaarigen Kellner Austern serviert wurden und der In sein Notizbuch eintrug: ״Alle Franzosen sind Kellner, rothaarig und essen Austern". — Dann ״sind auch die Aussichten nach der wirtschaftlichen Seite ganz gering": ״ein klltuperkleines (!) I ämlchen ohne gute Hafen, ohne Hinter- Land! seine Berlcdlimnsmördichkeit ist sehr gering und *eine wirtschaftliche Entwicklungsfähigkeit die allergeringste". Eine von Jahr zu Jahr «»schwellende Fachliteratur |11 allen Sprachen ist nicht ganz dieser Auffassung; Großbritannien, das schon viele Millionen Pfund in diese ״Aktiengesellschaft“ investiert hat, die es sich bei einem viel einfacher zu regierenden, rein arabischen Palästina hätte sparen können, und die hundert■ tausende größerer und kleinerer Spender und Begründer von palästinensischen Wirtsclniftsunternriimungen msammen mitden ersten Spczlalgelehrtcn beurteilen die Aufsichten der jüdischen Heimstätte In Palästina anders. Hcfr Nathan aber Itäit e», fbetno wie das ״Berliner Tageblatt“, mit seinem ptiblizlsli• sehen Niveau für vereinbar, in solchen Verdikten das Immerhin nicht ganz unkomplizierte Problem restlos atisztischöpieii. Man könnte auch die {•rage stellen, wozu der llilfsvcrein der deutschen Juden (Geschäftsführer: Dr. Paul Nathan) in diesem ״klimperklcinen l.äiulehcn" ohne Zukunft Schulen, j* sogar ein Technikum gründete? Wozu ferner die ganze Auf• regung des Spradtcnkampfes, der sich jetzt demnach als reichlich überflüssig heratirstellt? Dr. Nathan zeichnet anscheinend besonder« die Eigen■ Schaft des nachträglichen Vorniisblicks, der prophetischen Rdroperspfktive ans. I Icrzls Tagebücher haben ihm den Schlüssel zur Erkenntnis dieses Mannes gegeben. Ei ist *eine Wcsensvcrwandtscliaft mit Kaiser Wilhelm 1L: ״Wl״ eine innere Notwendigkeit erscheint es. daß Herzl (ichett Wilhelm II, auftauchen imißtc. Beide leicht entzündlieh, pluiiitasiebegaht, redebegaht, ohne kritischen Sinn für Realitäten; der eine freilich zähe, der andere schnellstens von einer neuen lockenden Luftspiegelung weitergeführt; Staatenlenker und Staatengilinder mit Worten; keine Männer der Tat." » Wir wollen es uns versagen, Dr. Nathans Publikationen bis zum Jahre 1918 daraufhin zu untersuchen, ob sich darin ebenso tapfere Aeußcningcn über Wilhelm II. finden wie iti seinem heutigen FetiillGoii, Leber die Peinlichkeit der Haltung einem entthronten Monarchen gegenüber im Gegensatz zu der wollt etwas anderen Stellung dem im Zcuithc seiner Macht Stehenden gegenüber ist kein Wort zu verlieren. Auch die 1)8־ Häuptling, «faß Herzl, der die Zionistische Organisation geschaffen hat, ohne die c* weder zionistische Arbeit in l’a• lästlna noch die nollthschcn Erfolge der zionistischen Bewegung gegeben nätte, nicht zu den ״Männern der Tat 0

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