Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1924)
- Date
- 1924-03-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 143 halten müssen zwischen den verschiedensten Aspirationen und Einflüssen. Schließlich wird so die Legende gebildet, daß es ' ״im Zionismus keine praktischen Arbeiter gebe“. Dieselben Arbeiter konnten unter normalen Arbeitsbedingungen und in einer Atmosphäre gesunden wirtschaftlichen Schattens, frei von künstlichen pol.tischen Einflüssen, zweifellos dem Zionisnuis und Palästina bedeutend mehr Nutzen bringen und eine schöpferische Rolle im Lande spielen. Eine politische Partei kann nicht die Volkswirtschaft dirigieren, noch viel weniger kann sie ein Land auflmiui. Die Geschichte kennt nur ein Beispiel einer Parteidiktatur im Rahmen einer Volkswirtschaft — die Diktatur der komm!!* nistischen Partei in Rußland, aber auch dieses Beispiel spricht nicht für eine derartige Diktatur, sondern gegen sie: in Rußlnnd sorgt das Leben selbst für ihre Liquidation. Natürlich braucht der Zionismus Garantien: man muß in dem wirtscliaflhchcn Aufbau Palästinas den nationalen Interessen den ersten Rang einräumen; natürlich müssen die höchsten luteressen einer wieder erwachenden Nation höher stehen als die Privatinteressen. Natürlich braucht das freie Spiel der wirtschaftlichen Kräfte die Kontrolle der Nation. Aber gibt es denn irgendjemanden, der das bestreitet? Das alles ist unbestritten, aber daraus folgt nicht, daß politische Organe an die Stelle der finanziellen und ökonomisehen Institute treten können oder sie in der Schlinge des Parlamentarismus ersticken dürfen. Die zionistische Bewegung bedarf eines selbständigen Kolonisationsapparatcs oder der Befreiung der bestellenden Wirtschafts-Institute von den Ketten der pol»- tischen Sklaverei. Dieser Kolonisationsapparat muß1* sich unter der Obcrkontroiic der zionistischen Bewegung befinden, aber in seiner inneren Tätigkeit muß er vollkommene Selbständigkeit bewahren und gegen die künstlichen politischen Einflüsse gesichert sein. Dies als erstes. Das zweite Moment, welches den besonderen Charakter der im Zionismus nötigen Unibildungcn bestimmt, ist die Unabänderlichkeit des bestehenden politischen Apparates. Die Organisation krankt geradezu an einer Verkalkung der Gefäße. Ein fatales Ersticken alles Lebendigen durch eine vierzigjährige Tradition; eine Verknöchcrung der Personen, welche die Organisation in eine vollkommene Abhängigkeit von der Kaste der Träger der Tradition bringt; ein Zwiespalt zwischen den demokratischparlamentarischen Formen und der fast oligarchischen Natur der Macht, die in der Gruppe der obersten Hundert vereinigt ist; eine stumpfe Fühllosigkeit. für die Psychologie der zionistischen Massen hei gleichzeitiger Hypersensivität für die künstlichen Probleme, die die herrschende Kaste interessieren — das alles stellt jetzt die Frage von der stillen ״sozialen Revolution“ in der Zionistischen Organisation zur Diskussion, von der Umbildung ihres politischen Apparates in ein authentischcs demokratisches System, frei von allen Fiktionen und von pscudodemokrntischcn Ornamenten — in der Art des unverantwortlichen A.-C, das nicht einmal der, Kontrolle der öffentlichen Meinung unterworfen ist, und das keinen lebendigen Kontakt mit den zionistischen Massen und durch sie mit allen Kreisen des Weltiudentuni-s hat. Beide Reformen erfordern eine 1 leran/ichung von unparteiischen Elementen, außcrpartei.ich im Sinne nicht so sehr der politischen Anschauungen, als in denen der Unberülutheit von den Parteitraditionen. Und darum führt der Weg dazu durch die Jewish Agency, Aus der jüdischen Weit Diese Herren sind den Massen der Araber ebenso verhaßt wie die türkische Herrschaft vor dem Kriege. Die arabische Bevölkerung besieht in politischem Sinne hauptsächlich aus l iliadu'ii und Beduinen, IVr Fellache ist ein froher, hartarbeitender, ehrlicher, friedliebender und religiöser Bürger. Nicht zu verwechseln mit den ins Land eingcwamlerten Muglirebis, Marokkanern und Afghanen, meistens aus ihrer Heimat eingewnndertes Mord* oder Dicbsgcsindcl, die in den Orangegärten Wächterdienste tun. Der arabische Fcllach nimmt weniger oder gar kein Interesse an der Politik seiner Gegend. Er kümmert sich mehr um seine persönlichen, hausliehen Angelegenheiten. Er ist für eine sichere Regierung und nicht gegen das Fortschrcitcn der Juden. Die Juden wissen auch, daß ihr Fortschrcitcn allein möglich ist in friedlichem Einhergehen mit den Arabern. Daher sollten Araber und Sonntag, «lau 16. MS», TorinltUf-• tt Ubr tu dar Slngakadamla 6m KftMtHni« nwiUdchoa €><e -Inracl ln einem Interview mit der Pal. Tcl.-Agcntur äußerte sich der Bischof von Westminster, Kardinal Bourne, über die gegen ihn in dem ״Katholischen Herold“ gerichteten Angriffe, in denen es u. a. hieß, Kardinal Bourne ״verfolge -eine chauvinistische Politik, um die britischen Interessen im Fi eiligen Lande mit aller Kraft zu befestige n“. Der Kardinal versicherte, er habe keinerlei politische Mission in Palästina zu erfüllen. Im weiteren Ver- Sauf der Unterredung sagte Kardinal Bourne, der eben aus Rom kommt, der Papst erkenne das Mandat Großbritanniens über Palästina an, da er glaubt, Großbritannien werde das Mandat in gerechter Weise ausüben. Die Lage in Palästina, fuhr er fort, hat sich seit 1910 außerordentlich verbessert. Er glaube an eine arabischjüdische Verständigung auf Grund des Mandats und meint, die Errichtung eines jüdischen Nationalheimes in Paiästina sei sehr wohl möglich, wenn alle Beteiligten vernünftig handeln und die extremen Zionisten nicht die Oberhand gewinnen. Kardinal Bourne dementierte die Meldung, daß Monsignore Barlassina von seinem Posten als römischer Patriarch Palästinas z 11 rü ck g et re t e n wäre. Der einen Pilgerzug englischer Katholiken anführende Erzbischof von Westminster, Kardinal Bourne, besuchte am 4. März die medizinischen Einrichtungen der ״Hadas• s a h“ und eine Mehrzahl jüdischer landwirtschaftlicher Sied jungen in der Nähe von Jerusalem. Er zeigte ein großes Interesse für das jüdische Aufbauwerk. Während einer Predigt in der Grabeskirche teilte Kardinal Bourne mit, der Papst selber wünsche sehr, Palästina zu besuchen. Kardinal Bourne besuchte in Begleitung des römischen Patriarchen in Palästina Monsignore Barlassina die Kolonie des jüdischen Nationalfonds ü i 1 b (Kirjath Anawim) in der Nähe von Jerusalem. Er drückte seine große Bewun derung über die Arbeit dort aus. In der Kolonie arbeitet eine Gruppe, die 40 Seelen umfaßt. Sie wurde im Jahre 1920 gegründet und besitzt jetzt etwa 4000 Ditnant Land. Wie die Pal. Jüd. Tel.-Agentur erfährt, hat die P a 1 c s t i n c Land Development Company ebenso wie Dr. R u p p i n gegen den ״Doar Hajo m“, der im vorigen Jahre in einer Reihe von Artikeln die Gesellschaft und Dr Ruppin beschuldigte, anvertraute Gelder mißbräuchlich verwendet zu haben, gerichtliche Schritte unternommen. Die orthodoxe Palästina-Delegation unter der Führung des Gerer Rebben ist am 9. März wieder in Polen ciiigctroffen, Deutschland Die ״Kölnische Zeitung“, die bekanntlich bisher fast nur Aufsätze von Naumann und seinen Anhängern ver■ offentlichtc, brachte am 2$. Februar einen Aufsatz eines Christliehen arabischen Arztes, Dr, La in ec Sa ad, Berlin, unter der Ueberschrift ״Araber und Juden in Palästina“. Wir zitieren aus dem Aufsatz, der von arabischer Seite aus die jüdische Palästina-Kolonisation sehr freundschaftlich und in struktiv informierend bespricht, folgenden Abschnitt: ״ln meiner 30jährigen Staatsstellung in der Türkei war ich 14 Jahre lang iii Palästina. Ich hatte reiche und arme Juden als Patienten, hatte mithin Gelegenheit, auch deren Familienleben näher kenneimilerncn, Meine Steilung brachte mich mit der jüdischen Geschäftswelt, mit meinen jüdischen Kollegen in vielfache Berührung; ich hatte auch jüdische Unterbeamte, ich war stets zufrieden im Verkehr mit ihnen allen. Palästina zeigt noch manche Reste aus der Zeit des Feudalismus. Einige wenige Familien beherrschen die Ländereien, Personen und Meinungen der Dorfbewohner, die eine große Mehrheit in der Bevölkerung bilden. Die meisten Fellachen sind von diesen Familien in irgendeiner Weise abhängig. Die ju d ״ ״ werden nicht von derganzen arabischen Bevölkerung bekämpft, sondern von den obenerwähnten F*müiea. der sogenannten ״ElcndikUssc“, Iloilnnri Dr.Schm»rjnLavin, Abr.O ol 11 b•rg(Amniltt»),IInrt nirnnon* tu Id, De. Arthur tlantko n. at״l״r« Uil«ll1״l״r <1•• A ktion»-Comtt4•׳ Themai ״Dar Zlonlimaa wird »•rwlrkllok»״. Preiao drr Ptlllaft: 8, ‘d u 1 Mk, rrhAltlinh bal d«r B Z. V , 0 2, Boydalitr. 8 Berliner ZlonteUeclra Varelnlgnnj;. L. 3־ Juden einträchtig einen politischen Körper bilden. Manche tralnschen Notabein sind auch einsichtig geworden, z. B. in Jaffa und Jerusalem, wo sie schon indischen Arbeitern Beschäffigung geben. Die Juden bringen Palästina großen Nutzen, die Araber brauchen ihre Hilfe lind ihr Kapital. Der große Einfluß, den die zionistische Bewegung auf das wirtschaftliche uiui politische Aufblühen Palästinas hat, sowie der Nutzen, den die Araber aus der lamlwirtschaftlichen Tätigkeit der jmlcii ziehen, sind wichtige Tatsachen. Dieser günstige Einfluß macht sich schon hier lind da in eien arabischen Dörfern bemerkbar. Die bisher geleistete Arbeit der Juden ist bctrüchtlich. Palästina hat eine große landwirtschaftliehe Z u k u 11 f t.“ Am l. März fand im Beethovensaal der von einer Gruppe russischer Juden nach jüdisch-kommunistischem Muster abgehaltene ״Gerichtstag“ über die Jewsektia (jüdische Sektion der kommunistischen Internationale) statt, der einen interessanten und zum Teil bewegten Verlauf nahm. Den Vorsitz führte Dr. Trivus, die Anklage vertrat der vor kurzem aus Rußland eingetroffene Dr. Fischer, von dem llitachdmh-Zcntral-Komitec, die Verteidigung hatte Dr. Sehe eh t m a nn innc. Auf der Zeugenbank saßen u. a.: Herr Dobrin als Vertreter der jüdischen Lehrer, Herr Dr. Lurie als Vertreter der Zionisten, Herr Klinow als Vertreter der jüdischen Presse und Herr Liebermann als Vertreter der Pogromopfer. Die Klage wurde erhoben gegen die jüdischen Sektionen in Rußland, denen vorge• Worten wurde, daß sie die jüdischen Institutionen und die mit ihnen verbundenen Personen in einer maßlosen Weise verfolgen. 1 >er Saal war ziemlich voll, auch die Berliner jüdischen Kommunisten und Bundisten hatten sich in beträchtlicher Zahl cingcfunden. Gleich nachdem der Vorsitzende die Gerichtsverhandlung cröffnctc, und den Zweck des Gerichtstages erläuterte, erhol) die Gegenpartei scharfen Protest;;egen ’die Führung und verlangte, ebenfalls gehört zu werden. Reden und Gegenreden schwirrten durch den Saal, so daß die Verhandlung nur mit Mühe fortgeführt werden konnte. Der Vorsitzende machte geltend, daß eine freie Diskussion nicht angekündigt sei und nur die vorgcmeldeten Personen zu Worte kommen könnten. Als die Gegenpartei sich mit dieser Erklärung nicht beruhigte und fortwährend den Gang der Verhandlung störte, wurde Polizei ins Haus gerufen, die nach einigen vergeblichen Warnungen daran ging, die Zwischenrufer aus dem Saale zu entfernen. Daraufhin verließen die Kommunisten und Bundisten unter lauten Protestrufen geschlossen den Saal, Die Vcriia mllitng konnte dann in Ruhe zu Ende geführt werden. Jeder der Zeugen brachte ein umfangreiches Material vor. Dr. Fischer als Ankläger hielt ein umfassendes Resümee, worauf Herr Dr. Schcchtmanu als Verteidiger ausführte, die jüdischen Sektionen seien nichts anderes als die Vollzieher der russischen Staatspolitik. Der Umstand, daß sic ihre ״Diktatur in der jüdischen Gasse“ noch schärfer betreiben, als dies der staatliche Kommunismus tut, geilt darauf zurück, daß die jüdischen Kommunisten eine hoffnungslose Minderheit in der jüdischen Sphäre bilden und keine Aussicht für sie bestellt, auf demokratischem Wege die Führung zu erhalten. Zum Schlüsse gab der Vorsitzende bc■ kannt, eine Ui teiisverkündigung sei nicht beabsichtigt gewesen, cs möge jeder der Zuhörer sieh seüi eigenes Urteil bilden. Oeoterrtfeh Demnächst soll eine Konferenz zwischen der j ü d 1 s c h c n Völkerbundliga Oesterreichs und der allgemeinen österreichischen Liga über die Vertretung bei der Union der Völkerb 11 ndligen und beim Gcncralrat stattfinden. Man nimmt als sicher an, daß von der jüdischen Völkerbundliga der Oberrabbiner Dr. C h a j c s Sitz und Stimme im Gcneralrat der internationalen Völker• bundligcn erhalten wird. Dem Komitee der jüdischen Völkerbundliga gehören u. a. auch an Richard Bccr-Hofmann, Felix Salten, die Maier Jehudo Epstein und Lazar Krestin, der Orientalist Professor Geiger usw. po'en Warschau. (J.T.A.) ln der Stadt NäsleIsk, ln der Nähe von Warschau, drangen in der Nacht Leute in das Lokal der zionistischen Bibliothek ein und ver-!lichteten <150 Bücher. Man verdächtigt Mitglieder der orthoiloxcn ״Schloine Emuneh Jisroel“ dieser Tat. Fünfzehn Anhänger des Gerer Rebbe wurden verhaftet. Auf der hier soeben zu Ende geführten Konferenz des Contra!-Verbandes jüdischer Kau Heute in ganz Polen wurde eine Resolution angenommen, der gemäß sich’ der Verband an der demnächst in Warschau stattfindenden Pro-Palästina-Konferenz beteiligen wird. Die seit langem zwischen der Warschauer jüdischen Oe* mcimle und dem jüdischen Stiideutenvcrband schwebende Frage der Errichtung eines Studentenheims auf dem der jüdischen Gemeinde gehörigen, an der Praga-Synagogc grenzenden Grundstück ist jetzt in der Weise geregelt worden, daß dem jüdischen Studentenverband das Grundstück zur Errichtung des Heimes unter der Bedingung überlassen worden ist. daß im Heim nur männliche Studenten unfcrgebracht werden sollen. Verheiratete Studenten können Hertrauonsleutel tJ«Lorw»i*fc o I o f I dl« tür di•■•■ Quartal fällig• P 0» tfoli 0 k k 0 n 0 ז Uortin 6001 ZlonlilUck• Varaialgnag i&r DralnUui zwar dort mit ihren Frauen wohnen, keinesfalls aber sollen unverheiratete Studentinnen in dem Hause Unterkunft finden. Ferner wurde eine Verpflichtung unterzeichnet, daß die rciigiösen Empfindungen der Besucher der angrenzenden Synagogc von den Studenten respektiert werden. Die jüdischen Speise Vorschriften sollen in der Küche des Studentenheims streng beachtet werden. Mit diesem Arrangement durfte den Forderungen der Agudisten, die gegen die Errichtung des Akadnniketheims in der Nähe der Synagoge protestierten, Genüge geleistet sein. Die letzte Sitzung der juridischen Sejm-Kommission bc- Kcliäftigtc sich wieder mit der Frage der Abschaffung der noch aus der Zaren zeit stam m enden Bc - Schränkungen gegen die Juden in Polen (die inzwischen nach der in einer früheren Nummer veröffentlichten W. T, B,•Meldung aufgehoben wurde. — Red.). Der Vertreter des Justizministeriums, von dem man wichtige Erklärungen erwartete, war zur Sitzung nicht erschienen. Der Referent, Hartglas, ciklaric, cs sei ihm schon nachgerade zum Ekel geworden, so oft und so vergeben» über die Abschattung der mit der polnischen Verfassung unvereinbaren antijüdisehen Beschränkungen zu referieren. Die Juden halten immer gehofft, daß die Initiative von der Regierimg ausgehen wild, die Regierung hat aber unbegründeterweise den einmal von ihr selbst ei!!gebrachten Gesetzentwurf wieder zurückgezogen. Die noch jetzt geltenden Po schr.üikungcn bciiihren die bürgcrliehc Gleichberechtigung der Juden in Polen in einer empfindlichen Weise. So /.. B. berufen sich die Behörden «1er polnischen Republik auf die /.arischen Beschränkungen, indem sie die Betätigung von Juden in der Bergindustrie, die Benutzung der hebräi sehen Sprache in Depeschen 11. a. m. verbieten. Das oberste polnische Gericht hat erst dieser Taget in einer autoritativen Entscheidung erklärt, die aus der Zaren, zeit stammenden Beschränkungen seien so lange in Geltung, als bis sic nicht auf gesetzgeberischem Wege außer Kraft gesetzt werden. Zur Zeit der ersten russischen R e v o - lutioii im Jahre 1917 hat die vorläufige Regierung des Fürsten Lwow in Petersburg im Verlauf von 48 Stunden sämtliche gegen die zahlreichen Nationalitäten und Religionen in Rußland bestehenden Beschränkungen abgeschafft. Das Fortbestehen der /arischen Bcsiünmungcn allein in Polen wird ein Schandfleck für Polen in den Augen der zivilisierten Welt sein. Abg. Hartglas brachte schließlich den folgenden Antrag ein: ״Da die Regierung nicht selbst die Initiative ergreifen will, wird eine Subkotninission eingesetzt, die das betreffende Geset/esprojekf für den Sejm atisznarbeiicn hat.“ lX׳r Vorschlag wurde angenommen und eine fünfgliedrige Kommission, in der alle größeren Parteien vertreten sind, eingesetzt. Der offizielle ״Monitor Polski“ bringt die Mitteilung der staatlichen Wahlkoinmission, daß an Stelle des ukrainischen Deputierten Mark Luzkiewicz, dessen Mandat annulliert worden war, der Jude Michael Feinstein aus Kowcl, der nach Luzkiewicz auf der Wahlliste 16 figuriert hat, in den polirischen Sejm einzieht. Russland Der frühere französische Botschafter beim za lisch eil Hof Paleologuc hielt am 23. Februar in Paris einen Vorfrag über die voraussichtliche Entwicklung in Rußland und führte aus, die gegenwärtige Krisis des Kommunismus in Rußland könne in eine Katastrophe ausarten und die angcsarmuclic Erbitterung unter den Massen würde sich dann in fürchterlicher Weise gegen die Juden entladen. Er habe mit vielen Kennern Rußlands gesprächet! und alle waren sich darüber einig, daß der Zusainnicnbruch der Sowjet-Herrschaft durch eine unerhörte Ju• den Verfolgung signalisiert werden wird. L>ic einzige Möglichkeit, die Katastrophe hiuauszuschiebcn, wäre die, daß das ausländische Kapital der Sowjet-Regierung zu Hilfe kommt Der Redner verlas den Brief eines jüdischen Kaufmanns in Jckatcrinoslaw, in welchem cs heißt, die Lage verschlimmere sich von Tag zu Tag; ״wir müssen darauf gefaßt sein, daß die Kommunisten selbst, um sich zu retten, die Volkswut auf die Juden lenken werden. Man muß so schnell wie möglich die jüdischen Familien aus Rußland herausbringen, da sie sonst einem allgemeinen Massaker zum Opfer fallen werden.“ Paleologuc meinte, nach einer solchen Explosion des Antisemitismus werde ein militärischer Staatsstreich das Ende der Sowjet-Herrschaft besiegeln, danach werde eine Periode der Gewalt und der Anarchie folgen. Ruwänitn Nach einer soeben über die Minoritäten in Transsylvanien erschienenen Statistik, die auf der letzten Zahlung basiert, beträgt die Zahl der Juden in Transsylvanien 181 340 Seelen. Die Zahl der Juden der Bukowina und in Beßarabien beträgt 583 700. Demgemäß beträgt die Gesamtsumme der Juden in den neu erworbenen Teilen Großnmriinicns 770040. l>ie Gesamtziflcr der Minoritäten in Rumänien beträgt 5 186884, d. i, der dritte Teil der Gesamtbevölkerung. Litauen Der J. T. A,-Vertreter in Kowno hatte Gelegenheit mit informierten Kreisen über die Existenzfrage des jüdischen Ministeriums nach der Annahme der Demission Dr. Rosenhau ms zu sprechen. Die Ansichten gehen dahin, es sei ausgeschlossen, daß man an Stelle Dr. Rosenbaums eine andere Persönlichkeit an die Spitze des jüdischen Ministeriums beruft. Anscheinend tragt man sich in Regierungskreisen mit der Absicht, nach der Legalisierung «1 e s jüdischen Nationalrats, die jetzt auf der Tagesordnung stellt das jüdische Ministerium ganz zu liquidieren. Das soll auch der Grund sein, weshalb die Annahme der Demission F)r. Rosenbaums sich einen Monat lang verzögert hat. Was die Legalisierung des Nationalrats anbetrifft, so wollen die rechten Parteien ihn nicht als öffentlich-rechtliche Institution, gestützt auf die Verfassung, sondern bloß als privatrcchtlichc Institution gelten lassen. fVawhrcich Der frühere französische Premierminister Painlev6 hielt in einer Pariser Versammlung eine Rede, in welcher er sehr warm für die Rice des indischen Nationalhcims in Palästina c i 111 ra t. Er!orderte zu Geldopt'ern für das jüdische Aufbauwcik in Palästina auf und sagte, es sei eine Pflicht der Nationen, das jüdische Volk in seinen ,Anstrengungen zu unterstützen. Israel, so sagte er, hat der Welt die Religion und die Kultur gebracht. Alle Völker der Erde sind deshalb moralisch verpflichtet, bei der Errichtmig des jüdischen Nationalhcims in Palästina mitzuwirken. Er bczcichnetc die Behandlung, die dem jüdischen Volke bis auf den heutigen Tag zuteil geworden ist, als einen historischen Irrsinn. Dieser Tage trafen in Paris der New Yorker des Joint, Mr. Bernhard Flexner, sowie der europäische oint-Vertreter Dr. Bernhard Kahn ein, um im Namen des oint eine Abmachung mit der lea über die weitere liifsarbeit in Europa zu treffen. Laut dieser Abmnehung sollen die Wiederaufbauarbeiten des Joint von einer neuen Körperschaft übernommen werden, in welcher Joint, lea und eine Reihe anderer europäischer Organisationen vertreten sein sollen. Delegierte