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Jüdische Rundschau · 1924-03-11 · Heft 20 (11.3.1924) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIX (1924)
Issue
Heft 20 (11.3.1924)
Date
1924-03-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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4 Seite!38 IUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 20 ׳1! Der neue Gegensatz Von Dr. Moritz Bileakl Oott srl Dank, wir haben eine neue Formel! Wieder einmal ist es geglückt, «110 ״Gegensätze" sind auf ״Prinzipien zurück■ geführt", die Rüstung der Ikegijüi: palit mr.gezeichnet, sie können nicht anders, sie müssen aufeinander losgelicn, bald Wird der Lärm des Kampfes in unseren Tumierrilen dröhnen, der Staub wird flimmern, und man wird merken, daß wir eine Bewegung haben. Ich bin der Meinung, daß einer unserer Grundfehler, der Mangel an echten, den Notwendigkeiten des zionistischen Lebens entsprechenden Ableitungen für iimcrzionlstlselw Oe• gcnsätze in deutlichster Weise an Goklmnnns Gegenüber- Stellung von ״maximaüstischcm und minima.istüchein Zionis• mus“ nacliziiwcisci» ist. Worin besteht hier der Konflikt, der ״nicht irgendwie rufälligcr oder willkürlicher Natur“ ist, sondern mit ״schick• salhaftcr Notwendigkeit“ auftritt? Es gibt den minimalisiisdicn Zionismus Wci/mamis, dem ״es einzig und allein auf den möglichst schnellen Aufbau Palästinas ankommt“, auch auf ,die Gefahr, daß ״dieser Aufbau von nationaler Ideologie bcfreit wird“. Er macht ״Frieden mit dem Judentum", er ist — anders als Hcrzl — bereit, den ״nationalen Gcdnnfccn preis• zugeben“. Es bedarf der Aufklärung, dal! ״Zionismus nicht darin besteht, Juden in Palästina zu kolonisieren, sondern in Palästina das nationale Zentrum eines nationalisierten jü־ dischen Volkes aufzubauen“. Ihm gegenüber steht die demokratische, jetzt maximalistischc Gruppe, die vom Zionismus ״die Rcvolutionicrung des jüdische!» Volkes auf allen Gebieten seines Lebens“ verlangt, ״Palästina nicht irgendwie losgelöst von den anderen Fragen und Aufgaben der jüdischen Zukunft betrachtet“ und siel» mit ,,rein ökonomischen und kokuu• *atorischcn Arbeiten in Palästina" nicht begnügen kann. Es dürfte schwer sein, in der Aufstellung dieser Form»!- licrungcn ״eine schicksalhafte Notwendigkeit“ zu erkennen, und sie nicht als ״irgendwie willkürlich" 7u bezeichnen. Kann man im Ernst glauben, daß gerade Weizmann — den Anhängen» seines Ägcncy-Programms wird zugchilligt, daß sie noch ehrlich, aber einfältig an den wahren Sinn des Zionismus glauben ״ die Bedeutung des Zionismus für die jüdische Geschichte, freiwillig oder gezwungen, vergessen habe? Die Beschaffenheit seiner Ucbcrzcugung wird er schwer nktenmäßig nachvveisen können, auch Eidesleistung würde für erfahrenc Prozeßpraktiker letzte Zweifel nicht beheben. Aber es gibt doch gewisse Anhaltspunkte. Sie ergeben sich aus der Art von Wcizmanns Wirkung. Es gelingt ihm, Nichtzionisten für die Mitarbeit an der .,Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte“ (vgl. die Definition der Jewish Agencv, Art. 4 des Palästina-Mandats) zu gewinnen, (Ist cs nicht willkürlich, diene Zweckbestimmung mit der Leistung von nationaler Ideologie befreiter, rein ökonomischer und kofonisatorischcr Arbeiten“ für vereinbar zu halten?) Weshalb? Nicht deswegen, weil in seinen Reden, die in jeder Zeile den nationalen Charakter des Zionismus erkennen lassen, die ganze Wucht des historischen Versuchs wirkt, durd» den Zionismus das jüdische Volk ״auf allen Gebieten seines Lebens“ neu erstehen zu lassen? Die Arbeiter Palästinas s'ikI seine An• hänget. Wären sic cs, wem» sic fürchten müßten, daß er ihr Streben nach ״einer grundsätzlichen Umgestaltung der juriirrlirn Lebensformen, des jüdischen Menseheiityps, des jüdischen Geistes" in traurigem Irrtum den» ״jüdischen Baicbos" auslicfert, die neue jüdische Zukunft dem ewig Qcstrigen, der ״heute ist, wie er vor zehn Jahren war“? Es ist nichts mit dem Versuch, einen maximalistischcn von einem minimalistischcn Zionismus auf Grund einer verschicdencn Auffassung von der umfassenden historischen Be• .dcutung des Zionismus zu unterscheiden. Die ״letzte Tendenz", die nach Gold mann den Unterschied nusmachen «oll, kann iWeizmant» —- ebenso wie seine Anhänger —׳ gewiß nicht weniger als die Demokraten für sich in Anspruch nehmen. Aber wenn auch die Minimalsten das Große wollen, macht nicht das geplante Zusammengehen mit Nichtzionisten, not• wendig - ohne daß sic cs merken —, das Große klein? Indessen, auch «1er Maximalist Gold mann sagt, daß ״andere Kreise des Judentums gewisse Strecken als Bundesgenossen milgehen und ihnen auch gewisse Rechte cingeräumt werden können", daß es mir ״eine Frage der Taktik“ ist, ob man ״den Nichl/ionhteii in «Irr Jewish Agency «ine Konzession mehr oder weniger" mach(. Nun sichen wir erst recht erstaunt und fragen: wo ist der Unterschied? Vielleicht nur darin, daß Goldniamt eine mögliche Bedeutung der Jewish Agency nicht erkennt: sie kann nicht nur das Instrument für die Errichtung der nationalen Heimstätte, sondern auch ein neues Tribunal für die zionistische Forderung werden, ein Tribunal, ,dem das nichtnationalc Judentum, wenn cs einmal hineingegangen ist, sich nicht so leicht entziehen kann. (Es soll hier ganz hei Seite gelassen werden, daß es ja keineswegs fefl’.teht, ob ״die leitende Stellung des Zionismus“ beseitigt wird, daß vielmehr technisch, insbesondere nach der Fassung des Art. 4, durchaus Möglichkeiten einer Teilnahme von Nicht- -zionisten* nn der Agency nahe liegen, in denen die Organisation die Agency bleibt). Gewiß ist das Zusammengehen mit den Niclilzionisfen ein Risiko für den Zionismus. Die Nichtzionisten aber, die der Meinung sein sollten, daß die nationale Frage durch ihre Teilnahme an der Agency zu neutralisieren sei, daß sie ihren aufs Ganze gerichteten Sinn ln ein Kornpromiß umdeuien könnten, dürften einen höheren Einsatz wagen. Sie können sicher sein, daß der ״Friede mit dem ,Judentum", um diesen Preis nicht zustande kommt. Sie werden merken, daß der Geist des Zionismus ein unruhiger Nach bar ist Sie verlieren aber ihr bestes Auskunftsmittcl — die Möglichkeit, sich der Begegnung zu entziehen. Weder Grundsatz noch Methode der von Goldmann bekämpften Politik berechtigen ihn, sie als minimalistisch zu bezeichnen. Aber sein Artikel macht cs notwendig, wieder einmal anf die Ordnungen der Größe und der Zeit hinzuweisen, die den» zionistischen Leben tatsächlich cntsprcdicn. Seine Auflassung bringt nicht in genügender Weise zum Ausdruck, daß für das letzte Ziel, die ,,Revolutionierung des jüdischen Volkes“, Palästina nicht nur ein beiläufig als solches anerkanntes ״wichtigstes Mittel", sondern der entscheidende Und einzige Weg ist. Wese Erkenntnis ist offenbar verloren gegangen, wem» es möglich ist, Zionisten deswegen als Minimalisten zu bezeichnen, weil sie vor allem den Aufbau Palästinas wollen; wenn die Erkenntnis von der Bedeutung dieser Aufgabe, die in der Tat das Maximum an Zionismus enthält, als ״Winkel-Zionismus“ aligctan werden kann. Sic muß erschüttert sein, wenn es möglich ist, die Stellung zu den Realisierungsmöglichkeiten dieser größten, well einzig wirklich umwälzenden zionistischen Aufgabe davon abhängig zu machen, ob vielleicht in irgendeiner Zukunft einmal Konflikte über Galuth-Arbcit mit Gruppen entstehen könnten, die Iictite zur Mitwirkung am Palastlnawcrk gerufen werden. Wie falsch ist die Gewicht.svcrtcilung zwischen Galutli- und Paiä.üina-Arbclt, wenn erhon die spekulative, jede» Anhaltspuitkles in der tatsächlichen Gegenwart entbehrende Erwägang, dal! die Zionisten in Zukunft mit Nleht/ionistcn um Probleme der Galuth-Arbcit zu kämpfen haben könnten, eine negative 1 laltimg zu einer ungewöhnlich wichtigen. In der lebendigen Gegenwart gegebenen Möglichkeit dp Palästina- Aulbaues hcrbcifiihri Vielleicht wird cs 80, wie Goldmann meint, vielleicht wird aber auch die Position «1er Zionisten für ihre OnluÜ».Aufgabe und die Beziehung der Nichtzionisten zu dieser durch eine schnelle Verstärkung des jüdischen Palastlna wesentlich verändert. In jedem Fall —• wer «Ich 80 ausschließlich nach den Gruppierungen orientiert, die für Qalulti- Probleme sich ergeben könnten, «lern muß nuls neue die maximalistische und singuläre Bedeutung Palästinas für den Zionismus klar gemacht werden. Es scheint in der Tat so, als oh noch einmal die zionistische Erkenntnis von der Lösung der Judenfrage durch Zion fcstgcstellt werden m»1ß. Diesen Eindruck gewinnt man auch aus der Stellung Goldmauns zum Zdlmomcnt, Zwar ״über die Notwcndigkc.t der Beschleunigung des Tempos Ist kein Wort der Diskussion zu verlieren". Aber ״entscheidend kann dieser Gesichtspunkt nicht sei!».״ Haben die Lehren der letzten Jahre noch nicht zur Genüge gezeigt, daß dieser Gesichtspunkt in der Tat entscheidend seit» kann? Es sollte doch wirklich klar «ein, daß die Beschleunigung des Tempos nicht lediglich von den sentimentalen Seelen verlangt wird, welche die Last der hungernden Chnluzim auf ihren Tränendrüsen nicht ertragen können. Sondern daß es sich hier um ein höchst nüchternes, aber deswegen nicht weniger aufregendes Kalkül handelt: um eine Wahrscheinlichkeitsrechnung, die ergibt, daß der ganze Zionismus — einschließlich seiner Bestimmung für das Galutli — scheitern kann, wenn nicht binnen einer nicht allzu langen Frist gewisse meßbare Erfolge erzielt sind, die eine wachsende, gestaltende Manifestation der Idee im tatsächlichen Leben, einen Ausgleich zwischen Form«;! und Wirklichkeit fühlbar machen und sichersicllen. Diese Ueberlcgung wird keineswegs widerlegt, sondern bestätigt durch den Vergleich mit Jicr/fs Zeit. Denn Herd — das wird man gerade dann sagen dürfen, wem» man seine Leistung als faszinierend und auch heute noch gültig bewundert — konnte sich seine wirb schaftlichcp Mißerfolge nur leisten, weil er gleichzeitig poll• fische Mißerfolge hatte. Aber Erfolge verpflichten. Die Zeit des Trainings, in der cs nicht bei jedem einzigen Versuch so sehr von Bedeutung ist, ob und wie man zum Ziele kommt, ist vorbei. Heute liegen wir iin Rennen. Und das wird nur einmal gefahren. Die entscheidende Notwendigkeit einer schnellen Ver• Stärkung unseres Kolonlsationswerkes Ist schon so oft betont worden, daß cs überflüssig sein müßte, diesen Gedanken• gang noch einmal darzustcllcn. Slntt einer Wiederholung soll darauf lungewiesen werden, daß in der ״prinzjiiellcn" Argumaniation Goldmanns eine Auffassung vom Zionsmus zum Ausdruck kommt, die mit Entschiedenheit bekämpft werden muß. Der Grundsatz, daß ״wir nicht um momentaner Erfolge willen da sind, sondern Politik h 13 longue zu machen haben", führt hier zu der fast schon grotesken Folgerung, daß siel» ״im Wartcukönnen der revolutionäre Charakter des Zionismus ausdrückt". Aber bestellt Revolution darin, daß man warten kann, oder nicht vielmehr darin, daß man sich Im ent׳ scheidenden Augenblick der unumgänglich notwendigen Tat nicht entzieht,? Wird unser Wirken nicht sinnlos, wenn wir nicht die Idee in Leben umsetzen können? Ist das ״Werk der Generationen" möglich, wenn nicht — endlich — ״Leistungen des Tages" zu .spüren sind? Was sind das für Antithesen? Sic sind nur möglich, wem» man nicht gelingendes Verständnis für die blutig ernste Pflicht des Zionismus hat, lebendige Wirklichkeit zu werden. Freilich, es Ist strafbar, ״um schneller, illusionärer Erfolge des Momentes willen auf die Reinheit und Radikalität der Idee Verzicht zu leisten". Aber strafbarer ist es, auf die Verwirklichung der Idee Verzicht zu leisten, um in der Verteidigung ihrer Reinheit und Radikalität — auch gegen ihre Verwirklichung — die einzige Aufgabe zu sehen. Denn das bedeutet, daß man aus der Idee Literatur statt Lehen macht. liier liegt ein wirklich bedeutsamer, prinzipieller Unter׳ schied. Wir können heute keinen Zionismus mehr gebrauchen der siel» nur als Programm fühlt, das man in Zukunft einmal — man kam» ja noch warten — verwirklichen soll. Neben die Frage: was wird gefordert? ist heute die andere gestellt: was wird getan? Diese allein mögliche Auffassung sollten gerade die beherzigen, die mit Entschiedenheit die Aufgabe und Bedeutung der Zionistischen Organisation — auch Ihre kritische Funktion gegenüber der Gegenwart des Judentums — bejahen. Oewifi ist cs richtig, «laß die Leitung das genügende Verständnis für die überragende Bedeutung der Organisation, nicht erkennen ließ. Auer viele von den Pionieren des Organisation* gedankens fanden bisher nicht die richtige Art der Gegen׳ Wirkung gegen diesen Mangel. Sie arbeiteten ־nur mit Spreng■ munillon: wenn sic handelten, erhob sich ungeheurer Lärm, Rauch stieg auf — aber cs entstanden nur neue Trümmer. Die Organisation wird nur von denen geretfet werden, die wissen, daß ln entschlossener, ruh’ger, planmäß'ger Arbeit mit dem Spaten neue Werke gebaut werden müssen, mit denen man allein die Schäden der Festung ausbessern kann. Die Reorganisation der zionistischen Bewegung Von Dr. M. H I n d c s. Wir veröffentlichen den folgenden Aufsatz als ׳Bel• trag zur Diskussion. Er ist der erste einer Artikclreihe. — Red. I. Die neue Epoche. Das Jahr 1020 bedeutet einen Wendepunkt in der Ge schichte der zionistischen Bewegung: In diesem Jahre vollzog sich für den Zionismus endgültig der Uebcrgang von der diplomatischen Periode — der Periode der politischen Siege und Eroberungen während des Krieges — zu der Periode des Aufbaues — der Sammlung realer Kräfte in Palästina. Auf der Londoner Konferenz 1020 formulierte Brandeis, einer der wenigen, die die große Gabe des historischen Voraus blick* haben, diese Erscheinung mit folgenden Worten: ״Die Politik ist vorbei — es beginnt die Ockonomic". Diese Worte, die zweifellos die objektive Lage des Zionismus wledcrsplegelten, riefen trotzdem eine heftige Polemik hervor und waren ein Anlaß zu mannigfachen Mißverständnissen. Einer der Gründe für diese Mißverständnisse ist der Umstand, daß Brandeis in seiner Formulierung doch allzu abstrakt und radikal war. Es wäre richtiger gewesen, die Formel enger und konkreter zu fassen: ״Die Diplomatie Ist beendet — der Auf. bau beginn(." Außerdem begnügte sich Brande!« nicht na. mit, die’ Wahrheit festnr,teilen, sondern er gab ihr gleich, zeitig den Charakter einer Losung: ״Von der Politik Oekoiiomiel“, was natürlich eine große Verwirrung 1״״(.r. halb der zionistischen politischen Intelligenz hervorriet. Aber im Grunde hatte Drandcis recht: er hatte den Charakter des Augenblicks klar erkannt und es war der Fehler der Londoner Konferenz, daß sie diese Wahrheit nicht verstehen wollte. ״Politik״ und ״Ökonomie", diese beiden Begriifc (!״<׳. riereu schon lange in der zionistischen Geschichte und bilden zwei Orimdekmente, die in gewissem Sinne miteinander konkurricrcn. In der Geschichte des Zionismus erkennt man klar zwei Strömungen, die zu Zeiten parallel laufen und von da!; 11, dann wieder «ine die Oberhand gewinnt Einige Male räumte' die Ideologie des Primats der ״Politik" den Platz vor der Theorie des Primats der ״Ockonomie" — und vice versa. Dieser Wechsel war zum Teil hcrvorgcrulen durch subjektive zionistische Stimmungen und dann wieder durch objektive äußere Bedingungen. Aus subjektiven Gründen schwankte die zionistische Bewegung seit jeher. Der Zionismus Herzls und die Ideologie der Chowewe-Zion, praktische und palj. tische Zionisten führten cjnen Ideenkampf, und zu vcrschl;. «lenen Zelten siegten verschiedene Gruppen in diesem Kampfe, Noch ernster waren die objektiven Gründe lür die Schwankui». gen: In der Periode, in der die internationale politische Kon• junktur die Möglichkeit für diplomatische Verhandlungen er• öffnete und Perspektiven für politische Erfolge — in dieser Zeit gewannen die politischen Elemente einen bedeutenden Vorrang vor den ökonomischen. Im gleichen Moment, \w! diese Perspektiven verschwanden, da begann die Oekonomic wieder die führende Rolle in der Bewegung zu spielen. Im Allgemeinen kann die erste Epoche des Zionismus — vom ersten Kongreß bis zum Jahre 1920 — doch als die Epoche charakterisiert werden, in der die Politik in der ganzen zio. nistischen Bewegung vorherrschend war. Erstens geschil» die ganze ökonomische Arbeit in Palästina in einem wirkl ch minimalen Maßstab. Ferner spielte in der Bewegung außer der ״äußeren Politik", die ungemein feinfühlig auf alle Schwan• Kungcn des ״Wetters“ reagierte, die ,;Innere Politik" eine Kampf für die Rechte des Judentums in’den einzelnen’Ländern. Ein großer Vorrat von Energie, welcher frei wurde in der Periode des ״ungünstigen politischen Wetters“, wurde in dieser inneren zionistischen Politik verbraucht. Das Result.1t war natürlich, daß die Organisation ganz im Banne dieser Politik stand und die Pläne des Palästina-Aufbaues vernachlässigte. Del der Schilderung der allgemeinen Lage ist es übrigens unbedingt notwendig, zwei Richtigstellungen vorzunehmen. Vor allem zeigte die historische Erfahrung, daß der ökonomische Aufbau naturgemäß einen kontinuierlichen Prozeß bedeutet, während die politischen ״Aktionen" absolut ah• •hängig sind von der Konjunktur und durchaus .,Saison“• Charakter haben. Als Resultat derselben Erfahrung stellt! sich des Ferneren heraus, daß die ״ökonomischen Zionisten“ (wir ertauben uns. diesen Terminus mit Rücksicht auf seine vollkommene Klarheit cinzuführcn) keinerlei aggressive Ten• denzen In bezug *»»f die Politik hatten, während die ״r>oli• tischen Zionisten“ (wir führen auch diesen ganz klaren Ter• minus ein) unaufhörliche Angriffe auf die Oekonomic unter• nahmen und noch bis zum heutigen Tage in ihr eine Konkurrenz erblicken. Die Periode 1915—1920 war die Periode des unbedingten Primates der Diplomatie über die Aufbauidee. Auch die prinzipieller» Gegner des ״politischen" Zionismus mußten diese objektive Wahrheit anerkennen. Erstens verschlang die Aus• schließlichkett der politischen Konjunktur fast die ganze Energie der zionistischen Bewegung: die Perspektiven der Kriegs- und Revolutionszeit waren ohne Beispiel in der Oeschicnte der jüdischen Renaissance. Außerdem machte die Abgeschnlttcnhcit Palästinas fast von der ganzen übrigen jüdischen Welt jede schöpferische Tätigkeit in Palästina unmöglich. 1920 erschien als Wendepunkt. Der Wechsel in der Fntcrnationalen Konjunktur vollzog sich in diesem lahrc end• Welt — sich mehr und mehr von den Losungen der ״Bc• freiung" irdziimachen: dies schwächte natürlich die Basis, von der aus die politischen Eroberungen ausgegangen waren. Außerdem Märten sich endgültig die Faktoren, welche die Oricnlpolflik Englands bestimmten. Es stellte sich heraus, daß die prozionistischen Stimmungen und Verpflichtungen zu konkurrieren haben mit der allgemein in England I urschenden Tendenz zur Einschränkung der sirlilbaren kolonialen Vernfllchtungcn und der Entschlossenheit, »ich auf die arabische Welt im Kampfe gegen die türkischen Aspirationen zu stützen. Für Jeden, der versieht, daß die Diplomatie nicht nur die Kunst Ist, eine günstige politische Konjunktur zu schaffen, sondern auch die Kunst, die bestehende Konjunktur aus zunützen, muß es klar sein, daß ungefähr in dieserZeit für diese schöpferische zionistische Diplomatie kein Raum war, und die Periode der defensiven Diplomatie anfing. Es war unbedingt nötig, die bestehende zionistische Position zu kräftigt n — von neuen Eroberungen konnte keine Rulc sein. Hingegen eröffnet? sich für die Idee des ökonomischen Aufbaues eine unermeßliche Perspektive des Schaffens. Die historische Erfahrung ergab, daß der Aufbau Palästinas gleich• zeitig — bei der neuen ungünstigen Konjunktur — die e i n z i g denkbare Form für eine politische Tätigkeit ist, da die diplomatischen Erfolge des Zionismus sich allzu abhängig von seinen ökonomischen Erfolgen erwiesen: noch mehr, sie stellten In ihrer Art einen Vorschuß vor, der dem Wcltjudentum gegeben wurde gegen die Bürgschaft der zu• künftigen ökonomischen Erfolge des Zionismus in Palästina. Wenn früher der Glaube an die Ökonomische Nützlichkeit und sogar Notwendigkeit der Juden für Palästina einer von den beiden Faktoren war, der für uns eine günstige internationale Konjunktur schuf, so war der andere das Rechnen auf die Sympathie des Internationalen Judentums, im Inter• esse des Krb'gserfolges, und man muß feststellen, daß 111! Iah re 1920 dieser zweite Faktor durchaus nicht mehr vor• handen war und daß die ökonomische Arbeit ln Palästina die Bedeutung des einzigen positiven Faktors fin .Kampfe um unsere politische Position gewann. War sich die zionistische; Bewegung dieser historischen Umwälzung bewußt? Hat sie die sich eröffnenden Perspektiven für den realen Aufbau in Palästina erkannt und genützt? Hat sie sich an die neuen Aufgaben gemacht, die ihr aus der neuen Periode erwuchsen? Leider nicht 1 Vor allen Dingen verstanden die politischen Zionisten aller Richtungen die neue Zeit ganz und gar nicht. 1

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