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Jüdische Rundschau · 1924-02-28 · Heft 17 (29.2.1924) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIX (1924)
Issue
Heft 17 (29.2.1924)
Date
1924-02-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 112 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr.!7 Versuchen wir einmal, die divergierenden Auffassungen der beiden einander in'gcmibei stellenden Richtungen von dem Ballast taktischer Koiiipii/icnmgcii und Verzerrungen zu be- 11 eie» und eie aut ihre letzte prinzipielle Formel zu bringen. l)ic eine Ansicht, wahrhaft radikal und konsequent zu Ende gedacht nml vertreten durch Weizmann, betrachtet als die eine und eigentlich einzige Aufgabe des Zionismus den mögliehst schnellen und möglichst großzügigen Aufbau eines jadiselion Palästina. Alks andere, was der Zionismus bisher als integralen Bestandteil seiner historischen Aufgabe betrachtet hat, die Erziehung des Judentums im Ciatuth, die Nationalisterung des Judentums, mit einem Wort das gesamte ungeheure Gebiet der (Jalutliarbeit tritt demgegenüber vollkommen in den Hintergrund. Weizmann hat auf dem letzten Kongreß kein Hehl aus dieser seiner Auffassung der zionistischen Aufgäbe gemacht. Er hat immer wiederholt, daß ihm Landes- Politik im Galuth sehr unwesentlich erscheint; und die sehr sorgfältig ausgeaijioilclc Programmrede, die er auf dem Kongiesse hielt, enthält denn auch charaktcristischerwcisc nichts von den AufgnlH'ii der Galuthpolitik, von hebräischer Kulturarbeit, von der Notwendigkeit des Aushaues der Organisation und allen diesen Dingen. Es kommt ihm einzig und .allein auf den möglichst schnellen Aufbau Palästinas an. Und da er glaubt, daß große Teile auch des nichtzionistischen Judentiniis bereit sind, an diesem Aufbau, sofern er von nationaler Ideologie befreit wird, sich zu beteiligen, so ist er bereit, das gesamte Werk mit diesen Gruppen zusammen zu vollbringen. Ebensowenig wie cs ihm primär auf die nationale Erziehung des Judentums im Galuth aukommt, ebensowenig legt er Wert darauf, daß die Aufbauarbeit in erster Reihe und zentral bcstimmt von dem nationalen Teil des Judentums geleistet wird. Und es ist nur eine folgerichtige Konsequenz dieser Anschauung, daß sie bereit ist, die Bedeutung der Zionistischen Organisation zu verkleinern und ihre Macht mit den nicht/ionistischcn, pal.istinafreundlichcn Kreisen zu teilen. Denn handelt cs sich wirklich nur um das Problem der möglichst umfassenden Ko- Ionisierung Palästinas durch. Juden, so ist nicht ciiuusehcn, warum in der Tat die Zionistische Organisation an ihren Vorrechten kraniplhaft fcsthallcu und nicht die Leitung des gesamten Aufbauwerkes in breitere, größere Gremien und Organisationsformen verlegen soll. Ich möchte diese Anschauung von der gegenwärtigen Aufgabe und vom Sinn des Zionismus als den m i n i 111 a 1 i s t i s c 11 e n Zionismus bezeichnen, als denjenigen, der die Aufgabe des Zionismus auf dieses einzige Minimum reduziert, und bereit ist, für die Verwirklichung dieses Minimums auf alles andere zu verzichten. Dieser minimalistisclicn Konzeption steht die andere gegenüber, diejenige, die ich als den maximalistischcn Zionismus bezeichnen möchte. Sie beschränkt sich nicht auf die Aufgabe des Aufbaus Palästinas, sondern sie reiht diese Aufgabe ein in eine Gcsamtauffassung von der Zukunft jüdischen Lebens und will Palästina nicht irgendwie losgelöst von den andern Fingen und Aufgaben der jüdischen Zukunft betrachten. Für sic ist Zionismus nicht nur Palästina-Aufbau, vielmehr gibt sie dem Zionismus die umfassendere Zielsetzung einer Revolutionier!!!^ des jüdischen Volkes auf allen Gebieten seines Lebens, einer grundsätzlichen Umgestaltung der jüdischen Lebensformen, des jüdischen Menschentyps, des jüdischen Geistes. Für sie hat Palästina nur den Sinn als wichtigstes Mittel einer solchen Erneuerung des jüdischen Volkes, und sie glaubt nicht, daß ein Aufbau Palästinas, der losgelöst ist von der nationalen Arbeit auf allen anderen Gebieten jüdischen Lehens, seine erneuernde Funktion wird erfüllen können. Von dieser Auffassung aus gelangt man natur• gemäß zur Folgerung, daß die Leitung des Palästinawerkes in der nationalen Volksbewegung des Zionismus liegen müsse, daß alle anderen Kreise des Judentums, die bereit sind, teil• ztmehmen an diesem Werk, wohl gewisse Strecken des langen und mühevollen Weges als Bundesgenossen mitgehen und ihnen auch gewisse Rechte cingcräumt «,׳erden können, daß aber keinesfalls die zentrale Stellung der Zionistischen Organisation als des leitenden und bestimmenden Trägers der Aufbauarbeit beeinträchtigt oder gar vernichtet werden darf,da sonst der Charakter und der Sinn des jüdischen Palästina in Frage gestellt würde. Dies sind in Wahrheit die einander gegenüberstehenden Auffassungen. Ich weiß, daß es sehr viele gibt, die es bestreiten und behaupten werden, daß cs sich bei den Anhängern von .Weizmann nicht um die Preisgabe irgendwelcher integralen Aufgaben des Zionismus, wie er bisher war, handle; daß vielmehr die oppositionellen Gnippen Gefahren einer Ver kleinen!ng dos Zionismm uohen, wo gar keim; edehen heteilen; und es ist zweifellos richtig, daß r.rhr viele von denjenigen, die heute bereit sind, WW/mnnns Politik Vorbehaltlos zu billigen, durchaus de•; guten Glaubens sind, radikale und maximalisüschc Zionisten zu sein. Ihnen ist zu erwidern, daß ihr Führer konsequenter ist als sic seihst, und daß sic noch nicht so weit sind, die prinzipiellen Richtlinien einer Politik zu erkennen, über die sich der eigentliche Vertreter und Führer dieser Politik schon längst im Klaren ist. Die gesamte Einstellung Wcizmanns und «eines Kreisen zur Organisation In den letzten Jahren, die systematische, ob bewußte oder trnbewußte Vernachlässigung organisatorischer Arbeit, dl« lndiffeienz. in der Beziclmn״ zu «lein Problem einer Reaktivierung und Intensivierung der Organisation; die Orientierung nach außen anstatt nach innen, die Verlegung des Schwerpunktes der Arbeit auf Gewinnung nichtzionistischcr Hilfskräfte anstatt der Propagierung und Erweiterung der Organisation, all dies sind für jeden, der frei von persönlicher Faszlnicrlhcit und kritikloser Gebundenheit an den Führer in der Lage ist, die Tendenzen der Politik und der Haltung Wcizmanns zu sehen, deutliche und drastische Symptome dessen, woraufhin er wirklich tendiert. Wem diese Symptome nicht genügen, der lese vorurteilsfrei und kühl »eine Reden auf dem Kongreß, besonders, wie ich schon erwähnte, seine Programmrede, in der diese Auffassung des mimtnalistischen Zionismus ganz, klar, ganz offen und sehr aufrichtig proklamiert wurde. Auf diese Auffassung kommt cs bei dem Kampf an, nicht auf all die Nebenfragen, die nur geeignet sind, diesen zentralen Konflikt zu verschleiern. Ob du Sekretär seine Befugnisse Übertritt oder nicht, kann an sich belanglos sein, wird aber in dem Augenblick wichtig, in dem ein solcher Fall Symptom der inneren Beziehung des Führers zur Organisation wird. Ob man den Nichtzioiiistcn in der Jcwish Agency eine Konzession mehr oder weniger macht, ist an sich nur eine Frage der Taktik; sie wird zu einer prinzipiellen Frage, sowie cs sich 11m die letzte Tendenz und Zielsetzung der Politik gegenüber den Nicht/ioiüstcn handelt. Der Kampf gegen das Weizmannsehe System und damit, wie ich nicht verhehlen will, gegen ihn selbst als den Träger des Systems, wäre in der Tat unver• antwortlichcr Personenkampf, wenn er nicht durch diese prinzipicllc Divergenz legitimiert wäre. Er wird aber zu einem nicht mir legitimen, sondern höchst notwendigen Kampf für die Wahrung des Sinnes und der historischen Aufgabe des Zionismus, sowie man begreift, daß diese prinzipielle Meinung«• Verschiedenheit in ihm zum Ausdruck kommt. Es handelt sich, anders gesagt, um die Frage der Be• Ziehung des Zionismus zum nichtzionistischen Judentum. Es geht um die Frage, ob der Zionismus weiterhin die revolutionäre Kampfbewegung des jüdischen Volkes bleiben soll, oder ob die Zeit gekommen ist, da er berechtigt, ja verpflichtet ist, Frieden mit dem Judentum von heute zu schließen. Wer glaubt — und Weizmann ist zweifellos dieses Glaubens — daß die Majorität des Judentums Innerlich für ein nationales jüdisches Zentrum in Palästina gewonnen sei, der hat das Recht zu verlangen, daß der Zionismus den Kampf cinstclle, Frieden schließe und in folgerichtiger Konsequenz sich einordne in größere Organisationsfonncn des gc• samten Judentums. Ich glaube nicht, daß diese Auffassung berechtigt ist. Sie läßt sich meines Erachtens durch die äußere Zustimmung großer Teile des Jüdischen Volkes zu einer jü• dischen Kolouisationsarbcit in Palästina täuschen. Palästina ist für das Gros des Judentums von heute nicht mehr Utopie, über die man lacht, nicht mehr Traum eines kleinen Häufleins von Schwärmern. Es ist salonfähig geworden, etwas Prak tisches, dem auch der nüchterne, ganz und gar unrevolutionäre jüdische Bürger zustimmen kann. Aber diese Zustimmung bedeutet heute keinesfalls, was sic vor dem Kriege bedeutet hat, ein wirklich zionistisches Erlebnis, eine wirkliche innere Wandlung des Juden, ein wirkliches Bekenntnis zu einem er• neuerten Judentum von morgen und übermorgen. Dies ist die entscheidende Erkenntnis in der Beurteilung dieser Frage Man kann der gleiche jüdische Baicbos sein, der man heute und vor zehn Jahren war, und kann Ja und Amen zu Pa lästina sagen, nachdem durch die Balkum-Deklaration Pa lästina etwas Praktische«, Heutiges, Aktuelles geworden Ist. Das Kriterium dafür, ob ein Jude wirklich den Erneuerung* tendenzen zionistischen Wollens zustimmt oder nicht, Ist heute viel weniger die Stellungnahme zum ökonomischen Palästina Aufbau, wie diejenige zur nationalen Arbeit Im Galuth. Dies ist das Charakteristikum der veränderten Situation im Juden tum nach der Balfour-Deklaration. Die revolutionierende Ten denz des Zionismus, jene, ohne die auch Palästina »eilten entscheidenden Sinn verliert, drückt sich heute In einem st;!!•, keren Maße ln der Natlonalklcnings.irheit, in der Galuth. politik des Zionismus aus, in den erzieherischen Funktionen des Zionismus auf allen Gebieten des jüdischen Lebens, ah m den rein ökonomischen und kolonisatorischen Arbeiten in pa. lästina. Deswegen — und dies Ist ein entscheidendes Symptom das den Wert eines Beweises hat, — sind alle jene jüdischen Kreise, die bereit sind, »ich an einer undemokr;!lisch aufge. bauten Jcwish Agency zu beteiligen, nicht bereit, au einem demokratischen, jüdischen Kongreß teilzimehim׳». Und eiten aus diesem Grunde ist cs die Aufgabe des Zionismus, will er seiner erzieherischen und revolutionierenden Tendenz treu btetben, auf den demokratischen Charakter der erweiterten Organisationsformen für den Aufbau Palästinas entscheidenden Wert zu legen. Es handelt sich hier nicht einmal in erster Reihe um die Frage des Wertes der formalen Demokratie. Ich kann mir durchaus verstellen, daß man die formale, politische Demo• kratie als ein Diirchgaiigssladiinn zu höheren Formen gesell• Bcliaftlichcr und politischer Organisation betrachtet. Aber .!1® Durchgangsstadium ist sie unvermeidlich, weil *ic das Symbol und das Kriterium der inneren Loslösung eines Juden von d«11 korrupten jüdischen Leise 11$formen von gestern und heute darstcllen. Hier liegt auch, es sei dies nebenbei bemerkt, der Orund dafür, daß die Kreise der jüdischen Assimilation in Amerika heule relativ leicht für das Aulbauwerk zu gewinnen sind, wenn man sie nicht zu einem Bekenntnis zu der demokratiscbcii und nationalen Form zwingt. Das amerikanische Judentum ist das einzige große Judentum der Welt, da» bis heute noch keine nationale Landespolitik und keine nationale Oalutliarbcit kennt, in dem Zionismus in der Tat auch praktisch den niintma'.i;i :eben Rahmen noch nicht gcspicngt ha'. Es f< h c!1 deswegen dort die Rcibutigsflächcn zwischen dem zionistischen und dem niclitzlonistischen Judentum. Unsere Aufgabe wäre cs, so paradox es klingt, diese Reibungsflüchen zu schaffen. Auch wenn die offiziellen Führer des amerikanischen Zionismus cs nicht wollen, ans einem mißverstandenen, nur auf Palästina- Arbeit begrenzten Zionismus heraus, wird der Gang des jüdischen Lebens sic dazu zwingen. Die Qcsetze der jüdischen Entwicklung, aus denen heraus der Zionismus in allen Ländern die Grenzen seiner Arbeit erweitert hat, bis zur Einbeziehung des gesamten Gebietes jüdischen Lebens, werden auch in Amerika in einer relativ kurzen Zeit ihre Geltung beweisen. Und in dem Moment, in dem das Judentum in Amerika na• tlonale Tendenzen zu dokumentieren beginnen wird, wird erst die entscheidende Phase des Zionismus beginnen; und sie wird wie überall eine Phase schärfsten Kampfes mit dem antinationalen Judentum sein. Damm wird, selbst wenn der amerikanische Zionismus, von Weizmann geführt! heute, be* vor der Kampf noch durchgekämpft ist, schon seinen Frieden mit den nichtzionistischen Juden Amerikas schließt, dieser Frieden nur provisorisch sein, weil die große Tendenz de« jüdischen Lebens stärker ist als die Politik einzelner jüdischer Politiker. Die Zeit ist eben noch nicht reif für eine Abdankung des Zionismus in seinem Charakter als die revolutionierende Kampforganisation des Judentums. Ich glaube sogar, daß selbst gesehen nur vom Standpunkt der Palästina-Arbeit dieser Zeitpunkt noch nicht gekommen Ist. Daß große Teile des nicht« zionistischen Judentums heute zu einer ökonomischen und finanziellen Mitwirkung bereit sind, ist zweifellos sehr erfreulieh, und man soll von dieser Bereitschaft so weit Gebrauch machen, als nur möglich ist. Aber die Garantie für eine Dauer dieser Bereitschaft scheint mir noch keinesfalls pc* geben zu sein, wenn man den Komplex der Fragen unter weiteren Gesichtspunkten befrachtet. Noch haben die nichtzionistischen palästinafreundlichen Kreise, die man hcranz'chcn will, keine Probe aufs Exempel abgelegt; noch haben sie In keinem kritischen Stadium die Zuverlässigkeit ihrer Bereitschaft erhärtet. Wir haben schon einmal — es muß ln diesem Zusammenhänge darauf hingewiesen werden — erlebt, wie schnell und wie radikal sich nichtzionistische Kreise von Palästinafreunden zu Palästinagegnern wandeln können: in den hoffentlich noch unvergessenen Zeiten des Sprachenkampfe» mit dem Hilfsverein der deutschen Juden. Wir hatten und haben wahrscheinlich noch heute keinen besseren Freund unserer Sache, als es in den Jahren vor dem Sprachenkampf Paul Nathan war, und es gibt keine nichtzionistischc Organisation, deren Palästina-Arbeit uns national so zuverlässig erschien, wie cs bei der Arbeit des Hilfsvereins der Fall war. Trotzdem bedurfte cs nur eines relativ geringfügigen An- Ans dem NoUzbiiclie eines zionistischen Sträflings IV. 1h> zogen »ich Tag für Tag hin, cs wechselten Licht und Dunkel in der eintönigen Abwickelung des Gcfängnislebcns. Der rauhe Winter brachte unerwartete Ueberraschungcn; die Wände trieften vom Rcgcnwasscr, und von der Decke rieselte es herunter. Man suchte sich dann eben die trockenen Stellen aus, kauerte da zusammen und vertrieb sich die Langeweile durch allerhand Scherze. Uebcrliatipt verließ uns die gute Laune nie, man war übermütig und gut gestimmt; die Nach• richten von der Außenwelt lauteten günstig, die Bewegung nahm zu, die Partei war nicht nur wicdcrhcrgcsetclit, sondern wir sahen, wie neue Leute in die Bresche sprangen und uns mit Erfolg ersetzten. Am 7. Januar 1023 wurden wir von der strengen Isolierung befreit. Es werden nämlich für die strenge Isolierung zwei Monate pro Jahr gerechnet, d. h. also, wenn wir zu zwei Jahren verurteilt waren, so hatten wir vier Monate in strenger Isolation zu sitzen. Nun war die Zeit abgelaufen und wir rückten automatisch in eine neue Kate• goric auf — die ohne Isolierung. Zunächst bekamen wir noch Freiheit innerhalb des Gefängnisses, wurden in andere trockenere Zellen gebracht, die am Tage nicht verschlossen waren. Ein Teil von uns durfte sa'ch ins Gefängnis ihres Heimatsortes versetzen lassen, um näher bei ihren Familien zu sein. Der neue Zustand brachte auch neue Konflikte mit sich, man wollte uns durchaus zu uns fremden Arbeiten zwin• gen. Natürlich wurde daraus nichts, wir verweigerten grund• satzlich jede Arbeit, die außerhalb des Fachgebietes eines jeden Einzelnen lag. Es kam oft zu lebhaftem Wortwechsel, mancher mußte sich auch eine Disziplinarstrafe gefallen lassen, doch wurde auch diese Position behauptet, und die Ge• fängnisverwnltung selbst suchte irgendeine passende Beschäftigung für uns, tun diesen Scherereien aus dem Wege zu gehen. Einmal wurden wir nachts vom Aufseher geweckt, der uns den Befehl des diensttuenden Offiziers übermittelte, wir tollten uns sofort «!!ziehen und im Hofe den Schnee wegfegen. Wir ließen ihm sagen, wir schliefen schon. Am nächsten Morgen kam cs zu einem gewaltigen Krach, die gesamte Verwaltung war versammelt, cs regnete Drohungen — wir blieben aber fest und verlangten, nur nach unseren speziellen Kenntnissen beschäftigt zu werden. Diese Schnecgcschichta war der Ab• Schluß aller Konflikte wegen unserer Arbeit. Es war eben mit uns nichts zu machen. Als der Gefängnisdirektor von seinem Rechte, einzelne von uns mit verschiedenen Aufträgen in die Stadt zu schicken, Gebrauch zu machen anfing, kam es zu einen! eigenartigen Notenwechsel zwischen der Staatspolitiken Abteilung (O. P. U.) und der Haftlokal Verwaltung. Die O. P. U. behauptete nämlich, unser Erscheinen in den Straßen Kiews stelle eine Gefahr für die Sowjet-Republik dar. Die Gcfängnlsvcrwaltung, in der auch Vertreter der Staatsanwaltschaft sitzen, schien die Sache nicht 80 ernst zu nehmen: sie antwortete, daß sie keine besondere Gefahr darin erblicken könne. Ich glaube kaum, daß dieser Mcinungsaus• tausch gute Folgen für uns gezeitigt hätte, wenn inzwischen nicht Ereignisse ganz besonderer Art eingetreten wären. Anfang August 1923 war die Sachlage folgendermaßen: im K i e w e r Gefängnis befanden sich von uns 7 Mann, davon 2 bei einer Gefangencnarbeitcrkolonnc 20 km von Kiew entfernt (einer als Arzt, der andere als Lehrer), einer arbeitete in der Gefängnisapotheke, die vier anderen waren in den verschiedenen Kanzleien der Oefängnisvcrwaltung tätig. Da kam der 11. August mit einer großem Uebcrraschung: Es war ein schwüler Sommerfag. Ich war als Lehrer bei der oben erwähnten Arbcitcrkolonnc, hatte wenig zu tun, und da ich das vollständige Vertrauen der Aufseher genoß, schleuderte ich ün Walde umher. Nachmittag überfiel mich Müdigkeit und ich schlief im Walde ein, 80 daß es schon ziemlich spät war, als ich ln das Lager zurückkchrtc. Schon beirr! Hcrannalicii hörte ich meinen Namen!׳ufeii, Ich dachte natürlich sofort an irgendeinen überraschenden Besuch der Gcfängnisverwaltung. Wie groß war aber mein Erstaunen. als man mir meldete, daß laut eben empfangenem Befehl Dr, lurje und Ich sofort nach, dem Oefängnts in die Stadt zu bringen seien. Zur Ucberlegung gab es keine Zeit, schnell wurde gepackt, einige - Kilometer mit einem Aufseher bis an ,die Bahn marschiert und dann in die Stadt gefahren. Wir waren überzeugt, daß die Folgen der oben erwähnten Kontro• verse mit der O. P. U. eingetreten seien. Wir fühlten uns ja viel freier in der Ocfangcnenkolonnc außerhalb Kiews. Es war schon 11 Uhr abends, als man uns ins Gefängnis abliefertc. Schon der uns empfangende Wachtmeister wußte «lic merkwürdigsten Geschichten von unserem Schicksal zu erzählen: er behauptete, wir gingen bereits morgen nach Archangelsk, der andere verneinte dies und beteuerte, daß man uns nach Palästina schicke. Es Ing etwas Sonderbares in der Luft. Der nächste Tag brachte die Aufklärung. Vertreter der G. P. U. gaben uns den Beschluß des Exekutivkomitees der Ukrainischem Sowjet - Republik bekannt, nach dem wir aus der Haft entlassen und aus dem Gebiet Sowjet-Rußlands verwiesen werden sollen. Der Beschluß war vom 4. Juli datiert, etwas über einen Monat wnnderte er von Chatkow bis Kiew, Sehr human war es, mit der Ausführung dieses Beschlusses die menschenfreundliche G, P. U. zu betrauen. Wir sollten uns innerhalb vier Tagen nach Charkow begeben, wo das weitere veranlaßt werden sollte. Aus den vier Tagen wurden allerdings acht Während dieser Woche mußten wir öfter das G. P. U. besuchen. Große Stöße jüdischer und hebräischer Zeitschriften lagen im Zimmer des Bevollmächtigten für jüdische Angelegenheiten. Er schmunzelte, wenn er unsere neugierigen Blicke merkte, fragte ironisch, ob wir nichts neues vom Kongreß erfahren wollten, ließ sich aber in Details nicht ein. Die palästinensische Presse fehlte auch nicht und eine gut angelegte Handbibliothek über die verschiedensten jüdischen Fragen vervollkommnte dieses ״Studierzimmer“. Nun ging cs nach Charkow. Wir fuhren zwar frei, aber cs schien, daß man uns überwachte. Es ist klar, daß wir noch In Charkow keinen unserer Chawerim sehen durften. In Charkow wurden wir,einzeln vorgenommen. Ein junger 1

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