Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 17 (29.2.1924)
- Date
- 1924-02-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Für Oesterreich! l’ostsparkassenamt Wien, Konto Nr. 156 030, F'ilr Tschechoslowakei; i'oslsparkassenarat i'rajj, Konto Nr.59410, — Rcdaktionsschlnß Sonntag und Mittwoch nachmittag. — כ״ד אדר א׳ תרס״ד XXIX. Jahrqp, Der Zionismus erstrebt für das JUdischa Volte dio Sette einer Öffentlich rechtlich gesicherten iiolmstälta in Palästina. ,,Baseler Programm.“ Propaganda und Erziehung Die amerikanischen Zionisten haben gleichzeitig mit der Vorbereitung der Keren Hajessod ־ Arbeit in den verschiedenen Städten eine ,,Mcmben>Uip Campagne" untcrnoinnirn, um die in den letzten Jahren ziemlich gesunkene Mitgliederzahl der Zionistischen Organisation Amerikas wieder zu heben. Als Ziel dieser «auch von Weizmann aktiv unterstützten, rein zionistischen Propaganda-Aktion wurde die Gewinnung von hunderttausend Mitgliedern bezeichnet. Nadi den Berichten der amerikanischen zionistischen Presse hat die ״Membersliip Campagne" einen guten Verlauf genommen, so daß die Zionistische Organisation Amerikas jetzt glaubt, eine Parole für den Keren Hajessod ausgeben zu können, die nicht weniger als 5 Millionen Dollar als Kontingent der Vereinigten Staaten für das Jahr 1921 vorsiciit. Die amerikanischen Zionisten konnten sich in den letzten Jahren unter dem Drucke ihrer groben Verpflichtungen dem Keren i lajcssod gegenüber weniger als frülicr dem Ausbau ihrer Landesorganisation widmen. Es hat sich gezeigt, daß dies auch unter dem Gesichtspunkte der Keren Hajcssod-Arbcit ein Fehler war. Wie bei jeder Sammlung, ist cs auch bei dein Keren Hajessod entscheidend, ob sich genügend viel Mitarbeiter, freiwillige und beamtete, zur Verfügung stellen. Man hat wohl in Amerika ebenso wie in den andern Ländern die Erfahrung gemacht, daß auch in der Organisation des Keren Hajessod, die neutral und von der Zionistischen Organisation ganz getrennt ist, das einzig aktive Element die Zionisten sind. In einer etwas extremen Forumlierung wurde einmal über die Aussichten des Keren Hajessod gesagt, daß das Geld auf der Straße läge, aber die Menschen fehlten, cs aufzuheben. Auch für die Zukunft werden wir damit zu rechnen haben, daß cs hauptsächlich die Zionisten sein werden, die sich der unangenehmen und schweren Aufgabe unterziehen müssen, das Geld zu holen — eine schwerere und unangenehmere Aufgabe jedenfalls, als die, das Geld zu geben. — Man muß sich darüber im Klaren sein, daß durch eine bloße ״Membership Campagne" vielleicht neue Mitglieder der zionistischen Ortsgruppen, aber noch keine neuen Zionisten gewonnen werden. Sonst wäre die Zahl der Mitglieder der Zionistischen Organisation in Amerika nicht von zirka 170 000 auf weniger als 30000 gesunken. Es ist bemerkenswert, daß gleichzeitig mit dem deutschen Zionismus, der in diesem Winter wieder einmal die Propaganda in den Vordergrund seiner Tätigkeit stellte, auch die amerikanischen Zionisten dasselbe Bedürfnis empfanden. Vielleicht war bei ihnen mehr der oben erwähnte praktische Gesichtspunkt, neue Werber für den Keren Hajessod zu gewinnen, oder auch die Stellung der amerikanischen Zionisten in der Weltorganisation zu befestigen, und ihnen eine stärkere Vertretung beim nächsten Kongreß zu sichern als bei dem letzten, ausschlaggebend. Vielleicht hatten die führenden Zionisten in Amerika aber das gleiche Empfinden wie wir in Deutschland, daß nämlich ohne neue geistige Impulse die reine Geldsammelarbcit psychologisch auf die Dauer einfach unerträglich werden muß. Die Erkenntnis ist notwendig, daß die zionistische Propaganda, die, wie sich inzwischen herausgestellt hat, gleichzeitig auch die einzig wirksame Keren Hajessod- Propaganda ist, nur den Beginn darstelit, der seine Fortsetzung in dem unvergleichlich schwereren Werk finden muß, das in Deutschland die zionistische Er- Ziehung genannt wird. Es wird auch in Amerika, wo man bisher verhältnismäßig wenig auf dem Gebiete der zionistischen Erziehung getan hat, erforderlich sein, die erreichten propagandistischen Erfolge durch diese auszuwerten. Sonst wird das Gleiche eintreten, wie in den früheren Jahren: die neugewonnenen Mitglieder, die man niciit zu fesseln und unter dauernden geistigen Einfluß zu stellen vermocht hat, werden wieder abfallcn und neue Anstrengungen, ״Drives“ und ״Campagnen", werden notwendig sein, sie wieder zu gewinnen. Es erscheint uns als unbedingt erforderlich, daß nicht nur die einzelnen Landsmannschaften, sondern auch die zentrale Leitung der Weltorganisation sich darum mit der Frage der zionistischen Propaganda und der zionistischcn Erziehung eingehender befaßt. Nach drei Jahren der Keren Hajessod - Arbeit wird es ferner notwendig sein, die Erfahrungen darüber zu sammeln, weiche Propaganda-Methoden auch im Keren Hajessod sich als die besten erwiesen haben. Wir glauben, daß die Möglichkeit besteht, die bisher so sehr beklagte Zersplitterung der zionistischen Arbeit in Keren Hajessod- Und reiner zionistischer Tätigkeit verschwinden zu lassen, und die einheitlichen ideologischen Voraussetzungen Zionistischen Wirkens überhaupt herauszuarbeiten. Es ist unwahrscheinlich, daß eine einheitliche Meinung im Zionismus über diese Voraussetzungen herbeigeführt Verden kann. Aber es wäre schon viel erreicht, wenn Bcsß'dgcüfl der EaUour-Deklaration durch die cagllsclie Regierung Eine Erklärung des Koionialm inisters Eine Londoner Meldung des Wolffschen Tel.-Büros vom 25. Februar (die von den meisten Berliner Blättern nicht wiedergegeben wurde) besagt: Der Staatssekretär für die Kolonien, Thomas, erklärte auf eine Anfrage im Unterhause über die Politik der Regierung mit Bezug auf die Zukunft Palästinas, die Regierung!iahe nach sorgfältiger Erwägung aller Umstände bcschlossen, an der Politik der Verwirklichung der B a 1 f ou rerk iä ru n g vom Jahre 1917 festzu halten, in der sicli Großbritannien verpflichtet habe, die Schaffung einer nationalen Heimstatte für das jüdische Volk in Palästina zu fördern, wobei vorausgesetzt' werde, daß nichts getan werden solle, um die zivilen und religiösen Rechte anderer Gemeinschaften im Linde zu beeinträchtigen. Wie das Haus wisse, sei diese Politik in dein Mandat für Palästina enthalten, das vom Völkerbund gebilligt worden sei. Eine Interpellation über das Ruthcnbcrg Unternehmen im Unterhaus Am 25. Februar fragte Mr. Becker (konservativ) nach einem '1 imcs'-liericht den Koloiiialmimstcr: ob die Inhaber der Kutucubcrg-Konzcssion die Wasserkräfte des Jordans entwickeln; ob irgendwelche elektrische Energie durch Wasserkraft gewonnen werde; ob noch Heizanlagen die Energie für die elektrische Kraft schaffen; wenn die Wasserkraft noch nicht entwickelt sei, ob der Kolonialsckretar erwägen wolle, ob die ״Herrn Ruthcnbcrg“ gegebene Konzession nicht annulliert werden solle; und ob er eine Nachricht von der Stadt Jaffa erhalten habe, die gegen die Verfügung der palästinensischen Regierung protestiere, der Ruthoiiberg-Companv zu erlauben, in den Straßen elektrische Lichtpfosten zu errichten. J. ii. Thomas, Staatssekretär für die Kolonien, antwortelc: Ich höre, daß die Werke, durch die elektrische Energie aus den Wasserkräften des Jordans gewonnen werden sollen, sehr bald in Angriff genommen werden. Meine Antwort auf den dritten Teil der Fiagc ist bejahend, die auf den zweiten, vierten und fünften Teil verneinend. Mr. Becker fragte, ob der Staatssekretär darauf sollen wolle, daß auf die Ruthenberg-Company ein Druck ausgeübt weale, damit sie alle Aufträge auf 1 urbinen oder Dynamos, die sie benötigt, in England vergebe. Mr. Thomas: Ich habe bereits mehrere Schritte unternommen, um Aufträge für England zu sichern, und ich gedenke, diese Politik weiter zu verfolgen. (Beifall bei der Opposition.) Aber sich dieser Politik ohne Rücksicht auf irgendwelche andere Erwägungen zu verschreiben, kann ich nicht gutheißen. Sir W. J ohnson-Hicks (der bekannte Antizionist und Mitglied des letzten konservativen Kabinetts): in Anbetracht dessen, daß das Unterhaus von der Konzession über IS Monate nichts gehört hat, will der Staatssekretär einen ausführlichen Bericht darüber cinhofen, in welcher Weise sic ausgeführt wurde? — Mr. Thomas: Gewiß! — Captain W. Denn (liberal): Wurde von der früheren Regierung irgend etwas unternommen, um einen Bericht über diese Konzession zu erlangen? (Beifall.) — Mr. Thomas antwortete, diese Frage könne ebensogut jemand anderem gestellt werden. einmal von verschiedenen Seiten der Versuch gemacht würde, ein solches geschlossenes System zionistischer Arbeit auszuarBeiten. Wenn die Ergebnisse sich dann nicht ganz miteinander decken, sondern nur teilweise, oder sich auch nur berühren, so wird eben die Erfahrung weiterer Jahre lehren, welches System in jedem einzelnen Lande das richtige ist und ob überhaupt für jedes Land besondere Arbeitsmethoden erforderlich sind, oder ob es nicht vielmehr niciit mir ein einheitliches, universal geltendes zionistisches Programm, sondern auch eine ebensolche Methodik zionistischer Arbeit gibt. Gerade jetzt, da wir in einem 1 volleren Ausmaße als früher vor einem Zusammenarbeiten mit den Nichtzionisten stellen und wir für diese nach außen gerichtete Tätigkeit, von der noch nicht feststeht, ob sie sich in den bisherigen Formen der Keren Hajcssod-Arbcit erschöpfen wird, unsere Kräfte sammeln müssen, darf niciit wieder der Felder wie vor drei Jahren begangen werden, daß unsere ganze Aufmerksamkeit und Energie von dieser einen Aufgabe absorbiert wird. Die Zionistische Organisation kann durch keine nodi so enge Kooperation mit Nichtzionisten ausdrücklich oder stillschweigend auf den Ansprucii verzichten, weiter zionistische Propaganda zu treiben und niciit nur Unter- Stützung für den Palästina-Aufbau, sondern auch neue Zionisten zu gewinnen. Wenn Weizmann auf der amerikanischen Palästina - Konferenz erklärte, daß wir keine Konzessionen der Gesinnung verlangen noch machen wollen, so heißt dies auch, daß keine Konzession in der Frage möglich ist, ob wir diese Gesinnung verbreiten dürfen oder nicht. Zionistische Propaganda und Erziehung müssen vielmehr noch stärker als früher in den Vordergrund unserer Tätigkeit treten. S. K. IHaxImallsUscher nad mlnhualistischer Zionismus Von Dr. Nach um Go Id mann. Es ist an der Zeit, die heftigen Diskussionen über die innere Lage der Bewegung, die, besonders im Anschluß au die Demission von Dr. Soloweitschik, in den letzten Wochen wieder verstärkt anflebten, auf eine prinzipielle Basis zurück, zuüilircn und sie des unerträglichen Charakters rein persönlieh cingcdcUtcr gegenseitiger Beschuldigungen zu entkleiden. Wer diese Diskussionen der letzten Zeit aufmerksam veifolgt hat, mit einem feineren Gefühl für den menschlichen Ton, au! den sie gestimmt waren, wird sehr beunruhigt sein müssen über den Zustand weiter Kreise der Organisation, der durch die Form dieser Mcimingskämpfe aufgedeckt wird. Es hat geradezu den Anschein, als 0t» man bei uns nicht mehr in der Lage ist, prinzipielle Meinungsverschiedenheiten und Differenzen sachlich zu erörtern und zur Entscheidung zu bringen. Schuld daran trägt, wie ich glaube, in erster Reihe eine falsche Angst vor jedem Mcinungskarnpfc innerhalb der Organisation. Wenn irgendwo innerhalb leitender Kreise der Bewegung Meinungsverschiedenheiten auftauehen, beginnt man gleich von einer Krise zu sprechen, und alle Graishüter der Bewegung halten sich für verpflichtet, sich schützend vor die Organisation zu stellen, deren Existenz sic durch die Krise für gefährdet erklären. Es drückt sich hierin ein Gefühl der Unsicherheit und der Schwäche aus, das, wem! es wirklich berechtigt wäre, in einem noch höheren Grade besorgniserregend wäre, als es auch so ist. Das Gefühl ist falsch. Der Zionismus ist stark genug, um prinzipielle Differenzen, auch wenn sie in einer leidenschaftlichen Form ausgekämpft werden, zu ertragen. Es gah niemals eine Epoche zionistischer Entwicklung, die nicht von solchen Differenzen erfüllt war, und wenn man dies eine Krise nennt, so ist die Geschichte des Zionismus nur eine Aufeinanderfolge solcher Krisen. Und das Wachstum der Bewegung hat bewiesen, daß diese Krisen uns recht gut bekommen sind. Der prinzipielle Mcinurigskampf gehört zum Wesen des Zionismus, so lange er eine von Ideen und Idealen bestimmte Bewegung ist. Was philanthropische Organisationen und Nofabcln-Komitccs nicht ertragen, innere Kämpfe und Auseinandersetzungen, weil ihnen die verbindende Idee fehlt, die stärker ist als diese Kämpfe, das kann der Zionismus nicht nur ertragen, sondern dessen bedarf er geradezu als Quelle innerer Aktivität und Entwicklung. Man soll daher — es •ist leider nötig, dies heute zu sagen — nicht gleich beunruhig! sein bei dem Kampf um prinzipielle Mcinungsverschkdcnhcitcn und soll nicht versuchen, sic zu unterdrücken, indem man ihnen fälschlicherweise den Charakter persönlicher Intrigen aufdrückt. Alan schafft dadurch eine Panikstimmung, die wirklich gefährlich werden kann und, weit davon entfernt, die wirkliche Austragung der Gegensätze zu unterbinden, die unvermeidlich ist, schwächt rnan die Kraft der Bewegung, an diesen Entscheidungen innerlich zu wachsen. Die inneren Konflikte, die eigentlich schon seit Jahren die Organisation beschäftigen und immer mehr ihrer Ent- Scheidung zudrängen, sind nicht irgendwie zufälliger oder willkürlicher Natur, sondern stellen ein Stadium dar, durch das die Bewegung in der Phase, in der sic sich gegenwärtig befindet, liindurciischreücn muß. Es handelt sich um eine Krisis, die jede idealistische Bewegung im Stadium ihrer beginnenden Verwirklichung durchmacht. Solange der Zionismus eine reine Kampforgaiiisation war, Trägerin und Verkünderin •von Forderungen, die, gemessen an den Aussichten des Tages, utopisch waren, beherrscht von der Begeisterung für ein Ziel, dessen Verwirklichung■ in weiter Ferne zu liegen schien, war das Problem der Mittel zur Realisierung dieses Zieles ein etwas abseits liegendes und peripheres, das keine konkrete Bedeutung für die Entwicklung der Bewegung haben konnte. Was Zionisten einte, das war die Forderng eines jüdischen Palästina und, da die Erfüllung dieser Forderung eine Frage ferner Zukunft war, zerbrach sich niemand den Kopf, wie ein jüdisches Palästina auf/ubaucn sei, vielmehr war die Bewegung geeint durch den Kampf gegen die Majoritiit des Judentums, die diese Forderung ablehnte, und gegen die Majorit.it der nichtjüdischcu Welt, die sic nicht ernst nahm. Im Augenblick aber, da diese Forderung nicht mehr eine Sache ferner Zukunft, sondern in ihrer Verwirkliclnmg die Frage von heute und morgen ward, mußten naturgemäß die Probleme der anzuwendenden Mittel, die Fragen des Weges, der zu diesem Ziele führen soll, in den Vordergrund des zionistischen Interesses treten. Und das bedingt selbstverständlich die Entstehung einer großen Zahl von Fragen, auf die die Bewegung noch unvorbereitet war, und zu deren Klärung und Entscheidung sie einer Reihe von Jahren bedarf. Die Auseinandersetzung wegen dieser Fragen bildet, wenn man tiefer blickt, den eigentlichen Inhalt all der Kämpfe und Divcrgcnz.cn der letzten Jahre, die sicli in den einzelnen Krisen ausgedrückt haben. Wenn man dies so versteht, wird man begreifen, daß dieses Stadium unvermeidlich Ist und wahrscheinlich noch eine längere Zeit anhaltcn wird. Alle idealistischen Bewegungen in der Geschichte haben dasselbe Stadium durchmachen müssen, und wenn eine Analogie erlaubt ist, so sei auf das Beispiel des internationalen Sozialismus hingewiesen, der einig war, solange es sicli um einen Kampf für ein fernlicgendes Ziel handelte, der aber sofort sich spaltete, sowie er zur Macht gelangte und die Fragen der Methoden der Verwirklichung für ihn aktuell wurden. Es wird von der Kraft der zionistischen Bewegung abhängen, ob sie imstande sein wird, aus diesem Stadium geschlossen und ungebrochen hcrvorzug'ehen. Sic wird diese Kraft nur haben, wenn man die Unvermeidlichkeit und schicksalhafte Notwendigkeit dieser kritischen Phase cinsicht und steh bemüht, sachlich und immer 1 nur«als treuer Diener der zionistischen Idee die Kämpfe dies«־ I Phase zum Austrag zu bringen.