Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 15 (22.2.1924)
- Date
- 1924-02-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15!UEDISCHE RUNDSCHAU Seite 00 Eine diesem Prozentsatz entsprechende Auszahlung mußte infolgedessen automatisch die gerechte Reduktion herbei• führen. Vom 1. April an sollten sukzessive diejenigen Betrüge, um die der Misrnchi hiernach zu Unrecht etwa gekürzt sein sollte, nachgezahlt werden. Die Festlegung dieses Termins dürfte darauf beruht haben, daß man mit Erhöhung der Eingänge vom 1. April rechnete und daß bis dahin vor allem das vorzugsweise zu berücksichtigende Lamhvirtschaits-De. partement im wesentlichen befriedigt sein wird. 4. Die schriftlich abgegebene Erklärung ist von der Palästina-Exekutive nicht eingehalten worden. Die Beträge, die der Misrachi erhalten hat, schwankten zwischen 2 und 3 0׳,״ statt der zugesagten 4 ״/o. Bei dem minimalen Budget, um das cs sich handelt, ist dies eine unerträgliche Reduktion. Nach mehrfachem Hin und Her hat die Palästina• Exekutive erklärt, sich an die von ihr gegebene Zusage nicht zu halten. 5. Herr Prof. Pick hat daraufhin erklärt, an den Arbeiten einer Exekutive, die sich an ihr eigenes Wort nicht hält, nicht tcilnchmen zu können, bis dieser Zustand wieder bcseitißt sei. 6. Diese Erklärung basiert keineswegs darauf, daß Herr Prof. Pick als Misrachist gewählt sei. Es wird jedem Zionisten verständlich sein, daß ein Mann wie Pick eine solche Erklärung auch abgegeben hätte, wenn cs sich nicht zufällig um den Misrachi gehandelt hätte, dem gegenüber eine solche verbindliche Zusage gebrochen werden sollte. 7. Wenn er aber sogar als Misrachist dies getan hätte, so wäre dies auch ein parlamentarisch durchaus verstandlieber Akt. Wir erinnern daran, daß auf dem letzten Kongreß dem Misrachi vorgeworfen worden ist, daß er in Opposition ginge, obgleich eins seiner prominenten Mitglieder weiter in der Exekutive sitze. Man würde also schwerlich ihm oder dem Misrachi einen Vorwurf machen können, wenn jetzt vor einem etwa notwendigen Eintritt in die Opposition die ent• sprechenden Konsequenzen gezogen würden. 8. Wir hoffen noch immer, daß der Schritt des Herrn Prof. Pick die geeignete Wirkung erzielen wird. Zentralbüro des Deutschen ,Misrach i‘." v Eine Kuntlflclmnfl liir das arbeitende Palästina Am 18. Februar fand in den ״Musiker-Sälen1' eine vom Berliner Komitee ״Für das arbeitende Erez-lsracl“ vernnstaltctc Versammlung als Auftakt einer großzügigen Aktion für die Institutionen der palästinensischen Arbeiterschaft statt. Ais erster Redner führte der sozialdemokratische Reichstags- Abgeordnete Eduard Bernstein aus: In der Zeit der ״Eintrocknung des Geistes“, des Mangels an Idealen hat die palästinensische Arbeiterschaft, getragen von großem Idcaiisnuis, in unmenschlicher Anstrengung viel Erfreuliches geschaffen. Gewiß wird sie noch Großes vollbringen. Er sei kein Zionist,' trotzdem rufe er zur werktätigen Hilfe für die palästinensische Arbeiterschaft auf und wolle selbst mittmi. Der nächste Redner, öerl Locker, Mitglied des Verbands• biiros der Poale Zion, schilderte den heroischen Kampf der Arbeiterschaft in Palästina, die trotz, aller Entbehrungen in schwerster Arbeit anshalt und glücklich ist, die Idee der Arbeit verwirklichen zu können. In Palästina hat die Arbeiter• schaft dem ganzen öffentlichen Leben ihren Stempel aufgedrückt. Der nächste Redner, Lnndtagsabg. Dr. Oskar Cohn, sagte, er setze große Hoffnungen auf die neuen Wege der Arbeit, die die palästinensische Arbeiterschaft beschritten hat. Er erinnert an die Worte Macdonalds, die dieser anläßlich seines Aufenthaltes in Palästina an die jüdische Arbeiterschaft gerichtet hat: ״Es Ist notwendig, daß der englische Arbeiter cs weiß, daß jeder, der die Lösung der Frage der Lohnarbeit sucht, nach Palästina gehen soll, daß jeder, der verstehen will, wie man den Boden nationalisiert, eure Geuosscnschaflen sehen muß; daß jeder, der sich für die Gildenbewegun״ interessiert, die Chaussee Tiberias-Emck aufsuchen soll.“ Zufetzt sprach Dr. Chain! Arlosoroff, Mitglied des Zcntralbüros der ״HLstachduth“: ״Arbeitendes Palästina*' ist heute mit Recht zum Schlagwort geworden in der ganzen zionistischen Bewegung. Der Funke der ״Chaluziuth“ wurde zum heiligen Feuer entflammt in der Person des geistigen Führers der palästinensischen Arbeiterschaft A. D. Gord.n1. Der Redner ruft die Jugend auf, in die Reihen der kämpfenden Arbeiterschaft Palästinas zu treten, die durch ihre ethische Kraft und Ausdauer unter schwersten Bedingungen die Kolonisation Palästinas ’auf eine Höhe gebracht hat daß sqgar die Gegner den Sieg zugeben müssen. * Ch. N. Bialik hat an die Versammlung das folgende Schreiben gerichtet: ״Liebe Brüder! Zu meinem Bedauern ist es mir unmöglich, an Eurer heutigen wichtigen Versamm• tat. ».■■ ..eua1-׳-!.!w1»«*egwgu«g1!»^i1gg1j:e1 i js=ssa^.mssss׳SBs;x1.rss‘ Berliner Zionistische Vereinlgun Gruppe Weet-Charloitcnburö Dienstag, den 26. Februar 1924, abend* K9Uhr pünktlich Im Logenhaui, Jeadilmtthaler Strafte 15. ״Sei den slmndinavUchcn Juden fo. Ein Reisebericht, erstaffei von Dr, AlfretlApfel SX'־׳\ K?A% ———_-_____ >.>1.x*xKKxxKxs^ouooa2i3üaooc*x»c3aotäi00Qaaaaa0Ex*x*toonaoaeaQ0ac1 lung tcilzunchmen. aber erlaubt mir dennoch, Euch, wenn aucli mir schriftlich, einen kleinen Teil davon zu sagen, was mein Herz für Euch fühlt — für Euch, die Ihr an der Wiedergeburt unseres Volkes und an dein Aufbau seines 1 Limes arbeitet. Je mehr und je tiefer ich die Arbeit unserer Chain zim betrachte, die den Aufbau unserer Heimat zum Ziele iiat, desto stärker wird in mir das Bewußtsein, daß — falls es in unserer Mitte eine Bewegung gibt, die den Stempel vou Wahrliest und Heiligkeit trägt, — eine Bewegung, welche im höchsten Sinne des Wörter, ethisch ist, cs die Arbeit unserer Jugend, unserer Chaluzim in Erez-lsracl ist. Wenn sie nicht wären, würde unsere Schande offenbar werden, unfähig würden wir dastchcu vor Gott und Menschen und verkriechen müßten wir uns vor lauter Schmach. Es gibt zwar unter uns viele Helden des Wortes, die Großes predigen und Grolles von anderen verlangen zur Verbesserung der Welt durch ein Leben der Arbeit, schwerster Entbehrungen. Aber unsere Chaluzim in Erez-lsracl und mir sie allein, verwirklichen diese Worte durch ihrer Hände Arbeit, in dem Bewußtsein, daß sic vor allem selbst erst ihre Seele läutern und erheben müssen. Sic waren die einzigen, welche die Kraft gefunden hatten, den dornenrekhen Pfad der ״vollen Wiederkehr“ zu betreten, den Weg, der einzig und allein zur Erlösung und Wiedergeburt führen wird. Schwer und lang ist der Weg, aber er ist der einzige, den wir gehen können, da ohne ihn jeder Wiederbelebungsversuch unnütz, jedes Streben Phantom ist. Segne Euch Gott, Euch alle, die Ihr die schwerste Last auf Eure Schultern nahmt. Glücklich gepriesen Ihr, die Ihr von der Geschichte auserwählt worden seid, dieses Werk zu beginnen. Fahret fort in Ausdatier und erwartet keinen Lohn. Der Lohn ist in Euch: Ihr erlöset Eure Seele. Ich beuge mich vor Euch und küsse den Staub Eurer wunden Füße.“ Konferenz der Zionisten aus dem Osten Sonntag, den 10. Februar, fand in Berlin im Zionistischen Heim eine Konferenz der in Deutschland wohnenden Zionisten aus dem Osten statt Den Vorsitz in dieser Konferenz führten die Herren Fett, Berlin, Dr. Büschel. Elberfeld, Schwarz, Dresden. Namens der Z. V. f. D. begrüßte die Konferenz Herr Dr. Landsberg, für die Berliner Gruppe der Zionisten aus dem Osten Herr Horn, für den ״Merkas Iwri“ Herr Weiß, für den Verband der Ostjuden Herr Z irn bc rkno pj, Ücber die jetzige Lage im Zionismus referierte Herr Dr. Nahm« Gold mann. An dieses Referat kmipfte sich eine sehr lebhafte Diskussion an, in der unter anderen Dr. Landsberg, Lieber, Chemnitz, und Lcr. ncr, Braunschweig, sprachen. Ueber die Lage der Ostiuden in Deutschland referierte Herr Fett, über Organisationsfragen Herr Dr. St ermann. In der Ausspräche, an der sich fast alle Delegierten beteiligten, wurde folgende Resolution beschlossen: ״Die in Berlin tagende Konferenz der Zionisten aus dem Osten wünscht die Aktivierung des ost|üdischcn Sekretariats bei der Z. V.f. D., das dem Landesvorstand untersteht, und empfiehlt das Arbeitsprogramm der Dresdener Konferenz. Zwecks Förderung der ostjüdischen zionistischen Arbeit in Deutschland wählt die Konferenz einen Arbeitsausschuß von sieben Personen.“ GRUPPE DER ZIONISTEN AUS DEM OSTEN mm*«•*•!וווו«•*••••• *•*•.•׳!•* t-Mt-t-rra1t ^r1t r1' r1rr-rT-r11n rnn1n׳»nr»nun1*u1»a MonUf, den 25. Fehrutr, ■bind« B Uhr im ZionlitSachta Heim, Landl Wg*r Sir. 89 Osijiidische Masaenvcroammlimg Thema: Un«erG0Iu*lmWeatcn,unt.Berücksichtigung der Lage der Ostjuden in Bayern w. im übrigen Deutschland, R*f«r«nt! Htrr Jakob Reich, Mönchen (1, voratrnidiU. Herr Prof. Dr. Slemuon Die Mitglieder werden gebeten, Gäste mitzubringen in den Arbeitsausschuß wurden einstimmig gewählt die Herren Dr. Ster man!1, Münz, Horn, Josefsberg, Berlin, Dr. Büschel, Elberfeld, Zimmermann. Hannover, Schwarz, Dresden. Zum Vorsitzenden wurde Herr Münz gewählt. Der Vorsitzende. Herr Fett, schloß die "Konferenz mit Dank an alle Delegierten fiir die geleistete Arbeit. Sämtliche Korresnoiidonzen an den Arbeit;ausschuß der ostjiidtschcn Zionisten sind an die Adresse: Zionistischer. Heim, Lar1dsl>crgcr Str. 89, z. I Id. des Herrn Josefsberg, zu richten. * Ueber den Verlauf der ostjikliselten Zionisten •Konferenz geht uns noch folgender Bericht zu: Der größte Teil der I agung war durch die Aussprache in Anspruch genommen, die sich an das politische Referat des Herrn Dr. Gold« m a 1111 schloß, der in diesem Referat den oppositionellen Standpunkt vertrat. Herr Dr. Landsberg wandte sich gegen die Ausführungen des Herrn Dr. Gold’mann und bedauerte, ebenso wie andere Diskussionsredner, daß man über- II aupt durch Anset/un;* eines politischen Referates und be• sonders eines einseitig gefärbten, eine längere Diskussion licrnufbeschworen habe, die die anderen wesentlichen Beratungsgegtnsländc der Tagung beeinträchtige, ln seinem Referat über die Lage der Üstjuden in Deutschland kritisierte der Vorsitzende, Herr Benzion Fett, die Tätigkeit des Arbcitcrfursorgcamtcs sowie die Haltung der Z.V.f.D. Ln der Ostjudenfrage, insbesondere auch in dem Kampf um das Gcmcindcwahlrccht. Herr Rudel vom Arbeiterfürsorgeamt widerlegte in längeren sachlichen Ausführungen die Kritik des Herrn Fett atu Arheiterfürsorgeamt, und Herr Di. Landsberg wandte sich gegen die Behauptungen des Herrn Fett, soweit sie sich auf die Ostjudenarbeit der Z.V.f.D. bezogen. Er wies in storniere an Hand von Beispielen nach, daß überall in IXmtsdiiand die Zionisten als die einzige Gnippe den Kampf für die Gleichberechtigung der Ostjuden in den' Gemeinden führen und in diesem Kampfe bereits vielfach Erfolge aufzuweisen haben. Herr Dr. Landsberg erkannte an, daß in der Propaganda Ostjuden verwandt werden müssen, weil ihnen besonders die neu zugewanderten ostjüdisclicn Kreise m Deutschland eher zugänglich sind ab einem westjüdischen Redner. Diese Erkenntnis dürfe aber nicht zur Gründung von ostjüdischen Gruppen führen da, wo diese nicht nötig sine oder die Arbeit der Ortsgruppen erschweren können; die wesentliche Aufgabe des Sekretariats sei vielmehr, dio Ortsgruppen in iiirer Arbeit unter den Ostjuilen durch Deratung oder Stellung von geeigneten Propagandisten zu unter• stützen. Herr Dr. St er mann vertrat in seinem Referat über die ostjüdische Arbeit gleichfalls den Standpunkt, daß die Arbeit innerhalb der Z.V.f.D. in Anlehnung an die Ortsgruppen und in engster Verbindung mit ihnen gemacht werden müsse und daß die Gründung ostjüdischer Gruppen nur dann in Frage komme, wo sie vom allgemein-zionistischen Gesichtspunkt aus gesehen notwendig und zweckmäßig sei und die Arbeit der Ortsgruppe nicht gefährde. In der von dem Vorsitzenden vorgcsdüagcncn Resolution wurde auf Antrag von Dr. Landsberg ausdrücklich zum Ausdruck gebracht, daß das ost jüdische Sekretariat nur dem Landes- Vorstand untersteht, um klarzustclkn, daß die Arbeit des Sekretariats im Rahmen der Z.V.f.D. zu geschehen habe. Die Konferenz schloß sich dieser Auffassung an. * Anläßlich der ostjüdisch-zionistischcn Konferenz fand ln Berlin eine Beratung über die Organisierung der allgemeinen Ostjudenarbeit in Deutschland statt. Herr Josef L i n referierte über die gegenwärtige Lage im Ost jiidcnvcrband, _ der eine Neugestaltung als Spifzenorganisation der ostjüdisclicn Gruppen erfahrt, und bczciclmetc als die wichtigsten Aufgaben für die nächste Zukunft: 1. Einbcrufung einer allgemeinen Ostjude 11 konfe. renz zur Behandlung der aktuellen Ostjudcnprobleme in Deutschland sowie zur Zusammenfassung der aktiven ostjüdischen Kräfte im Reiche; 2. Schaffung eines ostjüdischen Zeitungsorgans; 3. Begründung eines ostjüdischen Presseamtes zwecks Aufklärung der öffentlichen Meinung und der maßgebenden Kreise über die Kultur und das wahre Wesen des Ostjudenhims. In gleichem Sinne äußerten sich als Vertreter des Ostjudcnvcrbawles die Herren Samuel Haarpuder und Hechaluz, der die Sitzung leitete. Herr Benzion Fett stimmte den skizzierten Aufgaben bei und wies insbesondere auf die Notwendigkeit hin, die von einzelnen Ostjudengruppen geleistete soziale Hilfsarbcit zu zentralisieren und einheitlich zu gestalten. Herr Dr. Büschel lictonte die Drin dichkeit einer allgemeinen Ostjudenkonferenz, die in wenigen Wochen cinbcrufen werden müßte. Die Wichtigkeit einer solchen Konferenz wurde auch von den Herren Ocsterrcichcr, Wiesbaden, Goldbl um und Schwarz aus Dresden u. a. gewürdigt. Die Verhandlungen wurden am nächsten Tage fortgesetzt, in denen dem allgemeinen Wunsch auf baldige Einberuiung der Kogferenz Ausdruck gegeben wurde, Zuschriften an den Verband ost jüdischer Organisationen, Berlin N24, Auguststraße 17. tun und am Abend waren die meisten so müde, als ob sie den ganzen Tag Holz gehackt hätten. Man mußte früh aufstehen, im Winter ertönte die Glocke (das Appcllsignal) um 6, wobei zu bedenken ist, daß im Sowjetlande der Uhrzeiger um eine Stunde vorgerückt ist. Nun mußte das Bettzeug geordnet, womöglich alles schon aufgeräumt werden. Zum Appell mußte man schon angezogen sein. Nach dem Appell kommt die Bereitung des Frühstücks. Wir waren nicht auf die Staatskost angewiesen und cs begann dann bei uns das Frühstück. Die Pflichten waren verteilt, cs gab einen Zcllcnältcstcn und einen Hauswirt, für das Reinemachen sorgte jeden Tag ein anderer. Es gab Stunden im ׳Tage, wo jedes Geräusch oder Gespräch in der Zelle vorboten wurde. Es waren ״Schweigestunden''. Die mußten wir anordnen und strikte innchaltcn, damit Zeit zum ungestörten Lesen oder Lernen bliebe. Es wurde viel Schach und Dame gespielt, viel gelesen, weniger gelernt (es fehlt eben im Gefängnis jene Konzentrationsfähigkeit, die dazu nötig ist) und am meisten diskutiert. Nun konnte man sich endlich aussprechen, die Redner wurden zeitlich nicht so beschränkt und die Rednerliste war stets offen. Zweimal wöchentlich gab cs Besuche: Mittwoch und Sonnabend. Anfangs bloß durch das Gitter. Es überläuft mich noch heute kalt bei der Erinnerung, wie mein zweijähriger Sohn durch das Gitter mir die Finger reichte. Was mag da in dem kleinen lieben Köpfchen alles vorgegangen sein! Man unterhielt sich 10—15 Minuten, man hatte sich so viel zu sagen, aber kaum hatte man sich besonnen, war das Rendezvous zu Ende. Nach vierjähriger Ehe mußten meine Frau und ich uns wieder Rendezvous geben. Allmählich wurde noch ein Erfolg errungen: wir durften ״persönliche" Rendezvous haben. Das heißt, wir wurden vor das Gitter geführt und konnten uns da mit unseren Lieben unterhalten. Ich konnte wenigstens meinen Sohn auf den Arm nehmen und vergebens eine Antwort auf seine Frage suchen, weshalb ich nicht mit ihm nach Hause wolle, Manu wäre doch «0 gut Es war zum Verrücktwerden, ״ Vielfach machten wir auch Gedichte. Ich für mein Teil glaube, daß, wenn einer, der nach der Tertia, höchstens der Sekunda, keine Gedichte mehr machte, auf einmal zu dichten anfängt, dies für ihn eia böses Symptom ist. Einige von uns erlagen aber dieser Krankheit. Nach der Gefängniszeit trat eine allgemeine Besserung ein; was mich anbetrifft, so scheine ich gründlich kuriert zu sein. — Schwerer gestaltete sich die Lage unserer einzigen weiblichen Genossin. Sic war eben allein. Die ersten Tage in einer furchtbaren Gesellschaft von Vcrbrccbcrlnncn der ailcrschlimmsten Art, und erst später wurde sie in eine Zelle mit ukrainischen Studeniinncii gebracht. Sie hat eine sehr interessante Aufklärmigsarbcit in diesen Kreisen durchgeführt und manchmal überraschten ihre Zeitgenossinnen uns bei zufälligem Zusammentreffen in der Bibliothek oder im Hofe mit einem wohlklingenden ״Schalom“. Uebtrraschungcn gab cs ja auch allerhand und manchesmal unerwarteter Art. Es war bereits im September 1922, wir waren also kaum einen Monat eingesperrt, als wir beim Spazierengehen in den Fenstern der Frauenabteilung, die auf den Hof hinausgehen, bekannte Gesiebter erblickten. Wir erkannten junge Genossinnen aus dem Jugendvcrcin und der Partei, si® erkannten uns und es bcgann ein lebhafter Grüßeaustausch, bis natürlich die Wache dem ein Ende machte. Erst der nächste Besuchstag brachte die Erklärung: es waren eben die ersten Opfer der Massen- Verhaftungen im September. An dem Tage, da wir das Gefängnis verließen, kamen neue Chawerim hinein. Seit August 1922 gab cs noch keinen einzigen Tag, an dem nicht irgendein Zionist sich in jenen gastfreundlichen Räumen befand. Die Geschichte der zionistischen Bewegung in Rußland während der letzten Jahre wird am besten in den Akten Öes Kiewer G. P. U. und den Gefängnisarchiven zu studieren •ein. Eine merkwürdige Ge* schichtsquelle.... Lehrreich und amüsant waren die verschiedenen Bekanntschalten, die wh machten. Es waren oft Könige in ihrem Fache dabei, durchdruigen von stolzem Standesbewußtsein. Es ist ja eigenartig, daß neben uns eine besondere *Welt besteht von einer spezifischen Berufsgliederung, besonderen Ehrbegriffen, festem Zusammenhang, eigener Dichtung und beinahe Literatur. Wir, die ״Ehrlichen“, merken fast nichts davon und wir machen uns kaum einen Begriff davon, wie niedrig wir von diesen Leuten cingcschätzt werden. Wir gelten ja bloß als die eventuellen Opfer. Natürlich spielt hier sozialer Neid und anderes eine große Rolle, aber die Tatsachen selbst sehen ganz eigenartig aus. Wir versuchten, in diese besondere Welt cinzudringcn und erwarben allmählich Vertrauen. Manche direkt fabelhaften Gaunerstücke wurden zum besten gegeben und unter dem eigenartigen Eindruck der Gefängniswäude empörte nicht das Schurkenhafte daran, sondern man begann Teilnahme zu empfinden für den Missetäter. Es ist nämlich alles relativ auf Erden.... Man könnte viel erzählen von der Willkür der Aufscher und des Direktors und seiner Gehilfen, aber ich möchte für diese keine Reklame machen. Sie sind auch so'bei ihren Vorgesetzten gut angcschricben. Haarsträubende Sachen kann man erzählen von den verhängnisvollen Irrtümern, die im Gefängnis unterlaufen, aber wir wollen ja keine Geschichte des Sowjetgefängnisses schreiben. Zu bemerken ist nur: das Aufsichtspcrsonal ist das alte (sie konnten sich noch alle an die Beilis-Affäre erinnern und zeigten uns die Zelle, in der er saß) und der Traum der Verwaltung ist cs, das Gefängnis auf die Höhe wie vor dem Kriege zu bringen. Sapienti sat ... (Schluß folgt.) David Borowoi. Trauerfeier. Am 13• Februar fand im Logenhaus zu Berlin aus Anlaß des 30. Todestages (Sclilaiischim) des Schriftstcilcrs Dr. Eliaschew (Baal-Machschowoth) eine von den jüdischen Schriftstellern und Journalisten vcranstaltote Trauerfeier statt. Vor überfülltem Saal hielt zuerst der jiddische Schriftsteller D. Bergelson die Gedächtnisrede, worauf der hebräische Dichter S. Sc hn eu r die Persönlichkcit des Verstorbenen auf Grund 20 Jahre zurückreichender Erinnerungen schilderte. Hierauf entwarf der bekannte Publizist M. Kleinmann ein scharf umrissenes Bild der literarischen Persönlichkeit des Baal-Maclischowoth, das nun Schluß durch A. Chase him ergänzt wurde.