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Jüdische Rundschau · 1924-02-22 · Heft 15 (22.2.1924) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIX (1924)
Issue
Heft 15 (22.2.1924)
Date
1924-02-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 08 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 15 Palästina iw Angfo-IIcdfas-Verlrag Jerusalem. (J.T.A.) Der ״Alif Ba" vcr.ffcntlicht ein Interview seines Korrespondenten in Amman mit Emir Abdullah von Trmisjordanien. Auf die Fräße, wie es mit dem Ang 10-Hcd j ns-Vert rag stehe, und ob König Hussein sich mit der palästinensischen Frage befaßt habe, antwortete Emir Abdullah: Der König kann auf die ihm von den Großmächten während des Krieges gemachten Zugeständnisse nicht verzichten. Die Besprechungen über den Aiiglo-Hcdjas-Vertrag sind zwecks Aciklcrung einiger Klauseln ausgesetzt worden. Man weiß nicht, ob diese Besprechungen wieder auf• genommen werden, lieber den Anglo-arabischcn Vcrtrag habe ich erfahren, daß König Hussein dem Oberkommissar von Palästina verschiedene wichtige Bedingungen bezüglich der palästinensischen Frage gestellt hat. Diese Bedingungen beziehen sich auf die von den Palästinensern gewünschte Selbstregierung. Der Obc1ko1mui!;.sar bat diese Bedingungen an das Aus• wärtige Amt gesandt und wartet nun auf die Antwort. Ich bin sicher, daß der König Transjordanien nicht verlassen wird, ehe nicht die palästincnsische Frage erledigt ist. Der diplomatische Vertreter König Dösselns über den Anglo llciljas ■ Vertrag Eine Rcutprmeldunß. Der diplomatische Vertreter des Königs Hussein, Dr. N a j I el Ass II, der sich zwecks Verhandlungen mit der bri• tischen Regierung 18 Monate in London und Lausanne aufgehaUen hat, äußerte sich jetzt in einem Interview mit der Reuter■ Agentur in folgender Weise: ״Ich bin erstaunt darüber, was für Dinge die palästinensische Presse über König Husseins Ansichten betreffend die Unabhängig• kelt Palästinas zu erzählen weiß: Mir scheint, die ganze jetzige Ungeklärtheit der Lage rühre daher, daß König Hussein, wie er mir vor wenigen Tagen telegraphiert hat, eine wichtige Sendung von mir nicht erhalten hat. Diese Sendung enthielt die auf Grund von König Husseins eigenen Instruktionen aufgestelltcn Punkte, die im Prinzip von der britischen Regierung angenommen worden sind. Ferner waren in diesen Aufzeichnungen die mit■ den palästinensischen Arabern zu besprechenden Fragen fcstge• legt. Die palästinensischen Araber waren ihrerseits ganz darauf vorbereitet, daß die Annahme dieses Planes einer Lösung des palästinensisch-zlonictisehen Strcltc6 gl c i eh k 0 m m t. Ich hatte berechtigten Grund anzunehmcii, daß die Zionisten ebenfalls bereit seien, den Vorschlag zu akzeptieren. Im November vorigen Jahres, als icii die Nachricht absandtc, war die Situation eine solche, daß dem darin enthaltenen Plane eigentlich schon vom König Hussein, der britischen Regierung, den palästinensischen Arabern und den Zionisten zu gestimmt worden war, und daß demgemäß der Unterzeichnung des Freundschafts• vertrage« zwischen Großbritannien und König Hussein nichts mehr im Wege zu stehen schien, ln diesen Aufzeichnungen war auch fcstgcsteiit, daß die britische Regierung nicht nur die Unabhängigkeit der Araber in Irak und Trans* Jordanien, sondern auch auf der ganzen übrigen arabischen Halbinsel anerkennen und diese unterstützen wird. Es war darin auch berichtet worden, daß Großbritannien den Plan liegt, nach der endgültigen Annahme des Planes durch König Hussein so bald wie möglich eine volkstümliche re• prasentativc Regierung in Palästina mit weitest• möglicher Unabhängigkeit für die dortigen Araber unter gleichzeitiger Wahrung der Interessen der Zio• nisten, wie sie im White Paper von 1922 festgelegt sind, schaffen zu helfen. — Ich war sehr erstaunt über das, was in der letzten Zeit in T r a n s j o rd a n i e n vorgegangen ist, habe aber erst auf meine Anfrage bei König Hussein erfahren, daß die in Frage kommende Sendung, die höchst• wahrscheinlich alle bestehenden Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt hätte, ihn niemals erreicht hat. Ich habe mm diese schwierige und unangenehme Situation dadurch beendet, daß ich König Hussein den Text des Berichtes, den ich vor fast drei Monaten abgesamlt habe, nochmals zukoinmcn ließ. Ich zweifle nicht, daß die jetzigen Mißverständnisse dadurch aus dem Wege geräumt sein werden." (Wir geben diese Meldung, deren Inhalt etwas phantastisch klingt, vor allem, was die Zustimmung der Zionisten nnlangt, nur mit Vorbehalt wieder. Inzwischen dementiert auch die j. f, A, die Nachricht von der Zustimmung der Zionisten auf Grund einer offiziellen Auskunft. Red. d. ״J. R") * Jerusalem, (J,T.A,) König Hussein von Hedjas hat an seinen Vertreter in London, Df. Najl el Assll, eine Ein• ladung ergehen lassen, nach S h u n a zu kommen, wo er jetzt mit seinen Söhnen Emir Abdullah und Emir AH, sowie mit den Vertretern der arabischen Länder über den Anglo* Hedjaj-Vertrag, besonders Im Hinblick auf die Zukunft Palästinas, eine Beratung abhält. Die amerikanischen Interessen 11 Syrien Wie der J.T.A.-Vertretcr erfährt, wird der Vertrag zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten bezüglich der amerikanischen Interessen In Syrien binnen kurzem ln Paris unterzeichnet werden. Von der Jüdischen NnlionalMNIolhck Von Dr. Hugo Bergmann, dem Leiter der Jeru• saiemer Nationalbibliofhek, erhalten wir folgende Mitteilungen: ' ״Gestatten Sic einige Bemerkungen zum Artikel von Professor Warburg (״Jiid, Rundschau" Nr. 7) über die Uni• versitätsfrage, speziell über die Bibliothek. Die Angabe von Professor warburg, ,daß die neuen Sendungen nicht einmal nusgepackt werden können‘, Ist glücklicherweise nicht mehr richtig. Durch die Eröffnung einer eigenen medizinisch• naturwissenschaftlichen Abteilung im Pasteur-Institut, durch Zumictcn einer Privatwohmmg und durch Ausscheidung von unwichtigen Dubletten sind wir in den Stand gesetzt worden, nicht nur alle Bücher, die 1920 ln Kisten verpackt lagen, auf zu stellen, sondern auch die Zahl der Bücher von 30000 im Jahre 1920 auf derzeit 75 000 zu erhöhen. Trotzdem stimme ich natürlich mit Professor Warburg darin überein, daß der jetzige Zustand ,absolut unhaltbar, geradezu skandalös' ist. Ich mochte nur nicht, daß *Ich jemand durch die Raumnot der Bibliothek davon abhaltcn läßt, uns Bücher zu spenden. Diese Bemerkung dürfte um so mehr notwendig sein, als insbesondere gerade ln Deutschland die Zahl der Bücherspenden während der letzten Jahre durchaus nicht der Stärke und Popularität de! Palüstiimgcdankcns in Deutschland und der Bedeutung gerade der deutsch geschriebenen wissenschaftlichen Literatur iüf Palästina, entspricht.“ Eine polnische Vcrfrnncnslinndgcbnng für Dr. Welzwnnn Warschau. (J.T, A.) Von dem aus 72 Personen be• stellenden Rat der polnischen zionistischen Vereinigung haben 4S Mitglieder ein Memorandum veröffentlicht, in welchem sie, als die Mehrzahl der Mitglieder de* Rat», die die Majorität der polnischen Zionisten repräsentieren, miücilcn, daß sie der von dein Zentralkomitee der polnischzionistischen Vereinigung geführten Opposltionipolltlk in bezug auf Dr. Welzmann* Tätigkeit In A m c r l k a . n i c h t z u s t i m m e n. Dr. Weltmanns Arbeit in den Vereinigten Staaten, heißt es In der Erklärung weiter, steht in Uebereinstlmmung mit den Be■ Schlüssen des XIII. Zlonlstenkongresaes, Sitzung des Board 01 Dcpullcs London. (J.T,A.) Eine Sitzung des Board of Dcnutles der biiusdicu Juden wurde am 17. Februar unter dem Vorsitz des Herrn ii. S. Q. Henrlqucs in London abgehalten. Herr O. E. d’Avigdor Goidsmld berichtete im Namen des Joint Foreign Coinmittccs über das Erpressung»• system des mazedonischen Revolutlonskoml• tccs gegenüber den bulgarischen Juden. Die Präsidenten des Board haben bei dem bulgarischen Ocsandten in London dlcscrhalb interveniert und ca wurde auch ein Brief an den Außenminister in Sofia gesandt. Ferner teilte Herr d’Avigdor Goldsmid mit, daß die Evakuierung der rumänischen Flüchtlinge zufriedenstellend von statten geht. Aus Polen lagen zwei Angelegenheiten vor. Die eine betrifft eine Verfügung der polnischen Regierung In bezug auf die Verwaltung der jüdischen Ge in eine! eil, die andere einen Aufruf der polnisch-jüdischen Studenten• Organisation zur Selbsthilfe an die jüdischen Stiidentcnver• bimlimgen, in welchem erzählt wird, daß die jüdische Stu• denten-Hiifforganisation aus den von der polnischen Regie, rung den polnischen Studentcn-Organisatlonen ge. leisteten Zuschüssen niemals etwa» erhielt. Da! Komltce will die Sache untersuchen. U.'z.iiglich Rußland »teilt der Bericht fest, daß der oltizicile Vertreter der Sowjet-Reglerung ln London die in den ״Times” und aiuleicn Zcihingen erschienenen Nachrichten über «ntitüdliche Ausschreitungen ln Rußland dementiert hat. In bezu״ auf Ungarn unterstreicht der Bericht, ״man sei sich darüber klar, daß es höchst unzweckmäßig wäre, Irgendwie Orund zu dem Argwohn zu geben, daß von jüdischer Seite Versuche gemacht werden, die wirtschaftlich« Wiederaufrichtung Ungarns zu hindern.” In der Diskussion machte Herr Katz auf die Verhältnis*« in Poseit aufmerksam, wo Juden beraubt und geschlagen worden sind. Er meinte, daß man beim Auswärtigen Amt deswegen vorstellig werden sollte. Herr d’Avigdor Oold. smId sagte, daß die Angelegenheit dem Komitee noch nicht Vorgelegen hätte. Herr t. S. Spiers führte aus, die re. aktlonärste Regierung der zivilisierten Weit sei in Ungarn am Ruder. Was das Komitee bis jetzt ln dieser Sache getan habe, sei unzureichend. Herr d’Avigdor Goldsmid antwortete, man lasse keine Gelegenheit vorubergehen, die Lage der Juden In Ungarn zu verbessern. Aber die Frag« einer Intervention müsse »ehr sorgfältig behandelt wer• den. Sollte Ungarn die Anleihe ernalten, so würde wahr• sclicinllch ein Kommissar des Völkerbundes nach Ungarn gesandt werden, um die wirtschaftliche Entwicke• lung zu überwachen, wie es auch bei Oesterreich der Fall gewesen ist. Dann aber würde auch der Völkerbund über die anderen Verhältnisse in Ungarn genau orientiert *ein. Tagung der Exekutive der Weithin,skonferenz in Berlin Berlin. (J.T. A.) Unter dem Vorsitz von Leo Mo t z k I n fand am 20. Februar in Berlin eine Sitzung der Exekutive der jüdischen Wcltliilfskonferenz statt, an der u, a. die Herren Oberrabbiner Dr. Cliajcs, Wien, Dr. Solowe 11schik, Dr. Klee, der Vertreter der Wclthiifskonfcrcnz beim Völker• bund, Herr Zwl Aberson, Dr. Sliosberg, Jefroikln, Dr. Jochei mann, London, der soeben aus Rußland ein• getroffene Herr R. Orünberg u. a. teilnalunen. Die Sitzung faßte wichtige Beschlüsse, insbesondere über das russische IIIH*werk der Wcltliilfskonferenz, ferner über die Emi* gratlonsbank. Eine Reihe großzügiger Propagandamaü• nahmen wurde erörtert. In diesem Sommer soll die zweite Welthilfskon• ferenz stattfinden. (Die erste fand bekanntlich 1920 in Karlsbad statt.) Ueber den Konferenzort verlautet noch nicht! Bestimmtes; doch wird In erster Linie wieder eines der böhmischen Bäder, vielleicht Marienbad, in Frage kommen. Der angebliche RQcktriil von Professor Pick Zu der in der ״Jüdischen Rundschau” mitgeteilten Nach• rieht von der Demission Prof. Picks als Mitglied der palästinensischen zionistischen Exekutive teilt uns das Zentral• büro des deutschen Mlsraclii folgenden Sachverhalt mit: 1״. Herr Prof. Pick ist nicht aus der Exekutive zu• rückgctretcn, sondern hat bis zur Klärung der Im Nachstehenden geschilderten Angelegenheit *Ich gezwungen gesehen, »eine Tätigkeit in der Exekutive ein• z u 11 e 11 e n. 2. Offenbar ohne jede Kenntnis der Unterlagen wird behauptet, daß es sich um einen Streit darüber gehandelt habe, daß der Misrachi nicht die gleiche Reduktion seines Budgets sich habe gefallen lassen wollen wie die übrigen am Budget Beteiligten. Das ist unrichtig. Ueber diese For• derung bestand zwischen Herrn Prof, Pick und den übrigen Mitgliedern der palästinensischen Exekutive kein Streit mehr, wie sich aus dem weiter Angeführten ergeben wird. Daß hierüber ein Streit überhaupt entstehen konnte, Ist bedauer• lieh, da sämtliche Mitglieder der Budget-Sub-Kommission, die mit dein Misrarhi gemeinsam dessen Budget festgestellt haben, bekunden werden, daß dieses Budget auf ein Minimum zu• sammcngcstrlclicn wurde, und daß der Misrachi auf die Aufnähme der gestrichenen Posten ln den ״Reserveteil" des Budgets verzichtet hat, nachdem ihm erklärt worden war, daß diese Minimalposten keineswegs gekürzt werden würden, auch wenn sich etwa eine Reduktion des sonstigen Budget* ■ als notwendig erweisen würde. 3. Ueber den Rahmen des hiernach Notwendigen hinaus hat der Misrachi mit der Palästina-Exekutive eine unter dem 8. Schcwat von der letzteren schriftlich bestätigten Abmachung getroffen, wonach bis zum April dem Misrachi 4*/» der samtliehen nach Palästina überwiesenen Gelder zukommen sollten. 4 «;0 war der Anteil des Misrachi-Budgets am Oesamtbudget. Aus dem Notizbuch eines zionistischen Sträflings m. Zur Schilderung der Alltäglichkeit bedarf es einer besonde״ ren Begabung. Es ist leicht, dramatische Szenen, Bewegung und Leben darzustellcn, aber schwer, unendlich schwer ist es, des Lesers Interesse bei der Beschreibung des Alltäg. liehen wacli/uhahcn. Um so mehr bei einer Beschreibung des Ocfimgnislebcns. Ein Tag ist wie der andere. Sie verstreichen mit der Regelmäßigkeit einer Uhr und fallen ins Nichts. Die einzelnen Begebenheiten sind klein und nichtig, für den Insassen aber sind sie von großem Wert und manchmal von sehr fühlbarer Wirkung. Das Pfeifcnsign.il im Gange ist an sich eine Kleinigkeit und doch dabei von größtem Interesse für die Insassen. Es ist ein Zeichen, daß jemand kommt, ein Kommando zum Frontniachcn. Für uns war es die erste Probe aufs Excmpel — cs galt für uns da» Recht durchzusetzen, vor keiner Obrigkeit Front zu machen, und wir haben es durcligcsctzt. Es ging nicht ohne Konflikte ab, es kam zu Drohungen, wir blieben hartnäckig und behaupteten unsere Position. Um das Signal scherten wir uns gar nicht, erst als die Zcllcntür aufgemacht wurde, begann jeder von seiner Pritsche aufzustchcn. Wir erklärten, daß wir einfach aus Höflichkeitsgründen uns erheben, wenn jemand kommt, daß cs also Höflichkeit, aber keine Ehrenbezeugung sei, und die Gcfängnisvcrwaltuiig mußte sich schließlich mit Zähneknirschen daran gewöhnen. Besuche aber gab cs viele. Es gibt wahrscheinlich kein Land In der Welt, wo so viel Inspizierungen vorgenommen werden und wo trotzdem so viel Unordnung herrscht, wie In Sowjetrußland. Allerhand Ausschüsse, Vertreter der Staats- Anwaltschaft, des Kommissariats für innere Angelegenheiten, Justizbehörden, hohe Gäste aus den Hauptstädten, alle kamen, *teilten ein paar Fragen, drückten der Verwaltung ihre Zufrlcdcnhclt mit dein Zustand des Gefängnisses aus und fuhren befriedigt davon. Es war eine sinnlose Komödie. Man fragte nach Beschwerden, und ich hätte gerne einmal jemanden gesellen, der es gewagt hatte, Irgend etwas zu sagen. Der Betreffende wäre sicher nicht heil aus dem Gefängnis herausgekommen. Bei sehr hohem Besuche befreite man die Haft• iinge, welche sich, Disziplinarvergehen wegen, in *trengem Arrest befanden. Es gab zweierlei Strafräume: belle und den Dunkelarrest. Die ersten waren einfache Zellen, aber ohne!*ritschen und jegliche Sitzgelegenheiten. Dort mußte die Strafzeit zumeist stehend' und ohne warme Speise zugebracht werden. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, vieriindzwaiizlg Stunden In solch einer Zelle in der Gesellschaft von einem Dutzend Taschendieben und einigen Mördern zu verbringen. Es fehlten ein paar Scheiben im Fenster, der starke Novemberwind ging einem bis in die Knochen, die Füße schwollen vom andauernden Menimlaulen *n und die Ucberzcugmig von der Richtigkeit der kommunistischen Wcltordiiimg nahm von Minute zu Minute zu. Graii'-nm und umncnnchlicli waren die Dunkelarrest• räume. Sic befanden sich In dem Gauge, wo die zum Tode Verurteilten inhaftiert sind. Die Zahl dieser Häftlinge ist ja stets erschreckend groß. An dem Tage, als wir das Kiewer Gefängnis verließen, waren cs 71, Sie sitzen meist einige Monate, bis von Charkow die Bestätigung des Tode»• Urteils oder (seltener) die Begnadigung kommt, Obwohl es jetzt meist verbrecherische Elemente sind, — die wegen politischer Verbrechen zum Tode Verurteilten werden von der G. P. IJ, selbst abgefertigt und kommen seltener Ins Oefängnis —, Ist trotzdem der Anblick eines jeden von ihnen haarsträubend. Jeder Sehritt Im Gange vermehrt für sie die Qual, es beginnt ein toller Wirbel der Gedanken: ״Wessen Stunde hat geschlagen, wen holt mau eben?" Wie Verrückte laufen sie herum von Ecke tu Ecke in Ihrer ohnmächtigen Wut und unmenschlichen Verzweiflung. Wir kamen mit mehreren zusammen, die monatelang 80 eingesperrt waren, bis schließlich doch die Begnadigung kam. Der Todesschatten lag auf ihrer Stirn. Mau muß den wilden Tanz mit angesehen haben, den die Leute nufführten, wenn die Nachricht kam, daß die Todesstrafe in fünf oder zehn Jahre Kerker mit strenger׳ Isolation umgewandelt worden sei. Es ist wahrhaftig keine Freude, zehn Jahre Zuchthaus zu erhalten, aber es muß doch dem Menschen furchtbar viel an dem bißchen Leben liegen. ״Es hofft der Mensch, solang er lebt.“ ln dieser todcsschwangcren Umgebung also befinden sich die Dimkclärrestzellen. Es sind niedrige Räume ohne Fenster, wo man nur sitzen kann. Sie sind zu niedrig als daß man darin stehen kann, zu kurz, um sielt legen zu können. Kein Luftzustrom; es ist zum Ersticken. Auch robuste Leute fallen bei einem Aufenthalt darin In Ohnmacht. Auch davon wurden wir nicht verschont, einige von uns mußten auch diese Strafe probieren. — Wofür wurde man eigentlich so bestraft? Es Ist schwer zu sagen, well auch darin Willkür herrschte. Meist waren es Vergelten gegen die Sauberkeit, bei uns aber hauptsächlich Mangel an Ehrbezeugungen gegenüber der Verwaltung. Man wußte überhaupt nie, wofür man hlnkain. Der Stand der Verdauung der hohen Herren hatte viel mltzusprcchcn. , Unter ״vornehmen" Besuchern, die wir empfingen, fallen mir folgende ein: der Volkskommissar für Justlzangelegcnhellen, S, Krypnlk, der uns einen Tag besuchte, war sehr unangenehm überrascht, uns alle in einer Zelle zu finden. Er fand eg unerhört und schlug vor, man möchte uns einzel• weise In verschiedene Zellen stecken, damit wir da eine erfolgreiche kulturelle Tätigkeit unter den übrigen Insassen (meist begnadigte Mörder, auch sehr viele Pogrointcilnchmer) durchführen können. Der Gedanke war natürlich von reinster Humanität diktiert, Er erschien sogar der Oefängnlsadministr** tion als zu ungeheuerlich, und es wurde daraus nichts. Böses Blut machten die Besuche des Oerichtsvorsitzenden Warzin und des Staatsanwalts Lnrln. Sie kamen jeder einzeln• Keiner bekam von uns Irgendeine Antwort, ihr Qruß wurde ebenfalls nicht beantwortet. Der erste griff sofort nach den Büchern, es waren aber zufällig lauter hebräische. Er befahl, daß man die Bücher prüfe, bevor man sie uns gebe. Dem zweiten schien es ziemlich ungemütlich bei uns zu sein■ Es ist ja verständlich und ihm kaum zu verdenken. Womit füllte inan eigentlich den Tag aus? Es Ist eigenartig: man tat ja nichts, und doch war immer etwas tu

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