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Jüdische Rundschau · 1924-02-19 · Heft 14 (19.2.1924) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIX (1924)
Issue
Heft 14 (19.2.1924)
Date
1924-02-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Kammer S Berlin, 19, XL »24 <CJ> 0• ErzäMung van.T'dendahMoicJifr Sfurim Autorisiert« Uebersetzung au* dem Jiddisch«! von SmJomo Bi, nimum CmnA( IH4 W HtÜNlMr VarWg, BmUm (7. F«11««tm|) Diene V?ortc Jesaja* dränge« tief in «ein Her». Er begann Ster Gott aaehzudcnken, eiet Engel mit Flügeln vorxustsllea und kitte gerne *ekr viel Dinge wiesen mögen, die aa seinem Hirne kokrten und Erklärung keisckten. Dock um •eiaea Lekrer *u fragen, dazu katte er nickt immer genug Mut. Einmal verrückte er es dock, mit ikm darüber in ein Gespräch ■u kommen. Er ■wurde dakei feuerrot, ater der Lekrer körte ikn lächelnd an. schwieg und verzog die Lippen, als ok er »*gen wollte! ,Tja, da* sind Geheimnisse1... Auf »eine Fragen pflegte er von andern, von Erwachsenen, immer die gleiche Artwort su bekommen! ״Still, du Lausbub! Ein Kind darf nickt tragen. Ein Bub bat nur zu folgen, so wie es Gott befiehlt — er muß lernen und beten, sonst wird ikn Gott strafen und mit eisernen Ruten kauen." Und vor einer Rute zittert* Sckloimale *ekr. nickt so *ekr de* Schmerzes wegen — dean wenn man prügelt, so tut es weh — wie der Schande wegen ... Pfui. was das für eine Schande ist!.., Gott kam ikm grade wie ein böser Edel mann mit einer Knute in der Hand vor. Bei der geringsten Kleinigkeit gerät er in furchtbaren Zorn, wie flammend es Feuer — und prügelt! Bei dem geringsten Sündlein — wenn er etwa beim Beten ein V/ort übersprungen oder kein Amen gesagt oder *inen Schluck Wasscr einmal ohne Benedeiung getrunken katte — begann er zu zittern und dachte: .Ach, wehe mir, ick bin verloren*. Und gar an den Ungeheuren Tagen, an denen dock, wie die Juden berichten, selbst di* Fische ins ^Vasser zittern, da war Sckloimale voller Entsetzen. All da# mit dem frühen Aufstekea zu den Slieckes, das eilige Hasten zur Schieb!, auf den Friedhof, da* Jammern und V/einen und die trauervolle Melodie keim Beten, die traurigen Gesichter der Mutter und der ganzen Familie, die aussaken, als hing* die Rute über ihnen und als karrte da* Urteil der Vollstreckung — all da* rief eint schreckliche, finstere Melancholie in ihm hervor. Er hatte keine Freude am ganzen Fest, an Fisch und Zimmes. Es kam ihm immer vor, Gott säße auf dem hohen Thron, die Schleppe seine* Kltides über dem Heiligtum, feurige Engel umflögen ihn, brächten Bücher herbei und schrieben und zählten unter gewaltigem Tosen die Sünden jedes Menschen, und die Welt wenkt« und die Tore de* Himmel* kekten von ihrem Ruf und er dachtet Acb, wehe mir. ick bin verloren!*... Aber wie die V/elt nun schon einmal so eingerichtet ist, dal? c* in ihr nichts ausschließlich Gute* gibt, an dem nicht auch etwa» Schlechtes wär«, und nichts bloß Schlechtes, in dem nicht auch etwa* Gute* steckt«, so waren mit den Ua׳ gekeuren Tagen auch Dinge verkünde•, di* ihren Schreck ein wenig linderten und ihrer bitteren Melancholie ein* gewise* Süße verliehen. Da» wichtigste unter all diesen Dingen waren die ,Dörfler*, die Pächter aus den Dörfern, die zu den heiligen Tagen mit ihrer Familie in die Stadt zu komme» pflegten. Ihre Ankunft brachte Bewegung in* Städtlein und machte die Leute ein wenig frischer und munterer. Es war ein ganz besonderer Geschmack dabei — Honig, Pfeffer und Zwiebeln luiimmet. Die Geschichte verlangt, daß die Sach* hier *in wenig »äher erklärt werde, da *onst in ihr vielleicht eia *ehr wichtige* Blatt fehlen und die Sache — ach. wer weiß? — spätem Geschlechtern unverständlich bleiben könnte. FÜNFTES KAPITEL IT dem Monat Tischri beginnt die Reih* der Fest* an den beiden ersten Tagen des Monats ist Rosche- *ckune, am zehnten ist Jomkipper, da* sind di« ״Ungeheuren Tage** oder die ,Tage de* Gerichte**. Es sind furchtbar* Tage und sie heißen auch zusammen mit den dazwischenliegenden ,Zehn Tage der Umkehr* 1 Zehn Tage Zeit, um Sünden zu bereuen, su weinen und za flehen und ein glückliehe* Tahr zu erbitten. In dieser Zeit geht es im Himmel hoch her, da gibt e* ein sch reck lieh es Getümmel. Darüber lißt *ich des Mach »er vernehmen 1 ״Und de. Tag es gewaltige Heiligkett Wollen wir künden zu dieser Zeit. Denn furchtbar und schrecklich ist er gleich, , An ihm erhebt sich hoch Dein Reich. Auf Gnade. Gott, ist dein Thron gestellt. Mit Wahrhat richtest Du auf ihm di# Welt Ja. wahr. Du hist es, der richtet und anklagt, Der da weiß und Zeugnis sagt. Du schreibst und Du siegelst, zählst und rechnest an. Und alle* Vergessen* bringst Du heran. Daa Hauptbuch öffnest Dü; da tönt*« ans Ohr Und jede» Wort liest sieh selber vor; . Seine Unterschrift eieht jeglicher jetzt! Dean die eigene Hand hat sie hingesetzt. ' De wird gestoßen in die große Posaun* Und — still 1 «• ertönt ein »arte• Geranne.* Zitternd* Engal jagen Gleich Winden Von Sch reck gepiekt umher, sagen Und künde» 1 Siebe, dt* ist der Tag des Gericht*. Zu muitera dai Gewimmel Der Heer»char*1» hier im Himmel 1 Denn *1* können nicht *eia Vor seinen Auge» im Gericht* reia. Und *He, die da Wales auf der Erden, Die ziehn an Dir vorbei wia Lämmerherden. ׳Und wie der Hirte »eine Herde überblickt Und unter seinem Stabe sie vorübersebiekt. So führst auch Du an Dir vorbei alle Geschöpf«, Rechnest, zählst und musterst all« Köpf«. Du setzt Bestimmung jeglichem Vfesen Und lißt jeden sei» Urtal lesen. Am Roschetehun« schreibt man es auf. Am Tomkipper kommt Siegel und Unterschrift drauf! V/ieviel hinwegzuraff tu rind Und wis viele erst su schaffen sind• W«■ leben und wer sterben *oll. W"er bleiben und wer verderben soll. Wem schwerer Tod im Wasser bestimmt Und wen du Feuer von hinnen nimmt. Und wem der Tod durchs Tier beschert Und wem du Ende durchs scharf« Schwert. V/en Hunger und Durst zu vernichten hat, V/<» Sturm und Pest zu richten hat. Wem Erwürgen den Hals abschnüren soll Und wen der Sta'n au* dem Lehen führen SblL Wer ruhig im Hsuse mag Weihen Und wen*» in die Fremde *oll treiben. Für wen die Tage stille zu stehen haben Und wem sie in toller Wirrnis zu vergehen haken. Wem Friede beschert Und wen Strafe verzehrt. Über wen Armut zu kommen hat Und wem der Reichtum zu frommen hat. Wer »ich dirniederheugen *oll Und wer zur Höhe »teigen soll.** Und gleich dem Getümmel undjth rmarktslärm im Himmel ging es auch hier auf der Erd« zu. Schon einen Monat vorhar erschallte der Schotfer in den Synagogen und mahntet Jude», der Tag des Gerichtes naht 1** Und di* Juden fingen beixa’ten •n, nm «ich au blicken, *ich über •Ile ihr« Taten während des ganzen Tahre* Reehensehsft tu gehen and all* Mittel aatuwendea, um da« bevorstehende Gericht »1. וו gdniWIg su te«tcJ1cu; na •ttften SliccK«« w»4 aueWn ai'cli «» ,CVobltun und am alten Vaterverdienst gut* Advokaten, die ihnen Fürsprecher vor «einem heiligen und erhabenen Thron« «ein sollten! ״Umkehr, Gehet und ,Wohltun darauf Heben das schlimm« Urtsil wieder auf,** Die Pächter aus allen Dörfern ringsherum kamen mit Kind und Kegel und Sack und Pack in die Städte, um zustmmen mit ganz Israel vor Gotte« Richterstuhl su treten und für »Ich und für all« Menschen der ganzen W*elt ohne jeden Unterschied ein glückliche« Jahr und Erlösung von allem Übel zu erflehen. Da« Städtlan Armleuten war nicht mehr das Städtlein dss ganzen Jahres, in dem man keinen neuen Menschen sah und wo das Lehen gewöhnlich wie ein stille* Bächla'n ruhig und «In wenig verschlafen dahmrann. Einige Tag« vor dem Fest erwacht« cs und wimmelte von neuen Menschen, di« aus den Dörfern kamen. *Wagen, mit Frauea und Kindern auf ganzen Gebirgen von Kisten und Betten, Lebensmittel- *äckes uadHübnerkäfigen, vollbeladen, zogen reihenwa'sc durch die Gassen, Männer und Kinder, die wilden Rangen, gingen und liefen ihnen entgegen, jeder zu «einem Pächter, der di* Fest bei ihnen verbrachte, um ihn zu begrüßen. Von beiden Seiten eia Wortstrom in allerlei lauten Stimmen — derben, feinen, tiefen, hohen, hsisrrn; von der einen Fragen; ״,Warum so spät? Warum da* und warum dies?** und von der andern Berichte von großen Wund erdmgen 1 eine Achse war unter weg* gesprungen, an Pferd gefallen, eine Brücke wegge׳ schwemmt, eine Schwangere hatte es •ich plötzlich anfallen lassen, Wehen su bekommen, ein Wagen war gestürzt, man sa' kaum mit dem Leben davongekommen und müsse die Rettungobenediktion sagen... Die Dorfhund«, die da mit ihren Herren kamen, erregten alle Stadthunde zu einem gegen- *atigen Gebelle und Geba'ße, als wären *i* nicht Brüder vom Hundestamm, mit dem gleichen Hundemaul und gleichen Hunde zahnen. In ,Wirklichkeit ist ja auch ein großer Unterschied zwischen ihnen 1 Der Dorfhund ist das, wozu ihn Gott geschaffen hat. Er weiß nicht* von Politik, kennt außer dem Herr» und dem Hause niemanden, hellt jedermann gleich an, er sei arm oder reich. Gibt ihm einer einen Knochen, dann packt er ikn zwar, er packt ihn — aber er hellt doch weiter, mit der eigenen, unverstellten Stimme; er ist einfach und ohne Listen• Der Stadthund dagegen hat schon Kunst in *ich, *r ist verfeinert, ein wenig falsch und fürchtet den Stoek — der hellt den Armen an. den, der sich nicht wehren kann. Vor dem Starken hat er Respekt, vor dem Reichen «ad Gutgeklcidctcn «ine gaaa schrecklich« Ehrfurcht. Ein Stuehlein Brot als Bestechung stopft ihm den Mund — still Habt« und ruhig ,.. Gibt ibni «mar von der andern Seit*, an ganz Wildfremder, ein größere» Stück, dann ist er willig und gehorcht )cdan Befehl, Er geht viel spazieren, schnuppert ■ach einem Feitchem wo er eine» Bisse» erwischen kann, macht Bekanntschaften, wedelt, stellt »ich auf die Hinterpfote« und hellt manchmal mit ganz ungewöhnlichen Tönen, bloß um mal in Erinnerung zu bringen, daß es eiaea Hund gibt... daß cf Z«haa ktt ub4 tm ]Notfall tuck ■tl fas; kisttikif xuke1f׳>׳n könne . *, Die beiden Arten von Hunden, die können einander nicht ansehen. Die ganze Zeit über, wenn bade im Städtchen waren, herrscht« an Gebell, Gekläff und Geheul, Hundekampfforderungen, ununterbrochener Kampf und Streit, daß einem faat der Kopf toll wurde! Knurr, zum Beispiel, ei« ungekünstelter Dorfhund, der nichts anderes kannte, als das Hau. •eine• Herr. zu hüten, lag ausgestreekt vor der Tür de» Hauses, wo «an Herr letzt wohnte, blickte teuflisch-bosa *us blutunterlaufenen, halb geschlossenen Augen und rieb und kratzt« den Bsueh sn der Erde, indem er dabei vor Ver— gnugen winselte. Plötzlich ktm Braun, «in großer magerer Stadtbund, aner von den fein-feinen Bürgers-Gesellen daher. Von ferne war ihm ein Duft von;üdischen Fischen« für di« er *ehr eingenommen w*r, in die Nase gedrungen, auch Duft von Braten, der da 1m Hause zu Ehren de» Festtag« schmorte. Da machte er «ich natürlich nahe heran, schnupperte und schnüffelte umher, ob ihm das Glück viellacht hold wäre und ihm etwas zu erwischen gäbe. Aber Knurr gefiel die Sache nicht; ״Wie kannst du da so frech in man Gebiet heran— coramen? Und was ist das denn überhaupt für eine Art und Weise, du Schweinehund, in den Häusern herum zustrolchen und die Schnauze in Dinge zu stecken, die dich nichts angehen? P ״Schau, daß du zu deinem Mistbaufea lomrnst, du Hund, wer hat dir erlaubt, in den Straßen spazieren zu gehen!** Er sprang ihn plötzlich von hinten an, versetzt« ihm «inen Biß und riß ihm ein Büschel Haare au». Braun erstarrte fest vor Schreck, zog risch — Verzeihung — de. Schwanz ein. nahm im Nu die Bane anf die Achsel« und sauste, heidi, quäkend davon. So ging es auch Ball, einem kleinen schwarzen Hund« mit verbogenem Rücken und einem lahmen Ban, der •us der Armenkasse — von jüdischen Mülleimern — lebte. Er machte ■ich nichtsahnend an ein jüdische* Hau» heran, so wie er es immer zu tun pflegte. Aber plötzlich kriegt« ihn Schatz zu fassen, eia fester, zottiger Dorfhund, und ging ihm an die Kuschen, so daß er fast vor Schmerzen umkam und Reißaus nahm, das lahm« Bein in der Luft schleppend, das Hinterteil xur Seite gekrümmt, in stöhnenden Tonen heulend und jammernd. Da« gla'ch« Schicksal erlitten auch noch ander* Stadthunde. Da* Leben wurde ihnen zur Last — ne fanden keinen V/eg mehr zu jüdischen Häusern! Erwischten *1« aber einen Dorfhund irgendwo ha *ich. dann durfte er vom Lehen Abschied nehmen. Von allen Säten fielen »ie über ihn her, wetzten ihr* Zähn* *n ihm, zerrten, ri»*cn und hissen und zahlten «* ihm tausendfach wieder ba’m. Es entstand ein unerträgliche« Gekläffe und Gelärme, Dann mengten sich auch noch die Jungen von der Gtsse hinan, hetzten die Hund« und schmissen Staue, die Mütter standen in den Türen, riefen sie, «ebnen und fluchten. Vorübergehende Juden begannen zu zittern, flüchteten und liefen atemlos mit festgehaltenen Schößen davon. Mit einem V/orte, es gab Lärm und Unruhe, da* Stadtlein war munter, es ging, wie man zu sagen pflegt, hoch her. Ds« Städtlein w»r lebendiger, es *einen wie ein Bach, der *onst steht, im Frühling aber anscbwillt und rasch und raulebend strömt. Und während dieses Lärmen« zagte *ich von fern* ei« langer, von der Familie Chune Muhldorfer« dichthesetzter Wagen. Die alt« Mähre, die unterwegs abwechselnd gegangen und stehen gehliehen war, tat ach jetzt Gewalt an. um auf gereckt, stolz und paradierend am Marktplatz vorüberzufahren. Und zu Ebrea der Stadt und zu Ehren der Passagiere, die auf dem V/agen »aßen, hob *ie den Scbwaf, spitzte die Ohren, ließ die Beine spielen und trabte lustig und munter, daß die Räder larmfen und klapperten. Zuzik trug die Nachricht voraus! ״Wir kommen! Macht Platz, Chune« Hau* kommt!" So *ehr er dieser Beschäftigung hmgegeben war, nahm er gleichwohl ha den Begegnungen mit seines deichen *eine Knochen •ehr in acht, um nicht in der Hunde Mund zu kommen! Die andern berochen ihn! ״Willkommen!" und er beroch sie! ״Ich grüß euch!" Aber er machte es schnell, nur so pflichtgemäß ah, kehrt« ach glach wieder weg und lief water, die ״Alte hinter ihm dran, hopp-hopp, hi• zum Hause Rebb Chaiems, wo Chune der * Müller mit Frau. Söhnen. Töchtern und Schwiegersöhnen (unberufen, eine große Gesellschaft!) schon »at Jahren abstiegen. Für Schloitnal« begann dann ein« unendliche Fülle neuer Täti keiten. Dann gab es gottlob zu tun. zu •ebauen und zu beobachten. Gott mochte da oben schreiben, was er wollte, solange man aber lebte, wußte man zu leben. - (Forteetiung iaigt.) Ungeheure Tsgst Vom Neujehrstage bia ■um VeraShnungstatf. — Sliecbcsi gewiss« Buffgebet« vor Tsgessiibruch, — SchichU Syasgogs (Schul). — Tiscbril Erster Mona» des religiösen Jelire*, •ngeiengen September• Oktober, — Roscheecbun« 1 Neujahrsfest, — Jomb'pprn Vtr*öbn»«gslut. - Mscbsei 1 Futgcbetbuek. —■ RettnagsbensgibW•* 1 Weaa man dur Lebensgefahr entgangen ist. /

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