Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 11 (8.2.1924)
- Date
- 1924-02-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 0ל JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 11 Thons In Amerika I) Daun mögen sie aber auch soviel innere Haltung und Besinnung haben, sich nicht als die wahren, die ״geistigen“ Zionisten zu preisen, die verachtungsvoll auf die miscra plcbs der materialistischen ,Yankees hcrabschen können! Alle Berichte aus Polen stimmen darin überein, daß die drei Millionen Juden dort zurzeit ökonomisch durchaus in der Lage sind, einen sehr großen Anteil des Budgets für Palästina aufzubringen. Siebt inan aber dann, daß Polen für den Keren Hajessod im November £ •101.14.10 und im De- Zauber £ 756.19.4 aufgebracht hat, dann wird eine Kritik des amerikanischen Zionismus, wie die von Grünbäum geübte, zu einer jener Unbegreiflichkeiten in unserer Bewegung, an die wir uns, Schmerz, Zorn und Bitternis im Herzen, allmählich gleicherweise gewöhnen mußten, wie an die immer wiedcrkchrcnde Kürzung des Budgets. S. K. Die DezembcrelnuSnyc beim flauplMiro des Keren Dajessod in London £ £ 1, Vereinigte Staaten R C ■ 17,422. 4. 3 2. Rumänien . . I 1,382. 3. 5 3, Tschechoslowakei « ft 1,359.10, 4 4. Süd.ürika , , M R 1,000.-.- 5. Beßar.ibicn , ■ fl 802 — 6. England . , 1 n « fl 799.11. 2 7. Polen . . , ft « 756.19. 4 8. Argentinien . 547.12. 7 9. Russische Flüchtlinge ■ 523.-. 8 10. Kanada . a ft « 1 522.14. 9 11. Litauen . , , * 517.14. 4 12. Oesterreich . 422 15. 9 13. Chile . , , 400.—.— 14, Brasilien , . » 330.-.— 15. Jugoslawien . « 182 8.10 16. Palästina , . 11 170.12.- 17. Elsaß-Lothringen * 141.15. 2 18. Bukowina . . « 138. 2. 5 19. Ostgalizien . « fl 81.18. 2 20. Transsylvanien % R 75.- — 21. Dänemark . . י « « 21. 8. 7 22. Danzig , . , fl a י 17. 8. 7 23. Marokko , ■ ■ K ■ 15.-.- 24. Lettland , . ■ N 1 13. 7. 7 25. Tunis "... 8 7.-.— 2ü. Schweden . . 9 5.-.— 27, Andere Länder und Einzclbeitragc 1,744. 6. 9 Die Ge s a m t su m m e der Eingänge des Keren Hajessod per 31. Dezember 1923 beträgt demnach £ 1,158,098.14.10. Die PaKsÜna-lionferenz der amerikanischen Juden Der Text der Einladung. Der Text des Einladungsschreibens zu der amerikanischen Palästina-Konferenz ist folgender! Die Zeit ist gekommen, wo — wie wir fest glauben — es die Pflicht derjenigen Juden dieses Landes ist, die nicht Mitglieder der Zionistischen Organisation oder, ihr angcschlossen sind, ernsthaft ihre Beziehungen zu den ökonomischen Problemen Palästinas und zu seinem kulturellen und industricllcn Aufbau zu überdenken. Großbritannien als die Mandatarmacht des Heiligen Landes, hat eine Regierung für Palästina eingerichtet, die jetzt ihr Amt ausübt. Gemäß’ den Bestimmungen des Vertrages von Lausanne war eine jüdische Vertretung (Jewish Agency) vorgesehen, welche mit der Regicrung als beratende Körperschaft Zusammenarbeiten soll. Bis jetzt hat die Zionistische Organisation diese Agency gebildet. Diese Körperschaft hat jedoch erkannt, daß es wünschenswert ist, solche Veränderungen ln der Zusammen- Setzung der Agency vorzunelimcn, die sie ihres parteimäßigen Charakters entkleiden und sie so zu einer wirklichen Jewish Agency machen sollen; zu diesem Zweck wird ein Plan vorbereitet, wodurch Nichtzionisten in einem wesentlichen Maß in der Agency vertreten sein sollen. Es hat sich auch gezeigt, daß, um die Entwicklung Palästinas zu fördern und dadurch einer beträchtlichen Anzahl —I . .. - ■ , .-. von Judai zu ermöglichen, ihr Heim dort zu errichten, die Juden der Vereinigten Staaten und der verschiedenen europäischen 1.ander sieh zur P.ildtmg eines Fiimnzinstitutcs oder Investment-Korporation zusammciitun r,ollen, die auf einer streng geschäftsmäßigen Basis organisiert ist und die Be• Schaffung des notwendigen Kapitals für die verschiedenen industriellen, landwirtschaftlichen oder Handclsunteruehmungen, die in Palästina schon bestehen oder noch errichtet Wertteil, nach vernünftigen Bedingungen, die ihr erfolgreiche Ai heit ermöglichen, besorgen soll. In diesem Zutiammcnhang ist es wichtig, um schädliche Doppelavbclt zu vermeiden und eine gemeinsame Aktion mizub,׳ihnen, daß nicht nur solche Uiitcrnc'lmiungen, welche schon zu diesem Zwecke begründet wurden, ln eine Körperschaft ziisaminengcfaßt werden, sondern daß noch weiteres Kapital, soweit es erforderlich ist, bcigcslellt wird von denjenigen, welche ein wirkliches Interesse an clor Wicdcrnufrichtung des Landes unserer Vlitcr auf einer sicheren und geschäftlichen Grundläge haben oder haben sollten. ln dem Glauben, daß eine Diskussion der erwähnten Gegenstände, frei von jeder Parteilichkeit und mit dem bloßen Wunsche nach sachlicher Behandlung, ohne in Irgend* einer Weise durch die Beteiligung an dieser Diskussion sich irgendeiner Theorie zu verschreiben, höchst wünschenswert ist,, nehmen sich die Unterzeichneten die Freiheit, Sie zu einer Konferenz ciiizuladcn, die am 17. Februar, 10 Uhr vormittags, im Hote, Astor ln New York stattfindet und diesem Ocdankcnamdausch dienen soll, Sic werden hiermit nachdrücklich gohctcii, uns mit Ihrer Anwesenheit zu beehren, so daß diese Veranstaltung so eindrucksvoll und würdig verläuft, wie es der Bedeutung der zur Verhandlung stehenden Probleme entspricht. gezeichnet: Louis Marsh all. Cyrus Adler, Horacc Stern. Herbert H, Lehman, * Von den Unterzeichnern Ist Marshall Präsident des American Jewish Committee, Adler Vorsitzender des Vollzugskomitees des A.J, C, und gesdiäfteführendcr Präsident des Indischen Theologischen Seminars, Stern Präsident des Verbandes der Wohllätigkeitsverciiie in Philadelphia, Lehman (ein bekannter Bankier), Vorsitzender des .Wiederaufbau- Komitees des Joint Distribution Committee. PalSsliacnsisclie Wirtscliattsnaclirlchten Malfacr llnndclslago Im Dezember 1923. hn Dezember hat sich der Handel im allgemeinen ge* bessert. Besonders rege zeigte sich der Kleinhandel durch die Fcsttagseinlcäufc. Die Preise blieben fest mit Ausnahme von Baumaterial, das leicht nachgab; so fiel Eisen von 13—13V» äg. Pfd. auf 12—13 5g. Pfd. per Tonne, Zimmerholz von 415 P.T. auf 390—100 P.T. per qm; Zement blieb mit 360—3S0 P.T. per Tonne unverändert. — Der Import exkl. Tranr.it belief sicli auf 5,011,850 kg im Werte von 145,674 äg. Pfd., d. h. tun 957,075 kg und 26,161 5g. Pfd. mehr als im Vormonat, dagegen um 4,685,996 kg und 18,751 äg. Pfd. weniger gegenüber demselben Monat des Jahres 1922. — Der Gesamtimport des Jahres 1923 cxkl.■ Transit belief sich auf 58,11)8 Tonnen und 1,271,433 iig, Pfd, gegenüber 66,383 Tonnen im Werte von 2,077,778 äg. Pfd. im Jahre 1922; also um 7,915 Tonnen und 806,345 äg. Pfd. weniger. Der Export des Monats Dezember betrug 150,555 äg. Pfd. cxkl. Außentransit. Hierin sind 133,300 äg. Pfd, für Goldmünzen enthalten. Netto wurden 514,850 kg für 17,256 exportiert, d. h. um 20,349 äg. Pfd. gegen den verrran• genen Monat weniger sowie um 66,V47 kg und 20,376 äg, Pfd. gegen den Dezember des Jahres 1922 weniger. Insgesamt wurden iin Jahre 1923 durch den Halfner Hafen mkh Gold 13,644 Tonnen im Werte von 530,213 äg. Pfd. exportiert; im Jahre 1922 waren es gleichfalls 13,614 Tonnen, jedoch für 593,463 5g. Pfd., also eine diesjährige Abnahme um 63,225 äg. Pfd. Jerusalemer Handelslage Im Dezember 1923.' Im letzten Monat des Jahres 1023 hat sich die Handelsläge in Jerusalem erheblich gebessert. Die Wintersaison sowie die christlichen Feiertage haben das Geschäft, das vorher teilweise unter einer ziemlichen Depression zu leiden gehabt hatte, belebt, besonders in Wollwarcn, Schals,Schuhen, Gummiwaren usw,; die heramiaheiide Touristensaison hat ferner zu größeren Käufen von Benzin, Pneumatiks usw. Anlaß gegeben, — Auch der Handel ln Gold- und Silbermünzen zeigte *ich lebhaft; nach Indien wurde für 10,000 iig. Pfd. Silber exportiert. Die Statistiken des Zollamts geben für den direkten Außenhandel Jerusalems im Jahre 1923 folgende Zahlen an: (+) Zunahme 1922 1923 (—) Abnahme Direkter Import 490,000 äg. Pfd. 337,000 äg. Pfd. (-) 152,800 ״ Export 21,300 45,700 (+) ״ ״ 67,000 ״ ״ ׳ Hauptlmportarllkcl bildeten Zucker für 59,400 äg. Pfd., Mehl für 51,700 üg. Pfd., Reis für 41,400 äg. Pfd., Kerosin für 34,400 5g. Pfd, und Benzin für 15.400 äg. Pfd., die »amtlich, aus Aegypten stammen.' Von den Exportwaren kamen zwei Dutte! von 44,(100 äg. Pfd. auf Gold- und Silbcrmünzeii und ein Drittel auf Dörrobst, Ziegenfclle, religiöse Andenken usw. Das Gewicht der Importwaren im Jahre 1923 betrug 18,060 Tonnen, das Exportgewicht nur 160 Tonnen. Hierbei ist noch zu berücksichtigen, daß der größte Teil der nach Jerusalem bestimmten Waren ln Jaffa und Haifa registriert wurde, während die religiösen Andenken, Perlmutter usw. von den Touristen mitgenommen wurden und seiten ala Exportartikel registriert wurden. Die Jnffncr Handclslnßo im Dezember 1923. Außer dem Kleinhandel, der Infolge der christlichen Feiertage ziemlich lebendig war,' hat sich im allgemeinen der Handel träge gezeigt. Die auf den englischen Markten iür Jaffa-Orangen erzielten Preise waren während des größten Teils des Monat» äußerst niedrig. Nunmehr wird allerdings eine Besserung gemeldet; in Liverpool sind kürzlich 14/3 per Kiste erzielt worden, Die Sendungen gehen auch gleichmäßig vonstatten und weisen in den Qualitäten bessere Farben auf. — Weizen und Gerste sind im ikriehtsmonat wieder gestiegen und kosten 114 IM. resp. 95 per 100 kg gegenüber 105 P.T. resp. 90 Ende November. Die Preis- Steigerungen sind durch die Marktlage in Syrien hervorgerufen worden, wo diese Getreidesorten stark gefragt sind. Java-Zucker hat von 103 P.T. auf 170 P.T. angezogen, da die Lieferungen au» Frankreich und Italien ausbiiebcn, jetzt aber schwimmend sind, was die Preise bald wieder herabdrtkkcn dürfte, Preisbewegung In Palästina Im Dezember 1923. Die nachstehende Tabelle gibt die Indexzahlen der Oroft* Handelspreise für Lebens- und Hcizmlttel im Dezember 1923 wieder (Basis 1922 *** 100 %): Zahl der Wart 11ftUungea No». Index Dei. Index Ab- Bihme!, Cerealien und Fleisch 18 83,0 82,2 0,8 II. Andere Lebensmittel u. Obst 34 85,8 83,2 1,ג HL Heizmaterial 11 8r. fl 84.8 1,8 Oeneralindcx 68 84,9 83,4 1,6 Durchlehn Index 1.21 88,0 8&,t 81,8 84,8 Im Gegensatz zu den allgemeinen Preissteigerungen in Europa, besonders für Textil-, Leder- und Kolonialwaren usw., sind in Palästina die Großhandelspreise im letzten Vierteljahr 1923 ziemlich stark gefallen, und zwar infolge der zu niedrigen Preisen angehäutten großen Warenlager. Durchschnittlich haben sich die Preise insgesamt im Jahre 1923 um 15,7 % gegenüber dem Jahre 1922 und um 33,0 0;״ gegenüber «fern Jahre 1921 gesenkt. Die Lage hat sieh für Cerealien letzthin entschieden gebessert, so daß den Produzenten und Exporteuren lohnende Preise mit Sicherheit in Aussicht stellen. Im Einklang mit den allgemeine{! Preissteigerungen stiegen auch hier die Preis«, da der Markt durch Regemnangcl im November und Anfang Dezember beeinflußt wurde, ln diesem Vierteljahr fandcu starke Exporte statt und zwar: 976 Tonnen Bohnen, 956 Tonnen Weizen, 815 Tonnen Sesam, 422 Tonnen Lupinen, 393 Tonnen Linsen, 30t Tonnen Durrha, 220 Tonnen Erbsen zu einem Gesamtbeträge von ungefähr 48,000 äg. Pfd. Die Gruppe Cerealien stieg durchschnittlich um 6 0/0, Milch- und Flcischnrodukte infolge der zeitweisen Knappheit um 5 resp. 3 ס/״; Ende des Monats hingegen fingen sie wieder an zu sinken, so daß Milch per Roll mit 12 P.T. gegen 16 P.T. am 1. Dezember verkauft wurde. Vcgctabilicri mit Ausnahme von Zwiebeln wurden im allgemeinen billiger, ebenso Dörrobst, Mandeln und Wem. Leicht nachgegeben haben Brennholz lind Holzkohle, während Steinkohle, Kerosin und Benzin unverändert blieben. Was die Kleinhandefsprcfie betrifft, so sind sie süimiig gestiegen und mit ihnen entsprechend die Indexzahl tim 1,0 0/0, di« damit seit April 1923 ihren höchsten Stand er reicht hat. Die Durchschnittszahl für das Jahr 1923 war gegenüber Januar 1922 um 24,2 % geringer und gegenüber dein Durchschnirtsindcx von 1922 um 11,6% niedriger. km dem Nolizbudic eines zionistischen Sträflings Von dem eben aus Rußland und dem Klewcr Gcfängnls kommenden Miiglicde des Zentralkomitees der ״Hitachduth“, David Borowoi, erhalten wir die folgende lebendige Schilderung seiner Erlebnisse im russischen Kerker. .Wir bringen heute den Beginn der Erinnc* rungen. *- Red. I. Nun fiel endlich das schwere Tor des Kiewer Gcfännisscs ins Schloß und trennte uns von der Außenwelt. Große Scharen unserer Gesinnungsgenossen begleiteten uns bis ans Tor, trotz des scharfen Widerspruches der Bcwnchungsmannschaff. Immer aufs neue sprengten sie die Soldaten auseinander und immer aufs neue sammelten sie sich wieder. Die Soldaten des Tribunals konnten anscheinend gar nicht verstellen, was eigentlich los war. Tagtäglich begleiten sic Verurteilte von der Tribunalkommandantur und niemand hat Interesse dafür, und jetzt eine solche Aufregung in den sonst so stillen Straßen Kiews und Reihen von begleitender Jugend. Die Mannschaft wurde immer nervöser und nervöser; es fehlte Ihr an jeglichen Instruktionen für solche Fälle, aber je länger der Weg dauerte, desto ungemütlicher wurde ihre Stimmung. Und als es endlich dicht am Gefängnis so weit kam, daß die begleitende Menge (es waren wohl an die zweihundert Menschen) zu singen anfing, und es nicht die den Soldaten wohlbekannten Töne der ״Internationale“ waren, sondern die vollständig fremden Klänge der ״Hatikwah“, da war es auch mit der durch Zigaretten und Obst gestärkten Geduld der Soldaten zu Ende. Es ertönten Kommandos, Schüsse fielen, aber unsere Chawerim blieben am Bürgersteig und sangen leise weiter, bis sich hinter uns das schmale Tor schloß. Bis in das düstere, dunkle Gewölbe der Eintrittshalle tönten noch lange die aufrüttelnden Töne •unserer Hymne nach. Es war das Gefühl des umertrennbaren Bandes ln uns wach, das uns innerhalb der Gefängnismauern mit denen, die draußen geblieben waren un,H die unser Werk fortsetzen, verbindet. Wir waren nicht das erste Mal im Kiewer Gefängnis. Die EintritUforinafltäten waren uns bekannt. Als wir das erste Mal hiiigcbracht wurden, da war es aber ganz anders. Wir waren damals an die fünfzig Mann, hinter uns eine erfolgreich verlaufene Konferenz, die ihren Abschluß in der Kommandantur des G. P. U, (Staatspolitischc Abteilung) fand. Sicher ist noch nie eine zionistische Konferenz in solch gchobener Stimmung geschlossen worden. Vier Tage dauerte die Konferenz, die Sitzungen wurden in immer neue Räume verlegt, junge Chawerim standen Wache an den Zugängen, ein kompliziertes Signalsystem meldete das Hcrannahen des Feindes; die Stimmung wurde dadurch gereizt, das Präskliüm nervös und es war schwer, sich zu konzentrieren. Wie deutlich stehen noch die. Bilder des entscheidenden Augenblicks, des Zusammenbruches der Konferenz, vor unseren Augen: der Schreiber dieser Zeilen führt den Vorsitz, zwei Resolutionen über unsere Gegenwartspolitik standen zur Ab- Stimmung, direkt an meiner Seite sitzt Dr. Lurje und schreibt noch an seiner unheimlich langen Resolution in der Palästinafrage, ich lasse über die einzelnen Absätze abstimmen und auf einmal geht die Tür auf, lange Matrosengestalten mit gezogenen Revolvern in den Händen füllen den Raum, Rufe ertimen: ״IFinde hoch!" und ohne ein Kommando beginnt ci!1 totles Zerreißen der Papiere und. Notizen. Alles drängt sich zusammen und keiner kann mehr fcststcllcn, wer der Vortragende ist, wer am Vorsitztische saß. Legenden liefen nachher in der Stadt um, daß wir > .;ntliche Papiere verschluckt ״hätten. Solche Schluckkünstlcr hat unsere Partei zwar nicht, aber der Boden der Synagoge, in der wir verhaftet wurden, war weiß von Papicrtdzcn und die armen Matrosen hatten die Hände voll zu tun, dieses bunte Durcheinander vom Fußboden in Siicke zu sammeln. Dabei drängte sich ein kleiner, schmächtiger Junge mit einem verräterisch jüdischen Gesicht von Gruppe zu Gruppe, um Gesprächbrocken aufzufangen und sie Wciterzugcben. Nun war alles vorbei. Von Reitern eskortiert, brachte man uns damals an dem schicksalsschweren Tag des 4. Mai 1922 ins G. P. U, Unterwegs verhaftete man die Passanten, die mit uns Grüße wechselten oder staunend uns mit Blicken verfolgten. Unser Geleite schwoll an. Im O. P. U. verstand matt es sofort, die wirklichen Delegierten abzusondern, und nun waren wir endlich unter uns. Die Türen wurden fest verschlossen, Soldaten der Roten Armee standen Wache an Türen und Fenstern; cs war keine Störung dieser Konferenz möglich. Zwar ist die Zukunft unsicher, keiner weiß, waa der nächste Tag bringt, aber eines ist klar: diese günstigen Bedingungen müssen ausgenutzt und die 3. Allrussische Konferenz der ״Hitachduth''-Partci wird ein glückliches Ende finden. Eng kauern die Delegierten auf den Holzpritschcn zusammen und ohne jegliche überflüssige Redensart geht die Arbeit weiter. Die Rednerlisten werden gekürzt, die Redner selbst legen sich die größte Einschränkung auf und schnell geht die Konferenz zu Ende. Schlußreden fehlen nicht, alles ist gehobener Stimmung und alle Delegierten stimmen die ״Hatikwah“ an. Die Wache beginnt zu klopfen, die Aufscher kommen angcrannt, aber die Konferenz ist ja doch bereits beendet und ein ungeheurer Uebcrmut überkommt uns alle. Wir wissen, daß man uns sicher bald trennen wird, daß manche von uns sich nicht so glatt aus der Affäre ziehen werden, und trotzdem ist alles froh und lustig, aufgeregt uriel übermütig. Es war eben Im Mai 1922.... Schon am nächsten Tag, den 5. Mai 1922, brachte man uns ins Gefängnis zur Untersuchungshaft und viele von denen, die uns jetzt mit Gesang für zwei Jahre herbcgleiteten, waren mit uns damals zusammen hierher gekommen. Man sorgte sofort für Trennung; zu zwei und drei Mann wurden wir in große Gefängniszellen gebracht, in denen wir schon 30—40 Mann vorfanden. Wese Zellen waren meist für 12—16 Per• sotten bestimmt, aber die Menge der Verhafteten im Sowjet• lande brachte diese Ucbcrfüllung der Gefängnisse mit sich, Im kommunistischen Sclilaraflcnlande soll es ja bekanntlich über- Haupt keine Gefängnisse geben, nur dauert leider die Uebergangsperiode etwas zu lange . . . Es begann eine lange Kette von Verhören. Wir wußten genau, was wir sagen durften und worauf wir jegliche Aus• sage zu verweigern halten. Stundenlang und gerne und aus• führlich vertieften wir uns in prinzipielle Gespräche mit den Untersuchungsbcamten (meist wohlorientierte jüdische Kommunisten) über Sozialismus und Zionismus, Demokratie und Rlteraacht, nationale Autonomie und Assimilation, gestanden