Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 9 (1.2.1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2651273-2652595-2652604--15499-2674801- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Emden 1× ep/1044505
- Wrocław 1× ep/1002369
OCR text
t ד Seite 58 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 0 Der ,,Verband nntioiinldrutschcr Juden“ hatte wieder einmal eine seiner bei,,Hinten , Versammlungen vorbereitet in der Art, die wir bcreils kennen. Wieder einmal waren die Reichst,׳״!׳!;- mul i.amit.i,!ין fraktionell der Parteien von rechts bis links ein!:clmlcn, »lie Ministerien wurden mit Einladungen tibciscliwnmiit, mul erst in lei/ier Minute, zwei Stunden vor Beginn der Versrmimlmip;, wurde die weitere Oefl'entliehkeit in den Abendblättern aulgefordert, die Versammlung, die am Montag in Berlin stailfaml, zu besuchen. Herr Dr. Max Naumann hielt das oinlcilemle Referat. Man muß gestehen, daß Herr Dr. Naumann die zionistischen Niosäiüien nicht ohne Ei folg gelesen hat. Manche Urundanschauungcn über die Fragen des Judentums als Religion oder Nation, sogar über Ursachen und Gründe der antisemitischen Bewegung stammen aus zionistischen Theorien. Im übrigen war das Referat dadurch gekennzeichnet, daß Herr Dr. Naumann seine bekannte fk hatiplutig. daß die zionistische Bewegung die deutschen Sl.'inlsinteressen gefährde, damit begründete, daß cs drin Dciiisdihim schlecht;;ehe. I n ■!and, dem es gut gehe, dürfe sich durchaus gestatten, zionistische Beamte lind Ministcr zu haben. Von gleicher Einsicht und gleich tiefer l.nassiing des jüdische!» Problems zeugte die DeliaiipUtng, die antisemitische Bewegung sei eine direkte Folge des Kultur- Zionismus. Auf den Zwischenruf ״Stöcker und Ahlwardt“ zog cs Herr Dr. Naumann vor, schweigend zu antworten. Auch das religiöse Problem wurde von Herrn Dr. Naumann in dem amicnlialbstündigen Referat grundlegend und erschopfern! bdiandelf, Herr Dr. Naumann verlangte, daß gewisse 1 jgenütinhdikcilen der Juden erhalten bleiben, darunter mich die ״jüdische Religion“. Dabei ist bemerkenswert, daß dieser Herr unter jubelndem Deilall ■einer Anhänger erklären konnte: ״Den alten Stammesgott ,Jahwe‘ einer asiatischen Nomadenhorde lehnen wir ab. Wir haben einen deutschen Gott." Ein Teil der Versammlung (initiierte .allerdings diese Feststellung mit dem Zuruf ״Der jüdische Wotan“. Bemerkenswert waren die Ausführungen des Referenten zum Ostjudcn-Probicin. Dr. Naumann billigt den Osijuden nunmehr doch eine gewisse Kulturstufe zu,, leugnet aber jede innigere Beziehung zu ihnen. Interessanter als dieses Referat, dessen Oberflächlichkeit und nlisnlult: t Jnkeimlni׳, der b! Iiamli lk*11 Probleme schwer zu skiz/ieien ist, war die I )chatte. Zunächst bewilligte man vorsichtigerweise den Diskussionsrednern zehn und alsdann fünf Minuten Redezeit. Der erste Redner war Major a. D. Anker, ehemals Nachrichten-Offizier im Stabsquartier des Kronprinzen, der freimütig erklärte, der Vorstand des Verbandcs nationaldeutsciicr Juden habe ihn ״hergeliolt, damit er seine Meinung über die Judenfrage sage“. Herr ,Major Anker erklärte, »laß die Juden nicht allein schuld am Zusninmenbruch, am Kriegsverlust, an der Revolution, an der Inflation usw. seien. Im Gegenteil, mit so nationalen Männern wie Herrn Dr. Naumann könne sogar er den Kampf für die Monarchie, für den Revanchckrieg und gegen die Internationale führen. Die nationaklcutschen Juden müßten geistig und materiell diesem nationalen Werke ihre Unterstützung leihen. Unter jubelndem Beifall schloß Herr Major Anker mit einer Aufforderung zum Kampfe für Deutschland gegen die Unterdrücken Es war bezeichnend, daß diese Ausführungen bereits starken Widerspruch fanden. Sodann sprachen unter lebhafter Zustimmung eines großen Teiles der Versammlung die Herren Dr, Klee und Dr. Badt. Beide Herren vertraten in sachlicher Form den zionistischen Standpunkt. Die (Versammlung fand ein vorzeitiges Ende infolge einer Rede des Landtagsahgc0rd 11 eIcn Oscar Cohn, der ausdrücklich betonte, kein ,,geleinter Zionist“ zu sein und sich deshalb in »len Kampf für und wider den Zionismus an dieser .Stelle nicht einmischeu zu wollen. Herr Dr. Cohu sprach als Politiker und wies überzeugend die politisch völlig uuhaltbare Stellung des Verbandes nach.. In energischer Weise sprach er gegen die Ostjiiden-Poülik, wie sic der Verband in der Praxis betreibt, und insbesondere gegen die deutsch• naiiH11:1|(■ Kriegsslimiimiig der Nalioiialdenb.rhen. Als Dr. Golm sich scharf gegen die Propaganda für einen neuen Welt* krieg wehrte, riet mau ihm aus der Versammlung zu: ״Du wirst schon vorher abgekiilt werden“. Es kam zu stürmischen Szenen, die eine Fortführung der Versammlung unmöglich machten. Der obligate Fußtritt, der den nationaldeutschen Juden seit jeher von den Rechtsparteien als Antwort auf ihr Liebeswerben erteilt wurde, Lilien auch diesmal nicht aus: Die ״Deutsche Tageszeitung“ vom 31. Januar schreibt: ״Berliner Zeitungen berichten über eine Versammlung nationaldeutsciicr Juden, in der auch Herr Major a. D. Anker das Wort ergriffen hat. Herr Major Anker soll nach diesen Berichten dabei zum Ausdruck gebracht haben, daß ein Zusammengehen nationaler Deutscher und jüdischer Kreise, wie cs Herr Dr. Naumann und sein Verband hcrbciführcu wollen, zu begrüßen sei. Wir legen Wert auf die Feststellung, daß Herr Major Anker in diesen Ausführungen nur seinen persönlichen Standpunkt zum Ausdruck gebracht hat. Herr Major Anker stellt mit diesem Standpunkt ־i n Widerspruch 7.u den Auffassungen der Deutschnationalen Volkspartci, die seit Gründung des NationaJvCrbandcs der Juden keinen Zweifel darüber gelassen hat, daß sie diesen Bestrebungen aus grundsätzlichen Bedenken ablehnend gegeniiberstcht.“ Her Rc!cl:snu.sscl1ull jllt!!,sclicr (iemeitsdai Dcutechlands zur VcrtcUmifi von Auslandsöpnulen «ml tilg. ZtniralwoltKalsrIs• Helle der tlcnlsäicn Juden Das Ausland bekundet in letzter Zeit eine außerordentlich warme Anteilnahme an dem Schicksal der in Not geratenen jüdischen Bevölkerung in Deutschland. In vielen Ländern, so vornehmlich in Oesterreich, Holland, der Tsclicchoslowakei, der Schweiz, England u. a. mehr, sind Hilfskomitees zur Linderung der jüdischen Not in Deutschlaml gebildet worden, um durch Aktionen Geld, Lebensmittel und Kleidungsstücke aufzubringcii und unterernährten Kindern Erholungsaufenthalt zu gewähren. Alle diese Hilfskomitees haben den Wunsch geäußert, »laß die Verteilung der im Auslände aufgebrachten Mittel in Deutschland straff zentraiisiert• durchgeführt wird, d. 11. daß• eine verantwortliche Stelle als Vertreterin der jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland dem A u s I a n d gegenüber in Erscheinung tritt. Diese Stelle besteht bereits seit ca. einem Jahre und zwar in dem Reiehsansschuß jüdischer Gemeinden Deulschlandr» zur VertciJung von Aiislnidsspemle״ (GcsciüifüsteÜe, Berlin G 2, Rosen- Straße 2/4). Ihm gehören Vertreter aller Großgcmcinden an sowie des preußischen und bayerischen Landesverbandes, des Bundes gesetzestreucr jüdischer Gemeinden und Organisationen fAgudas Jisrael), der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, des Arbciterfürsorgcamtes jüdischer Organisationen Dculschslands. Der Reichsausschuß ist völlig neutral, die ausländischen Hilfs- Organisationen stehen mit ihm in reger Verbindung; da sie aber bedauerlicherweise trotzdem mit Einzrlgcsuchcn »teiltscher Privatpersonen, Anstalten, Vereine, Gemeinden usw. überschüttet werden, haben sie gebeten, daraufhin zu wirken daß »lier.c nachteilige Zersplitterung endlich beseitigt wild. Im Interesse unseres Ansehens im Auslände kann daher von deutschen Stellen nicht nachdrücklich genug gefordert werden, in Zukunft den gesamten Verkehr mit dem Auslande ,»»1.4 c-t». . * C Z 1. Unter «gegangenen > üv׳J4 ^vL»». ־ 1 1— ,.׳.. .. .ijt Bezugnahme ,־.uf die allen Gruppen wiederholt (lirei.fen Zuschriften bilicii wir auch' hierdurch dringendst, dafür Vorsorge zu treffen, »laß die in den Gruppen bestehenden Sammchbontic m e 111 s vergrößert werden. Es muß unbedingt erreicht werden, daß wieder alle Mitlieder der Ortsgruppen die ״Jüdische! Rundschau“ zuger.tcllt bekommen. Wir haben den Gruppen die Durchführung dieser Parole dadurch wesentlich erleichtert, daß wir׳ uns dazu bereit erklärt haben, ihnen das Blatt für alle diejenigen Ihrer Mitglieder, die aus pekuniären Gründen den Abonnement»- preis in voller Höhe nicht zahlen können, mit wesentlicher Preisermäßigung zu liefern. Wir sind auch jederzeit bereit, nach vorheriger Bestellung Wcrbcnummem in größerer An zahl zur Verfügung zu stellen. 2. Wir bitten auch an dieser Steife die Ortsgruppen Asch aff enburg, Augsburg, Bamberg, Biele fold, Bonn, Braunscbwcig, Breme n, Breslau Bruchsal, Darmstadt, Düsseldorf, Emden Eydtk!ihnen, Frankfurt a. M., Frankfu rt a.O. Freiburg, Fulda, Gießen, Glelwltz, Hamm Hannover, Hellbronn, Karlsruhe, Landau I. d Pfalz, Leipzig, Lieg nltz, Münster, Saar brücke 11, Scho 11 lanke, Waldenburg, Würzburg, in dener« noch kein Sammclnbonncment bestellt, die für die Errichtung eines solchen Saimnelabonnemcnts erforderlichen Schritte sofort zu unternehmen. Den Ortsgruppen sind bereits Listen der an den betreffenden Plätzen bestellten direkten Abonnements zur Information zugegangen. Wir machen auch hier midi ausdrücklich auf die von uni getroffene Einrichtung der ermäßigten Abonnements für minderbemittelte Mitglieder der Ortsgruppen aufmerksam. 3. Ab l. Februar wird der Umfang der ״Jüdischen Rundschau weiter vergrößert werden. Die Dienstag-Nummer wird in einer Stärke von sechs Seiten erscheinen und ebenso wie die Freitag-Nummer regelmäßig die Roman-Beilage enthalten. 4. Nachdem jetzt die Geschäftswelt wieder dazu übergegangen ist, in großem Umfange Reklame zu machen, wollen auch wir unsere Inseratcnabtellung wesentlich ausbauen. Wir suchen zu diesem Zweck an allen größeren Plätzen tue htigefnseraten -Akquisiteure und bitten unsere Leser, uns hierbei zu unterstützen, Wir sind bereit, den Agenten hohe Provision zu zahlen, , #*1 JM CTtiQl^nd ’ Anläßlich der Nculahrscrnciinungen ist Sir Herbert Morton Je ■sei zum Lord ernannt worden. Er ist ein bekannter Konservativer Politiker, der durch zehn Jahre mich dem tuglischcii Unterhaus ,«gehurt und sich besondere Verdlcnste in der Londoner kommunalen Verwaltung erworben hat. Er hat den Titel eines Lords von Wcstniinster angenommcn. Neben Lord Jcssel sind noch drei Juden aus den britischen Kolonien geadelt worden, und zwar Sir Louis Richarclson in Südafrika, Mr. Louis Cohen, Lordbürgermehter der Stadt Adelaide, Hauptstadt von S»irt- Australien, und Arthur Mielzincr Myors, ein bekannter Politiker und ehemaliger Minister in Neuseeland. y-tti fen ausschließlich durch den Rcichsausschuß jüdischer Gemeinden Deutschlands zu leiten. Mit der Geschäftsführung des Rcichsausschusses ist die Zcntratwohlfahrtsatcllc der deutschen Juden (Berlin C2, Roscnstr. 2/4) betraut, welche die Spitzcnorgauisation jüdischer Wohlfahrtspflege im In lande darsfcllt. Auf Grund ihrer Kenntnis aller Einrichtungen und ihres Ucberhlirkcs der jeweiligen Notstände ist sie' in der I ag»־, die Ib'dü( fnl״;e festzur.teilen und »lein Relr!nmr;soI1ttß Voi seit läge zu unterbreiten. Bekanntlich zählen zu ihren Mi gliedern die großen jüdischen Organisationen ßeuüdttond« (Großloge für Deutschland U. O. D. 11., Deutsch-israelitischer Gcmeimlcimnd, Jüdischer Frauenbund, Zionistische Vcreinlgütig für Deutschland, Arbcilcrfürsorgeamt jüdischer Organ!• sationen Deutschlands u. a.), ferner vier Landesverbände (Bayern, Briden, Württemberg, Hessen-Nassau), 20 örtliche Zentralen für jüdische Wohlfahrtspflege, 86 Ornß,gemeinden, Rabbiiicrvcrbaud, Lchrervcrbaml n. a. m. Die Z. W.St. hat die Aufgabe, die jüdische Wohlfahrtspflege in Deutschland einheitlich aiis/iigestaltcn. Es hat sich auch in der letzten Zeit eine intensive Zusammenarbeit der Z. W, St. mit den Behörden sowie mit der interkonfessionellen und konfes* sioiiclkm freien Licbestätigkcit ergeben, insbesondere auch mit dem Zcntralausscliuß für die Äudandsliilfe und mit dem Roten Kreuz. Sowohl bei Verteilungen des Reiches ah auch dieser beiden letztgenannten Organisationen werden der Z, W. St. Mittel zur Verteilung an die ihr angeschlossenen Wohlfahrtsanstalten zur Vertilgung gestellt. Sie setzt sich mit größtem Eifer für die Beschaffung von Mitteln für die jüdische Wohlfahrtspflege ein, indem sic die Spendensnmmlungen im Inlandc unter der Bezeichnung ״Jüdische Not" organisiert, ihr sorgfältig ausgebautes Archiv und vor allen Dingen auch die persönliche Kenntnis- und Fühlungnahme mit allen jüdischen Wohlfalirtseinrichtungcn im Reiche ermöglicher, ihr den Gesamtüberblick, Die Z. W. St. betreut das jüdische Anstaltswescn in Deutschland, das 6000 Plätze in den Anstalten für Gesimdlieifsfütsorge, 1400 Platz»־ in den Altersheimen, 2500 Plätze in »len Anstalten der geschlossenen Jugcmlwolilfahrt umfaßt, dazu kommen 40 Einrichtungen der halboffcnen Fürsorge (Kindergärten und Horte, Einrichtungen der Jugendpflege), 30 Speiscanstalteil, 300 jüdische Krankenschwestern, Auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Fürsorge obliegt der Z.W׳. St. die Fürsorge für die Flüchtlinge aus den abgetretenen Gebieten im Osten, die sic wieder in das Erwerbsleben cinzu» gliedern bzw. in Heimen unterzubringen sich bemüht, und die Fürsorge für die jüdischen Rheinuini Ruhrvertricbcncn. Auf dem Gebiete der Gesundheitsfürsorge vermitfeit die Z.W.St. die Versendung der Kinder nach dem Auslamle. Auf dem Gebiete der S o z i a 1 re f 0 r m, insbesondere der Anstalten, hat die Z. W. St. im Zusammenhang mit der Vertcilung von Spenden zur Durchführung der Sozialrcform eine Kommission eingerichtet, die sich mit der Einführung einer zeitgemäßen Besoldung in den Anstalten und der Reform der Erziehungsmethoden in den Anstalten befaßt. Die Bestrebungen in dieser Hinsicht haben bei der jüdischen Erzichungskonfcrcnz, welche, nadulcm in einer Reihe von Großgcmcinden Vorkonfcrenzen slattgcfiuuicii hatten, im Oktober v. Js. von der Z. W. St, veranstaltet wurde, ihren Ausgangs- und Kulminationspunkt gefunden. Ueber die gesamte Tätigkeit auf dem Gebiete des Wohifahrtswcsens orientiert der von der Z. W.St. herausgegebene periodisch erscheinende Nachrichtendienst, * Die Jüdische W e 1111 i! f s k 0!: f e r c t! z hat In Verbindung mit der ZcntralwohJfahrHstclIc der deutschen Juden (letztere als GcscbiiltsRilmnin des Reichsatifscluisses der jüdisclicn Gemeinden Deutschlands zur Verwendung der Aus- Iniulsspeiidcu) für den 18. Februar eine Konferenz nach Berlin ciubei'ufen, die über eine Zentralisation der Hilf*■ tätigkeit im Ausland, soweit es sich um die Unter• Stützung notleidender Institutionen in Deutschland handelt, beraten soll, , ״״ Im ״Corriere delia Sera“ veröffentlichte Luigi Luiattl, der frühere italienische Ministerpräsident, der Jude ist, einen Aufsatz, in welchem er auf die Verfolgungen filnweist, denen die nationalen Minderheiten, speziell die Juden, in einigen der neuen Staaten, besonders in Polen, ausgesetzt sind. Man verlangt Gerechtigkeit von den Großstaaten, sagt Luzatti, man bewahrt die traditionelle Sympathie gegenüber den kleinen, eben noch unterdrückt gewesenen Völkern, aber man vergißt »laß diese ihrerseits nun Unterdrücker geworden sind und daß auch von Urnen Gerechtigkeit verlang! werden soll. Luzatti war während und nach dem Kriege einer der eifrigsten Verfechter der Unabhängigkeit kleiner Völker. Otattmfeh In der am 9. Januar statlgcfundcncn Sitzung der Wiener Israelitischen Kultusgemcindc wurde das Budget für das Jahr 1924 elngcbracht. Die Ausgaben weiden mit 28 Milliarden Österreich. Kronen veranschlagt, gegenüber 15 Milliarden Kronen im Jahre 1923. Die Haupteinkünfte sollen einfließen aus der Kultusstcucr (II Milliarden) und aus der Begräbnis- Steuer (7* 1/! Milliarden). Unter den Ausgaben rangiert ein Posten von 3 Milliarden für rituelle Ange.cgcnheitcn, 1,6 MiJ- Harden für Schulen uml Hiblmilicken, 8 Milliarden für »las Filrsorgcwescn, 6 Milliarden für Begräbnisse und Vergrüberung des Friedhofes, 4'/» Milliarden für administrative, tmti 4ג/י Milliarden für außerordentliche Ausgaben. In dem Derieht zu dem Voranschlag* wird belont, daß die Finanzen der Wiener Kultusgemeinde nunmehr fast ganz saniert sind. Wien. (j. T.A.) Der Wiener jüdische Finanzmann Bosel, der bekanntlich unlängst die finanzielle Erhaltung der wissenschaftlichen Institute der Wiener Universität übernommcn hat, hat ferner eine neue Milliardcnspcndc für Arbeitcrbildung in Oestcrrcicu gewidmet. Er übernahm für die nächsten tünf Jahre die Deckung des gesamten Defizits des ״Wiener Volksheims“ (Volksunivcrsitat). Man schätzt diesen Zuschuß Bösels auf einige Milliarden Kronen jairrlieh. — Der Wiener Oberrabbiner Dr. Chajes hat in einer seiner letzten Tempciprcdigten scharf die Art der Spenden Bösels kritisiert und ausgeführt: Während Bosel für den Aufbau Palästinas keinen Groschen leistet, übernimmt er die Sanierung der Wiener Universität ohne jede Garantien gegen den dort gezüchteten Antisemitismus, der von dieser Stätte aus unter der von Natur gutmütigen und nicht antisemitischen öster* reichischen Bevölkerung verbreitet wird. Am 22. Januar traf die Fußballmannschaft der ״Hakiah“ von ihrer großen Palästinareise mit der übrigen Rcisegcscll- ■chaft wieder in Wien ein. Auf dem Südbahnhofe hatten (ich zahlreich? Anhänger der ״Hakoah“ eingefunden. Es wurden Begrüßungsansprachen gehalten. Rumlnftn Vor Kurzem ereigneten sich in der Umgebung von Klausenburg antisemitische Unruhen in den Döifcrn. Die Dorfjugend wurde von Klauseuburgcr Studenten zu Excesscn gegen die jüdischen Dorfbewohner aufgenclzt. Im Dorfe Egcrcsch drangen die Burschen in zahlreiche jüdische Häuser ein und richteten großen Schaden an. Die Täter wurden diesmal nicht von einem Militärgericht ab- *---1 * ־־'־ י־'•-■.- ..... . ... ,§ freien Fuß gesetzt hat. poUn Warschau. (J.T.A.) Der jüdische Schriftsteller- und Journalistcnverein in Polen veranstaltete am 3. Januar abends im Saale des Kaminski-Iiieafers eine Jubiläumsfeier zur Er- Inncrung an die vor hundert Jalncn (am3 ׳. Januar) in Warschau erschienene erste Nummer der ersten jiddischen Zeitung der Welt, ״Der Beobachter an der Weichsel". JJcr Saal und die Galerien des Kaminski-Thcalcrs waren überfüllt. Der Vorsitzende des Journalisten- und Sehriftsfcllervercins Dr. M. Silbcrfarb gab einen Ucberblick aus der Geschichte der jiddischen Presse, die seit ihrem Anfang bis auf »len heutigen Tag vielfach behördlichen und anderen Verfolgungen ausgesetzt war, Hierauf begrüßte der Vorsitzende des Klubs der Pariamentarlsciien Berichterstatter! der Pole Witold Gildsinski, die Fcstversammlung. Hiliel Zcitlin appellierte an die jüdische Bevölkerung, jiddisch zu sprechen und die jiddische Sprache zu pflegen. Nunmehr erfolgten Begrüßungen der Vertreter anderer jüdischer Organisationen, Als U» r Vertreter der hebräischen Kulturorg.mis;ui ״ וויTarhnth“, Herr M. Gonton, hebräisch zu sprechen begann, verlangten einige Besucher auf der Galerie, der Redner solle jiddisch sprechen. Die Hebraisten dagegen riefen ״Hebräisch 1" Es begann ein großer Tumult, so daß die Versammlung unterbrochen werden mußte. Währenddessen sangen die Hebraisten im Saale die ״Hatikwah“. Als die Versammlung wieder aufgenommen wurde, setzte Herr Gordon seine Begrüßungsrede hebräisch fort. Bei der Rede des Herrn Lltwak, der wieder gegen die Hebraisten auftrat, kam cs zu neuen Tumulten und zu einer ungemein scharten Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Seim-Abgcoraneten J. Grünbamn, Nach Wiederherstellung der Ruhe wurde der zweite Teil des Programms, der hervorragende künstlerischc Darbietungen braeilte, absolviert. Dr. J. M. J u d t, einer der bekanntesten Warschauer ji'1dischen Aerzte und ,Verfasser des Buches ״Die Juden als Rasse“, ist fm Alter von 48 Jahren gestorben. Bnrerlha In der letzten Dezemberwoche hielt der Parteirat der linken Poale-Zion Amerikas eine Tagung in New York ab, zu welcher Vertreter zahlreicher Städte erschienen waren. Der Parteitag beschäftigte sicii besonders mit der Möglichkeit der Schaffung einer zentralen Arbeiterpartei in Amerika. Es wurde beschlossen, gemeinsam mit allen radikalen Elementen der amerikanischen Arbeiterschaft eine KliMen- Partei der Industrie- und Famienarbeiter aufzuhanen. Da* Zentralkomitee wurde Instruiert, sich an der radikalen Arbeiter« Konferenz in St. Louis am 30. Mai zu beteiligen. Der Parteirat beschäftigte sich auch mit der jetzigen Lage der Po.dc- Zion-Wcllbcvvcgung und billigte mit einer Majoiua. d!c Koordination des Weltverbandes Poale-Zlon mit allen arbeitenden Elementen, die an dem proletarischen Aufbau Palästina« iutcressiert sind. , ו