Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 9 (1.2.1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I Nr. 0 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 57 zuletzt der finanziellen, ist im ״Wallach-Spital“ alles mir Denkbare zur Linderung und Heilung der Krankheiten vorhanden. Die Behandlung ist so überaus gewissenhaft und gründlich, daß es mir kaum faßlich ist, wie 3 Acrzlc und nur 10 Schwestern das Arbcitsqiiantum bewältigen können. Ihr müßt nämlich wissen: die W> Betten des Hauses sind fast ständig alle besetzt. Araber, Scpharden, Aschkcnasim — alle, die dort Zuflucht suchen, werden ohne Ansehen des Standes oder der Gesinnung aufgenommen. Das Spital ist zwar eine orthodoxe Gmmlung und wird auch nur aus orthodoxen (leidem erhalten, aber es haben schon so viele der Unseren, Qialuzim und Chaluaith, dort zum grollten Teil unentgeltliche Heilung erfahren, daß ich es beschämend empfinde, wenn nicht auch zionistisches Geld in die sehr erschöpfte Kasse dieses gemeinnützigen Institutes fließt. Geradezu unverständlich war mir, wie bei derartig schlechten Finanzverhältnissen eine so ausgezekhnetc Verpflegung möglich war. In Deutschland bekommen Patienten der HI. Klasse nicht annähernd das qualitativ hervorragende Essen, wie es mir im ״Wallach-Spital“ verabfolgt wurde. Milch vor allem in Hülle und Fülle. Das Krankenhaus hat nämlich einen Viehbestand von acht Kulten, die soviel Milch geben, daß zum Teil noch davon andere Spitäler versorgt werden. Es war also kein Wunder, daß ich mich bei dem guten Essen, der aufopfernden Pflege der Aerzte und Schwestern und in dent freundlichen, sauberen Zimmer bald erholte und zu meinem Leidwesen diese gastliche Stätte schon nach drei Wochen verlassen mußte. In der Stille und Beschaulichkeit dieser Wochen ist mir ein Begriff von wirklichem Chaluztum gekommen. Das hier ist Pionierarbeit! Dr. Wallach hat im wahrsten Sinuc des Wortes solche geleistet. Wenn man sicht, mit was für Sclnvierigkeiten auf jedem Gebiet er heute noch zu kämpfen hat, so kann man sich ungefähr eine Vorstellung machen, wie es vor 30 fahren hier ausgcschcn haben mag, — Ich habe Luch das alles so ausführlich geschrieben, damit aucli einmal etwas von dem stillen, selbstverständlichen Wirken zu Euch dringt. Und nun für heute genug. Schalom! Ada Abraham. Versammlung der demokratischen Zionisten in Berlin Sonntag, den 27. Januar, fand in der Berliner Stadthaltc eine von der Gruppe der Zionisten aus dem Osten ein• berufene Versammlung statt, in der Dr. Nalumi Goldmann, Richard Li eilt heim und Dr. S 01 0 w e i t s c 11 i k über ״Zionismus als Volksbewegung“ sprachen. Als erster sprach Dr. Goldmann, der ausfulutc, daß Palästina nur im zionistischen Geiste aufgebaut werden könne, wenn das gesamtc Volk sich an dem Aufbau aktiv beteilige. Jüdisches Volk und Palästina-Aufbau ergänzen sich und 5md eins ohne das andere undenkbar. Weder die Arbeit der Chowcwc-Zion noch des Barons Rothschild, so bedeutend ihre Rolle für die Kolonisation war, sei Volksarbeit gewesen. Der Redner tritt für Zusammenarbeit mit den Nichtzionisten ein, doch dürfen die Grenzen hierbei nicht überschritten werden, wozu entscheidende Instanzen der Bewegung bereit seien. Bei Preisgäbe des volksmäßigcn Charakters der Bewegung und ihres Primats beim Palästina-Aufbau sei dieser selbst gefährdet, jüdische Politik müsse ä ia ionguc gemacht werden, man solle daher nicht mit den Arbeitslosen in Palästina kommen, es sei vielmehr notwendig, auf evtl. Momcntcrfolgc zu verzichtcn, um das Endziel nicht in Gefahr zu bringen. Historische Politik stehe gegen Tagespolitik. — Richard L i c h 111 e i m sagte, wenn behauptet werde, daß sich auch Hcrzl an die Großjuden gewendet habe, so müsse demgegenüber erwidert werden, daß inzwischen Jahrzehnte vergangen seien und sieh die Verhältnisse geändert häilcn. Daß Hcrzls Bemühungen nicht gelangen, habe an diesen Großjuden gelegen. Den Kampf gegen die Auflösung im Judentum unrf die äußeren Hindernisse, der noch nicht zu Ende sei, hätte niemals die Philanthropie führen können. Jetzt, nachdem wir solche Erfolge errungen haben, sind wir innerlich schwach geworden. Es handelt sich nicht um demokratische Formen, sondern die Massen sollen die Möglichkeit haben, sich ain Aufbau zu beteiligen. Durch ein Notabclnkoinitcc seien diese ausgcschallet. Hinsichtlich der Jcwisli Agency sagte Lichtheim, daß die Zionistische Organisalion, wenn sie die Jcwisli Agency aus den Händen gibt, nicht mehr allein das jüdische Volk repräsentiere. Die nationale Stoßkraft ginge dann verloren. Die Vereinigung von Notabeinpolitik mit der zionistischen Tradition bedeute eine Degradierung des Zionismus. Die Zusammensetzung der Agency, wie sie geplant ist, sei auch unorganisch, es wäre ähnlich, wie wenn Stinncs oder Krupp als Vertreter ihrer Wirtschaftsintcrcssen einem parinment,arisehen Kabinett in Deutschland ztigezogcn würden. Alle Kompromiß- und Vermittlungsversuche seien falsch, es gehe nur ein Entweder — Oder. Was die Frage anlangt, wie die Mithilfe der Nichtzionisten zu gewinnen sei, wirft Lichtheim der Leitung vor, daß sic die Wirkung der Balfour-Dcklaration gf—I, ,1,; 1,11 ... .. i_ j Ai casere Leser! Eiatm vlellach gtSuOertca Wunsche unserer Abonnenten entsprechend, lassen wir von Februar ab■ die Fortsctzungta der Erztihlung .Sehlalmale* von Mcndale Molcher Sturln, deren ernte Kapitel, wie wir leslstcllen komitcn, bereits ein anflcrordcnlilches Internst und begeisterte Aufnahme gclundcn hoben, statt einmal wSehentlich s w e I m a 1 erscheinen. Die llclla ge wird also von der nächsten Nummer ab lieb ■ascrar Dienstagnummer bclgclügt werden. Dies bedeutet eine ■«■er• liebe Erweiterung äes Umfanges naserei Blattes. Wenn wir diesem Wunsche nnicrer User naehkomaen, tan wir dies nur unter der Voraussetzung, dafl Jeder von Ihnen die Verpflichtung Mbit, sich um die Gewinnung neuer Abonnenten zu bemühen. Wir hoBcn Insbesondere, daß die Ortsgruppe» and Vt»• traucuslcute steh noch dieser Richtung bin bemühen werden. Dl* gegen• willige Abonnenteazahl rechtlerUgt eine weitere Vergrößerung des Umtaugcs der .jüdischen Rundschau* nicht Wir haften jedoch bestimmt daß wir uns ln unseren Erwartungen Aber das Wachsen der Aboancnteniahl nicht getäuscht scheu werden. Andernfalls müsste statt an einen wetteren Aasban des Blattes an einen Abbau geschritten werden. Jeder Abonnent Ist verpflichtet, mindestens einen neuen Abonnenten zu gewinnen! Von den Ortsgruppen und Vertrauensleuten erwarten wir la dea nüchstcn zwei Wochen genaue Mitteilungen über den Erfolg Ihrer zur Abonnenlengewlnnuog unternommenen Schritte. Die Betvgsgebühr betrügt monatlich 1,8$ Mk., vierteljährlich 5,25 Mk. Im Sammelabonnemeat der Ortsgruppen vierteljShrllch S Mlu, IQr minderbemittelte Mitglieder der Ortsgruppen 3 Mk. vierteljährlich. Verlag ״Jfldlsche Rundschau“ Berlin W IS, SSchslsehe Straße 8. nicht ausgemitzt habe, um eine Propaganda für den Eintritt in die Zionistische Organisation zu entfalten. Ebenso sei auch die Propaganda für den jüdischen Kongreß in Deutsch-!and ein Fehler gewesen. Ein neues Experiment sei mit dem Keren Hajcssod gemacht worden, durch das, anstatt daß er als rein zionistischer Sammclfonds gegründet worden wäre, mir eine falsche ilhir.ion erweckt worden sei. Licltthcims Programm ist: Kooperation mit den Nichtzionisten auf den Gebieten, auf denen wir mit ihnen Zusammenarbeiten können. Er könne beweisen, daß es ein Fehler war, den Nichtzionisten die Beteiligung an der Agency und die Hälfte der Sitze in iiir an/uhictcn. Zu einer Zusammenarbeit könne man ohne die Agencv kommen. Die Chance, daß z, B. der Joint bescliäftigiingsfos sei, müsse ausgemitzt werden. Die Nichtzionisten mögen ihre Banken und Kreditinstitute gründen, wenn sic dann unserem nationalen Empfinden näher gerückt sein werden, dann werde der Tag kommen, eine neue große Organisation zu bilden. Wenn inan sich für bankrott erklärt, kann man nicht mit andern verhandeln. Es handelt sicli um Grundfragen unserer Existenz. — Dr, Solo w c i t sch i kl Es müsse zionistische Propaganda unter Zionisten getrieben werden. Der Zionismus ist zwar auf soziale Realitäten auf• gebaut, aber eine idealistische Bewegung. Auch heute ist der Zionismus irreal, da er nicht mit dem täglichen Leben in Verbindung stellt. Bei andern Völkern werde ein nationales Leben aufgebaut durch die Alltagstätigkcit jedes Einzelnen, Die einzige Quelle des Zionismus ist «er Volkswille.. Ohne diesen organisierten Volkswillcn ist der Aufbau nicht möglich. Dies gelte sowohl von dem Geld, das die Reichen nur unter dem Druck der Volksmnsscn geben, wie von der Politik, die erfolglos sei, wenn nicht hinter unseren Vertretern die Kraft des Volkes steile und sie diese spüren. Da die Leitung in den letzten Jahren den Kontakt mit den Massen verloren halie, sei mancher Schaden infolgedessen entstanden. Drittens hätten wir ohne den Volkswillcn nicht die Menschen für den Palästina-Aufbau. Die Gewinnung neuer Chaluzim sei in Gefahr, wenn die Bewegung den volksmäßigcn Charakter veriiert. Eine Diktatur wie bei andern Völkern sei bei uns nicht möglich, denn das einzige, das wir als Nation haben, sei der nationale Wille. Jedes Attentat auf diesen ist ein Attentat auf den Aufbau Palästinas. Die Jcwish Agency ist der Anfang der jüdischen Staatlichkeit. Es sei ein Attentat auf die Geschichte des jüdischen Volkes, das seine Erlösung Zeit zu Zeit unterbrach sic ihre Arbeit, schaute und träumte vor sich hin, und ein glückliches Lächeln umspielte ihre Lippen. Und wenn einmal wieder Streit ausbrach zwischen ihr und einem ihrer kleinen Gefährten, schlug sie nicht wie früher los, sondern sagte mit einem unbeschreiblichen Aus* druck von Uebcrlegeiihcit una Verachtung: ״Geh fort, du Dummkopf, du hast ja. nicht mal eine Mutter aus TiberiasM". Liebe kleine Sarina, jetzt wiegst du dich in einen! Traum von Glück, der in seiner schönsten Gestalt zu dir kam, in Gestalt einer Mutter. Aber was wind aus dir werden, wenn der Traum ausgeträumt ist und wenn die ״Mutter aus Tiberias“ wieder verschwindet, so plötzlich, wie sie gekommen ist? Wie wird dann erst dein kleines Herz leiden, wie wirst du die Qualen eines verlassenen Kindes in den Händen grausamer Peiniger erst ganz fühlen, nachdem du die Liebe einer Mutter kennen gelernt hast! Dann erst wird die Tragödie deines Lebens in ihrer ganzen Bitterkeit beginnen. Wie fürchte Ich für deine Zukunft, arme, kleine Sarina! Jerusalem, Tamus 5683. * Nachtrag. (Vier Monate später.) ״Die Mutter aus Tiberias" ist wieder verschwunden, und Sarina fällt von Tag zu Tag mehr in ihren früheren Zustand zurück. Sie kommt in den Gatt, noch verprügelter, nocli aufgeregter und nervöser wie zuvor, ein unglückliches kleines Wesen, das scheinbar rettungslos der seelischen Vernichtung entgegengeht. AMtebrälsdie Lyrik , Soeben erschien in der Allgemeinen Verlagsanstalt Mün• chen ffnilier O. C. Recht Verlag) Manfred Sturmann, ״Althebräische Lyrik“, Nachdichtungen mit einer Einleitung von Arnold Zweig. Wir geben daraus folgende Probe aus dem ״Lied der Lieder“: Trinken will ich den Kuß Deines Mundes; Denn süßer ist dein Lieben Als der Karmeiwein. Deiner Salben Ruch Durchströmt mich mit Süßei Dein Name ist ausgegossen Wie Ocl! Wie müssen die Mädchen Dich lieben! Zieh mich dir nahe! Wir wollen eilen! in deinem Gemache, mein König Will ich froh sein mit dir; Denn süßer ist dein Lieben Als der Karmeiwein. Sie wußten wohl, Warum sie dich liebten. . . . Dunkel zwar bin ich, Aber schön doch Wie Kcdans Zelte, ihr Töchter Jerusalems; Wie die Decken Salomos In seinen Palästen. Was seht ihr mich an? Weil ich so schwarz bin? Mich hat die Sonne verbrannt, Die lodernde! Meine Brüder sandten mir nach Ihren Haß, Da ich vergaß, ihren Weinberg zu hüten, So ich ihn suchte, den meine Seele liebt. Sage mir du, mein Geliebter, Wo läßt du weiden die Schafe gen Mittag, Daß ich nicht einer Verirrten gleiche Bei den Herden deiner Helfer? sucfic, wenn man einen Teil der Agency an eine Gruppe abgibt, die keine Verantwortung trügt. Bis jetzt habe es keine sozialen Kämpfe bei der jüdischen Palästinasicdlung gegeben. La ist die größte Gefahr für den Aufbau, wenn an der' Spitze der Agency Männer stehen, die nicht das Vertrauen der Arbeiter naben, und infolgedessen die sozialen Kämpfe die schärfsten Formen anneiimen müssen. Das Budgetrecht muß dem Kongreß bleiben und die oberste Leitung muß verantwortlich sein. Wem! cs nicht möglich ist, unter diesen Bedingungen die Nichtzionisten zu gewinnen, so muß man auf sic verzichten. Der Kampf für die Form ist hier der Kampf für den Inhalt. Wenn wir zu große Konzessionen machen, verlieren wir die Quelle der Kraft, unsere nationale Begeisterung. — Die Versammlung war sehr gut besucht, Abs der Berliner Jüdischen Gemeinde Die F rage der Kultusbcamtcn. — Ein jüdischer ״Protestant“. In der Repräsentanten•,it/unt׳ am 24. Januar wurde von der liberalen Fraktion folgende Anfrage gestellt: ״Die immer stärker werdende Abwanderung aus den Reihen der Rabbiner, Lehrer und Kantoren bedroht den Bestand der jüdischen Gemeinden Deutschlands. Was gedenkt der Gemcinrievorstand der größten deutschen Gemeinde und der Geschäftsf!ihrer des Preußischen Landesverbandes zu tun, um diesen Verfall äuf/uhalten?“ Der Interpellant, Herr Hirsch(cid, gab in seinen Ausführungen einen Ucberbiick über die entstanduien Schäden und die zu befürchtenden Konsequenzen. Er giauhc, daß man durch finanzielle Unterstützungen und durch Belebung der Lehrerbildungsanstalten viel tun könne, aber auch dadurch, daß man das ideelle Moment der ganzen Frage betone und den Eltern zeige, daß cs wieder lohnend sei, die Kinder diesen Berufen ziizuiüliren. Er setzte sich auch für die jüdische Volksschule ein, allerdings nur mit der aus* drücklichcn Formulierung, daß es dadurch möglich sei, einer größeren Zahl jüdischer Lehrer eine Beschäftigung zu geben. Die Antwort des Vorstandes (Dr. Freund) enthält eine Bestätigung des tatsächlichen Materials. Nur ist Dr. Freund der Meinung, daß es sich um keine spezifisch jüdische Angeiegenheit handele, sondern um eine Erscheinung, die man in Deutschland im allgemeinen wahrnehnicn könne (Abwandertmg auch in anderen Berufen, Abbau). Bei der jetzt eiiitrctcndcn Besserung hofft er, daß auch liier eine Wendung zum Guten cintrctcn werde und verspricht die materielle Unterstützung durch den Landesverband. In der anschlicßcnden Aussprache sprechen besonders eindrucksvoll Unsere Freunde von der Volkspartei. Sie halten das ganze Problem ftir eine Frage, die schon immer bestanden hat. Dr. Locb hebt hervor, daß man die ideellen Gesichtspunkte in den Vordergrund rücken müsse; die Kultusbcamtcn nehmen nicht die Steilung ein, die ihnen gebührt Wäre das der Fall, dann hätte cs nicht Vorkommen können, daß man in grölten Gemeinden (Zuruf: Hannover!) den Witwen bis Ende 1023 durchaus lächerlich geringe Pensionen ausgczahlt hat. Dr. Klee vertritt denselben Standpunkt. Er verlangt vor allem mit Nachdruck die j ü d i s c 11 c S c 11 u I c. Er illustriert den von je bestehenden Mangel an in Deutschland geborenen Rabbinern damit, daß er die Rabbiner nennt, die in den letzten Jahr• zehnten in Berlin gewirkt haben und wirken; ein großer Teil ist Ausländer. Den Nachwuchs, der fehlt, könne man sich also von vornherein sichern, wenn man jungen ausländischen Juden den Zutritt in unsere Seminare erleichtert und sic dort ■ ansbildet. Als weiterer Punkt war die Wahl eines Acltestcn-Stell- Vertreters auf die Tagesordnung gesetzt. Die konservative Fraktion beantragte Vertagung, da inzwischen von ihrem Mitgliedc Moritz A. Loch (kons.) ein allgemeiner Wahl- Protest (gegen die in der vorigen Sitzung erfolgten Wahlen, über die wir berichtet haben) bei dem Polizciprä« sidium eingelegt worden ist. Zu dem Wahltage waren als Stellvertreter für behinderte Repräsentanten Herren aus derselben Partei, der die Repräsentanten selbst angeboren, ,durch den Vorsitzenden einberufen worden. Dieser Modus, der bisher niemals beanständet worden war, entspricht einem interfraktionellen Abkommen. Das Gemciudestatut schreibt vor, daß die Vertreter derselben Liste entnommen werden sollen; die betreffenden Herren hätten jedoch dem Abkommen gemäß die Einberufung abgelchni, wenn man an sie herangetreten wäre, und cs wären de facto schließlich dieselben Vertreter erschienen. Trotzdem dieses brieflich von Herrn R.-A. Stern dem Urheber des Protestes, der übrigens erklärte, daß nicht die gesamte konservative Fraktion, sondern er allein die Verantwortung für den Protest übernehme (!), dargclcgt worden war, hatte Herr M. A. Locb den Protest nicht zurückgcsielit und versuchte sein Verhalten zu rechtfertigen. Herr K.-A. Dr. Klee hielt den Protest an sich für unwesent• lieh: die Gemeinden hätten durch die Verfassung die Autonomie erhalten und der neuen Verfassung entsprechend sei es nicht mehr erforderlich, die Walilbcsfätigung durch die Aufsidilsbchördc cinzuholen. Mit scharfen Worten aber verurteilte er die Handlungsweise des ״Protestanten" M. A, Loeb vom moralischen Standpunkt, Der Vorsitzende habe sich loyal an die interfraktionellen, auch von den Konservativen verlangten Vereinbarungen gehalten. Loebs Protest involviere den Bruch dieses Abkommens. Die Volkspartei biete auf keinen Fall ihre Hand dazu, getroffene Vereinbarungen, weil das Resultat nicht wunschgemäß ausfalle, auf eine Weise, die parlamentarisch nicht zu qualifizieren sei, zu durchkreuzen. Herr M. /t, Loeb meint, er wolle nicht nachforschcn, was die Volkspartci getan hätte, wenn an Stelle des gewählten Volke,partcÜers Dr. KollcnscUer ein Konservativer gewählt worden w?rc. Mit Entrüstung weist Dr. Klee diese Ver• dachtigung zurück und erklärt, daß für den Fall, daß der Konservative Herr Goldschmidt gewählt worden wäre, ein Fraktionsbeschluß der Volkspartei bestand, Herrn Dr. Kcllcnsclier als Stellvertreter zur Wahl vorzuschlagen. Gleich• zeitig schlügt Dr. Klee nunmehr Herrn James Gold• schmldt (kons.) als Acltcstcn-Stcllvcrtrctcr vor. Ein nochmaliger Vertagungsantrag des Herrn Ncumann (kons.) wird abgeleiint Und Herr Goldschmidt wird gewählt. Er nahm auch die Wahl an. Man kann sagen, daß diese Wahl unter den erwähnten Umständen als ein moralischer Sieg unserer Freunde ziz betrachten ist. Die Einführung der gewählten und inzwischen von der Behörde bestätigten neuen Vorsteher wird am Sonntag, den 3. Fcbruat, statt'indcn. * Der Verband nationaldeutscher Juden hat bei dem Verstand der jüdischen Gemeindevereine Beschwerde geführt (Beschwerden, Berichtigungen, Abmietung von Sälen usw. sind fh die Hauptbeschäftigung für diesen ״Verband“), daß im Ocmcindcblatt ein Werbcarlikcl für den Keren Hajcssod enthalten sei. Der Gemcindevorstand erklärte in dem Ant• wortschreiben, daß cs sicli um ein Inserat des Keren Hajcssod handle. Der Hinweis des Verbandes nationaldeutscher Juden, daß die Aufgabe der jüdischen Gemeinde ausschlicßlü h auf dem Gebiete des Kultus liege, wurde in folgender Form beantwortet: ״Im übrigen beme׳ken wir, daö wir Ihre Auffassung, die Aufgabe der jüdische» Gemeinde liege ausschließlich auf dem Gebiete des Kultu«, nicht teilen, da nach Gesetz und Herkommen der Kreis ein weiterer ist.“