Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 8 (29.1.1924)
- Date
- 1924-01-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 52 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 8 ״Zloiilstlsclics nandbiich“ Da« zionistische Handbuch*), da» im Verlage des Berliner Büros der zionistischen Organisation, von I)r. *Gerhard Holdheim herausgegeben, im Jahre 1023 erschienen ist, macht den Versuch, eine recht bemerkbar gewordene l.ücke, in den von der Organisation geschaffenen Inforsnationsqucllcn anszufüllcn. Nicht nur die aulkrlwlb unserer Bewegung Stellenden, nicht mir der große Kreis der Mitglieder unserer Organisation, Ä'iidcrn auch der kleinere Kreis der zionistisch tätigen Men• sehen bedurfte dringend eines solchen Werkes, das zum eisten Male über alle Oebicte der praktischen Arbeit, über die Grundlagen der zkniislischen Ideologie und des paliisiincn- *iscjjcn Gemeinwesens, frei von propagandistischen Gesichtspunkten, sachlich und übersichtlich möglichst erschöpfende Auskunft geben konnte. Der einheitliche Gesichtspunkt, *mter dem dieses Buch der Arbeit entstand, mußte sein: steif eine Antwort bereit zu haben, wenn ein Wissensbedürftiger ein ■Kapitel aufschUig,; für alle, den völligen Laien, wie den über ein Spezialgebiet Auskunft verlangenden Fachmann. Die Grenzen, die ihm so zur Lrfidhmg seiner diingemlstcn Aufgaben gesteckt waren, durfte es nicht überschreiten. Hier nur kann eine Beurteilung des Buches cinscUcn. Selbstverständlich war bei dem ungeheuren Material eine Völlig erschöpfende Bearbeitung des gesamten Stoffes in einer mehrmonatlichen Arbeit nicht möglich; der Herausgeber stellt das selbst am Schlüsse seiner Linleitung mit Recht fest. Es erübrigt sich, Erwciterungsmögiichkcitcn einer 2. Auflage schon jetzt zu erörtern (hingewiesen sei nur auf das vom Herausgeber erwähnte Fehlen eines Aufsatzes über die licbräi• «ehe Bewegung). Immerhin ersieht man doch aus der Einfügung eines Abschnittes über die jüdisch-soziale Arbeit, die an der Grenze der zionistischen Gnlnthaufgnhcn liegt, den Drang nach Vollständigkeit. Ist dieses Gebiet in den Auf- Sätzen von Frau Grete Tuniowsky und Alfred Berger mich nur bruchstückliaft behandelt, so kommt ihnen doch ein besonderer!Wert zu, weil hier die Leiter dieser vielfach von Nicht- Zionisten geleisteten Arbeit der zionistischen Öffentlichkeit der andern Länder zeige», wie wichtig eine zionistische Tätigkeit auf diesem Gebiet vorn Ge Ichlspuiikt der naiionaleni Gesundung ausgehend, ist Wo sich durch Mitarbcitcrmangel entstandene Lücken ausliillen ließen, hat cs der Herausgeber unter Benutzung ihm vorliegenden Materials mit erfreulicher Gründlichkeit getan. (Siehe ״Zionistische Finanzinstitutionen“). Als Abschnitt im ganzen gut gelungen erscheint der über jüdische (Valitik mit Aufsätzen von Lieht',leim, Jacobson, Rileski und Landauer, der durch den soziologischen Aufsatz von Robert (Weiß über die Steilung der jüdischen Oeffentiiehkeit zum Palästinawerk ergänzt wird. Im Anschluß daran wird die!jüdische Arbeiterbewegung im Galuth, in Palästina, sowie die Chaluzbevvegung in drei Aufsätzen behandelt. Größte Beachtung verdient der zweiie Teil des Buches, der ganz. Palästina gewidmet ist. Er en.hält Aufsätze über Bevölkerung, Rcchtszustand, Schulwesen, Genossenschaften usw. unter Benutzung des gesamten vorhandenen Materials. Auf die Wichtigkeit dieses Abschnittes für die zionistische 'Arbeit kann nicht genug lungewiesen werden, llun ist vollste Aufmerksamkeit ziizuwcr.dcn. Vielleicht läßt sich in späterer Auflage noch ein von autoritativer Seite geschriebener be* soliderer Aufsatz über die Araberfrage cinfilgcn und der ökonomische Teil von Fachleuten ergänzen. Angefiigt ist diesem Teil eine statistische Aufzählung des Kercir Kajemeth- Bodens und der Kolonien. Viel lückenhafter ist das Kapitel der Finanzarbeit. Der Aufsatz von Julius Berger hat die Tendenz, die Finanztaktik unserer Fonds auch für Außenstehende verständlich zu machen und beschäftigt sich daher eingehend (zu eingehend?) mit der ,Technik der Propaganda im Einzdfallc. Dagegen fehlt völlig eine Behandlung der Finanzproblcmc von fachmännischer Seite, für die im deutschen zionistischen Kreis geeignete Persönlichkeiten doch vorhanden sind (z. B. Ariosoroff). Sehr be• grüßenswert ist der Aufsatz von Herlitz über den Aufbau der Zionistisahen Organisation im zweiten Abschnitt des Buches, ebenso die sehr sachlich referierende Chronik des Kongreß-Zionismus vom Herausgeber, Dagegen kann icj! mich mit der Darstellung der zionistischen Ideologie durch Hans Kolm nicht ganz einverstanden erklären; cs erscheint mir doch falsch, an dieser Stelle in Buber nicht nur chrono* logisch, sondern auch entwickiungamäßig (schon a.11 der Breite der Darstellung von Bubers Ideologie und Wirkung zeigt *ich das) ihren letzterreichten Gipfelpunkt zu sehen. Hier wäre eine Darstellung am Platze geewsen, die nach kurzer, rein referierender Behandlung der ideologischen Richtungen nun die durch Menschen vertretenen, hin und her wirkenden Kräfte aufdccktc. So erscheint mir B. die Unterbringung Klatzkins in dem Absatz, über Hcrzl sehr zu Mißverständnissen Anlaß bietend. Hier hätte sidi Gelegenheit geboten, den Hefen, immer gleich wachen Konflikt in unseren Menschen aufzuzeigen, dessen einer Pol Klaizkin ist. Es würde zu weit fuhren, diese Kritik hier über Andeutungen hinaus fort- Zusetzen. Wenn man aber nur eine chronologische Darstellung der Ideologie will und nur dafür Raum hat, muß sich der Verfasser streng i(axtd1 räumlich!) in eigner Stellungnahme beschranken. Nehmt noch einmal alles in allem: ein Buch der Arbeit liegt vor uns, nüchtern, sachlich, und cs ist schön, daß unsere Leistung uns ein solches nötig macht. Bei einem solchen Buch liegt die Hauptlast auf dem Herausgeber, der mit den vorhandenen Mitteln Gutes geleistet hat, denn sein war die Mühe, nicht nur selbst zu schreiben, sondern vor allem, Mitarbeiter zu suchen und Gebiete zuzutcilcn. Dem Unter* zeichneten ist bekannt, daß in der zionistischen Welt der anderen Länder das Handbuch bereits Aufsehen erregt hat, Seine Uebersetzamg in fremde Sprachen steht bevor. Möge es der zionistischen Welt zeigen, wie in Deutschland ein kleiner Kreis entschlossener Zionisten auch unter schwierigen inneren Verhältnissen seine Arbeit betrachtet und mögen andererseits auch viele deutsche Zionisten das Buch׳ benutzen.!Wer zionistische Arbeit leistet, weiß, wie förderlich dies «kr Organisation wäre. Die Kraft dieses Buches sollte groß *ein, denn aus der Sphäre der Arbeit, die es enthüllt, leuchten die ewigen Flammcnzekhen unserer Idee in ihrer ganzen Reinheit. Ernst Marcus. *) Zionistisches Handbuch. Herausgegeben von Dr. Gerhard Holdlicim. Verlag des Berliner Büros der Zionistischen Organisation, Ke Restauflagc übernahm die ״Ewcr“*B*uch* Handlung O. m. b. H., Berlin W« 15, Knesebcckstr, 54/55. ״Der Jüdische Natfouulfomfs" von Adolf Böhm. Böhms bekannte Broschüre über den Jüdischen Nationalfond» liegt nunmehr In dritter Auflage vor. Diese ausgezeichnete Droscöiire, welche zugleich ein gutes Stück Geschichte des Zionismus wkdergiht, ist für die Verbreitung der zionistischen Idee und gleichzeitig mich für die praklirehe Arbeit von einer Bedeutung, die nicht hoch genug ciiigesdiiitzt werden kann. In der neuen lirarbciüuig sind eine Reihe von Kapiteln, welche unter «len früheren VcriiäRnissen vor den politischen Riegen des zionistischen Gedankens aktuell gewesen sind, ausge* schaltet. Hingegen enthält der erste Teil eine ausführliche Dar* Icgting und Würdigung der Bodenpolitik de» Jüdischen National* fonds in Palästina, und zsvnr ihrer prinzipiellen wie ihrer praktischen Bedeutung nach. Mit großer Klarheit wird insbesondere ein Kapitel über die prinzipielle Bodenpolitik des Nnt>nalfon<Js, die soziale Bedeutung des vom Nationalfonds vcLrrl enen Prinzips des nationalen Eigentums (nicht der Sozialisierung, mit der es «ft verwechselt wird), an Grund und Boden heraus,gcarbcitel. Außerordentlich instruktiv ist der zweite Teil der Broschüre, in welchem <lic bisherige Tätigkeit des Keren Kajemeth ilargeslellt und in komprimierter Weise die praktischen Leistungen des NatlonaUoml* auf «len Gebieten der Kolonis.iuori und der Aufforstung dargesldlt wird, Gerade die Nationalfondsidee ermöglicht es, weite Kreise zu gewinnen, ßühm bemerkt in seinem Schlußwort durchaus mit Recht, daß alles, was der Jude jemals in der Diaspora erringt, stels nur von vorübergehender Dauer ist, in den gegenwärtigen Zeiten kommt «las besonders stark zum Be* wulUscin uml der Nationalfondr. ist es, welcher, um Böhms Worte zu gebrauchen, ״dem ewig wandernden Volk den Boden, *uf dem cs sich endlich wieder dauernd nicdcrlassen kann, unter die Füße schiebt". Im Interesse des Naüonallonds und auch im Interesse der Bewegung ist eine möglichst weile Verbreitung dieser Droschtirc sehr wünschenswert; denn auch in ihrem praktischen Teil gibt die Broschüre einen ganz aus* gezeichneten Urbrrbüc!{ über die Organisation, die Propaganda und 'Sammeltätigkeit des Keren Kajemeth. Böhms Schrift, das müssen Wir wiederholen, ist nicht allein für den Nationalfonds* Arlwitrr eine ausgezeichnete Infonnationsqudle, sic ist auch ein sachliches Werbemittel für fenierstchendc Kreise, wie wir solche in der zionistischen Literatur leider «och vid zu wenig aufzuweisen haben. ״Zur Geschichte der jüdischen Tradition". (Neuauflage von ״Dar «lor wc dorschaw“ von E. H. Weiß.) Eisik Hirsch Weiß, der berühmte Wiener Talmudichrer, der lOfO im dl, Lebensjahre starb, nimmt unter «len jüdischen Gelehrten einen besonderen Rang ein. Aus Mähren stammend, dem Lande, das der jüdischen Wissenschaft viele bedeutende Männer, wie David Kaufmann, Moritz Steinschneider und andere geschenkt hat, war F.islk Hirsch Weiß, gleichsam der Vcimittlcrrollc seines Geburtslandes zwischen Ost und West entsprechend, bemüht, das national-kulturelle Fundament, welches seinen I iauptstützpunkt im Osten hatte, mit den Methoden der westeuropäischen Wissenschaft zai verbinden. Seine ungeheure Belesenheit, seine besondere Begabung für alles Systematische, und sein scharfer kritischer Verstand befähigten ihn besenders zu d'escr Aufgabe, Wie wenige, hat er in dem Labyrinth des talmudischcn Sciiriittuins sicli zurecht• gefunden, immer mit schonungsloser Kritik, ohne Rücksicht auf traditionelle Ucberlicfcrungcn bemüht, die Wahrheit zu erforschen. Dabei war er, obwohl mitten in der Haskalah stellend, ein unbedingter Anhänger der religiösen Tradition, in der er «las liauntsächliche Fundament der jüdischen Na* ti011.1lii.it sah. I'de hebräische Sprache galt ihm als der wich* tigstc Faktor des nationalen Lebens, als das Symbol der Einheit in der Zerstreuung. Obwohl er die zionistische Bewegung ablchiite -- s, seinen Aufsatz ״llaraion halemnt be Jisrael" -- so war er aus dein geschilderten Gedankenkreil heraus, ganz im Gegensatz zu den meisten westlichen Ge* lehrten, ein wahrhafter Bekenner des jüdisch-nationalen Ciedanke ns. Das zeigte er besonders durch seine Vorliebe für das Ostjudenhim und durch die Bevorzugung der hebräischen Sprache, in der er alle seine Werke schrieb, obwohl es ihm nach reinem eigenen Geständnis miverglcicliüch leichter ge• wesen wäre, in deutscher Sprache zu schreiben. *— IX־r Verlag Platt ft Minkus, Dcriin-Schöncbcrg, hat die große fülltbändige Arbeit Eisik Hirsch Weiß ״Dor dar we dorschaw“, eines der größten Werke zur jüdischen Kulturgeschichte, nach• dem es längere Zeit vergriffen war, in neuer Auflage mit einem kurzen biographischen Vorwort des Sohnes erscheinen lassen. Dieses Werk, an dem Eisik Hirsch Weiß mehr denn 20 Jahre arbeitete, enthält ein nahezu vollständiges Bi'.d der Geschichte der mündlichen Lehre von den ältesten Zeilen bis zur Epoche des Schnlefnn Aruch. Die Darstellung ist nach der Absicht der. Verfassers nicht allein für Fach• gelehrte, sondern auch für weitere Kreise bestimmt. Der Umstand, daß das Werk in hebräischer Sprache geschrieben wurde, hat cs mit sich gebracht, «laß cs, wie der Verfasser seihst bekennt, fast aiissriiließiich für die russischen und polnischen Juden geschrieben war. In der Tat gibt cs wenige werke, die im Osten so populär geworden sind wie dieses. Im Gegensatz zu den Aonäugern der Haskalah, die sich in der Verwerfung des Talmud nicht genug tun konnten, hat Weiß wiederum eine höhere• Schätzung des talmudischcn Schrifttums vertreten. Er hat gezeigt, wie 111 fortlaufender Evolution die mündliche Lehre־, die der schriftlichen voraus* ging, fartgcstaltct wurde, und daß diese Entwicklung sich nach einer bestimmten Gesetzmäßigkeit vollzogen hat, in welcher das folgende Glied aus dem voraiisqcgnngeiicn hervor* ging und eich unmittelbar logisch an «las nachfolgende an* schloß. Die hohe Perspektive, von der Weil) diese Ent* Wicklung eines der tueikwürdigstcn Produkte des menschlichen Geistes verfolgte, die wissenschaftlich kritische Analyse der jüdischen Tradition und der Versuch, mit modernen Aspekten das Verständnis für dieses nach ganz anderen Gesichtspunkten betrachtete Gebiet zu wecken, bedeuteten in der hebräischen Literatur ein Novum, dem in der Tat auch die gebührende Achtung geschenkt wurde. Durch diese Methode hat sielt Weiß die Gegnerschaft der Orthodoxie zugezogen, die Hin aufs heftigste bekämpft hat. Die Ergebnisse seiner Forschun* gen sind auch in jüngster Zeit zum Teil bestritten worden, aber sic werden noch auf Sange Zeit «len Ausgangspunkt aller weiteren Untersuchungen auf diesem Gebiete bilden. Dr, Josef M e i s 1. Isanc Breuer: Judcnproblcm. J. Kaufmann Verlag, Frank* furt a. M., 1022, 4. Aull. — Derselbe: Falk Nefts Helm* kehr, ibid. 1923. ln den .,Messiaspuren" schon war versucht worden, das eigentliche Wesen des jüdischen Daseins zu bestimmen. Ich selbst kann leider nicht finden, «laß cs mit übergroßer Klarheit geschah. Was rhapsodisch und untniticlb.tr wirken soll und wohl auch wirkt, halt tieferer Ana'yse nicht stand, und bei oSknsichÜicher Richtigkeit eines Grundgedankens und seiner impulsiven Gestaltung wurde eigentlich zu viel gewedigt und viel zu wenig erörtert und gcHiirf, — V/i׳• mich *1c־׳» י׳‘iteren Schriften zu entnehmen, wird die gcscti'-'htllcäe K n fnultiät als Hauptmerkmal der jüdischen Existenz, in, E, auch mit Recht, bezeichnet. Aber um diesen lebendigen Kern wird ein Chaoi scholastischer Begriffe gelegt, uml auch die vielen gefühlt* diirclilräiiktcn Begriffe bringen weniger Klarheit! als dal) sie verwirren uml belauben. Der ״mcssianischc“ Charakter de» jüdischen Volkes (nach 1), seine eigenlliciie Konstituierung im göttlichen Recht) wird nun nicht für die Ansprüche eines tiefer dringenden und die ganze Problematik itmkndeu Ver- «laude« erörtert, sondert! muH dazu dienen, sehr allgemein und etwas zerlaiircii, dabei aber prophetisch und fordernd Leitung zu weisen im geschichtlichen Leben des Judentums, In einem ' criinglücktcii Roman sollte dieser Kampf um Gatt am einzel* menschlichen Schicksal gezeigt und!)«:wiesen werden. Au* Begriffen aber läßt sich keine Volkswirklidikcit und kein Kunstwerk erbauen, — In dem Rechtsbegrdf lediglich ein Volk s!l,ו sein zu begründen, kann nur als falsche Spitzlindigkeit und als juristische f fypcrtrophic bezeichnet werden. Dabei wird sein ursprünglich juristischer Sinn noch nicht einmal bcibcballcn und bleibt, also abgewnndclt, nur dem Ahnung*- losen noch klar, liier adäquate geistige und geschichtlichreligiöse Kategorien nicht *tif/ustellen und allseitig zu verwenden, bedeutet doch schon eine immanente Kiitik. Eni Doppdeharakter; lebendige Erfassung der jüdischen Existenz — dir Einf,äugen in eine unerträgliche Bcgriffssdiolastik, haftet diesen Bücher» an, Streift mau mühsam diese ganze Bcgrilfsscholastik ab, so rettet man die wertvolle Grumlkonzcpiioii; die Konstituierung des ganzen jüdischen Daseins in einem gcschirUili«(!•geistigen Prinzip. Dies im U.’schcn Sinn lediglich als Recht Gottes zu fassen, bedeutet zugleich, dal) eine Unzahl spezifisch-jüdischer Lebensformen und Religionswirk• lichkciten m dieser engen Fassung erwürgt werden. — Ali dieser offensichtlichen I hmilänghrhkeit sollte wahr* z.chcinlich im ״)iidenproblem" Ergänzung geboten werden. ’ In der Tat läßt sich dieses Buch doch schon mit einer Art geistigem Gewissen lesen. Man wird «lieht mit Gefühlsausbrüelicn überfüttert und abgespeist, was wohl auch manchem anderen angenehmer ist. Aber wieder merkt man bald, daß B.׳* Auffassung nur eine Konstruktion ist, die «)er Gesamtheit Jüdischen Daseins nicht gerecht wird, immer wieder sind die wertvollsten Ausführungen dort, wo er von der Geschieht*- einheit des Judentums »prlehl, und um da» Oescldchtsprinzin kmtailfsiert sich für ihn die ganze Frage. Mit Leidenschaft und Darstclhmgsroutir.c verfolgt er es in alle möglichen Richtungen der jüdischen Existenz. Aber wie er die Religion initcinbczielit, enthüllt deut'idi seine ganze Schwäche, und wenn auch «iic jüdische Religion einen wesentlich historischen Faktor besitzt, so hat sie doch noch etwas spezifisches Re* Itpiöscs, was vom Amor einfach verkumiet wird, Man kann »ich nichts Ungiuckli« licrcs vorsteilen als seine Ausführungen über die Religion des Judentums, — trotz manch klarer Intuition in die unmittelbare jüdisch-religiöse Existenz. Para* dox m der Tat, und höchstens nur so erklärbar zu machen, daß hier wie so oft der Autor manches viel zu verdichtet sagte und auch vor siel) seihst nicht alles klar aufgelöst hat, was in der sehr komplexen lU'grufslnHuug vielleicht schon enthalten ist. — Doch ist der Amor fragbs einer Anzahl Problemen gar nicht gewachsen. Katt,11 sju icht er cs aus, dal) der Komplex aller religiösen Ucdankct1ru5.1mn1cnhängc, die konkretes reit* glösrs Judentum ausmaehen, «loch zugleich auch eine Auge* legenhat des jeweiligen höchst individuellen Einzclmcnschctl ist, der sich in der religiös-gcschicliilichcn Kontinuität mit dem Judentum nicht, und anstait religiöses Bewußtsein überhaupt und jüdisch-religiöse« Bewußlsciu zu bestünden, dreht er sich — zuweilen ganz geschickt — einfach im Kreise herum, be* weist Voiksgcschichtc durch Rcligkmsgcschidite und Reiigions- «Schichte durch Volksgesclikhte. Wo aber ist hier ein Beweis? was man immer wieder hören möchte, das wird immer wieder beiseite geschoben, und das religiöse, 31.5 das spezifisch jü* disrh-religiike Problem ist kaum ahnend berührt, Slatt dessen werden mehr oder weniger stichhaltige Distinktionen und Definitinnen gebraucht und nusgespielt, und wer nicht dieser lebhaften Redekunst vorher einfach erliegen mußte, ist zum Schluß in Vielem so klug als wie zuvor. — Auen die Kritik des Zionismus ist nur sehr oberflächlich und harmbs-dogmatisdi ausgefallen, sodaß cs sicli erübrigt, darauf cinzugcncn. — AI* «las Positive führen wir nochmals an: Verständnis für die religiöse Gcschichtskoniinuiint des Judentum«. Der Roman führt in das kleinbürgerliche Milieu eine« jüdischen Parvenüs und Kriegsgewinnlers. Der Sohn, Falk N c f t, kommt zerrüttet und seelisch entwurzelt aus dem Kriege zurück. Während er mit «len Tausenden und Abertausende» das Land verteitigte, mordete und «Iic vielen Kameraden gemordet sab, ging im Heimatland die typische kapitalistisdte Entwicklung vor'sich wie in den anderen Ländern auch. Und Herr Nefi senior ist mir Repräsentant für die tausenden anderer nichtjüdischer und jüdischer Unternehmer, die den Krieg zu ihrem eigenen Gunsten, nützlich und mit Profit verwendet haben. Dieser N'cft senior aber ist zugleich Repräsentant eines blutleeren, inhaltlosen, profanierten Judentums, wie cs hier und überall zu beobachten ist. Drastisch ist dessen ganze Kläglichkeit und Erbärmlichkeit enthält. Die Mutter: Hüterin inneren jüdischen Gefüb's. Ihre vielen Unterhaltungen mit Neft sen,: Musterbeispiel für die Struktur eines jeder inneren Bimiung baren Ehclcbcns. Ihre Unterhaltungen mit dem Sohn ״voll Gefühl und Verständnis", mit manchen psychologischen i cinhi'ltrii, für meinen Geschmack etwas zu rührselig und immer mich ein wenig Courts-Mahler. Aber dies wird der a'lgrmcinen Belebtheit «!cs Romans wohl kaum Abbruch tun. Unter einem .Wird von Exk'amationcn, Hyperbeln, Theoremen irsw׳, muß nun Falk Neft seinen Lebensgang dahinschreiten. Nachdem er in der Einsamkeit bei einem hervorragenden Lehrer fünf Jahre seiner wahren jüdischen Erziehung gewidmet hat, kann er in innerer Ruhe sein bürgerliches Dasein beginnen und heiratet auch. Da aber eine an «len früheren Schriften schon gckcnntzcichnelc Ideologie des Judentums ihm empfohlen und anerzogen wurde, fürchten wir «loch etwas für diese jüdische Existenz, uml werden auch dadurch nicht beruhigt, daß vorher in immer wieder neuen Wendungen eine völlige Weltfremd 11 eit des Judentums gewissermaßen begründet worden ist. Es bleibt fraglich, was Falk Neft im inneren Fortschritt nocli erreichen wird, nachdem ihn der Autor so wohlbehalten in den Hafen der Ehe 11ml Bürgerlichkeit bat fanden lassen. Hier ist Messianismus zur Lethargie geworden, und man be* greift kaum, wie nach solchem gewaltigen Auftakt eigentlich nur ein Mäuslein geboren wurde, Messianismus aber (auch wie vom Autor immer wieder gefordert) sollte eine stete Kraftentlaltun״ ermöglichen, uml solcher Adel sollte verpflichten. Fast nicht* von alledem. Um! vor allem kein Weg in die ganze empirische Wirklichkeit des Völkerlebctir. und tler Welt- Du. Einer rettet sich in Mystik, ein Anderer in Messianismus. Beides gleichartige, wenn auch innerlich etwas versduedene Reaktionsweisen, und auch Versagen vor der Welt des Seins, —■ Wir aber wünschen Faik Ncit weiteres Glück zu seiner Lebensbahn und hoffen in seinem Interesse, dal) er bei allem Messianismus doch nicht vergessen mag, in dieser Welt der Wirklichkeiten• tätig zu sein. Denn sein «loch so erheblich' beginnender Lebenslauf ist unvorhergesehen eine allzurührcnde Geschichte aus der lieben Provinz geworden, für die lieben Provinzler geschrieben. Uml das Buch besitzt kein eigentliebes literansdics Niveau. Es gibt hier eine Beredsamkeit, die dein Widerstandslosen einfach den Kopf wirbelig madit, Oewil), der Schriftsteller sei wortreich, ein Diditer erst recht. Aber hier wirbelt e* in «Irr Tat ganz unorganisch und fast bewußt betäubend von Gefühlen und Worten, Ausruten und Fragen. Philosophcmcn und Theoremen, daß man manches doch gerne entbehren möchte, der heben Klarheit, der Kunstfonnj h '1 I