Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1924)
- Date
- 1924-01-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 2 Von Richard Lieh t h c i in. Durch den Rücktritt Dr. Solowcitschiks sind die Zionisten wieder einmal auf die sonderbaren Zustände ln der zionistisehen Leitung aufmerksam gemacht worden, die auf dem letzten Kongreß erst erörtert, dann vertuscht und seither — so gut es ging — vergessen wurden. Aus meinem Urteil ■über diese Zustände habe ich schon vor dem Kongreß die Konsequenz gezogen, für die neue Leitung unter Dr, Weizmann nirlit mehr zu kamlidierrn. Auel» Dr. Solowcitschik hätte besser Rctan, nicht wieder in diese Leitung cinzutrctcn. Aber diejenigen, die ihn vorgeschlagen und gewählt haben, sind nicht berechtigt, ihm beute die Annahme der Wahl vorzuwerfen. Was er in seinen Presscvcröt'fcntliclmngcn dem ״politischen Departement“ der Exekutive vorwirft, ist zweifellos Punkt für Punkt zutreffend. Die verlegene Erklärung der Exekutive versucht nicht einmal, die Behauptungen Dr. Solowcitschiks zu entkräften. Einigermaßen komisch berührt die Feststellung, daß in den Sii/ungeii, in denen Dr. Solowcitschik die Ent• lassung «les politischen Sekretärs forderte, nur Dr. Solowcitschik selbst für diese Forderung gestimmt habe. Man muß nämlich wissen, daß zur Zeit der ersten in Frage kommenden Sitzung Herr Sokolow und Herr Lipsky nicht in London waren und daß die Mitglieder des ״Wirtscliai'tsrats“, die angeblich Dr. Solowcitschiks Forderung unterstützten, nicht mitstimmten, weil cs sielt um eine ״nichtwirfschnftliehe" Frage handelte. Also stimmte Dr. Weizmann — vielleicht zusammen mit Herrn Cowen, von dem die zionistische Ocffeutlichkcit bis heute nicht weiß, ob er die Wahl in die Exekutive angenommen hat ־*־ gegen Dr, Solowcitschik. 1X111 in der zweiten Sitzung der inzwischen zuruckgekehrte Herr Sokolow nicht gegen den Beschluß des nach Amerika abgcreisten Dr. Weizmanu stimmen wollte, ist begreiflich. Item: F.s kamt ohne weiteres angenommen werden, daß der |K>iitische Sekretär räch alte jene Uebergriffe zuschulden kommen ließ, die Dr. Solowcitschik ihm vorwirft. Er tat damit nur, wxs er bei vielen Gelegenheiten in den letzten Jahren getan hat; er setzte seine Meinung u:td seinen Willen den Ik״ clili'tssen der Organisation entgegen. Aber cs ist ungerecht, diesem sehr tüchtigen und fähigen Beamten deshalb Vorwürfe zu machen. Warum sollte dieser in Oxford erzogene englische Jude Leonard Stein, der mit dem kontinentalen Zionismus fast gar nicht in Berührung gekommen ist, mehr Respekt vor der Organisation und ihren Beschlüssen haben als der vom Kongreß gewählte Präsident der Bewegung? Warum sollte er nicht versuchen, seiner Meinung Cielinng zu verschaffen, wenn Dr. Weizmann diese Meinung doch immer teilt und sic seit Jahren als seine politische Erkenntnis gegenüber der Exekutive und dem Kongreß durchgesetzt hat? Man reibe sich doch nicht a.n Herrn Stein, weil man Furcht hat, das Regime Weizmann anzugreifen. Gegen die Gefahren dieses Regimes muß die Kritik sich wenden. Es ist nicht wahr, daß es unmöglich sei, in London eine arbeitsfähige Exekutive, ein wirkliches Zentrum der Bewegung zu schaffen. Wahr ist nur, daß Dr. Weizmann ein solches Zentrum nicht ertragen kann, daß er nach kurzer Zeit jeden Personenkreis auscinamlersprcngt, der sieh um ihn als Führer zu sammeln sucht. Der Mcnschcnverbranch der Londoner Exeku.ivc in diesen Jahren war außerordentlich, Krise folgte .auf Krise, Demission auf Demission, niemand konnte oder durfte bleiben, mit alleiniger Ausnahme des Herrn Sokolow, der eine bcsondere Stellung in der zionistischen Welt cinmmmt. Dr. Weizmann stützt sich in allen politischen Angelegenheiten nur auf Herrn Stein, der seinerseits die anderen Mitglieder der Exekutive mit verächtlicher Gleichgültigkeit behandeln, ja sic völlig ignoiiemi darf. Er tut damit, was Dr. Weizmann ihn seit Jahren gelehrt hat. Die Folge dieses Systems war, daß an Stelle einer legitimen Exekutive, gewisse andere Per* sonen Einfluß auf die zionistischen Geschäfte erlangten. Die Direktoicn des Keren lIuje..sod, vor allem die Herren Fciwcl und N'aiditsch sind cs, die in allen wichtigen Fragen entscheiden. Sie verstanden cs — wenn nötig durch Beseitigung renitenter l'xckutivmitglicdcr — ihren Einfluß ständig zu erweitern und sic benutzen Dr. Weizinaims Schwächen. Sic gelicn nicht in die Exekutive, sie schufen sich durch den Keren Hajesrod ihr eigenes Instrument und haben nun — was immer schädlich ist — Einfluß ohne Verantwortung. Diese für die Nutznießer solchen Verfahrens gewiß zweckmäßige, für die Organisation unheilvolle Gruppierung Weizmann -j- Keren Hajessod-Dircktorium, hat seinerzeit den Rücktritt Julius Simons verursacht und macht noch heute eine ver* nfinftigc lixekutivbikluiig unmöglich. Naive Betrachter — fast alle KongicßdclcgicrU'ii sind 11.1'vc Befrachter — aber sagen: dies kann nicht sein. Offenbar Ing es an dem Unverstand, der Unfähigkeit der bisherigen Exekutivmitgiieder, daß sich um den unentbehrlichen Führer Dr. Weizmann in London nicht der richtige Kreis gebildet hat. Wohlan denn, laßt uns von neuem ans v/erk gehen lind eine Exekutive schaffen nach unserem Bilde. freilich wird es immer schwerer. Schon sind alle er• reielibareu Kiäfte abgenutzt und zum alten Eisen geworfen. Und in richtiger Witterung der wahren Machtvcrliällnlssc läßt mau räch auch gar nicht mehr in die Exekutive wühlen, sondern man geht ats ino!fiz.ieller Berater oder als Keren Hnjessod-Bcamtcr nach London und bildet dort ״zionistisches Milieu". Die Zionistische Organisation aber bleibt ohne verant* wörtliche Führung. Wer ist schuld? Zunächst Dr. Weizmann, dessen unge* wohnliche Persönlichkeit wir nicht gern öffentlich kritisieren, von dem wir aber sagen müssen, daß er jede Leitung bisher auseinandcitrich, einmal, weil seine genialisch-impulsive, aber zugleich unstete Natur nichts verträgt, was an feste organisatorische Form, durchdachten Plan, geregelte Befugnis erinnert, dann aber auch, weil er der Tyranncnveriührung unterlag, Schmeichlern und Cliquen Gehör zu schenken und Einfluß zu geben, Aber sind nicht neben Dr. Weizmann auch diejenigen schuldig, die ans Trägheit und Furcht vor dem seit Jahren um sich fressenden Ucbcl die Augen schließen? Ein Beispiel? Das Beispiel: Haben nicht die deutschen Zionisten und mit ihnen der ganze ״Block der Landsmannschalten“ Weizmanns KongreDparolc der ״Jewish Agency“ gläubig aufgenommen und nicht begreifen wollen, daß dieser Parole wiederum nichts anderes zugrunde lag als das nervöse Verlangen, Bestehendes zu ändern, lästige Kritiker beiseite zu räumen, zur eigenen Organisation mit Ihren kontrollierenden Instanzen möglichst große Distanz zu gewinnen? Niemals sind die Mitglieder der früheren Exekutive — Ussischkin, Solowcitschik und mich seihst elngrr.eh10r.sen — Gegner der Ilernn/lcluiiig der Nichi/.ioiih.teit gewesen, Wir alle haben au der Lösung des Problems inltge.irbcltet. jeder suchte den richtigen Pinn zu finden, der eine In ■einem Verband der In Palästina tätigen Organisationen, der andere In einer neuen umfassenden I*.1 las t iiiaorga 11 isaIion, die aus einem Weltkongreß hervorgehen sollte, der dritte in einer Bündnispolitik der neu erstarkten zionistischen Organisation mit den anderen jüdischen Verbänden. Aller von alledem war für Dr. Weizmann nie ernsthaft die Rede. Noch unmittelbar vor dem Kongreß verweigerte er seinen Kollegen in der Exekutive eine Ansprache über seine eigenen, der Ocffeutlichkcit so emphatisch angekündigten Pläne. — Er trat vor den Kongreß ohne ernsthaft durchdachten Pia 11, ohne jede Vorbereitung eines neuen tragfähigen Org.iuisaiiousgehildes, dem die Funktion der jewish Agency anvertraut werden sollte. Er sprach und handelte aus jener unheilvollen Stimmung heraus, die sieh in den letzten Jahren immer mehr in ilun verstärkt hatte: Das Netz der Organisation abmichütteln, frei zu werden, ungehindert zu schalten. Zu welchem Zweck? Das blieb verborgen — vor allem ihm selbst. Nur die Tendenz war fühlbar, rang nach Ausdruck, ward auf dem Kongreß zur zerstörenden Macht. Doch die Führer des kontinentalen Zionismus wollten nichts hören und nichts sehen. Wer vor dem Kongreß und während des Kongresses die Frage der Jewish Agency in den Hintergrund verwies, in den sic gehörte und noch heute gehört, war ein ״Gegner der Verständigung mit den Niclitzionistcn". Man versicherte sich auf dem Kongreß gegenseitig, daß Dr. Weizmann mehr wisse als er sagen dürfe, daß die neue Jewish Agency sogleich nach dem Kongreß entstehen und Palästina retten werde — und man hörte nicht auf diejenigen, die den Bluff als Bluff zu enthüllen suchten. Heute, fünf Monate nach dem Kongreß, weiß mau von der neuen Jewish Agency soviel wie fünf Monate vor dem Kongreß. Mail weiß, daß einige englische und amerikanische Juden vielleicht in diese Körperschaft eintreten werdm, wenn man sic darum bittet. Man weiß, daß amerikanische Nichtzionisten vielleicht eine Palästiuabauk gründen werden. Man weiß nichts über Umfang und Kompetenz der neuen Körperschaft, über ihr Verhältnis zur Zionistischen Organisation und zum Keren Hajessod, über das Budgetrecht des Kongresses, und über den viel beredeten Weltkongreß. Noch einmal: Niemand war gegen Erörterung dieser Fragen, niemand gegen eine vernünftige Lösung, die uns mit den Nichtzionisten zusanimciifiihrtc. Aber was ist das Resultat dieses Kongresses, auf dem angeblich das Schicksal Pa! ' Pal istinns entschieden werden, der Wendepunkt in der istinabewegung < cintrctcn sollte, wenn man der von Dr. Weizmann aiisgcgcbcucn Parole Glauben schenkte? Eia Nichts — ein leeres Nichts — und die Fortdatwr, nein, die Erweiterung der inneren Krise. Die Beseitigung der allen Leitung zugunsten einer neuen, die diesen Namen überhaupt nicht mehr verdient. Die Fortsetzung eines Regimes, das jetzt, wo planmäßige Aufbauarbeit, eine feste Hand zur Ordnung der Organisation, zielsichere Arbeit nach außen und innen nötig ist, seine Unzulänglichkeit mehr als je erweisen wird. Wer trägt die Schuld? Gewiß zum großen Teil Dr. Weizmann, dessen außerordentliche Verdienste und Fälligkeiten uns gegen seine Felder und Schwächen nicht blind machen dürfen. Aber in gleichem Maße jene kleineren und kleinsten Führer der Gruppen und Landsmannschaften, die nicht den Mut hatten, den Präsidenten der Organisation zur Aufstellung eines klaren Programms und zur loyalen Zusammenarbeit mit einer wirklichen Exekutive zu zwingen — oder einen anderen Präsi■ deuten zu wählen; jene Partclpolilikcr des Kongresses, die auf dem Wege des Kompromisses ihre Ueberzeugungen verloren; jenes Londoner Griippchcn, das seine Macht zu behaupten sucht, auch wenn die Organisation darüber zugrunde gellt; jene ewig blinden Professoren der zionistischen Theorie Deutschland immer voran — die in Resolutionen das Heil suchen und nie merken, worum cs sich wirklich handelt; jene Politikaster schließlich, die am Feuer der allgemeinen Unzufriedenheit ihr eigenes Süppchen kochen möchten. Das ist menschlich? Das ist überall so? Gewiß! Aber der Zionisimis kann auf saubere Politik, innere Ehrlichkeit, sachliche Entscheidung noch nicht verzichten. Und braucht es auch nicht. Wir sind noch imtcrwegs, sind noch überwiegend ans ideellen Motiven Zionisten geworden, sollen ln der Bewegung noch nicht, wie so viele Menschen im fertigen Staat, die Futterkrippe oder das Instrument der Macht. Wir können unsere Angelegenheiten relativ noch besser und reinlicher verwalten, als die durch Eigennutz und Ehr■ geiz getriebenen Menschen dies sonst vermögen. Wer uns führen sott? Ein kleiner Kreis verantwortlicher Männer, deren persönliche Eignung auf dem Zionlstcnkongrcß anerkannt wird und die guten Willens sind, ehrlich mitein• ander zu arbeiten. Es wird unter den erschwerenden Be■ diuRungeu des Galuth immer sehr schwierig sein, diesen Kreis von Menschen an einem Ort zu versammeln, aber unmöglich ist cs nicht. Schon allein unter den aiidcrlhalb Dutzend Männern, die 111 den letzten Jahren den Korridor der Londoner Exekutive passiert haben, könnte man die rieh■ tige Auswahl treffen, und sicherlich werden sich auch noch andere Kräfte gewinnen lassen. Das jetzige Regime geht zu Ende. Es endet in selbstverschuldeter Vereinsamung. Wir müssen für eine neue mit Autorität ausgestattete, von keiner Ncbcnrcgieruiig behinderte Leitung sorgen, aber auch für einen neuen Geist in dieser Leitung, den Geist aufrichtiger Zusaumienaibcit. $ Nachbemerkung Wir bringen den Artikel Llclithcitns, trotzdem wir der Ansicht sind, daß die darin enthaltenen persönlichen Angriffe besser unterblieben wären, ebenso wie manche kritische Bcmerkung, die nicht den Wunsch nach einer sachlichen Aus■ ciiinndcr.xelzung verrat. Leider haben aber solche Affären wie die der Demission Dr. Solowcitschiks fast immer die unerfreu■ liehe Folge, daß die redaktionellen Rechte eingeschränkt werden. Denn die Ablehnung des {übrigens bereits auf der Zentralkoiiiitccsitzuiig .־!!!gekündigten) Aufsatzes könnte leicht als ein Versuch zur Unterdrückung der ״Wahrheit״ ausgelegt werden. So müssen die Leser der ״Jüdischen Rundschau׳‘ weiterhin sich mit der unerquicklichen Angelegenheit befassen, deren Behandlung wir eigentlich bereits abschließcn wollten. So dankenswert uns Lichtheims Darstellung insofern erscheint, al» sic nichts verschleiert, sondern die!finge beim richtigen Namen nennt, für ebenso unzulässig hallen wir e», wenn beispielsweise Herr Liehlhciin von Cowen behauptet, daß die ״zionistische OcffcnUichkeit bis heute nicht weiß, ob er die Wahl in die Exekutive angenommen hat“. Man kann nicht in demselben Satze dann sagen, daß Cowen sein Stimmrecht als Mitglied der Exekutive ansgeübt hat, ohne daß diese Bemerkung als eine Verdächtigung des Herrn Cowen mißverstanden werden könnte. Ebenso erscheint cs uns nicht statthalt, wenn Herr Lichtheim die Motive der Haltung Sokolows in der Affäre nur als taktische, nicht ah sachliche angibt, ferner von ״Nutznießern", ״Cliquen", einem ״Londoner G1(ippchen, das seine Macht zu behaupten sucht, auch wenn die Organisation darüber zugrunde gellt", spricht und die Gelegenheit benutzt, von Männern wie Fciwcl und Naiditseh, die sieh mit Herrn Liclitlieim an Verdiensten um die zio• nhtische Bewegung von ihren ersten Anfängen an wahr• ha Big messen können, zu sagen, sic ״benutzen Dr. Weizmanns Schwächen“. Solche Methoden der Polemik waren im dcutsehen Zionismus bisher im allgemeinen nicht üblich. Wir versagen es uns, die psychologischen Hintergründe dieses vehement persönlichen Angriffes zu beleuchten. Sachlich haben wir nur folgendes zu bemerken: Der ״Men sehen verbrauch der Londoner Exekutive", der sich übrigens zumindest in den Orenzen desjenigen der meisten Nachkricgslündcr hält, war deshalb so groß, weil es bis heute nicht gelungen ist, die primitivste Voraussetzung einer gesunden Demokratie, eine 110 möge ne Regierung, auf den Kongressen durchzusctzcn. Zweifellos liegt auch ein Verschulden Dr. Weizmanns darin, daß er cs bisher verabsäumt hat, eine vollständige Liste der von ihm gewünschten Exekutive von sich aus dem Kongreß vorzulcgen. Auf die in London noch nicht durch* geführte strenge Kompelcnzabgrcnzung, die es jedem Exekutiv* mitgiied bisher gestattete, Weizmann in seine Domäne, die Politik, hincinzupfusclicn, haben wir bereits hingewiesen. Solange nicht der Versuch gemacht worden ist, eine einheitliche Exekutive zu bilden, und solange dieser Versuch nicht mißglückt ist, wird niemand den Beweis erbringen können, daß es Dr. Weizmann ist, der die Londoner Leitung stets sprengt. Diese entscheidende Tatsache der bisher!inhomogenen Ex•* kulivc berührt Herr Liclitlieim mit keinem Wort. Was den Keren Hajessod anlangt, so ist die letzte Krise der unanfechtbarste Beweis dafür, wie absolut notwendig die völlige Trennung des Keren Hajessod von der Zionistisehen Organisation war. Wir haben wieder einmal mehr Glück als Verstand gehabt. Denn bei der Gründung des Keren Hajessod wurde ja sicherlich kaum damit gerechnet, welch Oliiek cs für unsere Arbeit in Palästina einmal bedeuten würde, daß der Keren I lajcssod nicht in den Strudel der Partciknmpfc der Organisation hincingczogcn werden kann. Wir wären heute bereits in Palästina erledigt, wie ohne Uebertreibung gesagt werden kann, wenn cs in den letzten fünf Monaten in der Leitung des Keren Hajessod ähnlich abgesehen hätte, wie im Londoner Zcntralbüro. Herr Liclitlieim müßte allmählich auch merken, daß seine Gegnerschaft gegen das Keren Hajessod-Dircktorium, die wohl auf die von ihm stets gerügte finanzielle ״Aushungerung" der Exekutive zurückzuführen ist, zum schwersten Vorwurf gegen ihn selbst wird. Glaubt Herr Liclitlieim im Ernst, daß es nur auf die Trennung des Keren Hajessod von der Zionistischen Organisation zurückzufiilircn ist, wenn das Budget der Londoner Exekutive ungedeckt blieb? Hat nicht vielmehr die frühere Leitung des Organisations-Departements auch schuld daran, indem sie sich nicht imstande zeigte, durch engeren Kontakt mit den Landesverbänden, durch persönliche Werbung, durch Reisen usw. den wirklich nicht sehr hohen Betrag, den die Londoncr Exekutive benötigt, aufzubringen? Ohne die Verdienste Llchtlielms tun die Schaffung eines klaglos funktionierenden Büroapparates in London schmälern zu wollen — glaubt Herr Lichtheim ernstlich, daß sielt darin die Funktion einer wirklichen Organisaiionsicituug erschöpft, und wie konnte dann auch dieses völlige Vakuum nach seinem Weggänge vom London cintrctcn? Lichtheims Kritik der bisherigen Ergebnisse von Weizmanns Tätigkeit für die Erweiterung der Jewiih Agency Ist zumindest reichlich verfrüht. Es ist doch wirklich kein ernsthaftes Argument, wenn Herr Lichtheim, bereits so kurze Zeit nach dem Kongreß und vor allem einen Monat nach Weizmanns Ankunft in Amerika, jetzt schon von einem ״leeren Nichts“ spricht. Und wenn Herr Liclitlieim Dr. Weizmann und seine Stellung Zur Organisation kritisiert — die Konstruktion, daß Wcizinauii für die erweiterte Jewish Agency eiutritt, um ״das Netz der Organisation abzusdiiiüchi", ist doch wirklieh unglaublich naiv. Meint Liclitlieim wirklich, die neuen Mitglieder der Jewish Agency würden sich von Weizmanp eine solche Behandlung gefallen lassen wie Lichtheim sie in der Haltung Weizmanns der Zionistischen Organisation gegenüber annimmt? Es kann doch überhaupt keinem Zwgifct unterliegen, daß der einzige wirklich starke Rückhalt, dem die zionistischen Vertreter in der Jewish Agency gegen* über den Nichtzionisten haben werden, die Zionistische Or* ganlsntion ist, Liclitlieim meint, das ״jetzige Regime gehe zu Ende". Prophezeien ist immer mißlich. Wenn Herr Lieht• heim aber eine ״mit Autorität ausgestattetc“ Leitung fordert, dann sollte er es wissen, daß Autorität keine Mitgift ist, mit der man ausgestatte♦ wird, sondern daß sie erworben werden muß, um sic zu besitzen. Und sie wird mir erworben durch die Leistung. Und einmal wird es notwendig sein, eine klare Bilanz mit genauen Zahlen aufzustellen, in der die Aktiva des ״persönlichen Regimes“ Weizmann an poli* tischen Erfolgen, an von ihm geworbenen neuen Menschen und von ihm gesammelten Geldern gegenüber• gestellt werden den bisherigen Leistungen seiner Gegner. Dann, aber nur dann, mag die zionistische Ocffcntlichkcit entscheiden, wem sie mehr Vertrauen auch für die Zukunft entgegen* bringt. S. K, Der!iid. Parlamenlsklub zur polnischen Regierungsbildung Warschau. (J.T. A.) Der jüdische Parlnmcntsklub in Polen hat zur Regierungsbildung die folgende Resolution an* genommen: Der jüdische Parfamcntsklub hält daran fest, uaß das Prinzip, nur eine rein polnische Mehrheit könne die Regierung stützen und derselben ein Programm geben, gegen di« Institution verstößt. Der jüdische Klub wird Keiner Regierung, die nach diesem Prinzip zusammengcstcllt ist, Ver* trauen schenken. Der Klub erklärt ferner, er behalte sich die volle Handlungsfreiheit gegenüber der kommenden Re* glerung und ihrem Programm vor, insofern man sich nicht uüher mit der Repräsentanz des jüdischen Klubs verständige.