Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1924)
- Date
- 1924-01-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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5;;; ן. H 'i 1■ | 1—1 r1״iira r׳״ V L Redaktion und Verlag W 15, Sächsische StruQc 8. Erscheint | jeden Dienstag und Freitag, Bezugspreis bei der Expedition 1 monatlich 1,85 Goldmark, Vierteljährlich 5,25 Goldmark. | Au*Undf»bonn«n1en!1 werden in der Wihnitig der einzelnen I,Ruder berechnet• i Nummer 2 Berlin, 8.1. 1924 Anxcijf cn -¥ crwnltunft: Jüdische Rundschau G,m.b.IL, BcrlinWlS, Sächsische Straße 8. — Telephon! Amt Pfalzhurg 6697, 6698 u,6699, Anreljtenprei■! fi spult, Nnnp»r«illezeilo 0,25Golt!rru»rk. i'imilienanzelden uml SU'llcnjtf mehr ü,15G0U!mnri<. i־ür hcbrühch© Anzeigen 100% AuIichUg. Für AuiUruhintemte 100% AuUthlrtd, AnzrigenncbluOi i) i n ft t a g tt n «I FrtUftg n t eh m! U g 4 Uhr. IT*V ׳ ז ד j c, ׳w ״״£^׳׳^r״^ - f i 1 l 1׳־״r /נ;\ נ, ן■!! הי״־&מ׳יד" Telephon: Pfalzhurg 669711.6098, Postscheckkonto: Berlin Nr. 17312, Für Oesterreich: Postsparknssennmt Wien, Konto Nr. 156030. Für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr.59410, — RcdaktionsschluO Sonntag und Mittwoch nachmittag. — ״•kSÜli MJ - שבט׳ היס״ר Der Zionismus erstrebt lilr das Jüdische Volk die Schaffung « שבבטבשט- י »- , einer öffentlich rechtlich gesicherten llalmstutta In Palästina. ,Onscler Jahrg. Programm.*1 Juden und Araiber Der neue ״Advisory Council“ und die Stabilisierung der politischen Lage Die arabische Konföderation und die Entrevue von Amman Die Juden und der Föderationsgedanke London, 3. Januar, Die Einsetzung eines nur aus Beamten hcstehenden Ad visory Council in Palästina hat im Lande selbst weder hei den Arabern noch bei den Juden eine besonders günstige Aufnahme gefunden. Die Araber lehnen diese neue Form der Verwaltung ebenso ab, wie sic jeden vorhergehenden Vorschlag zurückgcwicsen haben. Sic erklären, den neuen Staatsrat nicht anerkennen zu können, und einzelne Extremisten gehen so weit, daß sic drohen, den Gesetzen, die durch den Staatsrat zu- Stande gekommen sind, den Gehorsam zu verweigern. Für diese Araber gibt cs kein Kompromiß und nur eine radikale Forderung, welche lautet: arabische Regierung, arabisches Parlament und arabische Armee in Palästina. Allerdings herrscht im arabischen Lager keine Einigkeit und obwohl alle Parteien in der Gegnerschaft gegen den Zionismus, die nun einmal das populäre Schlagwort gcworden ist, wetteifern, so zeigen sic doch Nuancenunterschiede in ihrem .Verhalten zur britischen Verwaltung. Aber auch in der jüdischen Presse hat der neue Kurs kein gutes EcIk» gefunden. Die Jaden sind in einer ganz anderen faktischen Position, und ihre Ablehnung äußert sich mehr in einer Art Raisoimcmcnt darüber, daß die Juden, obwohl sie bisher auf alle Vorschläge der Rcgierung über die Heranziehung der Bevölkerung zur Mitbestimmung eingegangen sind, nun doch in der gleichen Weise von jeder Teilnahme ausgesclialict werden, wie die Araber, welche doch ihre Ausschaltung durch ihre Abstinenz selbst verschuldet haben. Die jüdische Presse äußert ihren Unwillen über diese ungerechte Be- Handlung der Juden, die die Folgen für das negative Verhallen der Araber!nitzutragen haben. Zugleich wird aber auch darauf hingewiesen, daß nach der neuen Verordnung nunmehr nur noch eine konstitutionell zur Kooperation mit der Regierung berechtigte Körperschaft existier!, nämlich die Jewish Agency, der i!n Mandat das Recht gegeben wird, in allen wirtschaftlichen und sozialen Angelegenheiten, die die Errichtung der jüdischeu Heimstätte betreffen, mit der Regierung zusammenzuarbeiten. Auf diese Weise biete sich für die Jewish Agency jetzt Gelegenheit, ihren Einfluß im Interesse der Gcsamtbevölkcrung geltend zu machen, denn sic kann beim Zustandekommen von Steuergesetzen, Zoll- Ordnungen und ähnlichen Fragen Maßnahmen fördern, deren Vorteile alle Teile der Bevölkerung in gleicher ,Weise genießen würden. Der letzte Gesichtspunkt ist gewiß beachtenswert, im übrigen aber muß die jüdische Kritik auf ihr richtiges Maß zuriiekgeführt werden. Denn obwohl die Argumente der Kritiker richtig sind und die Juden tatsächsächlich für ihre Bereitwilligkeit, die Absichten der Regierung bezüglich der Volksvertretung zu akzeptieren, wenig Dank geerntet haben, so muß doch gleichzeitig anerkannt werden, in welcher schwierigen Position sich die Regierung befindet. Die Juden sind heute eine Minorität in Palästina und sic haben die Nachteile dieser Minoritätsstellung zu tragen. Es ist unmöglich, daß eine Regierung mit einer pHamcntarischen oder lialbparlamcntarischcn Körperschaft regiert, in welcher nur die Minorität der Bevölkerung vertreten ist, während die Majorität sicli fernhält. Eine derartig falsche Konzeption können vernünftige jüdische Politiker von der Regierung nicht fordern. Die Regierung konnte nicht anders, als zu dem ursprünglichen System der britischen Administration zurückzukelircn, und sie muß versuchen, unter dieser Form der Administration eine Stabilität der pulitischen Verhältnisse im Lande zu schaffen, die eine ruhige und fruchtbare wirtschaftliche Entwicklung zuläßt. Die letzte Order des Colonialministeriums, die d..s Weißbuch betreffs der Arab Agency abschiicßt, legt auf diesen Gesichtspunkt der Schaffung stabiler Verhältnisse den größten Nachdruck. * Wir sind uns dessen bewußt, daß diese Stabil!- sierung nur cuin grano saiis verstanden werden kann. Denn man kann nicht durch eine administrative Vcrfügung Realitäten aus der Welt schaffen, die eine Antwort fordern, Herbert Samuel hat ir! se ner Rede vom 11. Oktober den Arabern erklärt, daß die ״Arab Agency*‘ der letzte Versuch eines Entgegenkommens seitens Englands sei und daß die Regierung im Falle der Ablehnung energisch ihren Weg weitergehen werde. Diese Worte klingen eindeutig, aber die Ereignisse der letzten Jahre haben tau gezeigt, daß solche Drohungen nicht inaner wörtlich zu nehmen sind. Die englische Regierung wird mit zäher Geduld weiter eine Lösung suchen müssen. Nach den letzten Nachrichten beabsichtigt sic jetzt die Einrichtung einer lokalen Selbstverwaltung, die eine Anzahl wichtiger Vcrwnltungszweigc, darunter vor allein die Erziehung, den Bewohnern selbst übertragen soll. Die Araber haben auch dieses System abgclehnt, obwohl gcrade hier sich ein Ausweg aus vielen Schwierigkeiten bieten könnte, da zugleich mit dem Problem der lokalen Autonomie auch das Problem der nationalen Autonomie gelöst werden könnte. Inzwischen ist das palästinensische Problem von einer anderen Seite her wieder aufgcrollt worden. Kaum waren die letzten Nachklänge des Antrags der• Arab Agency verhallt, da füllten sich schon die Zeitungen mit Nachrichten über die Neuaufnahme der Verbandhingen über den Vertragz wischen Englandund H c d j a s , die im vergangenen Frühjahr abgebrochen worden waren. Der wichtigste Grund für das Scheitern der damaligen Verhandlungen war die Forderung König Husseins, daß auch Palästina in die arabische Konföderntion cinbezogcn werden soll. Obwohl England damals bezüglich der wirtschaftlichen Anglicdcrung Palästinns ziemlich weit gegangen ist, konnte es doch nicht der politischen Einbeziehung zustimmen, ohne damit in flagrantester Weise die in der Balfour-Deklaration und im Mandat übernommenen Verpflichtungen zu verletzen. Die Anerkennung des Mandates durch Hussein wurde damals von den palästinensischen Arabern verhindert, in der letzten Zeit nun bemüht sich Husseins Delegierter, Dr. Nadji El-Assil zu einer neuen Verständigung mit dem Foreign Office zu kommen und er hat erst vor einigen Wochen einem Reuter-Vertreter erklärt, er habe eine Formel gefunden, die ״sowohl Juden als Araber und Engländer“ zufricdenstelicn werde. — Es ist begreiflich, daß die Verhandlungen über einen Staatsvertrag, besonders im Vorstadium, streng geheim gehalten werden, und cs ist daher schwer, die Autcnthizität der Meldungen zu prüfen, die in die Presse drangen. In diesen Meldüngen ist .übereinstimmend von einer Acnderung des Entwurfes die Rede, dahingehend, daß die politische Einbeziehung Palästinas in die arabische Föderation zugestanden wird, dabei aber gewisse Vorbehalte in bezug auf die von England übernommenen internationalen Verpfiiclitungen gemacht werden. Eine arabische Zeitung will sogar wissen, daß England sich in dem Vertrage vcrpflichtet, eine nationale arabische Regierung in Palästina einzusetzen. Eine andere arabische Zeitung erklärt, daß folgende Alternative bestehe: entweder wird Palästina in den Vertrag einbezogen unter der Bedingung, daß die Balfour-Deklaration von den Arabern akzeptiert wird, wobei allerdings unter Zugrundelegung der Interpretation des Churchillschcn Weißbuches die Möglichkeit einer jüdischen Regierung in Palästina ausdrücklich verneint wird; oder Palästina wird in dein Vertrag überhaupt nicht erwähnt werden und der Vertrag nur eine Konfüderation von Hedjas, Irak und Transjordanien schaffen. Soweit die Meldungen. Die Hauptsache aber ist, daß bei all diesen Aenderungcn nicht deutlich gesagt wird, von wem sic eigentlich vorgeselilagcn werden. Für uns ist es jedenfalls ein gewaltiger Unterschied, ob England oder Hussein diese Vorschläge macht. Nach allem, was darüber bekannt wurde, wird von gut eingeweihter Seite versichert, daß England seine Zustimmung zu diesen Aenderungcn nicht gegeben habe und nicht zu geben beabsichtige. Dennoch scheint es, daß die Frage in ein akutes Stadium getreten ist. Gerade in diesen Tagen findet in Amman, der Hauptstadt Transjordaniens, eine Zusammenkunft des Königs Hussein mit seinem Sohn Abdullah, dem Fürsten von Transjordanien, statt, und auch ein Abgesandter des Königs Fcistil von Irak wird zugegen sein. Vor einigen Tagen , wurde veröffentlicht, das Co- Ionial Office habe den Oberkommisär Sir Herbert Samuel in offizieller Weise von diesem Ereignis in Kenntnis gcsetzt und iinn nalicgelcgt, zur Begrüßung des Königs sich selbst nach Amman zu begeben. Die Tatsache, daß nicht nur Sainuei, sondern auch der Zivilkommissar Sir Gilbert Clayton und der Gouverneur von Jerusalem, General Storrs, sich zu dieser Reise rüsten, hat wieder Anlaß zu allerlei politischen Kommentaren gegeben, von denen schwer festzustellcn ist, inwieweit sic bloße Kornbinationen und inwieweit sie wirkliche Informationen darstcllcn. Von offizieller Seite wird jedenfalls in Ab• «de gestellt, daß der Besuch einen ßplkischet* Chaxaktec trage und daß in Amman über die Frage der Einbeziehung Palästinas in die arabische Konföderation entschieden werden soll. Die ״Times“ bemerkt allerdings am 29. Dezember, die britischen Behörden seien sich selbst nicht ganz klar über die wirklichen Motive der Reise König Husseins. Daß die Araber mit einer baldigen Unter- Zeichnung des Vertrages rechnen, geht schon daraus hervor, daß sic für den 26. Januar eine grolle panarabische Konferenz nach Jeddali cinhemfcn haben. Auch die palästinensischen Araber treffen Vorbereitungen zur Beschickung dieser Konferenz und außerdem wird König Husseins Besuch in Jerusalem erwartet. Die abcnteiicrliehen Gerüchte, die itn Zusammenhang mit all diesen Nachrichten entstellen, erzeugen eine gewisse Nervosität und sind geeignet, viel von der Wirkung zu zerstören, die man sich von der ״politischen Stabilisierung“ versprachen hat. * Für die Zukunft des Zionismus sind diese Ereignisse von allergrößter Bedeutung. Der Gedanke einer arabischen Föderation und darüber hinaus sogar einer Konföderation der vorderasiatischen Völker ist der zionistischen Gedankenwelt nicht fremd. Seit Jahren wird von den verantwortlichsten zionistischen Politikern betont, daß es der Wunsch der Juden ist, sich einem System der Zusammenarbeit mit ihren Nachbarn im Orient einzugliedern. Die Juden könnten, wenn erst einmal ein Verhältnis des gegenseitigen Vertrauens 11ergestellt ist und die Araber cinzusehcn gelernt haben, daß die jüdische Arbeit einer gemeinsamen Sache dient, der Wiederaufrichtung des Orients großen Nutzen bringen. Die Zionisten haben wiederholt in Prokla« inationen ihrer Kongresse ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit erklärt, aber dieses Wort ist noch nicht bis zum arabischen Volke gedrungen. Das Mißtrauen wurde nicht aus der Welt geschafft, sondern verschärft, und wenn im heutigen Gemütszustand gegenseitiger Verbitterung eine Konstruktion wie etwa die politische Ein* bc zic 1׳ u ng Palästinas in die arabische F öderation ernsthaft diskutiert wurde, so könnte das! in jeder Beziehung schwere Folgen haben. Weder die arabische noch die jüdische Welt ist für einen solchen Schritt heute reif. Auf arabischer Seite würde eine solche Verbindung voraussetzen, daß erstens die Araber zur Erkenntnis des Wertes der jüdischen Kooperation ge* langt und zweitens bereit sind, die Sonderstellung Palästinas, die historisch, national und religiös be* gründet ist, anzuerkennen. Auf jüdischer Seite würde es voraussetzen, daß die Juden innerhalb und außerhalb Palästinas zur Erkenntnis kommen, daß ihre nationale Heimstätte in Palästina nicht anders als im engsten Anschluß an die umgebende arabische Welt bestehen kann und daß für die Verwirklichung dieser Idee auch Opfer gebracht werden müssen. Beides ist die Aufgabe einer systematischen Aufklärung und Erziehung, die heute noch in ihren ersten Anfängen steckt. Darum aber dürfen wir nicht untätig bleiben. Die Dinge, die jetzt vorgehen, gehen uns in eminentem Maße an. Es wird über Palästinas Zukunft verhandelt und dabei muß unsere Stimme ebenso gehört werden wie vor sechs Jahren, als das Schicksal Palästinas zum ersten Male erörtert wurde. Wir werden alles tun, um die berechtigten Ansprüche der Araber auf ein freies Leben zu unterstützen, aber wir werden uns niemals! zufrieden geben, wenn nicht auch unser Lebensrcclit volle Anerkennung findet. Der Wille des jüdischen Volkes, seine nationale Heimat in Palästina zu errichten, ist uncrschüttcrlich; ein zwei Jahrtausende alter Wille, mit dem die tiefsten religiösen und nationalen Ideen eines Volkes verknüpft sind, erlahmt nicht. Heute aber ist dieser elementare Wille unseres Volkes, dieser brennende Wunsch nach der Erlösung von den Qualen der Wandcr- Schaft und Knechtschaft, nicht so sichtbar, nicht so aktiv, wie er sein müßte, um die ganze Welt zu überzeugen. Die arabische Zeitschrift ״Felcstin“ brachte unlängst eine Zuschrift des Vorsitzenden der palästinen« sisch-nationalcn Vereinigung in New York, die darauf hinweist, daß die jüdische Auswanderung aus Palästina und die Mißerfolge der Zionisten selbst die Balfotir- Deklaration zu einem Fetzen Papier machen. Es gibt heute nur ein Mittel, uin unscrn Anspruch auf Ein- Wanderung und nationales Leben in Palästina zu be* weisen, das ist unsere eigene, durch nichts crschüttcrbaro Aufbauarbeit im Lande. Leider haben wir diesen Beweis noch nicht in genügendem Umfang erbracht. Wenn wir heute auch politisch nicht die Stellung haben, die uns zikommt, so haben wir das nur uns selbst zu״ zuschreibcn. Auch die Verständigung mit den Arabern wird möglich sein, wenn wir ein starker und produktiver ökonomischer Faktor im Lande sein werden. Möge kein Jude sich über seine Pflicht täuschen — alle Verantwortung liegt in diesem Augenblick bei uns. R. W.