Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1924-01-04 · Heft 1 (4.1.1924) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIX (1924)
Issue
Heft 1 (4.1.1924)
Date
1924-01-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2652595-2652596--15436-2674730
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

fUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 i 1 I i K X r Nr! Die Siizunö des ZeniwdHresÄes dar Z. V. £. D. Am 31. Dezember 1923 und 1. Januar 1924 Oer gut besuchten Sitzung des Zentralkomitees der Zio• nistischcn Vereinigung für Deutschland, die am 1. Januar im Logenhaus, Bcrbn, stat fand, ging eine Vort״gung voraus, die sich am 31. Dezember nachmittags mit den Fragen der Berufs Vorbereitung unserer Jugend für Pa'ästina beschäftigte. Der Vorsitzende der Z. V. f. D., Herr Dr. Alfred Lands• b e rg, cröffiielc Montag nachmittag die Zentralkotnitccsitzung. Das Referat •über ״Die Bcrufsumschichtung der jüdischen Jugend Deutschlands und die Aufgaben der Hnctischarnh“ hielt der Leiter des Hcchahiz-Sekreiariats der Z. V. f. D, Dr. Nagler. Er sprach zunächst über das Wesen der vierten Alijah, die eine geistige Verbundenheit der Chaiuzim, wie sie durch die Kwtiz.ih gegeben sei, als besonders wertvoll habe erscheinen lassen. Die Chaiuzim, die ohne Einordnung in eine Arbeitsgemeinschaft mit andern nach Palästina gegangen seien, hätten dort viel schlechter abgcschnitten als diejenigen, die!-ich auf eine solche Kwuzahgcmcinschaft stützen konnten. Während fiüher die Chaluzluth zumeist eine per• sonlieh-indivkhicüc Entscheidung war, sei cs notwendig, den Chab'zluthgcdankcn als gemcinschaftsbiudrnües Prinzip durch Ei'.fi.iftnahmc aut die Jugendbewegung und die Jugendverbände und im Zusammenhang mit der gesamten Jugendarbeit Innauszutragen. Der Referent gibt dann einen eingehenden Belieht über die Vorberdtungsarbeit in Deutschland, die in eine landwirtschaftliche and handwerkliche zerfällt. Die landwirtschafil'.che Ausbildung cifclgtc nach verschiedenen Methoden: so die der Einzelausbildung bei einem Bauern, die den Nachteil der mangelnden geistigen Vorbereitung hat, ferner durch de Bildung eines Arbeitszentrums, indem eine Gruppe von Chaiuzim zur Ausbildung bei den Bauern eines bestimmten Ortes oder Umkreises untergebracht wird. Das sei in Schleswig, W o I f f e 11 b ü 11 e 1 , Biebrich und an anderen Orten durchgcfiihrt worden, Die Bauerr seien mit der Arbeit sehr zufrieden gewesen und hätten bereits wieder andere Chaiuzim angefordert. Dr. Nagler bcrichtet dann über die Blau-Wciß-Sicdlung in Halbe, die von dem Verein zur Verbreitung der Bodenkultur unter den Juden ermöglicht wird, über die gärtnerisch arbeitende Gruppe in Löwen borg und dann über die landwirtschaftlichen Güter Ludwigs hörst, Markenhof bei F rciburg und Buckow, in denen Gruppen von Jungen und Mädchen landwirtschaftlich ausgcbildct werden. Er erwähnte ferner die gegenwärtig bestehenden Pläne zur Schaffung weiterer Ausbildungsmöglichkcitcii, die von der Leipziger Ortsgruppe beabsichtigt werden, die Absicht des Ankaufs eines Gutes in der Nähe Berlins und Straßburgs und evtl, auch die Wieder• crmögüchung der landwirtschaftlichen Vorbereitung in Messing weik. Von Sgez a'prob'emcn der landwirtschaftlichen Berufs- Vorbereitung sei der Plan der Ausbildung in der Schafzucht in . der Lüneburger Heide und der Einzelausbildung im Gemüsebau zu nennen. Die Wintcrausbildung werde theoretisch am besten in den hierfür am geeignetsten landwirtschaftlichen Winterschulen vorgenommen. Schon jetzt sei durch Einrichtung einer Kofbflcchtcwerkstatt die Möglichkeit der Ausbildung in diesem Nebenzweige gegeben, der für Palästina, wo Tragkörbe für Orangen usw. stark gebraucht würden, Bedeutung habe. Für den nächsten Winter ist die Ausbildung in der Weberei und Stickerei und der Konservenfabrikation geplant. Von größerer Bedeutung sei die Frage der Mädchenausbildung. Zurzeit werden in Deutsch• land 35 Mädchen landwirtschaftlich vorbereitet. Die Ausbildung in Haushallsschulen und die Begründung eines Vereins für Vorbildung zu Heim- und Wirtschaftslciterinnen sei zweckmäßig. Von der handwerklichen Berufsvorbereitung ist auf die Lehrwerkstätten, wie die Tischlereiwerkstätte in Magdebürg, in der eine Gruppe unter eigener Regie unter Leitung eines fachwerklich vorgebildcten Ffandwerkmeister arbeitet, hin/mveisen. Die Möglichkeit einer rentablen Arbeit ist durch die Vereinigung von Gesellen und Lehrlingen 111 einer solchen Werkstatt gegeben. Auch in Berlin soM eine solche Werkstatt errichtet werden. Bei der bekannten ״Karlsruher Siedlung“ erfolgte die Ausbildung einzeln, während die Gruppe zusammen nach Palästina ging und auch dort so arbeitet. In Frankfurt a. M. wird ebenfalls eine haridwerkiiciie Austnldungsmöglichkcit geschaffen. Vorgesehen ist auch eine ״Tcxlilgruppc“, aus dem Blau-Weiß, die die Strickerei, Weberd und Wirkerei erlernen sott. Es werden zurzeit 00 Metall- (Schlosser usw.), 25 Stcinliandwerkcr, 40 Zimmcrleutc und 40 sonstige ausguiiidet. Im Frühjahr tli.11 fteil in der Landwirtschaft 300 junge Leute in Deutschland tätig sein. Dr. Nagler spricht weiter über die Probleme der Bc r u f s u m sch i eh tu 11 g und Berufsberatung sowie der Stellenvermittlung. Er tritt für eine Sozialfürsorge der Chaiuzim ein, vor allem für Errichtung einer Wirtschaft stelle, der die Beschaffung von Kleidungsstücken, Werkzeugen usw. obliegen sott. Wichtig sei auch die ״llachscharah taibuthit“, hauptsächlich durch Einrichtung von Hebräisrhkursen, die Errichtung von Chaluzheimcn für Chaiuzim aus dem Osten, wie eines in Frankfurt geplant wird. Audi eine Zeitselnift für die Chaiuzim in Westeuropa wäre von Nutzen. Die Finanzierung der Hachscharah in Deutschland machte größere Schwierigkeiten, da die monatliche Sübvention des Keren Hnjcssod ungenügend sei, Es wird jetzt die Uibernnlime von Chnhizpatronnt n hauptsächlEh durch die Ortsgruppen vorgeschlagen. Für die Alijah sollen nur vollkommen geeignete Chaiuzim, die Zeugnisse über ihre abgeschlossene Ausbildung haben und für die die Sicherheit vorhanden ist, daß sic auch in Palästina unter den schwierigsten Verhältnissen anshaltcn werden, *־.»gelassen werden. In der' Diskussion sprechen Fr!. Luise Treu (essen) über Fragen der Mädehenausbildung, bei der die Kinder-, Säuglingspflege usw, nicht vernachlässigt werden dürfe; Agronom S. Dyk, der infalgc der besonderen Art'der Schafzucht in Palästina nur dort eine Heranbildung für möglich hält und sich auch gegen die Wintcrarbcit, durch welche die landwirtschaftliche Produktion, die keine Pausen kenne, unterbrochen wird, wendet, während die theoretische Ausbildung zwcckmäßigcrweisc zusammenhängend ei folgen soll. Die Frage der Mädchenarbeit sei dadurch erschwert worden, daß die Mädchen auch solche Arbeiten ausfültren wollen, die nur Männer machen können. Eine getrennte Ausbildung in Hof-, Vieh- und Milchwirtschaft sei angebracht. Er bcgrüße es, daß endlich ein System in die Vorbcrcitungsarbeit gekommen sei. De Gruppen sollten sich erst in Palästina bilden. Der Erfolg der Genossenschaften hänge vor allem davon ab, daß diese gleich tüchtige Leute umfaßt. —- Dr. Wolf heim (Erfurt) tritt für die Verbeitung des Chahizgedankens in der Jugend ein. Weser finde auch immer stärkere Verbreitung, was sich z. B. beim Jungjüdischen Wanderbund zeigt, wo airzeit 54 Mitglieder landwirtschaftlich für Palästina vorbereitet werden. Die geistige Hachscharah solle von den benachbarten Ortsgruppen übernommen werden. Was die Ausbildung in Gruppen anlangt, so seien die Erfahrungen umgekehrt wie Dyk behauptet; der best vorbereitetstc und tüchtigste Chaluz aus seiner Gegend habe in Palästina keinen Erfolg gehabt, da ihm der Rückhalt an die Gruppe fehlte. Dr. Woifheim erwähnte noch Ausbildungsmöglichkcitcn im Samenbau Erfurts, der Tabakverarbeitung in Dresden uml die tierärztliche Ausbildung. Besonders wichtig sei die Unterstützung der ostjüdischen Arbeiter im Ruhrgebiet. Adler (1 lainburg) berichtet über das Misrachi-Chaluzheim in der Nähe Hamburgs und über die Schwierigkeiten der Stcllenbcschaffung in der Landwirtschaft für gesetzestreue Chaiuzim wegen der Sabbathruhe. — Bogdnnowsky, der Leiter des Wcltiicciialuz, spricht über die Ausbildung in der Schafzucht und die bereits bestehende Schäfergruppe von Kfar Gileadi, die Möglichkeiten in der Fischerei und für Tierärzte sowie für Wirtschafterinnen. — Prof. Warburg hält cs bei dem augenblicklichen finanziellen Stand der Organisation und der Tatsache, daß der Nationalfonds in der letzten Zeit nicht in der Lage war, größere Ländereien im erwerben, für bedenklich, daß eine so erhebliche Anzahl in der Land- Wirtschaft ausgcbildct werde und schlägt staH dessen eine Spezialausbildung für Tabakbau und in der Gärtnerei, die 1 sich von der Landwirtschaft durchaus unterscheide, vor. — Herr W. Hecker meint, daß die Frage, ob Gruppen- oder liidividunl.iriH'it, eine Frag׳ des Alters sei. Für die Jugend sei die Gruppe die gegebene Form, während ältere Leute aus dieser Gruppe au-scheide 11 und zur selbständigen Arbeit übergehen. Tierärzte :-eien für Palästina nicht mehr nötig. Die Anschauung Prof. Warhurgs über die Zahl der landwirt■ srhaftlich Auszubildenden sei zu bekämpfen. — Dyk sieht bu der Streitfrage, ob Kwu/oth oder Moectmv ״•::•!;; •ס vorz.it• ziehen seien, die Entscheidung lediglich nach der Ren- Labilität Die Kwuzolh hätten bis jetzt noch immer nicht eine zureichende Rente abgeworfen. — Ariosorotf be~ tont, daß d e Frage der Rentabilität im Zentrum der Oedanken aller Arbeiter stehe oder, andcis formuliert, die Soziologie hinter der Ockonomio bei ihnen zu rück trete. Die Frage, Kwuzah oder Mosch,aw ovzdim, sei nicht eine Frage des Alters, sondern der Entscheidung der einzelnen Menschentypen. Der Schwerpunkt der Midischar,ah solle allmählich nach Palästina verlegt werden, da für Mitteleuropa die Kosten von denen in Palästina sich nicht mehr crhcbndi unterscheiden. Eine spezifische Ausbildung sei in Palästina eher möglich, es gäbe dort vor all cm einen Stamm lang, jähriger Arbeiter und diese seien ein Kapital an Arbeit*, und Anpassungserfahrung. Es müsse auch in Pa’ästina «ne Scheidung zwischen reinen Lehr- und Wirtschaitsbcirichcn ei folgen. Dr. Arlosoroff wendet sich gegen die Ansicht Prof. Warhurgs. Es müsse immer ein genügend großer Nachwort» für die Landwirtschaft vorhanden sein und infolgedessen eine Agitation für dir land wirtschaftliche Ausbildung entfaltet werden. —- Prof. Franz Oppenheimer: Wenn man bereit* dreihundert Leute, die für die Landwirtschaft au׳)./׳bildet werden, für zuviel hält, so gleiche dies einer Bankerotterklärung. Die Hauptfrage sei, ob es gelange, in Palästina rentable landwirtschaftliche Betriebe zu erzielen. Die Erfahrung der genossenschaftlichen Siedlung hatten nicht Ln Palästina begonnen, sondern viel früher. Es gibt zwei Formen der genossenschaftlichen Siedlung. Die e 1! e habe eine rcli* giöse oder nationale Wurzel, Eine solche Genossenschaft könne mir Zusammenhalte!, bis ein gewisser Grad des Wohl- Standes erreicht sei. Die zweite Wurzel sei das klare Selbstintcrcsse. Hier wird der Ertrag s.reng nach der Leistung geteilt. Darin unterscheide sich die kommunistische Gruppe von der genossenschaftlichen. Einen Individualismus in der Landwirtschaft gebe cs überhaupt nicht; der Bauer kann nur in der DoiLchaft existieren, die eine Form der Genossenschaft sei. Die ersterwähnte Form der Genossenschaft sei eine solche der Propaganda, doch läßt sich damit auf die Dauer nicht wirtschaften; die zweite rmPsr an ihre Stelle trenn. Die Genossenschaft könne verglichen werden mit einem Panzer, der gegen den Ansturm von außen schütze, aber in einem solchen Panzer könne man auch ersticken. Er sei an der Notwcnd'gkcit des genossenschaftlichen Gedankensrnicht irre geworden, die sogenannten falschen Erfahrungen || Pa'äün.־ seien darauf zurückzuiuhren, daß es sich dort um Lien:betriebe und nicht um Wirtschaft׳,betriebe gehandelt habe. Die Genosscnschaft der ersten Form״ die eine Verkrüppelung des Individuums statt seiner Entwicklung zur Folge habe, miis.se von der zweiten abgclöst werden, aus der Bcgcistcrungskamcradschaft müssen Arbeitsgen ossen'-chaftcn werden. Es gäbe keinen jüdischen Bauer ohne jüdische Eäncrin. Die städtische Jüdin in eine solche zu verwandeln sei ungeheuer schwer, deshalb habe er die Form der Genossenschaft vorgcschlagen. — Nach einer Richtigstellung Prot. Warburgs gibt Dr. Nagler in seinem Schlußwort auf die gestellten Fragen noch Aufklärung und geht im einzelnen auf das in der Diskussion Vorgebrachte ein. Er sowohl wie Dr. Landsbe rg betonen zum Schluß die Notwendigkeit engster Zusammenarbeit zwischen Hechnluz und Z. V. f. D., die für die Chaiuzim ebenso wie für dir Ortsgruppen von größtem Wert sei. Am 1. Januar erstattet Herr Dr. Landsberg in der Vormittagssitzung zunächst das Referat über ״Zionismu-, und Umwelt“. Wir veröficntlichen das Referat in extenso. — In der Diskussion spricht zunächst Dr. S t e r m a n n gegen die Auffassung, als sei kulturelle Arbeit nicht so wichtig wie kolonisatorische. Man müsse berücksichtigen, daß in Polen von den Zionisten auch viel kulturell geleistet worden sei, wenn man ihre Leistungen kritisiere. Er erhebt schließlich Vorwürfe über die Haltung einzelner deutscher Zionisten in der Ostjudenfrage. R.-A. Jacobson (Breslau) gibt daraufhin eine :11%- ihn nach der Ursache seines Kummers fragte, erzählte ei seine Ge,chkhtc. Da sic sehr frornrn war und mit großer Hingäbe an der heiligen Jungfrau hing, teilte sie seinen Schmerz״ Die Schwierigkeit lag nicht darin, die fünfhundert Dukaten aufzutreiben. In der benachbarten Stadt war ein Bankier, der seit sechs Monaten eine gleiche Summe zu Fabios Verfügung aufbewahrte. Aber von l>,1i..1ntic 1» in vicriindzwanzig Stunden bis nach Venedig über cm unruhiges Meer und durch widrige Winde zu gelangen, war unmöglich. ״Schaffen wir uns zuerst das Geld,“ sagte Fabio. Und nachdem ein Diener seiner Wirtin es ihm gebracht, ließ der edle Kaufmann ein! Birke ganz dicht an die Küste kommen; er tat die Säcke mit den Dukaten hinein, und dann entnahm er dein Oratorium I rm, Lorctas ein aus Zedernholz geschnittenes, ehrwürdige* Bild der Jungfrau mit dem Christus- Knaben. Er legte da־, Bild neben das Steuer in das Boot und sagte: ״Du bist meine Bürgschaft heilige Jungfrau! Der Jude Elieser muß morgen bezahlt werden. Es gilt, meine Ehre und die Deine und den guten Ruf Deines Sohnes, heilige Jungfrau! Was ein sterblicher Sünder wie ich nicht auszuführen vermag, wirst Du vollbringen, reiner Stern des Meeres, Du dessen Brust den nährte, der über das Wasser schritt. Bringe dieses Geld zu dem Juden Elieser im Ghetto von Venedig, damit die Beschnittenen nicht sagen, daß Du eine schlechte Bürgschaft bist.“ Und nachdem e die Barke in die Flut getrieben, nahm er den Hut ab und sagte leis«: ״Lebe wohl, heilige JtmgtVaii!“ Die Barke steuerte in dis offene See hinaus. Lange verfolgten Fabio und Lorcta sic mit ihren Blicken. Die Nacht sank herab. Ein Lichtstrom ergoß sich über das ruhige Meer. Als am nächsten Morgen Elieser seine Tür geöffnet hatte, sah er in dem engen Kanal des Ghetto eine Barke, beladen mit Säcken und überragt von einem kleinen Standbild aus schwarzem Holz, das in der Morgensonne leuchtete. Uie Barke hielt vor dem Hause, au dem der sicbenarmige Leuchter angebracht war. Der Jude erkannte die Jungfrau Maria mit dem Jesusknaben, die, Bürgschaft des christlichen Kaufmannes BUiilU1 .■■■»■■«iW.BHIglUBBH “l_I . ■-.—-1 Nach dieser Antwort neigte der Jude den Kopf wie einer, der sinnt und nachdenkt und strich einige Augenblicke seinen weißen Bart. Dann, sagte er: ״Fabio Mutinclli, führe mich zu Deiner Bürgschaft Denn es ist Brauch, daß der Gläubiger die Bürgsenaft sieht, die man ihm bietet.“ ״Das ist Dein Recht,“ antwortete der Kaufmann, ״stehe auf und komm.“ < Er führte Elieser ln die Kirche dell’Orto. Dort zeigte er ihm die Madonna, die auf dem Altar stand. Sic trug auf der Stirn cüie Krone von Edelsteinen, ihre Schultern waren mit einem goldgestickten Mantel bedeckt, in den Armen hielt sic das Jesuskind, das gleich seiner Mutter geschmückt war. ,,Das ist meine Bürgschaft,“ sagte der Kaufmann zum Juden. Elieser, der immer abwechselnd die Madonna und den christlichen Kaufmann scharf betrachtet hatte, neigte den Kopf und sagte, daß er die Bürgschaft annehmc. Er führte Fabio wieder in sein Haus und gab ihm dort fünfhundert schwere Dukaten. ״Diese sind Dein auf ein Jahr. Wenn Du mir in einem Jahr auf den Tag die Summe nicht mit den Zinsen, die das venezianische Gesetz und der lombardische Brauch vorschreiben, zurückgegeben hast, so kannst Du Dir verstellen Fabio Mutinclli, was icii von dem christlichen Kaufmann una seiner Bürgschaft denken werde.“ Fabio kaufte, ohne Zeit zu verlieren, Schiffe, belud sie mH Salz und verschiedenen anderen Waren, die ar in den Städten am Adriatischen Meer mit großem Nutzen verkaufte. Dann ging er mit neuer Ladung nach Konstantinopcl unter Segel, wo er Teppiche, wohlriechende Essenzen, Pfauentedern, Elfenbein und Ebenholz kaufte, und durch seine Agenten an der Küste von Dalmatien gegen Bauholz cintauschen lief), das die Venezianer schon vorher bei ihm gekauft hatten. Auf diese Weise verzehnfachte er in sechs Monaten die erhaltene Summe. Aber als er sich eines Tages mit griechischen Frauen auf einer Barke im Bosporus belustigte und sich zu weit vom Lande entfernt hatte, wurde er von Seeräubern ergriffen und als Oefangener nach Aegypten geführt Zum Glück waren sein Gold und seine Waren in Sicherheit. Die Seeräuber verkauften ihn als Sklaven an einen vornehmen Sara- «nen, der Ihm Ketten an die Füße legte und Ihn da* Ge• treide bestellen ließ, das in dieser Gegend sehr schön ist Fabio bot seinem Herrn ein hohes Lösegeld an, aber die Tochter des Sarazenen, die ihn liebte und ihren Wünschen zugänglich machen wollte, riet ihrem Vater, ihn um keinen Preis freizugeben. Da er nun auf seine eiger.c Hilfe angewiesen war, feilte er mit den Werkzeugen, die ihm für die Feldarbeit gegeben waren, seine Ketten durch und entfloh, gewann den Nil und warf sich in eine Barke. So erreichte Fabio das nahe Meer und trieb einige Tage umher, bis er halbtot vor Hunger und Durst von einem spanischen Schilt, das nach Genua ging, aufgenommen wurde. Doch nach achttägiger Fahrt wurde dieses Schiff von einem Sitirni überrasent, der cs an die Küste von Dalmatien warf. Kurz vor der Landung lief es auf eine Klippe. Die ganze Mannschaft ertrank, nur Fabio, der durch einen Hülincrkiiüg über Wasser gehalten wurde, gewann mit vieler Mühe das Land, Er sank leblos an der Küste nieder, und so wurde er von einer jungen, schönen Witwe namens Lorcta, die an der Küste wohnte, gefunden. Diese Dame ließ ihn in ihr Haus tragen und in ihr eigenes Zimmer bringen, wo sic ihn mit größter Sorgfait pflegte, . Als er envachte, atmete er den Duft von Rosen und Myrten und sah durch das Fenster einen Garten, der stufenweise abfallend bis an das Meer führte. Am Kopfende des Bettes stand Lorcta und entlockte ihrer Viola liebliche Töne. Fabio küßte ihr voll Anerkennung und Entzücken tausendmal die Hände. Er dankte ihr und sagte, cs mache ihn weniger glücklich, daß er dem Leben wiedergegeben, als daß er es einem so schönen Wesen zu verdanken habe. Fr stand auf und erging sich mit ihr in den Garten Nachdem sie sich auf einer Bank unter einem Myrtenstrauch niedergelassen, zog er die junge Lorcta an sich und bezeugte iitr seine Dankbarkeit durch tausend Zärriiciikciten. Er fand sie seinen Empfindungen zugänglich und verbrachte einige Stunden des Entzückens an ihrer Seite; dann wurde er besorgt und fragte seine Wirtin, welchen Monat und welchen Tag sic hätten. Als sic ihm darüber Auskunft gegeben, begann er zu seufzen und zu klagen, denn nur noch v.erundzwanzig Stunden fehlten, bis ein ganzes Jahr *!)gelaufen war, bis zu dem Tage, an dem er die fünfhundert Dukaten von Elieser, dem Juden, erhalten hatte. Der Gedanke, sein Versprechen nicht erfüllen zu können, und seine Bürgschaft dem Tadel des Be• schnittencn auszusetzen, war Ihm unerträglich. Al* Lorcta V

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.