Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1924)
- Date
- 1924-01-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 3 JUHDISCi.גו «amDSCHAU Nr. 1 und in diesem Augenblick in der Oeffcntlichkeit brcltzutreten I Per Onindsdinden in unserer Bewegung, der durch den neuen Skandal wieder so scluucrzlmft zutage getreten ist, liegt in jener Erscheinung, die ich schon vor dem Kongreß in meinem Referat auf dein Dresdener Dclcgiertcntag als die ״Hypertrophie der Politik“ in unserer Organisation bezeichnet habe. Adolf Böhm hat in seinem 'Aufsatz in der vorletzten Nummer dieses Blattes von anderen Ausgangspunkten her auf diesen ״organischen Fehler“ unserer Organisation aufmerksam gemacht. Nieinand konnte den Wiedereintritt Dr. Solowcitschiks in die Exekutive trotz seiner früheren Meinungsverschiedenheit mit Dr. Weizmann anders verstehen, als daß er die für jede außenpolitische Arbeit einfach unerläßliche Vor- Aussetzung der Einheitlichkeit der Aktionen achten und nur die Aufgaben in den Bereich seiner Tätigkeit ziehen wolle, die brennender sind als die Politik: die organisatorischen. Und dies nicht nur aus dem Grunde, weil für diese Arbeit ein anderes Mitglied der verkleinerten Exekutive gar nicht zur Vertilgung stand, wildern weil die orgaulsiercntle Arbeit, die mit der finanzierenden Heute sich ja vielfach deckt, auch an sich im gegenwärtigen Zeitpunkt wichtiger ist als die Politik. Nichts ist aber in dieser Beziehung geschehen. Der unter Lichtheims Leitung auch nicht sehr feste Kontakt der Zentrale mit den Landesverbänden ist seit dem Kongreß so gut wie völlig verlorcn gegangen. Man kann nicht c i u Unternehmen auf orgnnisatorischeni Gebiet auführen, durch das seit dem Kongreß die Exekutive den Anschluß an die Zionisten wieder gesucht oder gefunden hätte. Herr Dr. Soloweitschik ist wieder der Verführung zum Politisieren unterlegen, obwohl er wissen und sich sagen mußte, daß bei der Mcinungsdivergenz zwischen ilun und Dr. Weiz* mann Konflikte unvermeidlich sein müssen. Wir sind fest davon .überzeugt, daß die Entstellung dieser Konflikte nicht allein auf sachliche Gründe zuriickmiührai ist, sondern auebauf die aus den sachlichen Anscliaumigsdiffcreiizcn entstandenen gegenseitigen psychologischen Stimmungen oder Verstimmungen. Herr Dr. Solowcitschik hat, nachdem er sich neuerlich trotz der alten Kontroversen lut in die Exekutive wählen lassen, eine außerordentliche Chance gehabt. Er hätte beweisen können, daß er seine persönlichen politischen Anscliauungen dem höheren zionistischen Interesse des ungestörten Fortgangs der zionistischen Arbeit in Palästina und in der Diaspora unterzuordnen vermag. Wenn er diesen sonst völlig unverständlichen Schritt seines Wiedereintritts in die Exekutive getan hat, so hätte er sogar mit einem sacrificiutn intellccti sich in die neue Leitung einordnen müssen. Das haben bei größeren politischen Anschauungsunterschiedcn vor ihm viele andere Politiker getan, besonders in der Zeit des Krieges, in der sich auch die entgegengesetztesten politischen Richtungen zu gemcinsaiuor »Arbeit verbündeten. Und cs ist ja kein 6c-• ׳heimnis, daß wir noch immer in einem Zustand des Krieges sind, der die gemeinsame Abwehr und ge* schlosscnc Kraftanstrengung der geeinten zionistischen Organisation stets von neuem erfordert. Ein Korrelat jener Hypertrophie der Politik in unscren Reihen, de nur der Ausdruck einer mangelnden po!itischen Schußlig und des fehlenden politischen Instinktes ist, ist die völige Verkennung des Wesens der politischen Kritik. Vielleicht hat die Jahrtausende lange ausschließliehe Beschäftigung unseres ״Volkes des Buches“ mit unserer Literatur dazu geführt, daß eine Identifizierung zwischen politischer und literarischer Kritik besteht. Fiier liegt jedoch sein fundamentaler Unterschied. Man könnte mit Recht jemanden ironisieren, der gegen einen literarischen Rczeisenten cinwcnden würde, er habe Unrecht, denn er seist habe nicht gezeigt, wie es besser zu machen sei. Niemand aber kann politische Kritik üben, ohne gleichzeitig siel» erbuiig zu machen, C3 nicht nur besser zu wissen, sondern and» besser 2» machen, Und es ist ein Unikum in der Politik, daß irgendeine, auch die kleinste Gruppe, die Kritik übt, gleichzeitig davor zurückschreckt, durch Uehernahme def Macht zu zeigen, wie sie die Politik treiben würde. Das bedeutet nichts' anderes als eine völlige politische Bankrotterklärung. Dieses Unikum mußten wir auf dein lebten Kongreß erleben. Die demokratische Gruppe, der Dr, Soloweit* schik ja nugeliört, hat zwar den Versuch gemacht, unter Berücksichtigung der Parteivcrhältnisse auf dem Kon* grell, die eigentlich eine Majorität gegen Welzmann er* gaben, eine Gegenliste aufzustellcn. Dieser Versuch ist kläglich gescheitert. Er mußte vor allem daran scheitern (auch wenn er formell auf dem Kongreß zustande ge* kommen wäre), daß man vor allem nicht für die Spitze der neuen Regierung einen Vertreter der demokratischen Gruppe nominieren konnte. Nachdem der Kongreß nun trotz seiner Zusammensetzung angesichts dieser Situ* a.tion Weizniann ungeachtet dessen heftigen Wider* Standes geradezu gezwungen hat, wieder die Leitung zu übernehmen, hat er und vor allem die Opposition mit diesem Eingeständnis der Ohnmacht sich die Hände gebunden. Die demokratische Gruppe hat das Recht auf Kritik verloren. Diese ist soiangc unfruchtbar und nutzlos, solange sie nicht zeigen kann, daß und wie sic es besser machen will. Jede Kritik bleibt dann eben nur Literatur oder Pressegezänk. Und dafür unsere Kräfte zu verbrauchen, ist eine Versündigung, die man nur mit Schmerz und Trauer konstatieren kann. Ueber die persönliche Frage Weizniann ist in der letzten Zeit ja schon oft genug geschrieben und gesprachen worden. Audi seine treuesten Anhänger kennen seine Fehler tmd versuchen nicht, sie zu beschönigen. Sein Hauptfehler ist der, wenn dies einmal offen gesagt werden darf, daß ihm, der ln sich eine so wunderbare Fülle der hervorragendsten Eigenschaften vereinigt und damit so erstaunlich stark auf andere Maischen zu wir* ken weiß, eine Kraft abgeht, die man als die gemein* schaftsbiidendc bezeichnen kann. Er teilt diese Schwäche mit vielen anderen großen Persönlichkeiten, z. B. mit Herz!, der ebenfalls ganz selbständig und ohne auch nur seinem engsten Freundeskreis Mitteilung zu machen, die wichtigsten politischen Schritte unternahm. Und man erinnert sich noch an dCn Kampf gegen die ״Autokratie“ Wolffsohns. Weizniann ist leider nur Staatsmann und nicht Parteiführer. Wäre er das und hätte er sich der Aufgabe unterzogen, sich vor dem Kongreß auf eint Partei zu stützen, die er hätte schaffen und führen müssen; wäre schon vor dem Kongreß der Kampf pro und contra Weizniann geführt worden, 60 wäre das Stimmenverhältnis anders gewesen, Politik ist aber nun nicht nur Ideologie, Rondern auch Realismus, Und der realistische Politiker nmß mit der Person Welzmanns als mit einer Gegebenheit, wie sie nun einmal ist, rechnen. Er kann sie zur Leitung berufen oder nicht. Tut er das, so hat er kein Recht, sicli später über Dinge zu beklagen, die er selbst klar voraussehen mußte, die er also von vornherein sanktioniert hat. «Zum Schluß noch ein Wort zur Frage der Demo* kratie. Weiß Dr. Solowcitschik nichts von der staatsrechtlichen Institution, die Indemnität heißt, durch die sich ein verantwortlicher Leiter die nachträgliche Zu* Stimmung hei Ucberschrcitung seines Auftrages sichert? Warum hat er nicht wenigstens soiangc gewartet, bis das zuständige Kontrollorgan, das Aktions-Komitee, Herrn Dr. Weizmann die Indemnität versagt und damit die Nichteinhaltung des A. C,*Bcschlusses, die Dr. Weizmann offenbar nach seinem besten Wissen und Gewissen auf sich nahm und verantworten wird, sühnt? Und weiß Herr Dr. Solowcitschik nichts davon, daß insbesondere ln der Außenpolitik die clausula rebus. sie stantibus gilt, zu deutsch, daß außenpolitische Resolutionen freibleibend sind? Und ist ilun unbekannt, daß in einer Zeit, in der in Deutschland die Regierung ein Ermächtigungsgesetz mit diktatorischen Vollmachten erhält, in Italien Herr Mussolini eine zwar verantwortungslose, damit aber noch nicht unglückliche Außenpolitik macht, in Oesterreich der Kanzler gegen das Parlament, aber gestützt auf den Völkcrbundskomniisrtir regiert, während in den meisten andern Staaten jede Minorität durch die gutgeölte Ab* stimmungsmaschlncrie niedergestimmt wird, Dr. Welz* mann den Anspruch erheben kann, zumindest ln der Außenpolitik mit der gleichen Souveränität Vorgehen zu können, wie etwa die Herren Poincarö• oder Benesch. Man möge uns erst den Beweis erbringen, wie Außenpolitik andörs gemacht werden kann. Und das sei allen ״oppositionell“ gestimmten Zionisten gesagt: es muß und es wird dafür gesorgt werden, daß in der zionistischcn Bewegung nicht mehr die prinzipientreue Phrase, sondern die * Le i s tu n g entscheidet. Es ist kein Zweifel, daß die weitaus überwiegende Mehrheit der deutschen Zionisten auf der Seite desjenigen stehen wird, der in der Leistung das entscheidende Kriterium für den falschen oder richtigen Zionismus sieht. * Siegmund Kaznelton. ״Times“ über das Palästina Mandat In den ״Times" vom 24. Dezember gibt deren Jerusalemer Korrespondent einen längeren Bericht über die Lage ln Palästlna, von der er glaubt, daß sie mm allmählich in ein ruhiges Stadium übergehe. Die Tatsache, daß bei den Wahlen ln England weder die Kandidaten noch die Wähler sich irgendwie mit der Palästina-Frage beschäftigt hatten, zeigt deutlich, daß das britische Mandat in Palästina als fait accompli angesehen wird und daß die arabische Agitation ln der britischen Presse und bei der britischen Diplomatie nichts erreicht, sondern viel eher die ara bi* sehen Bestrebungen in Mißkredit gebracht haben. — Die offizielle Bekanntgabe des rein britischen Advisory Council tut das auch nachdrücklich kund. Wie die Araber wohl, dnsehen müssen, würde nun, nach ihren wiederholten Weigerungen, an dem Aufbau einer mehr repräsentativen Regierung mitzutun, jeder Protest ihrerseits nur lächerlich wirken. Die Empfindungen des Durchschnittspalästi* nensers, der zu sehr mit seinen privaten Angelegenheiten beschäftigt ist, als daß er auch nur versuchen würde, die feinen Unterschiede politischen Rechts und Unrechts zu begreifen, kommen in seiner von einem Achselzucken begleiteten Frage ziun Ausdruck: ״Warum hat Britannien das nicht vor dreieinhalb Jahren getan, um so die übertriebenen jüdisehen Hoffnungen und die schlimmen arabischen Befürchtungen zu zerstreuen?" Von den weniger mit politischer Phantasie Begabten unter der Bevölkerung war wohl erwartet worden, daß Palästina die Verwaltung einer Art Kronkolonie erhalten würde, dann aber kamen die arabischen Ansprüche auf eine Vertretung in der Regierung als eine Folge der wirk* liehen oder eingebildeten ״Zionlsicrung" der britischen Re-'1 gicrung. Doch die frülicrcn Hoffnungen der Palästinenser auf eine rein arabische Regierung fanden wiederum Ihren Ausdruck, als vor etwa einem Jahr die Möglichkeit einer Herrschaft von Hedjas am Horizont auftauchte. Die viel minder wichtigen Fragen, z. B. die Gegnerschaft der verschiedenen arabischen Stadtverwaltungen gegen die ״Jüdische Elektrifizierun g", die Aufregung über die Gerüchte von der Abdankung Sir Herbert Samuels, die neue nationale arabische Partei, die fieberhafte Tätigkeit der Führer der allen arabischen Partei, verlieren, so auf* fällig dies alles in Erscheinung tritt, mit dom Aultauchen größerer Faktoren ihren scheinbar lebenswichtigen Charakter. Die Araber sehen allmählich ein, daß ein Wechsel de* Oberkommissars eher schlimmer als besser für sie aus* fallen würde, denn-es Ist anzunchmcn, daß ein nicht* jüdischer Oberkommissar weniger nachsich* t1S gegenüber den arabischen antijiklischen Auslassungen wärt r,"lH'»lHW — in״■ —gn^l—■ •mm . Mil I 1,1111 "1 II —— ״Die Bürgschaft“ Von Anatole France 1Wj entnehmen die folgende Novelle des großen franzöischcn Prosaisten seinem wundervollen Novcl'enbände],Der Brunnen von Santa Clara" (Musarionprlag, München), da wir bei unsern Lesern für die tiefe jnd stille Ironie dieses kleinen Gegenstücks zu Shakcfcarcs großem ״Kaufmann von Venedig“ auf iVcrstälidnis rechnen können. Von alli Kaiiflcuten Venedigs hielt keiner seine Verträge so getreu vw Fabio Mutlnclli. Er zeigte sich bei jeder Gelcgcnhcit frai'cbi״ und großmütig, besonders gegen Frauen und Gcistlkl•. Die schliditc Redlichkeit seiner Sitten warej in der ganzen lepublik gerühmt Zu San Zanrpolo bewunderte man einen litldeiicn Altar, den er aus Liebe zur schönen Katherina Mmini, der Frau de» Senators Alcsso Gornaro, der heiliget( Katherina gestiftet hatte. Da er sehr reich war, besaß jr viele Freunde, denen er Feste gab und durch seine Börse« verpflichtete. Doch i!n Kriege mit Genua und bei den Umjlicn in Neapel erlitt er große Verluste. Auch geschall cs, dal dreißig seiner Schiffe entweder von den Uskoken abgefangen jvurden oder auf dem Meer zugrunde gegangen warnt Def Papst, dem er große Summen Geldes geliehen hatte, weigiic sich, etwas davon zurückzuzahlen. So wurde der reiche Jabio in kurzer Zeit aller seiner Reichtümer beraubt Nrufdem er seinen Palast und sein Tafclgcrät verkauft hattet um seine Schulden zu bezahlen, sah er sich von allem cntllißt Doch geschickt und mutig, in Handels- RC'.diiiften״.ihr erfahren und in der Vollkraft der fahre, dachte er |uan, sein Geschäft wieder zu heben. 'Er »tollte im Kopf viele[ Rechnungen auf und schätzte, daß er fünfhundert Dukaten hauchte, um wieder das Meer zu befahren und cs mit neuen'Unternehmungen versuchen zu können, von denen er sich efen günstigen und sicheren Erfolg versprach. Er bat den fkrrn Alcsso Bontura, der der reichste Bürger der Republik Har, ihm diese fünfhundert Dukaten leihen zu ' wollen. Aper dieser gute Herr wußte zu genau, daß, wenn auch WagcmutiRcichtümer schafft, doch nur Voreicht sic erhält und weigerte pch, eine so große Summe den Gefahren des Mceics und den!Launen des Glückes preiszugeben. Darauf wandte sich Fab|> an Herrn Andrea Moraslm, den er sich ehemals auf alle äögiiehe Weise verpflichtet hatte. ״Teikrstcr Fabio,“ antwortete Andrea, ״anderen als Euch würde in diese Summe gern leihen. Ich hänge nicht am Golde und halte mich in diesem Punkte an die Lehren des Satirikers Haratius. Doch Eure Freundschaft ist mir teuer, Fabio Muliiidli, und wenn ich Euch das Geld leihe, würde ich Gefahr laufen, sie zu verlieren. Denn der Handel des Herzens fährt meistens schlecht zwischen Schuldner und Gläubiger. Ich habe schon zu viele Beispiele davon gesehen." Nach diesen Worten tat er, als wolle er den Kaufmann zärtlich umarmen tmd schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Am nächsten Tage ging Fabio zu den lombardischen und fiorentinischen Bankiers. Aber keiner verstand sich dazu, ihm auch nur zwanzig Dukaten ohne Bürgschaft zu leihen. Er lief den ganzen Tag von einem Kontor zu dem andern. Ucberall erhielt er die Antwort: ״Herr Fabio, wir kennen Euch als den rechtschaffensten Kaufmann der Stadt, cs tut uns ungemein leid, Euren Wünschen nicht willfahren zu können. Aber eine gute Geschäftsführung erfordert das.“ Als er am Abend nach Hause fuhr, bängte sielt die Kurtisane Zanetta, die im Kanal badete, an seine Gondel und blickte ihn liebevoll an. Zur Zeit seines Reichtums hafte er sie eines Nachts mit in seinen Palast genommen und hatte sic freundlich behandelt, denn er war heiteren und gütigen Gemütes. ״Gütiger Herr Fabio “ sagte sic zu ihm, ״Ich kenne Euer Unglück; die ganze Stadt spricht davon, höret mich an, ich bin nicht reich, aber ich habe eine kleine Kassette Juwelen. Wenn Ihr diese von Eurer Dienerin anuchmcn wollt, gütiger Fabio, so werde ich glauben, daß mich Gott und dje Jungfrau Maria lieben." Sie halte die Wahrheit gesprochen. Zanetta war trotz ihrer Jugend und blühenden Schönheit arm. Fabio atwortete Ihr: , Liebenswürdige Zanetta, in dem Kämmerchen, in dem Du hausest, herrscht mehr Großmut als in allen Palästen Venedigs.“ Noch drei Tage lang besuchte Fabio die Banken und Bankgeschäfte, ohne jemanden zu finden, der ihm hätte Oe Id leihen wollen. Ucberall erhielt er häßliche Antworten, hörte Reden wie; ״Ihr tatet Unrecht, Euer Tafelgcriit zu verkaufen, um Eure Schulden zu bezahlen. Mau leiht einem verschuldeten Manne, aber keinem, der keine Möbel und kein Silber mehr besitzt.“ Am fünften Tage drang er in seiner Verzweiflung bis zur Corte dclie Caili, dem Ghetto, also dem Judenviertel vor. ״Wer weiß," sagte er ״vielleicht erhalte ich von einem Beschnittenen, was mir die Christen verweigert haben.“ Er ging also durch die Straßen San GieremU und San Oirolamo in einen engen, übelriechenden Kanal, dessen Eingang jede Nacht auf Befehl des Senats durch Ketten abgcsperrt wurde, Und während er erwog, an welchen Wucherer er sich zuerst wenden sollte, erinnerte er sich, von einem Israeliten namens Dieser, Sohn des Dieser Maimonides, der sehr reich und wunderbar klug sein sollte, gehört zu haben. Nachdem er sieh nach dem I lause dieses Juden Elieser erkündigt, ließ er seine Gondel dort halten. Ueber der Tür war ein Abbild des sicbcnnrimgcn Leuchters angebracht, das der Beschnittene sich hatte anfertigen lassen als ein Hon* nungszeichcn im Hinblick auf die Tage, da der Tempel, wie verkündet, neu aus der Asche erstehen würde. Der Kaufmann trat in einen Saal, der durch eine Kupferlampe mit zwölf brennenden Dochten erleuchtet war. Der Jude Elieser snß vor seiner Wage. Die Fenster seines Hauses waren vermauert, weil er ungläubig war. Fabio Mulinclli redete ihn also an: ״Elieser, icii habe Dich oft wie einen Hund und wie einen abtrünnigen Heiden behandelt Es hat sich zugetragen, daß ich, als len jünger war und noch den ganzen Uebermut der Jugend besaß, Schmutz und Steine auf die Leute wart, die mit dem auf der Schulter eingenähten gelben Zeichen am Kanal entlang gingen, 80 daß len wohl einen der Deinen oder Dich selbst getroffen haben mag. Ich sage Dir das nicht, um Dich zu beleidigen, sondern aus Ehrlichkeit in dem Augenblicke, du Ich mit einer Bitte zu Dir komme." Der Jude erhob seinen Arm gen I Ikntncl, der hager und knorrig wie ein Rebstock war: ״Fabio Mutlnclli, der Vater im Himmel wird uns beide richten. Um weichen Dienst willst Du mich bitten?“ ״Leihe mir fünfhundert Dukaten auf ein Jahr!“ ״Man leiht nicht ohne Bürgschaft das haben Dir 1w«lfellos die Deinen schon gesagt. Was Ist Deine Bürgschaft?* ״Du mußt wissen. Elieser, daß mir nichts inehr geblieben ist, kein Denar, keine goldene Tasse, kern silberner Becher. Es ist mir auch kein f reund mehr geblieben. Alle haben sich geweigert, mir den Dienst zu leisten, um den ich Dich bitte. Ich Habe nichts mehr auf der Welt als meine Kaufmannsehre und meinen christlichen Glauben. Ich biete Dir als Bürgschaft die heilige Jungfrau Maria und ihre« , göttlichen Sonn."