Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 100-101 (30.11.1923)
- Date
- 1923-11-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 100/101______^ Hundscbau Eine konkrete Lösung — Die Hilfsaktionen für deutsche Juden RW׳. Berlin, 28. November. Die Parole, die Adolf Bö 11 in im Anschluß an Ruppin In unserer heutigen Nummer ausgibt, ist wert, zur allgemeinen Richtschnur der zionistischen Arbeit der nächsten Zeit gemacht 7u werden. Nach dem Tasten der letzten Jahre ist hier endlich fester Boden, auf den inan treten kann, Die Keren Majcssod-Ar'ucit hat vor drei Jahren mit einem allzu proflen und allzu unbestimmten Programm eingesetzt; das mußte so sein, weil man sich aul keine Erfahrung stützen konnte und weil die ganze Konzeption mehr der Phantasie entsprungen war als der realen Wirklichkeit. Heute ist das ,imkrs. Wir haben einerseits die Ucbcrsieht gewonnen, was bei entsprechender Anstrengung für den Keren Hajcssod aus dem jüdischen Volk hcrvoigeholt werden kann, andererseits wissen wir heute, was in Palästina geschaffen werden muß, damit das Land zur Aufnahme und dauernden Beschäftigung einer größeren Zahl von Einwanderern fähig wird. Auch die Krisen der letzten Jahre hatten ihre heilsame Wirkung. Sie hnlien dam geführt, die nicht unbedingt zur Produktivierung des Landes erforderlichen Ausgaben ciuzuschränkcu, und sie haben unerbittlich unsere Phantasicgebüde zur Wirklichkcit zuriickgczwmigen. l>er Aufsatz von Adolf ßöhtn zeigt auch den Weg, der bei Verwendung der OeIder zweckmäßig bcschiitten werden muß, tun für die Einwanderer Beschäftigung?11 schaffen. Allerdings geht das ganze System von einer wichtigen Voraussetzung aus, nämlich von der Voraussetzung, daß der Keren Hajcssod D/j Millionen Pfund jährlich aufztihringen vermag. Wir glauben hei nüchternster Erwägung, daß diese Summe nichts Unmögliches darstcllt Wenn wir schon in den ersten Jahren, ehe noch die Organisation des Keren Hajcssod ausgebaut und die Methode der Ein- Ziehung erprobt war, etwa eine halbe Million jährlich eingenommen haben, so muß es möglich sein, diesen Betrag zu verdreifachen; denn bisher wurde die Finanzkraft der europäischen Judenheit fast gar nicht ausgenützt, die amerikanischcn Sammlungen ergehen noch immer einen Bruchteil dessen, was das Joint Distribution Committee aufgebracht hat, und die Versuche, durch die Erweiterung der Jewish Agency die ganze Aktion auf eine breitere Basis zu stellen, eröffnen auch die Hoffnung, daß es gelingen wird, neue materielle Quellen zu erschließen. Wir glauben, daß «s um so leichter möglich sein wird, neue Menschen für die Idee des Aufbaus der jüdischen Heimstätte zu gewinnen, je konkreier und klarer man ihnen ein Ziel zeigen kann, das einen sichtbaren Erfolg in jeder Hinsicht bedeuten würde. Dreißig• tausend Einwanderer in einem Jahr, die dem Wirtschaftsleben des Landes reibungslos ciugeglicdcrt werden und die Produktivkraft des Landes im Interesse aller seiner Bewohner und auch der nachfolgenden Einwanderer um ein vielfaches erhöhen, das ist ein Ziel, an dem jeder Jude, auch ohne Zionist zu sein, miizuarbcilen bereit sein m\1ß. Wir schliclkn uns daher dem Vorschlag Böhms, die Parole Ruppins zu popularisieren und zum Kern der ganzen Keren Hajcssod- Kampagne zu machen, wärmstens an. ... ׳ - :• •י י׳ >- ■ *#e Die Vorgänge in Deutschland haben, soweit wir nach den Pressemeldungen übersehen können, im Ausland lebhaftes Interesse und Befremden hervorgerufen. Bei der Stellung, die das deutsche Judentum stets im Gesamtjudentum behauptet hat, darf es uns nicht wundern, daß die Nachricht von der bedrängten Lage der deutschen Juden, insbesondere die Juden,־!usWeisungen aus Bayern und die Ausschreitungen in der Berliner Grenadierstraße, auf die Juden der ganzen Welt den stärksten Eindruck gemacht hat. In den großen Körperschaffen der westlichen Juden, im amerikanisch-jüdischen Kongreß, sowie im Londoner Joint Foreign Committee hat man sich eingehend mit der Frage beschäftigt, wie die ausländischen Juden ihren Brüdern in Deutschland helfen können. Eine seltsame Lage wahrlich für die deutschen Juden, die niemals Hilfe von auswärts gebraucht haben und selbst stets zur Hand waren, wenn es galt, den russischen Brüdern zu helfen. Lange schon ist nicht mehr Rußland das klassische Land der Judenverfolgungen, sondern in der letzten Zeit rückte Ungarn an den ersten Platz und nun macht Deutsch- Bilder aus einem Jerusalemer Kindergarten Von Dina Clcmentine Mayer. HL De Profundls. Eine der bemitleidenswertesten Gestalten unter den vielen armen Kleinen unseres Gan ist Rahcl ha Maarabit (Mjarabim sind Juden aus Marokko). Sie ist vier Jahre alt, klein und schmächtig. Ihre Kleider sind immer schmutzig und zerrissen und sind immer zu weit oder zu c!1g für ihre Gestalt, ein Zeichen, daß sie erst in Ralrels Besitz kamen, als sic anderswo schon ihren Zweck erfüllt und ausgedient hatten. Im Winter kommt sic beim heftigsten Regenguß ohne Schuhe und Strümpfe in den Gan. Sie ist immer hungrig und beeilt sich, ak Erste am Tisch zu sitzen, wenn das Mittagessen bereit ist. Aber aller Armut und Dürftigkeit zum Trotz strahlen die großen schwarzen Augen Rahcls voller Leben und Intelligenz, und sie schaut auf ihre Umwelt mit einer Aufmerksamkeit und einem Verständnis, das bei diesem Alter überraschend wirkt. Bei jeder Tätigkeit zeigt sie Energie und Ausdauer; sie ist entschieden das charaktervollste und eigensinnigste Kind der Klasse. Ihre größte Freude sind die ״Tittlim“ (Spaziergänge). Bei gutem Wetter, bei regenlosen Tagen im Winter und den weniger heißen im Sommer, verlassen wir auf einige Süuidcn den Kindergarten, der nur dem Namen nach ״Garten" heißt, aber in Wirklichkeit nur ein Haus ist ohne Spielplatz, ohne Grün und ohne Bäume, und wir gehen spazieren. Diese Spaziergänge beschränken sich aber nur auf das Gebiet innerhalb der Stadtmauer; es ist unmöglich, sich mit den Kleinen in das Straßengetriebe der äußeren Stadt zu wagen. Und 80 besuchen wir nur die nähere Umgebung. Wir gehen zur Klagemaucr, zum Löwentor, zum ״Deutschen Platz“, und von Zeit zu Zeit in den Garten des armenischen Klosters auf dem Zionsberg, dessen Tore uns ein freundlicher Pater öffnet. Von solchen Tiulim kehrt Rahe! glückstrahlend zurück, mit roten Wangen und Augen, die tief ihre innere Freude widerstrahlen, und dann setzt sie sich hin und malt ,/den Tiul“. Sie bedeckt ein große» Blatt Papier mit roten, blauen, grünen und gelben KJEDISCHE RUNDSCHAU גסססססססיסדססהסס׳נ, ■מ׳ססס■ l Berliner Zionistische Vereinigung l 2 Sonnabend, den 1. Dezember, abend* 8•/! Uhr, Im 1 I Oberllchlicoi der Philharmonie, Bernburger Str, גג• ¥ § Vortrag von Br« Sclunarjahu Levin s Q | ״eieGFürJ35Gd.z!0ßis1.1]״i13ümP01i1i’1" 8 (J 0 1% Karlen zum i’reUe von Goldnrork 1,50, 1,—, 0,60 und 0,50 Z I zuzflglldi 10°/« für den N.-F. an der Abendkattc erhallllch. T aooooo000000000000009!.1ml beinahe Ungarn diesen Ran״ streitig. Diese Tatsache ist eine so gr.msanic und eindrucksvolle Lehre der Oeschichte, daß die Juden vier ganzen Welt darin mehr sehen sollten als eine augenblickliche Notlage eines jüdischen Volksspliücrs. Es ist vielmehr ein Beweis, wie aciir alle unsere Positionen im Galuth auf Sand gebaut sind und wechselnden Schicksalen unterliegen. Die Judenfragc besteht, es hat keinen Zweck, sic zu leugnen. Auch in westlichen l.ämlcm, deren Juden heute den Antisemitismus nicht so spüren wie in Ost- und Mitteleuropa, kann einmal eine andere Wendung kommen. Die einzige Konsequenz, die sieh daraus ergibt, ist die Erkenntnis, daß die Judenfragc nur als Ganzes radikal gelost werden kaum Und cs gibt bis heute nur eine wirklieh universale Konzeption einer Lösung, den Zionismus. Abgesehen von der Judcmiot in Deutschland hat auch die allgemeine wirtschaftliche Notlage Deutschland* unsere jüdischen Brüder in den meisten Ländern veranlaßt, spezielle Hilfsaktionen Wir die deutschen Juden einzulciten. In Warschau und Wien, in der Schweiz und in Amerika werden große Sammlungen von Geld- und Lebensmitteln veranstaltet, die jüdischen Zeitungen veröffentlichen große Aufrufe für die notleidenden Juden in Deutschland. Wir sind den ausländischen Juden für diesen Beweis ihrer Solidarität und Hilfsbereitschaft dankbar, können aber nicht die Bcrnvktmg unterdrücken, daß es heute in Deutschland zwar viel jüdischcs Elend — sowie überhaupt viel Elend ■— gibt, daß aber bei weitem nicht alle deutschen Juden Not leiden, daß vielmehr ein großer Teil der deutschen Juden in der Lage wäre, den Annen im eigenen Lande noch reichlich von seinem Uehcrfluß abzugeben. Wir hoffen, daß die ausländischen Hilfsaktionen auf diesen Teil der deutschen Judenschaft etwas beschämend wirken «׳erden und daß sic selbst gleichfalls nichts unterlassen werden, um ihrer Pflidit, das Elend darbender Brüder zu lindern, zu genügen. Wir fürchten, daß durch diese großzügige philanthropische Hilfe des Auslarnls auf die deutschen Juden eine demoralisierende Wirkung ausgehen könnte, wie sie zweifellos unmittelbar nach dem Kriege in manchen Landern Europas zu merken war; Man appelliert an den reichen Vetter in Amerika, statt aus eigener Kraft die selbstverständlich« Pflicht aozäakr Arbeit zu üben; man fühlt sich durch die plilfc von auswärts der eigenen Initiative ledig, gewöhnt sich an eine Art Sdinorrertinn, bis man schließlich selbst nicht mehr an die eigene Kraft glaubt Es wäre tragisch, wenn das deutsche Judentum diesem Zustand verfiele; das wäre ein zu teurer Preis, der für die freundlich gemeinten Geschenke des Auslands gezahlt werden muß te. polen Eine Jildlsclie Volksuniversiüit In Warschau In Warschau wurde die Gründung einer jüdischen Volks- Universität beschlossen, in der gelehrt weiden sollen: Jüdische, hebräische und allgemeine Literatur, Geschichte der Ziviiisntiou, jüdische Geschichte, Naturgeschichte, Volksmedizin und Hygiene, Geschichte der Philosophie und der Sozialwisscnschatten. Als Lehrkräfte wurden gewonnen: Professor Balabnn, Dr. Bychowski, Abg. Grünbaum, Dr. Gottlieb, Dr. N, Davidsühn, Josef lldftmann, Abg, Dr. Tlion, Dr. O. Lewin, E Lewin, Frau Dr. Esther Mangel, Abg. Frostig, M. J. Freud und Abg. Dr. Schipper, Die Eröffnung dieser Volksunivcrsität soll demnächst stattfinden. ____Seile 587 Orthodoxe Ausschreitungen In Warschau Unglaublicher Vandalismus von Juden gegen Juden. In Warschau haben sich Ereignisse abgespielt, die in der Geschichte beispiellos dastehen dürften. Am Sonntag, den 25. November hielten orthodoxe jüdisch« Kreise eine Versammlung im Hofe des Geh,indes der Warschauer jüdischen Gemeinde ab, um gegen den geplanten Bau des jüdischen Akadeniikcrheims in der Nähe der Synagoge zu protestieren. Unter den Versammelten befanden sich zahlreiche Schüler der Jcschibah und der Talmud• Thorah. Unter dem Fanatismus der Redner gerieten die Versammlung!- tcilnchmer in immer größere Erregung. Zum Schlüsse stürmte die anwesende Jugend da» Gebäude der j ü dischen Gemeinde, schnitt die Tel!phonlcitung durch und demolierte die gesamte B ü r o e i n r i c h t u u g. Die Akten wurden zerrissen, die Bücher der Ocmciiulcbibliofhck durclieinaiulcrgcworfcii und nun Teil vernichtet, die Schreibntascliincn zertrümmert, die an den Wänden hangenden Portraits der verstorbenen Gemeindepräsidenten wurden herabgeholt und zerfetzt. Der im Ocluude anwesende grtisp Piäsident der Gemeinde Drolimann wurde brutal mißhandelt, ebenso die anderen im Gebäude anwesenden Vorstandsmitglieder und (iemeimiebeamtcii, Eine erschienene Polircipatroille stellte die Ordnung her. Der Vorfall hat unter der jüdischen Bevölkerung Warschau» ungeheure Aufregung hervorgerufen. Die jüdischcn IX'pnticrtcn besuchten das Gemeinde Taus, um dein Vorstand das Mitgefühl auszusprechen. Die demonstrierende Menge hatte sich aller auch nach den! Einschreiten der Polizei nicht beruhigt. Die Vorstandsmitglicder wurden auf dem Nachhauseweg aufs neue überfallen und der Präsident der Gemeinde, Herr Brogmann attakiert und beschimpft. Die Zahl der Verletzten ist noch gar nicht festzustellcn. Es ist tief bedauerlich, daß Juden sich zu derartigen Ausschreitungen hinreißen lassen, die beinahe einen antisemitischen Pogrom in den Schatten stellen. Die Führer der Orthodoxie können sich zu den Erfolgen ihrer Hetze gratuliefen. Die jüdische Oeffentlichkeit muß aber die Schuldigen zur Verantwortung ziehen. Nicht in dieser Weise werden geistige Kämpfe unter Juden ausgetragen. Der Nomerns elansus in Warschau Warschau. (J. C. D.) Nunmehr Ist auch der Numerus clausus an der Warschauer Universität nicht nur de facto, sondern auch offiziell ciitgeführt. Schon bisher be* standen Beschränkungen in der Aufnahme jüdischer Hörer, doch kam das In keiner irgendwie offiziellen Form zum Ausdruck. Ar!läßlich der jclzigcn Inskriptionen wird alx!r schon den nicht angenommenen Aspiranten offen der Numerus clausus als Grund der Ablehnung angegeben. Die Bekanntmachungslisie der tierärztlichen Fakultät in Warschau zählt «ine Reihe nicht angenommener jüdischer Studenten auf und führt als Grund die Notwendigkeit, eine Prozentnorm einzuhalten, an. Einige Kandidaten erhielten auf Ihr Aufnahmegesucl* einen ablehnenden Bescheid ins Haus geschickt, in welchem al* Ablehnimg&bcscheld der Numerus dausus angeführt wurde.- Die Vorgänge an der Grazer Universität Wien. (J. T. A.) lin Anschluß an eine Auseinander- Setzung zwischen dem Privatdozenten Dr. Dccrinis und den jüdischen Studenten hat die Grazer Studentenkammer be• schlossen, alle jüdischen Studenten von den Hochschulen fernzuhaltcn. Am 19. November waren die Eingänge zu de« Hochschulen durch deutsche Studenten besetzt, die die jü• dischen Studenten nicht einlassen wollten. Daraufhin he— schwerten sich die Studenten beim Rektorat. Das Rektorat griff nicht ein, sondern beschränkte sich darauf, zu erklären, daß die Angelegenheit untersucht werden wird. Am Abend desselben Tages kam es auf dem Bismarckplatz zu einem Zusammenstoß zwischen deutschvölkischen und jüdischen Studenten. Die Polizei schritt ein und säuberte den Platz. Die Warschauer Jüdische Gemeinde hat beschlossen, ein öffentliches Komitee zu gründen, welches die Aufgabe erhalten soll, den notleidenden polnischen Juden in ganz Deutschland Hilfe zu bringen. Farben. Und als Ich sie das erstemal fragte: ״Ma 86?“ erwiderte eie: ha tiul 11“ Der ganze Eindruck, den sie draußen empfängt, verdichtet sich bei ihr zu einer Symphonie von Farben, und sic ist bemüht, dies mit ihren primitiven Mitteln zum Ausdruck zu bringen. Als ich ihr Haut» besuchte, wunde mir klar, warum der Spaziergang einen so gewaltigen Eindruck auf sic machte. Sie wohnt in einem Kellerloch ohne Fenster. Den ganzen Tag!missen diese Armen ein Oellämpchen brennen, denn kein Sonnenstrahl dringt in dieses Heim des Elends. Als meine Augen sich an das Dunkel und meine Lunge sich an die erstickende Luft gewöhnt hatten, sah ich auf dem Boden kauernd eine noch junge Frau mit zwei Säuglingen, und in einer Ecke auf einem Haufen Lumpen einen vielleicht siebzigjährigen kranken Mann, die Eltern Rahcls. Mordcchai, der Schuhflicker, hatte auch früher seine Familie dürftig genug ernährt, aber jetzt Ist «r arbeitsunfähig und die Mutter geht betteln. Ich wunderte ־ mich in meinem Herzen, wie aus diesem Schmutz eine so liebliche kleine Blume erwachsen konnte, mit dem Durst nach Licht und Schönheit in ilircr Seele, und cs wurde mir das Glück verständlich, das der kleinen Rahel unsere Spaziergänge bereiteten. Rahcl hangt an mir und begleitet mich Im Gan auf Schritt und Tritt, Und in ihrem Kopf entstand der Gedanke, mich nach Hause zu begleiten. Eines Tage«, als alle Kinder nach Hause gingen, stand sic unten an der Treppe und sagte: ״Ich gehe mit dir, Doda Dina.“ ״Unmöglich, Rahel,“ antwortete ich, ״der Weg ist sehr weit. Einmal werden wir ein großes Auto nehmen und dann fahren wir mit allen Kindern zu meinem Hause.“ Rahcl ging beim, aber ihre Idee gab sie nicht auf. Und an einem Dienstag, al* die Kinder schon um die Miltagweit den Oan verließen, «׳artete sie wieder auf mich und erzählte, daß Vater und Mutter schon früh am Morgen zu• den Fclluchim aufs Dorf gegangen seien, daß das Haus verschlossen sei und daß sie nun mit mfr gehen wolle. Was war da m machen? ich nahm sie bei der Hand und wir gingen zu#*mmen den weiten Weg zu meiner Wohnung. Da» Hau* i*t von einem großen und sehr schönen Garten umgeben.' E* war damals Frühlingszeit und der Garten prangte in seiner vollen Schönheit. Die Akazienbäume blüten und erfüllten die Luft mit ihrem Wobigciuch. Die Ginstcrbüschc waren mit letiditend goldenen BUiten bedeckt und im Grase blühten unzählige Anemonen und Margeriten. Die Kleine stand inmitten all dieser Schönheit, •ch.urte und fand keine Worte, al* ob sie geradewegs ln den Gan Eden hineingekommen *ei. Sie stand vor jedem Baum, die Arme auf dem Rücken ver» schränkt und schaute empor mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Andacht und Entzücken. Dann spring aie von Blume zu Blume und pflückte eich einen grollen Strauß. Ermüdet von dem weiten Weg und der Fülle der Ein« drücke schlummerte sie zuletzt auf dem grünen Rasen ein. Sie schlief einige Stunden und schon wollte ich sie aufweckcu, um mit ihr nach Hause zu gehen, als die Mutter jammernd und händeringend in den Garten gestürzt kam. Die Frau erzählte mir, aie habe ihr TöcWerchen, das vom Gan nicht nach Hause kam, überall gesucht und habe *ich schon an die Polizei wenden wollen, als ihr eine Nachbarin erzählte, sie habe Rahel zusammen mit der ״Gcwercth“ gesehen. Die aufgeregte Mutter wollte das Kind züchtigen, doch ich wehrte ihr. Ich verstand, daß Rahel die ganze Begebenheit von der Abwesenheit ihrer Eitern e!furnier! hatte, um ihren Zweck zu erreichen, mich begleiten zu dürfen, läncli konnte ich ihr nicht zürnen im Anblick der Icuchlcmlen Augen und roten Bäckchen, die sie ihrer List zu verdanken hatte, Und 80 kehrte Rahel mit der Mutter in ihre Kellerhohle zurück. Einige Tage nach diesem Ereignis, als die Kinder um 3 Uhr den Oan verließen, stand Rattel abermal* unten an der Trepp«, bereit, mich wieder zu begleiten. Dk*mal wurde ich zornig, erinnerte die Kleine au den Schrecken, den »le letzthin der Mutter bereitet habe, imd befahl ihr, sofort nach I lause zu gehen. Rahel senkte 1le1׳ Kopf mul machte kehlt. Ich ging meines Weges. •Am Jaf1.1t.׳>! schaute icl| zufällig ruckwirt* und siehe da — Rahel lauft hinter mir Herl D* ich kaine Zeit mehr hatte, in di« alte Stadt zusück»